Von Dackeln und Tradwives - Uli Hoffmann - E-Book

Von Dackeln und Tradwives E-Book

Uli Hoffmann

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Beschreibung

Im verschlafenen Dorf Schlumbach bewahren die Bewohner ihre Traditionen. Gelegentliche Attacken durch moderne Entwicklungen führen zu schrägen Situationen.

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Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Partnerschaft

In der Gerüchteküche

Die Dackel sind weg!

Angelsächsisches Flair

Die ungeschriebenen Regeln des Schlumbacher Straßenverkehrs

Fettnäpfchen

Ratssitzung

Hitzealarm in Schlumbach

Klassentreffen

Pension Schlomer

Endlich Ruhestand!

Schlumbach polyglott

Wacken in Schlumbach

Tradwife und Influencerin

Die neue Pünktlichkeit

Begegnungen technologischer Art

Hobbyismus

Farbenspektrum

Sollbruchstelle

Mauerspechte

Quiztime

Aufstiegsfeier

Was darf die Satire?

Alles.

(Kurt Tucholsky)

‚Die Satire ist eine Art Spiegel, in dem der Betrachter fast jedermanns Gesicht erkennen kann, außer dem eigenen.‘

(Jonathan Swift)

Partnerschaft

Eines Morgens meldeten die verschiedenen Frühwarnsysteme das Herannahen von Veränderung. Nichts, was das Dorf von jetzt auf gleich in Aufruhr versetzen würde. Schließlich brachte jede Bewegung, jeder Windhauch, ja jegliche ortsbezogene Rhythmusveränderung im Tageslauf der überkommenen Taktung Schlumbach ins Taumeln.

Es begann harmlos mit der Bemerkung, jetzt breche für das Dorf ein neues Zeitalter an. Diese Aussage stammte von Mandy Punkt-Schräglein, seit vier Jahren Neubürgerin und als solche stets bemüht, jene Trägheit und Rückwärtsgewandtheit der Dorfbewohner mittels lauten Nachdenkens über Innovationen in Angst und Schrecken zu versetzen.

Der frische Aushang im Schaukasten brachte dann endlich Klarheit: Der Ortsvorsteher lud alle Schlumbacher ins Dorfgemeinschaftshaus. Einziger Tagesordnungspunkt: ‚Neuartige Partnerschaft mittels Neuausrichtung der alljährlichen Butterfahrt‘.

Weder Frieda Böhmermann noch Karl-Hermann Schlomer, die sonst jedes Gerücht frühzeitig kannten und danach durch ihre Strategie kreativ auszuschmü-cken wussten, blieben stumm.

Zunächst konnte niemand mit der kryptischen Formulierung etwas anfangen. Dieser Umstand war in der Gemeinde allgemein bekannt. Selbst der Ortsvorsteher hatte angeblich eine Fortbildung absolviert zu dem Thema ‚Wie formuliere ich einfache Sachverhalte möglichst bürokratisch, damit die gemeine Dorfbevölkerung nicht unnötig in Aufruhr versetzt wird?‘.

Daraufhin musste er sich bei Hulda Schnackefett entschuldigen.

„Mir kann man vielleicht einiges nachsagen, aber gemein bin ich nicht“, stellte sie richtig.

Nun waren aber vage Formulierungen ganz nach dem Geschmack der Schlumbacher, denn so konnten sie dem Dorftratsch nach Herzenslust frönen und ihren geliebten Spekulationen reichlich Nahrung verleihen. Spötter behaupteten gar, die Rätselhaftigkeit der Formulierung würde die Neugierde der Dörfler beflügeln und für ein volles Dorfgemeinschaftshaus sorgen.

So eröffnete der Ortsvorsteher pünktlich um 19 Uhr die Versammlung und gab wortreich seiner Freude Ausdruck, dass so viele sachkundige Bürger den Weg hierhin gefunden hätten.

Opa Schlüter, seines Zeichens Retter der bedrohten Art der Gartenzwerge, lachte asthmatisch:

„Als ob wir Schlumbacher Schwierigkeiten hätten, in unserer überschaubaren Metropole den Weg zu finden! Hierhin und zu Schlomers Kneipe finde ich im Schlaf und mit zugekniffenen Augen!“

Der erste Beifall gehörte Schlüter, der schon einmal in einer hitzigen Debatte gedroht hatte, den Ortsvorsteher als Gartenzwerg zu modellieren. Niemand würde den Unterschied zwischen Original und Modell bemerken.

Den zweiten Lacher des Abends gab es, als der Ortsvorsteher seiner Überzeugung Ausdruck gab, dass alle Anwesenden sich mit der Materie des Themas hinreichend vertraut gemacht hatten.

„Von wegen! Übersetze erst einmal den Tagesordnungspunkt in Schlumbacher Deutsch!“, rief der Barde Kevin Kleinbier in die Runde. Kevin, aufstrebender erfolgloser Popstar, war dafür bekannt, sich mit dem Deutschen so abzumühen, dass jeder zweite Satz ein Anakoluth war und Deutsch für ihn ewig die erste Fremdsprache bleiben würde.

Erich Piwalke, der Herzensbrecher in Gummistiefeln, war durch das Wort ‚Partnerschaft‘ angelockt worden und saß in der ersten Reihe.

Beide sollten bald erfahren, was es mit dem ominösen Tagesordnungspunkt auf sich hatte.

Es trat Knut Piepenbrink ans Mikrophon, den etwas einsilbigen, aber dennoch geachteten Landwirt im Nebenerwerb, denn er erzielte den Großteil seines Einkommens als Landmaschinenmechaniker. Bei dem alten Traktorbestand in Schlumbach hatte er einen krisensicheren Job.

Knut räusperte sich zweimal, dann begann er seinen Vortrag.

„Liebe Schlumbacher, wie ihr wisst, haben meine Vorfahren im zwanzigsten Jahrhundert aus dem Norden den Weg in unser schönes Schlumbach gefunden. Und in Ostfriesland gibt es ein ebenso schönes wie kleines Dorf mit genauso netten Menschen wie hier im Saal. Als ich beim letzten Mal dort war, verspürte ich den großen Wunsch, mit unserem Schlumbach eine Dorfpartnerschaft ins Leben zu rufen.

Erichs Kinnlade kippte enttäuscht nach unten. Wieder nix mit dem anderen Geschlecht!

„Wie heißt denn das schöne Dorf?“, wollte Charlotte Blümlein wissen.

„Fadum“, antwortete Knut trocken. „Es hat etwa so viele Einwohner wie Schlumbach, eine ähnliche Struktur mit viel Landwirtschaft, nur ohne Berge.“

„Und die Menschen?“

„Der gleiche Schlag wie wir!“, verkündete Knut frohlockend.

„Dann bin ich dagegen!“

„Warum denn, Charlotte?“

„Warum soll ich in ein Dorf reisen, wenn ich hier all die gleichen Typen von Menschen jeden Tag um mich habe.“

„Das ist ja wie ein Urlaub in der eigenen Küche!“, rief Charlotte und schüttelte den Kopf. „Ich will nicht noch mehr von den gleichen Gesichtern sehen, die mir schon hier auf die Nerven gehen!“

„Möchtest du ein paarhundert Kilometer fahren, um dann festzustellen, dass es einen Herbert Schietholm oder einen Bauer Lüsebrink ein zweites Mal gibt?“, fragte Kalli Großschmidt, der ehemalige Scheunenbesitzer.

Alle lachten.

„Oder einen Kevin!“, rief Karl-Hermann Schlomer, der sich hatte breitschlagen lassen, seine Gastwirtschaft für drei Tage dichtzumachen, wenn eine Abordnung nach Ostfriesland aufbrechen würde.

„Der Kevin kann ja dann mit seinem Pedanten aus Fadum zum nächsten ESC anreisen!“, meinte Frieda, die dann sofort von Hans-Jürgen Bretschneider, dem Pressewart, korrigiert wurde:

„Du meinst Kevins Pendant, Frieda!“

„Ist doch dasselbe!“

„Also, ich finde den Gedanken einer Dorfpartnerschaft interessant“, meldete sich Bauer Lenz zu Wort.

„Mich interessiert brennend, wie die Ostfriesen Schweinezucht betreiben und ob sie Schönheitswettbewerbe für Kühe veranstalten.

„Richtig!“, rief Erich Piwalke. „Ich fahre auf jeden Fall mit. Ich habe gehört, dass es in ostfriesischen Dörfern einen sagenhaften Frauenüberschuss gibt.“

„Au ja, und ich hoffe, dass es am ersten Abend einen Tanzabend im Festzelt gibt. Ich muss meine Tangoschritte mal wieder üben.“

Er zwinkerte Frieda zu.

Einen Tanzabend gab es nicht, dafür luden die Fadumer zu einer Bierverkostung im Dorfkrug ein, einer urigen Kneipe, die mehr nach einer alten Kate aussah. Karl-Hermann Schlomer fotografierte mit seinem Handy und schien die seit Jahrzehnten überfällige Renovierung seiner Kneipe konkret anzudenken. Lediglich beim Bier hatte der Kneipier etwas auszusetzen.

„Höchstens sechs Minuten gezapft und 1½ Grad zu kühl!“, lautete seine Expertise und niemand außer Frieda widersprach ihm.

„So ist das halt in Nordeuropa! Andere Breiten, andere Sitten.“

Jens-Malte, der Spezialist für Falschzustellungen, schien in seinem Element zu sein. Als einziger Schlumbacher hatte er sich zu einem der Einheimischen gesetzt und unterhielt sich mit ausgeprägten Gesten. Parallel dazu erfolgte der rege Austausch von leeren gegen volle Gläser im niedrigen Minutentakt.

„Neben wem sitzt denn unser Postbote?“, fragte Mandy Punkt-Schräglein.

„Ein gutaussehender Mann! Sollten wir bezüglich Jens-Maltes Vorlieben etwas nicht mitgekriegt haben?“

Nach der Bierverkostung hatten sich die Fadumer doch noch einen Programmpunkt ausgedacht.

Die Tür zum Krog öffnete sich und eine Volkstanzgruppe betrat die Gaststube. Besonders die jungen Frauen in ostfriesischer Tracht hatten es der versammelten Schlumbacher Männlichkeit angetan. Erich und Kevin mussten von Hulda Schnackefett und Metzger Brandstetter mit allen Kräften zurückgehalten werden, um nicht sofort auf die Deerns loszustürmen.

Durch den Auftritt der Volkstanzgruppe lockerte sich die Stimmung im Krog schlagartig auf. Am Ende des ersten Abends schwankten Schlumbacher und Fadumer in erstaunlicher Eintracht und untergehakt nach Hause. Die Gäste kamen in Privathäusern unter, in den Fremdenzimmer angeboten worden.

Am nächsten Morgen trafen sich alle am Dorfplatz in Fadum. Die Augen waren klein, die Gesichter verknittert, also brach man zu einer Wanderung in Richtung Deich auf. Auf dem Weg dorthin vermeldete Schlumbach einen Verlust: Jens-Maltefehlte! Sollte der Schluckspecht tatsächlich noch seinen Rausch ausschlafen? Diese Vermutung ließ man sofort wieder fallen. In Schlumbach galt das eiserne Gesetz, dass der Zusteller seine Tour pünktlich begann. Auf seinen Sturz vom Dienstfahrrad um 11:07 Uhr war ebenfalls seit Jahrzehnten Verlass. Aber jetzt in Ostfriesland war er schließlich in einer Art Urlaub. Was war passiert? Schlumbachs Ortsvorsteher machte den Vorschlag, einen Suchtrupp loszuschicken. Sein Kollege aus Fadum winkte ab.

„So etwas kommt bei uns fast täglich vor. Nach kurzer Zeit taucht die Person wieder auf. In den meisten Fällen hilft ein Glas Bier und ein Matjesbrötchen und die Schluckspechte können wieder am öffentlichen Leben teilnehmen.“

Die Schlumbacher waren beruhigt.

Es dauerte nicht lange, bis Jens-Malte wieder auf die Bildfläche trat. Das Schauspiel, das sich dann abspielte, ging in die Geschichte der Dorfpartnerschaft ein und rangierte unmittelbar nach dem Prager Fenstersturz.

Exakt um 11:05 Uhr kam ein postgelbes Lastenfahrrad um die Hausecke. Im Sattel saß Jens-Maltes Gesprächspartner vom Vorabend im Krog. Vorn im Gepäckträger lag beinebaumelnd und winkend Jens-Malte und mümmelte genüsslich ein Fischbrötchen. Beide lachten und schienen entweder genügend Restalkohol intus zu haben oder sie hatten bereits das allmorgendliche Doping wieder aufgenommen.

In diesem Moment schauten alle Schlumbacher, die eine Uhr besaßen, wie auf Kommando auf diese, während die Fadumer dies für einen Brauch hielten, den sie noch nicht kannten.

Dann geschah es: Durch Jens-Maltes Gezappel konnte sein Pilot das Gefährt nicht mehr halten, stürzte und kam neben seinem Dienstrad zu liegen. Jens-Malte wurde mittels einer eleganten Kippbewegung in den Graben entsorgt. Den Fadumern stockte der Atem, die Schlumbacher nannten im Chor die Uhrzeit und reckten ihre Daumen hoch: „11:07 Uhr! Auf Jens-Malte ist Verlass!“

In der Gerüchteküche

In einem kleinen, verschlafenen Dorf namens Schlumbach, wo die Zeit sich in einem gemächlichen Rhythmus wie ein müder Kater dehnte, regierten nicht die Gesetze oder die Vernunft, sondern die alten Geschichten, die wie Schatten durch die Gassen schlichen. Hier war das Gerücht nicht nur ein flüchtiger Hauch, sondern ein fest verwurzeltes Wesen, das in den Köpfen der Dorfbewohner lebte und sich von Mund zu Ohr fortpflanzte, als wäre es ein kostbares Geheimnis, das es zu bewahren galt.

Eines Morgens, als der Nebel noch wie ein schüchterner Vorhang über den Dächern lag, begann ein Gerücht das Dorf zu durchdringen. Es war ein Gerücht, das so alt war wie die knorrigen Eichen auf dem Dorfplatz und so neu wie der frische Brötchenduft aus der Bäckerei Schulte.

„Hast du gehört?“, flüsterte Frieda Böhmermann, während sie mit einer Miene, die mehr verriet als sie sagte, über die Hauptstraße schlenderte.

„Der alte Schlüter hat einen geheimen Garten voller magischer Pflanzen!“

Die Worte flogen wie ein Lauffeuer durch die Reihen der Dorfbewohner. Opa Schlü-ter, der in der Nachbarschaft als der letzte Hüter der Gartenzwerge galt, war in den letzten Jahren mehr mit dem Zählen seiner Zwerge beschäftigt gewesen als mit dem Gärtnern. Doch nun, da das Gerücht wie ein frischer Wind durch die Gassen wehte, wurde er zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. „Magische Pflanzen?“, murmelte Karl-Hermann Schlomer, während er seine Pfeife stopfte. „Das klingt nach einer neuen Art von Gartenkultur!“

Auch Kevin und Leroy wurden hellhörig:

„Kann man derlei Pflanzen auch rauchen?“, fragten sie sich mit einem bewusstseinserweiternden Augenaufschlag. Die Vorstellung, dass Schlüter heimlich Beete voller Wunder pflegte, war für die Schlumbacher nicht nur aufregend, sondern auch eine willkommene Ablenkung von den alltäglichen Sorgen. Schließlich war das Leben in Schlumbach geprägt von den Routinen des Alltags und die Vorstellung von Magie war wie ein Spritzer Champagner im trüben Wasser des Dorfweihers.

„Ich habe gehört, dass die Pflanzen sprechen können!“, rief Meta Knudsen, die den Gedanken bei all der zunehmenden Sprachlosigkeit der Gesellschaft sympathisch fand. „Stellt euch vor, sie könnten uns die Geheimnisse des Lebens verraten!

Oder noch besser: die besten Kartoffelrezepte!“

Die Diskussion über die magischen Pflanzen nahm schnell absurde Züge an. Die Dorfbewohner begannen, sich vorzustellen, wie sie mit den Pflanzen verhandeln könnten, um die Geheimnisse des Universums zu ergründen. „Vielleicht können sie uns auch sagen, warum die Kartoffeln immer so schnell keimen!“, rief Erich Piwalke, der sich in seinem neuesten Gummistiefel-Outfit sichtlich wohlfühlte.

Doch während die Gerüchte über Schlü-ters geheimen Garten wuchsen, begannen die alten Geschichten, sich zu verändern. Die magischen Pflanzen wurden zu einem Symbol für alles, was im Dorf schiefgelaufen war. „Wenn Schlüter die Pflanzen sprechen lassen kann, warum kann er dann nicht auch die alten Bräuche zum Leben erwecken?“, fragte Charlotte Blümlein, die sich in der ersten Reihe platziert hatte.

So wurde das Gerücht über die magischen Pflanzen nicht nur zum Gesprächsthema des Tages, sondern auch zum Spiegelbild der Ängste und Hoffnungen der Dorfbewohner. In Schlumbach regierten nicht die Tatsachen, sondern die Geschichten, die sich wie ein Netz aus Spinnweben über das Dorf legten und jeden in ihren Bann zogen.

Die Dorfbewohner, die in ihren kleinen, gemütlichen Häusern lebten, begannen, sich in den Abendstunden um den alten Brunnen zu versammeln, wo die Geschichten wie frisches Wasser sprudelten. „Hast du gehört, dass die Pflanzen nicht nur sprechen, sondern auch Wünsche erfüllen können?“, flüsterte Hulda Schnackefett, während sie mit einer dramatischen Geste die Zuhörer um sich scharte.

„Ich habe gehört, dass jemand einen Wunsch nach unendlichem Kartoffelvorrat geäußert hat!“

Die Augen der Zuhörer leuchteten auf, und die Vorstellung, dass sie sich nie wieder auf dem Acker würden plagen müssen, um über den Winter zu kommen, war verlockend. „Stellt euch vor, wir könnten die Dorfpartnerschaft mit einem riesigen Kartoffelfest kombinieren!“, rief Kevin Kleinbier, der sich in seiner Rolle als Dorfvisionär zunehmend wohlfühlte. „Wir könnten die Fadumer einladen und ihnen zeigen, was wahre Knollenkunst ist!“

Doch während die Hoffnungen in den Köpfen der Dorfbewohner wuchsen, schlichen sich auch die Ängste ein. „Was, wenn die Pflanzen uns etwas Schlechtes wünschen?“, murmelte Karl-Hermann Schlomer, der immer ein wenig skeptisch war. „Ich habe gehört, dass sie auch die Fähigkeit haben, die Wahrheit zu sagen. Was, wenn sie uns verraten, dass wir alle nur ein Haufen übler Halunken sind?“

Die Vorstellung, dass die magischen Pflanzen die dunklen Geheimnisse des Dorfes ans Licht bringen könnten, ließ einige der Anwesenden frösteln. „Ich will nicht, dass die Pflanzen wissen, dass ich einmal die letzte Reihe Kartoffeln von Bauer Lenz geklaut habe!“, rief Erich Piwalke und sah sich nervös um, als ob die Pflanzen bereits im Begriff wären, ihn zu entlarven.

So wurde das Gerücht über die magischen Pflanzen zu einem zweischneidigen Schwert. Es war ein Symbol für Hoffnung und Veränderung, aber auch für die Angst vor dem Unbekannten. Die Geschichten, die sich um den alten Schlüter und seinen geheimen Garten rankten, wurden immer absurder und fantastischer. Bald kursierten Geschichten über Pflanzen, die mit den Gartenzwergen tanzten, während sie ihre geheimen Wünsche flüsterten.

In den folgenden Tagen wurde das Dorf von einem wahren Geschichtenteppich durchzogen, der die Realität mit der Fantasie vermischte. Die Dorfbewohner begannen, ihre eigenen Geschichten zu spinnen, und jeder wollte ein Stück des magischen Gartens für sich beanspruchen. „Ich habe gehört, dass die Pflanzen auch die Fähigkeit haben, die Zukunft vorherzusagen!“, rief Mandy Punkt-Schräglein, die neben Frieda mehr und mehr die Rolle als Dorfprophetin übernahm.

„Wir sollten eine Versammlung einberufen und die Pflanzen um Rat fragen!“

Und so wurde das Gerücht über die magischen Pflanzen zum Herzstück des Dorflebens. Die Dorfbewohner lebten in einem ständigen Zustand der Erwartung und Aufregung, während sie darauf warteten, dass die Pflanzen ihre Geheimnisse enthüllten.

„Habt ihr schon gehört, …?“ wurde morgens beim Bäcker die alle elektrisierende Frage, die die Gerüchteküche des Tages befeuerte.

Und während die Sonne über den Dächern unterging, war das neueste Gerücht längst in alle Häuser und Stuben von Schlumbach eingekehrt. Mandy Punkt-Schräglein hatte behauptet, sie habe gehört, dass Bauer Lüsebrinks Schweine bei der nächsten Kommunalwahl antreten würden.

Es war selbstverständlich, dass Kaminski und ich in dieser Zeit der kreativen Latrinenparolen auf der Bank am Dorfbrunnen saßen, um auch das kleinste Zeichen der neuesten Flüsterpropaganda aufzunehmen.

Das mit Lüsebrinks politisch interessierten Schweinen hatten wir bereits wahrgenommen. Kaminski forderte mich zu einer Wette heraus.