Waisenkind Einhundertzwölf - Christine Stutz - E-Book

Waisenkind Einhundertzwölf E-Book

Christine Stutz

2,0

Beschreibung

Waisenkind Einhundertzwölf- Das ist Jenny Sommer. Sie ist dreizehn Jahre alt und macht sich keine Hoffnung mehr, dass jemand sie adoptiert. Bis Baxter Riester ins Waisenhaus kommt. Der Mann sucht Waisenkinder, Jungen und Mädchen, die in seiner Gemeinde auf den Farmen arbeiten wollen. Denn durch den anherrschenden Krieg, fehlen viele junge Männer. Baxter entscheidet sich, Jenny mit zu sich Nachhause zu nehmen. Dort wird sie dem Ehepaar Donnervers zugeteilt. Das Ehepaar, das eigentlich einen Jungen haben wollte, ist alles andere als erfreut. Jenny soll zurück ins Waisenhaus. Doch Jenny schafft es, die Herzen der beiden Menschen zu erweichen. Und sie rettet nicht nur ihre Farm sondern schenkt beiden Menschen noch ein Wunder. Ein Wunder, an das die Eheleute Donnervers nicht mehr gehofft haben.

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

1 Kapitel

2 Kapitel

3 Kapitel

4 Kapitel

5 Kapitel

6 Kapitel

7 Kapitel

8 Kapitel

9 Kapitel

10 Kapitel

11 Kapitel

12 Kapitel

Epilog

Prolog

Maria sah ihrem Mann zu. Das tat sie gerne. Maria mochte den Frühling. Wenn die Welt aus ihrem langen Winterschlaf erwachte. Jetzt, um diese Zeit, war besonders viel zu tun. Maria lächelte.

Charles führte den Pflug sehr ordentlich und gerade über das große Feld. Wie jedes Jahr, dachte sie zufrieden. Und doch war er dieses Jahr langsamer, überlegte sie schwer seufzend. Nun, Charles wurde auch älter. Man merkte es ihm an, dachte sie still. Da brachte auch das junge, starke Pferd vor dem Pflug nicht viel. Früher wäre Charles schon fast fertig gewesen. Doch heute hatte er mal gerade die Hälfte des Feldes geschafft als sie ihm das Essen brachte. Bekümmert stellte Maria ihren Korb in den Schatten und setzte sich an den Rand des Feldes. Charles hatte sie gesehen und würde, wenn er die Fuge fertig hatte, zu ihr kommen. Dann konnte das Pferd im Schatten grasen und sich ausruhen, während sie zusammen speisten.

Maria erinnerte sich, wie noch vor einem Jahr, ihr Sohn Josef hier gewesen war. Zusammen mit seinem Vater, war das Feld und auch das daneben liegende, schnell fertig gewesen. Da wären die Männer schon bei der Aussaat, dachte sie traurig. Leider wurde Josef geholt. Für den Krieg. Da wurde nicht gefragt, ob der Junge Zuhause gebraucht wurde. Siebzehn Jahre alt war Josef gewesen als Maria seinen Rucksack packen musste. Wieder kamen ihr die Tränen. Sie erinnerte sich, wie lange sie am Tor gestanden und ihm nachgesehen hatte. Das war das letzte Mal gewesen, dass sie Josef sah. Vor sechs Monaten war ein Brief von Josef gekommen, das letzte Lebenszeichen ihres einzigen Kindes. Seitdem wussten sie nichts mehr. Lebte Josef noch? Oder starb er, um sein Land zu verteidigen? Weder Charles noch Maria hatten es laut ausgesprochen. In der Angst, dass es wahr werden würde, wenn einer etwas sagte. Doch ihre Hoffnung starb jeden Tag ein wenig mehr.

Endlich kam Charles zu Maria herüber. Sein Gang war schwerer und langsamer geworden, dachte Maria erneut betrübt. Ihrem Mann taten die Knochen weh, dass wusste Maria. Sie hörte Charles oft stöhnen.

Zeit, ein etwas schwieriges Thema anzusprechen, überlegte Maria und sammelte ihren Mut. Sie schenkte ein Glas mit kalter Limonade voll und wartete, bis Charles sich gesetzt und getrunken hatte. Maria wusste, dass sie dann besser mit ihrem Man reden konnte. Immerhin waren sie beide über zwanzig Jahre verheiratet, dachte sie schmunzelnd. Da lernte man einen Menschen kennen. Liebevoll strich sie ihrem Mann das wirre Haar aus dem Gesicht und lächelte. Charles hatte leichte Grausträhnen, dachte sie. Und dass wurde immer mehr. Dass man ihm den einzigen Sohn genommen hatte, hatte Charles hart getroffen. Der Bürgermeister hätte das verhindern können, doch aus irgendeinem mysteriösen Grund hatte der Mann ihren Antrag auf Josefs Zurücksetzung nicht bearbeitet. Auf ihre Anfrage hatten sie nie eine korrekte Antwort erhalten. Die Soldaten kamen und Josef musste mit ihnen gehen.

„So geht es nicht weiter, Charles. Du schaffst es nicht mehr allein. Und deswegen habe ich mich entschlossen, einen Waisenjungen zu uns zu nehmen. Bevor du dich jetzt aufregst, ich habe das alles schon veranlasst. Baxter, der Bruder des Bürgermeisters, fährt in zwei Tagen in die Hauptstadt. Er will sich dort in den Waisenhäusern umsehen.“ Erklärte Maria ernst. Sie sah, wie ihr Mann verärgert seine Augen zusammenzog. Charles hatte seine eigene Meinung zu Kindern, die aus diesen Häusern kamen. Für ihn waren das alles potenzielle Verbrecher und Mörder. Charles kannte viele Horrorgeschichten, die seine Meinung belegten. Doch Maria musste sich stark machen. „Ich habe Baxter gesagt, dass er uns einen netten Jungen aussuchen soll. So um die zwölf Jahre. Der Junge wird in der Scheune schlafen und dir auf dem Feld helfen. In der anderen Zeit kann er die Schule besuchen. So wie es Josef immer tat. Es wird schon gutgehen. Wenn wir den Knaben gut behandeln, dann hat er auch keinen Grund, uns etwas zu tun.“ Sagte Maria weiter. Sie strich ihrem Mann beruhigend über den Rücken.

„Du hast es alles schon in die Wege geleitet, Frau. Ich werde jetzt nicht zu Baxter fahren und alles widerrufen. Doch du weißt, dass ich das alles nicht will. Der Knabe wird deiner Verantwortung unterliegen. Mir soll er auf den Feldern helfen und mir gehorchen. Ansonsten will ich von dem Kind nichts hören oder sehen.“ Sagte Charles bitter. Niemand konnte ihm seinen Sohn ersetzen, das wusste Maria. Ihr doch auch nicht. Auch sie vermisste Josef unendlich. Aber allein schafften sie es nicht mehr. Charles brauchte Hilfe. „Baxter bringt ungefähr ein Dutzend Kinder her. Viele Höfe brauchen Hilfe in diesen Zeiten. Wir werden in die Stadt fahren und uns den besten, stärksten Jungen aussuchen, Charles. Ich bin da sehr zuversichtlich.“ Sagte Maria sanft. Ihr Mann drückte ihre Hand und versuchte ein Lächeln. „Das bist du doch immer. Ich kenne keine andere Frau, die so positiv denkt wie du, Liebling.“ Sagte Charles. Doch seine Sorgen blieben. Er hasste Veränderungen und keine Fremden auf seinem Hof.

1 Kapitel

Ich saß in der hinteren Reihe und sah zu, wie ein Kind nach dem anderen ausgewählt wurde. Die kräftigen, starken Jungen, wurden zuerst vermittelt. Der Bürgermeister dieser kleinen Gemeinde, kam mit seinen Freunden und die durften als erste wählen. Mister Baxter, der Mann, der uns alle aus den Waisenhäusern holte, knurrte verärgert darüber. Schwieg aber dazu. Ihm gefiel das Verhalten seines Bruders nicht, das spürte ich. Mich wunderte, dass die beiden Männer verwandt waren. Sie waren wie Tag und Nacht, dachte ich still. Mister Baxter war so nett und fürsorglich, sein Bruder, der Bürgermeister machte mir Angst. Und dessen Sohn, der ungefähr in meinem Alter war, zeigte offen, was er von Waisenkindern hielt. Mit seinen Freunden stand er Abseits und riss dreckige Witze über uns.

Dann füllte sich der Saal mit Menschen, die alle ein Waisenkind zu sich holen wollten. Sehr viele wollten einen oder zwei Jungen, die auf den Feldern helfen sollten. Einige wollten kräftige Mädchen, die im Haus oder dem Stall halfen. Wieder fragte ich mich, was ich dünner Hering, hier suchte. Ich war klein und schmal, ich wog viel zu wenig. Keine Ahnung, warum ausgerechnet mich dieser Mister Baxter ausgewählt hatte. Mich würde doch niemand haben wollen, dachte ich immer wieder. Und richtig. Auch das Mädchen neben mir wurde mitgenommen. Eifrig griff sie ihre Tasche und rannte fast aus dem Saal. Das konnte ich verstehen. Denn auch wenn die Arbeit auf dem Land schwer war. So war das Leben hier doch um Klassen besser als im Heim. Hier bekam man genug zu Essen. Nicht, wie im Waisenhaus. Dort wurde uns nur das nötigste gegeben. Alles andere schafften die Betreuer beiseite, um es zu verkaufen. Hier bekam man bestimmt jeden Tag Milch, dachte ich. Nicht nur sonntags. Der Saal war fast leer. Jetzt war nur noch ich übrig. Und kein Farmer war noch anwesend, der mich mitnehmen würde. Das war es also. Man würde mich zurück ins Waisenhaus schicken, dachte ich traurig. Dieser Mister Baxter nahm tröstend meine Hand und drückte die eiskalten Finger. „Keine Sorge, Kind. Für dich werden wir auch noch ein Zuhause finden. Es wird sich jemand für dich finden. Und du wirst großartig sein, dass weiß ich.“ Sagte der junge Mann freundlich. Dankbar hon ich den Kopf und sah den Mann mit meinen großen Augen an. Ich nickte nur, denn glauben konnte ich seine Worte nicht.

Der dicke Bürgermeister sah unwillig auf seine Uhr. „Ich habe keine Zeit mehr, Baxter. Kümmere du dich um das Kind. Es muss zu den Donnervers. Sie sind die einzigen, die ihr bestelltes Kind noch nicht abgeholt haben.“ Sagte der dicke Mann verärgert. Ich muss wieder an die Arbeit.“ Der Mann sah mich nicht einmal an, als er den Saal verließ. Dieser Mister Baxter sah seinen Bruder finster an. „Sei doch wenigstens einmal etwas netter, Bruder. Das Kind hat doch nichts verbrochen.“ Sagte der junge Mann grimmig. Der Bürgermeister sah mich jetzt grimmig an. „Sieh dir diesen Hungerhaken doch nur an. Viel zu dürr und zu klein, um zu arbeiten. Keine Ahnung, warum du so was mitbringst. Was sollen wir hier damit.“ Schnauzte der Mann und griff seinen Hut. Dann war er verschwunden. Sein Sohn folgte ihm. Ich war mit Mister Baxter allein.

Ich kämpfte mit den Tränen. Die Worte des dicken Mannes hatten mich verletzt. Mister Baxter strich mir beruhigend das lange Haar aus dem Gesicht und versuchte ein Lächeln. „Nicht weinen, kleine Wasserfee. Mein Bruder hat viel um die Ohren und meint seine Worte nicht so.“ sagte er tröstend. Ich hob meinen Kopf, um den Mann neben mir genauer zu betrachten. Er war sehr jung, kaum zwanzig und sah nett aus. „Der Bürgermeister ist ihr Bruder?“ fragte ich verwirrt. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Der Altersunterschied zwischen den beiden war doch enorm. Mister Baxter nickte und lehnte sich zurück. „Mein Halbbruder. Unsere Mutter heiratete ein zweites Mal, nachdem ihr erster Mann starb. Knut war damals schon zehn Jahre alt.“ Erklärte mit Mister Baxter dunkel. Es war da noch mehr, dass den Mann beschäftigte, doch er schwieg. Denn das war Familienangelegenheit, dachte ich. Ich war ein Kind und es ging mich nichts an.

Jetzt ging die Tür auf und ein älteres Ehepaar betrat suchend die Halle. Suchend sahen sich die Frau und der Mann um. Die beiden sahen sehr nett aus, dachte ich hoffnungsvoll. Die Frau griff die Hand des Mannes. Dann entdeckten sie Baxter. Verwundert kamen sie beide auf uns zu. „Siehst du. Das sind die Donnerves. Ich wusste, du bekommst ein gutes Heim, Kind.“ Flüsterte Mister Baxter und erhob sich. Er ging den Menschen entgegen.

„Baxter, was hat das zu bedeuten? Wir wurden von Knuts Sohn informiert, dass diese Veranstaltung um fünfzehn Uhr losgeht. Und wir sind pünktlich. Wo sind die Knaben? Wo sind die ganzen Kinder.“ Hörte ich den Mann unwirsch sagen. Ich zuckte zusammen. Einen Jungen, war ja klar, dass sie einen Jungen wollten. Was sollten sie auch mit mir. Mister Baxter schüttelte verständnislos den Kopf. „Nein, dass müsst ihr falsch verstanden haben. Mein Bruder sagte ausdrücklich dreizehn Uhr, Charles. Ich war doch dabei als er den Termin verkündete.“ Sagte der Mann schwer. Charles schüttelte den Kopf. „Nein, Luis kam und sagte, der Termin habe sich geändert. Er kam extra zu uns raus.“ Sagte die Frau und schielte an Baxter vorbei zu mir. Ich machte mich beschämt noch kleiner. Niemand wollte mich, dachte ich. Und die beiden da vorne erst recht nicht. Ich war zur Einsamkeit verdammt.

„Das verstehe ich nicht, Maria. Wir waren alle pünktlich hier. Die Kinder wurden verteilt und mitgenommen. Euer Kind sitzt dort drüben. Jenny Sommer. Waisenkind Einhundertzwölf. Sie ist dreizehn und sehr nett. Und sehr klug. Ihr werdet eure Freude an dem Kind haben.“ Sagte Mister Baxter. Er winkte mich zu sich. Ich erhob mich und machte einen tiefen Knicks. Ich wollte einen guten Eindruck machen. „Ein Mädchen? Und dann so ein schmächtiges? Wir wollten einen Jungen. Das hat Maria doch ausdrücklich gesagt.“ Knurrte der Mann, den Mister Baxter Charles genannt hatte. Er verschränkte wütend seine Arme. „Ich brauche jemanden, der mir auf dem Feld hilft. Der mit den Pferden umgehen kann und die Ernte mit mir einholt. Was soll ich denn mit dem Mädchen anfangen.“ Sagte er weiter. Der Mann war echt wütend, dachte ich und schob mich beschützend hinter Mister Baxter. Dieser Charles machte mir Angst.

„Warum hat uns Luis die verkehrte Uhrzeit genannt. Was soll das alles. Ich verstehe es nicht. Und ihr Bruder wusste doch, dass wir einen Jungen brauchen. Wir sind allein, seit Josef weg ist, Baxter.“ Sagte Maria Donnervers und versuchte, etwas Ruhe ins Geschehen zu bringen. Wieder sah sie mich neugierig an. Zeit, mich gerade zu machen, dachte ich. Ich stellte mich vor die beiden Menschen und versuchte ein Lächeln. „Guten Tag, Ich bin Jenny Sommer. Ich bin dreizehn Jahre alt und stärker als ich aussehe. Mein Vater war Hochschullehrer und meine Mutter war Klavierlehrerin. Doch ich wuchs auch bei meinen Großeltern auf. Sie hatten einen Bauernhof. Ich kenne mich also auch mit Tieren aus, Mrs. Donnervers. Geben sie mir eine Chance. Bitte. Ich möchte ihnen zeigen, was ich kann.“ Sagte ich fast bettelnd. Ich wollte unter keinen Umständen zurück in das elende Heim.

Maria sah ihren Mann unsicher an. Sie kannte dessen Starrsinn zur Genüge. Und richtig, Charles schüttelte seinen Kopf. Er starrte erst mich, dann Mister Baxter an. „Warum? Warum wirft ihr Bruder uns immer wieder Steine in den Weg, Baxter? Warum macht er uns das Leben so schwer? Was haben wir Knut getan? Wir zahlen unsere Steuern und spenden großzügig, wenn jemand in Not ist. Trotzdem hat Knut zugelassen, dass man uns Josef nahm. Unser einziges Kind! Sie sind doch nur zwei Jahre älter als Josef. Warum haben die Soldaten sie nicht mitgenommen, Baxter. Warum Josef und nicht sie. Und jetzt verhindert ihr Bruder, dass wir Hilfe erhalten. Ein Mädchen nutzt uns nichts.“ Grollte Charles wütend. Er sah, wie ich zusammenzuckte und senkte seine Lautstärke.

„Ich weiß nicht, was da passiert ist, Mister Donnervers. Aber ich werde Luis befragen. Es muss einen Grund geben, warum sie nicht pünktlich sein konnten. Aber nun müssen wir überlegen, was mit Jenny Sommer passiert. Das Mädchen kann nicht hier in der kalten Halle