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Zwei Kinder vom Dorf in den Wirren der Vorkriegs- und Kriegszeit. Für die Eltern findet das Leben auch außerhalb des Ortsschildes statt. Ihr Sohn wird im Zirkus geboren. Geborgenes Großwerden auf einem Bauernhof und Kind sein ohne Streit in der Familie sind wichtige Grundlagen für das Leben später. Die Nazis begeistern die Jugend mit sportlichen Parolen und drillen schon Zehnjährige zu fanatischen Pimpfen. Miterlebte Verherrlichung der Obrigkeit und oft auch Grausames. Bewunderung, Ratlosigkeit und Bestürzung über das Tun der Erwachsenen. Beim Lesen der Geschichten hat der Leser mal wohlige Glücksgefühle, dann empfindet er plötzlich Trauer und Entsetzen. Rolf Everding versteht die Kunst des Geschichtenerzählens. In seiner ihm typischen Art schreibt er es so auf, wie er es erlebt hat. Klar und deutlich. Seine Erzählungen sind ein Stück Zeitgeschichte zum Anfassen. Man glaubt, dabei zu sein. Er verbindet Erlebtes mit Erfundenem und stellt eine neue Wahrheit, die Wahrheit der Geschichte her.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2020
Zwei Kinder vom Dorf in den Wirren der Vorkriegs- und Kriegszeit. Für die Eltern findet das Leben auch außerhalb des Ortsschildes statt. Ihr Sohn wird im Zirkus geboren.
Geborgenes Großwerden auf einem Bauernhof und Kind sein ohne Streit in der Familie sind wichtige Grundlagen für das Leben später. Die Nazis begeistern die Jugend mit sportlichen Parolen und drillen schon Zehnjährige zu fanatischen Pimpfen.
Miterlebte Verherrlichung der Obrigkeit und oft auch Grausames.
Bewunderung, Ratlosigkeit und Bestürzung über das Tun der Erwachsenen.
Beim Lesen der Geschichten hat der Leser mal wohlige Glücksgefühle, dann empfindet er plötzlich Trauer und Entsetzen.
Rolf Everding versteht die Kunst des Geschichtenerzählens. In seiner ihm typischen Art schreibt er es so auf, wie er es erlebt hat. Klar und deutlich.
Seine Erzählungen sind ein Stück Zeitgeschichte zum Anfassen.
Man glaubt, dabei zu sein.
Er verbindet Erlebtes mit Erfundenem und stellt eine
neue Wahrheit, die Wahrheit der Geschichte her.
© 2020 Rolf Everding
Auflage 3
Umschlaggestaltung: Vom Autor
Lektorat, Korrektorat: Breuer
Herausgeber: Rolf Everding
Satz: Mirko Stranghöner, Detmold
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Hardcover: 978-3-7497-9542-0
ISBN e-Book: 978-3-7497-9543-7
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ROLF EVERDING
WIEDERSEHEN
MIT EINEM LEBEN
Erzählte Geschichten aus einem unbeschwerten, ängstlichen, schlimmen, glücklichen, erfolgreichen, traurigen und wunderschönen Leben.
VORWORT
Ich bin ein Junge vom Dorf. Die Erinnerungen sind weit weg und doch ganz nah. Ein Dorf mit 350 Einwohnern. Keine eigene Kirche, kein eigener Friedhof, drei Gaststätten, zwei Kaufmannsläden, eine Bäckerei, eine Volksschule. Sieben große Bauernhöfe mit Kastanienbäumen am Eingang. Viele Wiesen und ein kleiner Bach. Eine ungeteerte Schotterstraße mitten durchs Dorf.
Nirgendwo etwas Besonderes.
Irgendwann eingemeindet in die direkt angrenzende Residenzstadt, blieb mein Dorf ein Dorf. Jeder wusste alles von jedem, große Geheimnisse gab es nicht. Wir waren eine intakte Gemeinschaft. Unsere Informationen über die Welt und was da geschah, bekamen wir in meiner Kindheit aus den von den Nazis kontrollierten Radiosendungen und den Wochenschauen im Kino. Die Zeitungen waren zensiert und durften nur das schreiben, was die Hitlerpartei genehmigte. Internet und Fernsehen kannten wir noch nicht. Meine Eltern lebten glücklich und harmonisch miteinander. Sie waren sehr aufgeschlossen. Für sie fand das Leben auch außerhalb des Ortsschildes statt. Ich bin im Zirkus geboren. Mein bester Kinderfreund war Kalle. Ich hatte einen ganz außergewöhnlichen Großvater. Wenn mich jemand fragte, was ich später einmal werden wolle, fand ich das eine blöde Frage. Wie sollte ich das wissen? Ich wusste es nicht.
Heute weiß ich, was ich alles war. Ich war vieles.
Ich war ein behütetes Kind. Ich war der erste Junge aus unserem Dorf, der zum Gymnasium gehen durfte. Ich war ein begeisterter Pimpf in der Hitlerjugend. Ich war ein Durchschnittsschüler. Ich war ein zum Tode verurteilter Tuberkulosekranker. Ich habe drei Jahre in einer Lungenheilstätte gelegen. Ich glaube an Gott.
Ich habe studiert. Ich war Innenarchitekt und Möbeldesigner. Ich war Freier Dozent an einer Hochschule für Design. Ich war Live-Moderator und Gestalter von eigenen ZDF-Fernsehsendungen über das Wohnen.
Ich war Reisejournalist und habe Erlebnisberichte über schöne Orte und Golfplätze von Kanada durch ganz Europa bis Südafrika geschrieben. Einmal war ich sogar mit Königin Silvia von Schweden im Caddy bei einem Golf-Charity-Turnier auf Gut Uhlenhorst bei Kiel. Ein erinnerungswertes Erlebnis. Ich war sehr viel unterwegs.
Ich war, ich war, ich war…
Ich war zweimal glücklich verheiratet.
Ich bin zweimal Witwer geworden.
EINS
In unserem Dorf gab es keine Straßennamen. Jedes Haus hatte eine Nummer. Ich wohnte im Haus Nr. 69. Mein Opa hatte es 1898 gebaut. Es war ein Backsteinbau mit vierzehn Zimmern und einem Stall für das Vieh. In unserem Haus lebten vier Familien. Opa mit Oma und drei ihrer Söhne mit Frauen und Kindern. Es war für alle ein schönes Zuhause mit viel Harmonie.
Mein Opa hatte im Haus zwar am meisten zu sagen, aber das sah niemand als falsch oder störend an. Mein Opa war immer nahe am Leben, ein Mann mit Herzensbildung. Respekt musste er sich nicht verschaffen, er hatte ihn. Wenn ich an meinen Großvater denke, dann genügen mir die vielen wirklichen Erinnerungen an meinen Opa nicht. Ich denke mir so viele Erlebnisse mit ihm in ihn hinein, dass ich Wunsch und Wirklichkeit oft nicht unterscheide. Einmal ging er mit mir zum Fluss. Wir stiegen in ein Ruderboot, es roch nach Ölfarbe. Er setzte sich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung nach vorn zu den Ruderblättern, ich kletterte nach hinten ans Lenkruder.
„Du bist der Steuermann und bestimmst das Ziel, ich bin der Motor und bringe dich hin,“ sagte Opa.
Er ruderte los und so kamen wir schnell in die Mitte des Flusses. Opa musste gar nicht viel machen. Der Fluss trieb uns. Wir ließen es geschehen und waren ganz still. Ich berührte seine Hände und zwinkerte ihm glücklich zu. Er nickte ganz leise.
Als wir zu einer Schleuse kamen, ließ mich mein Großvater das Boot ans Ufer steuern. „Beim nächsten Mal fahren wir durch die Schleuse, dahinter beginnt die große weite Welt, die sehen wir uns dann an, ich zeige sie dir!“
Es ist nicht mehr dazu gekommen. Bevor ich ihn auf schöne Reisen mitnehmen konnte, ist er gestorben. Wenn ich heute in einem fremden Land, in der großen weiten Welt bin, wünsche ich mir, mein Opa könnte dabei sein. Dann wäre er der Steuermann und bestimmte das Ziel, ich wäre der Motor und brächte ihn hin.
ZWEI
Genau wie meine Familie, wohnte auch meine Mutter als Kind in einem Dorf. Ganz in der Nähe von uns. Nach der Schule war sie zuerst ein Jahr lang Magd auf einem Bauernhof, das war damals auf den Dörfern so.
Dann aber ging sie aus eigener Initiative als Küchenhilfe in das Evangelische Damenstift in Obernkirchen. Hier lebten alleinstehende Frauen aus adeligen Häusern, die in einer männlich dominierten Welt einen Ort suchten, der von Frauen bestimmt wurde und die ihre Selbstständigkeit bewahren oder erobern wollten.
Meine Mutter arbeitete zwar nur in der Küche und war mit dem Bedienen der feinen Damen beschäftigt, hat aber in diesem ehemaligen christlichen Kloster durch den Umgang mit den sogenannten besseren Leuten viel Wichtiges für ihr Leben erfahren und das hat sie geprägt.
Als sie meinen Vater kennenlernte, war sie stellvertretende Küchenleiterin in der Landfrauenschule in Bückeburg. Das war eine Fachschule für ländliche Hauswirtschaft, in der Mädchen aus gutem Haus all das lernten, was sie auf einem Landgut oder auf einem großen Bauernhof können mussten. Hauswirtschaft, Garten und Feldarbeit, Viehhaltung, Milchwirtschaft, Kindererziehung und vieles mehr. Meine Mutter war eine wissbegierige Frau. Sie hat in der Landfrauenschule vieles von dem mitbekommen, was sie für ihr späteres Leben gebrauchen konnte. Sie war eine selbstbewusste Frau. Ich hatte eine tüchtige Mutter.
DREI
Mein Vater war Möbeltischler. 1932 wurde er arbeitslos. Durch den Crash an der New Yorker Börse begann die Weltwirtschaftskrise. In Deutschland gab es eine große Massenarbeitslosigkeit. Möbeltischler waren nicht gefragt. Meine Eltern waren jung verheiratet und hatten nur wenig Geld.
Irgendwann kam der Zirkus BARUM in unsere Stadt. Wirklich Ahnung hatte mein Vater vom Zirkusleben nicht, er hatte aber schon immer Begeisterung für das fahrende Volk gezeigt. „Der landet bestimmt mal im Zirkus“, soll mein Opa öfter gesagt haben.
Wie er es angestellt hat, weiß ich nicht. Papa hat den Direktor des Zirkus überzeugt, und so kam es dann, Papa und Mama heuerten beim Zirkus an. Sie zogen mit dem Fahrenden Volk durchs Land.
Meine Mutter ging mit dem Bauchladen durch die Zuschauerreihen und verkaufte Süßigkeiten. Sie hat auch den Wagen des Direktors geputzt und beim Nähen der Kostüme geholfen. Sie war sehr beliebt.
Mein Vater konnte gut mit Pferden umgehen und war Reservereiter in einer Dressurgruppe. Er konnte ein bisschen jonglieren und trat mit angeklebtem Zwirbelbart und einer viel zu großen karierten Hose mit Hosenträgern und seiner Mandoline als Clown auf. Er baute Hindernisse für die Pferde und reparierte die kaputten Zuschauerbänke. Meine Eltern waren glücklich. Ich wurde geboren. In einem fremden Zirkuswagen, auf einem fremden Marktplatz, in einer fremden Stadt.
Zur Erstellung meiner Geburtsurkunde fuhren sie in unser Dorf. Der Standesbeamte war ein Freund meines Vaters.
Vom Zirkus ist bei mir nirgendwo etwas zu lesen.
Meine Eltern hatten viele Geschwister. Bei Feiern im großen Familienkreis erzählte Papa gern und mit Begeisterung von den Erlebnissen aus der Zeit im Zirkus.
Eine Story war trotz größter Widersprüche meiner Mutter immer wieder dabei. Er erzählte sehr glaubhaft, dass er und meine Mutter mich rittlings auf einem Pferd in der Manege gezeugt hätten. „Nach Feierabend und ohne Zuschauer natürlich“, beendete er meist ein wenig entschuldigend seine Erzählung.
Mein Vater war ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Vom Erlebten zum Erfundenen, vom Erfundenen zum Erzählten.
VIER
Nach einem Jahr im Zirkus fand mein Vater bei uns in der Stadt wieder Arbeit in seinem Beruf. Er machte die Meisterprüfung. Vom Zirkusclown zum Tischlermeister, das war was Besonderes!
Bald nachdem er seine Meisterprüfung gemacht hatte, verdiente er recht gut. Er kaufte sich ein Motorrad. Eine gebrauchte NSU mit Viertaktmotor und zwei Auspuffrohren. Sie hatte drei Gänge, einen 10 PS starken Motor und einen Doppelsitz. Sie lief 80 km/h schnell.
Damit haben meine Eltern den wohl schönsten Urlaub ihres Lebens miteinander gemacht. Es war eine Fahrt am Rhein entlang von Köln an der Loreley vorbei bis Bacharach. Es muss für beide sehr interessant gewesen sein. Immer wieder erzählten sie davon.
Meine Mutter saß mit einer Landkarte in der Hand auf dem Rücksitz und rief meinem Vater die Namen der vielen Burgen und Schlösser zu. Wenn es irgendwo besonders schön war, haben sie angehalten, um sich die Schönheiten des Rheins anzusehen. Mein Vater machte Fotos. Das Foto vom LoreleyFelsen habe ich später in ein Album geklebt.
Übernachtet haben sie in den sogenannten Straußenwirtschaften. Die haben eine lange Tradition. Eine Straußenwirtschaft ist bis heute ein Ausschank von selbst erzeugtem Wein durch einen Winzer in seinen eigenen Räumlichkeiten. Die meisten Winzer bieten auch einfache kalte und warme Speisen an. Überall in den Weinregionen gibt es sie. Mal im Garten eines Winzerhofes, mal in einer rustikalen Scheune oder in alten Kellergewölben. Als Zeichen dafür, dass die Winzerstuben geöffnet haben, hängt der Winzer einen Birkenstrauß oder einen Kranz ans Tor. In manchen Ausschänken kann man für wenig Geld auch über Nacht bleiben.
Einmal hatten sie eine Panne. Die Antriebskette vom Motor zum Hinterrad war gerissen. Was tun? Papa stellte sich als Anhalter an den Straßenrand. Nach vielen Vorbeifahrern hielt ein kleiner Lastwagen, und der brachte meine Eltern und das Motorrad in den nächsten Ort nach Bacharach. Dort gab es eine kleine Reparaturwerkstatt.
Die Kette war in kurzer Zeit repariert, doch der Preis dafür war sehr hoch. Für meine Eltern zu hoch, sie mussten einen Tag früher nach Haus fahren, das Geld hätte nicht gereicht.
Zu der Zeit war Deutschland noch kein Autoland. In unserem Dorf hatte niemand ein Auto. Mein Vater aber wollte eines haben. Die Nationalsozialisten propagierten den Kauf eines Autos mit dem Werbespruch: „Fünf Mark die Woche musst Du sparen, willst Du im eignen Wagen fahren.“ Der von Ferdinand Porsche konstruierte Volkswagen sollte 990 Reichsmark kosten.
Mein Vater verdiente damals etwa 180 Reichsmark im Monat. Er bezahlte jahrelang jeden Monat 20 RM. Als Beleg klebte er Sparmarken in eine Kartei. Waren vier Karteikarten voll, sollte der Sparer einen Volkswagen in Empfang nehmen können. Mein Vater hat nie einen Volkswagen in Empfang genommen. Der Zweite Weltkrieg kam.
Das Volkswagenwerk produzierte Kübelwagen und Schwimmautos für die deutsche Wehrmacht. Die Sparer gingen leer aus. Mein Vater auch.
Als dann, nach dem verlorenen Krieg und während des Wirtschaftswunders, die fleißigen Sparer von damals ihr Geld von VW zurück haben wollten, nannte man sie in Wolfsburg sogar mal egoistische Altnazis mit unbegründeten Ansprüchen. Die meisten bekamen keine Abfindung, sie haben von ihrem Ersparten nie etwas wiedergesehen.
VW erweiterte sein Werk und wurde zu einem kraftstrotzenden Konzern. Der Käfer begann seinen Siegeszug. Unter dem Motto: „Er läuft und läuft und läuft“, wurde er zur Legende.
Mein Vater kaufte sich nach dem Krieg einen gebrauchten DKW mit Frontantrieb.
Einen Volkswagen wollte er nicht!
FÜNF
Ich war ein Einzelkind, aber ich war es nicht wirklich. Das Vorurteil über verwöhnte kleine Egoisten stimmte bei mir nicht, es konnte nicht stimmen. Ich wohnte mit fünf anderen Kindern in einem Haus. Unsere Väter waren Brüder, ihre Frauen unsere Tanten, und dann war da noch mein Opa. Er war der vielleicht wichtigste Erzieher aller Kinder im Haus. Was er sagte, wurde gemacht.
Meine Eltern waren mit seiner Erziehung zwar nicht immer einverstanden, nahmen es jedoch meistens widerspruchslos hin, weil es gut war, wie er mit uns Kindern umging.
Einmal sollten meine älteren Nichten und Neffen ohne eine Leiter in die Obstbäume im Garten klettern und Äpfel und Birnen pflücken. Es war eine Art Mutprobe, denn die Bäume waren sehr hoch. Meine Mutter hatte Angst, dass mir etwas passieren könnte.
Sie ließ mich nicht in die Bäume klettern, sondern erklärte meinem Opa klar und deutlich, dass er das mit anderen Kindern machen könne, nicht aber mit mir, fertig.
Opa kannte solche energischen Widersprüche eigentlich nicht, akzeptierte sie aber ohne viel dagegen zu sprechen. Meine Mutter war dadurch in seiner Achtung gestiegen. „Meine beste Schwiegertochter,“ hat er sie heimlich genannt.
Wenn meine Oma Lebensmittel einkaufen wollte, bekam sie von Opa so viel Geld, wie sie forderte. Anschließend musste sie allerdings abrechnen. Genau auf jeden Pfennig. Das war damals normal.
Zu der Zeit hatte ich meiner Oma mal meine Hände auf ihre Stirn gelegt und sie mit den Fingerspitzen gestreichelt.
Sie hatte Kopfschmerzen. Sie hielt meine Hände fest und sagte leise: „Lass die Hände bitte liegen, das tut gut. Meine Kopfschmerzen gehen langsam weg, “ und sie waren weg. Sie hatte öfter Kopfschmerzen, und ich habe meine Hände öfter auf ihre Stirn gelegt und sie mit den Fingern gestreichelt. Es hat immer geholfen.
Als sie dann aber zwei Freundinnen zu sich in ihre Wohnstube holte und ich meine Hände auf deren Stirn legen sollte, war mir das nicht geheuer.
Meine Hände sollten Leiden lindern können, ja sie sogar beseitigen können? Was war das denn? Ich war doch kein Quacksalber, der alten Frauen durch Handauflegen Kopfschmerzen wegnehmen konnte. Was sollte dieser Hokuspokus? Ich wollte das nicht. Ich wollte alles sein, aber kein Handaufleger oder Wunderheiler oder so was ähnliches.
Ich wollte ein normaler Junge sein, weiter nichts.
Bei vielen Kindern im Dorf wurde ich sowieso schon als Bravkind bezeichnet. Im Kaufmannsladen hatte ich einmal für meine Mutter eine Tafel Schokolade gekauft. Frau Bade, so hieß die Frau hinter dem Ladentisch, fragte mich, für wen die denn sei. „Für meine Mama, die habe ich sehr lieb“, soll ich geantwortet haben. Immer und immer wieder erzählte sie ihren Kunden diese Geschichte, und damit war ich ein Vorzeigekind und galt als brav und gut erzogen. Ich hasste diesen Ruf, konnte aber nichts dagegen tun.
Damals war die Zeit, in der durch die Erzählungen an den langen Abenden bei Kerzenlicht dämonische Zaubereien und Menschen mit übernatürlichen Kräften in den Gedanken dieser Generation eine große Rolle spielten. Viele in unserem Dorf glaubten an Geisterbeschwörer und diesen ganzen Humbug drum herum.
Bei uns im Haus war es die Frau von Onkel Fritz. Für sie war unser Nachbar, der alte Hartmann, ein Mensch mit diesen übernatürlichen Kräften. Er hätte magische Kräfte, erzählte sie allen. Wenn meine Tante ihre Ziegen gemolken hatte und den abgeschöpften Rahm im Butterfass zu Butter stampfen wollte, durfte der alte Hartmann kurz vorher nicht mit einem Stock in der Hand vorbeigegangen sein und nicht zu unserem Haus gesehen haben. Meine Tante glaubte an die bösen Fähigkeiten dieses Spökenkiekers.
Immer, wenn der alte Hartmann kurz vorher vorbei gegangen war, würde die Butter sauer, glaubte sie ganz ernsthaft, und die Butter wurde sauer.
SECHS
Als ich Kind war, hatte mein Opa einen kleinen Bierverlag. Von einer Brauerei bekam er Flaschenbier, und das verkaufte er. Bei uns war deshalb immer viel los.
Die Männer aus dem Dorf kauften ihr Bier nicht kistenweise, soviel Geld hatten sie nicht. Die heute so beliebten Mengenrabatte gab es noch nicht. Drei Flaschen waren normal. Manchmal tranken sie auf unserer Terrasse eine Flasche kurz an. Es gab das Pilsener und das Lagerbier. Das Lagerbier wurde am meisten verkauft, es war das billigste.
Während der Fastenzeit vor Ostern brachte die Brauerei meinem Opa auch dunkles Fastenbier, aber das verkaufte sich nicht gut. Opa wollte es auch gar nicht gut verkaufen, denn vom Fasten hielt bei uns im Dorf keiner viel. Der Gastwirt unseres Dorfes und mein Opa grüßten sich nicht. Sie waren Konkurrenten. Ihre Frauen aber waren beste Freundinnen.
Wenn mein Opa mal in der Kirche war, saß er immer nahe der Kanzel, zu der unser Pastor Gerling ging, um die Predigt zu halten. Wenn Gesänge angezeigt wurden, die Opa nicht kannte, und die auch nicht im alten Gesangbuch standen, legte er sein Gesangbuch demonstrativ geschlossen aufs Pult. Der Pastor bemerkte das natürlich und lächelte ihn vorwurfsvoll an. „Na Wilhelm, willst du wieder nicht?“ fragte er ihn leise. Der schüttelte den Kopf, sah ihn aber nicht an.
Die beiden waren gleich alt, sie waren als Kinder zusammen im Konfirmandenunterricht gewesen. Sie kannten sich, aber beste Freunde waren sie nicht. Wenn der Pastor in unserem Dorf war, kam er fast immer zu meinem Großvater. Sie spielten Skat oder Schafskopf. Wenn sie keinen dritten Mann hatten, musste ich mitspielen.
Mir sahen sie Fehler nach, gegenseitig waren sie sich aber überhaupt nicht grün, und wurden bei vermeintlichen Fehlern des Anderen laut und geradezu böse gegen einander. Trotzdem kam der Pastor immer wieder, spielte Karten mit Opa und wurde gut beköstigt. Meine Oma kochte meist Rouladen mit Rosinen und Bindfaden.
Pastor Gerling war auch unser Lehrer im Konfirmandenunterricht. Wir lernten Gesänge und Psalmen. Er hat nie über Politik mit uns gesprochen. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht hat er schon damals um sein eigenes Leben gebangt. An einem Winterabend vor Weihnachten wurde er von HJ-Schlägern hinter der Kirche so zugerichtet, dass er ins Krankenhaus musste. Er hatte sich geweigert, bei uns im Konfirmandenraum die Hitlerjugend-Fahne aufzuhängen. Er hatte auch nicht zugestimmt, dass die große Glocke im Kirchturm zur Verschmelzung abtransportiert werden sollte, damit Krupp sie für die Bombenherstellung nutzen konnte.
In der Kirche gab es zu der Nazizeit aber auch viel angepasstes Verhalten. Die Kirchenleute riefen zwar nicht “Hurra“, hielten sich aber mit ihrem Tun und ihrer Kritik an den Nationalsozialisten sehr zurück.
Von offizieller kirchlicher Seite gab es kaum Widerstand gegen Hitler. Nur einzelne Geistliche erhoben ihre Stimme – oft mit Konsequenzen. Wer nicht im Sinne der Nazis oder gar gegen sie predigte, wurde wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt. Als alle evangelischen Pfarrer 1938 einen Treueeid auf Adolf Hitler schwören sollten, haben es die meisten gemacht. Ich glaube, unser Pastor Gerling hat diesen Nazi-Treueeid nicht geschworen.
SIEBEN
In meiner Kindheit hatten wir bei uns im Haus kein Badezimmer. Wir hatten einen eigenen Brunnen, aus dem wir Wasser in Eimern mit einer Kurbelwelle hochzogen. Das war Trink- und Waschwasser. Gewaschen haben wir uns in einer Waschschüssel mit einem Krug zum Nachgießen oder im Waschbecken in der Küche.
