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Mit dem Fall der Mauer arbeitslos geworden, beschließt eine Familie mit ihren drei Kindern ihr Glück in Frankreich zu suchen und sich dort ein neues Leben aufzubauen. Sie kaufen ein Stück Land, zwischen Fluss und Wald gelegen, auf dem ein alter, baufälliger Ziegenstall steht. Bauen wollen sie, einen Garten anlegen, Ziegen halten und vom Käseverkauf leben. Doch dann entwickelt sich alles anders, als es gedacht war. Die Autorin findet sich nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Mann mittellos mit ihren drei Kindern auf der Wiese wieder. Mit dem gesamten Geld, dem Auto und allen nützlichen Werkzeugen hat er das Weite gesucht. Er wird nicht mehr zurückkommen. Da sie niemanden weiß, der sie mit den Kindern aufnehmen würde, beginnt sie den vorhandenen Ziegenstall auszubauen. Die vergangenen Erlebnisse und die veränderte Situation, in der sie sich findet, lassen sie Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Bedeutung von Gerechtigkeit, Liebe, Haben und Sein neu überdenken. Plötzlich erkennt sie, dass erst ihr plötzlicher Fall in die völlige Mittellosigkeit, ihre ureigenen Kräfte, ihre Kreativität und verborgene Fähigkeiten hervorgerufen hat. Auf 15 m2 wird sie die nächsten Jahre ohne Strom und Wasseranschluss mit ihrem jüngsten Kind verbringen, einen Garten anlegen und lernen in und mit der Natur zu leben. Sie waschen sich im nahen Fluss, kochen auf offenem Feuer und schlafen während des Sommers unter freiem Himmel. Überraschend erfährt sie, dass dieses Leben sie rundum glücklich macht. Das naturverbundene Leben verändert ihr Denken und Fühlen. Aus dem realistischen Sozialismus kommend und einem materiell abgesicherten Leben in der Stadt, lernt sie das Leben neu und gibt ihm andere Wertigkeiten. Sie findet zu sich selbst, muss sich aber auch mit ihren Ängsten auseinandersetzen, um sich letztlich davon befreien zu können. Bisher Verschüttetes und Verdrängtes tritt an die Oberfläche.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Heidi Prohl
Weggehen
Über meinen Ausstieg aus der Gesellschaft
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1.Teil - Aufbruch
2. Teil - Jahre später - Erinnerung
3. Teil - Landleben
Impressum neobooks
Jedes Leben stellt eine Herausforderung dar und gleich, unter welchen Verhältnissen ein Mensch geboren wird und aufwächst, die Erlebnisse der ersten Monate und Jahre prägen ihn für sein Leben. Später wird er sich vielleicht gut damit arrangieren können oder er bemüht sich, diesen bestimmenden ersten Erlebnissen zu entkommen. Dann sind diese möglicherweise vergessen, liegen vergraben in seinem Unterbewusstsein und er weiß nicht, weshalb es ihn treibt so oder so zu handeln und wegzugehen.
Doch wie das Leben eines Menschen auch aussieht, es lässt Rückschlüsse zu auf die ersten Erlebnisse seiner Kindheit, denn unbewusst suchen wir nach den Herausforderungen, die zu uns selber und zur Erlösung führen. Zur Erlösung aber gelangen wir oft erst durch das Leid, was wir bestrebt sind zu vermeiden. Somit treffen wir manchmal Entscheidungen, die entgegen unserer Absicht schmerzhafte Prozesse einleiten. Diese schmerzhaften Prozesse können uns jedoch eine innere Wandlung erfahren lassen hin zu Heilung, Vollkommenheit und Glück.
Das erfuhr ich, als ich nach Südfrankreich auswanderte und sich dort alles anders entwickelte, als es geplant war. Dieser Umzug gipfelte in einem radikalen Ausstieg und ich machte die einprägsamste Erfahrung meines Lebens. Ich verlor meine Beziehung, alles Geld und meine gesamte äußere Sicherheit, als mein Mann mich und die Kinder dort mittellos sitzen ließ. Und ich wusste niemanden, der uns hätte aufnehmen können.
Nur auf meine eigenen Kräfte und Ideen konnte ich bauen. Dies leitete einen Prozess der Veränderung meines Denkens und Fühlens ein und bestimmte meine Werte neu. Mehr und mehr ließ ich mich auf das neue Leben ein. Eine Wahl war mir ohnehin nicht geblieben. Doch nach und nach lernte ich die Situation anzunehmen und zunehmend wurde ich neugierig, wo dieses unabhängige Dasein in der Natur mich hinführen würde. Diese Erfahrung sollte sich später als das Beste erweisen, was mir hätte passieren können.
Diese große Herausforderung hatte ich nicht gewollt, doch erst sie hat mich in meine Kraft gebracht. Meistens haben wir die Wahl, Herausforderungen anzunehmen oder uns vor ihnen zu verdrücken und so zu tun, als sei alles in Ordnung, als gäbe es diese Herausforderung nicht. Hätte ich wählen können, dann wäre ich einen anderen Weg gegangen, denn ich hätte mich vor dieser Möglichkeit gefürchtet. Insofern war das Leben gnädig zu mir, indem es eine Wahl nicht erlaubte.
Eine Scheu vor großen Herausforderungen ist verständlich, denn sie erschüttern die Fundamente, auf denen wir unser Leben aufbauen, reichen bis tief in unsere Wurzeln hinab und verändern, was uns sicher scheint. Sie können unser Leben kräftig durcheinanderbringen und Angst machen. Wer diese Angst zu überwinden vermag, wird gleichzeitig einen Weg des Widerstands gegen sich selbst gehen müssen. Er muss sich aus vermeintlichen Sicherheiten lösen und auf unsicheren Boden begeben, lernen auf eigene Kräfte zu vertrauen, die endlich Gelegenheit erhalten, sich zu entfalten. Unsicherheit in den Lebensumständen bringt unser schöpferisches Potential zu Tage. Dann können Gewohnheiten aufbrechen, die uns lange schon träge gemacht haben und wir können unser Leben wieder kreativ gestalten. Indem sich alte Kräfte neu zeigen, lösen sich schließlich Ängste auf und eine neue Sicherheit entsteht, aus dem eigenen Vermögen erwachsen.
Einige erleben einen ungewöhnlichen Weg eines anderen möglicherweise als Bedrohung. Wer die eigenen Herausforderungen scheut, kann sich an Ängste erinnert fühlen, von denen er sich abhalten lässt, seinen Weg zur Erlösung zu gehen. Andere wieder entdecken ihren Mut, ein Leben nach eigenem Muster zu leben.
Wer seine Ängste jedoch nicht zu überwinden vermag, beginnt sich meist zu rechtfertigen, denn es ist schwer, sich seine eigenen Ängste einzugestehen und noch schwerer, sich vor Freunden und in der Familie zu ihnen zu bekennen. Ein solcher Mensch umgibt sich nicht selten mit Lügen und versteckt sich vielleicht hinter vermeintlichem Recht und Ordnung, um sich nicht für seine Entscheidungen verantwortlich zeigen zu müssen. Diese Lügen können sich zur Lebenslüge auswachsen.
Alle Lügen verlangen mit der Zeit nach Stützen, die sie auf wackeligem Grund halten. Sie müssen mit vielen Argumenten aufrechterhalten, laut verkündet und immer wiederholt werden, um auch den Verkünder selbst überzeugen zu können. Auf diese Weise vergrößern sie sich und gewinnen an Raum. Je mehr Raum sie beanspruchen, umso mehr Energie muss aufgewendet werden, damit sie bestehen bleiben können. Auf Dauer schwächt das den Menschen, die Lüge wird seine Kräfte aufzehren und er wird vielleicht sogar krank.
Beide Wege scheinen mir gleichermaßen schwer, der Weg der Lüge und der Weg der Wahrheit. Doch nur ein Weg führt zu uns selber und macht zufrieden. Daher ist es gut, ab und an auf sein Leben zu blicken und eine Art Revision durchzuführen. Die Stunde der Wahrheit kommt für jeden.
Eine Lüge bleibt immer eine Lüge. Es ist eine Frage der Zeit, wann sie in sich zusammensinkt und die Wahrheit erkennen lässt. Spätestens mit dem Beginn des Sterbeprozesses dämmert diese Wahrheit hindurch. Der Tod aber ist sicher und ihm kann sich niemand entziehen. Wer nicht wahrhaftig gelebt hat, muss ihn sein Leben nicht reuen? Solch eine Reue ist auf dem Sterbebett nur schwer zu ertragen, denn spätestens dann wird klar, dass der Prozess nicht umkehrbar ist. Der Tod nimmt uns Titel, Geld und Macht, er nimmt jegliche Verstellung und jeglichen Tand. Dafür lässt er uns in einen großen Spiegel schauen, in dem wir völlig ungeschminkt erscheinen. Dort müssen wir uns sehen, wie wir sind. In diesem Moment können wir uns hinter nichts mehr verstecken. In diesem Moment stehen wir völlig allein. Unsere Seele schaut sich selbst, bloß und muss die Ängste wahrnehmen, die Lügen erkennen und ungenutzte Möglichkeiten.
Möge jeder Mensch es wagen, das Leben zu leben, welches für ihn vorgesehen ist, möge jeder den Mut finden, nach seinen Bedürfnissen zu handeln und auf seine unverwechselbare Weise nach dem Glück zu suchen, so dass der Moment des Sterbens für jeden zu einem Augenblick der Freude wird.
Niemals war mir ernsthaft der Gedanke gekommen, ins Ausland überzusiedeln. Fremdsprachen gehörten in der Schule nicht zu meinen Lieblingsfächern und die Kultur ferner Länder zu ergründen interessierte mich nicht, hatte ich doch schon genug damit zu tun, die Handlungen meiner Mitmenschen in Deutschland zu begreifen.
Innerhalb Deutschlands war ich öfter umgezogen, immer nach dem idealen Lebensraum suchend und eine Verbesserung der Lebensqualität erhoffend. So hatte ich auf kleinen Dörfern mit funktionierenden Dorfgemeinschaften gewohnt, in Großstädten gelebt, in Kleinstädten studiert und Zeiten auf alleinliegenden Höfen verbracht. Überall fand ich das Leben lebenswert und liebenswerte Menschen. Überall war es besser als in meinem angestammten Elternhaus, das ich langsam zu vergessen gedachte. Das Beste, was mir zu diesem Thema einfiel. Ich wollte leben, endlich meine Kraft und Lebendigkeit spüren und nicht versuchen, eine Vergangenheit zu bewältigen, die mich zu ersticken drohte.
Doch wir können dem, was in uns ist, nicht entkommen und so fügte sich mein Leben in einer Weise zusammen, die ausschließlich auf Heilung ausgerichtet war und sich folgerichtig an die Kinderzeit anschloss. Um das zu erfahren, musste ich bis in den Wald in die Pyrenäen gehen, dorthin, wo die Erinnerung mich finden konnte, der ich ausweichen wollte.
Vorher erlebte ich mitten im Osten eine weitgehend unbeschwerte Jugendzeit. Meine Volljährigkeit entließ mich in die Freiheit. Endlich 18, endlich frei, dachte ich und blickte auf eine ganze Welt voller Möglichkeiten. Nein, nur eine halbe Welt und noch genauer, nicht einmal das, denn ich wohnte in der DDR, in einem kleinen Land mit dichten Grenzen, die nur in Richtung Osten und Südosten etwas durchlässiger waren, wo die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien, Länder die zum sozialistischen Lager gehörten, bereist werden konnten.
Mitten durch meine Heimatstadt Berlin verlief eine Mauer, ein ganzer breiter Grenzstreifen, durch hohe Stacheldrahtzäune vom Rest der Welt abgeteilt, vermint, mit Selbstschussanlagen gesichert und von Grenzsoldaten mit Schießbefehl auf Aussichtstürmen bewacht. Manchmal knallte dort ein Schuss durch die Nacht, drang in meine Ohren, wenn ich schlaflos in meinem Bett lag und beendete ein Leben. Auch wenn man uns gelehrt hatte, dass solches notwendig sei, erschreckten solche Notwendigkeiten und ließen Unverständnis zurück. Wie verzweifelt musste einer sein, der den Mut aufbrachte, diese Grenzanlage überwinden zu wollen.
Ich selber wollte mich gegen kein System auflehnen, sondern im Gegenteil, hineinwachsen, einen Platz finden, an dem ich dazugehören konnte und endlich der Einsamkeit und Missachtung entkommen, die ich in meiner Familie ertragen musste. Ich wollte nicht außerhalb stehen, sondern mittendrin. Gute Leistungen sollten mir Anerkennung und Liebe verschaffen und ich wollte ein wertvolles Mitglied der sozialistischen Gesellschaft sein.
Nach dem 2. Weltkrieg rangen die Mächtigen weiter um Macht und Einfluss. An Schulen und in Betrieben wurde versucht, Grenzen quer durch die Köpfe der Menschen ziehen. Diese sollten uns einengen, einseitig denken lassen und wir suchten sie zu überwinden. Wir wuchsen mit der Pionierorganisation und der FDJ - die Jugendorganisation in der DDR - auf und unsere Väter und Mütter gehörten in vielen Fällen eine der vier existierenden Parteien an, die alle dasselbe sagten. Eine freie Meinung war nicht erwünscht, eine ehrliche Äußerung oft gefährlich.
Doch alle offiziellen Zwänge galten nichts im Verhältnis zu der Freiheit, die mich erwartete, als ich endlich so weit war, das Elternhaus verlassen zu können. Alle mir vorher durch Vater und Mutter auferlegten Zwänge fielen weg und ich entkam der ständigen Angst und Bedrohung, die einen ganz privaten Charakter hatte. Inmitten eines der beschränktesten Länder fühlte ich mich mit 18 Jahren frei und glücklich und nahm alles wahr, was zu meiner Verfügung stand. Ich tauchte ein in eine große Freundesschar, feierte und tanzte, diskutierte, reiste und probierte das Leben und die Liebe.
Die siebziger Jahre schenkten uns eine wundervolle Jugendzeit. Die Ideen der 68er, Beatmusik und der Geruch von freiem Leben schwappten über die Mauer. Gerade rechtzeitig mit dem Erwachen unseres sexuellen Interesses wurde die Pille erfunden, Aids kannten wir nicht und die verkrusteten Moralvorstellungen der älteren Generation zu durchbrechen, gab uns ein wundervolles Gefühl. Wir waren die Generation, die nach dem Krieg aufatmete und mit der Welle eines neuen Zeitgefühls schwimmend ein neues Lebensgefühl genoss. Und ich hatte Glück. Meine frei geäußerten Meinungen erreichten nie das Ohr eines verräterischen Spitzels, so dass mir persönlich von staatlicher Seite kein Leid geschah.
Wir hatten uns von den Schrecken des Krieges gelöst, mit denen unsere Eltern noch verstrickt waren und wuchsen in eine bessere Welt hinein, die Alten hinter uns traumatisiert zurücklassend. Das Alte interessierte mich wenig und die Geschichte meiner unmittelbaren Vorfahren interessierte mich gar nicht. Ich blickte nach vorn.
Es gab noch kein Internet und keine Handys, die meisten im Osten besaßen nicht einmal ein Telefon. Das Fernsehen beschränkte sich auf einen Sender im Osten und zwei im Westen, die erst nachmittags zu senden begannen. Auch die Zeitschriftenlandschaft war überschaubar. Die Informationen, die uns erreichten, konnten noch verarbeitet werden.
Freunde trafen sich abends spontan, da ein vorheriges Verabreden schlecht möglich war. Viele Türen standen für viele Menschen offen. Unsere Partnerschaftsprobleme besprachen wir ebenso, wie die Verhältnisse in Ost und West. Solidarität und Hilfe waren selbstverständlich. Babysitter waren noch nicht erfunden. Eltern, die abends fortgehen wollten, gaben den Wohnungsschlüssel einfach bei den Nachbarn ab, die nach den Kindern schauten. Das Leben war auf eine besondere Weise unproblematisch, Arbeitslosigkeit war unbekannt. Jeder konnte jederzeit einen Job finden, alle waren versichert. Mieten und öffentliche Verkehrsmittel waren billig, Lebensmittel ebenso. Alle Bildungsstätten waren kostenlos.
Die Menschen waren gleicher als heute, Konkurrenz und Neid existierten in weit geringerem Maße. Es gab die Möglichkeit, sich für 10 Mark im Monat bei der öffentlichen Krankenkasse zu versichern, wenn man sich in Perioden befand, in denen man nicht arbeiten konnte oder wollte. In Zeiten finanzieller Not nähte ich Kleidung und verkaufte sie vor einem Berliner Kaufhaus ohne eine Genehmigung dafür zu besitzen und Steuern zu bezahlen. Die Polizei, die schließlich vorbeikam, forderte mich auf, mir einen anderen Platz zu suchen. Vor einem Kaufhaus, das wäre weniger passend, sagten sie.
Auf dieser materiell sicheren Grundlage träumten wir von einer Verbesserung der Gesellschaft. Meinungsfreiheit, eine freie Presse und Reisefreiheit standen an erster Stelle dessen, was wir uns wünschten, alle Bücher wollten wir lesen dürfen und unsere geliebte Musik hören. Arbeit und kostenlose Bildung für alle erschienen uns selbstverständlich. Nur schlecht konnten wir uns vorstellen, dass Arbeitsplätze rar werden könnten und Bildung bezahlt werden musste. Und dann wurden scheinbar unsere Wünsche über Nacht erfüllt. Die Mauer öffnete sich und vieles entwickelte sich anders, als wir es erträumt hatten.
Zur Zeit der Wende, ging alles drunter und drüber. Als sich die alten Strukturen auflösten und die neuen sich noch nicht gefestigt hatten, befand auch mein Leben sich im Umbruch. Ich war mit meinem dritten Kind schwanger. Somit war es nicht möglich, eine feste Arbeitsstelle zu ergattern.
Die Jahre vorher hatte ich als freischaffende Grafikerin mein Geld verdient, wobei das Wort „freischaffend“ keinen Zustand völliger Unabhängigkeit kennzeichnet. Auch als Freischaffende bewegt man sich mehr oder weniger in einem Kreis fester Auftraggeber, die immer wieder auf einen zukommen, hat sich die Zusammenarbeit einmal bewährt. Ich arbeitete für Buchverlage, kleine Betriebe, auch mal einen privaten Kunden oder öffentliche Auftraggeber. Nun aber wusste keiner, wie es weiter ging. Die Verlage in der DDR konnten ihre Bücher nicht mehr absetzen und die gesamte Schulbuchproduktion stagnierte, alte Verträge wurden ausbezahlt und kamen zum Erliegen, neue Aufträge wurden nicht erteilt. Ich wurde arbeitslos.
In mir wuchs ein prächtiges Kind heran, während sich die Gesellschaft neu formte, die Grundstückspreise explodierten und jeder versuchte, irgendwie mit dem Arsch an die Wand zu kommen.
Wir waren im Sommer 1989 auf einen sich im Zerfall befindlichen Hof in das Havelland gezogen, abgelegen hinter einem Übungsplatz der Russen gelegen, der nur überfahren werden durfte, wenn die Schranken unten waren. Wer in die andere Richtung kommen wollte, musste die Fähre über die Havel nehmen. Das ganze Ensemble wurde durch die Anwesenheit eines Atomkraftwerkes in nicht zu weiter Entfernung abgerundet. Die Landschaft war wundervoll, die Stille berauschend.
Wie auf einer Insel lag das Dorf „Neuwartensleben“. Zurückgelassen und fast vergessen verstreuten sich einige Höfe zwischen Feldern und Flusswiesen, durch staubige Wege miteinander verbunden, über die ein Duft von bunten Kräutern lag. Hier schien jeder auf seine Weise auf ein Leben danach zu warten, hoffnungsvoll oder resignierend vom Geschrei der Fluggänse am grauen Himmel begleitet.
Freunde, denen der Hof gehörte, wollten ihn uns vor der Wende für wenig Geld verkaufen. Land und Haus waren im Osten unvorstellbar billig gewesen. Die veränderte Situation, die sich mit dem Mauerfall einstellte, ließ sie den Verkauf neu überdenken und uns, die wir dort schon wohnten, in einer unerklärten und unsicheren Situation. Voller Tatendrang und in diesem gebremst, da sich die Besitzer zu keiner Klarheit bereitfanden, brachte ich mein drittes Kind zur Welt. Zwischen Haushalt und Stillen, der Beschäftigung mit den zwei älteren Kindern und der Gartenarbeit, suchten wir nach einer Lösung für uns. In ganz Deutschland suchten wir eine Alternative und diese sollte unbedingt auf dem Land sein, die Möglichkeit eines eigenen Gartens einbegriffen. Es war nichts zu finden, was unseren finanziellen Möglichkeiten entsprochen hätte.
Wir zogen gezwungenermaßen in einen Plattenbau nach Berlin Marzahn in ein 11. Stockwerk. Statt auf Fluggänse am weiten Himmel blickten wir nun auf Beton und Autos. Statt freundlicher Nachbarn, mit denen man Kaffee trinken konnte, begegneten uns misstrauische Blicke und an der Tür klingelnde Menschen, die einen etwas Unsinniges verkaufen wollten. Das war keine gute Situation, zumal es zunehmend fraglich war, ob ich mich noch einmal auf dem Arbeitsmarkt eingliedern konnte. Mein Mann war ebenfalls arbeitslos, seine Aussichten ebenso wenig rosig wie die meinen.
Ohne Zukunft aber kann man nicht leben und zwischen einfallslosen Betonbauten, die rechteckige Löcher in den Himmel stoßen, kriecht einem die Kälte ins Herz. Es gab nur ein Verlangen: Weg, fort von dort und irgendwie doch noch aufs Land und ins Grün, einen Garten anlegen, Kartoffeln pflanzen und Hühner halten. Ich war sicher, es würde eine Möglichkeit geben, auch wenn ich mir diese noch nicht vorstellen konnte.
Die Verhältnisse in Ostdeutschland nach dem Mauerfall glichen einem Chaos, wie es immer nach großen Umwälzungen entsteht. Freiräume eröffneten sich dort, wo alte Strukturen nicht mehr vorhanden waren und neue sich noch nicht verfestigt hatten. Was für eine Stimmung! Viele Menschen hielten vieles für möglich, was ihnen vorher völlig aussichtslos erschienen wäre. Die Mauer war weg! Die von Stacheldraht und vermintem Gelände so geschützte Republik DDR war in Auflösung begriffen und alle Ufer schienen erreichbar. Plötzlich herrschte Freiheit, Freiheit rundum! Es war möglich und sollte bald alltäglich werden, so einfach in den Westen zu fahren, einfach so. Das kann von jemandem, der gewohnt war, die Welt zu bereisen, schwer nachempfunden werden.
Plötzlich lagen alle Bücher, die mich interessierten, einfach so vor mir und die Beschaffungsfrage fiel weg. Als ich das erste Mal in einen Plattenladen kam und dort all die Schätze von Pink Floyd bis Neil Young und Laurie Anderson in Stapeln stehen sah, musste ich weinen, so unfassbar erschien mir mein Glück. Es war das kleine irdische Paradies. Von Menschen, die ihre Gedanken und Ideen durch Bücher, Musik und Theaterstücke zum Ausdruck brachten, konnte ich mich anregen lassen, mich mit ihnen auseinandersetzen. Plötzlich fühlte ich mich wie in ein alternatives Meer gestoßen. Die Welt beschränkte sich nicht auf einige wenige, mutige DDR Kritiker, die Welt war durchsetzt mit klugen Ideen von klugen Menschen, die nach alternativen, menschlicheren Lebensweisen suchten. Da waren sie, meine Familie. Und sie waren überall, eine ganze Welt voller möglicher Freunde.
Doch ein wirkliches Paradies erschöpft sich nicht mit einigen Schallplatten und Büchern, und auch nicht mit Urlaubsreisen, während derer man nicht einmal probeweise das tatsächliche Leben erfährt. Im wirklichen Paradies liegt das Leben selbst, das man sich zu führen träumt. Und dieses Leben lag für mich mitten in wilder, unberührter Natur, dort, wo ich Robinson gleich meine ganze Schöpferkraft entfalten konnte, wo ich Frau meines Lebens sein konnte, selbstbestimmt die Welt erkunden und in ihr mich erproben und behaupten. Ich MUSSTE einen Garten haben, so wild und abgeschieden wie nur möglich!
Das Schicksal hatte mich einige Jahre vorher auf das „Buch vom Leben auf dem Lande“ von John Seymour gestoßen, so dass ich wusste, nichts war unmöglich. Auch wenn ich seine Anregungen – wie beispielsweise die Behauptung, jeder Mensch könne sich überall auf der Erde einen Brunnen bauen, wenn er nur ein bisschen fleißig sei – eher als das wahrgenommen hatte, was sie waren: Lustmacher und Mutmacher, so war klar, nichts war unmöglich, wenn man es nur genügend wollte.
Ich wollte nicht nur theoretisch leben, mich an Filmhelden ergötzen und Romane vom großen Abenteuer lesen, ich wollte selber leben und erfahren, was das Leben bereithält und es auskosten mit allem, was dazu gehört. Das bedeutete, die abgesicherte Komfortzone zu verlassen. Es bedeutete, Risiken einzugehen, heute nicht zu wissen, was einen am nächsten Tag erwartet, aber auch, die eigenen Fähigkeiten zu ergründen, an Grenzen zu gehen, sie auszutesten und sie zu überwinden.
Sich auf etwas Unbekanntes einzulassen bedeutet gleichzeitig, ein Scheitern für möglich zu halten. Obwohl niemand dies zu Beginn eines Aufbruchs ins Auge fasst, sondern jeder Abenteurer sein glorreiches Ziel vor Augen hat, nimmt er das Wissen um die Gefahr und das Scheitern mit auf seine Reise.
Als ich zufällig die Annonce fand, war es sofort klar. Ich hatte es gefunden. Das war für mich bestimmt. Das war mein Land, nach dem ich unbewusst gesucht hatte. Ich wusste es, ohne es gesehen zu haben, ohne jemals dort in der Nähe geweilt zu haben. Es war an der Zeit wegzugehen, die Tür zuschlagen, sich umzudrehen und in eine andere Richtung schauen. Das neue System hatte uns mit Arbeitslosigkeit begrüßt und einer Veränderung der Werte hin zu Rücksichtslosigkeit. Viele meiner Bekannten und Freunde stellten von einem Tag auf den anderen eine Sicherheit in den Mittelpunkt ihres Interesses, die sich auf Geld und Besitz gründete. Und da tat sich plötzlich eine Tür auf, eine Tür, die in den Wald und die Wildnis führte. Meine Zeit in Deutschland war zu Ende. Ich wusste es sofort. Es beginnt etwas Neues, etwas sehr eigenes, ein auf andere Weise selbstbestimmtes Sein.
Ich hatte eine Zeitung gekauft, obwohl ich nie Zeitungen kaufte, auch keine Zeitschriften. Nachrichten las und hörte ich nicht, denn sie waren mir zu selten positiv und irgendwie hatte ich immer gespürt, diese Dinge gingen mich nicht viel an, sie passierten weit weg und waren durch mich nicht zu beeinflussen. Ich wollte meine Seele nicht mit Rechtfertigungen für sinnlose Kriege vergiften, mit Rechthaberei und Geltungsdrang. Daher las ich keine Zeitungen und hörte auch keine Nachrichten. An diesem Tag aber im September 1990 kaufte ich eine Zeitung, aus einer Laune heraus, einfach so, ohne einen Grund dafür zu haben. Darin stand folgende sensationelle Meldung:
Grundstück in den Pyrenäen zu verkaufen, Ziegenstall, Wiese, Wald, am Fluss gelegen, 17000 Mark.
Das Wort Pyrenäen zerging mir auf der Zunge wie Amarena-Eis mit Schlagsahne. Diese Kombination von seltenen Buchstaben, wie sie auch in Ägypten und Pygmäen zu finden ist, fand ich schon in der Schule faszinierend. Es roch nach Mysterien, nach Geheimnissen, die die Welt erklären konnten und einer Vergangenheit, von der noch kein lebender Mensch Kenntnis hatte. Es musste sich einfach um ein geschichtsträchtiges Land handeln, so etwas wie die Wiege der Menschheit, der ursprüngliche Anfang, von dem niemand Kenntnis hatte. Ich stellte mir vor, aus einem tiefen unterirdischen Höhlensystem , das die ganzen Pyrenäen durchzog, kamen einst die ersten Menschen hervor, geboren aus der Erde, als Geschenk an den Himmel, denn sie trugen die Gene der Götter in sich. Daher nannten sie sich Himmelsgeschöpfe, aus der Erde geboren. So wollte ich es. Magisch fühlte ich mich angezogen, dort wollte ich sein, mich vom Urgrund nähren und vom Himmel küssen lassen.
Vor meinen Augen entstanden idyllische Bilder, eine grüne Wiese am Fluss, blauer Himmel über duftendem Gras, Vogelzwitschern und Sorglosigkeit. Freiheit. Allein auf einer Wiese tun können, was ich will. Nackt im Fluss baden, im Regen tanzen, am Feuer sitzen und unter freiem Himmel beim Zählen der Sterne einschlafen. Niemand würde Regeln für mich aufstellen, niemand Vorschriften machen oder mich maßregeln, wenn ich unsinnige Erwartungen anderer Leute nicht erfüllte. Dort würde alles unberührt von menschlicher Willkür sein, ein Ort, an dem ich sein konnte.
Und ich hatte genau 17000 Mark auf meinem Konto! Zufälle gibt es nicht. Ich war mir sicher, diese Zeitung hatte ich nicht ohne Grund gekauft, irgendeine Energie hatte mich dazu verleitet, weil sie mich zu dem Ort führen sollte, der für mich bestimmt war.
