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Als Adalbert Mischlewski im Spätsommer 1939 in den Zweiten Weltkrieg zieht, ist der Berliner 19 Jahre alt. Die Kriegsjahre übersteht er in Dänemark, Frankreich, den Niederlanden und dem damaligen Protektorat Böhmen und Mähren körperlich unversehrt. Nur durch Glück entgeht er kurz nach Kriegsende der sowjetischen Gefangenschaft. Er studiert an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München und am Campo Santo im Vatikan. Sein berufliches Leben erfüllt ihn zunächst als Priester im Allgäu, dann als Lehrer am Grafinger Gymnasium. Dem Thema seiner Promotion, dem Antoniter-Orden, bleibt er sein Leben lang treu. In den 1990er-Jahren entsteht daraus die deutsch-französische Städtepartnerschaft zwischen Grafing und St. Marcellin. Dafür, und für seinen unermüdlichen Einsatz für die Ökumene wird ihm im Jahr 2005 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Schließlich ernennt ihn die Stadt Grafing zum Ehrenbürger. Zusammen mit dem Autor Thorsten Rienth reflektiert er sein Jahrhundert.
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Seitenzahl: 54
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Berliner Jahre
Kriegsjahre
Die Stunde 0
Memminger Jahre
Bildungs- und Forschungsjahre
Gelebte Ökumene
Versöhnungsdienst
Die frühen 1920er-Jahre in Berlin. Womit hat der kleine Adalbert Mischlewski seine Zeit verbracht?
Meine erste Erinnerung ist die an meine Spielecke in unserer Wohnküche. Dort hatte ich einen eigenen kleinen Tisch, auf dem eine Landschaft mit kleinen – natürlich nicht angetriebenen – Eisenbahnen stand. Zu Weihnachten kam immer etwas Neues hinzu. Neue Menschen oder Tiere zum Beispiel. Diese Spielecke wuchs sozusagen mit mir mit, sie war mein ganz persönliches Reich. Im Frühling änderte sich dann alles. Ich wollte hinaus in die Sonne und an der frischen Luft spielen. Zum nächsten Weihnachtsfest packten meine Eltern die Spielecke dann wieder aus.
Sind Sie gerne nach draußen gegangen?
Auf jeden Fall. Im Hof konnte man gut spielen. Da gab es – obwohl mitten Berlin – einen Springbrunnen und auch etwas Grün. Nicht weit von uns, zu Fuß vielleicht eine Viertelstunde entfernt, gab es einen großen Volkspark. Da musste ich oft mit meinem Vater spazieren gehen. Ich sage ganz bewusst: musste, er war ein strenger und ordnungsliebender Mann, der einst als Berufssoldat diente. Ich konnte mich nicht einfach selbstständig machen und schmutzig zurückkommen. Alles, was ein Kind gerne gemacht hätte, war also bei diesen Spaziergängen undenkbar. Ich denke deshalb nicht gerne daran zurück. Ein fast schon stereotyper Satz meines Vaters war: „Komm‘ du mir mal nach Hause!“
Wo, wenn nicht bei solchen Spaziergängen, konnten Sie Ihre kindliche Neugierde stillen?
Das Schönste in der Volksschule war, dass ich lesen lernte. Ich habe alles Mögliche verschlungen. Bücher, Zeitungen, große Literatur – auch wenn ich in dem Alter von den Themen natürlich ziemlich wenig verstand. Darum ging es mir aber gar nicht. Ich wollte einfach nur lesen, lesen, lesen. Die Bücher waren in der Regel ältere Bücher aus der Vorkriegszeit. Aktuelle Kinderbücher kannte ich höchstens aus dem Schaufenster. Wegen der Inflation war das Geld knapp, oder besser gesagt: nichts mehr wert. Aber zumindest für den Staatsetat war die Inflation gut: Er konnte sich schnell entschulden.
Sie waren ein anstrengendes Kind?
Auf Widerstand war ich nicht programmiert. Wenn sich irgendwo Ärger abzeichnete, habe ich mich in aller Regel zurückgehalten. Anstrengend war ich wahrscheinlich auf eine andere Weise. Ich stellte meinen Eltern andauernd Fragen. Was um uns herum passierte, interessierte mich einfach unglaublich: Der Besuch des afghanischen Königs Amanullah Khan in Berlin war ein Spektakel für mich. Der Tod von Stresemann im Jahr 1929 ist meine erste tatsächliche politische Erinnerung. Bei solchen Gelegenheiten hörte ich mit dem Fragenstellen gar nicht mehr auf.
Wer war damals ihr Welt- und Werteerklärer–Mutter oder Vater?
Das waren beide. Meinem Vater waren Ordnung, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sehr wichtig, da schlugen seine Jahre als Berufssoldat durch. Auch bei meiner Mutter standen diese Werte hoch im Kurs. Wahrscheinlich waren sie damals schlicht Bestandteil der kleinbürgerlichen Berliner Identität. Bei meiner Mutter kam noch eine starke Affinität zur Bildung hinzu.
Das hatte einen interessanten Hintergrund: Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie in einem Unternehmen, zuletzt sogar als Prokuristin. Eine Frau, die Prokura hatte, das war damals etwas Außergewöhnliches! Als sie mit mir schwanger war, hatte ihr Chef sogar gesagt: Ich zahle dem Kind den Kindergarten. Er wollte, dass meine Mutter möglichst bald wieder bei ihm arbeiten könnte. Sie blieb allerdings zuhause, weil ihr die Kinder einfach wichtiger waren.
Trotzdem war ihr beruflicher Werdegang für mein späteres Leben grundentscheidend. Sie wusste, welche Türen ein Abitur dem Berufsleben öffnen würde. Und deshalb setzte sie meine Anmeldung am Gymnasium gegen allerlei familiäre Widerstände durch. Das hatte mit einem meiner Onkel zu tun. Er war im Ullstein Verlag als Vertriebsleiter für sämtliche Zeitschriften im ganzen Reichsgebiet tätig, also in einer hohen Stellung. Bei meinen Eltern ließ er nicht locker, sagte, sie sollten doch den Adalbert auf keinen Fall aufs Gymnasium schicken. „Bringt ihn zu mir, ich kann ihn fördern – dann ist er schnell fertig und verdient gutes Geld.“
Suchten Sie zuhause nach Antworten, die sie in der Volksschule nicht bekamen?
Vielleicht. Denn abgesehen vom Lesen lernen war die Volksschule ein Graus. Ich habe sonst nicht die geringste angenehme Erinnerung an diese Schulzeit. Der Lehrer war ein kleiner Sadist, der gerne prügelte. Er hatte großen Spaß daran, bei den kleinsten Kleinigkeiten zuzuschlagen. Manchmal packte er einen am Nacken und prügelte drauflos. Ich möchte das gar nicht im Einzelnen beschreiben. Heute würden solche Leute sofort entlassen.
Warum waren solche Zustände damals normal?
Die meisten der damaligen Lehrer hatten Jahre in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs verbracht. Das waren grobgeschnitzte, oft sogar grobschlächtige Kerle. Die Grundschule glich damals obendrein eher einer Erziehungsanstalt für patriotisches Verhalten denn einer Lehranstalt. Das hatte sicherlich auch historische Gründe. Schon bei Friedrich dem Großen schickte man die ausgedienten Korporäle in die Schule. Dort haben sie dann weitergeprügelt, wie sie zuvor Soldaten prügelten. Die Volksschullehrer wurden damals noch in sogenannten Lehrerbildungsanstalten ausgebildet. Das hatte doch mit einem Bildungsauftrag überhaupt nichts zu tun, abgesehen von der Vermittlung von Disziplin gab es nicht viel, was dort zählte.
Ein Teil des Problems war sicher auch, dass meine Schule eine reine Bubenschule war. Es gab keine Lehrerinnen, die wahrscheinlich einen gewissen Ausgleich bedeutet hätten. Prügel in der Schule waren fast schon ein gegebenes Naturereignis. Die allgemeine Sichtweise war: „Das hat doch noch keinem geschadet.“ Die größte Freude war für mich deshalb das Gymnasium. Da wurde nicht mehr geprügelt.
Weil es verboten war?
Ob dem so war, weiß ich gar nicht mehr so genau. Die Gymnasiallehrer waren deutlich gebildeter als ihre Kollegen auf der Volksschule. Deren „Waffe“, wenn man es so nennen will, waren die Worte, war die Argumentation. Sie hatten einen ziemlichen Stolz, den Jugendlichen ernsthaftes – und auch humanistisches – Wissen zu vermitteln. Zuzuschlagen wäre schlicht unter ihrem Niveau gewesen, sie hätten sich wahrscheinlich dafür geschämt.
Bei der „Machtergreifung“ der NSDAP waren Sie in der Mittelstufe. Wie lange dauerte es, bis sich in der Schule etwas änderte?
Es änderte sich erst einmal gar nichts. Zumindest nichts, was mir als Schüler irgendwie bewusst geworden wäre. Ich weiß gerade einmal von einem einzigen Lehrer, der Nazi war. Übrigens bin ich da kein Einzelfall. Marcel Reich-Ranicki beschreibt in seiner Autobiographie eine ganz ähnliche Situation. Man konnte die Affinität der einzelnen Lehrer zur Nazi-Regierung an der Art des Hitlergrußes vor der Klasse feststellen. Der richtige Hitlergruß war ja mit ausgestrecktem Arm. Das machte dieser eine, die anderen machten nur eine kurze Bewegung mit der Hand, bei der manchmal die ganze Ablehnung und Verachtung für diese Regierung mitschwang.
