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Die meisten von uns kommen früher oder später in diese Situation: Die Eltern oder ein Verwandter sterben und alles, was zurückbleibt, muss geordnet, aufgehoben oder weggeworfen werden. So ergeht es auch Susannah Walker. Das Haus ihrer Mutter im englischen Worcester beherbergt ein Sammelsurium an Nippes, alten Fotos und Gebrauchsgegenständen, die jeweils eine Geschichte zu erzählen scheinen.
Wie eine Alltagsarchäologin sortiert und befragt die Autorin das Material, um einer Frau näherzukommen, die zwar die eigene Mutter war, aber dennoch zeitlebens eine fremde Person blieb. Dabei kommt ihr der eigene Beruf zu Hilfe: Sie ist es als Kuratorin gewohnt, sich mit Dingen und deren Bedeutung zu beschäftigen, sie als Objekte zu betrachten und zu interpretieren. Mit großem psychologischem Geschick rekonstruiert sie längst verschüttete Erinnerungen und legt auf diese Weise die Geschichten ihrer Herkunft frei, in denen eine liebesunfähige Mutter, ein verstorbener Bruder und andere Familiengeheimnisse ans Licht kommen.
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Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2018
INHALT
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ÜBER DIE AUTORIN
SUSANNAH WALKER studierte Englische Literatur in Cambridge und Design History am Royal College of Art and Victoria & Albert Museum. Sie arbeitet als Kuratorin, hat mehrere Bücher über Design verfasst und ist als Beraterin und Produzentin für Fernsehsendungen über Kunst, Architektur und Lifestyle tätig.
ÜBER DAS BUCH
Was erzählen die Dinge, die wir besitzen, über uns und unseren Charakter? Nach dem Tod ihrer Mutter durchforstet Susannah Walker deren Habseligkeiten und findet auf diesem Wege eine Antwort darauf, was für ein Mensch ihre Mutter wirklich war. Ein sehr persönliches Buch über das, was von uns übrig bleibt.
»Eine bewegende Familiengeschichte.«
Sunday Times
»Eine fesselnde Lektüre.«
BBC Radio 4
»Dieses exzellente Buch zeigt, dass unter jedem Trümmerhaufen ein Schatz verborgen ist.«
The Times
Für Tim
Patricia Gilmour, meine Mutter.
FAMILIENSTAMMBAUM
Prolog: Der rote Glasvogel
DEKORATIVER VOGEL AUS ROTEM OPAKGLAS MIT EINEM ÜBERZUG AUS KLARGLAS
Murano, vermutlich Anfang der 1960er-Jahre Mundgeblasen
Provenienz unbekannt
Der rote Glasvogel sitzt auf dem Bücherregal hinter mir, wo er jetzt als Erinnerung an meine Mutter lebt. Viele Jahre saß er auf dem Beistelltisch in ihrem Wohnzimmer, und nachdem sie gestorben ist, ist er zu mir gezogen. Er ist kein sentimentales Familienerbstück, denn ich weiß gar nicht, wie sie überhaupt in seinen Besitz kam. Ein dekorativer Briefbeschwerer, wie sie zu Zigtausenden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren hergestellt wurden, als meine Eltern gerade ihren eigenen Hausstand gründeten. Es könnte sich um ein Geschenk oder um ein Souvenir von einer Italienreise handeln, das ihr irgendjemand mitgebracht hat. Vielleicht ist er sogar ein Geschenk meines Vaters.
Derartige Dinge findet man zuhauf auf Flohmärkten und in kitschigen Antikläden; sie sind nichts Besonderes. Das rubinrote Innere ist von einer dicken Schicht aus Klarglas umschlossen, die an den Enden in die Länge gezogen wurde, um die Flügelspitzen und den Schwanz des Vogels zu formen, deren Konturen so scharf sind wie am Tag ihrer Entstehung. Der Vogel ist schwer. Wenn ich ihn in meiner Hand halte, muss ich immer daran denken, dass er eine ausgezeichnete Waffe abgeben würde, falls ich jemals in Bedrängnis geraten sollte. Die langen Flügel erinnern an eine Schwalbe, auch wenn sich diese flatterhafte Spezies kaum für einen Job als Briefbeschwerer eignen würde.
Andere Assoziationen oder Erinnerungen, die mit dem Vogel zu tun hätten, habe ich nicht. Alles, was ich sagen kann, ist, dass er meiner Mutter gehörte und jetzt mir. Doch gerade deshalb mag ich ihn so sehr. Mit den meisten Dingen, die meine Mutter hinterließ, war es viel schwieriger.
Meine Mutter und ich, 1969.
Den Großteil meines Lebens habe ich mir Sorgen darüber gemacht, was meine Mutter mir vererben könnte. Sie war eine komplizierte und unglückliche Frau, deren Kindheit von Verlusten und Kummer gezeichnet war. Sie heiratete in der Hoffnung, ein neues Leben beginnen zu können, doch ihr erstes Kind, eine Tochter, starb nach nur einem Tag. Als ich zwei Jahre später zur Welt kam, verfiel sie in eine schwere postnatale Depression, die sich nach der Geburt meines Bruders wiederholte. In den folgenden Jahren weigerte ich mich einzuschlafen, und mein Bruder war immer wieder sehr krank. Meine Eltern trennten sich, und meine Mutter hatte einen Zusammenbruch, auch wenn ich nicht weiß, in welcher Reihenfolge sich dies ereignete, was Ursache und was Wirkung war.
Ich war acht Jahre alt und lebte nie wieder mit meiner Mutter zusammen.
Stattdessen sorgten mein Vater und seine zweite Frau, eine Belgierin, von nun an für mich. Dieser neue Haushalt umfasste nicht nur meinen Bruder, sondern auch einen neuen Stiefbruder. Mein Vater hatte entschieden, dass es so für alle am besten war, und unter diesem neuen Regime war es verpönt, jegliches Unglück oder die Vergangenheit auch nur zu erwähnen. Ich musste mir meinen eigenen Reim darauf machen, was ich erlebt hatte.
Das fiel mir nicht allzu schwer, denn meine Mutter und ich sahen uns nur selten. Nach der Scheidung besuchten wir unsere Mutter einige Jahre lang an jedem zweiten Wochenende und in den Ferien; doch dann zog meine Mutter nach East Anglia, und als ich elf war, bekam mein Vater einen Job in Dänemark. Also flogen wir zu Ostern, in den Sommer- und Herbstferien herüber, um sie zu sehen. Als wir drei Jahre später nach England zurückkehrten, hatte sich diese Regelung schon eingebürgert. Ich war ein Teenager und interessierte mich mehr für Freunde und Partys als für meine Eltern, also nahm ich nur noch ein oder zwei Mal im Schuljahr den Zug, um sie zu besuchen.
Unsere Beziehung fand größtenteils in Briefen statt. Ich habe noch immer einen ganzen Stapel davon, doch sie vermitteln mir nur wenig von dem, was meine Mutter dachte und fühlte. Die meisten stammen aus meinen Teenagerjahren, und damals war sie sehr beschäftigt, sie gab einen Englischkurs für vietnamesische Flüchtlingsfrauen und engagierte sich in der Lokalpolitik, während ich über Schulaufführungen und Probeklausuren schrieb.
Diese Briefe scheinen nur wenig Nähe zu enthalten, aber für meine Mutter fühlte es sich vermutlich ganz normal an. Seit ihrem siebten Lebensjahr verbrachte sie den größten Teil ihrer Kindheit in einem Internat, sie sah ihre Mutter nur in den Ferien, und das auch nicht immer, und jegliche weitere Kommunikation spielte sich in förmlichen Schreiben ab. Das entsprach ihrer Vorstellung vom Muttersein, und sie gab diese Distanziertheit an mich weiter.
Meine Mutter war mehr ein Rätsel für mich als eine reale Person. Um die Lücke zu füllen, erzählte ich mir selbst viele und immer andere Geschichten über sie. Wenn ich unglücklich war, dachte ich, bei ihr zu leben, wäre besser gewesen; wenn ich traurig war, hätte sie mich getröstet; doch das war nur in meiner Vorstellung so, nicht in der Realität. Wenn ich mir die Briefe heute anschaue, springt mir ins Auge, wie oft sie sich dafür entschuldigt, meinen Geburtstag vergessen zu haben. Die Karte sei schon geschrieben gewesen, dann aber in dem ganzen Durcheinander auf der Ablage in der Diele verlorengegangen, sie habe es vergessen, es täte ihr so leid. Manchmal schreibt sie erst sechs Wochen später. Mein elfter, dreizehnter und vierzehnter Geburtstag sind ihr komplett entfallen. Anderen Menschen würden diese Versäumnisse vermutlich schockierend vorkommen, doch ich kann mich nicht erinnern, darüber verärgert gewesen zu sein; zu dieser Zeit hatte ich mich bereits daran gewöhnt, dass meine Mutter eben so war.
Ich verstand einige ihrer Probleme sogar, als ich noch ein Kind war. Die wichtigste Lektion bestand darin, dass ich unbedingt vermeiden musste, so wie sie zu werden. Langbeinig und elegant, mit großen Augen und von Natur aus leicht misstrauisch, wirkte meine Mutter wie ein Reh, das einen von ferne beäugt. Sie war nicht nur wunderschön; sie war zerbrechlich und auf der Suche nach einem Retter, was sie für Männer noch attraktiver machte. Ihr Leben lehrte mich, dass diese Art von Attraktivität zu Ehe und Kindern und somit in die unausweichliche Katastrophe führt. Es war viel vernünftiger, ein derartiges Risiko gar nicht erst einzugehen. Stattdessen bemühte ich mich, stark und unabhängig und möglichst wenig wie sie zu werden.
Einige Ähnlichkeiten ließen sich jedoch nicht ignorieren. Da mein Vater keinerlei Interesse daran hatte, wie irgendetwas aussah – außer einem Auto –, muss meine Liebe zur Kunst ein Geschenk von ihr sein. Wenn ich nicht aufpasste, sah meine Handschrift ganz genauso aus wie ihre. Und vor allem anderen eint uns die Faszination für Dinge. Als ich erwachsen war, fiel mir auf, dass wir beide Museen, Flohmärkte und Sammlungen lieben; wir arrangierten interessante Objekte auf unseren Regalen, erstanden skurrilen Nippes in Trödelläden und auf Auktionen. Vor allem aber erinnerten wir uns an jedes einzelne Ding, das wir entdeckt hatten, und wussten immer, woher es stammte.
Bei einem meiner Besuche sahen wir uns ein Fertighaus aus den 1940er-Jahren an, das restauriert und möbliert worden war und sich in der Nachbarschaft befand. Ich war diejenige, die Designgeschichte studierte, doch sie konnte jedes einzelne Objekt benennen und datieren. Wir waren ganz offensichtlich verwandt.
Dieser Besuch fand während einer ihrer guten Phasen statt, zu einer Zeit, in der es mir ungefährlich vorkam, unsere Ähnlichkeiten zu akzeptieren. Während solcher Phasen hatte sie immer einen Job, arbeitete ehrenamtlich, und war Mitglied des Gemeinderats in ihrer Heimatstadt Worcester. Sie lachte und interessierte sich dafür, was in meinem Leben vor sich ging.
Als meine Mutter älter wurde, wurden die guten Phasen seltener, und ich stellte eine neue Liste von Dingen auf, die ich nicht von ihr erben wollte. Ganz oben stand die Alkoholabhängigkeit. Die Vorliebe für Whiskey hatte sie vermutlich von ihrem schottischen Vater, dessen Trinkerei damals in den 1940er-Jahren der Grund für die Scheidung ihrer Eltern gewesen sei, wie sie mir erzählte. Auch wollte ich keinesfalls ihre schweren Depressionen bekommen. Und in den letzten Jahren ihres Lebens kamen noch ihre Unordentlichkeit, ihr Hang zum Horten und ihre Verwahrlosung hinzu.
In den letzten zwanzig Jahren ihres Lebens kämpfte meine Mutter gegen das Chaos an, das ihr Haus zu überwältigen drohte. Es gelang ihr nicht, und mit der Zeit verwandelte sich die Unordnung in Horten. Wenn ich zu ihr kam, stand das Geschirr von meinem letzten Besuch noch auf der Küchenablage, unabgewaschen und an derselben Stelle.
Mein Bruder und ich versuchten es mit jeder nur denkbaren Methode, ihr mit dem Haushalt und dem Alkoholproblem zu helfen. Ich nahm sie mit in den Urlaub; mein Bruder lud sie ein, mit nach China zu kommen, wo er arbeitete. Wir besorgten Therapeuten für sie, ermutigten sie, zum Arzt zu gehen, dann versuchten wir es mit härteren Bandagen und weigerten uns, mit ihr zu sprechen, wenn sie betrunken war. Immer wieder fuhren wir hin und putzten ihr Haus. Nichts von alldem zeigte eine Wirkung. Die Unordnung kam zurück, und meine Mutter kaufte mehr Whisky, wild entschlossen, ihr Leben trinkend in einem Haufen aus Zeitungen, Büchern und Gerümpel zu verbringen. Wir konnten sie nicht davon überzeugen, dass sie etwas Besseres verdiente.
Schließlich bekam ich eine Tochter, die ich keinesfalls in ihr Haus bringen wollte. Wir telefonierten miteinander, und gelegentlich kam sie mich besuchen. Einige Zeit später weigerte sie sich, meinen Bruder hereinzulassen. Wir wussten beide, warum, und in was für einem Zustand das Haus sein musste, doch zu diesem Zeitpunkt war uns auch klar, dass unsere Mutter sich nicht mehr ändern würde.
Nachdem sie gestorben war, wollte ich das ganze Durcheinander um jeden Preis loswerden, aber ich wollte auch herausfinden, wie es überhaupt zustande gekommen war, und dazu musste ich meine Mutter verstehen lernen. Die naheliegende Methode war, ihre Dinge durchzusehen.
Diese Idee war nicht gerade ungewöhnlich. Ich habe mein ganzes Leben in der Gesellschaft physischer Objekte verbracht. Ich betrachte sie, sammele sie zu Hause und schätze sie. Ich habe in Museen gearbeitet und Fernsehbeiträge über Gebäude, Häuser und Dinge gemacht, heute schreibe ich über die Geschichte und die versteckte Bedeutung, die man in ihnen finden kann. Ich denke nicht nur über Dinge nach, sondern lebe auch mit ihnen, und komme nicht zur Ruhe, bevor ich sie passend um mich herum arrangiert habe. Kurz gesagt, sie nehmen viel Platz in meinem Denken ein. In jedem beliebigen Zimmer meines Hauses kann ich die Biografie jedes einzelnen Gegenstands erzählen – woher er stammt, wem er früher gehört hat, wo er in einem anderen Haus stand, und meistens auch, welche Gedanken und Gefühle ich in anderen Phasen meines Lebens mit ihm verbunden habe. Denn häufig werden Dinge auch zu Vehikeln für intensive Emotionen.
Meine Beziehung zu den Dingen beeinträchtigt mich nicht im Geringsten. Für mich ist es so, als hätte ich zufällig einen weiteren Wahrnehmungssinn, wie Synästhesie oder das absolute Gehör. Objekte sprechen zu mir, und ich höre mir gern an, was sie zu sagen haben. Gegen Ende ihres Lebens haben die Dinge die Welt meiner Mutter übernommen. Sie haben ihr Haus erobert, sich gestapelt, angehäuft und überall verteilt, bis sie kaum mehr Platz zum Leben hatte. An einem Ort, der einmal ihr Refugium gewesen war, hatten sie Barrikaden gebildet, die meine Mutter von anderen Menschen trennten, auch von ihren Kindern. Wenn es irgendwo noch eine Spur meiner Mutter geben sollte, nachdem sie gestorben war, dann würde diese sich in dem riesigen, unsortierten Berg von Gerümpel finden, den sie hinterlassen hat.
Wir alle glauben, dass ein Teil eines Menschen seinen Besitztümern innewohnt und dort auch nach seinem Tod verbleibt. Weshalb sonst sollte man Familienerbstücke aufbewahren? Im Fall meiner Mutter ist es besonders naheliegend, weil diese Obsession zuerst von ihr ausging. Sie wusste nur zu gut, dass jeder Gegenstand eine Biografie, eine Persönlichkeit und eine Präsenz hat. Einige ihrer unglücklichsten Gefühle und Erfahrungen sind in den Dingen verkörpert, die sie besaß. Und die schreckliche Verwahrlosung ihres Hauses ist vor allem eine Möglichkeit gewesen, mithilfe der Dinge ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die wahllose Anhäufung von Gerümpel repräsentiert die tiefe Verzweiflung, die meine Mutter ihr ganzes Leben lang verfolgte. Eine der Ironien des Hortens besteht darin, dass die Menschen nur deshalb so ein Durcheinander anrichten, weil ihnen die Dinge in Wahrheit so sehr am Herzen liegen.
Das betrifft nicht nur diejenigen, die horten. Abgesehen von einigen wenigen Asketen, lebt heutzutage jeder Mensch mit Objekten und umgeben von Objekten. In Industrieländern wie England, in denen der Konsum allgegenwärtig ist, besitzen wir mehr als jemals zuvor, und unsere Besitztümer sind ein unausweichlicher Teil unseres Lebens, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Viele Menschen haben Sammlungen; noch mehr von uns haben Familienalben und Andenken aus der Kindheit. Wir verstecken Dinge in Schränken und benutzen sie nie, zahlen teure Mietgebühren für Lagerräume, in denen wir all den Kram unterbringen, der nicht in unsere Häuser passt, und wir glauben fast alle daran, dass es nicht nur richtig, sondern auch wichtig ist, dass die Regierung Museen mit riesigen Magazinen voller unbenutzter Gegenstände unterhält, die niemals weggeworfen werden.
Vor allem aber sind unsere Besitztümer alles andere als seelenlos. Sie haben ihre eigene Magie – sie können uns Kräfte verleihen oder unser Leben verändern. Wir glauben, dass Gegenstände die Essenz einer Persönlichkeit beinhalten oder die Zeit anhalten können. Von frühester Kindheit an können unsere Besitztümer uns dabei helfen, uns sicher zu fühlen, oder als Behältnisse für Emotionen dienen, mit denen wir sonst nicht umgehen können. Unsere Leben sind so mit unseren Besitztümern verwoben, dass diese schließlich zu einem Teil von uns werden.
Wenn ich mich daran wage, zu beschreiben, wie das Haus meiner Mutter zuletzt aussah, wird es auf die meisten Leute dennoch so wirken wie eine Fernsehdokumentation über Messies und ihre Wohnungen: Ein schuldbewusster Voyeurismus kombiniert mit der tief empfundenen Erleichterung, dass das eigene Zuhause im Vergleich dazu sauber und ordentlich ist, und so etwas niemandem passieren kann, den man selbst kennt. Ich bin derartigen Gefühlen gegenüber auch nicht immun; und es ging mir auch darum, zu verstehen, was meine Mutter dazu brachte, sich am Ende ihres Lebens derart über die üblichen Konventionen hinwegzusetzen. Doch je mehr ich mich damit auseinandersetze, wer sie war und was sie tat, desto klarer wird mir, dass meine Mutter gar nicht so anders war als andere Menschen. Der einzige Unterschied war die Intensität, mit der sie zu Werke ging. Wir sitzen alle im selben Boot, jeder Einzelne von uns, und dieses Boot ist bis zum Rand mit Dingen angefüllt.
1
Das Haus: Die Ankunft
REIHENECKHAUS, DREISTÖCKIG
Worcester, ca. 1800–20, mit späteren Anbauten
Rotbrauner Backstein in flämischem Verband mit Biberschwanz-Ziegeldach
Erworben 1981
Ausnahmsweise ist es mir gelungen, einen Parkplatz direkt vor dem Haus meiner Mutter zu ergattern. Aber ich will nicht hineingehen. Nachdem ich die letzten Tropfen eines wässrigen Coffee-to-Go ausgetrunken habe, schreibe ich eine Textnachricht an meinen Mann T, starre auf den verhangenen grauen Januarhimmel und suche nach einem Vorwand, um diese letzten Minuten in die Länge zu ziehen. Alles, nur nicht den Bürgersteig überqueren und die Haustür öffnen. Selbst das geht nicht so ohne Weiteres. Meine Augen bleiben an dem rohen Metallriegel hängen, der an den Türrahmen angeschraubt und mit einem großen silbernen Vorhängeschloss gesichert ist. Nicht alles am Haus meiner Mutter ist so normal, wie es auf den ersten Blick scheint.
Der Grund, weshalb ich hier bin und nicht an meinem Schreibtisch neunzig Meilen entfernt sitze, ist, dass meine Mutter gestern ins Krankenhaus gekommen ist, nachdem sie in ihrem Schlafzimmer gestürzt war. Das ist an sich nicht sonderlich überraschend: Meine Mutter ist siebenundsiebzig, und sie wird zunehmend schwächer, ihre Lungen arbeiten kaum noch, nachdem sie ihr ganzes Leben lang vierzig oder mehr Zigaretten am Tag geraucht hat. Ich bin, zum Teil jedenfalls, seit einiger Zeit auf diese Krise vorbereitet gewesen, daher hatte meine zweistündige Fahrt auf der Autobahn an diesem Morgen etwas Unvermeidliches an sich. Jede gute Tochter würde das tun.
Das Problem ist: Ich bin mir nicht sicher, dass ich eine gute Tochter bin oder jemals eine war. Dies ist meine große Chance. Mit etwas Entschlossenheit könnte ich mir diese Rolle jetzt zu eigen machen. Meine Stärken könnten zum Einsatz kommen. Den größten Teil meines Arbeitslebens habe ich damit verbracht, in Stresssituationen ruhig und organisiert zu sein, und deshalb habe ich gestern Nachmittag im Internet nach Pflegediensten und Haushaltshilfen gesucht, während ich überschlug, wie oft in der Woche ich die Fahrt machen könnte. Hinter all diesen praktischen Erwägungen konnte ich jedoch einen leisen Ärger verspüren. Warum sollte ich mich jetzt um meine Mutter kümmern, war der ständig wiederkehrende Gedanke, wenn sie nie dazu in der Lage gewesen ist, sich um mich zu kümmern?
Meine Mutter hat viele gute Eigenschaften. Sie ist eine interessante, intelligente und oft auch lustige Frau. In ihrer Jugend war sie elegant und attraktiv, ihre hohen Backenknochen und ihre schmale Taille passten gut zur Mode der 1950er-Jahre. In ihrem späteren Leben las sie viel, hatte eine ganze Reihe von Jobs und engagierte sich ehrenamtlich, doch eine Mutter zu sein, war die eine Sache, in der sie nie gut gewesen ist. Was erklärt, warum ich jetzt hier bin und mich in meinem Auto verstecke, anstatt mich auf den Weg zu ihrer Haustür zu machen. Ich weiß, was mich drinnen erwartet, und ich habe an diesem Morgen schon genug zu bewältigen.
Gestern Abend gelang es mir endlich, die Stationsschwester zu erreichen, die mir versicherte, dass es keine größeren Komplikationen gebe und meine Mutter bei Bewusstsein und vollkommen klar sei. Dennoch hatte ich nicht gut geschlafen, und als ich die Autobahn entlangfuhr, vollgepumpt mit Kaffee, die Hände ans Lenkrad geklammert, versuchte ich mich vergeblich auf das Radio zu konzentrieren, während mein Gehirn sich mit praktischen Überlegungen abmühte. Eine Mischung aus Panik und äußerster Anspannung stieg in mir auf. Als ich Worcester erreichte, hatte die Panik überhandgenommen.
Dem Namen nach hatte ich erwartet, dass die Royal Infirmary sich in einem roten viktorianischen Backsteinbau irgendwo in der Innenstadt befinden würde, doch das war nicht so. Das Krankenhaus wurde an die Ringstraße verlegt, und ich konnte die richtige Ausfahrt nicht finden. Nachdem ich mich zum dritten Mal verfahren hatte, hielt ich an einem Weidegatter an und fing beinahe an zu heulen. Aber daran waren nur die Straßenschilder schuld, die ihren Zweck nicht erfüllten. Es hatte gar nichts mit meiner Mutter zu tun.
Als ich das Krankenhaus endlich erreichte, entpuppte es sich als eine Ansammlung moderner Gebäude aus braunen Backsteinen und Glas, die an einen Universitätscampus denken ließ und von Fußwegen und Parkplätzen durchzogen war. Es schien Stunden zu dauern, bis ich an einer neuen Krebsstation, Fahrradständern, einer Baugrube, zwei Lichthöfen und einem Waldstück vorbeigewandert war und mein Ziel erreichte.
Meine Mutter befand sich in der Notfallstation, die direkt neben der Notaufnahme lag, was auf den eher provisorischen Zweck dieser Einrichtung hinweist. Die Notfallstation dient als Unterbringungsort für Unfallpatienten, die einen Krankenhausplatz benötigen und noch keiner bestimmten Station zugewiesen werden konnten. Meiner Mutter ging es offensichtlich nicht gut, wofür es diverse Gründe gab, aber niemand schien in der Lage zu sein, diese exakt zu bestimmen. Bis irgendjemand darüber entschied, worin das Problem bestand, konnte sie nur in der Notfallabteilung bleiben.
Die Krankenhausmitarbeiter schienen jedoch nicht weiter besorgt zu sein. Ja, meine Mutter war gestürzt, doch abgesehen von einigen Kratzern, schien sie nicht verletzt zu sein. Sie war leicht dehydriert und bekam Sauerstoff, doch es bestand kein Grund dafür, dass sie nicht in einigen Tagen entlassen werden konnte. Wirklich, es gehe ihr gut, sagten sie. Nur mit ihrer Zahnprothese gebe es ein kleines Problem, aber der Zahnarzt würde vorbeikommen, vielleicht schon morgen, um zu sehen, was sich da tun ließe. Das sagte die Schwester so nebenbei, während sie mich durch die überfüllte Station zum Bett meiner Mutter führte. Wenn die Schwester es sagte, dann musste wohl alles in bester Ordnung sein.
Doch als ich vor ihr stand, war es das nicht mehr. Für den Bruchteil einer Sekunde war ich mir nicht einmal sicher, dass es überhaupt meine Mutter war, weil die alte Frau, die in einem Sessel saß, nur mit einem Krankenhausnachthemd bekleidet, überhaupt nicht so aussah wie die Person, die ich kannte, die ich erst einige Wochen zuvor abgeholt und zu mir nach Hause mitgenommen hatte, die adrett angezogen und so klar wie immer gewesen war, und in der ich meine Mutter erkannte, auch wenn sie jedes Mal ein bisschen älter war. Das Gesicht dieser Frau war von tiefen Falten durchzogen, ihre Augen waren klein und eingesunken, eines war von einem violetten Veilchen umgeben, das sich bis zu ihrem Wangenknochen erstreckte. Ihr Nachthemd war hochgerutscht, und weitere Prellungen an ihren Beinen waren sichtbar, die sich gelb, braun und blau verfärbt hatten. Die wenigen Sekunden ihres Sturzes hatten sie um zwanzig Jahre altern lassen. Schlimmer noch, sie war vom Leben überrumpelt und niedergestreckt worden. Es war meine Mutter, aber sie sah aus wie eine alte Frau, die einem brutalen Überfall zum Opfer gefallen war, wie man sie aus der Fernsehsendung Crimewatch kennt.
In dieser kurzen Sekunde sah ich, wie auch in ihren Augen die Panik aufblitzte, als hätte sie ihr eigenes Abbild in meinem Blick gesehen und wäre genauso erschrocken wie ich. Dann nahm sie sich zusammen und verschwand hinter der Fassade, an der ich sie erkannte.
»Hallo, Liebes«, sagte sie und winkte mir mit einer Hand zu. Die Stimme klang wie ihre eigene, aber ich konnte die Worte nur gerade so verstehen. Die Schwestern hatten das Problem mit ihrer Zahnprothese heruntergespielt, denn sie schien lose in ihrem Mund hin und her zu rutschen und hinderte sie am Sprechen. Sie hob die Hand, um zu verhindern, dass sie herausfiel.
Ich versuchte, woanders hinzusehen, doch die Schwester war verschwunden. Ich musste so normal und gutgelaunt wie nur möglich wirken, um ihretwillen und weil zahlreiche andere Besucher anwesend waren, doch ich war mir nicht sicher, ob mir eine solche Vorstellung gelingen würde.
»Tut mir leid wegen der Zähne«, schien sie zu sagen. Dabei winkte sie wieder mit der Hand, als würde das den Verlust ihrer Artikulationsfähigkeit ausgleichen, während sie versuchte, mir zu erklären, dass sie von der Luft in der Station einen trockenen Mund bekam.
Mir ging so vieles durch den Kopf, dass ich keine Worte fand. Wie war das nur passiert? Wenn es ihr angeblich gutging, wie sah dann jemand aus, dem es nicht gutging? Seit wann hatte meine Mutter eine vollständige Zahnprothese, und warum, verdammt noch mal, saß sie nicht richtig? Es wirkte, als hätte sie sie von jemand anderem ausgeborgt.
Auf der Hinfahrt war ich fest entschlossen gewesen, mich zu ihr zu setzen und nett zu sein; ich würde ihr zuhören und Vertraulichkeiten austauschen, ein Gespräch führen, wie wir es seit Jahren nicht getan hatten, wenn überhaupt jemals. Selbst unter den günstigsten Umständen wäre das eine Illusion geblieben; auf der Station war es zu heiß und zu laut, die Betten standen zu nah beieinander. Hier war kein Platz für irgendeine Form von Intimität.
Schlimmer noch, die schreckliche Situation fing an, mir zuzusetzen. Ich wollte keine Sekunde länger als nötig in diesem stickigen, beengten Raum bleiben; ich konnte es nicht ertragen, hier mit dieser fremden, lädierten alten Dame zu sitzen, die den Platz meiner Mutter eingenommen hatte. Vor allem nicht, wenn jedes verstümmelte Wort mich daran erinnerte, in welchem Zustand sie sich befand. Ich war mit dem festen Vorsatz in das Krankenhaus gekommen, mitfühlend zu sein, doch stattdessen wollte ich nur noch weglaufen, frische Luft atmen, die Autobahn nach Hause nehmen und so tun, als wäre all das nie passiert.
Also tat ich das, was ich in stressigen und schwierigen Situationen immer tue, ich flüchtete mich in das Organisatorische. Meine Mutter brauchte frische Schlafsachen anstelle des papierdünnen Krankenhausnachthemds, Toilettenartikel und ein tragbares Radio, damit sie rund um die Uhr Radio Four hören konnte, genau wie zu Hause. Außerdem brauchte sie etwas Essbares, denn das Krankenhausessen war furchtbar. Ich machte eine Liste nach ihren Angaben. Selbstverständlich würde ich mit der Situation fertigwerden.
»Gut, ich fahre kurz zum Supermarkt und besorge dir alles.« Ich hörte meine eigene Stimme, zu laut und zu barsch, und hoffte, meine Mutter würde nicht bemerken, wie gestresst ich klang.
»Und Haftcreme für meine Zähne.« Sie sagte noch etwas anderes, das ich nicht verstehen konnte. Ich hoffte, dass es nicht so wichtig war.
»Dann komme ich noch mal für eine Weile zurück, bevor ich nach Hause fahren muss.« Mein Gehirn war bereits am Rechnen. Bald könnte ich den Vorwand benutzen, dass ich meine Tochter von der Schule abholen müsste. Ich würde nicht mehr allzu lange hierbleiben müssen.
Wegen dieser Liste saß ich nun vor ihrem Haus. Auf dem Weg zum Tesco-Markt verfuhr ich mich erneut, denn er lag versteckt im Zentrum einer Wohnsiedlung, deren Straßen und Sackgassen spiralförmig angeordnet waren, als sei der Supermarkt ein geheimer Tempel der Vororte. Dann kaufte ich neue Nachthemden, ein kleines Radio und überteuerte Kekse, in den Geschmacksrichtungen süß und herzhaft. Ich konnte nichts aus dem Kühlregal nehmen, denn es würde die Wärme auf der Station nicht überstehen. Meine Mutter hatte mir ihre Schlüssel gegeben, ich musste also nur bei ihr vorbeifahren und ihren Waschbeutel holen.
Diese simple Aufgabe war der Grund, warum ich immer noch im Auto saß, weil es die einzige Sache war, die ich nicht tun wollte. Ich wusste, was mich hinter dieser Tür erwartete, der Polizist hatte es mir gesagt.
Er hatte gestern angerufen, an einem blassen, ereignislosen Januarmorgen, an dem ich an meinem Schreibtisch saß und eine Tasse Kaffee trank, anstatt zu arbeiten. Ich ging ans Telefon und hörte, wie Polizeimeister Harford aus Worcester nach jemandem mit meinem Namen fragte. Er entschuldigte sich für die Störung.
Er beschrieb knapp und präzise, wie es seinem Beruf entsprach, was sich zugetragen hatte. Meine Mutter war gestürzt und hatte den Notruf gewählt. Er war benachrichtigt worden, um die Tür aufzubrechen, damit die Sanitäter ins Haus gelangen konnten. Meine Mutter sei ins Krankenhaus gekommen, schien jedoch keine schwerwiegenderen gesundheitlichen Probleme zu haben.
Einerseits war der Anruf ein Schock, andererseits kam er nicht unerwartet. Meine Tante Maggie – die tüchtige, vitale jüngste Schwester meiner Mutter – und ich hatten nur einige Wochen zuvor am Telefon darüber gesprochen, was wir bloß mit meiner Mutter tun sollten. Mags fand, sie sehe dünn aus, und machte sich Sorgen über ihren Gesundheitszustand, während ich mir ziemlich sicher war, dass sie wieder mit dem Trinken angefangen hatte, und zwar mehr als vorher. Es war kein schwieriges Gespräch, nicht einmal zu Anfang. Wir fanden Trost darin, unsere Sorgen auszutauschen, weil wir beide wussten, dass man gar nichts machen konnte. Jede von uns hatte in der Vergangenheit versucht, meine Mutter zur Rede zu stellen, Hilfe angeboten, ihr nahegelegt, einen Arzt aufzusuchen. Jedes Mal hatte sie uns abgewiesen. Bei unserem letzten Telefonat waren wir uns einig gewesen, dass sich die Situation nur ändern würde, wenn sich eine Krise ereignete. Und da war sie nun, sehr viel eher als erwartet.
»Wussten Sie, in welchem Zustand sich das Haus befindet?«, fragte der Polizist.
Mein Zögern nahm er zum Anlass für eine Erklärung. Die Hintertür sei kaputt, sie ließ sich nicht schließen. Brombeergestrüpp wucherte durch den Türspalt herein. Elektrische Heizlüfter ständen in Wasserlachen; in der Diele hinge der Verputz von der Decke herab. Das Dach sei undicht, er wisse nicht, wie lange schon, und das gesamte Obergeschoss sei feucht und morsch. »Als ich hinaufging, um mich umzusehen, bin ich mit dem Fuß durch eine der Dielen gebrochen.«
Diese Unannehmlichkeit hatte ganz offenbar seinen Missmut erregt. »Meine Mutter hat mir gesagt, sie habe das Dach reparieren lassen«, sagte ich.
»Wussten Sie denn nichts über ihre Lebensumstände?«
»Nein«, sagte ich. Offensichtlich nicht. In meiner Vorstellung war das Haus unordentlich, ungeöffnete Post lag überall herum, und vielleicht waren die Möbel etwas feucht – meine Mutter hatte das undichte Dach erwähnt und gesagt, sie müsse es reparieren lassen. Ich hatte nicht gewusst, was sie alles unerwähnt gelassen hatte, oder wie sehr die Lage sich verschlimmert hatte.
Wachtmeister Harford hielt es für angebracht, die Details noch einmal zu wiederholen. Die Hintertür, die Nässe, das Chaos. Und das Loch in den Dielen. Seinen Fuß. Darüber hinaus habe er in der Akte vermerkt, dass der Sozialdienst benachrichtigt werden sollte, um sicherzustellen, dass man ihr nicht gestatten würde, in das Haus zurückzukehren, solange es sich in diesem Zustand befand. Er würde die Akte an die Sozialbehörde weiterleiten.
»Sie hat mich ja nicht hereingelassen«, sagte ich. Ich hatte es schon seit Langem gar nicht mehr versucht. Vermutlich würde die Sozialbehörde mich anrufen, um mir mitzuteilen, dass ich mich der Vernachlässigung schuldig gemacht hatte.
»Wussten Sie denn, wie es da aussah?«
Ich fing an, diesen Mann zu hassen. Er lebte offensichtlich in der normalen Welt, einem Ort, an dem Familien sich umeinander sorgten. Wo Mütter sich um ihre Töchter kümmerten, und die Töchter sich später um ihre Mütter. In seinen Augen hatte ich auf ganzer Linie versagt, was die elementarsten menschlichen Pflichten anging. Er war Polizist und wusste, was richtig und was falsch war.
»Ich sollte jetzt besser im Krankenhaus anrufen und fragen, wie es ihr geht«, sagte ich, denn ich wollte diesem Verhör ein Ende machen.
Er nannte mir die Station und seine eigenen Kontaktdaten, falls ich weitere Erkundigungen einholen wollte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich das tun würde.
Nachdem ich aufgelegt hatte, saß ich nur da. Polizeimeister Harford hatte dafür gesorgt, dass ich mich schuldig fühlte und mich schämte, gleichzeitig war ich so aufgebracht, dass mir beinahe die Tränen kamen. Natürlich war mir klar gewesen, dass das Haus in einem desolaten Zustand war, auch wenn ich nicht alle Einzelheiten kannte, die er mir so nachdrücklich dargelegt hatte. In den vergangenen fünfzehn Jahren, wenn nicht länger, hatte ich ständig versucht, aufzuräumen, sie aufzuheitern und vom Trinken abzuhalten. Ich habe alles Erdenkliche angestellt, um meine Mutter davon zu überzeugen, ein vernünftiges Leben zu führen, aber nichts hatte gefruchtet. Was ich auch unternommen habe, meine Mutter hat sich stets geweigert, sich bekehren lassen. Selbst wenn ich all die Einzelheiten schon gekannt hätte, die mir Polizeimeister Harford am Telefon aufgezählt hatte, wenn ich mir über meine Defizite als Tochter im Klaren gewesen wäre, hätte ich nicht die geringste Möglichkeit gehabt, zu verhindern, was mit meiner Mutter, mit dem Haus und mit seinem Fuß, der durch die Diele gebrochen war, geschehen war.
Wenn ich zu jenem Zeitpunkt bereits gewusst hätte, was ich inzwischen erfahren habe, hätte ich ihm das eine oder andere entgegnen können, doch damals konnte ich nur dasitzen, auf meinen schwarzen Computerbildschirm starren und diesen Schlag hinnehmen.
Als ich endlich das Vorhängeschloss aufbekommen habe, öffne ich langsam die Tür. An den Wänden mit der gestreiften Tapete hängen die gerahmten Stiche von Worcester, ganz so wie immer, und eine Sekunde lang bin ich beinahe überzeugt, dass ich dieser Situation gewachsen bin. Ich kann einige Zeitungsstapel entdecken, doch sie verstellen nicht den Eingang. Das Haus meiner Mutter steht noch. Doch als ich die Tür weiter aufziehe, kommt mir ein durchdringender Geruch von Moder, nassem Papier und Staub entgegen. In der Diele ist es dunkel, so dunkel, als ob jedes Fenster vernagelt worden wäre. Ich sehe zur Küche herüber, wo sich ein dichtes Geflecht aus dunkelgrünen Zweigen gegen das Fensterglas drückt. Das ist kein Zuhause mehr, sondern ein Bunker.
Ich muss mich mit der Schulter gegen die Holztür lehnen, um sie weiter zu öffnen, weil sich dahinter etwas verkeilt hat und Widerstand leistet. Direkt über mir hat die Decke nachgegeben, Tapete und Putz hängen herunter , in der Mitte ein dunkles Loch, durch das das Wasser gebrochen ist; auf dem Teppich befindet sich ebenfalls ein feuchter Fleck. Ich gehe schnell daran vorbei, damit mir nichts auf den Kopf fällt, doch das bedeutet auch, dass ich weiter in das Haus vordringen muss, was ich nicht will.
Jede Fläche und der Fußboden sind bedeckt mit Papieren, Tragetaschen, Kartons und anderen Dingen, die ich nicht sehen und mir auch nicht vorstellen will, doch unter alldem kann ich noch immer die Konturen des Hauses ausmachen, das ich kannte und in dem meine Mutter früher lebte. In der Ecke bei der Tür, unter Müllbeuteln, alten Armaturen und einem kaputten Mixer steht der alte Kühlschrank meiner Großmutter, den meine Mutter seit sechzehn Jahren loswerden will. Ihr eigener Kühlschrank, den sie kaufte, als der andere den Geist aufgab, steht mitten in der Diele auf dem Boden. Es ist ihr nie gelungen, die beiden auszutauschen, also blieb der alte nutzlos in der Küche stehen, während sie ihre Milch, ihr Joghurt und ihre Fertiggerichte in dem neuen Kühlschrank in der Diele unterbrachte. Da der Eingangsbereich so breit wie ein normales Zimmer ist, war er nicht im Weg, daher schien sie dieses Arrangement nie zu stören, wie sehr mein Bruder und ich sie auch überreden wollten, die beiden Kühlschränke auszutauschen.
Mit einem letzten Stoß gegen die Haustür bin ich drin, aber ich lasse die Tür angelehnt. Ich will mir eine schnelle Fluchtroute offenhalten; diese brodelnden Abfallhaufen könnten sich sonst erheben und auch mich gefangen nehmen. Nur zwei Schritte mehr, und ich kann das Esszimmer sehen. Dort ist es noch schlimmer. Ihr hübscher Mahagoni-Esstisch liegt in Trümmern auf dem Boden, die dazugehörigen Stühle sind unter weiteren Zeitungsstapeln begraben. Der hintere Teil des Zimmers ist verschwunden, tatsächlich sieht es aus wie auf einer Müllhalde, das an der Wand aufgetürmte Gerümpel erreicht eine Höhe, die beinahe meiner Größe entspricht. Zwischen Essensverpackungen und anderem Krempel kann ich Postsendungen und Ausgaben des Telegraph ausmachen. Gott weiß, was dort noch alles nistet.
Direkt vor mir, im hinteren Teil des Hauses, befindet sich die Küche. Hier wird mir klar, dass der Polizist recht hatte. Die Sperrholztäfelung der Hintertür ist verrottet oder eingeschlagen worden, und das vor geraumer Zeit, denn die Zweige der Brombeerbüsche wachsen schon herein. Was er über den Rest des Raumes sagte, ist ebenfalls wahr. Der gesamte Fußboden ist von einer dicken schwarzen Schlammschicht überzogen, und mittendrin steht ein elektrischer Heizlüfter auf einem niedrigen Zeitungsstapel, der ihn vor dem wässrigen Moder schützt. In der Dunkelheit kann ich nicht viel mehr ausmachen, und das will ich auch gar nicht. Niemand sollte so leben müssen, hatte er gesagt, und damit hatte er recht. Nur weiß ich nicht, wie ich es meiner Mutter beibringen soll. Dieses Chaos ist ihr Zuhause, auch wenn ich es scheußlich finde, auch wenn Polizeimeister Harford es nicht fassen kann.
Ihr Waschbeutel ist im Badezimmer, daher muss ich vorsichtig die Treppe hinaufgehen, an den Bücherstapeln vorbei, die die Stufen fast vollständig einnehmen. Die gewundene, ungleichmäßige Treppe wäre schon an sich eine Herausforderung für eine alte Frau mit Atemnot, doch so wie es jetzt aussieht, ist es ein Wunder, dass sie vorher noch nicht gestürzt ist.
Oben angelangt, kann ich den gesamten ersten Stock überblicken. Obwohl hier kein modriges Wasser steht, ist es noch deprimierender, weil mehr Licht hineinfällt und die Verwahrlosung in allen Details sichtbar macht. Das Fenster ist schmutzig, auf dem Fensterbrett häufen sich unnütze Plastikteile, ausgebrannte Glühbirnen und eine kaputte Jalousieblende. Ihr Arbeitszimmer ist überschwemmt von Papieren, im Schlafzimmer entdecke ich Kleidungsstücke, Strümpfe und Unterwäsche, Zeitungen und Verpackungen, die bis zur Tür verteilt sind. Das Bett ist ungemacht, und sogar von hier aus kann ich sehen, dass die Bettwäsche seit Monaten, oder länger, nicht gewechselt worden ist.
Am schlimmsten sieht es auf dem Treppenabsatz direkt vor mir aus: Eine Müllkippe für all die Dinge, die sie nicht mehr haben wollte, aber nicht wegschaffen konnte. Ausgeblichene Handtücher, ein gefüllter Wäschekorb, der von weiterem Krempel bedeckt ist. Ich denke an die Küche und mir wird klar, dass ich gar nicht weiß, wo sie überhaupt noch ihre Kleidung waschen kann. Einzelne Kniestrümpfe, fleckige Oberteile, noch mehr Bücher liegen herum. Am traurigsten macht mich der alte Katzenkorb, der noch bei der Heizung steht, die Filzeinlage voller brauner Fellrückstände. Die alte Burmakatze meiner Mutter ist vor zehn, vielleicht auch zwölf Jahren gestorben, und dieses Überbleibsel wurde seit damals nicht bewegt.
Ich kann den Anblick nicht länger ertragen und gehe ins Badezimmer, um ihren Waschbeutel zu holen, ohne mir die schmuddelige Wanne, die abblätternde Tapete und den Efeu, der durchs Fenster kriecht, näher anzusehen. Überwältigt von Elend und Traurigkeit, will ich das Haus verlassen, so schnell ich kann, und es so bald wie möglich vergessen.
Doch das Haus will nicht, dass ich gehe. Der provisorische Riegel ist schief angebracht, und als ich die Tür schließe, gelingt es mir nicht, das Vorhängeschloss wieder einzuhängen. Ich stehe an der Türschwelle und plage mich eine gefühlte Ewigkeit, breche mir einen Fingernagel ab, fluche, überlege, ob ich die Tür unverschlossen lassen kann, da vermutlich niemand etwas aus einem Haus stehlen will, in dem es wie auf einer Müllkippe aussieht. Schließlich gelingt es mir doch, und ich erreiche mein sicheres Auto. Ich habe das Haus hinter mir gelassen, doch der Geruch von Feuchtigkeit und Moder bleibt mir den ganzen Tag noch in der Nase.
2
Die schwarze Teekanne: Bessere Zeiten
SCHWARZE TEEKANNE MIT DECKEL
England, ca. 1840
Schwarze Basaltware mit aufgebrachtem Relief, keine Manufakturmarke
Ende der 1980er-Jahre auf einer Auktion erstanden
Das Haus meiner Mutter ist nicht immer in einem derartigen Zustand gewesen, ganz im Gegenteil. Als sie vor über dreißig Jahren nach Rose Terrace zog, war das Gebäude eine Ruine, und sie hat es vor dem Verfall gerettet. Sie ließ nicht nur die Absenkung des Bodens begradigen, eine Zentralheizung und eine neue Küche einbauen, sondern sie machte sich selbst daran, jeden einzelnen Raum zu streichen und zu tapezieren. Besonders stolz war sie auf das Esszimmer mit der dunkelgrün gestreiften Tapete, den Regalen aus Rauchglas im Alkoven und dem dunklen georgianischen Tisch mit passenden Stühlen. Es wurde zu ihrem Lieblingszimmer, wo sie nicht nur ihre Mahlzeiten einnahm, sondern auch gern Zeitung las, während eine brennende Zigarette im Aschenbecher neben ihr verglühte. Rose Terrace wurde nach einer schwierigen Phase ihres Lebens zu ihrem Zufluchtsort, und sie war sehr glücklich, hier angekommen zu sein.
Als sich meine Eltern 1975 scheiden ließen, verlor meine Mutter nicht nur ihren Ehemann, sondern auch ihre Kinder. So hatte es mein Vater entschieden, und er setzte sich fast immer durch. Wie kompromisslos und entschlossen mein Vater war, lässt sich daran ablesen, dass mein Bruder und ich nach der Scheidung bei ihm und seiner neuen Frau lebten, was Anfang der 1970er- Jahre etwas Unerhörtes war. Die Widerstandskraft meiner Mutter war nach acht Jahren Kinderbetreuung, Schlafmangel und dem Leben mit einem so willensstarken und eigensinnigen Mann erschöpft, daher konnte er sie davon überzeugen, dass es so am besten war.
Mein Vater musste niemals Zwang ausüben, schreien oder besondere Tricks anwenden, um sich durchzusetzen. Wenn er sich in einem Raum befand, versammelten sich die Leute um ihn herum, und er brachte die anderen letztlich immer dazu, seinen Plänen zuzustimmen. Derartige Resultate erzielte er mittels Charme und Willenskraft, und zwar ausnahmslos. Mein Vater hatte immer recht.
Nach der Scheidung entwickelte er seine ganz eigene Sicht auf die Dinge: Die Trennung und die neue Familie waren das Beste, was uns überhaupt passieren konnte, und nun waren wir alle glücklich. Wäre es ihm möglich gewesen, hätte er jede Erinnerung an meine Mutter ausgelöscht, doch er musste sich damit zufriedengeben, nie wieder über sie oder die ersten acht Jahre meines Lebens zu sprechen. Warum sollte man sich an einen Fehler erinnern?
Es gab nur ein Hindernis, und das lebte unter seinem Dach: ich. Ich war sein Kind und ihm sehr ähnlich, denn ich besaß seinen eisernen Willen, und ich war wild entschlossen, auf meinen eigenen Meinungen, meinen Erinnerungen und meiner eigenen Version der Ereignisse zu beharren.
Meine Mutter hatte kaum eine Wahl, sie war dazu gezwungen, mich und meinen Bruder gehen zu lassen. Von Geburt an hatte sie gelernt, sich zu fügen, denn ihre gesamte Kindheit verbrachte sie im Schlepptau ihrer energischen Schwester Anne, die achtzehn Monate älter war als sie. Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass sie meinen Vater wählte: Sie war so daran gewöhnt, im Windschatten eines selbstsicheren Menschen zu existieren, dass er ihr vertrauenerweckend und bekannt vorgekommen sein muss. Das ist die einzige Erklärung, die mir einfällt, wenn ich über ihre Heirat nachdenke. Davon abgesehen, ist es wenig überraschend, dass meine Eltern sich scheiden ließen; für mich ist es schwieriger nachzuvollziehen, wie sie überhaupt jemals zusammengekommen sind.
Da mein Vater entschieden hatte, die Kinder zu behalten, blieb er auch in unserem Haus wohnen. Was bedeutete, dass meine Mutter mit achtunddreißig Jahren allein dastand und nicht wusste, wohin sie gehen sollte. Zunächst zog sie zu ihrer Mutter Antoinette, in ihr Elternhaus in Worcester, und in das Zimmer mit der knalligen rot-schwarzen Strukturtapete aus den 1960er-Jahren, in dem Jahre zuvor ihr jüngster Bruder gewohnt hatte. Wenn wir sie alle zwei Wochen besuchten, legte ich mich auf ihr Bett und steckte meinen Finger in die quadratischen Waben der Tapete, untersuchte ihre schwarzen Ecken und ihre rote Mitte und befühlte ihre raue Oberfläche. Das Zimmer roch nach Zigarettenqualm und Lentheric Tweed, ihrem damaligen Lieblingsparfüm, später wechselte sie zu Fiji, das mir besser gefiel, weil ich die Werbeanzeigen aus dem Magazin der Sunday Times kannte. Vielleicht wollte sie das neue Kapitel ihres Lebens mit einem neuen Duft beginnen, wie eine Art Wiedergeburt nach einer Katastrophe, bei der sie so gut wie alles, was zählte, verloren hatte.
Mein Bruder und ich blieben über Nacht und schliefen nebenan im Gästezimmer meiner Großmutter, in hohen Betten mit Kopfteilen in Holzfurnier und einem dazu passenden braunen Kleiderschrank voller alter Anzüge, in dessen oberstem Fach unsere Brettspiele aufbewahrt wurden.
Antoinette und ihr Bruder John beim Campen, Anfang der 1920er-Jahre.
Durch dieses Arrangement sahen wir unsere Großmutter viel öfter als vorher. Zu dieser Zeit hatte sie sich bereits in das Musterbeispiel einer Großmutter aus den 1970er-Jahren verwandelt: graues Haar, das in festen Löckchen ihren Kopf bedeckte, knielange Kleider aus knitterfreier Kunstfaser ohne sichtbare Taille, beige Strümpfe und vernünftige Halbschuhe. Mir erschien sie wohlwollend, aber rätselhaft, man hatte den Eindruck, dass sie die Welt wie durch einen Schleier wahrnahm. »Das ist aber reizend, Liebes«, war ihre Antwort auf nahezu alles, und ich war mir nie sicher, ob sie überhaupt zugehört hatte.
Diese Unbestimmtheit wurde weder durch Schwerhörigkeit noch durch andere Alterserscheinungen verursacht. Auf nahezu jeder Fotografie, die ich jemals von ihr gesehen habe, hat sie denselben Ausdruck im Gesicht: Als sie nach ihrer Hochzeit für den Fotografen posiert, sieht sie aus, als hätte sie angesichts ihres Schicksals resigniert; sogar als Schülerin mit ihren Freunden wirkt sie so. Nur als ganz kleines Kind, als sie bei einem Campingausflug Cricket spielt und durchs Gras purzelt, scheint Antoinette wirklich lebendig gewesen zu sein.
Ich kann mir vorstellen, dass ein Teil meiner Großmutter für immer ein achtjähriges Mädchen geblieben ist. Meine Mutter erzählte mir einmal, ihr Lieblingslied sei Teddy Bear’s Picnic, und sie hatte eine besondere Vorliebe für Plüschtiere. Im Gegensatz zu einem Kind sammelte sie sie nicht nur, sondern stellte sie selbst her und gewann damit mindestens einmal einen Preis. Der Womble, den sie mir nähte, nur nach einer Abbildung, die meine Mutter ihr gegeben hatte, war viel schöner als alle, die man im Laden bekommen konnte.
Nähen war das Einzige, was uns einander näherbrachte. Wenn wir alle zwei Wochen zu Besuch kamen, verbrachte meine Großmutter die langen Samstagnachmittage damit, mir beizubringen, wie man einfache Stoffpuppen nähte, aus Kunstpelz, den wir über einen Joghurtbecher stülpten – eine Beschäftigung, die mir nie langweilig wurde. Damals schien es eine lange Zeit so gewesen zu sein, doch tatsächlich war es weniger als ein Jahr.
An die genauen Daten und Details erinnere ich mich nur vage, was daran liegt, dass ich damals erst neun Jahre alt war und man mir vieles vorenthielt, aber gleichzeitig bemühte ich mich auch selbst zu vergessen, wie unglücklich ich wegen der Scheidung meiner Eltern war. Dann zog meine Mutter in eine entlegene Gegend in den Cambridgeshire Fens, wo sie einen Job als Grundstücksmaklerin annahm, und ich erinnere mich, wie wir bei unseren Besuchen lange Spaziergänge an der windigen Küste von Norfolk machten und das Meer zu erreichen versuchten, das sich hinter die flachen grauen Sandbänke zurückgezogen hatte, wo man es kaum mehr ausmachen konnte. Wir aßen Pommes frites und spielten an den Münzautomaten, so wie wir es machten, wenn wir unsere Cousins besuchten und mit ihnen an den Strand gingen.
Wie so häufig behielt meine Mutter diesen Job nicht lange. Der neue Mann in ihrem Leben betrog sie um eine große Geldsumme, und so schlich sie sich zurück in das Haus ihrer Mutter in Worcester, in das unbenutzte Zimmer, nahm einen anderen Job als Maklerin an, und wir kamen weiterhin jedes zweite Wochenende zu Besuch. Sie muss das bedrückende Gefühl gehabt haben, dass sie dort für immer gestrandet war, trotz all ihrer Anstrengungen.
Wenn wir kamen, war gelegentlich noch eine weitere Person anwesend: Anne, die Schwester meiner Mutter, achtzehn Monate älter als sie, eine ungemein starke Persönlichkeit und der einzige Mensch auf der Welt, der sogar meinem Vater Angst einjagen konnte. »Sie kann jeden um ihren Finger wickeln«, sagte er dann, doch das sollte kein Kompliment sein. Meine Mutter war der Ansicht, die dominante Anne habe ihr das Leben vermiest und ihr die Kindheit verdorben, doch sie hat mir niemals erzählt, auf welche Weise Anne das fertiggebracht hatte.
Das brauchte sie gar nicht. Ich habe es auch so verstanden, weil all meine Erinnerungen an Anne mit einem akuten Angstgefühl einhergehen. Glücklicherweise tauchte sie nur selten auf. Als ich neun oder zehn war und mich klarer an sie erinnern konnte, hatte sie, nach einer schwierigen Scheidung, England bereits verlassen; ihre Kinder waren ebenfalls beim Vater geblieben. Davor war sie Krankenschwester gewesen, hatte in Fulham gelebt und ständig bei Harrods eingekauft.
Problematisch wurde es erst, als Anne beschloss, mit mir wie mit einer Erwachsenen zu reden. Inzwischen lebte sie auf Bequia, einer der Westindischen Inseln, und war stolz darauf, als einzige weiße Frau auf dem Karneval zu tanzen. Alle ein oder zwei Jahre kam sie zurück, um ihre Mutter und andere Verwandte zu sehen.
Anne bei ihrer Hochzeit mit Christopher Olford, meine Mutter und Großmutter im Hintergrund.
Ein Schnappschuss von einem dieser Besuche hat sich wegen der damit verbundenen Peinlichkeit in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich sitze in einem Sessel meiner Großmutter, der aus den 1930er-Jahren stammte, dunkelbraun mit hohen Armlehnen, dessen Sprungfedern schon nachgegeben hatten. Eine große Frau, Anne, steht dicht vor mir, sodass ich den Untiefen des Sessels nicht entkommen kann.
»Also«, legt sie in einer unerträglichen, weithin hörbaren Lautstärke los. »Ich hoffe, du gehst viel aus und hast eine Menge Spaß.«
Sie legt besondere Betonung auf »eine Menge«, und ich weiß ganz genau, auf was sie damit anspielen will. Sie hofft, ich habe eine Menge Sex. Habe ich aber nicht. Ich bin ein unglücklicher, übergewichtiger Teenager, mit einem solchen Horror vor jeder Art von Intimität, dass ich jeden Tag eine halbe Dose Haarspray verwende, um meine Haare aufzustellen, und mich mit Nietengürteln behänge. Natürlich weiß ich nicht, was ich darauf erwidern soll. Ich wünsche mir nur, der Sessel würde mich endlich ganz verschlucken. Durch die französischen Fenster am anderen Ende des Raumes kann ich sehen, wie die Frühlingssonne sich auf dem Rasen und den Päonien ausbreitet. Ich kann nur nicken, in der Hoffnung, dass sie sich damit zufriedengibt.
»Ausgezeichnet«. In meiner Erinnerung ragt sie so riesenhaft vor mir auf, dass ich befürchten muss, für immer in dem Sessel festzustecken. Schließlich ging sie aber doch weg, um jemand anderen zu verhören, und es gelang mir, mich hochzurappeln und in den hinteren Teil des Gartens zu verschwinden, wo ich so tat, als würde ich das Gemüse bewundern, und darüber nachgrübelte, wie nutzlos ich war.
Als meine Urgroßmutter Carrie Jenkins 1980 starb, verbesserten sich die Lebensumstände meiner Mutter um einiges. Meine Mutter sagte, sie sei einer der Menschen, die die Welt besser machen, indem sie sterben, und das galt nicht nur für sie selbst. Auch Carries Tochter, meine Großmutter Antoinette, wurde viel unabhängiger. Carrie war sehr wohlhabend gewesen, aber auch zänkisch und herrschsüchtig, und meine Großmutter war finanziell fast vollständig von ihr abhängig. Jetzt, mit achtundsechzig Jahren, war meine Großmutter nicht nur zum ersten Mal in ihrem Leben frei, sie hatte auch die Geldmittel, um zu tun, was immer sie wollte. Die solide, vernünftige Villa aus rotbraunem Backstein in einem Vorort von Worcester wurde eingetauscht gegen ein Domizil, von dem sie immer geträumt hatte: ein Fachwerkhaus auf dem Land in der Umgebung von Malvern Hills, das aussah wie ein Postkartenmotiv. Sie legte sich die drei Dinge zu, die sie schon immer haben wollte: ein Himmelbett, einen Jacuzzi und einen Aufsitzmäher. Nachdem all ihre Wünsche erfüllt waren, machte sich meine Großmutter daran, ihren Garten zu pflegen und Patchworkdecken in industriellem Maßstab zu nähen.
Das Geld, das sie von Carrie Jenkins geerbt hatte, erlaubte es Antoinette nicht nur, sich ihre Träume zu erfüllen, sie behielt auch so viel übrig, dass sie es an ihre vier Kinder verteilen konnte: Anne, Mags und meine Mutter sowie ihren jüngsten Sohn, Allan Michael. Mit ihrem Anteil konnte meine Mutter sich das Haus in Rose Terrace kaufen. Sie zog nie wieder weg.
Als meine Mutter das Haus erstand, wirkte es auf den ersten Blick nicht besonders anziehend. Es hockte auf einem steilen Hügel am Rand von Worcester, doch wegen des Ausblicks über die Dächer und, wenn man den Hals ein wenig reckte, auf die Kathedrale, konnte man von einer guten Lage sprechen. Die skurrile Nachbarschaft gefiel ihr, von den indischen Großfamilien, die sich in den Backsteinvillen niedergelassen hatten, bis hin zu dem uralten italienischen Feinkostladen, zu dessen Kunden seit den 1940er-Jahren die Arbeiter aus den umliegenden Maschinenfabriken gehört hatten, die hier auf ihrem Weg von oder zur Arbeit einkauften. Die Fabriken waren mittlerweile geschlossen, doch das Ceci’s existierte noch immer und verkaufte damals noch ungewöhnliche Delikatessen wie in Öl eingelegte Artischocken und Risottoreis an meine Mutter und alle anderen braven Seelen, die sich zufällig dorthin verirrten.
Die viktorianischen Häuser, die sich in Reihen den Hügel hinunter bis in die Stadt erstreckten, waren noch nicht von der Gentrifizierung betroffen. Einige Wochen lang bekam meine Mutter täglich Besuch von zwei Polizisten, die den guten Ausblick von ihren Fenstern im Obergeschoss nutzen wollten. Sie observierten die Videothek am Fuß des Hügels, die im Verdacht stand, ein Bordell zu sein, was meine Mutter sehr erheiterte. Die zwielichtigen Nachbarn kümmerten sie nicht, denn sie liebte ihr Haus.
