Beschreibung

Eva tourt als international gefeierte Stargeigerin durch die Welt. Privat fühlt sie sich weit weniger erfolgreich. Ihre wechselnden Frauenbeziehungen sind weder tief noch innig. Obendrein findet sie nicht den Mut zum Coming-out. Als bei einem Konzert in Chile ein Unglück geschieht, stürzt sie in eine tiefe seelische Krise. Um Evas Lebensmut zu stärken, betraut ihre Managerin sie damit, die rumänische Pianistin Estella de Winter auf einer Europatournee zu begleiten. Doch Estella erweist sich als sperrige, unzugängliche Person. Was verbirgt die junge Frau, der der Name Ceausescu mehr als einen Schauder über den Rücken jagt?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 395


Carolin Schairer

Verlieren

Vergessen

Verzeihen

Roman

ISBN eBook 978-3-89741-953-7

© 2018 eBook nach der Originalausgabe© 2013 Copyright Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/TaunusAlle Rechte vorbehaltenCovergestaltung: Atelier KatarinaS / NLunter Verwendung des Fotos »Fashion portrait of beautiful womanin black hat« © Alenavlad – Fotolia.com

Ulrike Helmer VerlagNeugartenstraße 36c, D-65843 Sulzbach/TaunusE-Mail: [email protected]

www.ulrike-helmer-verlag.de

Inhalt

Verlieren

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Verlieren

Der Applaus war kräftig und hielt lange an. Als das Klatschen leiser wurde, machte sich Eva für eine neue Verneigung vor dem Publikum bereit, doch der schnauzbärtige italienische Inspizient winkte ab. Das Konzert war vorbei, was ihr nur recht sein konnte. Die Geige lag schwer in ihrer Hand, sie war verschwitzt, sehnte sich nach einer Dusche. Zuvor musste sie jedoch das obligatorische Abschiedsgeplänkel mit dem australischen Dirigenten über sich ergehen lassen.

Während Francis Lambert mit Pathos in der Stimme von einem Musikfestival in Sidney erzählte und dabei den Blick kaum von ihrem Dekolleté abwenden wollte, dachte sie an den kalten Martini in der Minibar ihres Hotelzimmers und an Andrea, die in der Garderobe auf sie wartete. Irgendwann wurde der Wunsch, Lamberts gierigem Blick und dem Getümmel hinter der Bühne zu entkommen, übermächtig.

Als sie kurz darauf ihre Garderobe betrat, erhob sich eine schlanke Frau im schwarzen Hosenanzug von ihrem Stuhl und küsste sie auf die Wange. Dann nahm sie ihr die Violine ab und bettete sie vorsichtig in den gefütterten Geigenkasten.

»Das lief doch ganz gut«, meinte Andrea beiläufig, ehe sie begann, die Häkchen von Evas Abendkleid zu lösen. »Abgesehen davon, dass du beim Pizzicato gepatzt hast.«

Eva verzog das Gesicht. Das Kleid fiel zu Boden. Die andere hob es auf und reichte ihr Jeans, T-Shirt und Pulli.

»Und hat Lambert dich darauf angesprochen?«

Eva knöpfte die Jeans zu und zog sich den Pulli über. »Nein. Er war zu sehr damit beschäftigt, mir in den Ausschnitt zu fallen.«

»Ein schönes Dekolleté kann von Vorteil sein. Besser, als wenn er dich auf das verpatzte Pizzicato anspricht.«

»Ich glaube, ich kann das Wort Pizzicato nicht mehr hören.« Sie griff nach ihrem Mantel. »Er hat mich im Übrigen zu diesem Festival nach Sidney eingeladen. Ich habe ihn an dich verwiesen.«

»Ach so, das.« Andrea packte den Geigenkasten. »Ich glaube nicht, dass sich das machen lässt. Ich habe für nächsten Sommer etwas in Japan festgemacht, danach gibt es eine Reihe von Konzerten in Shanghai und Peking … die Konditionen in Sidney waren nicht besonders attraktiv, daher habe ich davon Abstand genommen.«

Eva zuckte mit den Schultern. »Dein Business, nicht meines. Ich spiele nur. Du redest und sorgst für mein Auskommen.«

»Ja, eine perfekte Aufteilung. Wir ergänzen uns wundervoll, ich weiß.«

»Und das schon seit fast fünfzehn Jahren, meine Liebe.«

»Vierzehn Jahre, acht Monate und fünf Tage, um genau zu sein.«

Eva hob die Augenbrauen. »Du führst darüber Buch?« Sie lächelte amüsiert.

Andrea schaute sie einige Sekunden mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck an. Dann erwiderte sie salopp: »Nein, meine Süße. Ich denke nur an meine grauen Haare. Seit ich dich kenne, bekomme ich wahrscheinlich jeden Tag zwei mehr.«

Eva lachte herzhaft. »Wie gut, dass das bei deinem derzeitigen Mintgrün nicht auffällt.«

»Ja, die Haare zu färben bringt unschätzbare Vorteile mit sich.« Spitzfingrig zupfte Andrea sich einige Strähnen zurecht.

Wenig später ließen sie sich in einer geräumigen Limousine durch das nächtliche Rom zum Hotel chauffieren. Für einen Abend im Februar war es selbst für Italien ausgesprochen mild; die Straßen waren belebt. Irgendwann fuhren sie am Capitol vorbei. Das Gebäude war hell erleuchtet und wirkte auf Eva noch imposanter als am Tage.

»Hier in der Nähe soll es einen coolen Club geben«, hörte sie Andrea neben sich sagen. »Jazz vom Feinsten, mit Live-Bands. Internationale junge Musiker. Ernesto Bruni hat mir davon erzählt. Vielleicht hast du ja nach einer kurzen Verschnaufpause im Hotel noch Lust, mit mir dort auf einen Drink vorbeizuschauen?«

»Ich weiß nicht.« Eva konzentrierte sich auf die langsam vorüberziehenden Gebäude. Ihr war bewusst, dass sie mit diesen drei Worten bereits alles gesagt hatte. Andrea seufzte.

»Also nein.« Leichte Resignation schwang in Andreas Tonfall mit.

»Es tut mir leid.« Eva drehte sich zu ihr und griff nach ihrer Hand. »Versteh das bitte. Ich bin müde und erschöpft. Ich will einfach nur ins Hotel, dort etwas essen und dann schlafen. Bloß nicht in irgendeinen verrauchten Club und Smalltalk halten mit dem halben Orchester! Mich interessiert das nicht.«

Andrea seufzte nochmals. »Ich weiß. Aber es wäre sowieso ein Abend für dich und mich geworden, ohne Begleitung. Das Orchester trifft sich im »Due ponti«, einem Künstlerlokal unten am Tiber; der Stimmführer der Cellisten feiert heute seinen fünfzigsten Geburtstag. Du bist auch herzlich eingeladen.«

Eva machte eine abwehrende Handbewegung und setzte zum Widerspruch an, doch Andrea kam ihr zuvor.

»Keine Sorge. Ich habe gleich dankend abgesagt und wichtige Abendtermine vorgeschoben. Obgleich das Geburtstagskind wirklich sehr sympathisch ist … Sieht ein bisschen aus wie die ältere Version von George Cloony. Ein interessanter Mensch, wir haben uns gut unterhalten. Er hat mich nach Ischia eingeladen, hat dort ein Haus.«

Eva lächelte amüsiert. »Ich möchte wissen, wie du das immer schaffst. Wir sind kaum ein paar Minuten an einem Ort und du kennst schon das halbe Orchester beim Vornamen. Und ein paar Stunden später hast du bereits den nächsten Verehrer an der Angel.«

»Süße, ich verrate dir gerne mein Geheimrezept.« Andrea beugte sich zu ihr und senkte die Stimme. »Ich kommuniziere. Ich nehme die Leute wahr, rede mit ihnen, gehe auf sie zu. Ich verschwinde nicht durch die Hintertür.«

»Ich weiß nicht, auf was du anspielst.« Eva knuffte die Freundin liebevoll in die Seite.

Sie waren vor dem Hotel, einem palastähnlichen Bau direkt an der glamourösen Via Veneto, angekommen. Andrea bedankte sich in flüssigem Italienisch beim Fahrer und wünschte einen schönen Abend. Gemeinsam durchquerten sie die Lobby und fuhren mit dem Lift nach oben.

»Zu dir oder zu mir?«

Andrea warf ihr einen anzüglichen Blick zu, den Eva mit einem Grinsen erwiderte. »Zu mir«, entschied sie dann. »Ich bestelle das Abendessen aufs Zimmer. Für dich das Übliche?«

»Ich bitte darum.« Sie waren im obersten Stock angekommen, einem Bereich, der ausschließlich für VIP-Gäste reserviert war. Andrea drückte ihr den Geigenkoffer in die Hand. »Ich ziehe mir noch etwas Bequemeres an. In einer Viertelstunde bin ich bei dir.«

Eva ließ den letzten Löffel Tiramisu in ihrem Mund verschwinden und leckte sich genüsslich die Lippen. »Das war wundervoll. Ein kulinarisches Gedicht.«

Andrea, die bisher nur in ihrem Salat gestochert hatte, schob die fast volle Schüssel in die Mitte des Tisches. »Ich gebe auf. Ich kann um diese Zeit einfach nichts mehr essen. – Wie du solche Unmengen in dich hineinstopfen kannst! Vorspeise, Hauptspeise, Dessert – und das um elf Uhr nachts. Dass du dabei immer noch so schlank sein kannst, ist mir ein echtes Rätsel.«

Eva lächelte und lehnte sich über den Tisch. »Nachdem du mir vorher so großmütig dein Geheimnis im Umgang mit Menschen verraten hast, will ich einmal nicht so sein und dir im Gegenzug das Geheimrezept meiner atemberaubenden Figur verraten: Es liegt daran, dass ich maximal einmal pro Tag richtig esse. Denn vorher bin ich mit Üben und diversen Orchesterproben beschäftigt oder ich muss mich dank meiner umtriebigen Pressesprecherin und Managerin mit irgendwelchen Journalisten herumschlagen und halbwegs intelligente Sätze von mir geben …«

»So wie du das sagst, könnte man meinen, dies fiele dir besonders schwer.«

»Na ja.« Eva nahm einen Schluck aus ihrem Weinglas. »Nach einem Monat wie diesem allerdings schon. Moskau, Paris, London, Hamburg – ich weiß schon gar nicht mehr, in welcher Stadt wir sind.«

»Rom.« Andrea grinste. »Das ist die Stadt mit dem Capitol, an dem wir vorher vorbeigefahren sind.«

»Ehrlich gesagt, sehen für mich jede Stadt und jeder Konzertsaal gleich aus.«

»Vielleicht liegt es daran, dass du das inzwischen zu lange machst. Du bist schon mehr als zwei Jahrzehnte in der Weltgeschichte unterwegs.«

»Barenboim tritt seit seiner frühesten Jugend international auf«, konterte Eva und schob den Handtuch-Turban zurecht. Die Viertelstunde, die sie ohne Andrea verbracht hatte, war gerade einmal ausreichend gewesen, um unter die Dusche zu steigen. So hatte sie auf Haare fönen verzichtet und den bequemen Bademantel anbehalten.

»Das ist ein Mann«, erwiderte Andrea unbeeindruckt.

»Ich wüsste nicht, was du mir damit sagen willst. Abgesehen davon, was ist mit Karen Standford?«

»Eva, bitte!« Andrea verdrehte die Augen. »Die Frau hat zwei Kinder. Da hatte sie immerhin zwischendurch etwas Pause.«

»Willst du mir jetzt empfehlen, schwanger zu werden?«

»Das dürfte in deinem Fall schwierig sein, Süße. Schwanger werden setzt Sex mit Männern voraus – oder sagen wir besser, zumindest mit einem Mann.«

»Was du nicht sagst«, bemerkte Eva trocken. »Darauf wäre ich nie gekommen.«

»Deshalb hast du ja auch mich«, fand Andrea und zwinkerte ihr belustigt zu. »Ich bin da, um dich auf die wesentlichen Dinge im Leben aufmerksam zu machen.«

Eva griff erneut zum Weinglas. »Na, dann prost!«

Die Weingläser klangen, als sie aufeinandertrafen.

»Ich muss dir ehrlich sagen, ich finde, Lambert hat für Paganini kein Händchen«, begann Andrea dann unvermittelt. »Aus diesem Orchester wäre mehr herauszuholen als das, was da heute geboten wurde.«

»Ich hatte den Eindruck, das Publikum war hellauf begeistert.«

»Von dir, Süße, von dir! – Sicher nicht von Lambert.«

Eva zuckte mit den Schultern, sonnte sich aber in dem Lob, das ihr zuteil geworden war. Mit einem letzten Schluck leerte sie ihr Weinglas und erhob sich. »Ich will kurz mein Haar fönen, sonst kringeln sich meine Locken wieder wie bei einem nassen Schaf. – Kannst du inzwischen Wein nachschenken? Wenn keiner mehr in der Flasche ist, ordere neuen. Diesmal vielleicht einen Brunello oder etwas in dieser Kategorie; der Chianti hat mich wirklich nicht überzeugt.«

»Für mich auf keinen Fall mehr. Ich habe genug.«

»Na gut, dann wechseln wir ins Schlafzimmer. Ich will noch mit dir plaudern, aber ich will mich dazu ins Bett legen.«

»Eva, ich …« Andrea brach ab und schüttelte den Kopf. »Sagtest du nicht vorhin, du seist müde und wolltest schlafen? Es ist jetzt fast Mitternacht.«

»So müde nun auch wieder nicht. Ich will nur nicht ausgehen, ich wollte den Abend mit dir verbringen. Privat.«

»Tun wir das nicht sowieso schon seit einem Monat?«

Andreas Bemerkung hatte beiläufig geklungen. Wie falsch ihr Tonfall aufgefasst werden konnte, wurde ihr erst bewusst, als sie Evas verletzten Blick bemerkte. »Tut mir leid. So war das nicht gemeint. Ich genieße die Zeit mit dir und ich liebe unsere gemeinsamen Abende. Aber ich habe Han heute noch nicht erreicht; er hatte den ganzen Tag Orchesterprobe und dann war ich beschäftigt. Ich möchte zumindest einmal am Tag seine Stimme hören.«

»Dann ruf ihn an. Du musst zum Telefonieren ja nicht mein Zimmer verlassen.« Als Andrea nichts darauf erwiderte, setzte Eva amüsiert hinzu: »Oder habt ihr Telefonsex?«

Andrea verdrehte die Augen, erwiderte dann aber ernst: »Ich will mit ihm alleine sprechen. Ich kann nicht mit ihm reden, wie ich mit ihm nun einmal rede, wenn du im selben Raum bist … oder dir im Badezimmer die Haare fönst und jeden Augenblick hereinkommen kannst. Versteh das bitte. Es ist einfach etwas sehr Intimes.«

Eva hob die Augenbrauen. »Ein Gespräch ist etwas Intimes? – Um Himmels willen, was redet ihr denn?«

»Ich möchte einfach mit ihm allein sprechen. Ohne Zuhörer.«

»Ich bin deine beste Freundin.« Evas Stirne hatte sich in Falten gelegt.

»Ja, das bist du.« Andrea atmete tief durch. »Aber das ist etwas anderes. Bitte, Eva, versteh das. Versuch es zumindest. Wenn du mit deiner Freundin telefonierst, bist du doch auch lieber alleine …?«

Evas Antwort war ehrlich und kam, ohne dass sie darüber nachdenken musste.

»Also, mir ist das egal. Es gibt nichts mit ihr zu bereden, was du nicht ohnehin längst weißt!«

Andrea sah kurz zu Boden und schob sich dann ihr neongelbes Brillengestell auf der Nase zurecht. »Ich gehe jetzt. – Hast du heute schon mit Margit telefoniert?«

»Wann hätte ich das tun sollen?«

»Okay. Dann tu das jetzt. Du hast gestern nicht mit ihr telefoniert und morgen sitzt du fast zehn Stunden im Flugzeug. Von New York aus ist es dann wegen der Zeitverschiebung schwierig. Ruf sie an. Und zwar, ehe du dir das Haar fönst, denn danach ist sie möglicherweise schon im Bett.«

»Ich mache das. Hatte ich sowieso vor, du musst mich nicht daran erinnern.«

»Tatsächlich?« Die Skepsis in Andreas Stimme war nicht zu überhören. Einen Moment lang sah es so aus, als würde sie noch etwas nachschieben, doch dann beließ sie es bei einem zarten Kuss, den sie der Freundin auf die Wange drückte. »Gute Nacht. Schlaf gut. Morgen um zehn kommt das Frühstück, morgen um zwölf Uhr der Wagen zum Flughafen. Alles klar?«

»Ja, Chef.«

»Chefin, bitte schön.«

Sie tauschten ein Lächeln aus, dann verließ Andrea die Suite.

Mit einem Seufzer setzte sich Eva auf das Bett und griff nach ihrem Handy. Eine Weile starrte sie es nur an, nicht in der Lage, irgendeine Taste zu drücken.

Sie hatte sich an Wang Han Liang und seine maßgebliche Rolle in Andreas Leben gewöhnt. Trotzdem versetzte es ihr immer wieder aufs Neue einen leichten Stich ins Herz, wenn ihr Andrea willentlich oder unwillentlich zu verstehen gab, dass nun er, nicht sie die erste Geige in deren Leben spielte.

Tatsächlich spielte Wang Han Liang, kurz Han, auch im Berufsleben die erste Geige, und zwar bei den Wiener Symphonikern. Insgeheim erschien es Eva immer noch als leichter Hohn, dass Andrea ihn ausgerechnet bei einem Konzert kennengelernt hatte, bei dem sie mit den Symphonikern als Solistin auftrat. Andererseits – wo sollte Andrea denn auch sonst Männer kennenlernen?

Vor Han hatte es einige gegeben. Fast alle waren Orchestermusiker, abgesehen von einem Dirigenten und einem Pianisten. Allerlei Nationalitäten waren vertreten gewesen. Andrea konnte auf Englisch, Französisch, Italienisch und auch ohne Worte flirten; ein Talent, das Eva stets fasziniert hatte, aber ihr selbst nicht gegeben war. Sie war stets froh, wenn sie diese nach ihrer Auffassung mühsame Phase subtiler Annäherung hinter sich gebracht hatte und die Karten offen auf den Tisch legen konnte.

Mit Han hatte Andrea problemlos auf Deutsch geflirtet. Han war gebürtiger Taiwanese, allerdings lebte er seit seinem sechzehnten Lebensjahr in Österreich. Seine Eltern und sein taiwanesischer Professor hatten ihn nach Salzburg geschickt, beseelt von dem Gedanken, er könne eine Solokarriere starten. Dazu hatte es nicht gereicht. Nach Taiwan zurückgekehrt war er dennoch nicht. Mittlerweile war Han um die vierzig und Eva vermutete, dass sein Deutsch inzwischen besser war als sein Chinesisch. So, wie ihr in der Kindheit mit bayerischem Akzent gefärbtes Hochdeutsch inzwischen einen deutlichen österreichischen Einschlag bekommen hatte. All die Jahre in Wien ließen sich nicht verleugnen.

Als Andrea mit Han zusammengekommen war, hatte Eva nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass diese Beziehung die übliche Haltbarkeitsspanne von drei bis vier Monaten überdauern würde. Wie alle Musiker, war Han viel unterwegs. Andreas Tage in Wien waren ohnehin rar, schließlich war die Konzertmanagerin meist an ihrer Seite. Zudem waren die beiden schon rein optisch ein äußerst kurioses Paar: er knapp 1,60 Meter und rundlich, sie fast zwei Köpfe größer und schlank. Zusätzlich hatte Andrea neben ihrer Begeisterung für buntes Haar und ausgefallene Brillengestelle auch eine Vorliebe für High Heels. Doch weder der Größenunterschied noch die Herausforderung, füreinander Zeit zu finden, hatten die beiden anscheinend daran gehindert, sich zu verlieben.

Eva hatte die Wandlung ihrer coolen, unabhängigen Freundin in ein anhängliches, sich oftmals vor Sehnsucht nach dem Geliebten verzehrendes Wesen mit äußerst gemischten Gefühlen verfolgt. Der weiche Klang, den Andreas Stimme bekam, wann immer sie mit oder von Han sprach, war höchst irritierend. Besonders schwer hatte es Eva jedoch in den ersten ein, zwei Jahren getroffen, dass ihr Stellenwert in Andreas Leben plötzlich ein anderer war. Es hatte sich angefühlt wie eine regelrechte Degradierung. Alles, was Andrea wichtig war, stand plötzlich nur noch in Verbindung mit Han: Den Urlaub auf Hawaii, von dem sie einst gemeinsam geträumt hatten, hatte Andrea prompt mit ihm angetreten; ein Nachmittag in Hans Wohnung war nun wichtiger als ein Einkaufsbummel mit ihr, und wenn Han in Wien mit den Symphonikern unter einem wirklich großen Dirigenten auftrat, hatte sie auch schon seinem Konzert gegenüber einem Kammermusikabend, den Eva bestritt, den Vorzug geben.

Sie hatte gelitten, großteils schweigend. Schließlich hatte sie kein Recht, Andrea Vorwürfe wegen ihrer privaten Prioritätensetzung zu machen. Sie konnte sich wohl auch kaum darüber beschweren, dass ihre wichtigste Freundin und berufliche Partnerin verliebt war. Das einzige, was sie konnte, war, sich damit abzufinden. Und das war ihr gelungen. Zumindest überwiegend. Immerhin hatte sie Andrea zumindest an jenen Tagen, an denen sie auf Konzertreise war, ganz für sich.

Wie egoistisch das klang!

Eva schüttelte über sich selbst den Kopf, als sie ihre eigenen Gedanken überdachte. Lächerlich.

Andrea hatte recht: Sie sollte Margit anrufen.

Sie musste es lange läuten lassen. Als schließlich abgehoben wurde, vernahm sie nichts als eine Geräuschkulisse aus DiskoMusik und Stimmengewirr.

»Hallo …? Hallo …?«

Die Musik wurde leiser; offenbar hatte sich ihre Geliebte in eine ruhigere Ecke zurückgezogen. Ihre Stimme hatte diesen fragenden Unterton, der Eva deutlich machte, dass sie den Anruf blind entgegengenommen hatte.

»Hallo, ich bin es. Du bist noch unterwegs?«

»Sicher. Premierenparty. Schon vergessen?«

Selbst über Hunderte von Kilometern war der leicht säuerliche Tenor in der Stimme nicht zu überhören. Eva biss sich auf die Lippen. Sie hatte tatsächlich nicht daran gedacht, dass Margit heute im Schauspielhaus Düsseldorf die »Maria Stuart« gegeben hatte.

»Nein, natürlich nicht«, log sie. »Wie war’s?«

»Gut. Super. Die Vorführung war bis auf den letzten Platz ausverkauft, und wir rechnen mit hervorragenden Kritiken.«

»Das ist toll.«

Sekundenlanges Schweigen. Eva kaute an ihrer Unterlippe und überlegte, was sie noch sagen konnte oder wollte.

Margit kam ihr zuvor.

»Du … es ist jetzt gerade wirklich ungünstig für ein Telefonat. Die Party läuft auf Hochtouren, ich will mich da nicht allzu lange ausklinken. Außerdem stehen hier so viele Leute herum. Ich will nicht … na, du weißt schon … dass jemand neugierig wird.«

»Ja, klar, kein Problem.«

Evas Antwort kam automatisch. Im Grunde war sie fast dankbar darum, das Gespräch nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Ihr Gehirn war leer; kein Wort mehr parat. Sie sah Margit vor sich: unwiderstehlich mit ihren vollen Lippen und ihrem glatten langen Haar, die dunklen Augen von einem wichtigen Herren der Runde zum nächsten fliegend, voller Charme, Enthusiasmus und Eloquenz, ein Sektglas in der Hand. Da war keine Zeit für ein Telefonat mit einer Geliebten, die es offiziell gar nicht gab. Nicht geben durfte. Margit hatte von Anfang an klargestellt, dass sie nicht an einem Outing interessiert war.

Ich muss an meine Karriere denken, hatte sie erklärt. Als deklarierte Lesbe bekomme ich die wirklich guten Rollen nicht.

Eva hatte damals keinen Grund gesehen, diesen Wunsch nicht zu respektieren, und tat es auch jetzt nicht. Sie sahen sich ohnehin selten, ein gemeinsames gesellschaftliches Leben gab es nicht.

Auch über ihr Privatleben wurde gemunkelt, hauptsächlich von Seiten der Presse. In den Musikerkreisen, in denen sie sich stets bewegt hatte und bewegte, war ihre sexuelle Orientierung jedoch nie ein Thema gewesen. Anders als Margit hatte sie sich niemals den Kopf darüber zerbrochen, ob ein Outing ihrer Karriere schaden könnte.

»Morgen bist du dann in New York?«

Margits Frage klang beiläufig – so, als wäre sie in Wahrheit auf etwas anderes konzentriert. Als Eva gerade zu einer Antwort ansetzte, hörte sie auch tatsächlich ein leises Kichern und Murmeln, das sie nicht verstand. Die Party war anscheinend wirklich in vollem Gange.

Sie würde nicht länger stören. Entschlossen packte sie alles, was Raum zu weiteren Fragen offen gelassen hätte, in eine abschließende Antwort.

»Ja, vier Tage insgesamt. Am Sonntag bin ich zurück. Ich lande irgendwann am Nachmittag, es würde mich freuen, wenn wir uns am Abend sehen. Vorausgesetzt natürlich, du hast Zeit, zu kommen.«

»Hmmm.« Margits Tonfall klang undefinierbar. »Du, ich muss jetzt wirklich Schluss machen. Wir sehen uns. Bald. Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Eva legte auf. Sie fühlte sich plötzlich unendlich müde.

Als sie wenig später im Bett lag, wurde ihr erstmals bewusst, dass sich Margit nicht einmal erkundigt hatte, wie ihr Konzert gelaufen war.

»Ich halte das nicht länger aus!« Mit einem energischen Fußtritt kickte Eva die Tür des Raumes, der ihr diesmal als Garderobe zugeteilt worden war, hinter sich zu. Sie legte ihre Violine und den Geigenbogen vorsichtig auf den Tisch, dann ließ sie sich auf den nächstbesten Stuhl fallen. »Dieses verzogene Gör macht mich wahnsinnig! Und dann Kabayashi! Er ist dieser kleinen Lolita regelrecht verfallen … es ist, als ob er nur für sie dirigiert!«

»Tut er wahrscheinlich auch. Er hat sie schließlich entdeckt.« Andrea legte ihr besänftigend die Hand auf die Schulter. »Reg dich nicht auf. Für eine erste gemeinsame Probe lief das doch ganz wunderbar. Du kannst nichts dafür, dass Sammy Li bei Kabayashi so einen hohen Stellenwert hat. Jeder, der etwas von Musik versteht, hört nur dich. Sie schafft es bei keiner einzigen Adagio-Passage, einen gesättigten Ton aufrechtzuerhalten.«

»Dafür übertönt sie mich beim Siciliano!« Eva schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »Oh Gott, ich muss wahnsinnig gewesen sein, dass ich mich darauf eingelassen habe! Das Bach-Konzert für zwei Violinen, und dann ausgerechnet mit dieser Sammy Li! – Fünf Mal hat sie heute unterbrochen: Einmal hat sie sich schnäuzen müssen. Dann hat es sie am Arm gejuckt. Später beschwerte sie sich darüber, dass das Orchester zu schnell war … und die anderen beiden Male hat sie mir Taktunregelmäßigkeiten vorgeworfen. Und das alles mit dieser penetranten Klein-Mädchen-Stimme. Kannst du dir das vorstellen? Sie wirft mir Taktunregelmäßigkeiten vor! Ich habe beim ersten Mal gedacht, sie spricht mit jemandem, der hinter mir steht! – Andrea, mir reicht es!« Eva erhob sich. »Vertrag hin oder her, ich nehme eine Strafzahlung in Kauf, von mir aus kann es in die Tausende gehen … Sollen sie einen der Doletti-Brüder als Ersatz einfliegen lassen, die haben das Stück sowieso im Repertoire. Sag meinetwegen, ich habe die Windpocken oder die Beulenpest, irgendetwas. Ich stelle mich mit dieser asiatischen Zicke ganz sicher nicht auf eine Bühne!«

Eva war fest entschlossen, aufzustehen und diese Garderobe und das gesamte Gebäude zu verlassen, doch Andrea drückte sie mit sanfter Gewalt zurück auf den Stuhl.

»Erstens: Du spielst hier in der renommierten Carnegie Hall. Das Konzert ist für heute Abend ausverkauft und für morgen auch. Ausfallszahlungen können wir uns nicht leisten. Zweitens: Windpocken hattest du schon und bei der Glätte deiner Haut wird uns die Beulenpest keiner abnehmen. Drittens: die Doletti-Brüder haben leider nicht deinen Sex-Appeal. Dieses Konzert wird damit vermarktet, dass zwei bezaubernde Grazien auf der Bühne gemeinsam und in Harmonie Violine spielen. Viertens: Sammy Li ist ein kleines Mädchen! Sie ist gerade mal fünfzehn geworden!«

»Ich hätte es niemals gewagt, einer Virtuosin, die mehr als doppelt so alt ist wie ich, Taktunregelmäßigkeiten vorzuwerfen! Niemals! Ich wäre vor Ehrfurcht erstarrt, dass ich mit ihr spielen darf!«

Andrea hob fragend die Augenbraue.

»Mit fünfzehn hast du in der Orchestra Hall in Boston gespielt und in der Philharmonie in Berlin, unter anderem unter Claudio Abbado«, rief ihr Andrea in Erinnerung. »Warst du da etwa vor Ehrfurcht erstarrt?«

Eva schwieg. Ihr ganzes Denken war noch immer von Ärger und Groll auf Sammy Li erfüllt.

»Teenager sind eben Teenager«, fuhr Andrea fort. »Unsere Generation war eventuell etwas zurückhaltender und respektvoller, aber die Zeiten ändern sich eben. Sammy Li ist außerdem das, zu dem sie gemacht wurde. Es ist sicher nicht ganz leicht, Teenie-Star, Star-Geigerin und Sex-Idol in einem zu sein.«

Eva schnaubte.

»Ich nehme nicht an, dass jemand sie gezwungen hat, zusätzlich in einer Fernsehsendung à la Big Brother mitzuspielen.«

»Das sehe ich anders. – Süße! Du weißt doch, wie die Dinge laufen: Es geht darum, ein Produkt am Markt zu platzieren und eine möglichst breite Zielgruppe zu erreichen. In diesem Fall heißt das Produkt eben Sammy Li und sieht aus wie eine asiatische Lolita, was sicher viele Männerherzen höher schlagen lässt. Und mit diesem wochenlangen Reality-TV-Theater, in dem sie herumsprang, hat man gezielt die breite Masse und vor allem die Jugend mobilisiert. Im Ernst: Welcher sechzehnjährige Durchschnittsamerikaner hat schon etwas mit Bach, Beethoven oder Brahms am Hut gehabt, ehe Sammy Li als Stern am Virtuosenhimmel aufging? Heute ist bei ihren Konzerten ein Drittel der Zuhörer unter zwanzig!« Andreas Gesichtszüge entspannten sich. »Dass sich das Publikum dadurch verjüngt, ist letztendlich für die ganze Branche von Vorteil. Wir brauchen ja auch in zwanzig Jahren noch Leute, die ein Vermögen für die teureren Plätze ausgeben und deine Gage sichern, hmm?«

Ein Gong ertönte – das Zeichen, dass die Probe fortgesetzt wurde. Eva stand auf und griff nach ihrer Violine. Als sie bereits den Türgriff in der Hand hatte, rief Andrea ihr zu: »Übrigens … falls es dir die nächste Stunde in irgendeiner Form erleichtert: Li heißt auf Deutsch Pflaume!«

Eva grinste.

Es war beim Fugen-Motiv im ersten Satz, dass Eva ein leichtes Kratzen verspürte, genau dort, wo das Designer-Kleid, mit dem sie extra für den Auftritt ausgestattet worden war, ihre nackte Haut berührte. Je weiter das Stück voranschritt, desto stärker wurde der Juckreiz. Sie konzentrierte sich auf das Spiel. Ihr Bogen flog über die Saiten. Das Jucken war spürbar, aber zu ertragen.

Während des zweiten Satzes wurde das Jucken auf der Haut unangenehmer. Eva verspürte ein mächtiges Bedürfnis, sich zu kratzen, und geriet beim bloßen Gedanken daran für eine gewisse Sequenz an Tonfolgen aus dem Takt. Ein schneller Blick in Kabayashis Gesicht verriet ihr, dass ihm dies nicht entgangen war. Das verächtliche Zucken seiner Mundwinkel brachte sie noch mehr ins Schwitzen als ihr musikalischer Patzer.

Der Schweiß schien den Juckreiz unter dem Kleid unglücklicherweise zu verstärken.

Endlich war der zweite Satz zu Ende. Erleichtert nutzte sie die kurze Pause, um sich energisch am Rücken und am Oberkörper zu kratzen. Sie war sich bewusst, dass in diesem Moment Hunderte von Augen auf sie gerichtet waren, doch sie konnte sich nicht anders helfen.

Das Thema des Schlusssatzes bestand aus einem Kanon der beiden Violinen. Eva spielte, als ginge es um ihr Leben. Der Juckreiz war inzwischen unerträglich. Sie versuchte mit eiserner Selbstdisziplin, ihre Konzentration auf das Stück, Kabayashi und Sammy Li zu richten. Als der letzte Ton verklungen war und tosender Applaus ertönte, wusste sie selbst nicht mehr, wie es ihr gelungen war, dieses Konzert zu überstehen. Ihr Körper brannte inzwischen wie Feuer. Sie versuchte, sich so unauffällig wie möglich zu kratzen, während sie sich vor dem Publikum verneigten.

Nicht unauffällig genug, denn als sie sich wieder aufrichtete, traf sie ein fragender, zugleich aber sichtlich erheiterter Blick von Sammy Li.

Sofort war die Wut vom Vormittag wieder da. Eva schickte Sammy Li einen bitterbösen Blick zurück und lächelte Sekunden später wieder professionell in die Zuschauerreihen.

Als der Applaus endlich nachließ, stürmte sie regelrecht von der Bühne. Der Gang zur Garderobe schien ihr doppelt so lang wie zuvor. Ihre High Heals klapperten auf dem Marmorboden, die Geige schlug ihr beim Laufen gegen den Bauch. Die kurze Reibung, die dadurch entstand, war Eva mehr als nur willkommen, besänftigte sie doch für Sekundenbruchteile ihre brennende Haut.

Sie riss die Tür zur Garderobe auf und prallte gegen Andrea, die gerade im Begriff gewesen war, den kleinen, karg möblierten Raum zu verlassen. Hastig drängte sie sich an ihr vorbei und legte Violine und Geigenbogen so schwungvoll auf den Tisch, dass sie prompt ein Glas Wasser umstieß. Der Inhalt ergoss sich über die gesamte Tischplatte. Eva bemerkte es nicht einmal, sondern versuchte panisch, die Metallhäkchen zu öffnen, die das elegante Abendkleid am Rücken zusammenhielten.

»Eva! Du machst mich wahnsinnig!« In letzter Sekunde rettete Andrea das Instrument vor dem sicheren Wasserbad. »Ich bezweifle, dass die Versicherung in einem Fall derber Fahrlässigkeit auch nur einen Cent zahlt.«

»Ich muss hier raus!« Die Häkchen erwiesen sich als sperrig. Ihre Haut fühlte sich an wie loderndes Feuer.

»Warte, ich helfe …« Das scharfe Geräusch zerreißenden Stoffes ließ Andreas Satz unvollendet.

Sekundenlang starrten sich beide Frauen an.

Dann wurde Evas Juckreiz übermächtig. Hastig schälte sie sich aus dem Kleid, an dessen Nahtstelle knapp neben der Häkchenleiste ein tiefer Riss prangte. Achtlos ließ sie es zu Boden fallen. Dann stand sie in Slip und Seidenstrumpfhose vor dem Garderobenspiegel und starrte auf ihren barbusigen, mit kleinen roten Pickeln übersäten Oberkörper.

Andrea war die erste, die ihre Sprache wiederfand.

»Oh mein Gott! Das ist ja furchtbar!«

Mit Evas Selbstdisziplin war es vorbei. Ihre Fingernägel hinterließen tiefe, rote Striemen auf der Haut. Doch je mehr sie kratzte, desto stärker wurde nun der Juckreiz.

»Hör auf, um Gottes willen!« Andrea legte das Instrument zur Seite, griff nach ihren Händen und hielt sie fest. »Willst du morgen aussehen wie durch den Fleischwolf gedreht? – Du hast irgendeine allergische Reaktion … kaltes Wasser und eine Creme … wir kriegen das hin! Aber wenn du dich wund scheuerst, dann …«

»Was, zum Teufel ist das für ein verdammter Fetzen?«, entfuhr es Eva. Sie versetzte dem Kleid einen Tritt. »Warum muss ich so einen Müll tragen? Hast du mir das eingebrockt?«

»Ich kann mir das nicht erklären!« Andrea schüttelte sichtlich fassungslos den Kopf. Sie hob das Kleidungsstück auf und strich mit ihrem Finger über das Innenfutter. »Fühlt sich für mich ganz normal an. Obwohl es in der Tat nicht die Qualität ist, die ich mir erwartet hatte.« Sie atmete tief durch. »Es war ein Deal mit einem jungen, aufstrebenden Designer. Er hofft auf gute Publicity und zahlte dafür, dass du heute Abend sein Kleid trägst. Er will Geld verdienen und wir wollen es auch.«

Eva presste die Lippen zusammen, um nicht vor Wut zu schreien. Ihr einziger Wunsch war, sich nochmals kräftig mit den Nägeln über die Haut zu fahren, doch ihre Vernunft besiegte die Kratzlust.

Andrea befeuchtete eine Handvoll Wattepads mit Wasser und begann, ihr vorsichtig den Rücken abzutupfen. »Ich habe im Hotel eine gute Salbe gegen Hautallergien. Du wirst sehen, morgen ist alles wieder gut.«

»Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie furchtbar es war, diesen Auftritt durchzustehen?«

Evas Wut hatte bereits den Rückzug angetreten. Es war nicht ihre Art, sich in Dinge hineinzusteigern; zudem war das Jucken schon etwas erträglicher geworden. Die Sanftheit, mit der Andrea tupfte, bereitete Gänsehaut und verursachte ein leichtes Kribbeln im ganzen Körper. Sie biss sich auf die Lippen und hoffte, dass unbemerkt blieb, was diese Berührung auslöste.

Andrea drückte ihr die Wattepads in die Hand.

»Um deinen Busen kümmerst du dich besser selbst. Nicht, dass du mich wegen sexueller Belästigung verklagst. Immerhin stehen wir in einem Arbeitsverhältnis und die US-Gesetze sind bekanntlich sehr streng.« Sie zwinkerte ihr belustigt zu.

Eva wich ihrem Blick aus. Es war ihr unangenehm, dass ihr Körper auf Andrea reagierte, aber noch unangenehmer war ihr, dass Andrea dies offenbar bemerkt hatte. Ihrem Verstand gelang es inzwischen sehr gut, Andrea als das zu sehen, was sie war – eine eindeutig heterosexuelle Frau, die zufällig leider all das hatte, wovon sie sich angezogen fühlte: Humor, Selbstbewusstsein, Eloquenz und den Mut, sich auch durch ihr Äußeres von der Masse abzuheben. In Kombination mit ihren oft sehr auffällig geschnittenen Hosenanzügen fiel Andrea mit ihren grünen, manchmal auch knallgelben oder rosaroten Haaren in der Klassik-Szene nicht nur sprichwörtlich auf wie ein bunter Hund.

Andrea warf die benutzten Wattepads in den Papierkorb und reichte Eva Jeans und Pulli.

»Zischen wir ab. Ich nehme nicht an, dass du nach diesem Erlebnis noch Lust hast, an dem offiziellen Dinner teilzunehmen, zu dem Sammy Li, Kabayashi und du vom New Yorker Bürgermeister geladen seid?«

»Ganz sicher nicht!« Eva zog sich ihren Pulli über. Dann hielt sie kurz inne. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. »Aber wenn du noch ausgehen willst – ich bin dabei! Stürzen wir uns ins New Yorker Nachtleben.«

Andrea riss die Augen auf. »Meinst du wirklich?«

»Ich brauche jetzt mindestens einen doppelten Martini und jede Menge fremder Gesichter, von denen ganz sicher keines diesem entsetzlichen Schauspiel beigewohnt hat, das ich da heute unfreiwillig gegeben habe.«

»Okay.« Andrea trat mit gespielt ernstem Blick auf sie zu. »Wer sind Sie und was haben Sie mit Eva-Maria Sollenau angestellt?«

Eva knöpfte sich schmunzelnd die Jeans zu. »Komm«, sagte sie dann. »Hauen wir ab, bevor sich Kabayashi persönlich bei mir erkundigt, was da heute los war!«

Am nächsten Morgen streifte Eva suchend durch den Frühstückssalon des Hotels, entdeckte Andrea an einem der hinteren, etwas im Abseits gelegenen Tische und ließ sich ihr gegenüber nieder.

»Entschuldige bitte. Ich weiß, ich bin mindestens eine Viertelstunde zu spät.«

Andrea ließ die Zeitung sinken, in die sie sich vertieft hatte.

»Kein Problem. Ich bin auch erst seit fünf Minuten da. Hatte nicht damit gerechnet, dass du nach so einer kurzen Nacht pünktlich bist. – Wie geht es deinen Pickeln?«

»Besser. Der Juckreiz ist weg.« Eva griff nach einer Semmel, die Andrea bereits für sie vom Frühstücksbuffet geholt hatte, und bestrich sie mit Butter. »Allerdings fühle ich mich etwas gerädert.«

»Ja, besonders frisch siehst du tatsächlich nicht aus.« Andrea schmunzelte und schenkte ihr Kaffee ein. »Du bist eben keine zwanzig mehr.«

»Ein Grund, weshalb ich nächtliche Aktivitäten dieser Art tunlichst vermeide.«

»Mich hat es unbändig gefreut, dass wir wieder einmal gemeinsam durch die Tanzclubs gezogen sind«, gab Andrea zu. »Fast wie vor zehn, fünfzehn Jahren. Und dein Hüftschwung ist immer noch sehr sexy.«

»Oh, danke. Ich bin überrascht, dass ausgerechnet dir das aufgefallen ist.« Eva biss in ihre Semmel und verzog das Gesicht. »Ich werde mich an dieses weiße, weiche Zeug nie gewöhnen!«

»Es gibt auch Vollkornbrot.« Andrea deutete auf eine einzelne Scheibe im Brotkorb und erntete einen finsteren Blick. Vollkornbrot war für Eva noch nie eine akzeptable Alternative. »Was deinen Hüftschwung betrifft: Der ist weniger mir aufgefallen als den zahlreichen Typen, die dir gestern unbedingt einen Drink spendieren wollten.«

»Gott, war das stressig.« Eva schüttelte in Erinnerung an die Szenen in der Bar den Kopf. »Noch ein Grund, weshalb ich so etwas normalerweise meide.«

»Ich wäre auch in eine Szene-Bar mit dir gegangen.«

Eva winkte ab. »Kein Interesse. Ob ich von Frauen oder Männern angebaggert werde, die mich nicht interessieren, bleibt sich dann letztlich auch schon gleich.«

»Wenn man dich so hört, sollte man überrascht sein, dass du es hin und wieder trotzdem schaffst, jemanden kennenzulernen. – Würde mich wirklich interessieren, wie Margit es angestellt hat, sich an dich heranzumachen, ohne dass du ihr Flirten gleich als Belästigung empfunden hast.«

»Du kennst die Geschichte doch. Sie hat mich auf dieser Vernissage angesprochen. Sie war charmant. Ich habe nichts gegen eine charmante, subtile Annäherung.«

»Ja ja.« Andrea klang wenig überzeugt. »Anderes Thema: Ich finde es sehr großzügig von dir, dass du den Jungdesigner nicht auf Schmerzensgeld verklagst und die Sache nicht an die große Glocke hängst.«

»Ich weiß nicht, was mir das bringen sollte«, gab Eva zu. »Ich will niemanden ruinieren. Ich habe ja keinen bleibenden Schaden erlitten.«

»Die Kritiken sind sehr amüsant. Ich habe mich schon etwas damit befasst.« Andrea deutete auf einen Stapel zusammengefalteter Zeitungen, der neben ihr auf der Bank lag. »Sammy Li wird hoch gelobt, was zu erwarten war. Dein Spiel wird leider als etwas bemüht und verkrampft beschrieben.«

»Oh, gut beobachtet. Ich war verkrampft und bemüht!« Eva nahm einen tiefen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. »Ich verkrafte die Kritiken, keine Sorge, aber was mich wirklich aufregt, ist der hochmütige Blick, den mir diese kleine Chinesin zugeworfen hat … als würde sie sich diebisch freuen.«

»Sammy Li ist so chinesisch wie ein Hamburger«, konterte Andrea. »Und bitte lass dich nicht auf einen Zickenkrieg mit einer Fünfzehnjährigen ein. Das hast du wirklich nicht nötig.«

»Ja, aber …«, setzte Eva an, ließ ihren Satz jedoch unbeendet im Raum hängen, als sie eine ältere Dame in Begleitung einer jungen Frau zielstrebig auf sich zukommen sah. Sie stöhnte leise. Gleich würde die Dame ihr die Hand schütteln, als wären sie alte Bekannte, und ihr erklären: Oh, wir waren gestern in Ihrem Konzert, es war ganz wundervoll! Und die junge Frau würde eine ihrer CDs aus der klobigen Handtasche ziehen, die sie bei sich trug, und etwas Ähnliches sagen wie: Geben Sie mir ein Autogramm? – Und schreiben Sie bitte: Für Jenny/Christina/Laura zum Geburtstag. Oder: Das ist für meine Mama. Sie liebt Ihre Musik!

An diese überfallsartigen Begegnungen mit Wildfremden, die glaubten, ein Anrecht auf ihre Aufmerksamkeit zu haben, würde sie sich wohl nie gewöhnen.

Doch als das Paar an ihrem Tisch angekommen war, galt das Interesse der Dame erst einmal ausschließlich Andrea, deren Gesicht sich schlagartig freudig erhellte. Sie erhob sich prompt und begrüßte die Dame und ihre junge Begleitung mit Umarmungen und Wangenküssen.

»Valentina! Welch eine Überraschung, Sie hier zu sehen!«

Eva nahm erstaunt zur Kenntnis, dass Andrea die Fremde auf Deutsch ansprach. Sie hatte diese Frau mit den sprühenden dunklen Augen und dem dunklen Teint für eine Südländerin gehalten, allenfalls für eine US-Amerikanerin italienischer oder spanischer Abstammung. Das Deutsch, in dem die Frau antwortete, war jedoch völlig akzentfrei; unmöglich, aus ihrer Aussprache auf die genaue geographische Herkunft zu schließen.

»Ja, ich konnte jetzt kaum meinen Augen trauen, als ich Sie hier sitzen sah. So schnell sieht man sich wieder! Was führt Sie nach New York?«

Andrea wies mit einer galanten Handbewegung auf Eva.

»Eva-Maria Sollenau. Wir sind auf Konzertreise. Sie kennen sich schon?«

Die wachen, lebendigen Augen richteten sich nun auf sie. Eva war fasziniert, dass eine Frau, die ihren zahlreichen Gesichtsfalten nach mindestens Mitte siebzig war, so sprühende Augen haben konnte. Sie versuchte, sich die Dame ein halbes Jahrhundert jünger vorzustellen … dem Teint nach zu urteilen, mit schwarzem Haar statt mit grauem und mit vollen, schönen Lippen. Gerne nahm sie die Hand entgegen, die ihr die Unbekannte entgegenstreckte.

»Eva, das ist Valentina de Winter. Wir sind uns vor einigen Monaten in Leipzig begegnet, bei diesem Klavierwettbewerb, bei dem ich der Jury freundlicherweise beisitzen durfte.«

»Es ist schön, Sie persönlich kennenzulernen.«

Valentina de Winters Händedruck war warm und kräftig.

»Und das ist Estella, ihre Enkelin«, hörte sie Andrea sagen.

Die junge Frau, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, trat nun zögernd auf Eva zu und reichte ihr förmlich die Hand, um sie ihr ebenso schnell wieder zu entziehen. Sie sah dabei nicht auf, sondern fixierte die Tischplatte.

»Möchten Sie sich nicht ein bisschen zu uns setzen, Valentina? Es wäre mir eine ausgesprochene Freude!«

»Ein bisschen, gerne.« Frau de Winter ließ sich bereitwillig auf dem Stuhl nieder, den ihr Andrea sogleich offerierte. Eva bemerkte mit wachsender Faszination, mit welch einer jugendlichen Eleganz sich die Dame bewegte

Sie rutschte auf der Sitzbank weiter nach links in Richtung Andrea und machte der Begleiterin Platz. Die aufrechte Haltung, die bei Valentina so mühelos wirkte, erschien ihr im Falle der jungen Frau reichlich steif und unentspannt. Dass dieses unscheinbare Wesen mit dem mausbraunen, streng zurückfrisierten Haar und dem blassen Teint die Enkeltochter dieser faszinierenden alten Dame war, fiel ihr schwer zu glauben. In dem schwarzen, über das Knie reichenden Rock, weißer Bluse und weit fallender Weste wirkte sie auf Eva eher wie eine Schülerin eines katholischen Mädcheninternats in den fünfziger Jahren.

Andrea verwickelte Valentina bereits in ein lebhaftes Gespräch über den Wettbewerb in Leipzig. Es fielen Namen, die Eva nur wenig sagten, Valentina aber offenbar recht viel. Offensichtlich hatte auch Estella auf irgendeine Weise mit Musik zu tun, wenngleich der Name de Winter in der Branche überhaupt kein Begriff war.

Die junge Frau saß unbewegt neben ihr und sagte kein Wort. Eva kam es auch nicht so vor, als verfolgte sie die Unterhaltung zwischen Andrea und ihrer Großmutter mit sonderlichem Interesse. Obgleich sie sich selbst für keine überzeugende Small-Talkerin hielt, beschloss sie, in diesem Fall den Anfang zu machen.

»Und haben Sie auch beruflich mit Musik zu tun?«

Der Kopf der jungen Frau fuhr herum. Sie starrte Eva an, als wäre sie erschrocken, dass diese das Wort an sie richtete. Eva bemerkte überrascht ein Paar großer, sehr ausdrucksstarker Augen.

»Klavier.« Sie sprach so leise, dass es schwer war, sie zu verstehen. Krampfhaft suchte Eva nach einem Ansatzpunkt, um das Gespräch fortzuführen. Sie warf einen kurzen Blick zu Andrea, die lebhaft mit Valentina diskutierte, und wünschte sich wie so oft, zumindest einen Bruchteil von Andreas Eloquenz mit in die Wiege gelegt bekommen zu haben. Andrea konnte mit jedem reden und fand auch immer die richtigen Worte.

Klavier. Beruflich.

Und sie kannte sie nicht, weder namentlich noch vom Sehen. Gut, sie kannte nicht jeden einzelnen Berufsklavierspieler dieser Welt, aber somit konnte sie zumindest ausschließen, dass die junge Frau in ihrer Liga spielte.

»Haben Sie einen Schwerpunkt?« Etwas Besseres fiel ihr nicht ein.

»Bach.« Estella gab die Antwort erneut im Flüsterton.

»Oh.«

Bach. Das stand nicht gerade für heitere Impulsivität, aber es passte in Evas Augen zu diesem blutleeren Geschöpf zu ihrer Rechten. Immerhin, hierzu wusste sie selbst etwas zu sagen.

»Ich habe gestern auch Bach gespielt.«

»Das weiß ich!«

Zum ersten Mal antwortete Estella in einer Lautstärke, die für eine Unterhaltung bei Tisch üblich war. Was Eva irritierte, war der schneidende Unterton. Offenbar hatte sie etwas Falsches gesagt, warum auch immer. Sie gab den Versuch, mit dieser seltsamen jungen Frau zu reden, resigniert wieder auf und beteiligte sich an dem Gespräch mit Valentina, das sich inzwischen um Sightseeing in New York drehte. Auch, wenn ihre letzte New Yorker Sightseeing-Tour schon länger her war, so war ihr diese Unterhaltung doch lieber als Estellas kurze Antworten.

Wie Eva bald feststellte, hatte Valentina eine äußerst gewinnende Persönlichkeit. Die Herzlichkeit, die sie ausstrahlte, zog sie ebenso in den Bann wie die schönen lebhaften Augen zuvor. Sie war etwas enttäuscht, als sich die Ältere nach einiger Zeit verabschiedete.

»Wer ist das?«, fragte sie, als die Dame samt Enkelin den Frühstücksraum verlassen hatte.

»Eine interessante Person, der wir möglicherweise in Zukunft noch öfter begegnen werden«, gab Andrea Rätsel auf, ließ sich aber nicht lange um konkretere Auskünfte bitten. »Valentina de Winter stammt ursprünglich aus Siebenbürgen und ist nach Kriegsende gemeinsam mit ihrem späteren Mann über Österreich nach Deutschland geflüchtet. Später gingen sie wohl wieder für eine Zeit lang zurück, warum auch immer. Ich habe mich nicht detailliert mit ihr darüber unterhalten, aber was ich ihren Andeutungen entnehmen konnte, war ihr Mann in irgendeiner Weise am Sturz des Ceausescu-Regimes beteiligt. Der Mann ist wohl kurz nach der Rückkehr verstorben, aber Valentina de Winter blieb weiter engagiert. Wenige Monate später hat sie die Organisation des Paneuropäischen Picknicks mit Geldmitteln unterstützt, die sie durch gute Kontakte zu wohlhabenden Gesellschaftssegmenten auftreiben konnte.«

»Eine überzeugte Demokratin also«, meinte Eva nachdenklich.

»Auf jeden Fall eine sehr freiheitsliebende Frau mit konkreten Vorstellungen, wie die Welt sein soll«, erwiderte Andrea. »Ihre Enkelin Estella ist die Gewinnerin des Leipziger Klavierwettbewerbs, daher bin ich mit ihr ins Gespräch gekommen.«

»Dieses unscheinbare Wesen?«

»Du solltest sie einmal hören, wenn sie Klavier spielt. – Ich gehe davon aus, dass sie in fünf bis sechs Jahren als Pianistin vom internationalen Parkett nicht mehr wegzudenken ist. Sie hat ein unglaubliches Talent; und sie versteht sich wirklich darauf, Bach zu interpretieren.«

»Wie alt ist sie?«

»Sechsundzwanzig.«

Eva lachte hell auf.

»Internationales Parkett! Ich bitte dich. Sie ist viel zu alt.«

»Nicht jeder muss mit fünfzehn schon ein Star sein«, meinte Andrea Schulter zuckend. »Es ist wie mit guten Weinen: Manche brauchen länger, um ihre volle Reife zu entfalten. Ich habe sie gehört, und ich halte wirklich viel von ihr. Diese extreme Schüchternheit wird sie sicher irgendwann verlieren. Wahrscheinlich kam diesmal hinzu, dass sie auch noch völlig von deiner Präsenz geblendet war. Eine persönliche Begegnung mit Eva-Maria Sollenau, wow!«

»Unsinn.« Eva schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Sie machte auf mich nicht den Eindruck, als wäre sie ein Fan von mir … oder von irgendjemand anderem.«

»Valentina hat mir erzählt, dass sie gestern auf dem Konzert waren. Auf Estellas Wunsch.«

»Oh.« Nun war Eva doch überrascht. Das fast etwas bissige »Das weiß ich!« machte plötzlich Sinn.

Wahrscheinlich hat sie gedacht, ich bin entweder selbstherrlich oder halte sie für schwachsinnig, als ich ihr von meinem Bach-Konzert erzählte, ging es ihr durch den Kopf.

»Aber sag mir jetzt bitte nicht, dass jemand extra aus Deutschland anreist, um mich in New York spielen zu hören.«

Andrea lachte.

»Nein, keine Sorge, sie sind aus anderen Gründen hier. Estella hat morgen einen Auftritt bei einem weiteren internationalen Wettbewerb. Wie gesagt, sie bastelt an ihrer Karriere.«

»Sie oder Valentina?«

»Sei nicht so bösartig.« Sie hatten fertig gefrühstückt und erhoben sich fast gleichzeitig. »Ich habe wirklich gedacht, diese junge Frau sei ganz nach deinem Herzen. Sie ist schließlich das exakte Gegenteil von Sammy Li. Und sie ist in deiner Nähe eindeutig vor Ehrfurcht erstarrt, ganz, wie du es von Nachwuchstalenten erwartest.«

»Eine Mischung aus Sammy Li und Estella de Winter wäre wahrscheinlich optimal.«

»Ach, Süße, dir kann man auch wirklich gar nichts recht machen, bei diesen hohen Ansprüchen!«

Lachend verließen sie den Frühstückssaal.

Eva betrat das Café, das seit seiner Eröffnung vor fünf Jahren zu ihrer zweiten Wohnung geworden war, mit leerem Magen und in guter Stimmung. Seit rund zwei Wochen waren Andrea und sie aus New York zurück. Sie hatten sich seitdem nur einmal kurz gesehen, was ungewöhnlich war, aber Eva hatte seit ihrer Ankunft alle Hände voll zu tun gehabt.

Sie hatte sich vom Wiener Konservatorium zu einem Gastvortrag überreden lassen. Die Vorbereitungen waren aufwendiger gewesen, als sie erwartet hatte. Sie konnte sich schließlich nicht vor rund ein Dutzend hoffnungsvolle Talente stellen und nichts als Anekdoten aus ihrer langjährigen Konzertlaufbahn zum Besten geben. Die Studentinnen und Studenten erwarteten von ihr die Vermittlung von Wissen und Fakten, und da sie selbst eindeutig Praktikerin war, hatte sie sich tatsächlich ernsthaft in die Theorie vertiefen müssen.

Auch aus diesem Grund war sie erleichtert, dass der Termin vorüber war. Als Dozentin war sie definitiv nicht geeignet, schon allein deshalb, weil sie sich in Gegenwart dieser jungen, erwartungsvoll blickenden Menschen wie deren Großmutter fühlte. Und das, obwohl sie noch nicht einmal vierzig war!

Eva blickte sich suchend im Café um. Wie für einen Dienstagnachmittag nicht ungewöhnlich, waren nur wenige Tische besetzt.

»Eva! Du bist wieder im Lande, wie ich sehe!«

Sonja, die Besitzerin des Cafés, stellte das Tablett mit gebrauchtem Geschirr auf den nächstgelegenen Tisch und umarmte sie kräftig. Ihr gewaltiger Busen drückte sich wie ein opulentes Polster gegen ihren Körper. Obwohl sie sich schon fast zwei Jahrzehnte kannten, war Eva doch immer wieder erstaunt darüber, dass die füllige Sonja und die grazil gebaute Andrea Schwestern sein konnten. Auch ansonsten waren sie sich äußerlich nicht besonders ähnlich. Sonja war einen Kopf kleiner und hatte breite Schultern. Was die beiden Schwestern teilten, war jedoch ihr Faible für bunt gefärbte Haare. Sonja trug ihr Haar nun in einem grellen Blauton. Als sie sich vor sechs Wochen das letzte Mal begegnet waren, hatte das Haar in sattem Orange geschimmert.

»Ist Andrea noch nicht da? – Wir sind verabredet.«

»Ich weiß, ich weiß! Ihr wart allerdings schon vor einer halben Stunde verabredet, da ist sie noch kurz zur Post gegangen. Sie müsste jeden Augenblick zurück sein.«

Sie geleitete Eva zu einem der niedrigen Ecktische mit Sitzdiwan, die das besondere Flair des Lokals ausmachten.

»Was darf ich dir anbieten? Einen Wein?«

Eva machte eine abwehrende Handbewegung.

»Danke, nicht um diese Uhrzeit. Pfefferminztee wäre okay. Und etwas zu essen. Bitte dieses Tandoori Chicken mit Nan-Brot, das ich neulich gegessen habe. Falls du das noch auf der Karte hast.«

»Sehr wohl, die Dame.« Sonja machte einen übertriebenen Knicks, der aufgrund ihrer Körperfülle ungewollt komisch wirkte, und verschwand in der Küche.

»Die Post und ich, das sind zwei Institutionen, die sich nicht vertragen«, sagte Andrea, nachdem sie sich begrüßt hatten, und ließ sich ihr gegenüber auf den Diwan fallen. »Kannst du dir vorstellen, dass dieser präpotente Postbeamte meinen Führerschein nicht als Ausweis akzeptiert hat? – Ich hätte fast noch einmal hin marschieren müssen, um dieses lästige Paket endlich abzuholen. Dabei ist es ja schon eine Frechheit an sich, dass es die Post nicht schafft, Sendungen zu normalen Zeiten zuzustellen. Da läuten die um acht Uhr früh an und erwarten, dass da irgendjemand zu Hause und obendrein wach ist! Verrückt!«