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Gianna wächst behütet in einer christlichen Familie auf. Als sie sechzehn Jahre alt ist, erhängt sich ihre Mutter im Nachbarhaus nach einer stillen Depression - ohne Vorwarnung. Die Endgültigkeit der Situation hinterlässt große Erschütterung, Verzweiflung und Trauer. Wenige Jahre danach erkrankt ihr Vater an Krebs und verliert kurze Zeit später den Kampf gegen die Krankheit. Giannas langsam zurückgewonnenes Vertrauen in einen guten Gott wird auf eine harte Probe gestellt. Doch das Wunder, das ausblieb, bewirkt letztlich ein Wunder in ihr. Ein Zeugnis über die Perspektive Ewigkeit, die Hoffnung in Christus und Gott inmitten allen Leids.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Gianna Rowena Wemmer ist Grundschullehrerin an der Freien Evangelischen Schule in Böblingen und Teil des Staff und Predigteams im ICF Herrenberg. Sie ist verheiratet und Mutter einer Tochter.
Gott im Leid finden – Eine wahre Geschichte von Verlust, Zweifel und Hoffnung
Gianna wächst in einer liebevollen, christlichen Familie auf, bis sie ihre Mutter durch Suizid und wenige Jahre später ihren Vater aufgrund einer Krebserkrankung verliert. Die Heilungswunder, für die in beiden Fällen intensiv gebetet wurde, bleiben aus. Der Schock erschüttert Giannas Weltbild. Offen erzählt sie von Schuldgefühlen, Schmerz und Anklage – gegen sich selbst, gegen andere, gegen Gott. Ihr Glaube wird bis ins Mark geprüft. Doch mitten im Leid begegnet sie einem Gott, der bleibt. Eine bewegende Lebensgeschichte über Schmerz, Gnade und eine Hoffnung, die selbst den Tod überdauert.
»Giannas Geschichte berührt mich tief und lässt mich über die Schicksale trauern, die dieses Leben mit sich bringt. Aber nur über solche Geschichten können wir die Güte und Liebe Gottes im Leben verstehen lernen, die nicht trotz, sondern mitten im Schmerz real sind. Selbst Freunden fröhlicher Geschichten möchte ich die Lektüre daher wärmstens empfehlen, denn das Leben für sich hat kein Happy End und endet oft schneller im Drama, als wir befürchten. Nur Jesus ist unser glückliches Ende, und mit ihm ist alles gut.«
ULRICH NEUENHAUSENLeiter Forum Wiedenest e. V.
»Giannas Geschichte ist ein tief bewegendes, ausgesprochen ehrliches und überraschend hoffnungsvolles Zeugnis – von unserem Gott, der sich selbst in unaussprechlichem Schmerz zeigt als »Immanuel« (= Gott mit uns). Als Menschen, die ihre Geschichte nicht nur lesen, sondern Gianna persönlich kennen, sind wir immer wieder überwältigt, wie Jesus ihr Leben gebraucht, um Menschen tiefgreifend zu ermutigen und ihren Blick auf diese Hoffnung zu lenken, die selbst den Tod überwindet.«
KATIE & DAVID SCHNEIDERLt. Pastoren ICF Herrenberg
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
ISBN 978-3-7751-7682-8 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-6302-6 (lieferbare Buchausgabe)
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
© 2026 Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH
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haenssler.de
Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen
Weiter wurden verwendet:
Elberfelder Bibel 2006, © 2006 R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen. (ELB)
Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®.
Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel. (HfA)
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Used by permission. (LUT)
Lektorat: Anne-Julia Haupt
Umschlaggestaltung: Katie Schneider, www.la-gom.de
Titelbild: Kristin Falk, Lagom
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Für Mama und Papa.Und für all diejenigen, die aufgehört haben, an Wunder zu glauben.
Es gibt kein Leben ohne Leid in einer Welt,in welcher der König gekreuzigt wurde.Aber es gibt ein Leben mit diesem König,welcher sich für dein Leid hat kreuzigen lassen.
Es gibt ein ewiges Leben ohne Leid,weil der König sich hat kreuzigen lassen.
Über die Autorin
Über das Buch
Stimmen zum Buch
1 Mein Schlaraffenland
2 Krank sein ohne Diagnose?
3 Mama ist tot
4 Und was bleibt, ist ein Brief
5 Die Schuldfrage
6 »Christliche« Schamkultur
7 Die Tränen meines Vaters
8 Perspektive Ewigkeit
9 Hält mein Glaube stand?
10 Wunderlos
11 Heimkehr
12 Steh auf und komm
13 Vorfreude
14 Rückfall
15 Gott ist gut
Danksagung
Anmerkungen
»Auch wenn Berge weichen und Hügel beben, soll meine Gnade nicht von dir gehen; und der Bund meines Friedens soll niemals wanken«, spricht der HERR, der Erbarmen mit dir hat.
Jesaja 54,10
Meine Geschichte beginnt im September 1992. Geboren bin ich erst vier Jahre später, aber in diesem Herbst sind sich meine Eltern das erste Mal begegnet. Mein Vater war gerade in seinem zweiten Jahr an der Bibelschule in Wiedenest. Meine Mama kam, um ein Schuljahr zu absolvieren. Beide hatten vorher schon eine Ausbildung beendet, mein Vater war Elektroniker und meine Mama Krankenschwester. Sie hatten unabhängig voneinander beschlossen, dass sie die kommende Zeit ihrem Glauben, ihrem Gott widmen wollten. Sie hatten das Herzensanliegen, anderen Menschen von ihrem Glauben zu erzählen und noch mehr über Gott und sein Wort, die Bibel, zu lernen. Sich zu verlieben, stand dabei wohl erst mal nicht auf dem Plan.
Als ich Kind war, erzählte mein Papa immer wieder, dass meine Mutter die schönste Frau sei, die er kannte. Ich stelle mir gerne vor, dass es Liebe auf den ersten Blick war. Ganz unwahrscheinlich ist es nicht, denn schon am 14. Dezember 1992 schrieb mein Vater zum ersten Mal über meine Mutter in seinem Tagebuch:
Liebe Sabine!Heute ist der 14. 12. 1992. Mir kam die Idee, alles, was mit Dir und mir und meinen Gefühlen, Empfindungen, Ängsten, Wünschen zu tun hat, aufzuschreiben und dich an meiner Freude und meiner Trauer teilhaben zu lassen. Das ist aber nicht nur für dich, wenn ich es dir einmal gebe, sondern auch für mich selbst. […]Mich nimmt die derzeitige Situation unheimlich in Anspruch, manchmal mehr, als mir lieb ist. Wenn wir uns zum Beispiel – wie gestern – mehrmals am Tag sehen, aber kein richtiges Wort miteinander wechseln, könnte ich ausflippen. Es ist eine riesige Kluft zwischen dem, was mir mein Verstand sagt, und dem, was mein Gefühl möchte. Ich bin in dich verliebt, und das merke ich an solchen Tagen ganz besonders.Am liebsten wäre es mir, du würdest heute Ja sagen. Auf der anderen Seite möchte ich dich aber auch nicht unter Druck setzen, dir Zeit lassen. Mir schwirren tausend Gedanken durch den Kopf und ich weiß nicht, wie ich sie verarbeiten soll. Es fällt mir unheimlich schwer, ganz auf Gott zu vertrauen.
Hier ist es wichtig zu wissen, dass es den Schülern der Bibelschule zur damaligen Zeit nicht erlaubt war, eine Beziehung zu beginnen, aber gegen die Liebe ist man bekanntlich machtlos. Für meine Eltern hieß das allerdings, dass keine Treffen zu zweit möglich waren. So fanden ihre ersten Begegnungen ausschließlich in der Gruppe statt: bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten, im Unterricht oder bei den Mahlzeiten im Speisesaal. Durch das Leben an der Bibelschule konnten sie ihren Alltag zumindest zeitweise teilen, aber ein wirkliches Kennenlernen war nicht einfach. Deshalb begannen sie, sich Briefe zu schreiben. Insgesamt habe ich heute noch 152 dieser Briefe aus den Jahren 1992 und 1993. Sie sind voll von alltäglichen Erzählungen, Fragen, Zukunftsplänen, Zweifeln und Freude.
Ellenbach, 6. 7. 1993
Liebe Sabine,heute Abend bin ich schon ziemlich müde, aber ich möchte dir trotzdem wenigstens ein paar Zeilen schreiben.Was uns hält und was uns trägt, ist mehr als ein Gefühl und mehr als ein »Ich liebe dich«. Denn Gott selbst hat gezeigt, dass er in uns viel stärker ist. Es gilt: Die Liebe bleibt bestehen.Ich habe heute einiges wegen des Autos entscheiden müssen bzw. muss es noch. Wir brauchen mindestens einen neuen Reifen. Morgen fährt Papa das Auto noch zum TÜV und die Motorhaube müssen wir auch lackieren, da sie sonst mit der Zeit kaputtgeht. In Originalfarbe können wir es aber nicht machen, da es eine Sonderlackierung ist und ca. 400 DM kostet. Außerdem habe ich heute noch einen Strafzettel über 20 DM wegen Falschparken bekommen.In der Stadt habe ich auch nach Haushaltsgeräten und Waschmaschinen geschaut. Wenn man heute einen Hausstand gründen will, muss man Millionär sein. Aber das wird sich alles klären!Ich wünsche dir für den morgigen Tag Gottes Segen und viel Kraft.Ich liebe dich,Thorsten
Meine Eltern waren wohl nicht die Einzigen, die sich während der Bibelschulzeit gerne näher kennenlernen wollten. Und so kam es, dass die Regeln sich langsam lockerten. Später haben sie mir und meinen Geschwistern immer wieder erzählt, wie sie der Schulleitung Bericht erstatten mussten, aber sie durften dann eine Beziehung beginnen. So schufen die beiden einen Präzedenzfall und waren das erste offizielle Paar an der Bibelschule im Jahr 1992. Da zögerte mein Vater nicht lange.
Wiedenest, 28. 1. 1993
Liebe Sabine,als ich heute vor vier Wochen aufgestanden bin, wusste ich noch nicht, was mich an diesem Tag erwartete. Ich hatte viele Wünsche und Gedanken, aber ich hätte nie gedacht, dass sich mein größter Wunsch erfüllt. Du hast mir an diesem Tag das größte Geschenk gemacht, das du überhaupt machen konntest. Du hast »Ja« zu unserer Beziehung und »Ja« zu mir gesagt.Ich habe in den letzten vier Wochen viel von dem verstanden, was es heißt, überreich beschenkt zu sein.Mein Wunsch, Ziel und Gebet ist es, Dir all das, was du brauchst, als Freund zu geben. Ich weiß, dass ich dir nicht alles geben kann, dass ich manchmal Fehler mache.Ich weiß aber auch, dass ich dich liebe!Ich weiß, dass ich nicht die Hoffnung habe, dass unsere Beziehung hält, weil du Dich auf meine Treue und Liebe verlassen kannst, sondern weil Gott uns liebt.Dein Thorsten
Ja, man kann wirklich sagen, dass mein Vater nicht zögerte. Auch der Heiratsantrag ließ nicht mehr lange auf sich warten. Erst vor Kurzem habe ich mit einer damaligen Freundin meiner Mutter telefoniert. Auch sie meinte: »Die beiden kannten sich nicht lange, aber deine Mama war sich einfach sicher.«
Folgendes schrieb mein Vater im Frühjahr 1993:
14. 5. 1993… ich liege im Bett und wollte noch ein paar Zeilen aufschreiben, die mir heute wichtig geworden sind. Als Erstes möchte ich noch einmal sagen, wie sehr ich dich liebe. Ich weiß, das sage ich ziemlich oft, aber das soll die Qualität nicht mindern. […] Ich freue mich, mein Leben mit dir zu verbringen, und auf unsere Verlobung in 15 Tagen!
Er schien selbstbewusst davon auszugehen, dass die Antwort meiner Mutter für ihn positiv ausfallen würde. Und er sollte recht behalten.
Wiedenest, 24. 7. 1993
Lieber Thorsten,wieder mal denke ich viel an dich. In fast fünf Monaten sind wir verheiratet, d. h. ein Leben lang uns anvertraut. Wir werden gemeinsam wohnen, entscheiden usw. Manchmal ist es alles wie ein »unbekanntes Land« und ich weiß, wir werden viel lernen müssen, aber ich liebe dich! Es gibt so vieles, was ich mit dir bereden möchte und auch durchleben möchte. Nun, nur noch eine kurze Zeit und dann haben wir diese Zeit überstanden.Sabine
Die beiden heirateten am 1. Januar 1994. Gemeinsam mit ihren Freunden, Familien und unter Gottes Segen starteten sie in ihre Ehe, in eine gemeinsame Zukunft, gespannt darauf, was Gott für sie bereithalten würde.
An diesen Notizen und Briefen berührt mich bis heute nicht nur die Zuneigung meines Vaters und die gegenseitige Liebe meiner Eltern, mich bewegt auch, wie Gott die Fäden in seinen allmächtigen Händen gehalten hat. Ihre gemeinsame Geschichte begann hier. Wenn du dieses Buch liest, wirst du merken, diese Geschichte enthält sowohl Höhen als auch tiefste Tiefen. Ihre Pläne wurden immer wieder durchkreuzt. Manches mag nach eigenem Versagen klingen, anderes nach bloßem Unglück oder einem unvorhersehbaren Schicksalsschlag.
Für mich ist Gottes Gegenwart und sein Plan in dieser Geschichte erkennbar. An manchen Punkten mag es so scheinen, als hätte er die Kontrolle verloren, aber dann wird sein Eingreifen wieder deutlich. Gott schreibt seine Geschichte mit ganz normalen Menschen; Menschen mit Schwächen und Stärken; Menschen, die Schuld auf sich laden und abhängig sind von seiner Vergebung; Menschen, deren Herz gebrochen ist und die Gott in dieser Unvollkommenheit suchen; Menschen, die an alltäglichen Herausforderungen scheitern, so wie ich es immer wieder tue und wie es auch meine Eltern getan haben. Gerade diesen Menschen begegnet er jeden Tag wieder mit seinem Versprechen der ewigen Gnade.
Wenn du nun unsere Geschichte liest, möchte ich dich einladen, das im Hinterkopf zu behalten. Wir können auf ein Versprechen bauen: Unser Gott schreibt Geschichten mit Happy End. Denn wenn wir an ihm festhalten, werden wir früher oder später in seiner Gegenwart ankommen. Wir werden seine Gegenwart hier erleben und unsere Ewigkeit bei ihm verbringen.
Aus der jungen Liebe meiner Eltern ist erst mein Bruder Lucas im Jahr 1995 entstanden. Ich wurde im Sommer 1996 geboren und meine Schwester Leonie folgte im Frühjahr 2000. Da war die Familie komplett, eine glückliche, fünfköpfige Familie. Wahrscheinlich hätte man uns als ziemlich normal bezeichnet.
Mein Vater hatte verschiedene Jobs, vom Pastor bis zum Staubsaugervertreter, und so wechselten wir öfter den Wohnort. Wir lebten meistens in einem Reihenhaus und hatten einen kleinen Garten und eine Katze. Meine Mutter verbrachte unsere ersten Jahre zu Hause, um unsere Erziehung selbst in die Hand zu nehmen. Dass unsere Eltern nicht für uns da waren, kannte ich gar nicht.
Wenn ich zu Schulzeiten das Haus verließ, hatte ich ein liebevoll gepacktes Vesper im Rucksack, meine Mutter gab mir einen Kuss zum Abschied und wartete mit dem frisch gekochten Essen, wenn ich wieder nach Hause kam. Wenn ich eine Frage bei den Hausaufgaben hatte, war sie da; wenn eine wichtige Klassenarbeit anstand, wurde gemeinsam gelernt; wenn ich eine neue Begeisterung entwickelte, wurden keine Mühen gescheut, mir ein neues Hobby oder Ähnliches zu ermöglichen. Jeder meiner Schulfreunde war bei uns willkommen, ob geplant oder spontan. Einmal im Jahr durfte ich mir zum Geburtstag ein Motto überlegen und meine Mutter verbrachte Stunden damit, Deko vorzubereiten, zu backen und passende Kostüme zu nähen. All das war für mich eine Selbstverständlichkeit und doch mein ganz persönliches Schlaraffenland.
Wir hatten nie viel Geld, aber immer genug Essen auf dem Tisch, genug anzuziehen, Freunde und Familie um uns herum. Einmal im Jahr ging es für zwei Wochen auf einen Campingplatz nach Italien oder Südfrankreich.
Ich wusste nicht, was es heißt, Mangel zu leiden. Jemand aus wohlhabenderen Verhältnissen hätte vielleicht Dinge gesehen, auf die ich verzichten musste, aber mir fehlte nichts. Ich war glücklich und zufrieden. Meine größten Probleme waren mal eine schlechte Note, eine nervende kleine Schwester oder ein Nein in der Spielzeugabteilung.
Mein Vater war wegen seiner Jobs immer wieder unterwegs, aber auch er schenkte uns an den Wochenenden oft seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Er begegnete mir mit einer liebevollen Strenge und nahm Anteil an meinen Interessen. Ich habe ihn schon immer heiß und innig geliebt. Er war eben mein Held, stark und unerschütterlich in meinen Augen.
In unserer Familie wurde immer viel Wert darauf gelegt, dass wir Teil einer Gemeinde waren. Sonntags hieß das für uns: Kindergottesdienst, und samstags bedeutete es: Jungschar. Ich habe das Gemeindeleben geliebt, all meine Freunde waren Teil davon. Die Geschichten über Jesus haben mich begeistert.
Meine Eltern taten ihr Bestes, im Glauben an Gott zu leben und der Bibel zu folgen. Und so war auch ich schon als Kind eifrig darauf bedacht, Gott zu gefallen. Ich war jedenfalls der Meinung, ich hätte einen starken Glauben. Damals war mir noch nicht klar, dass ein Glauben, der nie auf die Probe gestellt wurde, möglicherweise gar kein richtiger Glaube ist.
Ab meinem neunten Lebensjahr beinhalteten die Sommerferien für mich das Highlight des ganzen Jahres. Denn da ging es auf ein christliches Sommerlager mit Zelten, Lagerfeuer, Spielen, Draußensein, Zeit mit Freunden – endlich mal ohne die Eltern.
Die einzelnen Tage auf dem Sommerlager endeten immer mit einem gemeinsamen Gottesdienst in einem großen Zelt mitten auf dem Platz. Zu Beginn wurde gemeinsam gesungen. Die meisten Lieder kannte ich mittlerweile auswendig. Anschließend folgte immer eine kleine Predigt. Viele Geschichten waren mir bekannt, auch wenn ich sie nicht oft genug hören konnte. Mich begeisterten die Wunder, die Jesus tat, wie er Kranke heilte, über Naturgewalten herrschte und sogar Tote wieder zum Leben erweckte. Und vor allem begeisterte mich seine Fürsorge – die Traurigkeit oder Probleme der Menschen waren ihm nicht egal.
An einem Abend sprach der Prediger wieder von der großen Liebe von Jesus zu uns. Er sprach davon, dass Jesus auch mich ganz persönlich liebt, für mich und meine Fehler gestorben ist und sich nichts mehr wünscht, als mein enger und persönlicher Freund zu sein. Alles, was ich dafür tun müsse, wäre, ihn in mein Leben und mein Herz einzuladen. Also tat ich das. Ich bat ihn darum, in meinem Herzen zu leben, und versprach ihm mit voller Überzeugung, ihm mein ganzes Leben lang zu folgen. Es fühlte sich wunderbar an. Es fiel mir nicht schwer, an diesen »guten Gott« zu glauben. Ich war überzeugt:
Gott ist gut,
… denn er erhört meine Gebete.
… denn mir ist noch nie etwas wirklich Schlechtes passiert.
… denn er ist wie ein Vater (und ich habe einen großartigen irdischen Vater).
… denn er hatte mich noch nie enttäuscht.
Es war nicht so, dass ich nicht mit den typischen Herausforderungen eines Kindes oder später eines Teenagers zu kämpfen hatte. Natürlich gab es das erste gebrochene Herz oder Momente, in denen ich ausgeschlossen wurde, obwohl ich doch so gerne dazugehören wollte. Es gab Situationen, in denen ich andere Kinder oder meine Eltern anlog, um die eigenen Fehler zu vertuschen, und Streitgespräche, in denen ich mich von meinen Eltern so ungerecht behandelt fühlte, dass ich am liebsten meine Koffer gepackt hätte. Doch schien sich immer eine Lösung für die Probleme, Enttäuschungen und verletzten Gefühle zu finden. Auf ein Gebet folgte doch meistens eine Antwort, die mich zufriedenstellte.
Eine Situation aus der Grundschule ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben. Ich war sechs oder sieben Jahre alt und gemeinsam mit meinen Geschwistern und meiner Mutter den ganzen Tag unterwegs gewesen. Am späten Nachmittag bogen wir in unsere Einfahrt ein. Wir bewohnten eine Doppelhaushälfte und die Nachbarin öffnete sofort die Haustüre, als sie unser Auto sah. Sie wirkte aufgeregt und meine Mutter forderte uns auf, erst mal noch im Auto sitzen zu bleiben. Sie selbst stieg schnell aus und schloss die Tür. Ich beobachtete, wie die Nachbarin ihr eine Hand auf die Schulter legte. Weinte meine Mama etwa? Ja, ihre Schultern begannen zu beben und sie wirkte zutiefst erschrocken, wie ich sie noch nie gesehen hatte.
Sie kam zurück zum Auto und sagte, wir sollten in unser Zimmer gehen, Papa hätte einen Herzstillstand gehabt. Ich wusste nicht recht, was das zu bedeuten hatte, nur mein Gefühl und die Reaktion meiner Mama zeigten mir, dass es etwas sehr Schlimmes sein musste. Durch die hektischen Telefonate meiner Mutter wurde uns schnell klar, dass Papa »krank« war und sie Angst hatte, dass er nicht mehr nach Hause kommen würde. Ehrlich gesagt, konnte ich diese Angst nicht teilen. Mein Vater war bisher doch immer nach Hause gekommen, wieso sollte es jetzt anders sein?
Lucas und ich gingen hoch in unser Zimmer. Wir unterhielten uns darüber, dass wir eigentlich Freunde zum Übernachten einladen wollten, aber dass das jetzt ja vielleicht nicht mehr möglich war. Daher rührte meine Enttäuschung nicht etwa von der Tatsache, dass mein Vater wahrscheinlich gerade um sein Leben kämpfte. »Gott, bitte mach meinen Papa wieder gesund«, betete ich und damit war das Thema für mich schon fast abgeschlossen. Ich hatte gebetet, Gott würde die Situation regeln. Meine kindliche Welt war so heil, dass ich eine Erschütterung noch nicht einmal in Erwägung zog.
Und ich sollte recht behalten. Mein Vater kam nur wenige Tage später zurück und betrat das Haus wie immer. Er sah auch aus wie immer, war kräftig und gut gelaunt – eben mein Papa. Er hatte jetzt einen Herzschrittmacher. Das fand ich aber ganz cool. Wer hat schon ein elektronisches Gerät im Körper? Am darauffolgenden Tag würde ich einiges in der Schule zu erzählen haben.
Die Familie meines Vaters hatte vor einigen Jahren schon einmal ein großes Wunder erlebt. Als mein Vater siebzehn Jahre alt war, wurde mein Opa sehr schwer krank. Die Ärzte glaubten nicht mehr an Heilung und sprachen von seinem baldigen Tod, aber meine Oma, Freunde, Verwandte und Gemeindemitglieder beteten pausenlos für ihn. Und Gott tat an ihm ein Wunder und zeigte seine Macht. Er schenkte meinem Opa wieder Gesundheit und noch viele weitere Jahre.
Hier konnte ich also noch eine Eigenschaft Gottes wahrnehmen:
Gott ist gut,
… denn er macht sogar Kranke gesund.
So hatte ich es nicht nur in der Bibel gelesen und in der Sonntagsschule gehört, so hatte es meine Familie selbst erfahren.
Ich habe vorher bereits berichtet, dass ich nicht wirklich wusste, was Verzicht bedeutete. Noch viel weniger war mir klar, was wahrer Verlust sein sollte. Natürlich wusste ich, dass der Tod zum Leben gehört. Eine meiner frühesten Erinnerungen an den Tod war das Krebsleiden und Sterben eines kleinen Mädchens aus unserer damaligen Gemeinde und etwas später starb der Vater einer Klassenkameradin. Da habe ich die Trauer anderer Menschen gesehen, aber es waren eben die Probleme anderer Menschen, nicht meine. Es war eine Thematik, die mit mir nicht wirklich etwas zu tun hatte. Sie kam mir so weit entfernt vor, wie ein Leben auf einem anderen Kontinent.
Ich hatte von Verlust und Trauer gehört, aber ich hatte sie nie selbst erlebt. Wie soll man das Ausmaß auch begreifen, wenn man die Menschen, die man liebt, doch immer bei sich hat? Meine Großeltern hatten ihre Eltern teilweise im Krieg verloren. Natürlich ließ das mein Kinderherz nicht kalt, aber was mich in einem Moment innerlich berührte, war doch im nächsten Moment schon wieder vergessen. Sterben war ein Thema des Krieges. Ich wusste, Krieg war etwas Schreckliches und viele Menschen hatten ihr Leben verloren, aber das war ja lange vorbei. Das war früher, bevor ich überhaupt geboren wurde.
Mit dreizehn Jahren traf ich die Entscheidung, mich taufen zu lassen. Meine Eltern hatten mich nicht als Baby taufen lassen. Sie sahen die Taufe als Folge einer persönliche Glaubensentscheidung, die sie nicht stellvertretend für mich treffen wollten. Diese Entscheidung für ein Leben mit Jesus wollten sie mir selbst überlassen. Und so kam der Tag meiner Taufe. In unserer Gemeinde war es Tradition, sich zu diesem Anlass weiß zu kleiden – als Symbol für das neue Leben, welches wir durch Jesus bekommen hatten, und als Zeichen dafür, dass wir aufgrund seines Todes all unsere Schuld und unseren Ungehorsam loslassen konnten und durch seine Auferstehung ein neues Leben, eine zweite Chance, geschenkt bekommen hatten.
Ganz vorne in unserem Gemeindesaal gab es ein Taufbecken, etwa so groß wie ein kleiner Pool. Unser Pastor winkte mich zu sich und ich stieg langsam in das warme Wasser. Ein Schauer der Aufregung lief mir den Rücken hinunter. Noch nie waren so viele Blicke in der Gemeinde auf mich gerichtet gewesen, aber ich war erfüllt von Stolz, dass ich durch diese Taufe noch einmal das Zeichen setzten konnte, dass ich zu Jesus gehörte.
Der Pastor sagte: »Aufgrund deines Bekenntnisses taufe ich dich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Er nahm meine Hände und drückte mich leicht unter Wasser. Das warme Wasser umspülte mich kurz und schon war ich wieder an der Oberfläche und konnte Luft holen. Die Gottesdienstbesucher klatschten und ich fühlte mich zufrieden und vollständig.
Meine Taufpatin hatte mir einen Taufvers aus der Bibel ausgesucht. Dieser stand im Buch des Propheten Jesaja:
Berge mögen einstürzen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir wird nie erschüttert, und mein Friedensbund mit dir wird niemals wanken. Das verspreche ich, der HERR, der sich über dich erbarmt!
Jesaja 54,10; HfA
Der Vers gefiel mir sehr gut. Er sprach von einem Gott, der mich liebte und dessen Liebe ich nicht verlieren würde. Genauso hatte ich es bisher erlebt.
Dennoch: Er nahm unsere Krankheiten auf sich und trug unsere Schmerzen.
Jesaja 53,4a
»Ihr Leidensweg begann im Frühling dieses Jahres.« So wurde es an der Beerdigung meiner Mama formuliert. Ihr Leidensweg, ihr Weg in Krankheit und Leiden. Bei einer körperlichen Krankheit beginnt dieser Weg wohl mit einer Diagnose. Die Diagnose macht die Krankheit real. Dadurch wird die Krankheit überhaupt erst zu einer Krankheit. Die Diagnose erklärt Symptome und hilft, mit diesen umzugehen. Und im besten Fall ermöglicht sie einen Kampf gegen und den Sieg über die Krankheit.
Bei meiner Mama fühlte sich diese Formulierung bitter an, widersprüchlich. Bis jetzt hatte ich die Krankheit meiner Mama nicht erfasst. War es eine Krankheit? Wäre eine Diagnose und vielleicht sogar ein Sieg möglich gewesen? Was war eigentlich die Ursache für den heutigen Tag? Wie war ich hier gelandet? Am Grab meiner Mama, dem Ende eines Leidenswegs, den ich so völlig unterschätzt hatte, den ich eigentlich gar nicht als solchen wahrgenommen hatte? Wie kann auf einem Leidensweg das Leiden übersehen werden? Und das, obwohl dieser Leidensweg sich schon über einige Monate erstreckte.
Dieser Frühling war anders als all die Jahre zuvor. Ich war fünfzehn und in wenigen Wochen würde ich meinen Realschulabschluss in der Tasche haben und ein ganz neues Kapitel würde anbrechen. Gemeinsam mit meiner Mutter hatte ich die Bewerbungen für die weiterführende Schule vorbereitet und abgeschickt. Noch wusste ich nicht, welchen Beruf ich ausüben würde, ob ich studieren oder eine Ausbildung beginnen wollte. So entschloss ich mich erst mal, das Abitur anzuhängen. Auch wenn jetzt noch eine Zeit des Vorbereitens und Lernens anstand, war die Vorfreude groß. Es würde ein langer Sommer werden, mit den verschiedensten Gestaltungsmöglichkeiten. Und danach würde sich mein Leben verändern; noch ahnte ich nicht, wie sehr!
In dieser Zeit entdecke der Frauenarzt bei meiner Mama eine Zyste am Eierstock, nichts Bedenkliches oder Ungewöhnliches. Sie würde drei Tage im Krankenhaus bleiben müssen, dann wieder nach Hause kommen dürfen. Für die Ärzte lag auf der Hand, dass sie einer Operation zustimmen würde. Nur meine Mama selbst war noch unsicher. Sollte sie sich operieren lassen oder doch lieber noch ein wenig abwarten? Nach einigen Tagen Bedenkzeit entschied sie sich, dem Rat der Ärzte zu folgen. Es wurde ein Operationstermin angesetzt.
