Vigor - Suche nach der Wahrheit - Angela Planert - E-Book

Vigor - Suche nach der Wahrheit E-Book

Angela Planert

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Beschreibung

An der Seite von Nathan Kairoyan, dem Herrscher der Kairos Inseln, kehrt Nurel nach Hause zurück. Ist er wirklich der vor langer Zeit entführte Sohn Kairoyans? Bevor Nurel darauf eine Antwort findet, sperrt ihn das verschlagene Tribunal unter einem Vorwand ins Verlies. Durch die Fähigkeit sich tot zu stellen gelangt er aus dem Kerker. Mit Folter und Intrigen versucht das Tribunal, Nathan Kairoyan um seine Herrschaft zu bringen. In der Fremde der Kairos Inseln, auf sich allein gestellt, versucht Nurel die Wahrheit seiner Herkunft und die Verschwörung gegen Kairoyan zu ergründen.

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Die Bestie
Der Plan
Die Zeremonie
Misstrauen
Der Gefolterte
Der Eremit
Gerettet
Kloster
Verschwunden
Naryella
Auf dem Schiff
Erinnerung
Fatale Entscheidung
Ungewissheit
Am Ende
Entscheidung
Furchtbare Entdeckung
Kairoyan
Klein Nathan
Verdacht
Abschreckende Augen
Das besondere Mahl
Das Ritual
Der Kerker
Schlaf
Die Versammlung
Rückkehr

 

 

Vigor

 

Vierter selenorischer Roman

von

 

Angela Planert

 

Suche nach der Wahrheit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© 2021 Angela Planert

16540 Hohen Neuendorf Fr.-Herder-Straße 3

www.Angela-Planert.de

2. Auflage

 

Lektorat: Birgit Maria Hoepfner

www.textewerkstatt.de

Covergestaltung: © Florian Witkowski

www.fw-grafikdesign.de

 

Illustrationen: Ravenshadow

Holger Herrmann

 

 

Tolino Media

 

Alle Rechte vorbehalten. Insbesondere sind inbegriffen: das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video (auch einzelner Text- und Bildteile) sowie der Übersetzung in andere Sprachen.

 

 

Vigor

(Lebenskraft)

„Selene“ die griechische Mondgöttin

(altgriechisch Σελήνη „Mond“) 

dient als Namensgeberin

dieser Buch-Reihe.

 

In der Welt der zwei Monde, des Weißen und des Roten, wachsen die mittelalterlich anmutenden selenorischen Romane mit

wechselnden Protagonisten, bekannten Orten

sowie untereinander verbundenen Ereignissen zu einem gewaltigen

Epos heran.

 

 

Personen-Glossar

 

Nathan KairoyaneHerrscher der Kairos Inseln, wird mit „Charis“ angesprochen, welches sich vom Wort „charismatisch“ ableitet.

 

Zakasar h erster Vertrauter Kairoyans

Osysar h zweiter Vertrauter Kairoyans

Mizian h dritter Vertrauter Kairoyans

 

UnasuhhNurels Freund und treuer Begleiter

 

Tajador Brüder der ermordeten Ehefrau Kairoyans

Dyonsar f Mitglied des Tribunals

Krylan f Mitglied des Tribunals

Scysar f Mitglied des Tribunals

Vurac h junger Gefolgsmann der Mönche

Wukar h junger Gefolgsmann der Mönche

Yarsel h Bewohner der ärmlichen Siedlung der Stadt Kayros

Karysar h Ältester der Versammlung

Dantasar h Anführer der zwielichtigen Mönche

Jatarass h Sohn des Waffenhändlers

 

Gerrit Seleni h Sohn von Glenn Seleni

Glenn Seleni h Freund von Nathan Kairoyan

Luana Seleni h Tochter von Glenn und Angebetete von Nurel

Sanar h Gefährte von Gerrit

 

Naryella Kairoyan eermordeteFrau Kairoyans

 

Die Bestie

Betäubt lag Nurel auf dem Tisch, nicht fähig, sich zu rühren oder sich zu wehren und doch nahm er alles wahr, was sich um ihn herum ereignete. Starr blickte er zur Decke empor; durch die ihm verabreichte Droge war es ihm nicht einmal möglich, die Augenlider zu schließen. Im hellen Fackelschein konnte er ohnehin nur schemenhaft Umrisse erkennen. Jemand ergriff seine Hand, drückte die Daumenspitze fest zusammen und schnitt die Fingerkuppe tief bis zum Fingernagel ein. Dieser Schnitt wurde an allen zehn Fingern durchgeführt, schließlich wurden die Zehen in gleicher Weise entstellt. Nurel empfand diese Folter als unerträglich schmerzhaft, denn obwohl diese Droge ihn ruhigstellte, schaltete sie nicht seine Empfindungen aus. Jedoch war er unfähig, zu schreien oder sich anders zu äußern. Nur ein stöhnendes Keuchen drang bei jedem Schnitt aus seiner Kehle. Dann erschien ein dunkelblauer Schatten vor seinen bewegungslosen Augen. Vier Finger schoben derb seine Oberlippe hoch bis zur Nasenspitze und verdeckten die Nasenlöcher. Plötzlich spürte er einen furchtbaren Schmerz im Zahnfleisch. Eine scharfe Klinge schnitt über den Knochen des Oberkiefers, sodass es knirschte. Ein zweiter Schnitt folgte. Der höllische Schmerz durchfuhr seinen ganzen Körper. Das Blut lief Nurel den Rachen hinunter.

Verzweifelt kämpfte er gegen die Betäubung seines Körpers an, die ihn hilflos diesen Barbaren auslieferte. Tatsächlich wurde nach und nach sein Atmen kräftiger, und schließlich konnte er zumindest seine blutenden Finger bewegen. Noch bevor er jedoch seine Hand heben konnte, prallte ein harter Gegenstand an seine rechte Schläfe und es wurde dunkel.

 

Weit entfernte Stimmen veranlassten Nurel, seine schweren Augenlider zu öffnen. Zuerst erblickte er nur verzerrte Bilder von Gestalten, die wie breite kleine Monster wirkten.

„Bitte sag, dass dieser Vorfall nicht wahr ist“, hallte die Stimme von Nathan Kairoyan eigenartig unter der Droge in seinen Ohren.

„Diese Kreatur ist untragbar für Eure Sicherheit, Charis“, behauptete Krylan.

„Nein. Ich kann das nicht glauben“, hörte Nurel Kairoyans Stimme.

„Seht doch selbst, Charis. Aus den Fingerkuppen wuchsen lange, spitze Krallen und aus dem Mund ragten gefährliche Fangzähne heraus. Wie ein Raubtier ist er über Scysar hergefallen. Ich kann ihn unmöglich von seinen Ketten befreien. Er ist eine Gefahr für uns alle“, beharrte Krylan.

Nurel konnte sich nicht verteidigen. Seine Kehle, sein Mund waren vollkommen gefühllos. In seiner rechten Kopfhälfte pochte ein heftiger Schmerz. Sein rechtes Auge war zugeschwollen. Nur langsam erkannte er vor sich, hinter den Gitterstäben, Nathan Kairoyan, daneben standen Krylan und Dyonsar, zwei Mitglieder des Tribunals.

„Er wirkt benommen.“ Kairoyan schaute Nurel intensiv in die Augen. „Ihr habt ihm eine Arznei gegeben. Ihr habt ihn betäubt!“

„Aber nein, Charis. In meiner Angst schlug ich vielleicht etwas zu kräftig zu.“

„Öffnet die Tür. Ich will zu ihm.“

„Das werde ich auf keinen Fall zulassen, Charis. Er ist unberechenbar“, widersprach Dyonsar eindringlich.

„Öffnet mir sofort die Tür!“ Drohend betonte Kairoyan jedes einzelne Wort.

„Er ist eine Bestie …“, versuchte Dyonsar erneut abzuraten.

„Schweigt!“, schrie Kairoyan wütend. Er riss energisch den Schlüssel an sich. „Wartet oben vor der Tür! Alle! Ich dulde keinen Widerspruch!“

Zögernd folgten die zwei Männer Kairoyans Befehl und verschwanden mit den fünf weiteren Wächtern über die Stufen zur hölzernen Verliestür hinauf. Kairoyan wartete, bis er hörte, wie die obere Tür ins Schloss fiel, dann drehte er sich um und öffnete die Gefängniszelle. Erst jetzt bemerkte Nurel, dass er seitlich auf einem Haufen Stroh lag. Seine Handgelenke, seine Fußgelenke sowie sein Hals waren mit Metallschellen an schweren Eisenketten befestigt. Sogar um seine Taille hatte man drei Ketten gelegt. Während Kairoyan auf ihn zukam, wurden Nurels Augen bleischwer, mühevoll schlug er sie wieder auf. Kairoyan hockte sich vor sein Gesicht, schweigend sah er Nurel eine Weile in die blinzelnden Augen.

„Ich will diesen Vorfall einfach nicht wahrhaben. Nurel! Bitte sag etwas!“ Die Benommenheit kehrte zurück. Nurel sammelte all seine Kraft, obwohl seine Augenlider immer wieder zufielen.

„Lüge“, gelang ihm mühsam ein Flüstern.

Er holte Luft. „Hilfe.“

 

„Kairoyan ist zu misstrauisch. Ich fürchte, unser Plan geht nicht auf“, erreichte Nurel Krylans Stimme, der sich offenbar in seiner Nähe beratschlagte. „Warum musste er auch gerade jetzt hier auftauchen? Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für unser Vorhaben.“

„Ihr habt gut daran getan, den Vertrauten von Charis verschwinden zu lassen. Ständig beobachtet zu werden, behindert uns in unserem Streben. Ich denke, ein Toter wird Charis gewiss überzeugen“, schlug Dyonsar vor.

„Ein Toter? Ein ausgezeichneter Gedanke!“, stimmte Krylan zu.

„Wir werden die Bestie töten müssen, um weitere Opfer zu vermeiden. Es wird Charis das Herz brechen, wenn er seinen Sohn gleich wieder verliert. Er wird trauern und darüber seine Pflichten vergessen“, triumphierte Dyonsar.

„Stellt Euch vor, das Scheusal fällt über seinen besten Freund her und schlitzt ihm die Eingeweide mit seinen Krallen auf.“ Krylan hörte sich begeistert an.

Nurel stockte der Atem. Diese Männer würden erst Unasuh, seinen treuen Freund, und dann ihn töten.

Nurel vermochte nicht zu sagen, wie lange er sich schon in diesem Verlies befand. Er wusste nur, dass man ihm ein bitteres Pulver auf die Zunge streute, sobald er anfing, zu sich zukommen. Jene Droge versetzte ihn in einen besinnungslosen Zustand, aus dem es kein Entrinnen gab. Diese Prozedur hatte er nun schon einige Male hinter sich.

Krylan und Dyonsar durften nicht merken, dass er ins Bewusstsein zurückkehrte. Seinem animalischen Instinkt folgend versetzte er seinen Körper in einen todesähnlichen Zustand. Seine Atmung, sein Herzschlag wurden immer langsamer.

„Vielleicht ist die Anwesenheit von Charis‘ Sohn doch nicht so ungünstig, wie ich am Anfang befürchtet habe. Er wird uns unterstützen, Charis zu schwächen.“

„Es wird Zeit für seine Medizin. Lasst uns hineingehen.“ Dyonsar riegelte geräuschvoll die Zelle auf.

Krylan kniete sich mit seiner Arznei, die er in einem Ledersäckchen stets bei sich trug, neben Nurel. Ihm schienen die fehlenden Lebenszeichen aufzufallen. Er legte seine Hand an Nurels Hals. „Der Rote Mond hat uns erhört, Dyonsar. Ich spüre keinen Herzschlag. Er atmet nicht mehr.“

„Ihr habt ihn mit Eurem Gift umgebracht. Das war äußerst unklug. Wie wollt Ihr das Kairoyan erklären? Mein Plan hingegen wäre genial gewesen. Ihr seid ein Narr.“ Stöhnend sank Krylan neben Nurel zu Boden. Dyonsar hatte ihn vermutlich erdolcht. Abermals spürte Nurel eine Hand auf seinem Hals. Offensichtlich überzeugte sich Dyonsar von seinem Tod.

„Wachen! Schnell! Hilfe!“, schrie Dyonsar überzeugend.

Schwere schnelle Schritte näherten sich.

„Krylan versuchte der Bestie dieses Pulver zu verabreichen. Ich habe nur Charis Sohn retten wollen. Beim Weißen Mond, ich wollte Krylan gewiss nicht töten …“, jammerte er verzweifelt. „Bringt mich zu Charis, ich werde mich schuldig bekennen.“

Nurel war versucht, sich ins Leben zurückzubringen, doch Dyonsar und Scysar würden weiter versuchen, ihn aus dem Weg zu räumen. Würde man ihn für tot erklären, wäre er endlich frei.

Zwei Wachen suchten nach Lebenszeichen bei Nurel:

„Er ist tot. Bringt es Charis schonend bei, und dann will ich wissen, wohin wir seinen Leichnam bringen sollen“, klang jemand ganz nah bei ihm.

Schritte entfernten sich, während eine Wache begann, Nurel von den schweren Ketten zu befreien. Kurz darauf hallte eine Männerstimme durch das Verlies. „Charis befiehlt, den Leib seines Sohnes in seinen Schlafraum zu bringen.“

„Dann pack mit an! Oder soll ich ihn vielleicht allein nach oben tragen?“, fragte jemand links von Nurel.

So wurde Nurel von den zwei Wachposten aus der Gefängniszelle getragen. Hinaus aus dem Kerker, die Treppen hinauf, in eine der oberen Etagen. Die Wächter legten seinen Körper auf ein weiches, breites Bett. Dann entfernten sich die Männer, eine Tür wurde geschlossen.

Nurel war aber nicht allein, er hörte jemand neben sich atmen. Beinah sorglich untersuchte das Geschöpf seine aufgeschnittenen Fingerkuppen an der linken Hand, zog vorsichtig das linke Augenlid zurück, um in sein Auge zu sehen. Dann legte es prüfend die Hand auf Nurels Brust und seufzte tief. Schritte hallten von draußen durch den Gang. Nurel hörte an der Gangart, dass Nathan Kairoyan hereinkam. Offenbar blieb er zunächst an der Tür stehen. Es herrschte eine sanftmütige Stille.

„Verzeiht, Charis“, brach Zakasar, der erste Vertraute Kairoyans, das Schweigen. „Euer Schmerz ist unendlich tief. Doch bitte, kommt näher, Charis. Bitte.“

Schwer atmend trat Kairoyan gemächlich an Zakasar heran. „Kaum, dass ich meinen Sohn nach dieser unsagbar langen Zeit gefunden habe“, er schluckte, „wird er mir für immer entrissen. Was habe ich getan, dass man mich so bestraft?“ Schluchzend warf sich Kairoyan mit seinem Oberkörper über Nurels linken Arm.

Nurels Zweifel, ob Nathan Kairoyan wirklich sein Vater sein könnte, waren augenblicklich verflogen. Jetzt wollte er Kairoyan endlich erklären, was Dyonsar und Scysar wirklich vorhatten, doch sein Herzschlag wurde nur sehr langsam wieder kräftiger.

„Charis!“ Zakasar sprach sanft, aber bestimmend. Dann hob er Nurels reglose Hand. „Ich fürchte, Ihr seid in großer Gefahr. Seht Euch seine Finger an. Seht genau hin. Diese Wunden wurden ihm mit einer scharfen Klinge zugefügt. Die Schnitte sind gerade, gehen mal tiefer, mal länger ins Fleisch. Niemals stammen diese Verletzungen von Krallen, die von innen herausgewachsen sind. Diese Behauptungen sind, wie bereits vermutet, alles Lügen.“ Behutsam legte er die schlaffe Hand zurück, schob Nurels Lippe nach oben. „Und hier könnt Ihr einen sauberen Schnitt erkennen.“

Kairoyan richtete sich auf. Entsetzliches Schweigen füllte den Raum. Nurel hörte nur seinen eigenen sachten Herzschlag.

„Vor meinen Augen“, Kairoyans Stimme zitterte, „hat man ihn gequält und ermordet. Ich habe es auch noch zugelassen. Er hat mir vertraut, Zakasar! Er hat mir vertraut!“ Aufgebracht lief Kairoyan im Raum hin und her. „Die Suche nach meinem Sohn war mein einziger Lichtblick. Was war ich nur für ein Narr. Ich bin am Ende.“

 

Ungeduldig zuckten Nurels Finger. Hörbar schnappte Zakasar nach Luft, suchte erneut nach Lebenszeichen. Überrascht stellte er fest: „Beim Weißen Mond, wie ist das möglich? Charis! Seht doch!“

Endlich gelang es Nurel, die Augen zu öffnen. Durch das Tageslicht vermochte er nur die Umrisse von zwei großen, kräftigen Gestalten in grünblauen Farben zu erkennen.

„Vater“, flüsterte Nurel angestrengt. Er hatte Mühe zu sprechen, sein Mund war trocken, sein Zahnfleisch dick geschwollen, seine Lippen blutig aufgeplatzt. Er hatte furchtbaren Durst. Nach der Zeit im Verlies wurde er endlich wieder Herr seiner Sinne, beherrschte erneut seinen Körper. Ihm wurde bewusst, dass man ihn all die Zeit im Kerker weder mit Nahrung noch mit ausreichend Wasser versorgt hatte. Zwei Hände legten sich sanft auf seine Schläfen.

„Diese Anrede hast du noch nie benutzt. Die Monde geben mir eine gnädige Möglichkeit, meine Fehler wiedergutzumachen.“ Kairoyan küsste mehrfach seinen Sohn auf die Stirn.

„Ihr seid in großer Gefahr.“ Nurel wollte sich aufrichten, bemerkte, wie kraftlos er war, und sank von selbst zurück.

„Ich weiß, Nurel. Aber sag bitte, was hatten sie mit dir vor?“

„Der junge Charis benötigt Wasser. Ich werde eilen. Seid äußerst vorsichtig. Niemand sollte ihn lebend sehen“, sagte Zakasar leise und ging hinaus.

„Ich habe dir jeden Tag etwas zu essen bringen lassen. Du siehst nicht aus, als hättest du die Speisen erhalten.“ Kairoyan nahm Nurels Hand.

„Dyonsar und Scysar planen Euren Platz einzunehmen. Ich war ihnen im Weg.“ Nurel schluckte. „Ihr müsst das Tribunal auflösen.“

„Wenn das so einfach wäre. Das Tribunal hat Mitspracherecht, ich kann es nicht auflösen.“ Kairoyan seufzte schwer. „Mindestens dreimal am Tag war ich im Verlies, du hast immer nur geschlafen. Ich ahnte, dass sie dir Drogen verabreicht hatten. Wie hinterhältig und grausam das Tribunal wirklich ist, wird mir erst jetzt bewusst.“

Kairoyan zuckte zusammen, als die Tür aufging. „Beim Mond. Ihr seid es.“

„Verzeiht, Charis.“ Zakasar trat ans Bett und half Nurel, sich aufzusetzen, reichte ihm dann den Wasserkrug. „Zwei Wachen stehen vor der Tür. Außer mir ist niemand befugt, hier jemanden hereinzulassen. Trinkt nur, junger Charis. Ihr müsst wieder zu Kräften kommen.“

 

Nurel hatte sich an diese Anrede ›junger Charis‹ noch nicht gewöhnen können. Bisher war er einfach Nurel gewesen. Ein Geschöpf mit auffallenden animalischen Fähigkeiten. Er konnte am Tage nur Umrisse in blaugrünen Farben erkennen. Seine Pupillen formten sich bei hellem Licht zu langen, dünnen Schlitzen. Erst in der Dämmerung, vielmehr in der Nacht konnte Nurel seine außergewöhnliche Sehkraft während der Dunkelheit und vor allem bei weiten Entfernungen nutzen. Sein Gleichgewichtssinn, sein feines Gehör, seine lautlosen Schritte und blitzartige Reaktionsfähigkeit sowie sein Geschick beim Klettern und Springen waren denen einer Wildkatze ähnlich. Durch grausame Rituale mit den roten Mondsteinen hatte der Rote Meister diese Veränderungen erzeugt. Glücklicherweise gab es keine Erinnerung an diese qualvolle Zeit. Nach seiner Flucht vor dem Roten Meister wurde Nurel von Jasur und Unasuh gerettet und aufgenommen. Durch tiefe Freundschaft und bewegende Erlebnisse waren die drei auf besondere Weise verbunden. Später hatte Jasur sogar sein Leben für die beiden Kameraden geopfert.

Immer wieder gab es Begegnungen mit Geschöpfen, die behaupteten zu wissen, wer Nurel wirklich sei. Schmerzvolle Erfahrungen wie die quälenden Versuche beim Medikus ließen ihn äußerst misstrauisch und vorsichtig werden. Auf der Burg der Selenis hatte Nurel letztlich ein Zuhause gefunden. Glenn Seleni genoss sein Vertrauen. Zwischen Selenis Tochter Luana und Nurel war mit der Zeit eine tiefe Liebe entstanden.

Eines Tages bekam Seleni Besuch von seinem alten Freund Nathan Kairoyan, der auf der Suche nach seinem Sohn Nurel war. Trotz der auffallenden Ähnlichkeit zu seiner Mutter hatte Nurel seine Zweifel nicht ablegen können, ob er wirklich der vor langer Zeit entführte Junge war.

An der Seite seines treuen Freundes Unasuh hatte er sich auf die lange Seereise begeben, die ihn von Selenis Burg zu den Kairos Inseln führte. Gleich nach ihrer Ankunft war Nurel von dem Tribunal in einen Raum am Hafen geführt worden. Krylan, Dyonsar und Scysar wollten sich angeblich von der Identität Nurels überzeugen. Weder Unasuh noch Kairoyan selbst war es erlaubt, dieser Untersuchung beizuwohnen:

 

Unsicher, beinah ängstlich betrat Nurel den großen Saal. Weder die Gegend oder das andersartige Gebäude noch die Anwesenden waren ihm vertraut. Die fremde Sprache hatte er gemeinsam mit Unasuh auf der langen Reise gelernt, wobei sich Nurel damit nicht schwergetan hatte.

Krylan schloss hinter sich die große doppelflügelige Holztür, die reich mit selenorischen Schriftzeichen verziert war. Gegenüber dem Eingang ließen unterhalb der Decke fünf Fenster in Form einer nach unten geöffneten Sichel ein angenehmes Licht hindurch. Das Gebäude war mit sandsteinfarbenen eckigen Steinen gemauert. Regale mit aufgerollten Karten sowie Büchern verdeckten die rauen Wände.

In der Mitte des Raumes stand ein sichelförmiger Tisch mit vier Stühlen, drei an dem langen Außenbogen, auf dem im inneren Bogen befindlichen vierten bot man Nurel einen Platz an.

„Bitte setzt Euch.“ Dyonsar war ein groß gewachsener, kräftiger Mann. Braunes schulterlanges Haar rahmte sein breites Gesicht ein. Die hellbraunen Augen und die schmale, große Nase hatten etwas Bedrohliches an sich.

„Ihr werdet verstehen, dass wir uns davon überzeugen müssen, wen wir vor uns haben“, begann Krylan. Er war mindestens einen Kopf kleiner als Dyonsar. Mit seiner schlanken Figur erschien er ein wenig zerbrechlich. Seine Haut wirkte fahl, als wäre sie nie einem Sonnenstrahl ausgesetzt gewesen. Er hatte grüne Augen, eine breite, flache Nase und langes blondes Haar, das bis über seine mageren Oberarme hing.

„Könnt Ihr Euch an Eure Mutter erinnern?“, fragte Scysar. Dieser hatte einen sehr athletischen Körper. Seine Haut schimmerte sonnengebräunt. Die grünen Augen musterten Nurel durchdringend.

Verunsichert verneinte Nurel die Frage. Er überlegte, was geschehen würde, wenn sich herausstellte, dass er nicht Kairoyans Sohn war?

„Erzählt bitte, an was Ihr Euch erinnern könnt?“. Dyonsar wirkte zunächst geduldig.

„Das Erste, woran ich mich erinnern kann“, begann Nurel zögerlich, „ist, dass der Rote Mond genau hinter dem Weißen Mond stand.“

„Das ist Eure erste Erinnerung?“, erkundigte sich Krylan ungläubig.

Nurel nickte. Fahrig wanderte sein Blick über den Tisch.

„Woher habt Ihr Euren Namen?“, wollte Scysar wissen.

„Ein Mann nannte mich ›Nurel‹.“

„Wer war dieser Mann?“, ergriff Dyonsar das Wort.

„Ich … ich habe ihn nicht gesehen. Zuerst fesselte er mich durch die Kraft der roten Mondsteine, und bevor er sie fortnahm, verband er mir die Augen.“

„Dann könnt Ihr Euch aber der Kraft des Weißen Mondes bemächtigen?“, forschte Scysar.

Nurel schluckte, er fürchtete sich vor diesen Männern. Bedächtig schüttelte er den Kopf. Sein Herz schlug schneller.

„Es gibt drei Male, die Nurel Kairoyan vor seiner Entführung kennzeichneten.“ Scysar sah Nurel intensiv an.

„Das halbmondförmige Muttermal hinter dem rechten Ohr ist durch ein Brandmal verunstaltet. Die Narbe in meiner rechten Hand …“, zählte Nurel auf. Dann stutzte er. „Drei? Es gibt drei Male?“ Erstaunt sah er auf.

„Bitte zieht Euch aus.“ Krylan schaute ihm fest in die Augen.

„Ausziehen?“ Nurel genierte sich.

„Was habt Ihr zu befürchten? - Zweifelt Ihr daran, Nurel Kairoyan zu sein?“ Dyonsar lächelte heimtückisch, dünkelhaft hob er seinen Kopf.

Zögernd begann Nurel sich auszuziehen. Er spürte die Feindseligkeit der Männer. Sie beobachteten jede seiner Bewegungen, schienen sich an seiner Scham zu ergötzen. Schließlich stand er nur mit einer kurzen Hose bekleidet vor dem Tribunal.

„Eure Armbänder!“, forderte Dyonsar.

Nurel kämpfte gegen dieses Gefühl der Ohnmacht gegenüber diesen ihm feindlich gesinnten Männern. Nathan Kairoyan persönlich hatte ihm diese kunstvoll gearbeiteten Lederbänder angelegt, um Nurels vernarbte Handgelenke zu verdecken. Erst mit der Forderung, diese Geschenke abzulegen, bemerkte er, wie sehr er sich an die Armbänder gewöhnt hatte und vor allem, wie viel diese ihm bedeuteten. Sie abzulegen, fühlte sich noch entblößter an als ohne seine Kleidung. Sie waren zu Glücksbringern geworden, die ihn beschützten. Als Nurel sie abstreifte, standen die drei Männer auf, kamen um den Tisch herum auf Nurel zu.

Dyonsar strich über seine breite Rückennarbe, aus der man seinerzeit versucht hatte, einen Katzenschwanz wachsen zu lassen. „Das sieht mir nicht nach einer Kampfverletzung aus.“

Nurels Herz pochte laut in seinen Ohren. In dieser Situation seinem aufgebrachten Atmen entgegenzuwirken, war schwierig.

„Diese Wunde war sehr tief.“ Scysar beäugte die Narbe, die sich von der linken Schulter bis zur Brustmitte zog. „Wenn Ihr kein Kind des Weißen Mondes seid, wie konntet Ihr diese Verletzung überleben?“

Nurel fühlte sich wie ein Pferd auf dem Markt, um dessen Preis man zu verhandeln begann und jeden Makel genau untersuchte.

Dyonsar bog Nurels rechte Ohrmuschel zur Seite.

In diesem Atemzug zog sich Nurels Nacken- und Schultermuskulatur zusammen, was von einem ohrenbetäubenden Fauchen begleitet wurde, das seine Angst unterstrich.

Nurel war es bisher nicht gelungen, diesen Vorgang bewusst zu steuern, es war ein Reflex.

Die Angehörigen des Tribunals wichen erschrocken zurück.

„Was zum Roten Mond seid Ihr?“ Dyonsar fand als Erster die Sprache wieder, wagte damit einen Schritt auf Nurel zu.

Noch immer fühlte sich Nurel bedroht, und sprang fauchend über den sichelförmigen Tisch. Blitzschnell drehte er sich um, erwartete den Angriff des Tribunals.

Die drei Männer standen jedoch an der gleichen Stelle, warfen sich überraschte Blicke zu.

Scysar zog seine Augenbrauen hoch und schmunzelte. „Ihr seid nicht gerade aufgeschlossen für eine Zusammenarbeit.“

„Verzeiht.“ Nurel bemühte sich, wieder ruhiger zu werden, als ihm bewusst wurde, dass sein Verhalten wenig förderlich war. „Sobald Unasuh an meiner Seite ist, werde ich mich sicherer fühlen. Dann wird sich dieser Vorfall nicht wiederholen. Es war nicht meine Absicht, Euch zu erschrecken.“

„Hier“, Dyonsar warf dem jungen Mann dessen Hose und Hemd entgegen. „zieht Euch wieder an.“

„Wir, das Tribunal, sind gewissermaßen die rechte Hand von Nathan Kairoyan.“ Scysar ließ Nurel nicht aus den Augen, starrte ihn unentwegt an. „In der kommenden Zeit werden wir häufig gemeinsam Entscheidungen treffen. Es wäre also angemessen, wir fänden einen Weg, um ein gegenseitiges Vertrauen aufzubauen.“

Als Nurel diese Worte hörte, wurde es ihm plötzlich klar. „Soll das heißen, dass Ihr akzeptiert, dass ich Nurel Kairoyan bin?“

„Habt Ihr daran gezweifelt?“, grinste Krylan.

„Ihr erwähntet drei Merkmale. Ich wusste bisher nur von zweien“, gab Nurel zu.

„Nun“, Scysar schürzte die Lippen, „in der kommenden Zeit werden wir Gelegenheit haben, Euch darüber aufzuklären.“

Nachdem Nurel seine Hose übergezogen hatte, ging er auf den Tisch zu, um seine Lederbänder an sich nehmen.

Vollkommen unerwartet schlug Scysar seine Hand auf das Leder und stierte Nurel in die Augen. „Nicht so schnell, junger Freund.“

Erschrocken sah Nurel auf.

Krylan nahm einen Krug aus dem Regal sowie vier Becher. Solche Gefäße hatte Nurel noch nie gesehen. Er kannte Trinkgefäße aus Holz, diese hier waren aus schimmernden Muscheln gefertigt.

Scysar schien mit seinem Blick in Nurels Seele einzudringen. Umso standhafter schaute Nurel Scysar an.

„Hier, Ihr solltet einen Schluck Wein nehmen, das wird Euch entspannen.“ Krylan reichte Nurel einen dieser Becher.

„Nein danke!“ Was wollte Scysar nur von ihm? Diese Armbänder konnten dem Kerl doch egal sein.

„Trinken wir auf Eure Rückkehr“, prostete Dyonsar mit seinem Becher in die Runde.

„Auf Eure Rückkehr.“ Krylan bot Nurel erneut den Becher Wein an.

„Auf die Rückkehr von Nurel Kairoyan“, schmunzelte Scysar. Während seine rechte Hand die Bänder auf den Tisch drückte, führte er den Becher mit der linken an seine Lippen und nahm einen Schluck.

Nurel mochte diese Männer nicht, nippte aus Höflichkeit an seinem Wein.

Dyonsar grinste. „Wir sind am Ende unserer Untersuchung.“

Nurel nahm ein seltsames Kitzeln an seinen Lippen, dann an seiner Kehle wahr und wie sich dieses Gefühl von Taubheit langsam in seinem ganzen Körper ausbreitete. Das Atmen fiel ihm schwer, als würden Steine in seiner Lunge liegen.

„Wir legen ihn auf den Tisch“, schlug Scysar vor.

Krylan nahm Nurel den Becher aus der Hand. „Er hat zu wenig von dem Wein getrunken, er wird nicht ausreichend betäubt sein.“

Scysar beugte sich dicht an Nurels Gesicht, sprach die folgenden Worte übertrieben freundlich: „Ihr werdet verstehen, dass wir Euch als Nurel Kairoyan nicht an der Seite Eures Vaters dulden werden. WIR sind die wahren Herrscher und lassen uns von einer dahergelaufenen Bestie nichts wegnehmen.“

Nurel wurde auf den Tisch gelegt, schwerfällig hob er seine Hände, warf mit letzter Kraft seinen Kopf zur Seite. Doch Scysar drehte seinen Kopf zurück, damit Dyonsar ihm den restlichen Wein einflößen konnte. Nurel war machtlos diesen Männern ausgeliefert. Das taube Gefühl in seinem Körper verstärkte sich zusehends. Seine Glieder wurden schwer wie Felsbrocken, sodass er unfähig war, sich zu rühren. Er war handlungsunfähig, und doch war er bei Bewusstsein. Weder den kleinen Finger noch seine Augenlider hatte er unter Kontrolle.

„Bringt mir die Fackeln“, forderte Dyonsar, „und das Messer!“

„Eine fauchende Raubkatze, die das Tribunal bedroht, ist untragbar für Charis.“ Ein Grinsen lag in Scysars Stimme. „Ihr werdet mich mit Euren scharfen Krallen und den langen Fangzähnen verletzen. Ihr müsst leider ins Verlies.“

Der Plan

„Nurel?“ Kairoyan drückte die Hand seines Sohnes. „Ist alles in Ordnung mit dir? Du wirkst völlig abwesend. Was haben sie dir gegeben?“

„Ich weiß es nicht. Bevor ich richtig zu mir kam, ließen sie erneut ein Pulver auf meine Zunge rieseln.“ Nurels Augen fielen ständig wieder zu. „Vater?“

„Diese Drogen werden gewiss noch eine Weile seinen Körper beherrschen. Erschwerend kommt hinzu, dass sein Leib stark geschwächt ist.“ Zakasar war nicht nur ein treuer, sondern auch ein sehr aufmerksamer Vertrauter. „Verzeiht, Charis, ich schlage vor, wir bringen ihn aus der Burg.“

Nathan Kairoyan stand energisch auf. „Aber wohin? Gegen das Tribunal muss etwas unternommen werden. Nur, wie soll ich vorgehen, ohne meine eigenen Gesetze zu verletzen?“

„Ich werde veranlassen, dass der junge Charis an einen sicheren Ort gebracht wird. Dyonsar hat den Befehl, seinen Schlafraum nicht zu verlassen …“

„Kreaturen“, unterbrach ihn Kairoyan, „die meinen Sohn tagelang unter Drogen setzten, ihn mit einer Klinge folterten und selbst vor Mord nicht zurückschreckten, werden sich wohl kaum an diesen lächerlichen Arrest halten.“ Er dachte nach. „Dyonsar wird ins Verlies gesperrt.“

„Verzeiht, Charis, meinen Einwand, auch wenn ich hinter Euch stehe. Das Tribunal wird behaupten, dass Dyonsar Krylan tötete, weil dieser die Droge verabreicht hat. Er gibt vor, den jungen Charis geschützt zu haben. Solange wir keine Gegenbeweise hervorbringen können, wäre dies ein unüberlegter Zug, den das Tribunal gegen Euch zu verwenden weiß“, gab Zakasar zu bedenken.

„Ihr habt natürlich Recht, auch wenn Dyonsars Behauptung lächerlich ist.“ Kairoyan war dankbar, dass Zakasar an seiner Seite war und ihn von voreiligen Handlungen abhielt. „Seht Euch meinen Sohn an. Er hat schon so viel erdulden müssen. Er sollte hier auf der Burg, seinem Zuhause, in Sicherheit sein, stattdessen habe ich ihn dem Tribunal ausgeliefert. Es ist höchste Zeit für Veränderungen. Niemand sollte Nurel sein Geburtsrecht streitig machen.“

„Das ist wahr, Charis! Wir müssen äußerst vorsichtig und bedacht vorgehen. Jede unüberlegte Handlung könnte Euch und Euren Sohn das Leben kosten.“ Zakasar sprach leise.

„Nurel ist hier fremd. Ich kann und werde ihn unmöglich irgendwo da draußen allein lassen. Ich möchte ihn in meiner Nähe wissen, Zakasar!“

Ein lautes Klopfen hallte von der Tür. Zakasar eilte daraufhin zum Eingang. Achtsam drängte er sich durch einen schmalen Türspalt hinaus.

Nathan Kairoyan nahm zwei weiße Mondsteine, setzte sich neben seinen Sohn auf das Bett, legte seine Hände mit den Steinen auf Nurels Schläfen, um seine Konzentration auf den Weißen Mond zu lenken. Mit der heilenden Energie gelang es ihm, die Wunden, die das Tribunal Nurel zugefügt hatte, zu schließen. Durch diese Fähigkeit war es Kairoyan möglich, Erinnerungen seines Sohnes an die vergangenen Tage zu sehen. Nach einigen Momenten nahm er seine Hände zurück, bemerkte Zakasar, der sich diskret an der Tür geduldete.

„Vor der Tür wartet der große Begleiter des jungen Charis.“

Wie bedeutend Unasuh für Nurel war, wusste Kairoyan nur zu gut. „Lasst ihn eintreten.“

Zakasar öffnete die Tür, damit der große Freund hereinkommen konnte. Unasuh hatte eine stattliche Figur. Seine schwarzen langen Haare trug er zu einem Zopf gebunden. In seinem runden Gesicht wirkte die kleine, gerade Nase beinah verloren. Seine hellbraunen Augen, darüber die buschigen schwarzen Augenbrauen, vollendeten eine sympathische Erscheinung.

Er verneigte sich tief vor Nathan Kairoyan. „Ist es wahr?“

Kairoyan legte den Finger auf seine Lippen. „Sch.“ Er winkte ihn zu sich. „Ihr bekommt eine wichtige, sehr ehrenvolle Aufgabe, Unasuh.“

Jetzt wandte sich Kairoyan an Zakasar: „Bringt mir bitte die Armbänder für seine Handgelenke. Sie sind ihm sehr wichtig geworden.“

„Gewiss, Charis.“ Zakasar ging zur Truhe, die in der hinteren Ecke stand, und holte die Lederbänder heraus, die Kairoyan vom Tribunal nach der Befragung zurückbekommen hatte.

Mit einer würdevollen Geste reichte Zakasar Kairoyan das Leder.

Während Kairoyan sie Nurel um die Handgelenke band, flüsterte er: „Wie wir bereits ahnten, ist die Geschichte mit dem Angriff auf Scysar eine Lüge, so wie die meisten Behauptungen des Tribunals. Ab sofort seid Ihr für seine Sicherheit verantwortlich. Außer Zakasar und mir darf ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen.“ Inständig schaute er Unasuh in die Augen. „Ich verlasse mich auf Euch!“

„Ich … ich verstehe nicht …“, stotterte Unasuh, betrachtete Nurels schlanken, athletischen Körper, der von den Entbehrungen der letzten Tage gezeichnet war. Die von der Sonne gebräunte Haut wirkte blass.

„Er … er lebt?“, flüsterte Unasuh überrascht, trat ein paar Schritte ans Bett heran.

Augenblicklich kehrte in Nurels Gesicht Leben zurück. Die Augenlider flatterten unter den dichten Augenbrauen, die über dem platten Nasenrücken fast zusammenwuchsen. Schließlich schaute Nurel mit seinen hellgrünen Augen auf. „Unasuh!“

Geräuschvoll atmete Unasuh aus. „Beim Weißen Mond! Was bin dankbar, dich lebendig zu sehen!“ Er knetete Nurels Schulter.

Offenbar fielen Nurel seine Armbänder auf. „Danke …!“ Er lächelte Kairoyan an. „… Vater.“

„Ich bin unendlich beschämt, Nurel. Beinah hätte ich dich durch dieses verschlagene Tribunal verloren.“

„Auch Euer Leben ist in Gefahr. Was werdet Ihr unternehmen?“ Nurel setzte sich auf, befeuchtete seine Lippen. „Könnte ich bitte …“

„Bitte, junger Charis.“ Zakasar reichte ihm den Wasserkrug.

Sichtlich verblüfft über die aufmerksame Beobachtung des Vertrauten nahm Nurel den Krug entgegen, schluckte gierig das Wasser hinunter. „Danke.“

„Es ist nicht erforderlich, sich bei Charis‘ Vertrautem zu bedanken, junger Charis“, erklärte Zakasar. „Notwendigerweise erlaube ich mir, einen Vorschlag zu unterbreiten.“

Kairoyan nickte.

„Der junge Charis ist öffentlich für tot bekundet worden. Ich würde die Verlustzeremonie vorbereiten. Nur mit der offiziellen Tradition wird sich das Tribunal in Sicherheit wiegen. Damit gewinnen wir Zeit für unsere rettenden Angelegenheiten.“

„Verlustzeremonie? Was ist das?“ Nurel wirkte nervös.

Kairoyan legte seine Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Es ist Tradition, ein verstorbenes Mitglied der Kairoyan-Familie mit einer vorgeschriebenen Zeremonie dem Meer zu übergeben.“ Er machte eine kurze Pause. „Wenn wir das öffentlich ausrichten, weiß ich dich in Sicherheit, du wärst sozusagen aus dem Fokus des Tribunals.“

„Junger Charis, diese Zeremonie ist äußerst wichtig.“ Zakasar zog seine Augenbrauen hoch.

„Ich soll mich also erneut tot stellen?“ Dieser Gedanke schien Nurel zu missfallen.

„Willst du damit sagen, du hast dich absichtlich tot gestellt?“ Unasuh sprach die Frage aus, die Kairoyan auf der Zunge lag.

Nurel sah zu seinem Freund. „Sobald ich nur anfing, halbwegs zu mir zu kommen, verabreichte mir das Tribunal eine Arznei. Sie versetzte mich in einen schläfrigen Zustand. Die einzige Möglichkeit für meine Rettung sah ich darin, für tot gehalten zu werden. Ich folgte eigentlich nur einem Instinkt.“

„Meine Bewunderung, junger Charis. Auch ich habe keine Lebenszeichen entdecken können.“ Zakasar verneigte sich.

„Diesen Zustand kannst du bewusst auslösen?“ Für Kairoyan klang das unglaublich. „Das wäre geradezu vollkommen. Niemand würde an deinem Tod zweifeln.“

„Der Wiederbelebungsprozess dauert jedoch recht lang. Erinnert Ihr Euch, wie viel Zeit verging von dem Moment, in dem Ihr Euch so verzweifelt auf meinen Arm gelegt habt, bis zu dem Augenblick, da ich meine Finger bewegen konnte?“

„Der junge Charis würde ertrinken“, erkannte Zakasar.

„Das werde ich zu verhindern wissen“, lächelte Unasuh.

Nurel schien Kairoyans Gesicht zu studieren. „Aber was wird mit Euch geschehen?“

„Für Krylan muss ein neues Mitglied gewählt werden. Dyonsar ist in Gewahrsam und Scysar erholt sich noch von seinen Wunden, die ihm die angebliche Bestie zugefügt hat“, Kairoyan lächelte. „Dadurch gewinnen wir erst mal Zeit. Zakasar wird dich an einen sicheren Ort bringen. Vielleicht ist es dir von dort aus möglich, gegen das Tribunal zu agieren.“

„Aber nur mit der größten Vorsicht, junger Charis.“ Zakasar verbeugte sich. „Ich werde die erforderlichen Vorbereitungen treffen.“ Er wandte sich ab, lief auf die Tür zu. Bevor er diese öffnete, wartete er, bis sich Nurel wieder auf das Bett gelegt hatte.

Kaum war die Tür wieder verschlossen, setzte sich Nurel auf. „Meine Glieder fühlen sich steif an.“ Er streckte sich ausgiebig, stand auf, ging in die Hocke und lief im Schlafraum auf und ab.

Kairoyan spürte die Erleichterung, seinen Sohn durch die Mondenergie von seiner körperlichen Schwäche und den Wunden befreit zu haben.

Unasuh beobachte Nurel, wandte sich flüsternd Kairoyan zu. „Er hat mehr als ein Leben.“ Er nahm einen tiefen Atemzug. „Dennoch muss ich den Ablauf der Zeremonie in jedem Detail kennen. Es darf nichts schiefgehen.“

Kairoyan nickte. Er beobachtete Nurel einen Augenblick, bevor er leise zu Unasuh sprach. „Wir werden alles genau durchsprechen. Zakasar ist der Einzige, der euren Aufenthaltsort kennt, ich vertraue ihm.“ Der Gedanke an diese Verlustzeremonie, die er das letzte Mal für seine geliebte Naryella durchzustehen hatte, brachte bewegende Gefühle hervor. „Ihr lasst ihn nicht aus den Augen. Er weiß nicht, wie kostbar er für mich ist.“

Unasuh schmunzelte: „Aber ich weiß es.“

„Was wisst Ihr?“ Nurel beendete seine Übungen, machte ein paar Schritte auf die beiden zu. „Habt Ihr Geheimnisse vor mir?“ Abwechselnd schaute er seinem Vater und seinen Freund an. „Großartig! Ich bin in einem fremden Land, in einer fremden Burg! Alles, was ich bisher gesehen habe, war das Verlies sowie drei Männer, die mich lieber tot als lebendig sehen wollen und Ihr …“

„Sehnst du dich zu den Selenis zurück?“, unterbrach ihn sein Vater. In diesem Moment fragte er sich, ob er Nurels ehrliche Antwort verkraften würde. „Glaub mir, deine Rückkehr hatte ich mir anders vorgestellt. Es bewegt mich unendlich, dass du so leiden musstest.“ Es senkte seinen Kopf.

„Es ist nicht Eure Schuld, Vater.“ Nurels Skepsis schien verflogen. „Ich verstehe die Bedeutung von diesem Tribunal nicht. Die ganze Reise hierher habe ich versucht, mich auf eine Begegnung mit Mizian vorzubereiten. Mein Verhalten damals ihm gegenüber war sehr feindselig. Doch bisher bekam ich keine Gelegenheit, mich zu entschuldigen.“

„Mizian!“, seufzte Kairoyan tief. „Seit kurzem ist er verschwunden. Ich fürchte, man hat ihn aus dem Weg geräumt.“ Ausgerechnet Mizian, der wie Zakasar und Osysar sein vollstes Vertrauen genoss. Kairoyan überlegte, wann und mit wem die Veränderung angefangen haben könnte. „Dein Urgroßvater hat das Tribunal gegründet, um dem Volk ein Mitspracherecht zu geben. Wichtige Entscheidungen sollten nicht nur vom Herrscher der Kairos Inseln allein getroffen werden. Seinerzeit ging man davon aus, auf diese Weise Ungerechtigkeit verhindern zu könnten. Drei Generationen über funktionierte es auch sehr gut.

„Woher stammen die Männer für das Tribunal?“, erkundigte sich Nurel interessiert.

„Sie kommen aus verschiedenen Inselgruppen der Kairos Inseln, werden nach einem bestimmten Ablauf aus dem Volk bestimmt.“

„Ich verstehe!“ Nurel nickte. „Aber es muss doch einen Weg geben, das Tribunal aufzulösen oder ein neues wählen zu lassen. Entweder Ihr ändert diese Gesetze oder Ihr verliert das Recht als Oberhaupt. Das Letztere wäre wahrscheinlich noch das kleinste Übel. Glaubt mir, es ist wenig angenehm, gelähmt und doch bei vollem Bewusstsein gefoltert zu werden.“

Das war für Kairoyan eine entsetzliche Vorstellung. „Bitte verzeih mir, Nurel!“ Stürmisch nahm er seinen Sohn in den Arm, drückte ihn kurz, aber fest an sich. „Es wird sich einiges ändern müssen, da gebe ich dir Recht. Ein solcher Vorfall darf sich keinesfalls wiederholen. Das Schwierige ist jedoch, dass Gesetze nur mit dem Einverständnis des Tribunals geändert werden können. Zwar kann ich eine außerordentliche Versammlung, die aus Abgesandten der einzelnen Inselregionen gebildet wird, einberufen, doch das kostet Zeit. Bis alle Boten in die verschiedenen Regionen der Kairos Insel gesandt sind, um die wichtigsten Männer nach Kayros zu bitten, werden unter Umständen einige Mondphasen vergehen. Jedoch wäre diese Versammlung in der Lage, das Tribunal vorerst außer Kraft zusetzten.“

„Solange jene Männer nur anders als Scysar und seinesgleichen sind.“

In Gedanken stimmte Kairoyan zu. Zakasar sollte sich um das Gebot der Versammlung kümmern. Wichtig war jetzt, seinen Sohn zu schützen.

„Unasuh!“, wandte sich Kairoyan an Nurels Freund, „Ihr werdet offiziell abreisen. Ihr habt Euren Freund verloren, es gibt keinen Grund für Euch hierzubleiben, und auf diese Weise steht Ihr meinem Sohn ungehindert in seinem künftigen Versteck zur Seite.“

„Ein überzeugendes Argument. Ich werde mich unverzüglich nach einem Schiff am Hafen erkundigen.“

„Unasuh!“ Nurel ergriff seinen Arm. „Bitte seid vorsichtig.“

„Das bin ich doch immer!“ Er lächelte sanftmütig.

Für Kairoyan war es eine enorme Erleichterung, diesen aufrechten, mutigen Mann an Nurels Seite zu wissen. Die zwei profitierten gegenseitig voneinander und auf die innige Verbundenheit der beiden war er als Vater ein wenig neidisch.

Bevor Unasuh zur Tür ging, legte sich Nurel auf das Bett, um neugierigen Blicken vom Flur keinen Zündstoff für Gerüchte zu liefern.

 

Nurel schloss die Augen, erinnerte sich an jenen Tag zurück, als er seinen Vater aus dem Verlies befreit hatte, ohne zu wissen, wer dieser Mann tatsächlich war. Zu dieser Zeit hatten ihn häufig Visionen heimgesucht. Ihm fiel auf, dass er seit der Seereise nach Kayros keine Bilder für die kommende Zeit mehr gesehen hatte. Erschreckt darüber öffnete er die Augen. Seine eben zurechtgelegten Worte erstarben auf seinen Lippen, als er in das Gesicht seines Vaters schaute.

„Weißt du, woran ich gerade denken musste?“, schmunzelte Kairoyan.

Nurel schüttelte sacht den Kopf.

„Ich habe überall nach dir suchen lassen. Ich habe hohe Belohnungen ausgesetzt, um dich zu finden. Immer wieder habe ich die Suche aufgenommen, und dann, eines Tages, erlöste mich ein junger Mann von der Folter und führte mich aus dem Verlies.“ Er schüttelte grinsend den Kopf. „Als dein Freund Jasur deinen Namen nannte, konnte ich mein Glück kaum fassen.“

Nurel setzte sich auf. „Genau diese Begegnung ging mir auch gerade durch den Kopf.“ Jetzt griff er seine Worte von eben wieder auf. „Scysar behauptete an dem Tag der Prüfung, es gäbe drei Merkmale, die meine Identität beweisen würden. Mir waren nur zwei bekannt.“

Kairoyan schien nachzudenken. „Das Muttermal hinter dem Ohr und die Narbe in der Hand. Es gibt kein drittes.“

„Dachte ich es mir schon! Vermutlich stellte Scysar diese Behauptung nur auf, um einen Grund vorzuweisen, damit ich mich entkleide.“

„Keiner aus dem Tribunal war zur Zeit deiner Entführung …“ Kairoyan hielt inne, seine Augen weiteten sich, als würde ihm gerade etwas auffallen. „Ich bin ein solcher Narr! Beim Roten Mond! Endlich verstehe ich, wie das möglich war.“ Völlig abwesend stand Kairoyan auf und lief erregt auf und ab.

Erkennbar schreckte er zusammen, als ein Klopfen von der Tür erklang. Er warf Nurel einen Blick zu, dass dieser sich regungslos hinlegte.

Er wagte kaum zu atmen, während er den Schritten seines Vaters lauschte. Hörbar öffnete Kairoyan die Tür, leise stöhnten die Scharniere, das Holz knarrte.

„Verzeiht, Charis“, nahm Nurel eine zarte Frauenstimme wahr. „Ich bringe Euch das Lichtgewand für Euren Sohn. Wenn Ihr es wünscht, werde ich es ihm anlegen.“

„Nein“, antwortete sein Vater. „Das ist eines der wenigen Dinge, die ich für ihn noch selbst tun kann.“ Es blieb merkwürdig still. „Gibt es noch etwas?“

„Verzeiht, Charis. Ich spreche Euch mein tiefstes Mitgefühl aus. Wir sind alle sehr bestürzt über diesen traurigen Vorfall“, klang die Frau aufrichtig.

„Habt Dank.“ Vernehmlich schloss Kairoyan die Tür, kehrte an das Bett zurück. „Wir sind wieder unter uns. Sofern meine Vermutungen sich bewahrheiten, müssen wir äußerst vorsichtig sein. Außer meinen engsten Vertrauten gibt es niemanden, auf den ich zählen kann.“

„Erzählt mir von eurer Ahnung!“ Nurel wollte sich aufsetzen, wurde aber von seinem Vater energisch auf die Kissen gedrückt.

Kairoyan schüttelte heftig den Kopf. „Du musst mir jetzt ganz genau zuhören! Ich werde dir diese Zeremonie genauestens erklären, damit du weißt, was auf dich zukommt. Beim Weißen Mond, ich wünschte, ich könnte uns, vor allem dir, das ersparen.“

Diese Worte lösten in Nurel großes Unbehagen aus, doch wusste er nur zu gut, was davon abhing, dass er seinem Vater dort draußen viel nützlicher sein würde, als sich hier in der Burg ständig zu verstecken.

Kairoyan bemühte sich, den zeremoniellen Ablauf ins Kleinste zu beschreiben. Seine flüsternde Stimme schien jede Befürchtung in Nurel anzuheizen. „Vater! Ihr seid schutzlos diesem Tribunal ausgeliefert. Ich fürchte um Euer Leben.“

„Aber Zakasar ist doch an meiner Seite. Du brauchst dir um mich keine Gedanken machen.“

„Ich habe Angst! Angst, Euch wieder zu verlieren“, flüsterte Nurel. „Mir war das bisher nicht bewusst, doch nun kann ich nachempfinden, was es bedeutet, einen Vater zu haben.“

Kairoyan lächelte glücklich, legte die Hand auf Nurels Schulter. „Deine Worte sind ein großes Geschenk an mich. Es war eine Herausforderung, dein Vertrauen zu gewinnen. Weißt du das?“

„Woher sollte ich denn wissen, wem ich vertrauen kann? Zu oft hatte man mich getäuscht und …“

„Ich weiß“, unterbrach ihn der Vater. „Ich weiß!“

Erneutes Klopfen lockte Kairoyan an die Tür. Das Hinlegen entwickelte sich für Nurel langsam zum Reflex. Angespannt lauschte er dem Geschehen. Es war schwierig, denn kein Wort wurde gesprochen, aber Nurel hörte nun zwei Paar Füße, die an sein Bett traten.

„Charis! Morgen Abend während des Sonnenuntergangs wird die Zeremonie vollzogen.“

Nurel blinzelte, als er die Stimme Zakasar zuordnete.

„Wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, wird man beginnen, den Leichnam vorzubereiten. Es wird erforderlich sein, alle notwendigen Rituale durchzuführen.“

Blitzartig schoss Nurel in die Höhe. „Alles!“, wisperte er erregt. „Ich mache alles mit, nur keine Rituale.“

Erschrocken wich Zakasar einen Schritt zurück „Junger Charis!“ Er neigte seinen Kopf kurz nach vorn, als wolle er sich entschuldigen.

„Beruhige dich.“ Kairoyan ergriff seine linke Schulter. „Es sind keine Rituale mit Mondsteinen. Ich habe dir bereits alles erklärt. Das Einreiben mit den Ölen, die Blätterhaut, all das bezeichnet man ebenfalls als Rituale und hat nichts mit den grausamen Bräuchen zu tun, die du erdulden musstest.“

„Verzeiht, junger Charis! Ich ahnte nicht, was meine Worte bei Euch auslösen würden.“

„Es gibt nichts, wovor du dich fürchten musst.“ Kairoyan reichte Nurel den weißen zusammengelegten Stoff. „Zieh dieses Gewand bitte an.“

Trotz der Entschuldigung hatte Nurel Mühe, die qualvollen Erinnerungen an die roten Mondsteine zu verdrängen, während er sich hinter einem Vorhang umzog.

„Es ist Brauch, in der Nacht vor der Zeremonie fünfzig Kerzen um den Verstorbenen aufzustellen. Es symbolisiert den erleuchteten Weg zum Weißen Mond“, erklärte Zakasar. „Charis! Ich habe veranlasst, Euch ein Abendmahl bringen zu lassen.“

„Meint Ihr“, klang Kairoyan abwesend, „ein trauernder Vater wird Hunger verspüren?“

„Natürlich nicht, Charis.“ Zakasar sah zu Nurel, der mit seinem Lichtgewand hinter dem Vorhang vortrat. „Ich dachte dabei eher an den jungen Charis, der seit Tagen vermutlich nichts Nahrhaftes zu sich genommen hat.“

„Ein Gedanke, der wirklich dienlich ist, Zakasar.“

Abermals erklang ein Klopfen von der Tür. Kairoyan neigte seinen Kopf Richtung Bett, als er Nurel ins Gesicht schaute.

„Es werden fünf Frauen eintreten“, kündigte Zakasar leise an. „Ist der junge Charis bereit?“

Nurel antwortete nicht, er hatte die Augen bereits geschlossen, verlangsamte augenblicklich seinen Herzschlag und damit seine Atmung, sodass beides kaum mehr wahrnehmbar war. Jetzt spürte er nur, wie jemand seine linke Hand auf die rechte Schulter und die rechte Hand auf den linken Hüftknochen ablegte. Anschießend bemerkte er tastende Finger an seinem Hals. „Das ist wahrlich überzeugend“, raunte Zakasar.

Anhand der Geräusche verfolgte Nurel das Geschehen um ihn herum. Vermutlich Zakasar öffnete die Tür, worauf mehrere sanfte Schritte näher kamen. An seinem Gewand wurde herumgezupft und etwas Duftendes, Zartes auf seine Stirn gelegt. Kairoyan hatte ihm von dieser Blume erzählt. Es war eine Mondblume, eine große weiße Blüte, die erst am Abend sich entfaltete.

Wie die Kerzenhalter um ihn verteilte wurden, bemerkte er zunächst nicht, wusste nur von der Beschreibung seines Vaters, was jetzt passierte.

Mit dem Entzünden der ersten Kerze, dem hellen Schein, der durch die geschlossenen Augenlider fiel, dachte Nurel an Gerrit Seleni. Dieser hatte versucht, seine Erinnerungen wachzurufen, indem er weiße Mondsteine sowie weiße Kerzen um ihn herum verteilte hatte.

Mehr als zusammenhangslose Bilder, wie das Gesicht seiner Mutter, hatten Gerrits Bemühungen jedoch nicht hervorgebracht.

Ihm kamen einige vergangene Visionen in den Sinn und dann Luana, Gerrits Schwester, mit ihrem wunderschönen Antlitz, dem blumigen Duft, den sie verströmte, ihre zarten Finger auf seiner Brust.

Leises Gemurmel, was sich nach einem Gebet anhörte, beendete Nurels intensive Erinnerungen. Er nahm wahr, wie die Frauen den Raum verließen und die Tür geschlossen wurde.

„Sie sind fort, junger Charis“, flüsterte Zakasar neben ihm.

„Es sieht so endgültig aus, wenn er diese Stellung der Toten einnimmt.“ Kairoyan klang besorgt, er ergriff Nurels Hände, brachte sie in eine andere Position. „Nurel?“, klang er ungeduldig.

„Habt Geduld, Charis! Der junge Charis braucht einen Moment, um ins Leben zurückzukehren.“

Eine zitternde Hand spürte Nurel auf seiner Brust. „Was, wenn er es nicht mehr allein schafft?“

Nurel lauschte seinem langsamen Herzschlag.

Indes Kairoyans Stimme klang erregt. „Ich spüre nichts. Wir sagen diese Zeremonie ab. Ich will nicht, dass er das noch einmal macht. Seinen leblosen Körper vor mir zu sehen, bringt mich um den Verstand.“

„Es wäre unklug, die Zeremonie abzusagen, Charis“, sagte Zakasar inständig und doch leise. „Scysar würde Verdacht schöpfen. Der junge Charis wäre in diesem Fall in großer Gefahr.“

Nurel hörte Kairoyan tief seufzen, bemerkte, wie sein Vater seine Hand nahm, und diese nervös knetete. Bis er endlich seine Finger bewegen konnte, kam es Nurel selbst wie eine Ewigkeit vor.

„Beim Roten Mond. Das dauert verdammt lange!“ Kairoyan strich ihm die Schläfe entlang. „Ich zweifle, ob Unasuh in der Lage ist, mit Nurels regungslosem Leib so weit zu schwimmen.“

„Er muss den jungen Charis nur an die Wasseroberfläche bringen und darauf achten, dass er atmen kann.“

„Aber das ist es doch, Zakasar, wenn er ihn an die Wasseroberfläche bringt, sehen ihn alle. Der Fackelschein vom Schiff wirft sein Licht weit auf das Wasser hinaus.“

„Zweifle nicht – Vater!“, flüsterte Nurel.

„Ich habe Angst, dich zu verlieren.“ Merklich war Kairoyan nun erleichtert, er wirkte auffallend gelöst, die Stimme seines Sohnes zu vernehmen.

Nurel zog die Blume von seiner Stirn und richtete sich auf. Um sein Bett verteilt standen fünfzig Kerzen, die eine übertriebene Hitze abgaben und sein Sehvermögen erheblich trübten. Mitten in dem Geruch der brennenden Kerzen nahm Nurel ein anderes Aroma wahr. „Wonach riecht es hier? Dieser Duft …“, er schnupperte, „… ist mir unbekannt und doch irgendwie vertraut.“

„Du erinnerst dich?“, vermutete sein Vater.

Nurel schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Diese Situation hatte er schon öfters erlebt. Es war wie eine offen stehende Tür zu einem Geheimnis, die sich kurz vor dem Erreichen verschließt.

„Leider nicht“, schüttelte er enttäuscht den Kopf.

„Kommt nur, junger Charis“, hörte er Zakasar.

Kairoyan ergriff Nurels Hand, führte ihn an den Kerzen vorbei in eine schummrige Ecke des Raumes, wo auf einem breiten Tisch duftende Speisen jenes Aroma verströmten. Vergleichbares hatte Nurel noch nie zuvor gesehen.

Die Gerichte waren prachtvoll zu Blüten und Blättern angerichtet. Es glich eher einem Kunstwerk als einem Mahl. Handgroße schwarze Muscheln waren wie zu einem Fächer drapiert und abwechselnd mit kleinen, länglichen roten Krebstieren hergerichtet. Ein weißer Schlauch war mehrfach eingeschnitten und filigran auseinandergezogen. Dazwischen ragten Kräuter sowie winzige Fische hervor.

Bei diesem fantastischen Anblick spürte Nurel, wie sein leerer Magen sich umzustülpen drohte. Der Tisch begann sich um ihn zu drehen, sogar der gesamte Raum.

 

Aus der Dunkelheit die Nurel umgab, erschien der weiße Mond und spiegelte sich auf der glatten Wasseroberfläche des Meeres. Aus dem Spiegelbild des Mondes tauchten zunächst Finger auf. Sie waren weit auseinandergespreizt, sahen verkrampft aus. Das Wasser veränderte plötzlich seine Farbe und sah rot wie Blut aus. Aus diesem Blutmeer ragten zuerst die Arme und schließlich ein ganzer nackter männlicher Körper heraus. Nurel erkannte sich selbst. Die Umgebung verblasste, nur sein bloßer Leib blieb übrig. Im nächsten Augenblick erblickte er einundzwanzig rote Mondsteine, die um ihn herum leuchteten, ihn mit ihrer Kraft bewegungsunfähig machten.

Dann erschien Kujana mit ihren langen roten, lockigen Haaren und grünen Augen. Sie legte sanft ihre Hände auf seine Schläfen und hauchte: „Dein Katzenschwanz soll wachsen. Er soll gedeihen. Fühlst du es?“

Nurel hatte in der Vergangenheit schon oft ihre Grausamkeit zu spüren bekommen. Der Schmerz war gegenwärtig spürbar, zog sich vom unteren Rücken bis in die Beine hinein, nahm an Intensität weiter zu. Die roten Mondsteine gaben ihm keine Möglichkeit, dieser Tortour zu entkommen.

Nurel hörte seinen schnellen Atem, seinen lauten Herzschlag, sein Stöhnen. „So ist es gut“, hauchte Kujana. „Bald hast du es geschafft, Katerchen.“ Kujana kratzte mit ihren langen Fingernägeln über seinen Rücken. Der Schmerz des wachsenden Katzenschwanzes zog sich inzwischen bis zu seinem Brustkorb hoch, wurde unerträglich.

Mit einem tiefen Atemzug schoss Nurel in die Höhe.

„Beruhige dich, Nurel“, hörte er Kairoyan neben sich, spürte dessen Hand auf seiner Schläfe.

Offenbar hatte er mal wieder einen furchtbaren Traum gehabt. Nurel versuchte, Wirklichkeit und Traum auseinanderzuhalten. Durch das Licht der Kerzen war seine Umgebung vollkommen verschwommen.

Gehörten diese Speisen zur Realität oder hatte er davon geträumt?

„Der junge Charis wirkt verwirrt!“

„Bitte trink das.“ Kairoyan nahm Nurels Hände und legte sie um die Schüssel. Nurel hob den Behälter. Ein abscheulicher Geruch kroch ihm in die Nase. Augenblicklich ließ er seine Hände sinken.

„Ich weiß, es riecht schrecklich, schluck es einfach herunter, bitte, Nurel.“

„Was soll das sein?“ Nurel spürte, wie sein Misstrauen zurückkehrte.

„Der junge Charis hat vermutlich seit fünf Tagen nichts zu essen bekommen. Eine besonders stärkende Brühe aus Kräutern und Wurzeln ist dafür der beste Anfang“, erklärte Zakasar.

Nurel zögerte. Durch den Traum waren qualvolle Erinnerungen wach geworden. Ein unbehagliches Gefühl machte sich in ihm breit. Er zweifelte plötzlich an der Aufrichtigkeit Zakasars – und war Kairoyan wirklich ehrlich zu ihm? „Wo ist Unasuh?“

„Er wird nachher an deiner Seite sein. Bitte trink die Suppe, sie wird dich stärken.“

„Nachher?“ Nurel fragte sich, wie lange er geschlafen hatte oder war er ohnmächtig geworden?

„Die Sonne geht bereits auf. Beim Anblick des Abendmahls vorhin bist du zusammengebrochen, erinnerst du dich nicht?“ Kairoyan klang ehrlich besorgt. „Wenn du diese Schale nicht endlich leer trinkst, dann wird diese Zeremonie bitterer Ernst für mich werden.“

Nurel fühlte sich an die Situation erinnert, als der Pirat Tajador sich als sein Vater ausgegeben hatte, an den bestialischen Bluttrunk des Medikus. Seine Zweifel türmten sich weiter auf.

„Ich sorge mich um dich, Nurel! Bitte trink“, bettelte Kairoyan.

Nurel blinzelte, bemerkte, wie schwere Müdigkeit ihn zu packen drohte. Er spürte, wie jemand ihm die Schale aus der Hand nahm, diese an seine Lippen setzte. „Jetzt trink endlich.“

Die Zeremonie

„Komm zu dir.“ Kairoyans Stimme drang in Nurels Bewusstsein. Eine Hand knetete seine Schulter. Beim Öffnen seiner Augen schien ihm das grelle Sonnenlicht genau ins Gesicht, sodass es Nurel unmöglich war, auch nur Umrisse zu erkennen.

„Sie werden gleich mit den Vorbereitungen beginnen. Bist du sicher …“, Kairoyans Stimme zitterte, „… ich habe gerade heftige Zweifel an unserem Plan.“

Nurel überlegte, ob er letztlich diese scheußliche Suppe getrunken hatte? Seine Empfindungen waren reichlich durcheinander. Er sehnte sich nach seinem Freund. „Wo ist Unasuh?“

„Zakasar geht noch einmal alle Einzelheiten mit ihm durch.“ Kairoyan ergriff Nurels Hand. „Du musst das nicht …“

„Ich vertraue Unasuh“, unterbrach er Kairoyan. Nurel war bewusst, dies war der sicherste Weg, dem Tribunal zu entkommen. „Er wird auf mich Acht geben.“

„Der Weiße Mond möge dich beschützen.“ Kairoyan drückte seinen Sohn fest an sich, küsste ihn sanft auf die Stirn.

„Er möge Euch ebenso beschützen.“ Nurel schloss die Augen, zügelte Atmung sowie Herzschlag. Nach einem Moment hörte er Kairoyan nach Luft schnappen, als würde er sich erschrecken. Seine Hände zitterten merklich, als er Nurels linke Hand auf die rechte Schulter sowie die rechte Hand auf den linken Hüftknochen legte.

Ein sachtes Klopfen von der Tür beendete die Stille. Hörbar seufzend erhob sich Kairoyan, um die Holztür zu öffnen.

„Charis! Wir kommen, um Euren Sohn für seinen letzten Weg vorzubereiten“, vernahm Nurel eine leise Frauenstimme. Ohne eine Antwort abzuwarten, näherten sich drei Gestalten.

Kairoyan hatte seinen Sohn über den nun folgenden Ablauf aufgeklärt. Zunächst wurde Nurel von seinem Lichtgewand befreit, um ihn mit einem speziellen Balsam einzureiben. Völlig entblößt lag er auf dem Bett und wurde von sechs Händen hingebungsvoll eingecremt. Keine Stelle seines Körpers wurde dabei ausgelassen. Das Gesicht, der Kopf samt seinen Haaren, die Zwischenräume der Finger, der Zehen sowie letztlich auch sein Gesäß wurden sorgfältig mit der duftenden Salbe einbalsamiert. Ein verführerischer süßer Blumenduft, gemischt mit einem Hauch Sandelholz, stieg Nurel in die Nase. Als Nächstes wurden handgroße Blätter auf den Balsam aufgelegt. Gleich einer zweiten Haut diente diese Blätterschicht, seinen Leib später im Wasser vor gefräßigen Meeresbewohnern zumindest eine Zeitlang zu schützen. Diese Behandlung nahm sehr viel Zeit in Anspruch, da die Blätter gut auf den Balsam angedrückt werden mussten. Nurel hörte, wie die Tür geöffnet und wieder verschlossen wurde.

„Sein halbes Leben hat er damit verbracht, seinen Sohn zu suchen, kaum, dass Charis ihn gefunden hat, ist er tot. Das bricht sogar mir das Herz“, sagte die erste Frau mitfühlend.

Mit diesen Worten wurde Nurel deutlich, dass Kairoyan den Raum verlassen hatte.

„Es gibt Gerüchte darüber, dass er gar nicht sein Sohn war“, tuschelte die zweite.

„Das ist unglaubwürdig! Er sah seiner Mutter zu ähnlich!“, bekundete die erste Frau.

„Aber unten in der Küche sprach jemand davon, dass sein wahrer Sohn hierher unterwegs sei“, wisperte die dritte.

„Das ist Unsinn“, entgegnete die erste.

„Scysar ist ganz versessen darauf, an der Trauerzeremonie teilzunehmen, obwohl seine Wunden noch immer bluten“, hauchte die andere.

„Ich wage es, die Behauptung des Tribunals in Frage zu stellen“, flüsterte die dritte Frau. „Scysars Vater war bekannt dafür, dass er sich selbst verletzte, um dann andere zu beschuldigen. Eine alte Frau aus dem Dorf hat mir erzählt, dass Scysar als Kind dazu erzogen wurde, sich selbst Schmerzen zuzufügen, dabei durfte er keinen Laut von sich geben.“

„Scysars Vater wurde seinerzeit bei der Entführung des jungen Charis schwer verwundert, was viele nun bezweifeln“, bekundete die erste Frau.

Augenblicklich verstummte das Gespräch, als die Tür geöffnete wurde. „Beeilt Euch! Die Zeit drängt.“ Zakasar hatte einen eigenartigen Klang in seiner Stimme.

Nurel spürte die Eile in den Händen der Frauen, die von da an kein Wort mehr wechselten. Kaum waren sie mit ihrer Arbeit fertig, verließen sie den Raum.

Diese Balsam-Blätterschicht bedeckte Nurels gesamten Leib, seinen Kopf, sein Gesicht. Sogar über seinen Nasenlöchern verdeckten die übereinanderliegenden Blätter seine einzige Atemöffnung.

Wie gerufen trat Zakasar ans Bett. „Ich werde Euch etwas Luft verschaffen, junger Charis.“ Offenbar war der Vertraute seines Vaters genau aus diesem Grund dazugekommen. Er hantierte vermutlich mit einem Messer an der Schicht herum, bis Nurel langsame Atemzüge mühelos gelangen.

„In wenigen Momenten werdet Ihr von hier fortgebracht“, vernahm er die Worte von Zakasar. „Wie besprochen wird der große Freund auf Euch erwarten und Euch beschützen.“

Vernehmlich ging Zakasar zur Tür, die er öffnete. „Der junge Charis ist nun bereit für seinen letzten Weg!“

Schwere Schritte näherten sich.

Das Bettlaken, auf dem Nurel lag, wurde bis zum Hals um seinen Körper herumgeschlungen. Sein Kopf hing schlaff herunter, bis man ihn auf eine harte Unterlage legte. Dann wurde er mitsamt der Trage angehoben und fortgetragen. Die Schritte seiner Träger hallten durch den Gang, dann ging es etliche Stufen hinunter.

„Wartet!“, vernahm Nurel eine tiefe energische Stimme. „Charis wird als Erster vorangehen.“

Wenige Augenblicke verstrichen, bis Kairoyan – Nurel war der Klang seiner Schuhe, seines Schrittes sehr vertraut – dazukam.

„Wie viel Geleit wünscht Charis?“, erkundigte sich die tiefe Stimme.

„Ich wünsche fünfzig!“

„Aber fünfzig ist zu viel! Sein Alter erreichte nicht einmal die Hälfte, Charis.“

„Schweigt! Ich sagte fünfzig!“ Kairoyans Worte duldeten keinen Widerspruch. Üblicherweise gab es so viel Geleit, wie der Verstorbene alt geworden war.

„Wie Ihr wünscht, Charis.“

Nathan Kairoyan ging voran, dann folgten Nurel und seine Träger, nach ihnen dann zahlreiche schwere Schritte.

Trotz der Blätterhaut spürte Nurel die feuchte Wärme, die typisch für diese Region war und an heißen Tagen wie diesem einem den Atem zu rauben schien. Sämtliche Geräusche klangen gedämpft unter Nurels Balsamschicht. Undeutliches Gemurmel und Gebrabbel drangen ein wenig unwirklich an sein Ohr.

Eine Weile marschierten Nurels Träger ihren Weg, bis er das Meer rauschen hören konnte. Vermutlich erreichten sie endlich den Hafen. Nurel merkte, wie er nach oben gehoben und dann abgestellt wurde.

Das Raunen und Tuscheln verstummten. Eine merkwürdige Stille erfüllte die Luft. Nur der Wind sang leise ein Lied.

Eine Hand legte sich auf Nurels Stirn. Es fühlte sich durch die Blätter äußerst befremdlich an.

„Der Weiße Mond leitet unser Schicksal. Er schenkt das Leben und schickt den Tod. Der Verlust …“ Zakasars Stimme wurde zunehmend leiser, obwohl Nurel wusste, dass er genau neben seinem Kopf stand. Stattdessen meinte Nurel, das Rauschen des Meeres wesentlich deutlicher zu hören und es erschien ihm wie eine Melodie, die sich langsam in ein deutliches Flüstern verwandelte:

„Lausche nicht dem Sterblichen. Vertraue deinem Vigor, vertraue deiner Luzidität. Lausche deiner inneren Stimme. Allein gehe deinen Weg, traue keinem Geschöpf. Traue niemandem. Allein du weißt, wer du bist. Bedrohungen lauern überall. Ehre den Mann, der dich liebt, lasse nichts zwischen euch. Gefahr droht auch ihm.“

Für einen Moment kehrte die Melodie des Meeresrauschens zurück, die Nurel als unglaublich wohltuend empfand. Ein leises Plätschern folgte, welches sich erneut in ein Flüstern verwandelte:

„Kehre zurück, Nurel. Verlasse die Welt der Seligen. Atme, Nurel! Dein Herz muss schlagen! Gefahr droht!“

Einen Moment benötigte Nurel, bis er die Worte verarbeitete. Welche Gefahr sollte ihm jetzt drohen? Ihn erreichte eine entsetzliche Ahnung. War seinem großen Freund vielleicht etwas zugestoßen? Ohne Unasuhs Hilfe würde er auf den Meeresgrund sinken noch bevor er die Kontrolle über seinen Körper zurückerlangt hätte. Er würde ertrinken!

Woher kam nur diese Stimme?

Jedes einzelne geflüsterte Wort hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt, als habe er es seit seiner Kindheit auswendig gelernt.

„Leinen los!“, holte ihn ein lauter Befehl in die Realität zurück. Offensichtlich befand er sich bereits auf dem Schiff. Kairoyan hatte Nurel erzählt, dass alle Familienmitglieder Kairoyans an einer ganz bestimmten Stelle dem Meer übergeben wurden.

Jetzt erklang eine wundervolle Elegie vom Ufer her, entfernte sich langsam mit dem Vorankommen des Schiffes.

Nurel hatte dennoch keinen Anhaltspunkt, wie viel Zeit ihm noch blieb. Als er wahrnahm, wie man seinen Körper auf der Unterlage befestigte, beschloss er, ins Leben zurückzukehren.

Ein Seil wurde fest über seiner Stirn verknotet, ein zweites verlief eng über dem Brustkorb, eines über den Hüftknochen und das vierte wurde über die Knie geschnürt. Zum Schluss wurde ein fünfter Strick längs über seinen Leib gebunden.

Der Trauergesang verstummte nach und nach in der Ferne, sodass bald nur noch das Plätschern der Wellen zu hören war. Nun begann ein leises Trommeln, rhythmisch, klangvoll, welches mit jedem Schlag an Intensität zunahm.

Nurel bemerkte seinen Herzschlag, der langsam kräftiger und regelmäßiger wurde. Hätte er einen zu führen Zeitpunkt gewählt, wäre diese ganze Prozedur umsonst gewesen.

„Wir erreichen den Ort Eurer Ahnen, Charis! Es ist Zeit, Euch zu verabschieden!“

Nach Zakasars Aufforderung spürte Nurel durch die Blätterhaut die Hände seines Vaters auf seinen Schläfen, lauschte seinen Worten: „Mein Leben, meine Hoffnung, mein geliebter Sohn!“ Kairoyans Stimme zitterte, er atmete schwer. „Meine Liebe zu dir ist grenzenlos. Möge der Weiße Mond deinen letzten Weg erleuchten.“

Kairoyans Hände verschwanden. Man hob Nurels Trage an, setzte sie kurz auf der Reling ab, um die Steine, die zur Beschwerung dienten, zu befestigen.

„Ihr müsst jetzt das Zeichen geben, Charis“, drängte Zakasar inständig, aber leise.

Ein tiefer Seufzer verdeutlichte Nurel, wie sehr sein Vater mit dieser Situation zu kämpfen hatte.

Ein Augenblick verstrich, dann kippte Nurels Trage mit den Füßen zuerst nach unten, wodurch sein Leib trotz der Stricke ein wenig verrutschte. Durch die geöffneten Nasenlöcher nahm Nurel einen tiefen Atemzug. Er ahnte, dass seine Befreiung mehr Zeit in Anspruch nehmen könnte, als er Luft zum Atmen zur Verfügung hatte. Durch sein Gewicht und die Beschwerung der Steine sank er mit rasender Geschwindigkeit. Der Balsam auf seinem Körper hatte sich mit den darauf liegenden Blättern zu einer festen Schicht verbunden. Die festgezogenen Seile und das Tuch, welches ihn umhüllte, behinderten seine Beweglichkeit. Während er auf den Meeresboden zusteuerte, bewegte er seine Finger, Hände und Arme. Mit großer Anstrengung versuchte er, sich einen Weg unter dem Stoff hervorzubahnen.

Plötzlich gab es einen Ruck. Vermutlich hatte er den Grund des Meeres erreicht. Das Bedürfnis, Luft zu holen, wurde stärker. Endlich gelang es ihm, sich unter den Seilen herauszuwinden. Das Verlangen zu atmen nahm stetig zu.