Vom barfuß laufen...zum Häuser kaufen - Hans-Gerd Estermann - E-Book

Vom barfuß laufen...zum Häuser kaufen E-Book

Hans-Gerd Estermann

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Beschreibung

Ein sehr persönliches Zeitdokument, das sowohl Estermanns Kindheit während der Kriegsjahre und der Phase des Wiederaufbaus, als auch allerlei privaten Neigungen sympathisch breiten Raum lässt. Wie nebenbei wird von einer beachtlichen Karriere berichtet, die dem Erfolgreichen niemals seine früh erworbene Bodenständigkeit nahm. Interessante Lektüre auch für Enkel und Urenkel.

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt: Ein sehr persönliches Zeitdokument, das sowohl Estermanns Kindheit während der Kriegsjahre und der Phase des Wiederaufbaus, als auch allerlei privaten Neigungen sympathisch breiten Raum lässt. Wie nebenbei wird von einer beachtlichen Karriere berichtet, die dem Erfolgreichen niemals seine früh erworbene Bodenständigkeit nahm.

Interessante Lektüre auch für Enkel und Urenkel.

Inhaltsverzeichnis

Siebzig

Die Eltern

Kriegszeiten

Schullandheim Erlenried

Das neue Zuhause

Unsere Familie als Selbstversorger

Wie Großvater den Krieg erlebte

Tante Gertrud

Der neue Laden

Mein erstes Haus

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Mit dem Miele-Moped nach Italien

Annemarie

Die Wahrsagerin

Der Traum von einer Vespa

Mit der Vespa nach Italien

Neapel

Capri

San Michele

Axel Munthe

Die blaue Grotte

Der Horrortrip über den Brenner

Meine erste Wohnung

Die Bundeswehrzeit

Große Flut im Februar 1962

Mein erstes Büro

Hans-Werner Henze

Beatles-Konzert in Hamburg 1966

Das Rentenproblem

Hamburger Wohnungsmarkt der 60er und 70er

Emma

Anfängerglück

Mein erster Lehrling

Mut zahlt sich aus

Emma gibt mit warmer Hand

Und noch ein Glückskauf

Siebzig

Bei den Vorbereitungen zur Feier meines 70. Geburtstags wurde mir schlagartig klar „Siebzig!“. Man wird ja nicht von einem Tag auf den anderen alt, aber wenn das schwarz auf weiß auf der Einladungskarte prangt, haut es einem doch so einige Gedanken durch den Kopf. Ich suchte im Internet Trost und stolperte über dies:

„Generalfeldmarschall Graf Friedrich von Wrangel war ein Frauenkenner und bis ins hohe Alter hinein auch Frauenverehrer. Als er, schon über achtzig, mit einem Bekannten in Berlin spazieren ging, kam ein auffallend hübsches junges Mädchen vorbei. Wrangel reagierte auf die reizende Erscheinung und blickte ihr nach. Dann wandte er sich seufzend an seinen Freund: "Mein Lieber, da möchte man doch noch junge siebzig sein!“ Wer sagt’s denn, das tröstet! Auch wenn mich Mädels gar nicht reizen.

Als mein Vater mit siebzig aus dem Berufsleben ausschied, meinte er ganz zufrieden: „Wie schön, wenn ich jetzt morgens aufstehe hab ich schon Feierabend.“ Nein, so will ich es nun ganz und gar nicht halten. Auf meine berufliche Tätigkeit verzichten? Ich habe Freunde nie verstanden, die frohgemut der Pensionierung entgegensahen, weil sie dann üppig Zeit hätten, Golf zu spielen, spazieren zu gehen oder durch die Welt zu reisen. Das wäre für mich der Anfang vom Ende!

Während ich also noch über die 70 sinnierte, rief mich ein Marktforschungsinstitut an. Sie befragten das Verhalten von Käufern elektronischer Geräte. Männlich, weiblich, Anzahl und Alter der Personen, die in meinem Haushalt leben... Als ich mein Alter nannte, war der Interviewer irritiert. Sein Fragebogen sah ein Alter bis maximal 65 vor. Aha, älter kauft keiner mehr elektronische Geräte?

Kurz darauf las ich in einem Interview: „Ab 70 wirst Du zum Greis. Zunehmend Interessenverlust. Soziale Rolle: sich auf den Tod vorbereiten.“

Nein! Lieber reisen zum Yoga in Indien mit Kopfstand!

Wie haben andere ihren 70. Geburtstag erlebt?

Johann Wolfgang von Goethe dankte an seinem 70. Geburtstag anno 1819 einem Festgenossen in Weimar: „Das ist ein Tag, an welchem der wohldenkende Mensch Aufmerksamkeit von außen bedarf. Ein Tag, der einen veranlasst, innerlich sowohl rückwärts als vorwärts zu blicken, jenes mit vollem Ernst, dieses mit einiger Bedenklichkeit.“

Thomas Mann, Nobelpreisträger, hielt mit siebzig anno 1945 in Washington seine berühmte Rede ‚Deutschland und die Deutschen’: „Wie ich hier vor Ihnen stehe, ein Siebzigjähriger, ... habe ich das Gefühl, dass das Leben aus dem Stoff ist, aus dem die Träume gemacht sind. Alles ist so seltsam, so wenig glaubhaft, so unerwartet. Ich habe nie gedacht, es zu patriarchalischen Jahren zu bringen, obgleich ich es theoretisch schon früh für wünschenswert hielt. ..., wenn man schon einmal zur Welt geboren sei, wäre es gut und ehrenwert, lange darin auszuhalten und ... auf allen Lebensstufen charakteristisch fruchtbar zu sein.“

Pablo Picasso war zu seinem 70. Geburtstag anno 1951 schon der berühmteste Maler der westlichen Welt. Seine Feier zum 70. endete mit einem Hexenschuss. Sein Schaffensdrang hielt unvermindert an bis ins 92. Lebensjahr.

Die Eltern

Ich hatte glücklicherweise prächtige Eltern, die uns Kinder zu eigenständigen Menschen erzogen haben. Und sie waren, Gott sei Dank, überhaupt nicht ängstlich, ließen ihren Kindern viel Freiraum, statt sie gar zu sehr zu behüten und zu gängeln.

Meine Mutter, Tochter eines Straßenbahnfahrers, wuchs mit ihren sechs Geschwistern in einer winzigen Wohnung in Winterhude auf. Auch wenn man jeweils zwei Kinder in ein Bett steckte, frage ich mich heute, wie so viele Menschen auf so engem Raum wohnen konnten. Später arbeitete meine Mutter als Köksch (Köchin) bei einer englischen Bankiersfamilie.

Mein Vater, uneheliches Kind eines verheirateten Großbauern mit dessen Magd, wurde kurz nach der Geburt zu einem Bauern gegeben, der bereits elf Kinder hatte. Es hieß, wo elf Kinder satt werden, werden es auch zwölf. Als Ausgleich wurde vereinbart, dass der Großbauer jährlich für den Unterhalt des unehelich geborenen Knaben ein Kalb zu liefern habe. Damit hatte man die Schande eines unehelichen Kindes vom Hof geschafft.

Mein Vater erlernte den Beruf des Reepschlägers, auch Seiler genannt, und zog schon früh nach Hamburg. Weder in seiner Heimatregion Bayern, noch in Österreich, war eine Arbeitsstelle in seinem Beruf zu finden. Also hoffte mein Vater, Schiffe in einer Hafenstadt hätten an Seilen reichlich Bedarf. Tatsächlich fand er auf Finkenwerder eine Anstellung in einer Seilerei. Später hatte ich die Möglichkeit, diese zusammen mit meinem Vater zu besichtigen. Der Betrieb war inzwischen eingestellt, aber die Reeperbahn trägt bis heute den Namen dieses ehrenwerten Berufs.

Bei einem sonntäglichen Spaziergang im Stadtpark entdeckte mein Vater meine Mutter brav auf einer Parkbank sitzend -- vor einem steinernen Weib.

Meine Mutter war zu dieser Zeit im Haushalt „in Stellung“, wie man in Hamburg sagte. Der Vater hatte immerhin als Arbeiter eine Anstellung in einer Fabrik gefunden. Und zum Wochenende machte man fein rausgeputzt einen Spaziergang im Sonntagsstaat. Auch meine Mutter saß dort elegant gekleidet mit schickem Hütchen, einem modischen Mantel der zwanziger Jahre und weißen Glacéhandschuhen... allein auf ihrer Bank im Stadtpark. Im dunklen Paletot liftete mein Vater seinen eleganten Bowler und sprach die fremde hübsche Dame an. Ob er sie, ganz in Ehren, zu einem Kaffee ins nahe gelegene Landhaus Walter einladen dürfe? Er durfte. Es folgten weitere sonntägliche Spaziergänge.

1922 feierte man Verlobung. Allerdings bestand meine Mutter darauf, es werde erst geheiratet wenn sie beide genügend gespart hätten. Sie träumte von einem kleinen eigenen Geschäft. Und von nun an sparten sie Groschen um Groschen. Mein Vater nahm morgens den einstündigen Fußmarsch zu seiner Arbeitsstelle auf sich, um Geld für eine Fahrkarte zu sparen.

Verlobt sein bedeutete für meine Mutter zugleich ein keusches und enthaltsames Leben. Wie sie mir später erzählte, war dann mein Vater zeit ihres Lebens der einzige Mann, den sie erhört hatte, auch wenn es so einige Verehrer gab...

Zwar krachten sich meine Eltern hin und wieder, aber der Vater hat sie auf Händen getragen. Und -wie mir meine Mutter einmal anvertraute- „er stand bis ins hohe Alter immer seinen Mann“.

Nach sieben Jahren war es endlich so weit. Meine Eltern hatten genügend Geld gespart, um ein kleines Brotgeschäft mit dazugehöriger Wohnung zu kaufen. 1929 wurde geheiratet.

Allerdings ohne kirchliche Hochzeit im weißen Brautkleid – mein Vater war katholisch und meine Mutter evangelisch. Keine kirchliche Trauung! Es sei denn einer von beiden trat zur Kirche des anderen über. Das aber kam für sie nicht in Frage, sie verzichteten auf den Segen der Kirche. Dennoch nagte das lebenslang an meinem Vater. Als zu seinem achtzigsten Geburtstag der Priester mit einer Flasche Rotwein an seiner Tür erschien um zu gratulieren, bedankte sich mein Vater artig, meinte aber: „Die Flasche trinken Sie man alleine!“ und schloss dem Pfaffen die Haustür vor der Nase.

Mein Vater erzählte, dass er während seiner Ausbildung zum Reepschläger jeden Morgen zur Frühmesse in die Kirche gehen musste, was von seinem frommen Lehrherrn, bei dem er auch wohnte, penibel überwacht wurde. In der Kirche saßen sie streng getrennt nach Geschlechtern; auf der linken Seite die Frauen und auf der rechten Seite die Männer. Zuvor war es seine Aufgabe, alle Schuhe und Stiefel der Familie gründlich zu putzen. Nach der Frühmesse gab es ein karges Frühstück und dann startete die Arbeit.

Für meinen Vater war dieser angeordnete Kirchgang mehr eine Pflichtübung, und auch die Familie meiner Mutter war wohl nicht sehr gläubig, jedenfalls wurde die Kirche bei uns nie zum Thema. Meine Eltern trafen die kluge Entscheidung es ihren Kindern zu überlassen, ob sie später in eine Kirche eintreten wollten. Zwar wurden die Kindlein zunächst evangelisch getauft, (damit keiner in die Hölle kam!) später durften wir selbst entscheiden, ob wir am Konfirmationsunterricht teilnehmen wollten oder nicht. In meiner Schule waren die meisten Schüler evangelisch und gingen alle zum Konfirmationsunterricht. Da wollte ich kein Außenseiter sein.

Außerdem hörte ich von meinen Klassenkameraden, es gibt zur Konfirmation tolle Geschenke und Geld von allen Verwandten! Aber meine Mitschüler und ich gingen nur ungern sonntags in die Kirche. Das war jedoch Bedingung für die spätere Konfirmation. Alle zehn Gebote kannten wir längst auswendig und haben besonders eines gerne umgedichtet: „Du sollst Deinen Vater und Mutter ehren - wenn sie Dich schlagen, sollst Du Dich wehren.“

Der Herr Pfarrer erschien uns gütig und klug. Aber wenn er aus dem Lukas-Evangelium vorlas: „Gehet und verkündet, was ihr gesehen und gehöret habt! Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Tote stehen auf...“ dann glaubten wir ihm kein Wort!

Die Jungfrau Maria hatte das Jesuskind geboren? Schon sehr früh hatten mir im Heim die älteren Kinder etwas anderes erzählt -- wie man ein Baby macht und wie es zur Welt kommt! Vom Religionsunterricht hab ich mich später öfter mal befreien lassen. Im Zeugnis wurde sowieso nur pauschal vermerkt: „Hat teilgenommen.“ Noten gab es für Religion nicht.

Jeweils am 31. Oktober mussten wir in die nahe gelegene Apostelkirche pilgern zu einem festlichen Gottesdienst. Über die Bedeutung dieses Tages wurden wir im Religionsunterricht informiert. Als Angehörige der evangelischen Kirche sollten wir einem gewissen Martin Luther dankbar sein, der am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen hatte. Was immer die waren! Und der Luther hatte die Bibel ins Deutsche übersetzt. Damals hatte Johannes Gutenberg gerade die Buchdruckerkunst erfunden, massenhaft konnte die deutsche Bibel gedruckt werden. Für jedermann - sofern er zu lesen verstand. Worum sich nun viele bemühten.

Es kam der Konfirmationstag! Wir stolzierten fein herausgeputzt mit Maiglöckchen am Revers in die Kirche und waren nun Mitglieder der Gemeinde. Galten sozusagen als erwachsen. Weshalb ein Nachbar mich im Scherz fragte ob er jetzt „Sie“ zu mir sagen sollte. Meine Geldgeschenke fielen recht mager aus, dafür waren die von Onkel Willi angefertigten Buttercremetorten fett und mächtig.

Später habe ich mich mit verschiedenen Religionslehren beschäftigt und natürlich auch mit dem Wirken dieses Martin Luther. Bei so manchen Zitaten habe ich mich erstaunt gefragt, mit welchem christlichen Glauben die wohl im Einklang standen!

"Der Papst ist der Teufel; könnte ich den Teufel umbringen, warum wollte ich´s nicht tun?"

„Wechselbälge und Kielkröppe (Missgeburten) soll man ersäufen, ein solches Kind ist ein vom Satan in die Wiege gelegtes Stück seelenloses Fleisch.“

„Der verböste Jude wird nicht ablassen, dich auszusaugen.“

"Taugenichtse und Ausplünderer sind keiner Gnade und keines Mitleids wert."

„Wenn ich könnte, würd ich den Jud niederstrecken und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren.“

„...dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anzünde, .... dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre...“

Noch einige Jahre gehörte ich der evangelischen Kirche an, auch wenn ich allenfalls zu Weihnachten oder zur Hochzeit von Verwandten oder Bekannten eine Kirche betrat. Auch zahlte ich brav meine Kirchensteuer. Bis ich Ende der sechziger Jahre, als es heiße Diskussionen zur Reform des §175 auch seitens der evangelischen Kirche gab, in der Zeitung einen Artikel las, in dem ein Pastor den homosexuellenfeindlichen Paragraphen leidenschaftlich verteidigte, der sei denen zuzumuten: „Die sollen ihre schändliche Neigung sollen sie unterdrücken und keusch leben!“ Nie hatte ich mich um diesen Paragraphen gekümmert und schlicht so gelebt und geliebt, wie ich es für richtig hielt. Der Artikel dieses Pastors machte mich wütend. Ich schnitt ihn aus der Zeitung, legte das im Amt auf den Tisch und erklärte meinen Austritt. Die Kirche hat zu der Zeit viele Schäfchen verloren.

Am 17.01.2005 erschien im Hamburger Abendblatt ein Artikel über die Kirche in der ich konfirmiert worden war: „Eimsbüttel - Restaurant im Gotteshaus? -- Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Eimsbüttel feiert am 20. März den letzten Gottesdienst in der St. Stephanuskirche. Ungewiss, was aus dem Gotteshaus an der Lutterothstraße wird. Vielleicht ein Restaurant. Nach Abendblattinformationen verhandelt die Kirchengemeinde aktuell mit Investoren, die einen gastronomischen Betrieb in der Kirche betreiben wollen. Pizza, Gyros oder Kohlrouladen? Das stößt einigen Eimsbüttelern übel auf.“

Kriegszeiten

Meine Erinnerungen an die Kindheit beginnen mit einer Art Kaleidoskop. Farbige Muster und Figuren verändern sich ständig. Meine Mutter erzähle mir später, dass ich in eine kuschelige gelbe Wolldecke gehüllt wurde, wenn kreischende Sirenen Fliegeralarm meldeten.

Es waren unruhige Zeiten. Glorios und siegreich zunächst.

Am Tag meiner Geburt herrschte allgemeiner Jubel.

Der Heeresbericht meldete an jenem 19. Juni 1940: „.... Der Unterlauf der Loire wird von deutschen Truppen überschritten; in Lothringen fallen Toul, Epinal und Lunéville in deutsche Hand.“

Folgender Eintrag im Kriegstagebuch der Luftinspektion 13 über feindliche Luftangriffe am 19. Juni 1940: „Fliegeralarm in der Zeit von 0:48 – 2:40, Durchschnittsdauer etwa ¾ Stunden. Links des Mittelrheins im Raum Frankfurt/M., Darmstadt, Heidelberg, Speyer, Frankenthal sowie um Trier Bombenangriffe. Bisher gemeldet: Frankfurt/M ein Krankenhaus, in Sachsenhausen Dachstuhl zerstört. - Isenburg ein Haus zerstört, zwei Tote.“

Der Berliner Lokal-Anzeiger berichtete über das Kriegsgeschehen:

Und weiter heißt es im Heeresbericht: „...Britische Flugzeuge flogen auch in der Nacht zum 19. Juni in Nord- und Westdeutschland ein, um wie bisher ihre Bomben über nicht militärischen Zielen abzustreuen. Es sind achtzehn Tote zu beklagen, darunter eine Anzahl Personen, die sich nicht in die Luftschutzkeller begeben hatten.“

Bevor es zu der Bombardierung Hamburgs kam wollte mich meine Mutter wie zuvor meine beiden Geschwister in der Frauenklinik Finkenau in diese Welt gebären -- in einem großen Kreißsaal lagen hier die Frauen nur durch Vorhänge voneinander getrennt. Da jederzeit mit Bomben zu rechnen war, beschloss meine vorsichtige Mutter, mich doch lieber zu Hause zur Welt zu bringen. Sie bediente im Laden die Kundschaft als die Wehen einsetzten. Mein Vater, der zur Geburt seines dritten Kindes Fronturlaub bekommen hatte, holte eilig die Hebamme. Um 10:30 wurde ich in der Küche hinter dem Laden als fast neun Pfund schwerer Wonneproppen gesund und munter geboren.

Zu Geburten in diesen Tagen kursierten mutige Witze: Ein Kind wird geboren. Die Fee hat ihm drei gute Eigenschaften in die Wiege gelegt. Es soll klug, ehrlich und nationalsozialistisch sein. Da kommt eine böse Fee und droht das Kind sterben zu lassen, wenn es sich nicht mit nur zwei dieser Eigenschaften begnüge, die könnten die Eltern allerdings frei wählen. Man ist ratlos.

„Entweder wird das Kind klug und nationalsozialistisch –- dann ist es nicht ehrlich; oder es wird ehrlich und national-sozialistisch – dann ist es nicht klug; oder es wird ehrlich und klug – dann ist es nicht nationalsozialistisch.“

Hans-Gerd mit seinem älteren Bruder Günter.

Inzwischen bereitete die deutsche Luftwaffe ihre Bombardements auf England vor, in der Erwartung, die kleine Insel zur Kapitulation zu zwingen.

In seinem Tagebuch schrieb Thomas Mann im amerikanischen Exil am Tag meiner Geburt: „... wenn England nur einige Monate aushalten kann, ist Hoffnung. Ja, Hoffnung regt sich immer, dass das unmögliche Welt-Terrorisierungs-Abenteuer zuletzt doch elend ausgehen wird, so zügellos der Übermut jetzt sein mag. – Entsetzliches über die Emigrantenjagd in Paris und den nahen Wäldern. Himmler dort. Grauen, Grauen.“

Er konnte nicht ahnen, was nicht einmal Hermann Göring erfuhr: die Engländer hatten den Nachrichtencode der Luftwaffe geknackt und waren nun voraus über alle Angriffe informiert. Mehr und mehr angreifende deutsche Flugzeuge wurden abgeschossen ehe sie die Insel erreichten.

Im Gegenzug griffen nun verstärkt die Engländer deutsche Städte an. Bombardierungen Hamburgs erfolgten in immer kürzeren Abständen. Die Bevölkerung glaubte sich geschützt in zahlreichen Bunkern. Man hatte alle erdenklichen Vorkehrungen gegen Luftangriffe getroffen. Es wurden Flugabwehrstationen errichtet und sogar in der Außenalster eine kleine künstliche Insel gebaut, um hier Flugabwehrgeschütze aufzustellen. Man wollte anfliegenden Bomberverbänden die Orientierung aus der Luft erschweren und tarnte markante Gebäude, auch den Hauptbahnhof und den Dammtorbahnhof.

Am Sonntag, dem 25. Juli 1943 -ich war kurz zuvor drei Jahre alt geworden- begann nachts der Luftangriff “Operation Gomorrha”, der bis zum 3. August dauerte und bei dem in Hamburg über dreißigtausend Menschen umkamen, dazu über einhunderttausend verletzt wurden. Hunderte englische Flugzeuge bombardierten Teile der Innenstadt und die Stadtteile Hoheluft, Eimsbüttel und Altona mit Spreng- und Brandbomben.

Zuvor hatte die englische Propaganda Flugblätter über Hamburg abgeworfen:

Während unsere Familie im nahegelegenen Bunker hockte, wurde das Haus am Luruper Weg, in dem meine Eltern ihr Geschäft und ihre Wohnung hatten, bombardiert.

Als es Entwarnung gab, strömten die Menschen aus dem Bunker auf die Straße. Das Haus meiner Eltern stand in Flammen.

Unser Vater versuchte vergeblich einiges zu retten, aber das Feuer hatte verheerend schnell um sich gegriffen.

Wir waren obdachlos und meine Eltern hatten ihre wirtschaftliche Existenz verloren. Viele Menschen irrten durch die Straßen auf der Suche nach einem Unterschlupf.

Wir hatten Glück im Unglück. Meine Eltern besaßen in Langenfelde einen Schrebergarten, wo wir zunächst ein Obdach hatten. Eine kleine Holzlaube und draußen eine Pumpe zur Wasserversorgung. Man erwartete weitere Luftangriffe und begann eilig, möglichst viele Bewohner zu evakuieren, mit Vorrang die Kinder. Hunderttausende flüchteten ins Umland oder wurden nach Süd- oder Ostdeutschland evakuiert. Mein Vater musste zurück nach Norwegen. Wir Kinder wurden im Landschulheim Erlenried in Großhansdorf einquartiert.

Denn der Tag unserer Ausbombung war ja nur der Auftakt zum großen Bombardement Hamburgs. In den darauffolgenden Tagen fielen Phosphor- und Brandbomben. Ganze Straßenzüge standen in Flammen und waren nicht zu löschen.

Es kam zu einer horrenden Hitzeentwicklung, sie soll bis 1000 Grad betragen haben, sogar Stahlträger verformten sich. Und die aufgeheizte Luft fachte immer neue Feuer in Dachstühlen an, von dort fraßen sich die Flammen in Holzdecken, Holzböden und Treppenhäuser. Der Feuersturm entwurzelte Bäume und ließ Menschen wie Puppen durch die Luft fliegen.

Auch in den Schutzräumen entstand eine enorme Hitze, die Menschen drängten nach draußen, kaum waren die Türen geöffnet, kam ihnen eine mörderische Hitzewelle entgegen, alle verbrannten bei lebendigem Leib. Viele Menschen erstickten an den in ihre Keller einströmenden Brandgasen, oder wurden in zusammenbrechenden Häusern verschüttet.

Der Abwurf von großen Mengen Phosphorbomben hatte nicht nur zur Folge, dass ganze Stadtviertel in Flammen standen, unzählige Menschen starben in brennendem Phosphor. Tausende Frauen, Männer und Kinder sprangen von brennendem Phosphor übergossen in Flüsse, Kanäle oder Brunnen. Kaum streckte einer von ihnen den Arm aus dem Wasser, stand dieser wieder in Flammen. Rettungskräfte bemühten sich die im Wasser treibenden Menschen so an Seile zu binden, dass sie nicht im Schlaf ertrinken konnten. In den Kanälen und in der Elbe ragten tausende Köpfe verzweifelter Menschen aus dem Wasser. Zum Teil bemühten sich Freunde und Verwandte sie zu trösten. Immer wieder kletterten manche aus dem Wasser und rannten brennend davon – brachen dann irgendwo zusammen. Ohne Aussicht auf Rettung verharrten die Verletzten. Auch jene, die eingeklemmt unter Schutt lagen, blutig, entkräftet -- halb wahnsinnig schrien sie. Polizei, Soldaten, Sanitäter und Rettungskräfte drängten alle Helfer zurück und riegelten die betroffenen Gebiete ab. Dann fuhren Boote durch die Kanäle und rollten LKWs mit Soldaten durch die Straßen zu den Unglücklichen. Sie wurden erschossen und als die Munition ausging erschlagen.

Das Schullandheim Erlenried

„Lass uns

Kinder bleiben

und die einmal

erfahrenen Wunder

nicht vergessen“

Ilka Scheidgen:

‚Der Hoffnung Wege bauen’.

Im Schullandheim Erlenried waren wir Kinder während der massiven Bombardements sicher. Meine Geschwister und ich wurden unterschiedlichen Altersgruppen zugeteilt, dennoch hatten wir im Heim zueinander regelmäßig Kontakt. Ich lebte mit einer Gruppe gleichaltriger Buben in einem Flachbau.

Von den schrecklichen Geschehnissen des Krieges und all dem Grauen haben wir Kinder hier nichts mitbekommen.

Der Morgen begann bei gutem Wetter mit gemeinsamen Leibesübungen im Freien.

Neben dem Heim gab es einen Bauernhof, der uns mit Milch, Fleisch, Gemüse und Kartoffeln versorgte. Bauer Peemöller hatten wir alle ins Herz geschlossen. Denn sogar wir ganz kleinen Steppkes durften bei der Heuernte dabei sein. Besonders stolz war ich, wenn ich beim Melken der Kühe deren Schwanz festhalten durfte, während der Bauer auf einem einbeinigen Melkschemel hockte. Beim rhythmischen Milchstrahl in den Blecheimer riefen wir Kinder gern: „Stripp, strapp, strull, ist der Eimer endlich vull?“

Ich denke oft dankbar an diese Kinderzeit zurück. Wir spielten in der Scheune auf dem Heuboden und fanden immer eine Gelegenheit, uns auszutoben und Abenteuer zu erleben.

Gern machten wir uns auch nützlich, indem wir aus angefeuchtetem Kohlengrus, gemischt mit etwas Lehm, kleine Kohlebällchen formten, die nach dem Trocknen in der Sonne als Heizmaterial dienten.

Bei gutem Wetter wurden die Matratzen in die Sonne gelegt. Es gab unter uns so manchen Bettnässer, aber man sprach nicht gern darüber, und die Sonne trocknete es ja auch wieder.

Unvergessen und von mir sehr geliebt waren die abendlichen Gesänge, zusammen mit den anderen Kindergruppen. Man traf sich nach dem Abendbrot bei gutem Wetter auf dem Hof, stellte sich im Kreis auf, dann wurden Lieder angestimmt.

Unzählige haben wir gelernt, und sie kommen mir noch heute in den Sinn. Die Krönung unserer Liederabende waren immer die Kanons.

„Abendstille überall, nur am Bach die Nachtigall...“,

„Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König“

„Drei Gäns’ im Haferstroh saßen da und waren froh....“

Danach gingen alle zufrieden und glücklich ins Bettchen.

Später hörte ich oft von Freunden, die zu dieser Zeit auch in Heimen gelebt hatten, dass es grausame Zeiten für sie waren. Sie wurden geschlagen und bekamen nur unzureichend zu essen. Für mich waren es die schönsten Jahre meiner Kindheit. Ich wuchs mit gleichaltrigen Buben auf, und sehr viel habe ich hier für mein späteres Leben gelernt.

Bei unseren Spaziergängen und beim Spielen in der Umgebung des Heimes entdeckten wir die Schönheit der Natur. Wir liebten alle Wiesenblumen. Besonders den Sauerampfer! Und die Brombeeren an den Hecken. Leuchtend gelb und üppig blühten die Sumpfdotterblumen am kleinen Bach der sich durch eine saftige Wiese schlängelte. Die Mädel flochten sich aus Blumen kleine Kränze und trugen sie im Haar.

Wir lernten,die Natur zu achten und zu lieben. Wir bestaunten das Quaken der Frösche in dem kleinen Teich, der zum Heim gehörte und auf dem die größeren Jungen auf selbstgebauten Flößen herumschipperten. Wenn manche Buben kleine Frösche quälten, wurde ich wütend. Hatte mir meine Mutter doch früh den Spruch eingeprägt: „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.“ Auch Maikäfer trugen wir vorsichtig ins Heim und sangen: „Maikäfer flieg. Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist in Pommernland, Pommernland ist abgebrannt. Maikäfer, flieg.“

Wir wussten natürlich nicht, wo Pommernland liegt und nicht einmal so richtig, was das Wort Krieg bedeutete. Machten wir einen Ausflug in den nahe gelegenen Buchenwald, riefen wir gern gemeinsam: „Was essen die Soldaaaaten?“ und mit etwas Fantasie hörte man das Echo antworten: „Braaaten“. Oder: „Was essen die Studeeenten?“ „Eeenten“.

Während in den Städten die Menschen Hunger litten, waren wir im Heim gut versorgt. Zum Frühstück gab es meistens „Muggefug“ mit etwas Milch vom Bauernhof. Dieser Kaffee wurde aus Gerste, Malz und Roggen hergestellt. Notfalls wurde er aber auch aus Eicheln und Bucheckern gemacht, die wir im Herbst begeistert sammelten. Die Zutaten wurden geröstet und dann gemahlen. Beliebt war es auch, dem Getränk geröstete Zichorienwurzeln zuzusetzen, wodurch das Ganze ein wenig den Geschmack von Bohnenkaffee bekommen sollte. Zichorie war sogar noch nach dem Krieg ein beliebter Zusatz fürs Kaffeepulver. Im Schlafzimmer meiner Eltern stand auf dem Kleiderschrank immer eine alte Blechdose der Firma Pfeiffer & Dillers in der meine Mutter getrocknete Blätter zur Herstellung von Teemischungen aufbewahrte. Es wurden schmackhafte Tees aus Erdbeer-, Brombeer- und Pfefferminzblättern gebrüht, auch aus den von uns Kindern gesammelten Hagebutten, den Früchten der Wildrosen, die viel Vitamin C enthalten und die ein wirksames Getränk gegen Erkältung ergaben.

Die wichtigsten Nahrungsmittel waren zu der Zeit Steckrüben, Kohl, Kartoffeln, Mais und Hafer. Hauptlieferant war der angegliederte Bauernhof von Bauer Peemöller. Die Frauen, die leckere Speisen für uns Heimkinder zubereiteten, verstanden es immer wieder, neue Gerichte aus den vorhandenen Zutaten zu zaubern.