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Anni Lechner

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Beschreibung

Der Sarlinger Hof darf nicht geteilt werden und verkauft schon gar nicht. So hat der Vater es in seinem Testament festgelegt. Sohn Michael gibt sein Bestes um den Hof im Familienbesitz zu halten. Doch dann wird auch seine Mutter krank. Und neben all der Arbeit, die Michael allein kaum schafft, stehen plötzlich das Gesundheitsamt und die Tierschutzbehörde vor der Tür. Was hat Franz Böhm, ein Nachbar, der schon lange seine Finger nach dem Sarlinger Hof ausstreckt, mit dieser Sache zu tun? Dieser und die zwei weiteren spannenden Romane „Auch der größte Schmerz wird vergehen“ und „Wallfahrt ins Glück“ sind in diesem Buch enthalten.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Anni Lechner

Vertrau mirAuch der größte Schmerz wird vergehenWallfahrt ins Glück

Roman

Anni Lechner: Band 12, Vertrau mir ... und zwei weitere spannende Romane

Copyright © by Anni Lechner

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Verlagsagentur Lianne Kolf.

Überarbeitete Neuausgabe © 2017 by Open Publishing Verlag

Covergestaltung: Open Publishing GmbH – Mathias Beeh

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Erlaubnis des Verlags wiedergegeben werden.

eBook-Produktion: Datagroup int. SRL, Timisoara

ISBN 978-3-95912-219-1

Vertrau mir

Ein Blick auf die Uhr sagte Franz Böhm, dass es höchste Zeit war, ins Bett zu gehen. Seine Frau und seine Tochter saßen jedoch fasziniert vor dem Fernseher und ließen sich auch durch sein mahnendes Räuspern nicht aus der Ruhe bringen.

»Jetzt drängle ned so, Franz«, wehrte seine Frau Anna ab, als er noch lauter wurde. »Die Sendung ist ja eh gleich aus.«

»Wir müssen morgen früh aufstehen«, brummte der Bauer ungehalten.

»Du hast recht, Papa. Es ist wirklich schon spät«, zeigte seine Tochter Gabi Verständnis. »Aber jetzt siehst du selbst, wie dringend wir einen Videorekorder brauchen. Damit hätten wir die Sendung aufnehmen und uns morgen ansehen können.«

»So ein Ding kommt mir ned ins Haus«, erklärte Böhm kategorisch. »Dann hängt ihr zwei bloß noch vor dem Kasten und arbeitet überhaupt nix mehr.«

»Jetzt übertreibst du aber, Papa«, erwiderte Gabi lachend. »Heutzutage hat doch jeder Mensch einen Videorekorder, und die Arbeit wird trotzdem gemacht.«

Ihr Vater wusste genau, dass er jetzt nicht mehr auskommen würde, ein solches Gerät zu kaufen. Daher schaltete er das Fernsehgerät mit einer ärgerlichen Handbewegung ab. In demselben Augenblick, in dem der Ton erstarb, merkten alle, dass das seltsame Geräusch, das sie bereits während der ganzen Sendung gestört hatte, nicht aus dem Fernseher gekommen war, sondern von irgendwo anders. Böhm trat ans Fenster und machte es auf. Jetzt hörten sie deutlich das Dröhnen eines schweren Traktors durch die Nacht herüberdringen.

»Bei dem Lärm soll man schlafen können. Das ist gewiss wieder der Sarlinger Michl. Der findet wieder einmal kein End bei der Arbeit!«, schimpfte der Bauer.

»Du musst ja dein Fenster in der Nacht ned offen lassen«, riet ihm seine Frau.

»Du bist gut!«, empörte sich Böhm. »Bei der Affenhitz mit geschlossenem Fenster schlafen. Da erstickt man ja im Bett!«

»Wenn aber der Michl ackern muss ...«

»Dann soll er's am Tag tun, wie andere Leut auch, und ned in der Nacht einen solchen Radau machen. Die Nacht ist zum Schlafen da, Punktum!« Böhm wirkte so verärgert, dass seine Frau keinen Einwand mehr wagte. Nur Gabi ließ sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen.

»Jetzt reg dich wieder ab, Papa. Immerhin liegen unsere Schlafzimmer auf der anderen Seite des Hofes. Da hört man auch bei offenem Fenster ned viel.«

»Dass du den Michl verteidigst, war mir klar«, erwiderte ihr Vater knurrig. »Du hast ja schon alleweil eine Entschuldigung für ihn gefunden. Aber ich bin der Ansicht, dass es so nimmer lang gehen kann.«

»Was soll er denn machen? Das Testament seines Vaters ...«

»Er hätt ja dagegen klagen können. Die Andrea wär gewiss damit einverstanden gewesen. Aber nein, er hat ned wollen. Also ist er selbst schuld, wie es gekommen ist. Und jetzt will ich von dem Kerl nix mehr hören.« Bei diesen Worten schlug Böhm das Fenster so zu, dass die Scheibe klirrte.

Während sich Gabi für die Nacht zurechtmachte, drehten sich ihre Gedanken weiter um Michael Sarlinger und seine Situation. Obwohl sie ihren Vater in gewisser Weise verstand, hielt sie ihn doch für ungerecht. Was hätte Michael denn schon gegen das eigenartige Testament seines Vaters tun können, fragte sie sich. Der alte Sarlinger hatte nun einmal bestimmt, dass kein Stück Land verkauft oder als Mitgift an Michaels Schwester Andrea gegeben werden durfte.

Diese hatte sich allerdings anders schadlos gehalten und ihr Erbteil mit Hilfe von befreundeten Gutachtern auf eine derartig hohe Summe hochgetrieben, dass ihr Bruder einen größeren Kredit hatte aufnehmen müssen, um sie auszahlen zu können. Jetzt kämpfte der junge Bursche verzweifelt damit, die horrenden Zinsen aufzubringen. Da sein kleiner Hof selbst nur knapp ausreichte, um ihn und seine Mutter zu ernähren, arbeitete Michael als Kranführer bei der Baufirma Rippold, um etwas hinzuzuverdienen.

Gabi kannte Rippold gut genug, um zu wissen, dass dieser seinen Arbeitern das Äußerste abverlangte. Überstunden waren bei ihm eher an der Tagesordnung, und wenn es sein musste, holte er die Leute auch am Samstag zur Arbeit. Für Michael blieb daher wenig Zeit, sich um seinen Hof zu kümmern. Die anderen Bauern gingen mit einem Achselzucken darüber hinweg, schimpften aber, wenn er bis spät in der Nacht auf seinen Feldern arbeitete. Außerdem ärgerte sich nicht nur Gabis Vater darüber, dass der Hof beim Tod des alten Sarlinger nicht aufgeteilt worden war. Immerhin hatte Michael Sarlingers Schwester Andrea mit dem Mühlhammer Sepp einen Bauern geheiratet, der genau darauf aus gewesen war.

Gabi dachte mehr an den jungen Nachbarn, als es ihrem Seelenfrieden guttat. Sie hatte Michael schon früher gemocht und sich dieses Gefühl trotz der Feindschaft, mit der ihr Vater ihm jetzt begegnete, bis heute erhalten. Es ist dumm, dass der Papa so stur ist, dachte sie traurig. Der Michael hätte es gewiss viel leichter, wenn ihm irgendjemand helfen würde. Dabei war er früher eigentlich recht beliebt gewesen. Er hatte sich auch nie gescheut, selbst mit zuzugreifen, wo es nötig war. Gabi erinnerte sich an einige Gelegenheiten, bei denen er auch ihnen geholfen hatte. Doch als Dank erhielt er jetzt nur Missmut und Neid.

»Wenn ich nur wüsste, was in diesen letzten drei Jahren geschehen ist?«, fragte Gabi sich selbst. Sie hatte kurz nach dem Tod des alten Sarlinger ihr Heimatdorf verlassen, um auf einem großen Gutshof im Schwäbischen Landwirtschaft zu lernen. Erst vor wenigen Wochen war sie mit einem ausgezeichneten Abschluss nach Hause zurückgekehrt und hatte hier eine für sie mehr als überraschende Situation vorgefunden. Bei diesem Gedanken erinnerte sie sich an das erste Wiedersehen mit Michael in der Krämerei Hultinger. Sie war fröhlich lachend auf ihn zugegangen und hatte ihm die Hand entgegengestreckt. Im ersten Augenblick hatten seine Augen aufgeleuchtet. Doch dann hatte er nur ein Kaltes: »Ah, die Böhm Gabi ist auch wieder da«, gesagt und war gegangen. Zu ihrer eigenen Verwunderung schmerzte sie diese abweisende Haltung mehr als alles vorher in ihrem Leben.

*

Michael Sarlinger rieb sich kräftig über das Gesicht, um seine Müdigkeit zu vertreiben. Die Leuchtziffer seiner Uhr zeigte ihm, dass es bald Mitternacht sein würde. Dabei war er mit seiner Arbeit noch immer nicht fertig. Er überlegte sich, aufzuhören und das letzte Stück morgen zu ackern. Die Leute im Dorf würden eh schon genug über die Lärmbelästigung schimpfen. Doch dann sagte sich der junge Bauer, dass sie selbst schuld daran waren. Da ihm keiner helfen wollte, mussten sie eben die Sache so hinnehmen, wie sie war. Während er mit seiner Müdigkeit kämpfte, dachte er kurz daran, dass er in weniger als vier Stunden wieder aufstehen musste, um im Stall zu arbeiten. Bis vor Kurzem hatte ihm seine Mutter dies abgenommen. Doch jetzt lag sie krank im Bett und wusste sich selbst kaum zu helfen.

Bei dem Gedanken an seine Mutter fühlte Michael eine Bitterkeit, die fast in Hass auf die ganze Welt umschlug, und in einen Zweifel an die Gerechtigkeit Gottes. Was hatten er und seine Mutter denn verbrochen, um ein solches Schicksal zu verdienen, fragte er sich, während er den Ort mit einem finsteren Blick streifte. In einigen Häusern war jetzt Licht zu sehen. Irgendwie fand er es nur gerecht, dass die Nachtruhe seiner Nachbarn gestört wurde. Er musste ja auch seinen Schlaf opfern.

Einen kurzen Moment blieb sein Blick auf dem Böhmhof haften. Dort war jedoch alles dunkel. Er ärgerte sich darüber, denn mit diesem Nachbarn hatte er noch einige Rechnungen offen. Schließlich hatte sich Franz Böhm als Erster offen gegen ihn gestellt.

»Hochnäsige Bande«, fluchte Michael vor sich hin. Dabei stieg jedoch Gabis Bild in seinen Gedanken auf. Zu seiner eigenen Überraschung bedauerte er es jetzt, ihren freundlichen Gruß kurz nach ihrer Rückkehr so brüsk abgeschmettert zu haben. Er hatte sich jedoch am Vortag tierisch über ihren Vater aufgeregt und seinen Zorn auf sie übertragen. Vielleicht wäre sein Verhältnis zu den Böhmleuten besser, wenn Gabi nicht drei Jahre lang weg gewesen wäre, sagte er sich. Doch dann zuckte er mit den Achseln. Mit Wenn und Hätte kam er nicht weiter. Auch wenn Gabi bei ihrer Rückkehr noch freundlich zu ihm gewesen war, würde ihr Vater sie inzwischen schon entsprechend gegen ihn aufgehetzt haben, dachte er und richtete sein Augenmerk wieder auf seine Arbeit.

Eine knappe Stunde später bog er in die Einfahrt seines Hofes ein und stellte den Traktor in der Remise ein. Er fühlte sich wie zerschlagen und sehnte sich nach seinem Bett. Doch vorher musste er sich noch um seine Mutter kümmern, die in ihrer Kammer auf ihn wartete und ihn mit Vorwürfen empfing.

»Michl, hast du denn wirklich so lang arbeiten müssen? Du weißt doch, wie die Nachbarn immer schimpfen!«

»Wer soll sonst für mich ackern? Der Heilige Geist vielleicht?«, fragte er zornig. Er bereute seine harschen Worte jedoch sofort wieder und bat die Kranke um Verzeihung.

»Du bist ein guter Bub«, erwiderte seine Mutter. »Du hast es ned leicht mit mir. Jetzt, wo ich krank bin und nix mehr arbeiten kann, musst du dich auch noch um mich kümmern.«

»Das mach ich doch gern, Mama«, versuchte Michael sie zu beruhigen. Er wollte ihr Bett neu aufschütteln und merkte dabei, dass es völlig durchgeschwitzt war. Kurz entschlossen hob er seine Mutter heraus, setzte sie auf den Stuhl und wickelte sie in eine Decke.

»Aber, Michl, du kannst doch jetzt ned das Bett neu überziehen. Es ist ja bald eins. Du musst schlafen gehen. Ich mach das selbst«, protestierte sie und versuchte aufzustehen.

»Bleib sitzen!« Michael drückte seine Mutter zurück, nahm einen frischen Überzug aus dem Schrank und machte sich an die Arbeit. Er half der Kranken schließlich noch in ein sauberes Nachthemd, holte ihr noch ein Glas Wasser und dachte kurz, dass Tee eigentlich besser gewesen wäre. Doch als er schließlich in die Küche kam, in der noch das schmutzige Geschirr von drei Tagen aufs Spülen wartete, hatte er nur noch den Gedanken, ins Bett zu kommen. In seinem Zimmer sah er noch nach, ob der Wecker auch eingeschaltet war, und schlief bereits ein, bevor sein Kopf richtig auf dem Kissen lag.

*

Das Erwachen am nächsten Morgen war für Michael eine Qual. Im Winter war es ja halbwegs gegangen, denn da hatte er nicht auf den Feldern arbeiten müssen. Jetzt herrschte sowohl auf dem Bau wie auch in der Landwirtschaft Hochbetrieb und bis zum nächsten Winter war es noch weit.

Michael war so in seine Gedanken verstrickt, dass er nicht merkte, wie er noch einmal einschlief. Plötzlich schreckte er hoch und starrte entsetzt auf den Wecker. Mein Gott, ich muss in einer halben Stunde zur Arbeit, schoss es ihm durch den Kopf. Er verzichtete auf seine Morgentoilette, sondern steckte nur seinen Kopf in den Wassertrog im Stall. Während er in fiebriger Eile die Kühe molk und dabei die Maschine viel zu früh von einer Kuh zur anderen wechselte, eilte er kurz in die Küche, um das Frühstück für seine Mutter zu machen.

»Du bist spät dran, Michl. Du musst zur Arbeit«, drängte Maria Sarlinger, als er mit einer Kanne Tee und einem Teller voller Wurstbroten zu ihr hochkam.

»Ich hab verschlafen«, erklärte Michael, während er in aller Eile ihr Bett ausschüttelte. Dabei merkte er, dass er eine Tasse für sie vergessen hatte. Doch als er sie holen wollte, wehrte die Kranke ab.

»Das kann ich selbst tun, Michl. Du musst jetzt weg. Hast du eigentlich schon was gegessen?“ Als Michael den Kopf schüttelte, drückte sie ihm rasch zwei der drei Wurstbrote, die er für sie gebracht hatte, in die Hand und meinte: «Das eine langt mir. Ich kann mir ja Mittag selbst eine Kleinigkeit machen. Heut geht's mir nämlich schon wieder besser!" Ihr schmales, ausgezehrtes Gesicht entlarvte diese Worte jedoch als Lüge.

Michael hatte jedoch keine Zeit mehr, irgendetwas zu tun. Er verabschiedete sich von seiner Mutter, raste die Treppe hinunter und wollte schon zum Auto, als ihm einfiel, dass er ja noch die Milch zur Ablieferungsstelle bringen musste. Eigentlich hätte er auch noch das Melkgeschirr reinigen müssen. Doch dafür war keine Zeit mehr.

Obwohl er sich beeilte, kam Michael doch eine Viertelstunde zu spät auf der Baustelle an. Der Polier Hermann wartete bereits mit hochrotem Gesicht auf ihn.

»Du hast um halb sieben da zu sein, Sarlinger, und ned, wann's dir passt. Die Maurer werden im Akkord bezahlt, aber ohne Kranführer können sie ned anfangen. Also schau zu, dass du hinaufkommst! Und das nächste Mal bist du pünktlich, hast du mich verstanden?«

Michael würgte ein »Ja« heraus, denn er konnte sich keinen Streit mit dem Polier leisten. Dafür brauchte er das Geld, das er hier verdiente, einfach zu dringend. Ohne nach links oder rechts zu sehen, stürmte er zum Kran und kletterte flink hinauf. Oben angekommen, startete er das Gerät, noch bevor er auf seinem Sitz saß, und schwenkte den Ausleger herum. In den nächsten Minuten holte er etliche Paletten Ziegelsteine und mehrere Mörteltröge nach oben. Erst als alle Arbeiter versorgt waren, hatte er wieder etwas Zeit für sich selbst. Als Erstes ärgerte er sich, dass er sich nichts zu trinken mit hochgenommen hatte. Dabei klebte ihm die Zunge eh schon wie mit Uhu befestigt am Gaumen.

Er beugte sich aus dem Fenster und brüllte den beiden Arbeitern am Mörtelmischer zu, dass sie ihm eine Plastiktüte mit einer Flasche Limo an den Haken hängen sollten. Wegen der lärmenden Maschine hörten die Männer zwar, dass er etwas von ihnen wollte, begriffen aber nicht, was. Erst als er die Geste des Trinkens machte, nickte einer der beiden und rannte in die Baubude. Michael atmete auf, als er mit einer Plastiktüte zurückkehrte und diese am Kranseil befestigte.

»Vergelt's Gott«, brüllte Michael nach unten und holte die Tüte herauf. Durstig riss er sie vom Seil, holte die Flasche heraus und fluchte lauthals vor sich hin. Der Arbeiter hatte es zu gut gemeint und ihm eine Flasche von dem Freibier hochgeschickt, das der Bauherr gestern bezahlt hatte. Michael trank wenig Alkohol und hielt sich daher bei den Freibierrunden auch entsprechend zurück. Jetzt wurde ihm fast übel, als er die Flasche öffnete und den ersten Schluck trank. Sein Durst war jedoch so groß, dass er nicht eher aufhören konnte, bis die Flasche leer war.

Er spürte die Wirkung des Alkohols rasch und doppelt. Seine Lenkbewegungen wurden fahriger, und er musste sich arg zusammenreißen, um die Traglasten des Krans sicher zu transportieren. Zum anderen wurde er müde und konnte nur mit Mühe seine Augen offen halten. Am liebsten hätte er seinen Kopf auf die Steuerkonsole gebettet, um ein paar Minuten zu schlafen. Doch er konnte nicht einmal mit der Arbeit innehalten, als die Maurer Brotzeit machten. Wenn sie damit fertig waren, wollten sie neue Ziegelsteine und gefüllte Mörteltröge vorfinden.

Danach wurde es für Michael wieder etwas leichter. Er konnte jedoch erst nach dem Hupsignal, das die Mittagspause ankündigte, seinen Kran verlassen und sich ein paar Wurstsemmeln in dem kleinen Laden um die Ecke kaufen. Er besorgte sich auch noch zwei Flaschen Limo, steckte sie in seine Jackentasche und kehrte auf seinen Kran zurück. Während er langsam seine Semmeln aß, saßen die anderen Arbeiter unten zusammen und unterhielten sich lachend miteinander. Michael beneidete sie wider Willen. Ihre Welt war zwar klein, aber fest gefügt. Sie mussten sich nicht mit Banken herumschlagen, die schier unbezahlbare Zinsen von ihnen forderten, und wenn sie Kranke zu Hause hatten, gab es immer einen Menschen, der Zeit hatte, sie zu versorgen, während er ...

Die Hupe, die zur Wiederaufnahme der Arbeit rief, riss ihn aus seinen trüben Gedanken heraus. Er bediente die Maurer wieder mit Material und dachte über die Arbeit nach, die ihn zu Hause erwartete. Es war verdammt viel, aber wenn er gut vorwärtskam, konnte er es schaffen. Doch kurz vor fünf Uhr kam jedoch der Polier mit dem Megafon in der Hand aus der Bauhütte.

»Leute, wir arbeiten heute eine Stund länger. Und du, Sarlinger, räumst danach noch den Pausenraum auf, dafür, dass du in der Früh zu spät gekommen bist!«

»Du kannst mich ...«, fluchte Michael oben in seiner Krankabine los. Selbst wenn er sich beeilte, würde er heute nicht vor neunzehn Uhr zu Hause sein. Aber er hatte keine andere Wahl, als sich von Hermann schikanieren zu lassen. Es gab genug Arbeitslose in der Gegend, die gerne seinen Job machen würden. Er sagte sich dies zwar jeden Tag ein halbes Dutzend Mal. Dennoch gab es ihm nicht die nötige Gelassenheit, Hermann ertragen zu können. Während er die Stunde länger im Kran saß und später die Pausenhütte aufräumte und kehrte, rechnete er in Gedanken nach, wie lange er noch hier arbeiten musste, um seine Schulden auf ein Maß zu drücken, das ihm wieder Luft zum Atmen ließ.

Schließlich gab er es auf, darüber nachzudenken. Er brachte noch die Bierträger mit dem Leergut nach vorne, schloss dann ab und verließ als Letzter die Baustelle. Als er zu Hause ankam, hörte er die Kühe schon laut und drängend im Stall brüllen. Sie hatten Hunger und wollten gemolken werden. Er holte rasch den leeren Tank von der Sammelstelle und griff dann zur Gabel, um die Tiere zu füttern. Doch als er die Tür des Stalles öffnete, sah er seine Mutter am Boden liegen. Wie Espenlaub zitternd versuchte sie aufzustehen, doch die Beine knickten immer wieder unter ihr weg.

»Mutter, was ist denn los?« Michael eilte erschrocken zu ihr hin und hob sie auf.

»Die Kühe haben so geschrien. Wie du ned gekommen bist, hab ich in den Stall gehen wollen. Aber ich bin zu nix mehr zu gebrauchen.« Maria Sarlinger brach in ein verzweifeltes Schluchzen aus und klammerte sich an ihren Sohn. »Es wär besser, wenn ich sterben tät!«

»Mutter, so was darfst du ned sagen«, flehte Michael sie an. Er trug sie vorsichtig ins Haus, überzog ihr nasses Bett frisch und kochte Tee und eine Brühe mit verquirltem Ei. Später ging er dann in den Stall, um die Kühe und das Jungvieh zu füttern. Die Zeit drängte, und er konnte das Melkgeschirr nur sehr oberflächlich säubern. Er nahm sich vor, die Anlage am Wochenende richtig zu reinigen. Jetzt musste er auf das Feld, um es für die Aussaat des Herbstfutters vorzubereiten.

*

Franz Böhm lauschte dem dumpfen Dröhnen des Traktors, das durch die absolute Windstille, die in dieser Nacht herrschte, durch jedes Fenster drang, und gab einige bissige Kommentare zum Besten. Gabi fühlte hingegen Mitleid mit Michael. Gleichzeitig aber bewunderte sie ihn und fragte sich, ob die Leute, die jetzt so über ihn schimpften, an seiner Stelle nicht schon längst unter der Last der Arbeit zusammengebrochen wären. Als sie diesen Gedanken äußerte, fuhr ihr Vater jedoch wie von einer Tarantel gestochen hoch.

»Hilfst du dem Grattler auch noch? Es hätt hundert Möglichkeiten für ihn gegeben, das depperte Testament zu umgehen. Ich hab ihm sogar Geld angeboten, wenn er mit mir einen Vertrag gemacht hätt, dass ich die Felder, die ich von ihm haben will, an dem Tag krieg, an dem die blöde Testamentsklausel ausläuft. Aber er hat's abgelehnt. Dabei könnt ich sein Winklerfeld so gut gebrauchen. Es liegt genau zwischen unseren beiden Gerstenäckern. Ich hätt dann einen Riesenacker mit über dreißig Tagwerk gehabt.«

Gabi kannte diesen Wunsch ihres Vaters bereits auswendig. Ihr war jedoch neu, dass er mit Tricks, wie man sie sonst nur von Winkeladvokaten kannte, daran kommen hatte wollen. Da war es kein Wunder, dass ihr Michael so ablehnend gegenüberstand, dachte sie bedrückt, und ärgerte sich gleichzeitig über ihn, weil er es tat.

Da sie keine Antwort gab, sprach ihr Vater weiter. »Gell, da sagst du jetzt nix mehr. Aber das wird ihn noch reuen, das sag ich dir. Sobald's zur Zwangsversteigerung kommt, hol ich mir ned bloß das Winklerfeld, sondern auch den Irlberg und das Mettenhammer Feld dazu.«

»Bescheiden bist du ja grad ned«, erwiderte Gabi mit spröder Stimme. »Erst muss der Michael erst einmal so weit kommen. Und zum anderen sind ja auch noch die anderen Nachbarn da.«

»Das schon, aber im Gegensatz zu ihnen hab ich das Geld. Denn ich ... wir haben immer sparsam gelebt. Wir brauchen keinen Sechszylinderdiesel in der Garage wie der Riebler, und müssen auch ned wie der Heimgruber einen Stall von Schratzen durchfüttern. Jeder von seinen drei Buben hat sein eigenes Auto, und dabei studieren die zwei jüngeren, anstatt wie ehrliche Leut Geld zu verdienen!« Böhm schüttelte es bei diesen Gedanken, dann sah er seine Tochter grinsend an.

»Du hast mich in den letzten drei Jahren keinen einzigen Cent gekostet. Dabei hast du die Landwirtschaft vom Pickel auf gelernt und dafür sogar noch ein schönes Taschengeld bekommen. Das hab ich doch gut eingefädelt gehabt, sagst du ned auch?« Es klang so selbstgefällig, dass Gabi sich von einem kleinen Teufelchen geritten an ihre Mutter wandte.

»Du, Mama, stimmt es, dass unser Großvater Mac Böhm geheißen hat und aus Schottland gekommen ist?«

»Nein, der Opa hat ned Max geheißen«, entgegnete ihre Mutter, die den Witz nicht begriffen hatte. Bei Gabis Vater klingelte es hingegen.

»Sparsamkeit hat noch nie geschadet«, belehrte er seine Tochter. »Schau dir doch bloß die Schwaben an. Die wissen, wie man zu was kommt.«

»Du aber auch«, wandte seine Frau ein. Obwohl es ein wenig bitter klang, lächelte Franz Böhm geschmeichelt.

»Besser wie ich steht kein anderer Bauer im ganzen Gäu da. Das muss mir erst einmal einer nachmachen.«

»Dafür haben die anderen Haushalte auch einen Videorekorder, eine Spülmaschine und andere Sachen, die wir wegen deinem Geiz ned haben«, rief Gabi rebellisch. »Das Gwand, das die Mutter zur Kirch anziehen muss, hat sie gewiss schon zu meiner Kommunion getragen. Auch ich bräucht längst wieder was Neues.«

»Es kommt doch bald Weihnachten. Da kriegst du ja ein neues Kleid«, versuchte die Mutter Gabi den aufziehenden Streit zwischen ihrem Mann und ihrer Tochter zu entschärfen.

»Jetzt hat grad mal der September angefangen«, erwiderte Gabi ungerührt. „Aber da wir grad dabei sind. Mein Taschengeld ist auch überfällig."

»Du hast dir doch noch Geld von der Lehr gespart«, meinte ihr Vater verwundert.

»Das heißt aber ned, dass ich daheim umsonst arbeiten muss«, fuhr ihm Gabi in die Parade.

»Das ned! Ich schreib dir schon auf, was du zu kriegen hast. Du brauchst doch bei uns im Ort fast nix. Zahnpasta und Seife kauft die Mutter, Kleidung hast du noch. Sag, was willst du denn?«

»Geld, damit ich auch einmal zum Tanz gehen kann«, konterte Gabi.

»Bei uns laden die Burschen ihre Dirndln alleweil noch zum Tanz ein«, erwiderte Böhm brummig. »Du brauchst ja bloß mit dem Finger zu schnackeln, und schon holt dich der Wirtshansi mit Vergnügen ab.«

»Ich bin lieber selbstständig und keinem verantwortlich. Dann kann ich nämlich tanzen, mit wem ich will«, fauchte Gabi, die genau wusste, worauf ihr Vater hinauswollte.

»Was hast du denn gegen den Walpert Hans einzuwenden?«, fragte jetzt ihre Mutter, die den Gastwirtssohn ebenfalls als möglichen Schwiegersohn ins Auge gefasst hatte.

»Er schaut gut aus, hat ausgezeichnete Manieren, und es ist gewiss keine Sünd, dass er einmal den reichsten Besitz im Ort erben wird. Mit unserem Hof zusammen gäb das ein Vermögen wie kaum ein zweites im Landkreis. Außerdem hab ich läuten gehört, dass sein Vater bei der nächsten Landtagswahl einen sicheren Listenplatz kriegen soll. Ist das vielleicht nix?«

Franz Böhm erntete jedoch nur ein Achselzucken von Gabi. »Soll ich vielleicht vor seine Füße hinfallen und ihm dafür danken, dass er ein gewisses Interesse an mir zeigt?«

»Ein gewisses Interesse«, fuhr ihr Vater auf. »Der Hans ist über beide Ohren in dich verliebt!«

»Aber ich leider ned in ihn. Also gebt euch keine Mühe! Ihr könnt mich ned mit ihm verkuppeln. Ich will einen ganz anderen Mann«, erklärte Gabi bestimmt und konnte dabei nicht verhindern, dass Michael Sarlingers markantes Gesicht in ihren Gedanken erschien.

Franz Böhm fragte sich, ob es nicht doch ein Fehler gewesen war, seine Tochter zur Lehre wegzuschicken. Sie hatte zwar schon immer einen eigenen Kopf gehabt, doch jetzt hatte er langsam das Gefühl, nicht mehr mit ihr fertigzuwerden.

»Wenn du den Walpert Hans besser kennenlernst, wirst du schon erkennen, dass die Mutter und ich es gut mit dir meinen«, erklärte er ärgerlich und schaute sehr betont auf die Uhr. »Jetzt ist es schon wieder so spät geworden. Marsch ins Bett. Die Arbeit macht sich morgen ned von allein.«

*

Sepp Mühlhammer starrte durch das offene Fenster zu dem Lichtstreifen hinüber, welche die Scheinwerfer des Traktors seines Schwagers Michael Sarlinger über den Hang zogen. Als er sich schließlich zu seiner Frau Andrea umdrehte, schwang beinahe widerwilliger Respekt in seiner Stimme mit.

»Dein Bruder muss Kraft wie ein Stier haben. Jeder andere an seiner Stell wär längst zusammengebrochen!«

»Auch den Michl wird's noch erwischen«, fauchte Andrea unversöhnlich. »Auch für ihn hat der Tag bloß vierundzwanzig Stunden.«

»Das hast du schon vor einem Jahr gesagt, und vor zweien ebenfalls«, wandte Sepp ein. »Aber der Michl hält noch alleweil durch.«

»Aber jetzt wird es ihn erwischen«, gab seine Frau kalt zurück. »Jetzt, wo auch noch die Mutter krank geworden ist, kann es der Michl einfach nimmer schaffen. Er wird noch in diesem Jahr zusammenbrechen, das schwör ich dir.«

»Schön wär's! Aber weil du grad deine Mutter erwähnt hast. Mich haben sie heut beim Stammtisch auf sie angesprochen.«

»So, und was haben deine Saufkumpane denn gesagt?«

»Der Schlögl Hias hat zum Beispiel gemeint, dass ja du dich um deine Mutter kümmern könntest.«

»So, hat er das?«, erwiderte Andrea schnippisch. »Warum tut er es denn ned selbst?«

»Weil es ned seine, sondern deine Mutter ist«, sagte Sepp grollend. »Er hat ja recht damit! Mir passt das Ganze zwar ned, aber es geht um unseren Ruf im Ort. Du willst dich gewiss ned als herzlose Tochter verschimpfen lassen?«

»Das sollen sich die Leut nur trauen. Denen leucht ich heim, dass ihnen das Hören und Sehen vergeht«, rief Andrea empört. Sie trat neben ihren Mann und schloss das Fenster, so dass das Brummen des Traktors nur noch gedämpft hereindrang. Dabei arbeitete es so heftig in ihrem Gesicht, dass Sepp in Erwartung eines Donnerwetters den Kopf einzog. Als sie jedoch weitersprach, wirkte sie ruhig und zuversichtlich.

»Es ist vielleicht gar keine so schlechte Idee, zu meiner Mutter hinüberzuschauen. Vielleicht erfahr ich was. Außerdem will ich ned, dass uns die Nachbarn schwach anreden.«

»Es ist halt einmal so. Dafür sind wir auf dem Dorf«, erwiderte Sepp in entschuldigendem Ton.

»Vielleicht sollt ich auch mit meinem Bruder reden. Der Streit zwischen uns muss einmal ein End haben«, fuhr seine Frau fort. Sepp riss es direkt herum, doch als er Andrea fragend anstarrte, winkte sie nur ab.

»Überlass das ruhig mir. Bloß eins, wenn du ab jetzt dem Michl auf der Straße begegnest, winkst du ihm zu.«

»Ja, aber wir haben ihn doch die ganzen drei Jahre ned gegrüßt«, wunderte sich ihr Mann.

»Ich weiß schon, was ich will. Aber jetzt was anders. Dem Michl sein Milchtank ist doch heut wieder den ganzen Tag an der Ablieferungsstelle gestanden?«

"Freilich. Ich hab ihn in der Früh noch auf die Seite räumen müssen, weil ich ned daran vorbeigekommen bin. Der Milchfahrer hat ihn nämlich halb in der Straße stehen lassen.“

Andrea nickte zufrieden. Sie hatte diese Szene vom Haus aus gesehen und danach den Hof ihres Bruders mit dem Feldstecher ausgespäht. Dabei war ihr nicht entgangen, dass Michael auch die Melkmaschine nicht gereinigt hatte. Da sie im Gegensatz zu ihrem Mann weniger auf die Arbeiten achtete, die ihr Bruder erledigte, sondern mehr auf das, was er liegen lassen musste, war sie sich sicher, dass er nicht mehr lange durchhalten konnte. Vor allem nicht, wenn jemand nachhalf. Man durfte natürlich nicht ihr die Schuld für die Probleme geben, die ihrem Bruder in den Weg rollen würden. Mit einem Lächeln schweifte ihr Blick zum Böhmhof hinüber. Franz Böhm hatte nie einen Hehl aus seiner Wut auf Michael gemacht. Andrea fand es an der höchsten Zeit, die Leute wieder daran zu erinnern.

*

Auch an diesem Abend war Michael nicht vor ein Uhr ins Bett gekommen. Fast eine halbe Stunde hatte es ihn gekostet, die Ängste seiner Mutter zu beschwichtigen. Sie war in ihren bisher knapp fünfzig Jahren nie ernsthaft krank gewesen und lebte jetzt in der Vorstellung, nicht mehr auf die Beine zu kommen und damit ein Mühlstein am Hals ihres Sohnes zu bleiben.

Michael redete ihr zu wie einer kranken Kuh. Er brachte sie auch dazu, ein paar Löffel der Brühe zu essen, die er noch schnell kochte, und deren Reste er mit eingebrocktem Brot heißhungrig verschlang. Ihm war klar, dass etwas geschehen musste. So konnte es nicht weitergehen. Doch sosehr er sein Gehirn auch zermarterte, ihm fiel kein Ausweg ein. Er musste arbeiten, bis ihm die Schwarte krachte, um seiner Mutter ihr Heim zu erhalten. Er selbst traute sich zu, in die Stadt zu gehen und dort Arbeit zu finden. Aber sie würde den Verlust des kleinen Hofes und ihrer Heimat nicht verwinden.

Du auch nicht, denk doch nur daran, wie du dich jeden Tag über den Polier ärgerst, korrigierte er sich in Gedanken. Er war nun einmal mit allen Sinnen Bauer und würde sich nie an die untergeordnete Stellung eines Hilfsarbeiters gewöhnen. »Wenn bloß der Hof größer wär, dann müsst ich ned nebenbei arbeiten«, seufzte er, als er schließlich ins Bett ging.

Am nächsten Morgen wachte er zwar rechtzeitig auf. Es ging seiner Mutter jedoch weitaus schlechter, und er brauchte einige Zeit, um sie zu versorgen. Dafür musste auch heute die Stallarbeit zurückstehen. Bevor er losfuhr, versprach er seiner Mutter noch, in der Mittagspause nach ihr zu sehen.

Diesmal kam er rechtzeitig zur Arbeit. Während er auf seinen Kran stieg, dachte er daran, was zu Hause alles an Arbeit auf ihn wartete. Außerdem machte er sich mehr Sorgen um seine Mutter, als er sich eingestehen wollte. Bei der mangelhaften Pflege, die er ihr zukommen ließ, konnte sie einfach nicht gesund werden.

Er beschloss, erneut den Doktor zu rufen. Seit der alte Dorfarzt Dr. Kneißl in den Ruhestand getreten und fortgezogen war, musste er jedes Mal einen Arzt aus der Stadt rufen. Dieser verstand jedoch die Bauern nicht so gut, um ihr Vertrauen zu erwerben. Man rief ihn, wenn es nicht mehr anders ging, versuchte sich aber sonst mit den alten, überlieferten Hausmitteln zu helfen. Auch seine Mutter hatte einem Besuch des Arztes erst zugestimmt, als sie es vor Schmerzen nicht mehr ausgehalten hatte.

Michael wollte in der Mittagspause rasch bei der Praxis vorbeifahren und einen Termin für den Abend vereinbaren. Er musste auch der Sprechstundenhilfe erklären, dass der Arzt nicht vor achtzehn Uhr kommen sollte, da sonst außer der Kranken niemand daheim war.

Als die Mittagshupe erklang, stieg er so schnell er konnte vom Kran und stieg in sein Auto. Zu seinem Pech war auch in der Arztpraxis gerade Mittagspause. Es dauerte daher einige Minuten, bis jemand auf sein drängendes Läuten reagierte. Eine Arzthelferin kam, mit einem halb ausgelöffelten Joghurtbecher in der Hand, zur Tür und erklärte ihm ärgerlich, dass er gefälligst um zwei Uhr wiederkommen sollte.

Michael versuchte ihr zu erklären, dass eben dies nicht ging und wies auf seine kranke Mutter hin. Die junge Frau hörte ihm sichtlich uninteressiert zu und antwortete schließlich, dass sie mit dem Doktor sprechen würde.

»Vergessen Sie aber bitt schön ned, dass ich erst kurz vor sechs daheim sein kann«, beschwor Michael sie eindringlich und verließ mit einem ärgerlichen Schnauben die Arztpraxis. Der Aufenthalt hatte ihm so viel Zeit gekostet, dass er gerade noch kurz nach Hause fahren und nach seiner Mutter schauen konnte. Er würde jedoch nicht mehr dazu kommen, sich etwas zum Mittagessen zu kaufen. Dies war ärgerlich, weil er schon seit einigen Tagen nicht mehr richtig gesessen hatte. Aber dann dachte er achselzuckend, dass er schon ganz andere Dinge überstanden hatte, und trat das Gaspedal durch.

Als er seinen Hof erreichte, sah er zu seiner Verwunderung ein fremdes Auto dort stehen. Ein Mann im grauen Kittel stiefelte mit einem schwarzen Köfferchen in der Hand auf dem Anwesen herum und steckte gerade seinen Kopf in den Stall.

»He, Sie da, was machen Sie da?«, rief ihn Michael empört an.

Der andere drehte sich zu ihm um und musterte ihn mit einem abschätzenden Blick. »Sind Sie der Bauer?«, fragte er.

»Bis heut früh war ich's noch«, erwiderte Michael kühl.

»Grüß Gott. Mein Name ist Laubmeier. Ich komme vom Gesundheitsamt. Ich wollte mal ihre Melkanlage untersuchen«, stellte sich der Mann vor.

»Wieso?«, fragte Michael verwundert. »Mit der ist doch alles in Ordnung.«

»So würde ich das nicht sagen. Das Melkgeschirr ist heute nicht aufgeräumt worden. Außerdem strotzt es direkt vor Dreck. Was meinen Sie, was da für Keime entstehen können.«

»Ich wasch das Zeug ja heut Abend, bevor ich ans Melken geh«, erwiderte Michael wütend über den belehrenden Tonfall das anderen.

»Das Melkgeschirr gehört gleich nach jedem Melken gewaschen und sterilisiert«, fuhr Laubmeier ungerührt fort. »Lassen Sie sich das gesagt sein. Schauen Sie, was sonst passiert!« Mit diesen Worten nahm er ein Melkgeschirr von der Anrichte und fuhr mit einem Prüfstreifen in einen Zitzenbecher hinein. Nach einer Minute hielt er Michael den verfärbten Streifen vor die Nase. »Sehen Sie, der Streifen wird bereits rot. Das heißt, in Ihrer Melkanlage sind schon so viele Keime, dass es gesundheitsgefährdend ist.«

»Ich hab Ihnen doch gesagt, dass ich es heute Abend sauber mach«, entgegnete Michael genervt. »In der Früh hab ich's ned tun können, weil meine Mutter krank ist und ich zur Arbeit hab müssen.«

»Ich will beim ersten Mal nicht so sein und es daher bei einer Ermahnung belassen«, gab sich Laubmeier großzügig. »Aber Sie müssen damit rechen, dass ich Sie ab jetzt öfters kontrollieren werde. Wenn noch einmal etwas vorkommt, muss ich Ihnen leider den Verkauf Ihrer Milch verbieten.«

»Ich mach ja alles, was Sie wollen«, versprach Michael, dem die Zeit unter den Nägeln brannte. So leicht wurde er Laubmeier jedoch nicht los. Dieser hielt ihm noch einen Vortrag über Hygiene und nannte ihm einige Mittel, die er unbedingt zum Sauberhalten seiner Melkanlage brauchen würde. Zuletzt schrieb er einige dieser Mittel noch auf einen Zettel auf, obwohl Michael ihm verzweifelt erklärte, dass er die Sachen doch bereits alle hätte.

»So, und jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten«, meinte Laubmeier schließlich, während er Block und Stift wegsteckte. Michael hatte fast das Gefühl, als würde der andere erwarten, dass er sofort seine Melkmaschine reinigen würde. Doch dafür hatte er wirklich keine Zeit mehr. Er verabschiedete sich von dem Mann und eilte ins Haus zu seiner Mutter.

»War was Michl? Ich hab denkt, ich hätt was gehört.« Die Kranke klammerte sich ängstlich an seinen Arm.

»Es war nichts Wichtiges«, lenkte Michael ab. »Das Einzige, was zählt, ist, dass du wieder gesund wirst. Darum hab ich den Doktor für heut Abend bestellt. Du wirst sehen, danach schaut alles schon wieder viel besser aus.«

»Um deinetwegen will ich's hoffen«, erwiderte Maria Sarlinger mit einem tiefen Seufzer. »Du hast ja eh schon so viel zu tun. Da kannst du dich ned auch noch um mich kümmern.«

»So schlimm ist das auch ned«, versuchte Michael sie zu beschwichtigen. »Außerdem wirst du ja ned ewig krank bleiben!«

»Nein, dass will ich ned«, flüsterte seine Mutter mit bleichen Lippen. »Aber es will halt ned besser werden. Wenn du bloß wen hättest, der dir hilft. Vielleicht solltest du doch einmal mit dem Böhm Franz reden. Wenn du ihm sagst, wie schlecht es mir geht, unterstützt er dich vielleicht.«

»Wenn ich ihm meinem halben Hof verschreib, sicher«, entgegnete Michael voller Groll. »Aber genau das hat der Vater ned wollen. Für den Böhm und die anderen großen Bauern war er immer bloß der kleine Krauter. Sollen sie jetzt auch noch dafür belohnt werden?«

»Vielleicht siehst du das bloß falsch. Wir sind doch alleweil gut mit dem Böhm ausgekommen. Michl, versprich mir, dass du dich um eine Hilfe umschaust. Ich könnt sonst nimmer ruhig in meinem Bett liegen bleiben.«

»Ich schau, was ich tun kann.« Ein Blick auf die Uhr zeigte Michael, dass in wenigen Minuten auf der Baustelle die Pause vorbei war. Er kam auf alle Fälle zu spät zurück. Er holte seiner Mutter noch rasch eine Flasche Limo aus dem Keller, nahm selbst ein Stück trockenes Brot und verließ das Haus.

Diesmal parkte er seinen Wagen in einer Nebenstraße und betrat die Baustelle von der anderen Seite. Während er ungesehen den Kran erreichte und hochkletterte, sah er den Polier mit zornrotem Gesicht an der Einfahrt stehen. Wegen mir kannst du vor Wut platzen, dachte er giftig, während er nach unten Zeichen gab und die erste Palette mit Ziegelsteinen hochholte. Er wusste, dass er auf diese Weise die Auseinandersetzung mit Hermann nicht verhindern, sondern nur hinauszögern konnte. Aber er fühlte sich jetzt nicht in der Lage, nach Laubmeiers belehrender Arroganz und dem Gejammer seiner Mutter auch noch das Wutgebrüll seines Vorgesetzten zu ertragen.

Die Standpauke, die er nach Feierabend erhielt, war allerdings noch schlimmer, als er befürchtet hatte. Hermann stauchte ihn wie einen Rekruten auf dem Kasernenhof zusammen, der eben den General nach einem Gepäckträger für seinen Koffer gefragt hatte.