Von 6 bis 88 Jahren! - Rev. Terry Bartsch DD - E-Book

Von 6 bis 88 Jahren! E-Book

Rev. Terry Bartsch DD

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Beschreibung

Terry Bartsch ist Spiritueller Heiler und Reverend. Er zählt zu den großen spirituellen Heilern. Auf dem Höhepunkt seiner Heilertätigkeit wurde ihm der Titel Doctor of Divinity (DD) verliehen. In diesem Buch schildert er eindrucksvoll seinen Weg durch Drama, Abenteuer, Leid, Liebe und Trauer. Zwei Nahtoder-lebnisse brachten ihn schließlich dazu, sein Leben vollständig zu überdenken und zu verändern. Das Buch gibt Einblick in die Spirituelle Philosophie und das Leben mit der Geistigen Welt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 433

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Spiritueller Reverend

Terry Bartsch DD

WAS FÜR EIN

ERFÜLLTES

LEBEN

88 JAHRE

durch

Drama, Abenteuer, Leid,

Liebe und Trauer

Ein biographischer Roman mit

Durchsage aus der geistigen Welt

Impressum

Text:

© 2020 by Rev. Terry Bartsch DDP.O. Box 37, 3886 NewmerellaVictoria / Australia

E-Mail:

[email protected]

Umschlag / Foto:

© 2020 by Rev. Terry Bartsch DD

Lektorat / Korrektorat:

Nicole Müller

Verlag:

tredition GmbHHalenreie 40-4422359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-05253-6 (Paperback)978-3-347-05254-3 (Hardcover)978-3-347-05255-0 (e-Book)

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Adressen

Prolog

Es war 1937. Adolf Hitler war an der Macht alles befand sich in einem geregelten Zustand.

Er war gerade sechs Jahre alt und ging an der Hand seiner Mutter an seinem ersten Schultag in die Schule. Probleme oder Angst an diesem Tag hatte er nicht, da sein Vater einer der Lehrer dort war.

Er ahnte nur vage, was ihm bevorstand. In der Klasse musste er ein Vorbild sein, damit man nicht sagen konnte, dass er bevorzugt wurde, da er der Sohn des Lehrers war. Zur selben Zeit musste er der Hitlerjugend beitreten, was bedeutete, jeden Mittwoch- und Samstagnachmittag in seiner Uniform auf dem Schulhof anzutreten. Hier wurde ihm beigebracht, wie sich ein Hitlerjunge zu verhalten hatte, um später ein guter, deutscher Soldat zu sein.

Disziplin, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Gehorsam wurden streng gelehrt und eingehalten, sowie der Umgang mit Waffen während der Kriegszeit. Als er den Horror des Krieges kennenlernte, war er gerade einmal 14 Jahre alt.

Nach dem Krieg verließ er Deutschland und ging mit seinem Freund ins Ausland. Zuerst reiste er nach Italien, da er gehört hatte, dass es dort die schönsten Mädchen gab, wo er nicht nur seinem Beruf als Maurer und Betonierer nachging, sondern alle möglichen Arbeiten verrichtete, und lernte, wie und wo er Geld verdienen konnte.

Er arbeitete im Zirkus, auf Festen, am Karussell und am Riesenrad. Er wurde Vertreter für eine Weinfirma, später für Neonreklamen. Er heuerte als Seemann auf verschiedenen Frachtschiffen an und blieb schließlich in Australien hängen.

Er heiratete, bekam drei Kinder und gründete eine Baufirma, die Häuser, Fabriken, Geschäfte und zuletzt auch zwei Brücken baute. Seine Ehe scheiterte jedoch und endete mit der Scheidung. Er heiratete ein zweites Mal, eine einheimische Part-Aborigine Frau. Nach 32 Jahren Ehe starb sie innerhalb von nur neun Tagen an einem Erkältungsvirus. Er heiratete ein drittes Mal. Sie war Deutsche. Nach einigen Jahren starb sie an Brustkrebs. Er heiratete ein viertes Mal. Seine vierte Frau verließ ihn nach acht Jahren unverhofft.

Mit seiner zweiten Frau gründete er eine Busfirma und transportierte Feldarbeiter von einem Flüchtlingslager zu den verschiedenen Bauernhöfen und zurück.

Nach einem Überfall, bei dem er zwei Nahtoderfahrungen machte und da er schwer verletzt worden war, gab er die Busfirma auf und verkaufte seinen Fuhrpark. Eine lange Genesungszeit begann.

Sein Leben veränderte sich.

Nach einer langen Lehrzeit wurde er Spiritueller Heiler, Lehrer und Reverend der Spirituellen Philosophie.

In den darauffolgenden 24 Jahren bereiste er viele europäische und asiatische Länder. Als Spiritueller Reverend und Heiler half er vielen kranken Menschen.

Er lehrte viele Menschen das spirituelle Heilen, gründete eine Schule für Geistiges Heilen und bildete viele Menschen als Spirituelle Reverends der Spirituellen Philosophie aus.

Sein Leben war bis heute immer ein sehr erfolgreiches und bewegtes gewesen. Man kann schließlich wirklich sagen:

Was für ein erfülltes Leben!

Kapitel 1

Es war ein eiskalter Morgen, als er die Haustür hinter sich schloss und zur Straßenkreuzung ging. Die Menschen, die noch am Abend ins Dorf gekommen waren, machten sich in den verschiedenen Unterkünften zur Abreise fertig. Die Pferde wurden in die Treckwagen eingespannt, um dann, nachdem man gefrühstückt hatte, weiterzufahren. Es war im Jahr 1945. Er trug seine Winteruniform der Hitlerjugend, um nun die anderen Jungs vom Nachtdienst an der Dorfkreuzung abzulösen.

Die Kreuzung musste immer offen sein, sodass die Lastwagen der Wehrmacht ungehindert durchfahren konnten, um Munition und Verpflegung so schnell wie möglich zur Ostfront zu bringen. Auf dem Rückweg nahmen sie die verwundeten Soldaten mit und brachten sie ins Krankenhaus.

Es dauerte nicht lange, da hörte er von der einen Seite die Geräusche der Lastwagenmotoren. Von der Frontseite hörte er, wie die Räder der Treckwagen knirschten, die auf ihn zukamen.

Viele der Lastwagen waren mit Nachschubsoldaten beladen, andere mit Kriegsmaterial für die Ostfront.

In der Zwischenzeit waren die anderen Jungen eingetroffen, sodass er sich auf das Trittbrett des ersten Lastwagens stellen konnte. So führte er den Lastwagenzug bis zum nächsten Lotsenpunkt, zwischen den unter Schneemassen zusammengebrochenen Treckwagen hindurch, um dann einen anderen Lastwagenzug, der mit Verwundeten beladen war, zu seiner Kreuzung zurückzuführen, damit diese ins Lazarett gebracht werden konnten. Das Schlimmste zu dieser Zeit war, dass die Landschaft nicht nur mit neuem Schnee bedeckt, sondern dass es auch sehr neblig war. Wer die Hindernisse nicht kannte, konnte schnell in den Straßengraben rutschen, aus dem man allein nicht herauskam.

Das war, was seine Jungs und er den ganzen Tag über zu leisten hatten, bis es langsam dunkel wurde.

Nachdem er an der Kreuzung abgelöst wurde, half er mit, die spät angekommenen Treckwagen unterzubringen. Des Öfteren half er den Menschen, die erfrorenen Alten oder Kinder vom Wagen auf einen kleinen Schlitten zu laden, damit sie auf den Friedhof gebracht werden konnten.

Da der Boden viel zu hart war, um sie zu begraben, wurde der Schnee zwischen den Gräbern weggeschaufelt. Dann wurden sie da hingelegt und mit Schnee bedeckt. Besser ging es nicht. Es war Krieg. Das war nun mal ein täglicher Vorgang. Er fing an, sich daran zu gewöhnen, tote Menschen zu sehen und sie mit Schnee zu bedecken.

Mit seinen 14 Jahren war er der Älteste seiner Gruppe und der Gruppenführer. Er musste sehr schnell erwachsen werden. Er sah so viel Leid und musste mitmachen. Alle Jungen älter als 16 Jahre wurden eingezogen und an die Front geschickt, um die herannahende, russische Armee zu bekämpfen.

Trotz allem kam die Front immer näher und die Arbeiten an der Dorfkreuzung mussten immer schneller verrichtet werden.

Ein Pferdewagen nach dem anderen fiel dem Krieg zum Opfer und kam nicht mehr zurück, Armeelastwagen hatten es immer eiliger, das Kriegsmaterial nach vorne und Verwundete nach hinten in die Lazarette zu transportieren.

Immer wieder schneite es. Manchmal war es bitterkalt, aber keiner durfte aufhören. Jeder wurde gebraucht, da die Situation langsam in ein Chaos überging. Jeder kannte seinen Einsatz, um die Lastwagen sicher durchzubringen

Die Jungs bekamen nur noch sehr wenig Freizeit, genau genommen nur einige Stunden, um zu schlafen oder zu essen. Er aß, was seine Mutter für ihn vorbereitet hatte. Auch manche Fahrer brachten ihm etwas zu essen mit, was er in der kurzen Zeit zwischen dem Lotsen der einzelnen Lastwagenzüge zu sich nehmen konnte.

Ab und an hörte man das Donnern der großen Geschütze, als die Front immer näherkam, und man hoffte, dass die russische Armee nun endlich aufgehalten werden würde, sodass auch er kein Flüchtling werden musste.

Nach vielen Tagen hörte das Gedrängel und Chaos auf einmal auf. Von der Front kamen plötzlich andere, unbekannte Geräusche. Das ganze Dorf spannte die Pferde vor die Wagen. Sie fuhren los in das Innere Deutschlands.

Als sie aufbrachen, kam ein Offizier mit einem Auto angefahren, gefolgt von einem Lastwagen, und hielt Ausschau nach alten und jungen Männern für die Front. Diejenigen, die sich zu weigern versuchten, wurden mit dem Tod durch Erschießen bedroht.

Auch er wurde bedroht. Einige Jungen wurden trotz der Proteste ihrer Mütter mitgenommen, um an der Front zu kämpfen.

Zusammen mit einigen Jungen wurde er beauftragt, die Kreuzung offenzuhalten, bis die letzten Soldaten hindurch waren. Gleichzeitig mussten sie die Russen aufhalten und bekämpfen.

Nachdem alle deutschen Einheiten durchgefahren waren, gelang es ihm, unter Beschuss der russischen Armee von der Kreuzung zu fliehen, und etwas verspätet zu dem von den Pferden gezogenen Treckwagen zurückzukehren, wo seine Mutter auf ihn wartete, um mit ihm und seinem Bruder weiterzufahren.

Zwei Tage später kamen sie bei seinem Opa im schlesischen Bunzlau an. Er hoffte, dass die Front nun bald aufgehalten würde, sodass sie nicht wieder von Bunzlau flüchten mussten.

Sie blieben nur drei Wochen. Er, sein Bruder und seine Mutter bekamen die letzten drei Plätze im letzten Zug, der über den Viadukt von Bunzlau weiter in das Innere Deutschlands fuhr.

Der Zug war natürlich überfüllt mit Flüchtlingen und keiner wusste, wohin genau er fuhr. Manchmal stand er einige Stunden lang ohne Lokomotive auf irgendeinem Bahnhof. Dann wurde auf einmal eine Lok angehängt. Eine Information gab es nicht. Der Zug fuhr weiter, um dann wieder irgendwo stehenzubleiben, manchmal für länger oder auch nur kurz. Selbst der Lokführer wusste häufig nicht, wann es weiterging.

Währenddessen rannten die Frauen des Öfteren schnell in den Ort, um etwas zu essen zu kaufen. Wenn sie das dreimalige Pfeifen der Lokomotive hörten, mussten sie in Windeseile wieder zurücklaufen, denn drei Minuten später fuhr der Zug weiter.

Wer es nicht rechtzeitig zurück schaffte, wurde einfach vor Ort zurückgelassen. Der Lokführer fuhr immer sehr langsam an, sodass die Zuspätkommenden noch eine Chance hatten, aufzuspringen.

So ging es Tag für Tag weiter, immer mit der Gefahr, von Flugzeugen angegriffen zu werden. Das passierte auch manchmal.

Eines Tages fuhren sie in den Dresdener Bahnhof ein und standen für einige Stunden im Gleis. In fast jedem Gleis stand ein Zug, beladen mit Flüchtlingen oder verwundeten Soldaten, Kriegsmaterial und allem Möglichen.

Immer mehr Züge fuhren ein, aber keiner traute sich, den Bahnsteig seines Zuges zu verlassen. Wie immer gab die Lokomotive drei Pfiffe ab. Diesmal wartete der Lokführer keine drei Minuten, sondern fuhr direkt los, zwischen den vielen Zügen raus aus dem Bahnhof.

Nach einer kurzen Fahrt kamen sie in Meißen an. Hier hörten sie zum ersten Mal den Befehl:

„Alle aussteigen!“

Vom Bahnsteig aus wurde ihnen der Weg gezeigt, den sie gehen mussten. Sie kamen zu einer großen Schule. In dieser lagen Strohmatratzen auf dem Boden, auf denen sie schlafen konnten.

Schon im Zug hatte er ein nettes, schönes Mädchen namens Waltraud kennengelernt. Sie war nur zwei Wagen weiter hinter ihm im Zug. Er hatte sich schon öfters mit ihr auf verschiedenen Bahnsteigen getroffen oder sie winkte ihm während der Fahrt durch das offene Fenster ihres Wagens zu. In der Schule wurden Waltraud, ihre Mutter und ihre Geschwister in einem anderen Zimmer als er und seine Familie untergebracht.

Nach einer kurzen Zeit fand er Waltraud wieder und zusammen gingen sie durch die an der Elbe liegende Stadt.

Hand in Hand gingen sie den Fluss entlang, bis sie an eine große Brücke kamen, die über den Fluss führte. Sie überquerten die Brücke.

Von hier aus hatte man einen schönen Überblick über die Stadt. Es gab auch eine Parkanlage mit einem schönen Rasen, auf dem man sich hinlegen konnte. Er und Waltraud ließen sich hier nieder und fingen an, zu schmusen. Sie genoss es sehr.

Am späten Nachmittag gingen sie wieder über die Brücke, den Berg hoch und zurück zur Schule. Dann gab es Abendessen. Nach dem Essen trafen sie sich wieder und gingen erneut zum Fluss hinunter, setzten sich dort auf eine Bank, schauten der Strömung des Wassers hinterher, küssten sich und schmusten.

Sie freuten sich sehr über die gemeinsame und intime Zeit, die sie miteinander verbringen durften. Die Abenddämmerung setzte ein und ihre Begierde wurde immer größer. Sie waren bereit für den nächsten Schritt.

Plötzlich ertönte die Luftalarmsirene. Das bedeutete, dass ein Fliegerangriff bevorstand. Die Menschen wurden gewarnt und mussten sich alle umgehend in einen Luftschutzkeller begeben.

Sofort nahm er Waltraud an die Hand. Sie rannten den Berg zur Schule hinauf. Auf halbem Wege hörten sie bereits die Flugzeuge über sich hinwegfliegen. Er hoffte inständig, dass sie nicht gerade jetzt Bomben abwerfen würden.

Unter dem Gedröhne der Flugzeugmotoren erreichten sie endlich den Eingang zum Luftschutzkeller. Der Luftschutzwart wartete schon ungeduldig auf sie und schimpfte sehr mit ihnen, weil sie so spät ankamen. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, sagte er:

„Na ja, da ihr nun mal hier seid, schaut euch mal die Schatten der Flugzeuge an … Die fliegen in Richtung Dresden. Ich habe noch nie so viele auf einmal gesehen. Ihr habt Glück gehabt, dass man euch aus Dresden wegtransportiert hat, denn …“, und zeigte in Richtung Dresden, wo jetzt ein großer, roter Schein am Himmel zu sehen war.

„Die Armen dort. Das wird keiner überleben.“

Als die Bomben fielen, fühlte es sich unter ihren Füßen wie ein Erdbeben an. Sie hatten Glück. Alle Flugzeuge flogen in Richtung Dresden, das etwa 50 Kilometer von Meißen entfernt war.

Es dauerte nicht lange, da kamen die Flugzeuge wieder zurück. Der rote Schein am Himmel wurde immer größer. Nach einer Weile heulte die Sirene wieder auf und es war klar, dass alle vom Keller in die oben gelegenen Schulräume kommen mussten, um dort zu übernachten.

Als seine Mutter und die Mutter Waltrauds sie sahen, wurden sie von den beiden sehr ausgeschimpft, weil sie nicht im Luftschutzkeller waren. Der Wärter kam und beruhigte die beiden Mütter, da sie ja unter seinem Schutz gewesen waren.

In dieser Nacht mussten sie noch zweimal in den Luftschutzkeller, als die Bomber über sie hinweg nach Dresden flogen, um die Stadt zu bombardieren. Jedes Mal wurde das Rot am Himmel größer und größer.

Am nächsten Morgen traf er sich nach dem Frühstück wieder mit Waltraud und sie gingen runter an die Elbe. Als sie sich auf eine Bank niederließen und zu schmusen anfingen, unterbrach er auf einmal, stand auf, ging zum Geländer und schaute auf den Fluss.

Was er da sah, sah scheußlich aus. Waltraud stand jetzt neben ihm. Im Fluss schwamm eine Frauenleiche an ihnen vorbei. Sie lag halb auf einem Brett. Als sie den Fluss hinaufschauten, kamen noch mehr Leichen auf sie zu. Manchmal konnten sie nur Teile eines Körpers sehen, der Rest war nicht mehr da.

Zwei Motorboote fuhren den Fluss hinauf. Sie hantierten mit Stangen und Netzen, die die Körperteile und Leichen auffingen, um sie später an Land zu begraben.

Waltraud und er hatten schon mal eine oder mehrere Leichen gesehen, aber sie waren nicht verstümmelt, und wie diese in Körperteile zerlegt. Ein Polizist kam und jagte sie vom Fluss weg.

„Es gibt nichts zu sehen hier für euch. Sucht euch einen anderen Platz.“

Am dritten Tag nach dem Mittagessen kam der Befehl, dass sich alle zwei Stunden später am Bahnhof einfinden mussten, um in einen Zug einzusteigen.

Als er, seine Mutter und sein Bruder am Bahnhof eintrafen, wurde gerade das Tor geöffnet. Er rannte auf einen Zugwagen zu, um ein halbes Abteil für sie drei zu ergattern.

Als sie es sich bequem machten, sah er zum Fenster hinaus und sah, dass Waltraud und ihre Familie in denselben Wagen einstiegen, nur am anderen Ende. ‚Wunderbar‘, dachte er, ‚dann kann ich sie auch mal während der Fahrt besuchen.‘

Wieder wurden sie irgendwohin gefahren, dann wieder woanders hin. Ab und an standen sie für einige Stunden im Bahnhof, zuweilen auch irgendwo auf einer Strecke zwischen zwei Ortschaften, so, als wenn man nicht wüsste, wo man sie loswerden könnte.

Eine Nacht später fuhren sie nach langer Fahrt in einen Bahnhof ein, der einige Stunden zuvor noch bombardiert wurde, und an einigen Stellen immer noch brannte.

Sie wurden wieder mal ausgeladen und in einer Schule untergebracht. Dort fanden sie heraus, dass sie sich in Lichtenfels, Oberfranken, befanden. In der Schule bekamen sie ein sehr gutes Frühstück. Danach mussten sie sich bei der Aufsicht melden. Man teilte ihnen mit, in welche verschiedenen Gruppen man sie einteilte und wohin sie zu gehen hatten. Sie wurden auf Lastwagen geladen und fuhren in die Landschaft hinein. Keiner wusste, wohin es ging.

Einige Zeit später kamen sie in einem Dorf an, wo sie abgeladen wurden. Man teilte jedem einen Bauernhof zu. Dort bekamen sie ein Zimmer mit drei Betten sowie Strohsäcken, Laken und Decken. Solche Sachen hatten sie schon lange nicht mehr gesehen.

Einige aus der Gruppe hatten Schwierigkeiten mit den Bauern. Sie wollten sie nicht ins Haus lassen, da der Pfarrer ihnen gesagt hatte, dass „sie alle Ungläubige waren, nicht katholisch, und deshalb vertrieben und von Gott bestraft wurden.“

In so einem Dorf verbreitete sich eine solche Aussage sehr schnell.

Der Offizier zog seine Pistole. Mit gezogener Pistole ging er auf die Bauern zu und zwang sie, die Flüchtlinge ins Haus zu lassen.

Ihr Bauer in Uetzing war am Anfang unfreundlich, aber seine Frau gab ihnen etwas zu essen und behandelte sie recht gut.

Als sie sich am Abend ins Bett fallen ließen, raschelte es immer wieder, aber sie waren alle so müde, dass sie bald in einen tiefen Schlaf fielen. Am nächsten Morgen war seine Mutter neugierig. Sie wollte unbedingt herausfinden, was da so die ganze Nacht geraschelt hatte.

Da hob sie die Strohmatratze etwas hoch. Zu ihrem Entsetzen wimmelte es nur so von Mäusen in dem Kasten, wo die Strohmatratze lag.

Da ging sie runter, schnappte sich die Katze der Bäuerin, brachte sie mit nach oben, hob mit einer Hand die Matratze an und warf die Katze in den Haufen voller Mäuse.

Die Katze jedoch erstarrte vor Schreck und saß einen Moment ganz still da. Plötzlich schrie sie auf und sprang vor lauter Angst durch das offene Fenster aus dem ersten Stock.

Ganz aufgeregt ging die Mutter sofort zur Bäuerin und erzählte ihr, was sie getan hatte. Als die Bäuerin das hörte, platzte sie vor Lachen. Dann holte sie einen großen Holzkochlöffel aus der Küche und drückte ihr diesen in die Hand. Sie nahm einen zweiten für sich mit.

Zusammen gingen sie hoch in das Zimmer. Sie hoben die Matratzen eine nach der anderen hoch und erschlugen die Mäuse mit dem Kochlöffel.

„So macht man das“, sagte sie lächelnd. Die nächste Nacht gab es kein Rascheln mehr.

Langsam lebte er sich im Dorf ein. Da seine Mutter im Haushalt mit zur Hand ging, bekam er auch gutes Essen. Sie hatten es einigermaßen gut. Durch die Mitte des Dorfes floss ein Bach mit einer starken Strömung und auf jeder Seite war eine Straße, an der die Einfahrten der Höfe lagen.

Er freundete sich mit einem Jungen an. Er war ein Flüchtling aus Berlin. Zusammen erkundeten sie die Umgebung von Feldern und Wäldern.

Als sie beide über einen Berg an einen Waldrand kamen, sahen sie das nächste Dorf.

Vor diesem Dorf gab es ein Arbeitslager, das aus Baracken bestand und umzäunt war von einem hohen Drahtzaun. Sie gingen weiter durch den Wald und kamen zu einem Steinbruch.

Auf halber Höhe der Wand konnten sie ein größeres Loch entdecken. Zu steil war die Wand, um sie hinaufzuklettern, und die Steine dafür zu locker. Also machten sie sich auf den Heimweg, um sich zwei lange Stricke zu holen, die man oben an einem Baum anbinden konnte, um sich langsam an der Wand entlang zu diesem Loch herunterzulassen.

Als sie zurückkamen, machten sie einen Strick an einem Baum fest. Dann zog er daran, um zu sehen, ob der Strick festsaß. Jetzt kletterte er langsam am Strick herunter, bis er zu diesem großen Loch kam. Es befand sich weit hinten. Es war dunkel und tief.

Nun kletterte sein Freund langsam am zweiten Strick herunter. Das Seil hatten sie an einem anderen Baum festgebunden. Er hatte eine Taschenlampe, um tiefer in die Höhle zu gehen.

Nach ungefähr drei Metern wurde die Höhle größer und reichte sehr weit in die Tiefe. Im Schein der Taschenlampe konnte man an der Wand einen Vorsprung sehen, an dem man sehr vorsichtig in die dunkle Tiefe hinabklettern konnte. Er band sich den Strick um seinen Bauch, warf einen Stein hinunter, um möglicherweise einschätzen zu können, wie tief die Höhle war.

Da der Stein nicht langte, begann er vorsichtig, an dem Felsvorsprung hinabzuklettern, in der Gewissheit, dass, wenn er fallen sollte, ihn sein Freund halten würde.

Nachdem er mit der Taschenlampe immer wieder die Wand abgesucht hatte, hatte er es geschafft. Unten angekommen rief er seinem Freund zu: „Ich bin da. Komm runter. Das schaffst du auch.“ Als nun beide unten waren, begannen sie, mithilfe der Taschenlampe herumzustöbern. Als er einen größeren Stein zur Seite schob, stieg ihnen ein fauler Geruch in die Nase. Sie erschraken.

Da lagen ein Totenkopf und Knochen eines Menschen sowie einige vermoderte Materialfetzen, die noch an den Knochen hingen. Was ihn jedoch ganz besonders interessierte, war ein kleines, leicht vermodertes Buch, das er zwischen den Brustknochen liegen sah. Er trennte einige Fetzen von den Knochen ab, zog das kleine Buch aus den Brustknochen heraus und steckte es in seine Hemdtasche.

Langsam wurde es hier unten unbehaglich und unheimlich. Sie beschlossen, wieder hochzuklettern. Sein Freund wollte gleichzeitig mit ihm hoch, aber er schimpfte mit ihm:

„Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wenn der Strick uns beide zusammen nicht halten kann, dann kommen wir nicht wieder hoch.“

Sein Freund sah es sofort ein. Während er also hochkletterte, beleuchtete sein Freund die Wand und wartete geduldig, bis er oben war, obwohl er es unten mit dem Skelett gruselig fand. Dann war sein Freund dran. Endlich.

Oben angekommen, rollten sie ihre Stricke wieder ein und machten sich auf den Heimweg, er mit dem Büchlein und ein paar Fetzen, sein Freund mit zwei Skelettknochen.

Im Dorf angekommen, gingen sie zum Lehrer, um ihm ihren Fund zu zeigen, denn was er sehr interessant fand, war das kleine Loch in dem Büchlein und die leichte Verfärbung um das Loch herum. Auch das ein oder andere Wort konnte man noch lesen.

Der Lehrer war ganz begeistert von diesem Fund. Er schlug vor, ihn der Universität zukommen und ihn dort untersuchen zu lassen. Nachdem sie mit dem Lehrer alles veranlasst hatten, gingen sie fröhlich nach Hause.

Er war nun öfters beim Bauern beschäftigt. In dieser Umgebung spürte man kaum etwas vom Kriegsgeschehen.

So vergingen 14 Tage, bis der Lehrer ihn aufsuchte, um ihm das Ergebnis der Universität mitzuteilen. Das Büchlein war das Taschenbuch eines Offiziers. Das Loch war ein Kugelloch und die Verfärbung um das Loch war Blut. Die Stofffetzen waren von seiner Uniform. Man schätzte den Fund auf etwa 17. Jahrhundert und die Knochen waren natürlich menschliche.

Als er und sein Freund nochmals zum Loch gehen wollten, war alles abgesperrt. Wissenschaftler waren dort beschäftigt, um wahrscheinlich mehr herauszufinden.

Eines Tages, als er mit seiner Mutter in Staffelstein war, wo man einkaufen musste, traf er Waltraud zum ersten Mal wieder. Sie und ihre Familie wurden in einem anderen Dorf untergebracht, das auf der anderen Seite der Stadt lag. Die Wiedersehensfreude bei beiden war groß. Sogleich machten sie einen Termin und einen Treffpunkt in der Stadt aus. Ihr Weg zur Stadt war acht und seiner sieben Kilometer lang.

Von Uetzing aus konnte er auch über einen Berg, über Felder und durch Waldgebiete gehen, bis er nach Lichtenfels kam. Auf diesem Weg kam er an der Basilika Vierzehnheiligen vorbei. In Lichtenfels gingen er und sein Freund öfters zum Tanzen oder ins Kino aus.

An einem Samstagnachmittag waren sie zusammen ins Kino gegangen und anschließend zum Tanzen. Dort traf er ein nettes Mädchen und verbrachte mit ihr fast den ganzen Abend. Sein Freund hatte auch Anschluss gefunden und war mit seinem Mädchen beschäftigt. Am Abend brachten sie sie nach dem Tanzen nach Hause. Ihr Dorf lag am anderen Ende der Stadt Lichtenfels. So kam es, dass er und sein Freund auf ihrem Rückweg nach Uetzing um vier Uhr morgens wieder an der Basilika Vierzehnheiligen vorbeikamen.

„Es kann uns sicher nicht schaden, hier einzukehren und für unsere Sicherheit zu beten. Es ist nicht schlimm, wenn du nicht katholisch bist“, sagte sein Freund, der selbst Katholik war.

So betraten sie leise die Kirche und sahen einige Mönche und Nonnen kniend im Gebet. Sie nahmen auf einer Kirchenbank Platz. Die Betenden um sie herum blickten sie zustimmend an.

Nach einer Weile standen sie leise wieder auf. Ihre Schuhe hatten sie vor dem Eintreten in die Basilika ausgezogen, da jede Art von Geräusch ein sehr lautes Echo verursachte.

Als sie an der Ausgangstür standen, ließ sein Freund plötzlich derartig laut einen fahren, dass es in der Basilika nur so donnerte. Die Leute erschraken. Wie auf Kommando schauten sie zu ihnen rüber.

Da klopfte sein Freund ihm auf die Schulter und sagte gerade laut genug, dass es jeder mitbekam: „Macht nichts, mein Freund, das ist mir auch schon mal passiert“, und grinste frech. Blitzschnell verschwand er durch die Tür und ließ ihn dort stehen.

Wie angewurzelt stand er da, während die Leute ihn alle empört anstarrten. Sein Freund war indes nicht mehr zu sehen.

Er fasste sich schnell wieder, ging zur Türe hinaus und sah seinen Freund etwa 20 Meter weit entfernt auf dem Weg zum Berg hochgehen, der sich vor Lachen nicht mehr halten konnte.

„Na warte, wenn ich dich kriege, mein Freund!“, rief er hinter ihm her und rannte auf ihn zu. Sein Freund wusste jedoch, dass er ihn verprügeln würde und hielt Abstand.

So rannten beide den Berg hoch, bis er müde wurde und sich auf eine der Bänke am Wegrand setzte. Sein Freund schaute ihn an und fragte, ob er nun wieder friedlich sei, als er langsam den Berg rauf auf ihn zukam. Auf einmal fing er so an zu lachen, dass beide schließlich lachend nebeneinander auf der Bank saßen.

„Das wollte ich schon immer mal machen“, sagte sein Freund, „um zu hören, wie das Echo klingt.“ Bis nach Hause waren es immer noch etwa drei Kilometer zu laufen.

Zu Hause angekommen, schlich er sich ins Zimmer, zog sich leise aus, schlüpfte unter die Bettdecke und fiel schnell in einen tiefen Schlaf. Als er aufwachte, stand die Sonne hoch am Himmel. Er war allein im Zimmer.

’Ich bin zu einer Bekannten ins Dorf gegangen’, las er auf einem Zettel, den seine Mutter ihm hinterlassen hatte. Sein Bruder war auch nicht da. Als er sich etwas zu essen machte, klopfte es an der Tür.

„Wer ist da? Ich bin noch nicht angezogen. Bitte kommen sie später wieder.”

Die Tür war nicht verschlossen und das 19-jährige Mädchen, das ein Zimmer im Haus bewohnte, kam herein.

„Es macht mir nichts aus, dass du nicht angezogen bist. Ich mag dich so viel lieber.“

Sie ging direkt auf ihn zu und küsste ihn. Was dann geschah, konnte man sich denken. Dabei hoffte er inständig, dass seine Mutter nicht zu früh nach Hause kam.

Am Abend traf er sich wieder mit seinem Freund und erzählte ihm, dass nun die Westfront mit den Amis näher rückte.

„Mensch“, sagte er, „da bin ich froh, von der Ostfront weggekommen zu sein, und jetzt geht es wieder los. Wohin kann man denn noch gehen?“ Ganz in der Nähe befand sich der Staffelberg, ein großer Berg mit ausgeprägten Geländestufen. Von dort konnte man einen großen Teil des Maintals überblicken. Sie beschlossen, am nächsten Tag auf den Staffelberg hinaufzugehen.

Es führte ein Weg dort hoch, aber es war kürzer, durch die Felder zu gehen. Oben angekommen, hatten sie einen herrlichen Ausblick. Gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, befand sich Schloss Banz, wo man öfters zum Tanzen gehen konnte, oder auch eine sehr gute Mahlzeit bekam. Die kleine Kapelle, die auf dem Staffelberg stand, war immer offen für jeden, der sich dort ausruhen oder ein Gebet sprechen wollte.

Sie setzten sich immer auf den Felsenrand, um diese wunderschöne Aussicht zu genießen, und beschlossen, von jetzt an jeden Tag hier hochzukommen, um zu schauen, ob die Amis im Anmarsch waren.

Manchmal konnten sie in der Ferne auch einen Flugzeugkampf zwischen den Deutschen und den Amerikanern beobachten. Sie dachten, ihnen könnte nichts passieren und fühlten sich ungestört.

Die Tage vergingen. Wie immer gingen sie auch an diesem Tag wieder auf den Staffelberg und setzten sich auf ihren Platz am Felsenrand. Ganz erschrocken sahen sie in weiter Ferne des Tals, wie die Deutschen und die Amerikaner gegeneinander kämpften. Sie schauten sich das eine Weile an. Auf einmal flog ein Bomber tief über ihre Köpfe hinweg, sodass sie die Männer darin klar an ihren Geschützen erkennen konnten.

Das war zu gefährlich. Es war höchste Zeit, in Deckung zu gehen. Sie rannten so schnell wie möglich heim, um die Nachricht im Dorf zu verbreiten.

Gerade hatten sie den Felsenberg verlassen und eilten durch die Felder, da sauste ein Jagdflugzeug nur so über sie hinweg, mit feuernden Maschinengewehren, sodass die Kugeln nur so um sie herumflogen und in den Boden einschlugen.

Er sah, wie das Flugzeug drehte, um nochmal über sie hinwegzufliegen. Da rief er seinem Freund zu: „Lauf nach rechts und leg dich hin!“

Er hatte es richtig erkannt, denn als das Flugzeug wieder über den Staffelberg auf sie zukam, war es zwar mit den schießenden Maschinengewehren auf demselben Kurs, aber nicht in der Richtung, in die sie rannten, sodass die Kugeln nur in den Boden einschlugen, aber sie nicht treffen konnten.

Sobald das Flugzeug wieder vorbei war, sah er, dass es nochmals drehte. Sofort rief er seinem Freund zu, noch weiter nach rechts zu rennen, und sich dort unter Büsche zu werfen, was auch er selbst tat.

Das Flugzeug flog wieder über den Staffelberg und die Kugeln gingen genau in den Boden, wo sie zuvor aufgetroffen waren. Da der Jagdflieger sie diesmal nicht sehen konnte, zog er ab und verschwand in der Ferne.

Eine Weile noch lagen sie da. Dann stand er auf. „Das war zu knapp“, sagte er besorgt.

Sie liefen so schnell wie möglich zum Dorf, um dem Bürgermeister zu erzählen, was passiert war, damit die Einwohner vor der herannahenden Front gewarnt werden konnten.

Sogleich gab der Bürgermeister ihnen einen Zettel. Auf dem stand, dass jeder Bauer eine weiße Fahne aus dem oberen Stockwerk heraushängen lassen sollte, damit das Dorf nicht zerstört wurde. Schnell rannten sie zu jedem Bauern, so, wie der Bürgermeister es ihnen aufgetragen hatte, und zeigten ihnen den Zettel, damit sie handeln konnten, wenn es an der Zeit war.

Am späten Nachmittag beschlossen sie, erneut auf den Staffelberg zu gehen. Sie wollten sehen, wie nah die Front herangerückt war.

Während sie den Weg nach oben gingen, um auf die andere Seite zu gelangen, von wo aus man das Tal überschauen konnte, tauchten von dort auf einmal amerikanische Stahlhelme bei den Felsen auf. Sie kamen jetzt auch von der Seite auf den Berg.

Er und sein Freund drehten sich schnell um und rannten so schnell wie möglich den Berg wieder hinunter, aber sie mussten erst über die Wiesen laufen, bevor sie in Deckung unter Büsche gehen konnten. Sie lagen nun unter den ersten Büschen und schauten hoch.

Da sahen sie, wie einige amerikanische Soldaten lachend dastanden und in ihre Richtung blickten. Dabei amüsierten sie sich köstlich.

Sie lagen dort noch eine ganze Weile, bevor sie sich trauten, den Heimweg anzutreten.

Sie waren gerade zu Hause angekommen, als sechs deutsche Panzer mit vier Lastwagen einfuhren und die deutsche Armee abstieg.

Kapitel 2

Der Abend nahte. Die Offiziere gingen ins Gasthaus und die Mannschaft wurde in der Scheune untergebracht.

Der Bürgermeister saß wie auf heißen Kohlen. Er traf die Offiziere, wo die Panzer standen, und versuchte, ihnen mitzuteilen, dass sie doch besser weiterfahren sollten, da die Amerikaner jederzeit eintreffen und ihr Dorf unter Beschuss nehmen könnten.

Da zog ein Offizier seine Pistole aus dem Holster, hielt sie dem Bürgermeister an den Kopf und sagte: „Sollten die Amerikaner eintreffen, dann werden wir sie bekämpfen, und wenn das ganze Dorf dabei draufgeht. Und nun verschwinde, oder du bist der erste, der drauf geht.“

Dem Bürgermeister stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Schnell machte er sich auf den Weg. Der Offizier schaute die beiden Jungs an.

„Merkt euch das! Der deutsche Soldat ist kein Feigling und wir rennen nicht weg.“

Dann ging er wieder in das Gasthaus.

Nach dieser Lektion ging er gleich heim. Sein Freund machte sich ebenfalls auf den Weg nach Hause.

Er erzählte alles seiner Mutter, die meinte:

„Es wäre besser, wenn wir alle heute Nacht im Keller schlafen würden.“

So geschah es. Es war früh morgens, als jemand an die Haustür donnerte. Seine Mutter ging hoch und öffnete die Tür. Ein Offizier stand mit gezogener Pistole da.

„Ich zähle bis zehn und wenn die weiße Fahne bis dahin nicht vom Kirchturm runter ist, gebe ich den Befehl für die Panzer, auf die Kirche zu schießen.“

Mit zitternder Stimme antwortete seine Mutter: „Der Pfarrer wohnt im anderen Haus. Ich habe damit nichts zu tun.“

Daraufhin ging der Offizier zum benachbarten Pfarrhaus. Der Pfarrer, der noch im Nachthemd war, musste sofort auf den Kirchturm, um die weiße Fahne wieder einzuziehen.

Die ganze Kolonne zog sich zurück. Man hörte die Motoren der Panzer und Lastwagen, als sie das Dorf verließen. Erleichtert atmeten alle auf und hissten wieder die weißen Fahnen.

Und nun? Was würde jetzt geschehen? Wenn schon die eigene, deutsche Armee so bedrohlich war, was würde ihnen dann erst der Feind antun? Die amerikanische Armee rückte immer näher.

Man konnte das Schießen der schweren Geschütze hören, aber sie waren noch etwas entfernt. Er wusste, dass die Amerikaner also schon auf dem Staffelberg und weiter ins Maintal eingezogen waren. Früher oder später würden sie sicher auch in die Seitengegenden und Uetzing einziehen.

Da sich die Lage einigermaßen beruhigt hatte, beschlossen er und sein Freund, auf der anderen Seite des Dorfes über einen Berg, durch den Wald, bis hin zum Waldrand zu gehen, um zu sehen, was im Arbeitslager des Nachbardorfes geschah.

Sie sahen, dass alles ruhig war und keiner sich mehr dort aufhielt. Das Tor stand weit offen. Einiges lag einfach herum. Es sah so aus, als hätten die Bewohner schnell fliehen müssen.

Von den Amerikanern war weit und breit nichts zu sehen. So beschlossen sie, den Berg runter ins Arbeitslager zu rennen. Sie gingen durch das offene Tor. Niemand war da. Die meisten Türen standen offen.

Ganz in der Nähe stand eine Baracke, in der Werkzeug herumlag. Er nahm eine Zange und machte sich auf den Weg zum hinteren Zaun. Er schnitt ein Loch in den Zaun, damit sie jederzeit fliehen konnten, wenn die Amerikaner sich näherten.

Danach gingen sie in die Baracken. In einer Baracke fanden sie neue Decken, Mäntel, Hosen, Hemden, Unterwäsche, Bettlaken, Kopfkissen, und alles, was dazu gehörte. Da packte sich jeder von ihnen zwei größere Bündel und füllten sie. Sie nahmen so viel sie tragen konnten.

Bevor sie das Lager verließen, gingen sie nochmals in eine Baracke, wo sich die Küche befand. Dort fanden sie Vorräte an Dosen mit Obst, Eipulver, und vielerlei andere Lebensmittel.

Er und sein Freund nahmen sich jeweils einen leeren Sack von denen, die da rumlagen, und steckten hinein, was sie tragen konnten.

Sie schleppten jeweils zwei Säcke durch den Zaun den Berg hoch, um sie unter einigen Büschen zu verstecken. Dann rannten sie wieder ins Lager runter, um auch die zwei Bündel Klamotten zu holen, die sie dort deponiert hatten.

Sie kamen voll beladen nach Hause. Seine Mutter erschrak für einen kurzen Moment.

Er sagte ihr gleich: „Mutter, ich muss wieder gehen, um den Sack mit den Dosen zu holen.“

Als sie das hörte und sah, was er mit nach Hause gebracht hatte, war sie begeistert. Sogleich begleitete sie ihren Sohn zum Haus seines Freundes, dessen Mutter auch gleich mitkam.

Als sie den Berg runtergingen, sahen sie schon, dass einige Dorfbewohner vollbeladen von dort wegliefen.

Seine Mutter ging gleich in die Küche und nahm einige Töpfe und Schüsseln mit, verschiedene Dosen sowie drei Mäntel, Jacken und alles, was sie gebrauchen und tragen konnte.

Nun machten sich alle vier auf den Weg bergauf durch den Wald und schleppten alles, was sie gesammelt hatten, in Säcken nach Hause.

Im Dorf hatte es sich bereits herumgesprochen, dass es verschiedene Güter und Lebensmittel zu holen gab. So kam es, dass die Dorfbewohner sich schon auf den Weg gemacht hatten, um sich damit einzudecken.

Es ging weiter, denn beide Jungs machten sich gleich wieder auf den Weg, um noch mal mitzunehmen, was sie tragen und gebrauchen konnten, für sich selbst oder zum Handeln. Außerdem lagen weitere zwei Säcke gut versteckt unter Büschen.

Sie kamen erneut ins Lager und trugen jeweils nochmal zwei Bündel Sachen nach Hause.

Als sie zum vierten Mal dorthin gehen wollten, sahen sie vom Waldrand aus, dass eine Kolonne von Amerikanern die Straße zum Dorf entlang ging. Schnell machten sie kehrt, packten ruckartig die Säcke, die sie im Wald versteckt hatten, und eilten zurück in ihr Dorf. Die Amerikaner würden sicher auch bald dort sein.

Sie hatten gerade ihre ganze Beute nach Hause schaffen können, da fuhren ein Jeep und zwei Lastwagen ins Dorf ein.

An jedem Haus hingen weiße Fahnen. Die Dorfbewohner blieben alle in ihren Häusern. Da sein Haus an der Kirche auf einem Hügel stand, konnte er das ganze Geschehen ziemlich gut durch sein Fenster beobachten.

Nach einer Weile stiegen die Amerikaner aus ihren Fahrzeugen aus. Mit schussbereiten Gewehren liefen sie beidseits des Baches entlang und beobachteten jedes Haus, um feindliche Bewegungen zu erkennen. Widerstand gab es keinen. So liefen sie nicht mehr derart angespannt herum.

Gegen alle Proteste seiner Mutter ging er hinaus und ganz langsam auf sie zu. Als er sie sah und sie ihn auch, blieb er stehen und schaute sie nur an. Einer der Soldaten winkte ihm zu, sagte etwas. Er verstand es nicht. Eine Handbewegung zeigte ihm, dass er zu ihm kommen solle. Gewehre waren auf ihn gerichtet. Er ging sehr langsam und zögerlich auf den Soldaten zu. Dieser griff in seine Tasche und holte eine Tafel Schokolade heraus, bevor er bei ihm war, und reichte sie ihm. Er nahm dankend an.

Einige im Dorf, die ihre Häuser in der Nähe hatten, mussten es wahrscheinlich gesehen haben und kamen nun auch aus ihren Häusern. Langsam bewegte sich das ganze Dorf auf die Straße. Einige konnten etwas Englisch und versuchten, zu übersetzen, was die Feinde, die recht freundlich waren - nicht wie die Russen an der Ostfront - sagten. Sie blieben nicht sehr lange und zogen wenig später weiter.

Die Dorfbewohner nahmen wieder die alte Routine auf und jeder ging seiner Arbeit nach. Man merkte kaum etwas von der amerikanischen Besatzung.

Mit seinem Freund ging er öfters zur Straßenkreuzung, an der es zum Nachbardorf ging. Dort standen immer Amerikaner, um den Verkehr zu regeln. Von ihnen bekamen sie oft Zigaretten und Schokolade. Dafür bekamen sie bei den Bauern Brot, Butter, Eier oder Fleisch.

Bald darauf war der Krieg beendet. Einige Soldaten, die in Gefangenschaft waren, kamen heim. Seine Mutter bekam ein Angebot, ein Gasthauszimmer in einem anderen Dorf zu beziehen, und so zogen sie um.

Dort gab es auch eine Baufirma. Der Mann, dem die Baufirma gehörte, war im Krieg gefallen, aber ein Architekt, der ebenfalls aus der Gefangenschaft heimkam, übernahm die Firma als Meister, sodass Lehrlinge eingestellt werden konnten.

Seine Mutter unterschrieb den Vertrag für seine Anstellung als Maurerlehrling. Er bekam einen Wochenlohn, mit dem er zur Miete beisteuerte, und dafür sorgte, dass sie immer etwas zu essen im Haus hatten.

Schuhe konnte man immer noch nicht kaufen. Zum Glück war der Vorarbeiter der Firma auch ein Flüchtling gewesen und konnte ihm beibringen, wie man aus Holz und einem Stück Leder Schuhe machte. So kam er an ein Paar Holzpantoffeln und ging damit zur Arbeit.

Zu dieser Zeit gab es keine Backsteine. Als Lehrling musste er immer das machen, was der Meister von ihm verlangte.

Auf diese Weise lernte er, Straßenpflaster zu verlegen, Dächer auszubessern, zu betonieren, die Arbeiten eines Zimmermanns zu verrichten, Betonblöcke herzustellen und vieles mehr, was der Baubereich bot. Eine besondere Arbeit war die des Steinmetzes. Hier lernte er, Sand- wie auch Kalksteine zu richten und zu vermauern. Das war eine gute Lehre für ihn.

Zu der Zeit gab es auch nicht viel Essen. Zum Arbeiten ging jeder gerne in die TBC-Lungenanstalt, weil man mit gutem und vollwertigem Essen versorgt wurde, damit man sich nicht mit Tuberkulose ansteckte. Man musste dreimal täglich einen Liter frische Kuhmilch trinken, die man sehr selten woanders bekam, besonders, wenn man im Gebäude der Patienten mit offener Lungentuberkulose etwas zu reparieren hatte.

Die Lungenanstalt war etwa zwei Kilometer vom Dorf entfernt. Mit seinen Holzpantoffeln ging er bei Wind und Wetter dorthin. Wenn es regnete, wurde in den Gebäuden renoviert. Bei Sonnenschein wurden große Bögen aus Kalkstein für die neue Liegehalle für die Kranken gebaut.

Sein Bruder war talentierter als er und musikalisch begabt. Er wollte unbedingt lernen, wie man ein Instrument spielte, wie zum Beispiel Trompete oder Geige. Da seine Mutter einen Sudeten-Deutschen kannte, welcher auch Flüchtling war und im Dorf wohnte, schickte sie seinen Bruder zum Geigenunterricht zu ihm.

Zu der Zeit gab es wenige Jungen und Männer, da die meisten im Krieg gefallen waren. Es war immer gut, am Samstagabend im Dorf selbst oder im Nachbardorf zum Tanzen zu gehen.

Dort gab es viele Mädchen. Meistens machten sich fünf bis acht Mädchen an einen Burschen ran. Jedes Mädchen dort versuchte, sich einen hübschen, jungen Burschen zu angeln, der sie nach Hause brachte und länger bei ihr verweilte.

Das Gesetz besagte aber, dass Jugendliche unter 18 Jahren nur bis 22 Uhr bleiben durften. Die Polizei machte pünktlich Kontrollfahrten, um die zu bestrafen, die noch da waren und sich nicht ans Gesetz hielten.

Eines Abends, als die Polizei eintrat, war er zu weit weg von der Kapelle, und so rannte er eben diesmal auch in die Toilette, wo sich schon einige befanden.

Als sich die Tür öffnete und er die Stimme des alten Polizisten hörte, schwang er sich aus dem offenen Fenster und hielt sich mit seinen Fingern von außen am Fensterrahmen fest. Als er runterschaute - er befand sich im ersten Stock - stand ein zweiter Polizist fast unter ihm, aber dieser sah ihn nicht, und wartete dort, für den Fall, dass einige versuchten, durch die Tür wegzurennen.

Der alte Polizist musste seine Finger am Fensterrahmen gesehen haben, denn er forderte ihn auf, wieder reinzukommen. Um nicht erwischt zu werden, ließ er sich fallen, sodass er fast auf den anderen Polizisten fiel, der so erschrocken war, dass er einige Schritte zurücksprang, was ihm wiederum genug Zeit gab, schnell zu verschwinden.

Einige Tage später, als er mit seinen Freunden auf der Straße spielte, sah der alte Polizist ihn, winkte ihm zu und sprach ihn mit einem Grinsen im Gesicht an:

„Diesmal bist du mir durch die Lappen gegangen, Freundchen, aber ich rate dir, nicht mehr aus dem ersten Stock zu springen. Weißt du, du kannst dir richtig wehtun und wir müssten dich möglicherweise das nächste Mal ins Krankenhaus bringen. Das würde einen Haufen Papierkram für mich bedeuten. Verstehst du das?“ Er klopfte ihm freundlich auf die Schulter.

„Woher wissen sie, dass ich es war?“, fragte er den alten Polizisten.

„Weil ich dich vom Fenster aus habe wegrennen sehen, aber du warst zu schnell für meinen Kollegen, der vor Schreck viel zu langsam war, um dich einzuholen.“ Und damit ging er lachend weiter. Einen Betonmischer gab es zu dieser Zeit auch noch nicht. Wenn ein Fundament gegossen wurde, wurde der Beton von acht Mann, je zu zweit, mit Schaufeln gemischt. Das war schon für erwachsene Männer sehr schwer, geschweige denn für ihn.

Wenn so ein Fundament wie das der neuen Schule gegossen wurde, waren es für die Arbeiter einige Tage am Stück 12 Stunden Arbeit und 12 Stunden Ruhepause. Die Männer bekamen starke Muskeln davon, da es sehr schwere Arbeit war.

Eines Tages stellte man im Dorf ein Riesenrad auf. Da er zu der Zeit keine Arbeit bei der Baufirma hatte, nahm er eine Stelle am Riesenrad an.

Er sammelte die Fahrkarten ein oder kassierte, wenn jemand länger drauf bleiben wollte, und brachte das Geld dann zur Kasse. Oft blieben die Amerikaner mit ihren Mädchen länger und bezahlten immer mit zwei Zigaretten für die darauffolgende Fahrt. Die fehlenden 25 Pfennige zahlte er aus eigener Tasche.

Wenn um Mitternacht Schluss war, hatte er seine Taschen immer voll Zigaretten. Diese verkaufte er dann am Bahnhof an die Raucher, die immer schon auf ihn warteten, zum regulären Stückpreis von 5 Deutschen Mark. Das war ein gutes Geschäft für ihn. Von da an hatte er immer Geld in der Tasche.

Das Riesenrad verließ das Dorf wieder und er bekam erneut Arbeit im Baugeschäft. Schließlich wollte er zum Ende des Jahres seine Gesellenprüfung ablegen. Das tat er und bestand sie erfolgreich.

Er arbeitete noch weitere sechs Monate in der Firma. Dann kündigte er. Er packte einige Sachen auf sein Fahrrad. Sein Freund, der ebenfalls Maurergeselle war, tat es ihm gleich, und so zogen sie gemeinsam weg von zu Hause in die große weite Welt.

Beide waren nun Gesellen mit Arbeitserfahrung. Nach einigen Tagen kamen sie in Erlangen an. Im Baubereich gab es hier viel zu tun, da nach dem Krieg wieder viel aufgebaut werden sollte.

Über die Zeitung suchten sie sich ein Zimmer, das sich zwei Kilometer außerhalb der Stadt in einem naheliegenden Dorf befand. In der Stadt hatten sie leider keines bekommen. Das Zimmer befand sich in einer Schneiderwerkstatt hinter einem Haus und hatte früher als Vorratsraum gedient.

Der Meister war ihnen gegenüber recht kritisch, denn Maurer sahen immer schmutzig aus und waren mit Mörtel bespritzt. Er verlangte von ihnen, dieses Zimmer immer sauber zu halten.

Für ihn war das absolut kein Problem, denn er zog sich immer neben der Baustelle um, bevor er mit dem Fahrrad nach Hause fuhr. Einzig seine Holzpantoffeln waren die überwiegende Zeit mit Mörtel bedeckt. Daher ließ er sie immer im Flur stehen.

Drei Monate vergingen. Dann wurde er zum Vorarbeiter befördert und hatte die Aufgabe, die Maurerarbeiten auf der ihm zugeteilten Baustelle durchzuführen und zu kontrollieren.

Einige Gesellen trafen sich jeden Mittag zum Stammtisch in einem bestimmten Gasthaus. Es waren nicht nur Maurer wie sein Freund und er, sondern auch Zimmerleute, Betonierer, Klempner und Gesellen aus dem Elektrohandwerk. Zum Mittagessen tranken alle ihr Bier. Die Gastwirtschaft war berühmt für ihr gutes Essen.

Die Tage und Wochen vergingen. Er bekam einen guten Wochenlohn. Damit kaufte er sich ein neues Fahrrad mit Gangschaltung, sodass er öfter andere Radfahrer überholen konnte. Das machte ihm richtig Spaß.

Der Sohn des Schneiders hatte sich ein Motorrad der Marke BMW gekauft, aber er fuhr damit nur wenig herum, da Benzin sehr teuer und knapp war.

An einem Sonntag fragte er ihn, ob er auch mal mit seinem Motorrad fahren dürfe. Er stimmte zu und zeigte ihm, wie es ging: den Schlüssel drehen, den Startknopf drücken, die Kupplung anziehen, mit dem Fuß den Gang reinmachen, die Kupplung wieder loslassen, das Motorrad balancieren, losfahren und die Füße auf das Trittbrett stellen.

Das Motorrad sprang an und der Sohn des Schneiders setzte sich zur Sicherheit hinter ihn auf den Sitz, da er ihm so genaue Anweisungen geben und aufpassen konnte, dass ihm nichts passierte.

'Das ist ja ganz leicht', dachte er. Nun ließ er die Kupplung los. Etwas zu schnell. Das Motorrad machte einen ruppigen Satz nach vorne und er fuhr los. Mal schneller, mal langsamer. Kurze Zeit später beherrschte er die Maschine relativ gut. Nach einigen Kilometern fragte er den Sohn des Schneiders, wie er die Maschine stoppen könne. Komisch, er bekam keine Antwort.

Er wiederholte seine Frage etwas lauter, bekam jedoch immer noch keine Antwort. Auch traute er sich nicht, sich während der Fahrt umzudrehen. Da bemerkte er, dass er allein Motorrad fuhr, schon die ganze Zeit.

Aber wie konnte er die Maschine stoppen? Man hatte ihm gezeigt, wie man sie startete, aber nicht, wie sie zu stoppen war. Also fuhr er nun etwas vorsichtiger weiter.

Da er in einer Einbahnstraße unterwegs war, konnte er nicht einfach umdrehen und zurückfahren. Die Einbahnstraße führte ihn auf eine andere Straße, die ihn auf Umwegen langsam wieder zum Dorf zurückführte.

Er war noch vier Kilometer von zu Hause entfernt, als der Motor zu husten anfing.

'Nanu, habe ich etwas falsch gemacht?', fragte er sich.

Auf einmal blieb das Motorrad stehen. Er stieg ab und versuchte, es zu schieben, aber es ging nicht. Ein Fahrradfahrer fuhr vorbei und hielt an. Er machte ihm den Gang raus. Nun konnte er es schieben.

'Na großartig', dachte er. Es waren noch etwa knapp über drei Kilometer bis nach Hause und das Motorrad war nicht leicht, geschweige denn so leicht wie sein Fahrrad. Ihm lief der Schweiß in Bächen runter.

Ab und zu blieb er stehen und verfluchte die Maschine.

Er war nur noch einige hundert Meter vom Dorf entfernt, da sah er den Sohn des Schneiders auf sich zukommen. Er grinste ihn an.

„Ist das Motorrad noch ganz?“ Immer noch grinsend, nahm er es ihm ab.

„Was? Es blieb einfach stehen?“, lachte er.

Dann öffnete er den Benzintank und schüttelte das Motorrad ein wenig.

„Das Benzin ist alle, deswegen ist es stehengeblieben. Kein Problem.“

Er schob es nun selbst in die Garage.

„Ja, wo warst du denn? Du wolltest mir doch helfen.“

„Ja, das war der Plan“, meinte der Sohn, „aber als du mit einem Satz losfuhrst, fiel ich vom Motorrad und lag auf der Straße. Und du warst in der Ferne verschwunden.“

Eines Tages kam einer der Gesellen zum Stammtisch, legte eine Zeitungsanzeige auf den Tisch und meinte, dass er sich auf diese bewerben würde: „Aufseher für eine Goldmine in Afrika gesucht! Bewerben Sie sich unter der Telefonnummer …“

Bei diesem Mittagessen gab es eine Riesendiskussion. Am Ende schrieb jeder eine Bewerbung und schickte sie noch am selben Tag ab.

Beim Stammtisch gab es immer wieder Diskussionen um die Goldmine in Afrika. Nach etwa drei Wochen bekam jeder eine Einladung zu einer Untersuchung in einer anderen Stadt und wann sie sich wo am angegebenen Samstag zu melden hätten.

Für jeden war ein Zimmer für die Nacht von Freitag auf Samstag reserviert worden, sodass sie pünktlich am Samstagmorgen um acht Uhr bei der Untersuchung sein konnten.

Voller Erwartungen fuhren sie mit der Bahn dorthin, hatten ein gutes Abendessen, welches schon für sie bezahlt worden war.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen wurden sie in ein Zimmer geführt, wo sie sich bis auf die Unterhose ausziehen mussten. Einer nach dem anderen wurde aufgerufen und in ein weiteres Zimmer begleitet.

Dort saß ein Arzt, nahm ihn in Empfang und stellte ihm einige Fragen. Die Untersuchung war kurz. „Danke, sie können jetzt gehen.“

Auch sein Freund unterzog sich dieser Untersuchung. Im Wartezimmer saß ein anderer Mann hinter einem Tisch. Nach der Untersuchung bekam er vom Arzt einen kurzen Bericht über ihn und seinen Freund.

„Sie können wieder heimfahren. Sie sind nicht angenommen.“

Er gab jedem einen Geldbetrag für die Rückfahrt. Sie fuhren allein zurück.

Am darauffolgenden Montag beim Stammtisch erfuhren sie, dass auch die anderen nicht angenommen worden waren, da jeder von ihnen mal eine Lungenentzündung oder eine Kinderkrankheit gehabt hatte, und damit durch das Raster gefallen war. Diese Firma wollte nur einwandfrei gesunde Menschen für ihre ausgeschriebene Stelle.

Daraufhin packte viele Stammtischgesellen die Wanderlust. Nach einiger Zeit wanderten zwei Gesellen nach Kanada aus, um dort ihr Glück zu versuchen. Immer wieder kamen sie auf das Auswandern zu sprechen. Einige bewarben sich sogar für Arbeitsstellen im Ausland.

Er war zufrieden mit seiner Arbeitsstelle und sein Baumeister war sehr zufrieden mit ihm.

Etwas später verschwanden wieder zwei vom Stammtisch. Sie gingen auf eigenen Wunsch nach Afrika, um dort ihr Glück zu versuchen. So waren am Ende nur noch drei Stammtischgesellen vor Ort übrig.

In ihm keimte der Gedanke auf, dass es auch für sie an der Zeit sein könnte, ihr Glück im Ausland zu versuchen. Die Zeit schien reif. Sein Freund stimmte zu.

Kapitel 3

Es war Herbst. Die Laubbäume blühten prachtvoll in ihren herbstlichen Farben.

Am Ende der Woche überreichte er dem Baumeister der Firma seine Kündigung. Dieser war nicht sehr glücklich darüber. Da er ihn nicht verlieren wollte, machte er ihm ein gutes Angebot.

Jedoch hatten er und sein Freund sich dazu entschlossen, wegzugehen. Aber wohin? Das wussten sie selbst noch nicht.

Nun teilte ihnen auch der letzte Stammtischgeselle, ein Zimmermann, mit, dass er nach Spanien gehe, da ihm eine Firma dort eine Stelle angeboten hätte und ihm fast den doppelten Wochenlohn zahle.

Nur noch er und sein Freund blieben vom Stammtisch übrig. Am nächsten Tag trafen sie sich wieder zum Mittagessen. Da legte ihm sein Freund einige Prospekte auf den Tisch.

Er hatte bereits in der Woche zuvor aufgehört, zu arbeiten, und tingelte jetzt erst mal mit seiner Freundin umher. Auch hatte er sturmfreie Bude, da sein Freund tagsüber noch auf der Baustelle beschäftigt war.

Es waren Prospekte über Italien und besonders von Neapel, der süditalienischen Hafenstadt.