Wandel und Verwandlung - Helmut Lauschke - E-Book

Wandel und Verwandlung E-Book

Helmut Lauschke

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Beschreibung

Mit der Unabhängigkeit Namibias als letztes afrikanisches Land und den ersten freien Wahlen in Südafrika wurde der Weg frei für den Ruf nach der afrikanischen Renaissance. Sie sollte den ganzen Kontinent beflügeln und die Menschen zum besseren Leben führen. Der Wandel war deutlich genug, um die letzten weißen Zweifel auszuräumen und zu erkennen, dass der Händewechsel an den Hebeln der Macht ein endgültiger war. Bei der Betrachtung ihrer Gesichter gab es keine Zweifel, dass es ihnen um Macht und ein besseres Leben ging. Ob sie beim Trachten nach dem besseren Leben auch an die Menschen im Lande dachten, die nicht im Exil waren, dafür aber die Armut und das grenzenlose Leid im Lande erlebt und durchlitten hatten, das war ihren Gesichtern weder anzusehen noch aus ihren Worten herauszuhören. Plötzlich steht ein hochgewachsener Mann auf dem linken Bein und an hohen Krücken gestützt vor ihm. Dr. Ferdinand sieht hoch und wieder runter, sieht auf den sauber geputzten linken Schuh und das sauber hochgefaltete Hosenbein über dem rechten Beinstumpf. Zwei Sicherheitsnadeln halten das Hosenbein in halber Länge. Ferdinand kann sich nicht gleich an das Gesicht erinnern, gibt es doch hunderte Patienten, denen er den Oberschenkel abgetrennt hat. Der Mann ist von hagerer Gestalt. Er lächelt und frischt das Gedächtnis des Arztes auf, als er sagt: "Mir hat eine Granate das Bein abgerissen. Koevoet hat eine Handgranate in das Haus hinter dem Hospital an der Straße zur Post geworfen. Ferdinand beginnt sich zu erinnern. Es war in den letzten Wochen gewesen. Das weiße Kommandoschiff war bereits im Sinken. Es war ein brennend heißer Mittag. Er hatte einen grippalen Infekt und war in der Wohnung angekommen, als das Telefon klingelte und er zu einem Notfall ins Hospital gerufen wurde. Wo denn findet der Anker den Grund, wenn es nur Sand und Steine gibt? Wo stehen noch Blumen auf den Bänken, wo denn nur wird sich junges Leben ränken? Vieles ist zum Geisterdorf, zur Geisterstadt geworden nach all dem Elend mit dem vielen Morden. Kultur und Ehre liegen verwundet und tief gekränkt, die eine oder andere wird sterben, wenn nicht beide ineinander gezwängt. Wo im Himmel gibt es noch Gerechtigkeit? Die Wüste schweigt sich aus mit Sand und Steinen. In der brennenden Hitze vergeht selbst das Weinen, denn schnell lässt die Träne die harte Salzkruste zurück. Die Wege werden weiter ausgefahren, Eisenfelgen schneiden tiefer durch den Sand. In der gewohnten Himmelsrichtung geht es weiter, wenn auf den Köpfen die vollen Wassereimer sind. Wann das Leben ins Dorf zurückkehren wird, übersteigt den Verstand in der Wahrscheinlichkeit. Dieses Mal wird es noch länger dauern. Das Auge braucht das weite Wasser, wo es zur Ruhe und zum Frieden ankern kann.

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Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Helmut Lauschke

Wandel und Verwandlung

In der Chromatik des Hebens und des Senkens

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Was sich bewegt und werden soll

Der Mensch prüfe es mit eigenem Auge

Von Blicken und ihren Einsichten

Das Wort griff das Gemüt

Sein Leben und Können für die kranken und verletzten Menschen

Von den Jahren kommen die Schrunden

Die Hähne krähen die halb Sechs

Von der alten Palme steht nur noch der Stamm

Den zugezogenen Fenstern gegenüber, die Exilsprache des Russischen war von Vorteil

Weg und Klippen, sie strecken sich weit

Mit Blick auf die Haut

Du wirst staunen

Kubanische Zwischentöne

Streckte sich die Regenzeit

Kinder und ihre Füße

Mit dem Morgen endet die erfüllte Nacht

Anders ist der neue Zeitgeist

Klippen auf dem Weg zum Bergplateau

Freiheit mit dem Blick auf die Uhr

Junge Soldaten, die umsonst verbluten

Die Mittagszeit ist fast vorüber

Sandteppiche wellen den Bränden entgegen

Die Blick- und Lichtschranke zwischen mager und fett

Mit dem, was wir wissen, kommen wir nicht weit

Zwischenbilanz

Wie Endliches sich ins Unendliche rollt

Ein gewohnter Blick

Im Augenblick, wenn altes Leben geht

Türen sind zum Öffnen

Welt war genug mit den Kriegen

Das Telefon klingelt

O Freude, jener Götterfunke, der ersehnte

Dinge, die dem Blick verborgen sind

Das Auge braucht das weite Wasser

Ein besonderer Augenblick

Jung bist du geblieben trotz der Falten auf der Stirn

Im Rückblick

Eine Ernte wird es nicht geben

Nächtliche Wirklichkeit

Doch kein Arzt kommt zum kranken Kind auf die Kippe

Morgendämmerung

Blutrot hebt sich die Sonne in den Tag

Andere Punkte im Blickfeld

Mit dem Baumschiff den Kontinent zu durchqueren

Von der chirurgischen Bürde

Rücksichtslos erhebt sich der Mensch über den Menschen

Was leere Kleiderhaken noch erzählen

Der Wert des Menschen misst sich an dem Sittenstand

Mit dem Blick auf den Patienten

Es bleibt die Scholle, die den Hunger stillen soll

Ein Montag

Denn kurz nur geht das Leben

Schuld und Entschulden

Auch dieser Tag geht bald zu Ende

Im Blickkreuz des Gesehenen und des Erkannten

Die Kraalslyrik ist der Natur eng verbunden

Impressum neobooks

Was sich bewegt und werden soll

In der Chromatik

des Hebens und des Senkens

If you take out the unknown from the content of the world then you take out the biggest part together with the greatness, hopes and wonders looked for by aspirations, expectations and all kinds of movement associated with the wealth of joy and mourning, and the challenges, efforts and passions accompanied and surrounded by the abundance of blossoms and imaginations, and its invigorating and stimulating scents.

Was wie ein Pendel schwingt, hat mindestens zwei Seiten, wo die eine Seite der anderen Seite gegenüberliegt. Das Pendel ist der Mittler zwischen den beiden Seiten, vermittelt zwischen der Absicht mit dem Anstoß und der Resonanz mit dem Gegenstoß.

Die Bewegung beruht auf der Gegenseitigkeit und gibt der Schwingung ihren Ton bis hin zum gesprochenen Wort. Da öffnet sich der Raum der Sinnhaftigkeit mit dem Verlangen nach Verstehen und Erkenntnis zur bauenden Kommunukation durch Musik und Sprache und der Kunst im Allgemeinen und im Besonderen.

Gegenüberliegende Dinge gehören zusammen als Teile der Einheit im tieferen Verständnis der Wirklichkeit der Bewegungspermanenz von Wandel und Verwandlung, was als die Merkmale der Evolution in wunderbarster und erkenntnisfördernder Weise im biologischen und philosophisch-denkerischen Gang und Werdeprozess zum Ausdruck kommt.

Der Pendelschlag zeugt in einfachster Weise von der Zusammengehörigkeit der gegenüberliegenden Dinge. Es ist der prinzipielle ‚Schlagabtausch‘, der aus der Gegenseitigkeit kommt und dem Sein den unbegrenzten Raum des Schöpferischen gibt und sichtbar macht mit der Mahnung, diesen Raum nach besten Kräften zu nutzen.

Der Mensch prüfe es mit eigenem Auge

Das Schöne ist’s, wonach es mehr verlangt.

Der Halm strotzt nach dem Regen dunkelgrün,

und die weite Krone streckt sich nach oben

und sitzt dem mächtigen Stamm als stolzes Erbe auf.

Der Mensch prüfe es mit eigenem Auge,

für wen und was er sich verbrauchen will.

Gärend raunt die Nacht zum frühen Morgen

mit dem, was das Leben braucht und es bedroht.

Drum nimm den frühen Morgenblick über Feld und Flur,

dass dich aus den Furchen grüßt die frische Saat.

Nach dem Blick nimm Weg und Pfad im Dämmerschein,

lass dich berühren vom Gewürz der nassen Scholle.

Es wird noch viele heiße Sommer geben

mit den Tagen der Prüfung nach Sinn und Wert.

Setz den Fuß fest auf den Boden und ins Leben,

stell dir die Frage, was der neue Tag begehrt.

Dann schick dein Ohr den singenden Vögeln entgegen

und hör aus ihren Gesängen das zeitlose Lied,

das dich bei deinem Flurgang begleiten will.

In allem liegt die Bedeutung von Haus und Hof.

Erinnere dich der Menschen, die es schufen.

Von Blicken und ihren Einsichten

Von den Blicken gibt es die verschiedensten Arten, vor allem wenn es zum Wechseln von Blicken kommt. Es unterscheiden sich der spontane Blick vom verzögerten Blick, der endliche Blick vom unendlichen Blick, der gerade Blick vom ungeraden oder abgewinkelten Blick, der eckige Blick vom runden Blick, der offene Blick vom verdeckten Blick, der feurige Blick vom eisigen Blick, der helle Blick vom trüben oder getrübten Blick, der Liebesblick vom Hassblick, der freie Blick vom irren oder verirrten Blick, der Freudenblick vom Trauerblick, der lebendige Blick vom toten Blick. Darüberhinaus gibt es noch Blickvariationen, von denen sich einige aufgrund der Zwischentrübungen, Aufhellungen und Abwinkelungen nicht in ein zusammenfassendes Adjektiv oder Blickwort pressen lassen. Letztendlich kommt es auf die Blickeinsichten an, um sich ein Urteil bilden zu können.

Es gibt die verschiedensten Fächer, aus denen man heraus- oder durchsehen kann, meist von innen nach außen, oder in die man hinein- oder hindurchsehen kann, meist von außen nach innen. Auch wenn der Blick sich aus vielen Elementen zusammensetzt, über die man sich bei der spontanen Vorgehens- oder Blickweise meist keine Gedanken macht, bei denen es sich um Vorausgedanken handeln sollte, so ist der Blick ein äußerst komplexes Gebilde, das einem aus vielen Facetten zusammengesetzten Auge beziehungsweise Spiegel vergleichbar ist. Dieser Spiegel hat einen Vorwärtsspiegel und mindestens einen Rückwärtsspiegel. In jedem Fach gibt es Spiegel, die an unterschiedlichen Stellen angebracht sind. In manchen Fächern sind die Spiegel sogar versteckt, dass man sie suchen muss. Das kann je nach Maß und Ausmaß der Blickerfahrungen länger dauern. Aber dass der Vorwärtsspiegel oder der Rückwärtsspiegel in dem Fach fehlen, das ist eher unwahrscheinlich, ja so gut wie ausgeschlossen, es sei denn, dass der vorher aus dem Fach Herausgeblickte oder in das Fach Hineingeblickte den einen oder anderen Spiegel mit der Halterung herausgerissen und in die Tasche gesteckt oder anderswie mitgenommen hat.

So wie es Fachspezialisten an den technischen Hochschulen oder in den geistig-geistvollen Disziplinen an den Universitäten gibt, so spezialisieren sich die Blicke für das eine oder andere Fach. Zu viele Fächer können es nicht sein, weil zu viele Vorwärts- und Rückwärtsspiegel den menschlichen Verstand, den man zu gebrauchen hat, verwirren, wenn die Blicke wie Blitze wild durcheinanderzucken. Davon einmal abgesehen, dass mit Zunahme der Zuckungen und Zuckungsgeschwindigkeiten das Anfängliche soweit verzerrt wird, dass es schließlich eine scheußliche Fratze wird, mit der verstandesmäßig nichts mehr anzufangen ist. Da bleibt nur noch der Schreck vor der Fratze zurück, wenn die Schrecksekunde, als hätte der Stromschock das Herz geschlagen oder der Meißel das Hirn gespalten, schon längst verschwunden ist. Ein Nachvibrieren oder Nachzittern nimmt die Atmung oft für eine Zeit in Mitleidenschaft. Dauert diese Zeit länger, so muss mit Komplikationen gerechnet werden, die den Tod nicht mehr ausschließen. Das macht sich mit der Atemnot und dem hypoxischen Herzflattern bemerkbar mit dem möglichen Herzstillstand und dem zentralen Tod durch den hypoxischen Hirnschaden.

Der Blick in den Vorderspiegel ist ein Spiegelblick, der nach hinten geht und sich vom Rückspiegelblick unterscheidet, das umso mehr, je weiter der Blick in die Vergangenheit zurückreicht. Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass der Vorderspiegel- mit dem Vorwärtsblick im zunehmenden Alter immer ernster wird. Ihm ist ein Lächeln kaum noch abzugewinnen, weil dem Blickträger das Leben das Lächeln gründlich abgewöhnt hat. Auch weicht mit dem Alter der helle Optimismusblick dem glanzlosen, oft trüben Realitätsblick. Die Blickqualität ändert sich also mit dem Alter, weil dann auch durch andere Fächer geblickt wird, denen die Jugend nur geringe oder keine Aufmerksamkeit beziehungsweise Blickbedeutung beigemessen hat.

Während der Spiegelblick, es trifft für die Mehrzahl dieser Blicke zu, ein Spontanblick in den Spiegel ist, ohne dem Spiegel deshalb tiefgründige Fragen hineinzublicken, ist der Blick, wenn er sich vom Spiegel löst, oft ein gespiegelter Blick. Das in dem Sinne, dass man sich etwas aufs Gesicht gespiegelt hat durch die neue Weichenstellung mit Änderung der Gesichtszüge. Das frappiert und wird mit einem Lächeln plus Bedauerungszusatz quittiert, wenn das Gespiegelte vom ursprünglichen Spiegelblick stark abweicht. Da hat sich das Künstliche oder Gekünstelte doch zu stark in das Natürliche eingemischt. Es ist der Gradierung, die bis in die Clownerie hineinreicht beziehungsweise bis zur Verhohnepiepelung mit den Kratzspuren an der Persönlichkeit führt, wenn sich das Aufgesetzte wie die gespiegelte Fratze mit dem Boden der Wirklichkeit und Tatsache nicht verträgt und mit der Gesichtsnatur nichts mehr zu tun hat.

Bei den Blicken unterscheidet sich der Einwärtsblick, eine Art des Überkreuzblickens, vom Auswärtsblick, bei dem die Blickgeraden von rechts und links divergieren und bei extremer Auswärtsdrehung den hyperbolisch-verlorenen Blick erzeugen. Von allen Blicken ist der Rundblick, der durchaus eckige Blickelemente haben kann, der wichtigste. Dieser Blick kann ein direkter oder ein indirekter sein. Dieser Blick ist deshalb von Bedeutung, weil er um den Kern der Dinge herum blickt. Wie beim Winkelobjektiv gibt es bei den Blicken den Breitwinkel, der sich blickmäßig wohltuend gegen den Engwinkel absetzt, weil er den breiteren Raum für die großzügigere Blickweise gibt. Dagegen drückt der Engwinkel in die eingezäunte Enge hinein, die sich der Sehprozedur nach hinten anschließt.

Gegenstände kommunizieren in dem Maße miteinander, wie ihnen die Bedeutung mit dem Bedeutungsgewicht zu- und entgegengeblickt wird. Es sind Blickwinkel und Blickrichtung, die über die Bedeutung des Gegenstandes entscheiden, bevor der Rundblick den Gegenstand in seiner komplexen Abbildung um den Kern herum erfasst. Wenn Gegenstände in sich selbst verändern, dann können die Blicke verschwimmen. Da kann es blicklings zu Verflutungen und Überflutungen kommen. Dabei muss es aber nicht gleich zum Vogelsterben kommen und dem Treiben mit dem Bauch nach oben.

In vielen Gegenständen finden sich auch die Tu-Wörter. Fürs Finden kommt es darauf an, wie die Fächer aus den Gegenständen hervorgezogen werden, um den erforderlichen Facheinblick zu bekommen.

Das Wort griff das Gemüt

Wenn heiße Sommer das Gesicht verstrahlen

und die Zahl der Jahre schon erstaunlich ist,

dann nimmt man sie gelassen mit den Qualen,

weil es an Wasser und an Weide fehlt.

Die Schönheit der Gestalten, die du siehst,

sind die jungen Menschen aus den Dörfern.

Faltig legt sich mit den Jahren ihre Haut

nicht nur an den Stirnen und den Händen.

Das Wort, das du beim Anblick sagtest,

greift die Bedeutung und damit das Gemüt.

Die Geschichte geht unerzählt noch weiter,

wie ausgetretene Wege sie zusammenführt.

So geh den Weg, den du begonnen hast,

und lass dich von dem, was du siehst, belehren.

Die Zeit wird kommen, und das Jahr wird enden,

bevor du auf den Rückweg triffst mit halber Last.

Die jungen Menschen in den Dörfern werden älter,

die, die bleiben, bauen neue Hütten in den Kralen,

denn mit den Jahren ziehen auch die Alten weiter.

Nun bist auch du altgeworden, was du nicht weißt,

weil es der Spiegel - wie den andern - dir nicht erklärt.

Sein Leben und Können für die kranken und verletzten Menschen

Mit der Unabhängigkeit Namibias als letztes afrikanisches Land und den ersten freien Wahlen in Südafrika wurde der Weg frei für den Ruf nach der afrikanischen Renaissance. Sie sollte den ganzen Kontinent beflügeln und die Menschen zum besseren Leben führen. Der Wandel war deutlich genug, um die letzten weißen Zweifel auszuräumen und zu erkennen, dass der Händewechsel an den Hebeln der Macht ein endgültiger war, der eine Umkehr von schwarz zu weiß für alle Zeiten ausschloss.

In diese Zeit hatte Dr. Ferdinand seine Füße und Gedanken gesetzt. Sollte doch die Renaissance auch für ihn gelten, der nicht in Afrika geboren und aufgewachsen war, sondern vom Gesicht und der Haut her ein Europäer war. Er hat seit über zehn Jahren sein Leben und Können für die kranken und verletzten Menschen im Norden des Landes eingesetzt, wo er als Arzt und Chirurg an einem Krankenhaus etwas mehr als dreißig Kilometer südlich der angolanischen Grenze arbeitet. Dr. Ferdinand hat die letzten Jahre der weißen Apartheid und die letzte Entscheidungsschlacht miterlebt, die die Arbeit an den schwarzen Menschen sehr erschwert hatten. Er erinnert sich an den Ausspruch des südafrikanischen Brigadiers in einer Morgenbesprechung im Dienstraum des Superintendenten, dass bei der Entscheidungsschlacht für die Weißen viel auf dem Spiel stehe. Der Brigadier sagte auch, dass er wie alle Weißen auf dem Pulverfass säßen, das jederzeit hochgehen könne.

Die Entscheidungsschlacht war vorüber, und das weiße Kommandoschiff war gesunken. Das neue Schiff mit den schwarzen Masten und der schwarzen Besatzung hatte angelegt. Ob im Bauch dieses Schiffes alles aufgeräumt war, ließ sich nicht sagen. Es sind die Aussagen ehemaliger Freiheitskämpfer, die an Bord des Schiffes zurückgekehrt waren. Sie sagten, dass da noch manches herumlag. Es sind jene Kämpfer, die im Exil waren und aus dem Exil heraus die Freiheit Quadratmeter für Quadratmeter ins Land gekämpft hatten. Dr. Ferdinand hat die letzte Entscheidungsschlacht durch die verschmierten, eingeschlagenen und sonstwie aus den Rahmen gesprungenen Scheiben des Hospitals verfolgt. Er hatte die Schlacht mit allen Vibrationen und größeren Erschütterungen aus nächster Nähe mitbekommen, wenn er an den Krankenbetten stand und nach den Patienten sah oder bei den Operationen war, als ihm nicht nur einmal ein mächtiger Knall auf die Trommelfelle schlug. Dabei fielen ihm die Instrumente aus der Hand, und der Instrumententisch rollte mit den klappernden, auf- und abspringenden Instrumenten vom OP-Tisch davon.

Die Nähe zum Geschehen bei der täglichen Arbeit blieb, als die neue Mannschaft an Land gegangen und in die Zentren der Macht geeilt war. Sie nahm die Entscheidungshebel schnell aus den weißen Händen und hat sie seitdem fest im Griff. Viele, die da auf dem Weg zur Macht und den hohen Positionen waren, unterbrachen für kurze Zeit die Fahrt mit dem Auto und statteten dem Hospital einen Erkundungsbesuch ab. Dort wurden sie vom ärztlichen Direktor und dem Superintendenten, beide vom Übermaß an Melanozyten gesegnet, brüderlich begrüßt und über den neuesten Stand der Dinge informiert. Der Wunsch nach einer afrikanischen Renaissance im Sinne der schwarzen Wiedergeburt war zu spüren. Dem Beobachter der Besuche fiel die Zielstrebigkeit und Zielsicherheit jener Männer und Frauen auf, die auf ihrer Fahrt zur Machtzentrale den Abstecher zum Hospital machten.

Bei der Betrachtung ihrer Gesichter gab es keine Zweifel, dass es ihnen um Macht und ein besseres Leben ging. Ob sie beim Trachten nach dem besseren Leben auch an die Menschen im Lande dachten, die nicht im Exil waren, dafür aber die Armut und das grenzenlose Leid im Lande erlebt und durchlitten hatten, das war ihren Gesichtern weder anzusehen noch aus ihren Worten herauszuhören.

Dr. Ferdinand verschließt die Bauchdecke eines Mannes, der nicht alt war, aber von einem Tumor verzehrt wird, der vom Magen ausgeht und den angrenzenden Querdarm befallen hat. Wie schon so vielen Patienten davor würde ihm das Schicksal in naher Zukunft den Schlussstrich seines Lebens ziehen. Da konnte man chirurgisch nicht gegen ankommen. So ist die Operation nicht mehr als ein Öffnen und Schließen der Bauchdecke. Beim Schließen der Bauchdecke geht ihm der alte Mann mit dem fortgeschrittenen Magenkarzinom durch den Kopf, der nach der Operation mit der Hand über den Bauch streicht und spürt, dass sich nichts verändert hat. Von diesem Moment an hat der alte Mann mit dem Leben abgeschlossen und hält die Augen geschlossen. Er will sich am Ende seines Lebens von niemandem mehr stören lassen, auch nicht vom Arzt, dem er sich vergeblich anvertraut hatte.

“Haben Sie mal etwas von dem freundlichen Kollegen gehört, der hier in Leutnantsuniform der südafrikanischen Armee seinen Dienst getan hatte?” Das fragt die Schwester hinter dem Instrumententisch, als Dr. Ferdinand den Nähfaden nach Verschluss der Muskelblätter der Bauchdecke knüpft. “Meinen Sie Dr. van der Merwe?” Es ist ein Name, den Dr. Ferdinand nicht vergessen sollte. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein hervorragender junger Mensch und Arzt, der auf seine Uniform keine Rücksicht nahm, wenn er am Patienten arbeitete. Dazu kommt, dass Dr. van der Merwe wie ein Freund gewesen war, als Dr. Ferdinand unsicher die Füße auf den afrikanischen Boden setzte. Oft hat er seine Hilfe angeboten, damit Dr. Ferdinand als Neuling der afrikanischen Verhältnisse keine weichen Knie bekam. Es war der schonungslos wütende Krieg mit der Vielzahl von Verletzten und die internen Querelen und Intrigen, die die Sicht des Dr. Ferdinand getrübt hatten. An manchen Tagen war die Trübung so stark, dass ihn die Depression erdrückte und er nicht wusste, wo vorn und hinten war. “Dr. van der Merwe ist kurz vor dem Abschluss der Spezialisierung als orthopädischer Chirurg. Er ist glücklich verheiratet mit seiner lieben Frau, mit der er inzwischen zwei Kinder hat. In seinen Briefen erwähnt er jedes Mal das Hospital, in dem er so viel gelernt habe, und richtet Grüße an die Schwestern aus, mit denen er zusammengearbeitet hat.”

Ein Lächeln glättet das Gesicht der Schwester, die diesen Arzt in guter Erinnerung behalten hat, weil er für die Menschen in der schweren Zeit des Krieges ein Arzt mit menschlichem Antlitz war. “Dieser Arzt war anders als die anderen Ärzte in Uniform. Alle haben ihn geachtet, weil er ein gutes Herz für die Menschen hatte und voll in der Arbeit an ihnen aufging. Bei ihm störte es nicht, dass er die Uniform der Besatzer trug, weil unter der Uniform der gute Mensch zu spüren war.” Das sagt die Schwester hinter dem Instrumententisch, bevor sie Pinzette und Nadelhalter mit Nadel entgegennimmt.

Als Dr. Ferdinand das ‘theatre’ verlässt, war Mitternacht überschritten. Er zieht sich die verschwitzte OP-Kleidung vom Körper, reibt sich den Schweiß mit einem trockenen OP-Hemd ab, zieht das Zivile an, fährt sich mit den Fingern durchs nasse Haar und macht sich auf den Rückweg zur Wohnstelle. Er hofft, für die letzten Stunden noch etwas Schlaf zu finden.

Von den Jahren kommen die Schrunden

Arm in Arm gehen Arm neben Arm.

Es sind Frauen, die es barfuß tun,

sie sind auf dem Weg zum Brunnen

mit verbeulten Eimern auf den Köpfen.

Von den Jahren kommen die Schrunden

an den Zehen, in den Sohlen.

Das Wasser muss herbeigetragen werden,

damit es mit dem Leben weitergeht.

Die Mutter trägt es der Tochter vor,

so tut es die ältere Schwester vor der jüngeren.

Das mit dem Wasser ist ein ernstes Kapitel,

bei dem den Beteiligten das Lachen vergeht.

Arm in Arm gehen dünne Beine weit,

und weiter wird’s in trocknen Jahren,

wenn im Brunnen es kein Wasser gibt,

und die Hoffnung sich zum übernächsten zieht.

Am frühen Morgen muss das Wasserholen sein,

denn nach wenigen Stunden glüht der Stein,

an dem sich die Füße auf dem Weg verbrennen.

Mütter und Mädchen stehen früh am Brunnen.

Sie ziehen die gefüllten Eimer aus großen Tiefen heraus.

Die Hähne krähen die halb Sechs

Es ist halb sechs, als die Hähne das fünfte Mal krähen. Ferdinand stellt sich unter die Brause und wäscht sich den Schlaf aus dem Gesicht. An diesem Morgen will er früh im Hospital sein, um die Patienten noch vor der Morgenbesprechung zu sehen. Überhaupt will er an seinem Arbeitsstil festhalten, wie er ihn vor der Unabhängigkeit hatte. Doch spürt er die Zeichen der Schwäche, die sich durch die jahrelange Überforderung an ihn gehängt hat. So vermisst er seit über einem Jahr das Gefühl des Frischseins beim Aufwachen, das Gefühl, wirklich ausgeschlafen und erholt zu sein. Stets sind Reste der vorangegangenen Tage im Denken übrig, die sich, wenn sich die Ladungen ballen, bis zum Morgenkopfschmerz zusammendrücken. An manchen Morgenden muss er eine Schmerztablette nehmen.

Nach der Tasse Kaffee macht er sich auf den Weg zum Hospital. An diesem Mittwochmorgen nimmt er den kürzeren Weg zwischen dem zerfledderten Lattenzaun und dem ausgerollten Stacheldraht, ein Weg, den er nach beiden Richtungen einige tausend Male gegangen war. Von den fünf aufgestelzten Caravan-Häusern links des Weges stehen nur noch zwei leer. Drei Caravan-Häuser, die dem Hospital am nächsten stehen, sind von Schwestern bewohnt. Im letzten Haus, das dem Hospital gegenübersteht, wohnt Schwester Sarah, die bei der Bombenexplosion am 19. Februar 1988 in der Barclay’s Bank schwere Verbrennungen erlitten und das rechte Bein verloren hat. Sie wohnt mit ihren zwei kleinen Kindern und muss nur die Straße mit den vielen Schlaglöchern überqueren, wenn sie zum Hospital geht. Ihr Arbeitsplatz ist in der CSD (Central Sterilisation and Disinfection), die sich am Ende des Operationstraktes befindet.

Ferdinand geht durch die Hospitaleinfahrt, deren Torflügel und Pfosten seit Jahren verbeult sind. Der rechte Flügel mit dem verknickten Pfosten steht offen. Dahinter sitzt zurückgesetzt auf einem Stuhl der Pförtner, der sein Morgenei entpellt und die Schalenstücke mit dem linken Schuh in den Sand reibt. Er stopft das Ei in dem Moment in den Mund, als Ferdinand das Tor passiert und ihm einen guten Morgen wünscht. Der Pförtner nickt mit dem Kopf, während er das Ei zerkaut.

Der Vorplatz riecht nach Urin. Das findet Ferdinand normal, weil es duch all die Jahre so riecht. Nur als die britische Königin mit Prinz Philip dem Hospital einen Höflichkeitsbesuch abstattete, war der stechende Geruch zwei Tage vor ihrem Besuch bis drei Tage nach ihrem Besuch verschwunden. Da wurde der Vorplatz mit viel Wasser jeden Morgen und jeden Abend abgespritzt und geschrubbt. Die kleine namibische Flagge ist noch nicht an der überhohen Fahnenstange auf dem für den königlichen Besuch gemauerten Podest des Vorplatzes hochgezogen worden. Ferdinand betritt die Intensiv-Station, die den anspruchsvollen Namen der vielen Mängel wegen nicht verdient, und sieht nach den Risikopatienten. Die klinischen Befunde trägt er in die Krankenblätter ein. Zwei Schwestern aus der Nachtschicht begleiten ihn und berichten von ihrer Arbeit. Ferdinand hört es heraus, dass die Seele der Krankenpflege, wie sie vor der Unabhängigkeit so mitfühlsam zu spüren war, nach der Unabhängigkeit verkümmerte. Von der Höhe und Größe des Berufes mit der hohen Verantwortung war beim Großteil der Schwestern und bei den Matronen nichts mehr zu spüren. Der Krankenpflegeberuf ist zur Mussroutine abgesunken und seelisch verwelkt.