Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde - Victoria Schwartz - E-Book

Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde E-Book

Victoria Schwartz

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Beschreibung

Sie wollen nicht mehr dein Geld - jetzt wollen sie deine Liebe!

Alles begann mit einer Twitternachricht. Und als es endete, wusste Victoria, dass sie nach allen Regeln der Internet-Kunst betrogen worden war. Von einem Fremden, der sich in ihr Leben geschlichen hatte. Dem sie alles über sich erzählte hatte. Für den sie Gefühle empfand. Und der ihr über Monate eine komplexe virtuelle Täuschung vorgespielt hatte. Denn dieser Mann erschuf nicht nur eine falsche Internet-Identität, sondern Dutzende. Die von Familienmitgliedern. Freunden. Arbeitskollegen. Ausschließlich zu dem Zweck, Victorias Herz zu erobern. Wie es ihr gelang, aus eigener Kraft den massiven Betrug ihres Realfakes zu enttarnen, liest sich spannend wie ein Thriller und gilt als neuer Leitfaden unserer digitalen Gesellschaft. Victorias Botschaft: »Das Netz ist voll von tollen Leuten. Überlassen wir es nicht den Anderen!«

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Victoria Schwartz

WIE MEINE INTERNET-LIEBE ZUM ALBTRAUM WURDE

Das Phänomen Realfakes

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Anmerkung: Um die Anonymität der beteiligten Personen zu wahren, wurden Namen, Wohnorte und andere sie betreffende Details sowie einige wenige Parts des genauen Handlungsablaufs verändert. Das Gleiche gilt für abgedruckte Mails und Nachrichtenverläufe, die nicht dem exakten Wortlaut entsprechen, inhaltlich und vom Sprachstil her aber dem Original sehr nahekommen.

Die Autorin übernimmt keine Gewähr für die technischen Angaben in diesem Buch. Sie wurden mit bestem Wissen und Gewissen von ihr geprüft und entsprachen zum Zeitpunkt der Manuskripterstellung der Richtigkeit. Durch Programm-, Website- oder App-Updates können sich aber jederzeit von ihr nicht beeinflussbare technische Änderungen ergeben.

1. AuflageOriginalausgabe Oktober 2015 im Blanvalet Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenCopyright © 2015 by Victoria Schwartz & Blanvalet Verlag, MünchenSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-15948-1

www.blanvalet-verlag.de

Inhalt

Vorwort von Sascha Lobo

TEIL 1Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurdeProlog

Einleitung

Kai

Seelenverwandte

Liebesbeweise

Familienbande

Stillstand

Distanz

Verwirrung

Moral

Lee

Spurensuche

Konfrontation

Daniel

Zweite Chance

Chris

Frauenpower

Epilog

TEIL 2Das Phänomen Realfakes Einleitung

Unterschiedliche Fake-Typen

Über die Opfer

Über Realfakes

Die Motive von Realfakes

Psychologische Überlegungen zu Realfakes

Typische Verhaltensweisen und Standardgeschichten

Psychologische Manipulation

Über Realfake-Accounts

Recherche

Sich schützen und vorbeugen

Fallbeispiele

Die Rechtslage

Danksagung

Quellenverzeichnis

VORWORT VON SASCHA LOBO

Zwei neue soziale Phänomene prallen aufeinander wie Schnellzüge auf dem gleichen Gleis: Internetliebschaften und digitale Fantasiefiguren. Gerade der aufregende, vielschichtige, verunsichernde Prozess des Verliebens ist nicht gerade die rationalste Phase im Leben, das kann vermutlich jeder selbst bezeugen. Dieser Umstand hat seit Tausenden von Jahren durchaus schwierige Folgen. Im Netz aber kann es dazu führen, dass man sich in jemanden verliebt, den es gar nicht gibt. In eine digitale Figur, die von irgendjemandem – von engen Freunden oder völlig Unbekannten – genau dazu geschaffen wurde. Und dieses verstörende Phänomen tritt immer häufiger auf.

Die Mehrheit der Bevölkerung hat das Internet inzwischen in ihre Tagesabläufe integriert. Mehr oder weniger. Kein Bürojob mehr ohne Netzanschluss, Smartphones sind allgegenwärtig, und über 40 Millionen Menschen sind allein in Deutschland in sozialen Netzwerken aktiv. Das Internet hat die Welt so schnell erobert, selbst Attila der Hunnenkönig hätte neiderfüllt auf einen solchen Siegeszug geblickt.

Leider bedeutet das nicht automatisch, dass sich das Verständnis für die digitale Welt ähnlich schnell verbreitet hat. Im Gegenteil. Bisher ist kaum jemand in der Lage, wirklich zu verstehen, wie die umfassende Vernetzung auf die Gesellschaft wirkt und noch wirken wird. Das liegt zum einen an der ungeheuren Geschwindigkeit, mit der sich das Netz und angrenzende Technologien verbreiten.

Das erste erfolgreiche Smartphone war das iPhone, es wurde 2007 in seiner ersten Version eingeführt. Nur acht Jahre später geht eine Generation in die Schule, die ausnahmslos mit ihrem Handy symbiotisch verwachsen scheint. Zum anderen zeigt die Geschichte, dass die entscheidenden Auswirkungen einer Technologie in den meisten Fällen schlicht erst nach längerer Zeit einschätzbar sind. 1863 wurde der erste Wagen mit Verbrennungsmotor konstruiert, die Welt veränderte das Automobil erst 50 Jahre später, und mehr als 100 Jahre später begann man sich über Themen wie Umweltverschmutzung überhaupt Gedanken zu machen.

Den größten Fehler, den man bei der Betrachtung der digitalen Welt begehen kann: zu glauben, wir würden mitten in der Entwicklung zur Netzgesellschaft stecken. Tatsächlich sind wir ganz, ganz am Anfang. Vielleicht sind wir sogar dazu verdammt, für immer am Anfang einer digitalen Gesellschaft zu stehen. Aber das heißt auch, dass heute noch exotisch scheint, was morgen eine Massenerscheinung ungeahnten Ausmaßes sein kann. Denn das Internet ist in seiner Wirkung oft ebenso überraschend wie heftig.

Zwar ist die vorgetäuschte Existenz einer Person ein uraltes Phänomen. Aber das Netz und speziell die sozialen Medien haben es sehr einfach gemacht, Fantasiefiguren zu erschaffen. Genau genommen, ist die absolut alltägliche Verwendung von Pseudonymen schon ein erster Schritt in diese Richtung. Auch ein Zweitprofil auf Facebook unter einem ausgedachten Namen gehört bei vielen Teenagern einfach dazu. Unter dem echten Namen wird dann ein elternkonformes Digitaldasein vorgeturnt, während das eigentliche Netzleben unter dem allen Freunden bekannten Tarnnamen stattfindet. An diesen Möglichkeiten, sich im Netz unerkannt auszuleben, ist sehr viel mehr Gutes als Schlechtes. Sie erlauben jedoch auch neue Formen des Missbrauchs.

Gleichzeitig ist zum Standard geworden, sich im Netz zu verlieben. Soziale Medien sind in bestimmten Altersschichten so selbstverständlich wie Schuhwerk und so unabschaffbar wie das Wetter. Und ebenso ist es selbstverständlich, dort im Digitalen Gefühle zu teilen und zu entwickeln. Auch ich selbst habe die Mehrzahl meiner Freunde im Internet und meine Ehefrau ganz normal auf Twitter kennengelernt. Und nicht betrunken auf dem Schützenfest, betrunken bei der Betriebsfeier oder betrunken in der Disco, wie verschiedene Generationen zuvor.

Zwangsläufig kollidiert die eine soziale Netzentwicklung mit der anderen, und immer mehr Leute verlieben sich in jemanden, dessen echten Namen sie zunächst nicht kennen. Ob nun ein Pseudonym benutzt wird oder nicht. Das mag tausend Mal gut gehen, in meinem Fall etwa stand hinter dem Nutzernamen »frau_meike« auf Twitter tatsächlich eine Frau, die auch noch wirklich Meike heißt.

Aber manchmal verbirgt sich hinter einem scheinbar gewöhnlichen Profil eine Person mit einer besonderen Absicht: nämlich nicht nur eine falsche Identität vorzutäuschen, sondern eine ganze emotionale Welt zu erschaffen, in der andere Menschen sich verlieren können. Und genau deshalb ist das vorliegende Werk so ungeheuer wichtig. Es behandelt als erstes populäres Buch im deutschen Sprachraum ein Thema umfassend, das in wenigen Jahren selbstverständlich sein dürfte: in Freundschafts- oder Liebesabsicht erfundene Netzidentitäten, die Realfakes. Victoria Schwartz hat den Begriff in diesem Kontext geprägt, und er passt perfekt, weil eigentlich jedes Profil in allen sozialen Medien zurechtgeschummelt ist oder zumindest ein Wunschbild darstellt. Die clever inszenierte digitale Darstellung einer nicht existierenden Person kann wahrhaftiger und stimmiger erscheinen als das plumpe Plapperprofil eines beliebigen Schulfreunds auf Facebook.

Die persönliche Geschichte von Victoria, die in diesem Buch auch beschrieben wird, ist die einer intelligenten, aufgeklärten und in Beziehungsdingen erfahrenen Frau, die sich im Netz verliebt. So weit, so gewöhnlich – bis das Gegenüber sich schließlich auf schmerzhafte Weise als Realfake entpuppt. Noch ungewöhnlicher als diese Tatsache ist allerdings, dass Victoria die durchaus destruktive Wirkung einer solchen Scheinbeziehung nicht nur überwinden konnte. Sondern dass sie einen echten und höchst ermutigenden Gegenangriff startete. Sie spürte zunächst die Person auf, die dahintersteckte. Dann verwendete sie ihre persönlichen Erfahrungen als Grundlage, um zur Expertin für Realfakes zu werden. Und zwar nicht auf eine distanzierte, theoretisierende Weise. Sondern als ehemals selbst Betroffene, für die jede Gefühlsregung einer Fake-Liebschaft nicht nur Beobachtung, sondern auch eigene Erinnerung ist. Bewaffnet mit diesem Vorteil der Sachkenntnis von innen und außen, gründete sie eine Selbsthilfe- und Informationsplattform im Netz. Sie stellte für dieses Thema eine Medienöffentlichkeit her, die den Tausenden und Abertausenden überhaupt erst ermöglichte, sich zu informieren. Das ist vor allem für diejenigen wichtig, die vielleicht ahnen, betroffen zu sein, aber aus Schamgefühl, Angst vor Enttäuschung und Unsicherheit ihrem Verdacht nicht nachgehen wollen. Aber auch für Angehörige oder Freunde ist es oft nicht leicht, auch nur ein sachliches Gespräch über die Möglichkeit eines Realfakes zu führen. Wer denkt schon gern darüber nach, sein kostbarstes Gefühl vielleicht an ein Phantom zu vergeuden?

Victoria Schwartz erforschte zielgerichtet die Eigenarten, Vorgehensweisen und Absichten der Leute, die Netzliebe vortäuschen. Sie entwickelte eine außergewöhnliche Expertise in der Früherkennung falscher Profile ebenso wie Testmethoden und Gegenstrategien. Sie legte einen umfangreichen Katalog an Werkzeugen und Verfahren für den digitalen Ernstfall an.

Und sie schrieb dieses Buch, das zweifellos zum Standardwerk in Sachen Realfakes werden wird. Es sei allen empfohlen, die sich den sozialen Verwerfungen eines digitalen Jahrhunderts stellen möchten oder müssen. Und ohnehin allen, die im Umfeld potenziell Betroffene haben oder selbst eine gewisse Unsicherheit über digitale Beziehungen verspüren. Diese Beziehungen müssen dabei nicht einmal rein digital sein – längst ist es vorgekommen, dass Realfakes Schauspieler für reale Treffen engagiert haben.

Digitale Beziehungen, Realfakes? »Pffff, mir könnte das nie passieren«, ein solcher Satz liegt im ersten Moment vielen Leuten auf der Zunge. Aber abgesehen davon, dass der Satz selten hundertprozentig wahr ist – ist er für sich genommen im Moment des Aussprechens eigentlich unsinnig. Denn wenn man ihn sagt, ist das Phänomen ja schon bekannt. Es ist ein bisschen wie bei einem Zaubertrick, auf den man eben nur dann reinfällt, wenn man ihn noch nicht kennt. Darum sind Aufklärung, Information und Wissen die besten Mittel gegen Realfakes. Und genau deshalb musste dieses Buch geschrieben werden.

TEIL 1Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde

PROLOG

Gleich ist es so weit. Gleich werde ich ihn zum ersten Mal sehen.

Ich konnte nicht genau sagen, wie lange ich auf diesen Moment gewartet hatte. Eine gefühlte Ewigkeit. Geglaubt hatte ich nicht mehr daran. Ich kannte diesen Mann von Hunderten von Fotos. Jedes Detail seines Gesichts hatte sich mir eingeprägt. Vermutlich hätte ich sogar seine Tätowierungen fehlerfrei aus dem Gedächtnis nachzeichnen können, so oft hatte ich seine Bilder angesehen – aber wie er aussah, wenn er sich bewegte, wenn er sprach oder lachte, das wusste ich nicht.

Ich war aufgeregt. Und insgeheim rechnete ich auch jetzt damit, im letzten Moment könne noch etwas dazwischenkommen.

Ich richtete den Blick auf meinen Laptop. Der Akku war voll, Skype gestartet, und ich hatte sichergestellt, dass Kamera und Ton funktionierten. Es konnte eigentlich nichts schiefgehen, aber trotzdem … Wie paralysiert starrte ich auf den Bildschirm. Schwankend zwischen Vorfreude und aufkommender Panik, wartete ich auf das aufploppende Fenster des eingehenden Videoanrufs.

Ich schloss die Augen, spürte meinen Herzschlag nun umso mehr, und mich überkamen Fluchtgedanken. Wie entspannt wäre es jetzt, den Rechner einfach zuzuklappen und den Raum zu verlassen? Der Situation zu entkommen? Ruhe zu haben? Um mich abzulenken, zählte ich rückwärts. Bei null würde ich gehen. Vielleicht. »Fünfzig, neunundvierzig, achtundvierzig, siebenundvierzig, sechsundvierzig.« Es klingelte. ES KLINGELTE!

Ich riss ungläubig die Augen auf und las: »Eingehender Videoanruf.« Einen kurzen Moment zögerte ich – ich hatte Angst, echte Angst. Ich konnte nicht einmal klar benennen wovor – vielleicht vor einer Art Entzauberung? Realistisch betrachtet, konnte all das, was ich in ihm gesehen hatte, innerhalb weniger Sekunden in sich zusammenfallen! »Zusammenreißen!«, befahl ich mir, streckte die Hand aus und klickte auf den »Anruf annehmen«-Button, bevor der Klingelton verstummen konnte.

Das Videobild flackerte einen Moment lang. Dann wurde es scharf. Dort war er. Er sah genauso gut aus wie auf seinen Fotos. Niemand, der es nötig hatte, seine Bilder mit Filtern oder einem schmeichelhaft gewählten Bildausschnitt zu manipulieren – so wie ich es grundsätzlich tat. Im Schneidersitz saß er auf seinem Bett. Er trug Shorts und ein T-Shirt mit dem Logo einer bekannten Firma für Surfbekleidung. Ein wenig schüchtern lächelte er in die Kamera, dann hob er die Hand, winkte und das erste Wort, das ich ihn sprechen hörte, war ein breites, amerikanisches »Hi!«.

EINLEITUNG

»Fakes im Internet? Wen interessiert das? Kein normaler Mensch fällt auf Fakes herein!«

So oder ähnlich denken die meisten Menschen.

Das Internet gehört zu unserem Alltag. Wir nutzen es zur Kommunikation und Information, zum Einkaufen und Urlaubbuchen, zum Spielen und Lernen, um berufliche Kontakte zu knüpfen oder Freundschaften zu schließen und zu pflegen.

Es ist zu unserer zweiten Heimat geworden, in der wir meinen, uns auszukennen, und uns deshalb sicher fühlen.

Neben den großen Themen wie zum Beispiel Datenausspähung und Datenschutz mag das Phänomen »Fakes« fast banal wirken, unterschätzen sollte man es dennoch nicht. Der Raum, den Fakes in Social Networks einnehmen, ist alles andere als klein – gut zu erkennen am Beispiel von Instagram, das Ende 2014 konsequent Millionen von Fake- und Spam-Accounts löschte. Infolgedessen verlor allein der Popstar Justin Bieber innerhalb von 24 Stunden rund 3,5 Millionen Fake-Follower!

Auch bei Facebook wimmelt es von Fakes. Laut dessen Betreibern sind zwischen fünf und elf Prozent der dort registrierten Accounts gefälscht.

Schätzungen zufolge sieht es in den anderen Social Networks ähnlich aus; nicht einmal kostenpflichtige Datingportale sind davon ausgenommen.

Die Wahrscheinlichkeit ist für jeden aktiven Social-Networks-Nutzer riesig, mit Fakes direkt oder indirekt in Kontakt zu kommen – oftmals völlig unbemerkt.

Trotzdem gibt es wohl kaum ein Thema, das so klischeebehaftet ist wie dieses. Menschen, die auf Fakes hereinfallen, wird unterstellt, sie kennen sich mit dem Internet nicht aus, wären intellektuell unterbelichtet, naiv, emotional bedürftig und zu blöd, um zu merken, dass sich jemand einen Spaß auf ihre Kosten erlaubt. Außerdem sind Fakes grundsätzlich leicht zu erkennen. Entweder an ihren schlecht gemachten Accounts mit gestohlenen Fotos (deren Ursprünge sich selbstverständlich mithilfe jeder Bildersuchmaschine innerhalb von Sekunden finden lassen), oder weil ihre Absichten leicht durchschaubar sind. Sie wollen sich amüsieren, provozieren oder von ihren Opfern profitieren, indem sie Geld, Nacktfotos und Onlinesex fordern. Wer das nicht merkt, ist selber schuld …

Aber stimmen diese Klischees wirklich?

Auch ich wurde Opfer eines Fakes. Und ich behaupte, dass keines der oben genannten Attribute auf mich zutrifft. Natürlich wusste ich von Fakes im Internet. Ich kannte diverse Fake-Accounts, die tatsächlich sämtlichen Vorurteilen entsprachen – und die mir total egal waren. Ich war mir sicher, keine Berührungspunkte mit ihnen zu haben. Und selbst wenn: Was konnte mir ein Fake schon anhaben? Fakes waren uninteressant und kein Thema für mich.

Hätte mir jemand vorhergesagt, was ich erleben würde, ich hätte lachend den Kopf geschüttelt und geschworen, dass mir so etwas niemals passieren könnte.

Dann traf ich Kai. Und er brachte mich dazu, alle Red Flags zu ignorieren und in etwas hineinzugeraten, das wie ein Liebesfilm begann und nahtlos in einen Psychothriller überging.

Kai war ein Traummann. Er war witzig, aufmerksam und interessant. Er schickte Briefe und Postkarten und machte mir kostspielige Geschenke, ohne im Gegenzug jemals etwas von mir zu verlangen. Er und seine Freunde verfügten über umfang- und aufschlussreiche Accounts in diversen Social Networks.

Kai war ein Traum. Und das wortwörtlich, denn – wie sich herausstellte – er existierte nicht! Er hatte mich auf komplexe Art und Weise getäuscht, und zwar organisiert und planvoll.

Niemals zuvor hatte ich von einem Fake dieser Art gehört. Er war ein Realfake. Die perfekte, absolut realistisch anmutende Fälschung eines Menschen.

Während ich noch versuchte, das ganze Ausmaß des Lügengebildes zu erfassen, in das ich verwickelt worden war, stand für mich sofort fest, dass ich nicht die Rolle des hereingelegten Opfers einnehmen würde! Ich musste wissen, wer dahintersteckte und warum die Person das getan hatte. Ich recherchierte fast zehn Monate lang, sammelte Material, beobachtete verdächtige Accounts und gelangte schließlich an mein Ziel …

Im ersten Teil dieses Buches erzähle ich meine Geschichte von Liebe, Hoffnung und Betrug.

Der zweite Teil widmet sich dem, was danach geschah.

Da ich der festen Auffassung bin, dass alles, was einem im Leben passiert, einen Sinn hat und man das Beste daraus machen sollte, entschloss ich mich, mein Erlebnis mit anderen Usern zu teilen, um sie zu warnen, denn ich wünsche niemandem eine ähnliche Erfahrung.

Ich überlegte, wie ich möglichst viele Menschen erreichen konnte, und bloggte schließlich darüber. Am Ende meines Blogartikels bat ich Personen, denen Ähnliches widerfahren war, sich bei mir zu melden. Ich wollte wissen, ob ich ein Einzelfall war.

Was dann geschah, überraschte mich zutiefst: Bis heute kontaktierten mich fast 400 Frauen und Männer – und der Strom an Mails reißt nicht ab. Die meisten von ihnen haben vor lauter Scham noch nie zuvor mit jemand anderem darüber gesprochen. Sie wissen, dass ich sie verstehe, und öffnen sich mir gegenüber. Sie bitten mich um Hilfe bei der Recherche ihrer eigenen Fälle oder der Einschätzung ihrer »Onlinebeziehung«. Viele haben als Folge dessen, was ihnen passiert ist, mit psychischen Problemen zu kämpfen, leiden an Angstzuständen, Depressionen, absolutem Vertrauensverlust bis hin zu Selbstmordgedanken.

Ich war und bin immer wieder aufs Neue berührt von dem Vertrauen, das mir entgegengebracht wird und den unterschiedlichen und sich doch im Kern ähnelnden Geschichten voller enttäuschter Hoffnungen.

Je mehr ich in das Thema eintauchte, desto bewusster wurde mir, dass ich es mit einem Phänomen zu tun habe, das viel häufiger vorkommt, als von mir vermutet, und das zumindest im deutschsprachigen Raum bisher weitgehend unerforscht geblieben ist. Ich fand weder offizielle Studien, noch verfügt die Polizei über auswertbare Daten.

Ohne damit gerechnet zu haben, wurde ich zur Ansprechpartnerin und Beraterin anderer Opfer. Durch den Austausch mit ihnen gelang es mir, Informationen über die von Realfakes verwendeten Standardgeschichten, ihre typischen Vorgehensweisen, wie zum Beispiel emotionale Erpressung etc., zusammenzutragen.

Ferner gehe ich der Frage nach, welche unterschiedlichen Fake-Typen es gibt und wofür sie eingesetzt werden, stelle leicht verständliche verschiedene Recherchemöglichkeiten vor und gebe Tipps, wie man sich selbst schützen kann.

Außerdem gibt Andreas Mayer, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes, Auskunft über die rechtlichen Möglichkeiten bei Fake-Fällen und die Psychologin Lydia Benecke befasst sich mit der Frage, die letztendlich alle bewegt: »Warum machen Realfakes das?«

KAI

Seelenverwandte

Während ich das Abendessen vorbereitete, hatten sich meine Söhne, neun und drei Jahre alt, eine Gurke und eine Porreestange geschnappt und diese spontan zu Laserschwertern umfunktioniert. Mit lautem Gegröle stürmten sie durch das an die Küche angrenzende Wohnzimmer und versuchten, sich gegenseitig mit ihrer Waffe am Kopf zu treffen. Unbeeindruckt konzentrierte ich mich weiter aufs Kochen. Ich dachte an meine Freundin, deren zarte, in rosa gekleidete Töchter um diese Zeit meist verzückt lächelnd Playmobil-Einhörner und Feen auf dem Teppich vor sich herumschoben. Mich überkam leichter Neid, der aber schnell wieder verflog, als ich einen Blick auf meinen Kleinen erhaschte, der mittlerweile einen schwarzen Schuhkarton auf dem Kopf trug, sich drohend vor seinem Bruder aufgebaut hatte und mit verstellter Stimme »Ich bin dein Vater!« röchelte.

Ich war erst eine halbe Stunde vorher aus der Zeitschriftenredaktion gekommen, die mich für einige Wochen als Freie gebucht hatte. Am liebsten hätte ich es mir jetzt mit einer Tasse Tee gemütlich gemacht und irgendeine banale Vorabendserie geguckt. Stattdessen kam nun der anstrengende Teil des Tages: Die Stunden vorm Ins-Bett-Bringen der Kinder, in denen ihr Energiepegel grundsätzlich am höchsten und meiner am niedrigsten war. Gott sei Dank hatte ich danach nichts mehr vor. Ich würde mich aufs Sofa legen, den Fernseher einschalten und nebenbei meiner virtuellen Stammkneipe Twitter einen Besuch abstatten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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