Versuch einer Antwort - Peter Willms - E-Book

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Peter Willms

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Beschreibung

Das Leben von Peter Willms zieht sich zeitlich vom Kriegsgeschehen über die Nachkriegszeit (einschließlich »Wiedervereinigung«) bis hin zur Bundesrepublik Deutschland, wie sie unter dem Zeichen »Corona« existiert. Das Buch enthält wenigstens zwei Botschaften: Dass Liebe, zunächst einmal im Sinne von Partnerschaft und Ehe, aber auch darüber hinaus, über einen langen Zeitraum gelingen kann. Und: Dass es sich lohnt, sich für sein Leben einzusetzen. Aus welcher nicht selbst verschuldeten Dunkelheit das geschah und gelang, auch davon zeugt das Buch.

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Seitenzahl: 106

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Versuch einer Antwort

Vermächtnis eines Vaters

Peter Willms

© 2021 / Peter Willms

1. Auflage

Herausgeber: Ralf Willms

Autor: Peter Willms

Umschlaggestaltung, Illustration: Ralf Willms

Lektorat, Korrektorat: Dr. Ralf Willms

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN: 978-3-347-23641-7 (Hardcover)

ISBN: 978-3-347-23303-4 (Paperback)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Ein Anliegen

Nicht erst heute, aber besonders jetzt, da ich älter bin, ist es mir ein großes Anliegen, ein Hospiz zu unterstützen. Das liegt einfach daran, dass im Alter ganz natürlich der Gedanke an die Endlichkeit des Lebens in den Vordergrund rückt. Denn jeder Mensch wünscht sich in der schwierigen Phase, in der sein Leben endet, von liebenden und fürsorglichen Angehörigen und Mitmenschen begleitet zu werden. – Daher geht der Erlös dieses Buches – also der Anteil, den ich daran verdiene – an das Hospiz »haus hannah« in Emsdetten. Im Internet oder auch vor Ort kann gesehen werden, wie wertvoll und wichtig ein würdevolles Sterben für die Abrundung des Lebens sein kann und ist. So würde ich mich sehr darüber freuen, wenn mein Buch dazu beitragen könnte, etwas an das Haus Hannah zu spenden.

Peter Willms, im Januar 2021

 

Die nachstehenden Aufzeichnungen widme ich in Liebe meiner Frau Hildegard und meinen Söhnen Ralf und Olav Willms

Vor-Wort

Mein Vater – ich bin stolz darauf, dieses Vorwort schreiben zu dürfen, und glücklich darüber, dass dieses Buch überhaupt entstanden ist. Und darüber hinaus bin ich der Meinung, dass dieses Buch seinen Wert hat.

Zu den vielen möglichen Lesarten des Buches gehört, sich ein Stück Zeitgeschichte vor Augen zu führen. Und zwar diejenige, wie es aussah, wenn man vor 83 Jahren geboren wurde und von da aus sein Leben zu leben hatte. Das politische System wurde dominiert vom Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg stand 2 Jahre vor dem Ausbruch. Erzählt wird, wie es in jemand aussah, der in einem kleinen Dorf heranwuchs, und zwar in benachteiligten Verhältnissen, die noch von der jahrhundertelangen Prägung der Monarchie bis hin zur Weimarer Republik zeugten, in der sich so etwas wie eine Mittelschicht erst entwickeln musste.

Peter Willms, meinem Vater, kommt es nicht darauf an, allgemeine Aussagen über diese Zeit zu treffen, die auch überreichlich vorhanden sind, sondern stellt Abrisse seines Lebens dar, in denen Zeitgeschichte unvermeidlich vorkommt. Das Buch zielt vielmehr darauf hin, »Essenzen« eines Lebens darzulegen.

Das Leben von Peter Willms zieht sich also zeitlich vom Kriegsgeschehen über die Nachkriegszeit (einschließlich »Wiedervereinigung«) bis hin zur Bundesrepublik Deutschland, wie sie – 2020 – unter dem Zeichen »Corona« existiert. Das Buch enthält wenigstens zwei Botschaften: Dass Liebe, zuerst einmal im Sinne von Partnerschaft und Ehe, aber auch darüber hinaus, über einen langen Zeitraum gelingen kann. Und: Dass es sich lohnt, sich für sein Leben einzusetzen. Aus welcher nicht selbst verschuldeten Dunkelheit das geschah und gelang, auch davon zeugt das Buch.

Im Dezember 2020, Ralf Willms

 

Seit dem 11. Juni 2020 bin ich also nun dreiundachtzig. Wer hätte je gedacht, dass ich einmal so alt werden würde? Ich am allerwenigsten!

Mir ist, als ob ich in den Jahrzehnten meines Lebens einen sehr hohen Berg erklommen hätte, von dessen Gipfel ich nun herabblicke.

Mein Weg begann, auch kriegsbedingt, in einer Wüstenei von Geröll und Steinen. In einer Situation von Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit. Trauer, Resignation und Armut waren keine besondere Motivation, die erforderlichen Anstrengungen auf mich zu nehmen, um meinen Lebensweg mit Aussicht auf Erfolg zu beginnen.

Nun bin ich also angekommen im Jahre 2020.

Was fühle ich, was denke ich?

Ich glaube, es ist eine Mischung aus Stolz und Genugtuung, aber mehr noch ist es Dankbarkeit, die den Rückblick auf mein langes Leben erfüllt.

Ich habe versucht, meinen Söhnen und meiner Frau in zahllosen Gesprächen Informationen über mich, meine Herkunft, meinen Lebensverlauf zu hinterlassen, und weiß auch deshalb noch nicht, ob ich den Versuch einer Niederschrift meines Lebens beenden werde. Hinzu kommt: Mir fehlen, jetzt im Alter, vor allem die Kraftreserven. Und: Jenseits der 80 vergeht die Zeit gefühlt und tatsächlich in einer Geschwindigkeit, die atemberaubend ist. Und ich kann nicht wissen, so wie dies niemand wissen kann, wann der Punkt erreicht sein wird, mit welchem der Körper und das Gehirn in seiner Leistungsfähigkeit entscheidend nachlassen. Ohnehin ist es für mich ein großes Wunder, wie lange, präzise und oft störungsfrei, aber immer dienend und liebevoll, das Gehirn, die Organe, die Gelenke, die Gefühle, also die gesamte »Konstruktion Mensch« funktioniert und somit – in meinem Fall – ein langes, herrliches, auch hartes, entbehrungsreiches, in jedem Fall intensives Leben ermöglicht und schenkt.

Ich bin nach meinem langen Leben an dieser Stelle sehr dankbar und zufrieden, wenngleich bei mir die Gefahr besteht, dass ich zu viel an das Ende denke: wie es wohl aussehen mag, wann es kommt, wie es sein wird!

Darüber – sowie über Einschränkungen, Schmerzen und Krankheiten im Alter – kommuniziere ich im Gebet mit IHM, dem Schöpfer, und manchmal auch mit Hildegard, meiner Frau. Ich hoffe, dass ich zum gegebenen Zeitpunkt einen schnellen, gnädigen Tod werde haben dürfen.

Mein Wunsch ist es, jedem Tag Freude, ein Lachen oder Lächeln abzugewinnen: Hoffnung, Liebe und Frieden leben zu dürfen, und das auch zu zeigen.

Die traurigen und düsteren Gedanken versuche ich zu umgehen. Da ist zum Beispiel Schlaflosigkeit. Vieles mehr. Aber ich habe inzwischen einige Übung darin, den physischen und psychischen Folgen dessen, was mich einholt oder mir widerfährt, durch Freundlichkeit, Gleichmut und Wissen um mögliche Ursachen entgegenzuwirken.

In allen Belangen, besonders auch in weniger frohen Zeiten, wurde und werde ich von meiner wunderbaren Frau begleitet und gestützt. Und: Ich bin neugierig darauf, was ich mit Gottes Hilfe noch erleben darf!

Mein Wunsch wäre es, dass sich der Verfall meines Geistes erst nach dem Verfall meines Körpers vollzieht.

Was ich als junger Mensch oder auch in mittleren Lebensjahren 'nicht auf dem Schirm hatte', war Einsamkeit im gedanklichen, aber auch im emotionalen Bereich.

Nun bin ich bereits jenseits der 80 und mancher Freund, Verwandte, Wegbegleiter und auch Geschwister sind bereits verstorben. Es fehlen bereits die Hälfte meiner Geschwister und deren Partner. Zuwendungen, Kontakt- und Austauschmöglichkeiten wurden – auch gefühlt – immer weniger.

Alles verweht

doch einer sagt:

sei nicht verzagt

am Ende steht ein Anfang

(auf einer Trostkarte, Verein Andere Zeiten)

Es kann die Frage nicht ausbleiben: Was wird aus mir?

Was ist, wenn mein Partner vor mir geht? Was geschieht mit mir im Falle einer Demenz oder einer körperlich bedingten Pflegebedürftigkeit?

Ich persönlich finde Trost im Glauben: Bereits vor Jahrzehnten habe ich mich nach unbeschreibbaren Irrungen und Wirrungen für den Glauben an Gott entschieden. Bestärkt hat mich darin meine wunderbare Frau Hildegard. Beide haben wir im Laufe von Jahrzehnten erfahren, dass es nichtsWirksameres gibt als ein kontinuierliches Gebet in Demut. Wir sind beide fest davon überzeugt, dass es uns bewahrt hat vor wirklich schlimmen Schicksalsschlägen. So wurde manches – selbst die Wucht eines Misserfolgs oder Unfalls – »abgefedert« durch unseren tiefen, unerschütterlichen Glauben.

Ich kann wohl nach einem abwechslungsreichen, abenteuerlichen und prallen Leben mit vielen Höhen und Tiefen im Rückblick sagen, dass Dank, Liebe und Einfachheit im täglichen Leben besonders jetzt, im Alter, mein Denken, Fühlen und Handelnbestimmen. Bis dahin bedurfte es allerdings eines langen und schwierigen Prozesses, in dem ich mein Handeln, die getroffenen und nicht getroffenen Entscheidungen, meine Fehler, meine Voreingenommenheit, Gleichgültigkeit, Lieblosigkeit, Unehrlichkeit, Feigheit, Ignoranz, Intoleranz, Bequemlichkeit, Überheblichkeit im Umgang mit mir selbst und vielen Mitmenschen, die mir begegneten, auf den Prüfstand stellte. Denn: Je älter ich wurde, desto kritischer und deutlicher sah ich die Fehler und falschen Entscheidungen meines Lebens. Und es hat viele Jahre, ja Jahrzehnte gedauert, ehe ich mir und anderenverzeihen konnte und letztendlich auch mir Vergebung gewährt wurde.

Dennoch oder gerade deswegen: Seit ich im Rentenalter bin, lebe ich zusammen mit Hildegard, meiner großen Liebe, ein angenehmes und privilegiertes Leben in Ruhe und Heiterkeit, Freiheit und Glück. Reden, Lesen, Musik, Radwanderungen, mediterranes Kochen und Essen, Spiele spielen, Lachen, Tanzen, Unterhaltungen und Begegnungen mit beiden Söhnen, Kontakte mit Geschwistern, Nichten, Neffen und deren Kindern bereichern uns sehr. Unser großes Hobby »Städtereisen« müssen wiraus physischen Gründen nun im Alter reduzieren, allerdings haben wir diesbezüglich einen riesigen Fundus durch unsere Erinnerungen.

Viele wunderschöne, erlebnisreiche und glückerfüllende Reisen: zu den Kanarischen Inseln (19 mal nach Fuerteventura), nach Texel und Norderney, Skandinavien, einige Fluss- und Seeschiff-Kreuzfahrten, zahlreiche Städtereisen in unserer schönen Heimat, sowie Reisen nach Belgien, Holland, Spanien, Italien, Schweiz, Österreich, Frankreich haben immer wieder dafür gesorgt, dass wir einen Ausgleich für die viele, manchmal zermürbende Arbeit hatten und sich unsere Ehe und Seelen erholten und erneuerten.

Bis vor 27 Jahren, also noch mit 56, war ich Mitglied in zwei Chören. Weil Chorgesang, Kunstlieder, klassische Musik, Opern und Operetten mein großes und liebstes Hobby waren. Ich durfte bei Aufführungen, aber auch bei familiären Festen, so manchen Solopart singen, was aber ab Mitte der 90er Jahre nicht mehr möglich war, weil die Stimmbänder streikten. Im Rückblick waren die vielen Stunden mit Gesang ein riesiges Geschenk, und ich erinneremich sehr gerne an die unvergesslichen Stunden im Kreise gleichgesinnter Freunde.

Was die Liebe betrifft, konnten Hildegard und ich im Lauf von Jahrzehnten immer tiefer miteinander und ineinander verschmelzen; jeder lässt dazu dem anderen seinen Freiraum, und jeder ist stets bemüht, den anderen zu erfreuen und still und ungezwungen alles für ihn zu tun. Das Glück haben viele Philosophen und Dichter zu definieren versucht. Für mich bedeutet Glück Zufriedenheit, zugleich vom Leben und von den Mitmenschen nicht zu viel zuerwarten, ein guter Zusammenhalt in der Familie und eine relative Freiheit, die es erlaubt, das Leben so unabhängig wie möglich zu leben. Gesundheit und eine auskömmliche materielle Existenz gehören selbstverständlich dazu, aber für mich in einer angemessenen und bescheidenen Art. Das Glück ist ja in kleinen, leisen, immateriellen Dingen zu finden, die mit dem Herzen gesehen werden wollen. Und ich weiß auch, dass es nötig ist, dem Glück manchmal einen Schritt entgegenzugehen, um eine Chance zu haben, es wenigstens für Sekunden oder Minuten zu erleben.

Das ganz große Glück erfahre ich dadurch, dass beide Söhne mich lieben, achten und begleiten. Nie hätte ich gedacht, dass ich am Ende meines Lebens so viel Liebe und Achtung geschenkt erhalte.

Immer mehr verinnerliche ich das Friedensgebet des hl. Franz von Assisi, in dem es darum geht, den Hass und die Habgier in der Welt zu verhindern. Und wo die Rede ist von Trost, Verstehen, Liebe, Hingabe und Verzeihen.

Zu Ralf und Olav habe ich ein Verhältnis, das von Liebe, Toleranz, Achtung, Fürsorgeund Loslassen geprägt ist. Ich liebe meine Söhne über alles und bin sehr froh darüber, dass ich ihnen in den zurückliegenden Jahrzehnten manchmal den »Steigbügel des Lebens« halten durfte. Und auch das gehört zu meinem Credo: Auf der Rückseite meiner Visitenkarte steht seit Jahren eine Aussage von Friedrich Rückert, den ich überaus schätze:

Das sind die Weisen, die durch Irrtum zur Wahrheit reisen.

Die bei dem Irrtum verharren, das sind die Narren.

Wenn man so will, kann man diese Aussage als eine Essenz meines Lebens betrachten. Diese Essenz habe ich an meine Söhne und an viele Menschen weitergegeben. Denn ein wirklich gelungenes Leben hängt auch davon ab, dass man die Dinge ändert, die man selbst ändern kann.

Ein Brief aus dem Jahre 2010 meines Sohnes Ralf regte mich an, etwas Schriftliches über mein Leben zu hinterlassen. Dieser Brief trägt die Überschrift »Ein Versuch«. Ralf, der heute 57 Jahre alt ist, hatte sich in seinem Brief mit den jahrzehntelang bestehenden und sporadisch immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen, Diskussionen, Missverständnissen, Vorwürfen, Vorurteilen und bisweilen drastischen und heftigen verbalen Angriffen zwischen Sohn und Vater befasst, das heißt mit einem Versuch, die Ursachen zu sehen und zu erklären.

Der Brief, der also den Titel EIN VERSUCH trägt, enthält wesentliche Schlüsselsätze und Kernaussagen; deshalb möchte ich ihn nachstehend ungekürzt wiedergeben:

»Es gibt eine Geschichte der Liebe und eine andere, zwischen Vater und Sohn.

Die Geschichte der Liebe gründet sich auf die Art der Personen, die Art der Beziehung, die geknüpft wurde, und darauf, dass nie ersichtlich böse gehandelt wurde.

Die andere Geschichte kann so angedeutet werden:

Der Ursprung aus meiner Perspektive war, ich wollte retten. Als Kind, noch als Jugendlicher, und auch später noch. Ich sah den Vater in Not und bot alles auf, um ihm zu helfen.

Die große Irritation bestand zunächst darin, dass die Ursachen im Beruf lagen und unveränderlich schienen. Doch gibt es einen Spielraum bei Verhaltensweisen, sie sind doch veränderlich.

Es erwies sich aber, dass Verhaltensweisen innerhalb des Berufes nicht verändert wurden. Und zwar über Jahrzehnte nicht.

Es wuchs eine Geschichte der Ohnmacht heran.