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1930 kommt Irene Hasenberg in Berlin zur Welt, geliebt und wohlbehütet zunächst. Doch bald wird alles anders: Der Vater John verliert als Jude seine Anstellung und wandert mit der Familie in die Niederlande aus. Die Großeltern müssen zurückbleiben, Irene und ihr Bruder Werner sich an die neue Umgebung gewöhnen. Zu ihren Amsterdamer Bekannten gehört Anne Frank. Auch hier sind sie vor den Nazis nicht sicher. Einer ersten Verhaftungswelle entkommen sie gerade noch. Doch wenige Monate später bringt auch sie ein Viehwaggon ins Durchgangslager Westerbork. Von dort werden sie nach Bergen-Belsen deportiert, wo sie Anne Frank wiederbegegnen. Irene sorgt sich um die Eltern, erleidet Hunger und Schikanen. Gemeinsam überstehen die Hasenbergs auch diese scheinbar ausweglose Lage und können das Konzentrationslager verlassen. Doch der Weg in die Freiheit ist noch weit. In »Wir hatten Glück, noch am Leben zu sein«, einfühlsam übersetzt von Uda Strätling, beschreibt eine Überlebende des Holocaust den großen Zusammenhalt ihrer Familie, der sie dieses einzigartige Schicksal überstehen ließ.
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Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
[Cover]
Titel
Widmung
Vorbemerkung
Glückliche Kindheit: Berlin und Amsterdam 1936–1940
1. Ein rotes Dreirad und ein schwarzes Zickzack
2. Wir müssen fortgehen
3. Schlechte Träume
4. Wir kaufen ein Kleid auf dem Kurfürstendamm
5. bschied von Opa und Omi
6. Ein neues Zuhause
Kriegsbeginn: Amsterdam 1940–1943
7. Schwarze Vorhänge
8. Ein neues Poesiealbum
9. Sie nehmen uns die Fahrräder
10. Sie holen uns direkt aus der Schule
11. In der Hollandschen Schouwburg
12. Wir geben unseren letzten Besitz weg
13. Wir werden abgeholt
14. Der Zug nach Westerbork
Gefangen: Durchgangslager Westerbork und KZ Bergen-Belsen1943–1945
15. Es kursieren Gerüchte
16. Sie bringen die Leute um
17. Wir bekommen ein Päckchen
18. Quarantäne
19. Der Zug nach Bergen-Belsen
20. Beißende Hunde
21. Appell
22. Eine verwöhnte Göre
23. Kranke Kinder
24. Langfinger
25. Hunger
26. Fliegeralarm
27. Der Tod bekommt ein Eigenleben
28. Verzweiflung ist das Gegenteil von Judentum
29. Wiedersehen mit Anne Frank
30. Muttis Zustand gefährdet unseren Austausch
31. Eine weitere Nazi-Lüge?
32. Fahrt über dichtgepackten Schnee
33. An der Rampe
Freiheit und Verlust: Schweiz und Frankreich1945
34. Zugfahrt von Bergen-Belsen nach Süden
35. Wir müssen Papi zurücklassen
36. Der Austausch steht bevor
37. Wiedersehen mit Mutti und Werner
38. Ich habe nichts und niemanden mehr
39. Zugfahrt durch die Schweiz und Frankreich
Neubeginn: Auffanglager Jeanne d’Arc,Algerien 1945
40. Ankunft im Auffanglager Jeanne D’Arc
41. Wir Kinder ohne Eltern
42. Allein mit Vitek
43. Befreiung
44. Zukunftsgedanken
45. Ein Film weckt dunkle Erinnerungen
46. Abschied und Aufbruch
Nachtrag: Dezember 2017
Kurzbiographien der erwähnten Personen
Dank
Editorische Notiz des Verlags
Autor:innenporträt
Übersetzer:innenporträt
Kurzbeschreibung
Bildteil
Impressum
Zum Gedenken an meinen Papi, Held und Vorbild, der alles gab, um seine Familie zu retten. Er wurde uns genommen, als ich noch ein Kind war, gerade einmal vierzehn Jahre alt. Doch seine Anwesenheit, seine schützende und liebevoll lenkende Hand habe ich ein Leben lang gespürt.
Vorbemerkung
Als ich 1945 an Bord eines Liberty-Frachters die Vereinigten Staaten erreichte, drängten mich die amerikanischen Verwandten, die mich aufnahmen, zu vergessen, was meiner Familie – was mir – während des Holocaust widerfahren war. Ich solle daran nicht mehr denken und auch nicht davon sprechen, meinten sie. Und weil sie die Erwachsenen waren, ich dagegen kaum fünfzehn, hörte ich auf sie. Ich schwieg vierzig Jahre lang. Wirklich frei wurde ich aber erst, als ich zu berichten begann, was mir als Kind geschehen war. Dies ist meine Geschichte.
Glückliche Kindheit Berlin und Amsterdam 1936–1940
1
Ein rotes Dreirad und ein schwarzes Zickzack
Berlin, Sommer 1936
Geboren wurde ich als Irene Hasenberg, aber ihr könnt ruhig Reni sagen. Das taten schließlich alle. Ich hatte Glück. Ich wuchs mit meinem zwei Jahre älteren Bruder Werner bei meinen Eltern John und Gertrude Hasenberg und meinen Großeltern Julius und Pauline Mayer in einer großen, hellen Wohnung in der Nassauischen Straße 62 in Berlin auf, der strahlenden Hauptstadt Deutschlands. Eltern und Großeltern umgaben uns mit Liebe und vielen schönen Spielsachen. Mein liebstes war das rote Dreirad, das ich an meinem vierten Geburtstag bekam. Ich strampelte damit so schnell es ging durch den Park, sauste über die Gehwege und putzte danach auch immer brav die Reifen und den blitzenden Lenker.
Die jüdischen Feiertage und alle Geburtstage begingen wir zusammen mit verschiedenen Verwandten, versammelten uns mit ihnen am Esstisch, um die mehrzöpfige Challa zu verspeisen, unsere hebräischen Lieblingslieder zu singen und viel heiße Schokolade zu trinken. Wir hatten keine besonders schönen Stimmen, aber wen kümmerte das? Wir waren beisammen. Wir wollten ja keine Schallplatte aufnehmen! Als kleines Mädchen erlebte ich in Berlin herrliche Jahre, auch wenn sich Deutschland veränderte.
Aber was wusste ich schon davon? Ich war ja erst fünf.
Mein Opa und meine Omi hatten nicht weit von der Wohnung in Wilmersdorf einen kleinen Schrebergarten. An einem warmen Morgen meinte Opa, es sei ein prima Tag zum Aussäen, ganz besonders die Gurken und Radieschen, meine Lieblingsknabbereien. Wir zogen alle zusammen los. Es machte ganz schön Arbeit, die Erde umzugraben und Beete »anzulegen«. Behutsam betteten wir winzige, platte Samen in Weiß und kleine runde in Braun in den krümeligen Boden und deckten sie zu. Als ich mit meiner Reihe fertig war, guckte ich. Ich guckte und wartete sehr, sehr lange – bis die Erde oben an der Sonne trocken und hell wurde. Es geschah nichts.
»Reni, können wir los?«, fragte Papi.
»Lass uns noch auf die Knabbereien warten.«
»Da sind wir ja im Sommer noch hier!«, meinte Werner.
»Reni, es dauert eine ganze Weile, bis aus den Samen Gemüse wird«, erklärte Mutti.
»Was?«
Tränen kullerten mir über die Wangen. Opa kniete sich zu mir; seine Knie krachten.
»Nicht weinen, Kind. Das sind ganz besondere Samen. Sie wachsen sehr schnell, schneller als andere. Du musst nur etwas Geduld haben. Schaffst du das?«
»Ich versuch’s ja.«
»Eine gute Übung.«
Daheim hatten Mutti und Papi eine Überraschung für uns: Wir würden in die Stadt in den Zoo fahren. Ich vergaß die Samen. Aber erst, mahnte Mutti, müssten wir uns frischmachen.
»Hab ich schon«, sagte Werner. »Gleich als Erstes.«
Es stimmte. Selbst seine Schuhe blitzten. Ich besah mir mein Kleid und meine Fingernägel. Überall Dreck. Ich klopfte mich ringsum tüchtig ab und schüttelte mir sogar die Haare aus.
»Fertig!«
»Von wegen, Reni«, sagte Mutti, packte meine Hand und schleifte mich ins Bad.
Sie schrubbte mich feste mit Wasser und Seife ab, wischte mir sogar die Ohren aus und drum herum.
»Du machst mich kaputt«, begehrte ich auf.
Mutti wickelte mich in ein großes Badetuch, drehte mich und rubbelte, als würde sie Kissen aufschütteln. Dann ging es ab ins Kinderzimmer, wo sie mich fein machte. Erst dann durfte ich endlich in die Diele laufen, wo Papi und Werner warteten.
»Ach, Reni, du bist auch da«, staunte Papi. »Vorhin war hier ein kleines Mädchen, aber ich habe es vor lauter Schmutz nicht erkannt.«
»Das war ich!«
Wir nahmen zum Zoo die große gelbe Straßenbahn, genau die, mit der Papi jeden Tag zur Arbeit fuhr. Automobile und Lastautos hupten und kurvten hin und her. Wo die hinfahren würden, wusste man nie, die gelbe Straßenbahn aber folgte immer derselben Spur und den Drähten darüber. Sie kam und fuhr zu festen Zeiten, also wusste ich stets genau, wann Papi zur Arbeit aufbrechen und wann er heimkommen würde. Die knallgelbe Bahn war leicht zu erkennen; wenn ich aus einem der Wohnungsfenster schaute, konnte ich sie schon von Weitem kommen sehen und mich bereit machen, Papi gleich an der Tür in die Arme zu springen. Neulich hatte er gemeint, er kann mich kaum noch heben. So groß sei ich geworden.
Ich blickte auf Berlin hinaus. Es wimmelte wie Ameisen auf einer Picknickdecke.
»Mutti«, fragte ich, »was ist das schwarze Zickzack da?«
Es war überall: auf Fahnen groß wie Häuser, auf Lastwagen und Autos, auf Anziehsachen.
Sie meinte, das sei nichts weiter, also beugte ich mich zu meinem Bruder rüber und fragte den.
»Also ehrlich, Reni. Das ist ein Hakenkreuz«, sagte Werner.
»Was denn für ein Haken …?«
»Hakenkreuz«, verbesserte er.
»Gut, die werde ich jetzt alle zählen. Eins, zwei, drei, vier, fünf …«
»Such dir etwas anderes, Reni«, befahl Mutti.
»Die vielen Banner und Fahnen sind für die Olympischen Spiele im August«, erklärte Werner.
»Was sind das für Spiele?«, wollte ich wissen.
»Ehrlich, Reni, weißt du denn gar nichts?«, meinte Werner.
»Ich weiß jedenfalls, dass es mindestens fünfzig Hack- … Zickzacke sind«, sagte ich und schielte rasch zu Mutti hin, um sicherzugehen, dass sie nicht mithörte. »Oder sogar mehr. Ich habe ganz viele gezählt.«
»Die Olympischen Spiele sind, wenn Sportler aus aller Welt kommen«, erklärte Werner. »Sie kämpfen um Medaillen. Ich habe gehört, dass Deutschland richtig viele holen wird, besonders die Turner und Leichtathleten. Das ist eine ganz große Sache.«
»Ja, ist es«, bestätigte Papi, »und wir beide, Werner, gehen hin.«
Ausnahmsweise fehlten Werner die Worte, er stammelte: »Is wahr?« Papi nickte.
»Und ich? Und ich?«, rief ich. »Ich will auch.«
»Wir beide gehen einkaufen«, sagte Mutti.
Na ja, so dringend wollte ich dann auch wieder nicht zu diesen Olympischen Spielen.
Wir gingen ans Tor zum Zoo, und ich vergaß die schwarzen Zickzacke.
Drinnen ließ Papi meine Hand los, und ich lief mit Werner voraus, aber nicht zu weit. Alles dort war so grün: die buschigen Bäume und das spitze Gras. Beete voll gelber und roter Blumen duckten sich an kleine Zäunchen. Das Rot war so grell wie die großen Fahnen, die über den Dächern wehten. Ich wäre am liebsten mitten in die viele Farbe gelaufen, aber ich wusste inzwischen, dass ich auf den grauen Wegen bleiben musste. Wir sahen Elefanten ihre Schwänze und Rüssel schwingen, ich zeigte auf die großmäuligen Nilpferde. Wir fütterten die Ziegen, die uns umkreisten und unsere Hände beknabberten. Am liebsten war mir das Affenhaus mit den herumtollenden, schaukelnden Affenfamilien.
Auf der Heimfahrt lehnte ich mich an Papis Brust und den dunkelgrauen Anzug. Und da fielen mir die Zaubersamen wieder ein. Wie die wohl aussahen, wenn sie sich in ihren kleinen Erdbetten hin- und herwarfen?, fragte ich mich laut. Werner nannte mich hoffnungslos, und Mutti zwickte ihn in den Arm. Auf dem Weg von der Straßenbahnhaltestelle schlug sie vor, wir könnten doch am Schrebergarten vorbeigehen. Von Weitem schon sah ich auf der Erde grüne und rote Tupfer: blanke Gurken und Radieschen. Ich sauste quer über die Beete hin, obwohl ich das eigentlich nicht sollte, schnappte mir eine Gurke und biss gleich hinein, um mich zu vergewissern, dass sie echt war. Eine so saftig knackige Gurke hatte ich noch nie gekostet. O ja, es waren wirklich besondere Samen! Opa hatte recht.
»Warte doch. Die muss man erst waschen, Reni«, rief Mutti.
Ich stopfte mir so viele wie möglich in die Taschen meines Kleids. Den Rest sammelten Mutti und Werner ein.
»Opa, Omi, seht nur!«, rief ich daheim in der Küche, als ich meine Taschen auf den Holztisch ausleerte.
»Da musst du aber sehr tüchtig gesät haben, Kindchen. Dass sie so schnell reifen, habe ich noch nie erlebt«, sagte Opa.
»Genau, und noch dazu ganz ohne Blätter«, sagte Werner. »So als kämen sie direkt vom Gemüsestand.«
»Es sind eben sehr besondere Gurken«, beschloss ich.
Ich biss noch mal von einer ab. Meinetwegen waren die Samen besonders, aber wir waren eben auch sehr, sehr gute Gärtner.
Am Abend, gemütlich im Bett, dachte ich an die bevorstehende Geburtstagsfeier von meinem Vetter Bert und freute mich darauf, eines meiner besten Kleider tragen zu können. Vielleicht das blauweiß karierte mit den gelben Knöpfen oder, wenn ich großes Glück hatte, würde mir Mutti erlauben, das weiße mit den winzigen roten und blauen Herzen zu tragen, das mit dem gesmokten Oberteil, wenn ich versprach, es nicht schmutzig zu machen und daheim gleich wieder auszuziehen. Ich mochte an beiden die kurzen Puffärmel so gern und …
Ich hörte Werners Bett knarzen. Auch ohne den goldenen Schimmer meines Nachtlichts mit dem Äffchen wusste ich, dass er aus dem Bett gestiegen war und neben mir stand. Ich drehte das Gesicht zur Wand.
»Reni«, flüsterte er, »schläfst du?«
»Ja.«
»Reni, ich muss dich was fragen. Glaubst du, ich werde schlecht träumen?«
Seine Stimme bibberte ein bisschen. Ich antwortete nicht. Neuerdings träumte Werner oft schlecht – das wurde mir zu dumm. Als legte er es regelrecht auf schlimme Dinge und Träume an. Ich wollte nicht mit ihm reden. Ich wollte darüber nachdenken, was ich zu Berts Geburtstagsfeier tragen sollte. Bert würde sechs werden … wie ich im Dezember.
Als ich nichts sagte, sprach er weiter.
»Es sind die vielen Hakenkreuze. Die sind jetzt überall, wie die Nazis. Und ich habe gehört, dass die Nazis schlimme Dinge tun. Juden Schlimmes antun. Juden wie uns.«
»Hör auf«, schimpfte ich. »Es ist alles gut, Werner. Du wirst nicht schlecht träumen.«
»Ach … dann ist ja gut«, sagte er. »Danke. Gute Nacht.«
Und damit kehrte er in sein dunkles Bett zurück und kroch unter die Bettdecke.
2
Wir müssen fortgehen
Berlin, Winter 1936
Adolf Hitler war jetzt seit vier Jahren unser »Führer«, das Oberhaupt unseres Landes. Er mochte nur die wahren Deutschen. Die seien besser als andere, sagte er, und wenn sie rein blieben – und sich nicht mit anderen Leuten mischten –, würden sie eines Tages die ganze Welt regieren. Laut Hitler waren Menschen, die nicht rein deutsch waren, weniger gut, und die mochte er nicht. Die besudelten alles, sagte er, waren wie ein großer Fleck auf seinem schönen weißen Tischtuch. Das galt für viele Menschen, auch Juden wie uns.
Die Angst war so, als hätte jemand heiße Schokolade verschüttet, die uns zu verbrühen drohte. Mein Opa hatte sein Leben lang daran gearbeitet, eine Bank aufzubauen, und jetzt musste er sie an jemanden abgeben, der nicht jüdisch war. Mein Papi arbeitete auch in dieser Bank.
Eines Abends war ich vorm Schlafengehen noch im Bad und sah Mutti weinen. Ich hatte es nicht gern, wenn die Erwachsenen weinten, und guckte schnell weg. Kurz darauf kam Papi noch Gute Nacht sagen.
»Reni, ich werde nicht mehr mit der Straßenbahn zur Arbeit fahren«, sagte er und strich mir übers Haar. »Ich werde gar nicht mehr arbeiten … vorerst.«
Was war ich froh, dass meine Eltern nicht wegen irgendwas traurig waren, was ich angestellt hatte.
»Dann bist du zu Hause, wenn ich von der Schule komme?«, fragte ich.
»Ja, hier bei euch, erst mal, aber ich muss auch schnell wieder Arbeit finden«, sagte er.
»Und warum ist Mutti dann traurig?« Dass er zu Hause sein würde, klang doch gut.
»Sie ist traurig, weil es nicht leicht sein wird, wieder Arbeit zu finden. Aber ich werde mich ordentlich ins Zeug legen, und ich wette, es klappt.«
»Ja.«
»Schlaf jetzt, mein kleiner Fratz, morgen, wenn die Sonne scheint, wird alles besser.« Er drückte mir einen Kuss aufs Haar.
Besser? Aber was war denn so schlecht? Irgendwas stimmte da nicht.
Wenige Tage drauf vergaß Mutti, mir abends noch vorzulesen. Ich lag im Bett und horchte, hörte meine Eltern aufgeregt flüstern und konnte nicht einschlafen. Was sie sagten, kriegte ich nicht richtig mit, nur wie. Werner muckste sich in seinem Bett.
»Was streiten sie sich?«, flüsterte ich.
»Weiß ich nicht.«
Wir schlichen zusammen an die Tür. Kalt war mir nicht, aber ich nahm trotzdem meine rosa Decke mit. Muttis und Papis Stimmen schwappten aus dem Wohnzimmer in den Flur. Ich warf mir die Decke um und einen Zipfel auch über Werner.
»Selbst die Freunde wenden sich gegen mich«, hörten wir Papis Stimme. »Gegen uns. Auch Kameraden, mit denen ich im Krieg gekämpft habe! Grundgütiger, warum helfen sie nicht? Wir haben zusammen im Schlamm … der Schützengräben gelegen, gestorben, haben Seite an Seite für unser Land … dieses Land … gekämpft, unser Vaterland! Zusammen! Und jetzt wollen sie nicht helfen. Es ist unfassbar. Selbst Frank meldet sich nicht mehr. Frank!«, knurrte er wütend, dass es mir kalt den Rücken runterlief.
»Pscht, John, wir wecken die Kinder«, mahnte Mutti. »Ich weiß, es ist ungerecht. Es ist nicht recht.«
»Wir waren IMMER Juden, wissen sie das dennn nicht? Waren es damals, im Krieg. Sind es heute. Auf immer. Seit wann sind wir plötzlich das Böse schlechthin?«
Ich hatte Papi noch nie so laut werden hören.
»John, bitte. Ich weiß ja, ich weiß.« Schweigen. »Was ist mit Karl? Hast du es bei dem versucht?«
»Leider das Gleiche, Trudi«, sagte er milder. »Ich war bei ihm im Büro – und wurde nicht vorgelassen. Dabei weiß ich genau, dass er da war. Alle benehmen sich anders, selbst die, die keine Nazis sind. Sie haben Angst. Ducken sich weg. Das grassiert, die reinste Epidemie.«
»Bleibt noch Leo.«
»Ja, es bleibt uns noch Leo, aber dem ergeht es ja genauso. Er hat neulich sogar gemeint, er wolle die ganze Familie fortschaffen in die Niederlande.«
Leo war im Krieg der beste Freund meines Vaters. In Papis Arbeitszimmer hing ein Foto von den beiden Arm in Arm in ihren feschen Offiziersuniformen.
»Vielleicht sollten wir auch fortgehen. Ich sehe immer mehr judenfeindliche Schmierparolen und Plakate«, sagte Mutti. »Wenn ich einkaufen gehe. Wenn ich zur Post gehe. Es ist schlimm. Die Kinder sehen sie ja auch.«
»Trudi, das ist längst nicht das Schlimmste.« Er senkte die Stimme, ich musste sehr die Ohren spitzen. »In der Bank hören die Kassierer Gerüchte, dass man Juden zusammentreibt, ganze Familien, sie in Züge packt und in Arbeitslager schickt. Angeblich auch schon in Teilen von Berlin.«
Ich stupste Werner an und hauchte über die blanken Dielen: »Was reden sie da? Lager. Plakate. Und was sind Pa-… Pa-…?«
»Parolen. Wenn man Gebäude mit schlimmen Sachen vollkritzelt.«
»Is wahr?«
»Ich habe so ein Plakat auch schon gesehen. Darauf wird ein Speer in eine Schlange mit unserem Davidstern gebohrt.«
Dass es jüdische Schlangen gab, war mir neu. Schlangen fand ich scheußlich, ganz gleich, welche. Bäh.
»Und einige Schulkameraden haben auch von den Zügen gehört, die in solche Lager fahren«, sagte Werner.
Wir nahmen eigentlich nur einen Zug, um Ferien zu machen oder zum Spaß mal woandershin zu fahren.
»Warum steigen die Leute in einen Zug, der hinfährt, wo es doof ist?«
»Sie werden gezwungen.«
»Wer macht das?«
»Die, die unser Land regieren, Reni. Die Nazis.«
»Ich finde die Nazis gemein.«
»Sie mögen niemand, der nicht ist wie sie.«
»Wen denn?«
»Alle, die nicht arisch sind.«
»Was heißt das, arisch?«
»Reni, du stellst zu viele Fragen. Deutsche sind arisch. Groß. Blond. Blauäugig.«
»Aber wir sind doch deutsch. Und blaue Augen hab ich auch!«
»Wir sind aber nicht gemeint.«
»Aber warum denn nicht?«
»Weil wir Juden sind. Hörst du denn nie zu?«
Ich verstand das alles nicht, aber schon das Wort Nazi klang gemein, als könnte es dich schneiden. Und in einen Zug zu steigen, der an einen schlimmen Ort fuhr, klang gar nicht nach Ferien. Wir hörten die Stimmen unserer Eltern mal mehr, mal weniger klar heranschweben, bis ich zu müde wurde. Ich ging ins Bett, mit meiner Decke, und ließ Werner weiter lauschen und bangen.
3
Schlechte Träume
Berlin, Frühjahr 1937
Wenige Wochen später nur drückte Papi uns alle zum Abschied und sagte, er werde weit weg Arbeit suchen. Er versprach, ganz bald wiederzukommen. Ich versuchte, mir einzureden, es wäre ein ganz normaler Morgen und er würde in seinem Anzug mit einem Lächeln den Gehweg entlangschlendern zur Straßenbahn. Aber im Innern wusste ich, dass nichts normal war. Papi hatte einen großen Koffer dabei, aber kein Lächeln. Und dann war er weg.
Ab da schien alles anders: Papis Abreise riss ein Loch in unsere Welt und ließ das Grau rein; Mutti weinte jetzt oft und herzte mich immerzu. Ich war froh, dass Opa und Omi da waren und nicht auch Arbeit suchen mussten. Auf dem Schulweg hielt Opa jetzt meine Hand. Er erzählte mir dabei ein paar Lieblingsgeschichten – Weißt du noch letztes Jahr die Zaubergurken im Garten? –, aber es fehlte das Lächeln dazu. Wenn er mich auf der Schultreppe zurückließ, spürte ich selbst nach dem Loslassen den Griff seiner Hand. Meine Schulfreunde waren stiller. Es gab keine Einladungen mehr zu Feiern. Unsere Lehrerin Frau Schmidt hatte keine Kraft, sie welkte dahin. Sogar die Häuser und Bäume bei uns an der Straße wurden traurig. Es brannten weniger Lichter, Vorhänge blieben geschlossen, und an den Bäumen kümmerten die neuen Blätter vor sich hin und rollten sich ein.
»Reni, ich habe wieder schlecht geträumt«, sagte Werner eines Abends. Er ließ sich so auf die Bettkante plumpsen, dass ich oben gegen das Ende rumste, und das riss mich aus dem Beinahe-Schlaf. Ich rieb mir den Kopf, als täte er weh, und vergrub das Gesicht im weichen Bettzeug.
»Es war schrecklich. Es goss in Strömen. Wir beide, du und ich, waren im Wohnzimmer. Nur war es nicht ganz wie vorher, die Stühle waren gelb, nicht grün, und …«
»Werner«, murrte ich gähnend und schlug die Decke zurück, »jetzt MACHSCHON. Was will ich mit Stühlen!«
»Es trommelte so viel Regen aufs Dach. Es war pechschwarz und … und wir konnten überhaupt nichts sehen. Als wär da ein großes Loch oder gäbe es gar kein Dach. Und dann sah ich plötzlich, dass das Dach tatsächlich verbrannt war, und durch das Riesenloch, das da zwischen Teppichen und Holz und Metall klaffte, sah ich draußen Feuerwehrleute, und ich roch Rauch, aber als sie die Löschpumpe anstellten, kam aus den Schläuchen kein Wasser heraus, sondern lauter Schlangen. Nicht Wasser, sondern Schlangen.«
Igitt.
»Du weckst mich, um mir von Schlangen zu erzählen?«, protestierte ich.
Er sprach weiter.
»Aufs Haus plumpsten lauter Schlangen, Sie zuckten und zappelten überall, im Haus und an uns auch. Sie spritzten zu den Fenstern und Türen herein, sie glitschten durch die Dielen hoch. Zuerst waren sie noch klein, lauter Knäuel, aber die platzten dann auf und wurden lang und kriegten ganz große Köpfe mit Riesenhauern. Schau, so, Reni.«
Er machte eine Faust und spreizte dann die Finger halbkrumm zu Zähnen. Da war ich aber ganz schnell wach. »Die Feuerwehrleute wollten uns retten, aber in Wirklichkeit haben sie uns bloß mit beißenden Schlangen bespritzt.«
»Schluss jetzt!«
Er wollte von mir hören, wie blödsinnig der Traum war und dass er wieder ins Bett gehen solle. So machten wir das nämlich immer. Es ging ihm dann besser. Aber ich war erschrocken und sauer, weil ich mir nun lauter Schlangen in den Zimmerecken vorstellte.
»Na ja, könnte schon sein, Werner. Wenn in der Erde nicht genug Wasser ist und sie stattdessen die Schlangen aufsaugen, die da unten hausen. Könnte schon sein.«
»Sei nicht albern«, sagte er, zog aber die Beine aufs Bett hoch.
»Schlangen beißen einfach alles, weißt du.«
»Nein«, widersprach er, »das stimmt nicht.«
Ich schob die Hand unter der Bettdecke entlang und packte sein Bein.
»Reni!« Er sprang auf.
Ich wollte lachen und so tun, als wäre es komisch, aber es fühlte sich nicht komisch an, und mein Lachen klang mehr wie ein trockenes Husten. Werner schlich wortlos in sein Bett zurück. Vielleicht würde er mich jetzt wenigstens in Ruhe lassen.
Ein anderes Mal holte Mutti mich von der Schule ab, und ich sah gleich, dass sie wieder geweint hatte. Sie hatte Flecken im Gesicht, ihre Augen waren rot und huschten hin und her.
»Reni, war auf dem Schulweg mit Opa alles in Ordnung?«, fragte sie, zog mich dicht zu sich heran und blickte zu mir herunter.
»Doch, ja«, sagte ich, als wir auf die Straße traten.
»Da bin ich froh«, sagte sie und hielt mich dicht an ihrer Seite. »Es war keiner gemein zu euch oder hat euch was getan?«
»Na ja.«
»Was denn? Sag’s mir.« Sie blieb stehen und hockte sich vor mich. Ihr Parfüm roch nach Ruhe und Blütenblättern. Die großen Augen wurden in ihrem runden Gesicht noch größer. Die kurzen Ärmel ihres Kleids schnürten ihre Arme ab, der Saum des Kleids puffte hoch und sank dann auf den Ascheweg.
»In meiner Klasse feiert Karl Geburtstag, und ich bin nicht eingeladen.«
»Oho«, machte sie lächelnd und legte mir die Hände auf die Schultern. »Wer ist Karl? Ein Freund von dir?«
»Kein so ganz richtiger. Aber alle in der Klasse sind am Wochenende zu ihm in sein großes Haus eingeladen. Nur ich nicht … und Lisell.«
»Nun, Reni ich weiß, wie gern du feierst, aber du kannst nicht erwarten, jedesmal eingeladen zu werden.«
»Lisell sagt, es ist, weil wir Juden sind.«
Mutti holte tief Luft.
»Karl hat ein großes Haus, und bei ihm wird immer toll gefeiert. Kann ich nicht mal den einen Tag nicht jüdisch sein und auf die Feier gehen? Nur den einen?«
»Sieh mich an, Reni«, sagte Mutti mit einem strengen Blick. »Du wirst immer jüdisch sein. Wir alle werden immer jüdisch sein, und fertig. Du solltest stolz sein. Du solltest …« Dann kam nichts mehr, bis sie sagte: »Karl ist wohl kein wirklicher Freund, oder?«
Ich schüttelte den Kopf. Sie zog ein Taschentuch aus ihrer blanken gelben Handtasche und tupfte mir die Augen ab.
»Ihm entgeht was, wenn er dich ausschließt«, sagte sie. »Ihnen allen. Wir können doch Lisell zu uns einladen und unsere eigene Feier abhalten.«
Ich nickte. »Mit Kuchen?«
»Einem Riesenkuchen«, sagte Mutti und richtete sich auf.
Sie packte meine Hand und zog mich beiseite. Auf uns kam eine Wand aus Jungen zu, alle in hellbraunen Hemden und kurzen schwarzen Hosen. Hitlerjugend. Über den großen, blanken Silberschnallen der Gürtel baumelten ihnen schwarze Halstücher auf der Brust. Ihre Hemdsärmel hatten die Jungen hochgekrempelt, als wäre ordentlich viel zu tun, nämlich im Gleichschritt marschieren und lauthals singen, wie es ihnen der Erwachsene, der sie begleitete, vorgrölte:
Wir werden weiter marschieren
Wenn alles in Scherben fällt
und heute, da hört uns Deutschland
Und morgen die ganze Welt.
Es kamen mehr und immer noch mehr vorbei, ohne uns zu beachten, die Augen geradeaus auf die Köpfe vor ihnen gerichtet, bis auch die Letzten vorübergetrampelt waren. Mutti sah sich links und rechts um, ehe wir weitergingen.
»Ab jetzt wird Opa dich und Werner zur Schule und wieder heimbringen.«
Das wird Werner aber gar nicht gefallen, dachte ich. Er will ein Großer sein, wie diese Jungen eben. Er will nicht von seinem Großvater gebracht werden. Daheim ging ich gleich auf unser Zimmer, schloss die Tür, und zog mich zum Spielen um. Dann suchte ich Werner, um es ihm gleich zu sagen.
Ich marschierte mit hochgerecktem Kinn an ihm vorbei. »Ab sofort wird dich Opa zur Schule bringen«, verkündete ich.
»Hat dir Mutti erzählt, was los war?«, fragte er.
»Jawohl. Opa wird dich genau wie mich zur Schule begleiten.« Ich verschränkte die Arme und tat wichtig.
»Das meine ich nicht.«
Und da erzählte mir Werner, dass eine Bande Jungen ihn und seine Freunde nachmittags grölend durch die Straßen gejagt und ihnen »Judenschweine« nachgerufen hatten. Einen Freund hatten sie geschnappt und bös verdroschen. Er musste ins Krankenhaus gebracht werden. Werner hatte sich unter einem Strauch verkrochen. Dort war es dunkel, er hatte sich Hände und Knie im Dreck aufgescheuert. Er hatte erst kaum Luft zu holen gewagt und dann versucht, ruhig zu atmen und nicht an seine Schlangenträume zu denken. Werner war erst spät heimgekommen, und Mutti war aufgebracht gewesen, aber sehr froh, als sie hörte, wie er sich in Sicherheit gebracht hatte.
Werner war nicht flink, aber gut im Verstecken.
»Warte nur, bis du groß und stark bist wie die ganzen Jungen, die wir heute gesehen haben«, sagte ich ihm, um ihn aufzumuntern.
»Was für Jungen?«
»Von der Hitlerjugend.«
»Die wollen mich nicht, Reni. Schon vergessen?«
»Na ja, jedenfalls bist du mutig«, sagte ich, »und es war schlau von dir, dich zu verstecken.«
Werner setzte sein stolzes Gesicht auf, das war lustig.
4
Wir kaufen ein Kleid auf dem Kurfürstendamm
Berlin, Sommer 1937
Papi rief an, er hatte Neuigkeiten. Seine Stimme klang wirklich so fern, wie sie es war. Er hatte bei der American Express Company in Amsterdam Arbeit gefunden, das lag in den Niederlanden. In ein paar Monaten würden wir Berlin verlassen und zu ihm fahren. Werner und mir fiel der Kinnladen runter. Sonst schien niemand groß überrascht.
»Kommt er und holt uns ab?«, fragte ich Mutti.
Nein. Es war schwer genug gewesen, überhaupt aus Deutschland rauszukommen. Das hatte viel Mühe gekostet und besondere Papiere verlangt. Die Leute, die ihm die Papiere gegeben hatten, könnten es sich anders überlegen, wenn Papi zurückkäme. Dann könnten wir alle nicht mehr weg. Dagegen hätte ich nichts gehabt. Ich war mir nicht sicher, ob ich weg wollte. Alle meine Freunde waren doch hier. Als Mutti mir den Telefonhörer gab, sagte Papi, den Umzug vorzubereiten würde viel Arbeit machen, und Werner und ich müssten tüchtig helfen. Ob ich das verstünde? Ich nickte, bis er die Frage wiederholte und mir wieder einfiel, dass er mich ja nicht sehen konnte. Ich sagte deshalb: »Ja.«
Anschließend bat Omi mich, ihr kochen zu helfen.
»Reni, wir werden nicht alles im Haus mitnehmen können«, sagte Omi und hielt beim Gemüseschneiden inne, um mir Milch nachzuschenken. Wir saßen in der Küche. Sie schnippelte, ich trank. »Die Wohnung hier ist so groß; die in Amsterdam wird kleiner sein.«
»Heißt das, wir müssen alles hierlassen?«, fragte ich. »Auch meine Bücher und meine Decke?« Meine Lippe zitterte.
»Nein. Die nicht. Aber die großen Sachen.«
»Was ist mit meinem Bett? Und meinem Dreirad?« Das Dreirad liebte ich immer noch, selbst wenn ich kaum noch damit fuhr.
»Ich denke, die werden zurückbleiben müssen. Du bekommst neue.«
Ich schluckte meine Tränen tief in den Bauch.
»Na gut. Solange ich Zeit habe, Lebwohl zu sagen.«
»So viel Zeit wird schon sein, Kindchen«, sagte sie.
»Und … und was ist mit den Kleidern, die du mir gekauft hast?«, fragte ich. »Das hellblaue ist doch neu und noch so bauschig. Gibt es in Amsterdam Feiern?«
»Ich denke, die Kleider können mit«, sagte sie. »Und ja, doch, es gibt Feiern.«
»Mit dir Kleider zu kaufen ist schön«, beschloss ich leicht aufgemuntert.
»Im Einkaufen sind wir gut, nicht wahr?«, meinte Omi und tat ein bisschen heimlich. »Da haben wir unseren Spaß.«
»Wir sind die allerbesten«, erklärte ich mit großen Augen und tuschelte so leise wie sie. »Ich weiß, wo die besten Läden sind, und du weißt, wie man bezahlt.«
Die Schule fing wieder an, und jedesmal, wenn ich mit Opa und Werner von der Schule zurückkam, war im Haus wieder neu sortiert worden nach dem, was mit sollte, und dem, was bleiben würde. Unser Zuhause sah jedesmal anders und ganz fremd aus, wenn Mutti wieder erklärte, warum sie was behalten würde. Der Esstisch: Wir werden vielleicht keine großen Gesellschaften geben, also brauchen wir ihn nicht. Der Speiseschrank: Er ist zwar groß, aber recht kompakt, und es passt so viel rein. Der kommt mit. Die beiden Bücherregale im Wohnzimmer: Die passen perfekt in die neue Wohnung. Mutti ließ mich mein Dreirad ins Haus holen und in Papis Arbeitszimmer meine Runden drehen, obwohl ich eigentlich für das Rad zu groß war.
Auch Opa meinte eines Morgens beim Frühstück, ich sei sichtlich gewachsen. »Werner natürlich auch«, fügte er mit einem raschen Blick auf meinen Bruder an, »aber Reni hat wirklich einen Schuss gemacht.«
Ich rutschte auf meinem Stuhl vor und richtete mich für sie zu meiner vollen Höhe auf. Endlich wurde ich groß.
»Ich finde, wir sollten dir gleich heute ein paar neue Kleider kaufen gehen«, sagte Omi.
»Is wahr?«, platzte ich heraus.
»Igitt!«, rief Werner. »Du spuckst ja.«
Omi sprach weiter: »Du bist in letzter Zeit so in die Länge geschossen, dass du aus den meisten Sachen herausgewachsen bist. Und du wirst für das Wiedersehen mit deinem Papi doch was Hübsches brauchen. Immerhin sind wir bald in Amsterdam.«
Ich fand eigentlich nicht, dass ich aus meinen Sachen ganz herausgewachsen war, aber gegens Einkaufen hatte ich natürlich nichts einzuwenden, und klar wollte ich für Papi hübsch sein. Er fehlte mir sehr.
»Und eine wohlgeratene junge Dame verdient eine neue Garderobe«, setzte Mutti dazu.
»Dame?«, spottete Werner. »Eine Dame spuckt keine Brotkrumen über den ganzen Tisch.«
»Kriege ich ein richtig feines Kleid?«, fragte ich.
»Was immer du willst«, sagte Omi.
»Und gehen wir auf den Kurfürstendamm, in die feinen Geschäfte?«
Der Kurfürstendamm war aufregend. Das war eine breite Straße mit Automobilen, Trambahnen, vielen Menschen und den allerbesten Geschäften.
»Ja«, sagte Omi.
»Aber gebt Acht«, sagte Mutti. »Nicht überall sind sie in den Geschäften freundlich.«
»Wir gehen nur in die freundlichen«, versprach Omi. Ich nickte eifrig.
Ich sprang von meinem Stuhl auf, gab Omi einen dicken Schmatz und erklärte mich aufbruchbereit. Sie wischte sich mit der Serviette die Wange ab. Sie trug mir auf, mir erst die Zähne zu putzen. Das würde ein richtiger Festtag werden. Omi würde mich Kleider aussuchen lassen, wie sie mir am allerbesten gefielen, auch wenn sie unpraktisch waren. Mutti wäre mit so piekfeinen Sachen nicht einverstanden, aber Mutti würde ja nicht dabei sein, oder?
5
Abschied von Opa und Omi
Berlin, Dezember 1937
»Werner, Reni, kommt, setzt euch zu uns«, sagte Mutti ein paar Tage später nach dem Essen, und ihre Stimme klang hart und splittrig. »Wir müssen euch etwas sagen.«
Wir traten ins Wohnzimmer. Dort, mitten im Raum, warteten auf dem großen Teppich (der war für uns immer schon zu dunkel – der bleibt) im Schein einer Stehlampe Opa und Omi. Opas bequemer Lehnstuhl mit dem Kissen im Rücken und den gepolsterten Armlehnen war leer (zu alt und abgewetzt, um ihn mitzunehmen). Opa hatte sich stattdessen zu Omi gesetzt; sie quetschten sich auf die eine Seite des kleines grünen Sofas (passt so gut zum Gemälde aus der Diele, kommt also mit). Werner und ich hockten nebeneinander am anderen Sofaende. Mutti kauerte vor uns auf der Kante des Schaukelstuhls. Alle warteten schweigend.
»Opa und Omi und ich wollten euch sagen, wie lieb wir euch haben«, sagte Mutti. »Es ist fast alles gepackt und fertig für die Abreise nach Amsterdam zu Papi.« Sie verstummte, schob sich auf dem Stuhl zurück und begann zu schaukeln.
Ich schielte zu Werner rüber.
»Aber wir müssen unsere Pläne ändern«, fuhr sie dann fort. Sie schaukelte schneller und vergrub das Gesicht in den Händen.
Werner hob einen Daumen an die Zähne, pulte mit dem Nagel zwischen den Vorderzähnen, zog ihn wieder vor, um nachzusehen. Ich schob die Hände in die Kniekehlen, um stillhalten zu können. Ich umschlang immer wieder meine Beine, als wäre ich eine Katze, und suchte die bequemste Stellung.
»So gern Omi und ich euch begleiten würden«, sagte Opa und übernahm damit von Mutti, »wir werden nicht fahren können. Wir haben die erforderlichen Bescheinigungen – die richtigen Papiere – nicht bekommen. Wir werden daher hierbleiben und nach dem Rechten sehen. Bis ihr wieder heimkehren könnt.«
»Aber wieso?«, fragte Werner. »Ich dachte, wir hätten alle die Erlaubnis.«
»Nur wir drei«, sagte Mutti.
»Aber wieso?«, fragte er erneut. Doch seine Frage blieb im Raum stehen und niemand antwortete.
6
Ein neues Zuhause
Amsterdam, April 1940
Als ich klein war, wusste ich nicht, dass ich bloß ein Tropfen im großen Strom der vielen Juden war, die Deutschland verließen. Juden gingen nach Albanien, in die Vereinigten Staaten, auf die Philippinen, nach England, Belgien, China – wo immer man bereit war, uns zu nehmen. Die Vereinigten Staaten ließen nicht viele Juden herein, also konnten wir dort nicht hin, obwohl das Papis erste Wahl gewesen wäre. Dafür aber bedeutete die Arbeit, die er in den Niederlanden fand, dass die Übersiedlung nicht so schwer sein würde: »650 Kilometer schnurstracks nach Westen«, erklärte Werner. Die Nazis ließen nur so und so viel Besitz und Geld aus Deutschland heraus, was der eigentliche Grund dafür war, dass wir uns so einschränken mussten.
Wir mussten doch wahrhaftig alles zurücklassen, was verdient und angespart worden war … und es noch dazu Menschen überlassen, die uns hassten. Wir würden von unserer geräumigen Berliner Etage in Amsterdam in eine kleine Dreizimmerwohnung ziehen. Es kam ein Umzugswagen, und Männer luden sogleich alles ein. Mutti hatte es prima hingekriegt, unsere Sachen zu sortieren. Einiges – Möbel, etwas Bettwäsche, Geschirr und Besteck – übernahmen Opa und Omi, die nun in eine andere Wohnung in der Prinzregentenstraße Nr. 6 ganz in der Nähe ziehen würden. Sie bestanden darauf, dass sie nicht mehr brauchten.
In Amsterdam fühlten wir uns dank des weißen Geschirrs mit dem blauen Blütenrand, der bestickten Wäsche mit Muttis Namenszeichen »GMH«, einiger schwerer Bücherregale aus dem Wohnzimmer und unseres großen Speiseschranks tatsächlich schnell zu Hause. Wir hängten das Ölbild der flirrenden goldenen Heuwiese mit dem blanken blauen Himmel in die Diele. Auf dem Kurbel-Grammofon liefen genau wie vorher Mozart und Verdi und erfüllten die Wohnung mit der Musik, die wir liebten.
Von 1937 bis 1940 verlief das Leben friedlich. Wir lernten Niederländisch, eine Sprache, die ich bald konnte und liebte. Freunde und Familie schauten vorbei, manche auf der Flucht aus Deutschland, und Opa und Omi durften zwar nicht zu uns ziehen, uns aber besuchen. Muttis Schwester war mit ihrem Mann ebenfalls nach Amsterdam übersiedelt, also hatten wir einige unserer Nächsten um uns. Es waren frohe Zeiten, mit Reisen durchs Land und Fahrradtouren an den Grachten und der geordneten Pracht der Tulpenfelder. Ich fand neue Freunde, Vera und Kitty zum Beispiel, die genauso gern Fahrrad fuhren wie ich. Und in unserem Viertel wohnten noch andere deutsche Emigranten, darunter eine Familie Frank. Der Schatten des Deutschen Reichs blieb eine ferne Wolke am weiten holländischen Himmel. Doch ebenso, wie an einem stillen, fedrigen Himmel plötzlich Gewitterwolken aufziehen können, braute sich in Nazi-Deutschland etwas zusammen.
1938 kamen meine geliebten Großeltern zwei Wochen zu Besuch. Mit acht spürte ich zwar in ihren schmerzlich innigen Umarmungen so etwas wie einen vorweggenommenen Abschied, aber ich konnte nicht ahnen, dass ich sie zum allerletzten Mal sah. Hitler setzte zum Sprung an, fiel im Jahr drauf in Polen ein und entfesselte den Zweiten Weltkrieg. Dann, im Frühjahr und Sommer 1940, meinem neunten Lebensjahr, marschierten Hitlers Armeen in etliche westeuropäische Länder ein.
Eines Morgens schlug ich wie immer Laken und Decke an den Matratzenecken ordentlich unter, damit Mutti das Bett »platzsparend«, in die Wand hochklappen könnte – das war die holländische Art. Ich bürstete mein dichtes dunkles Haar und lief hinaus, um meinen Vater zu verabschieden, ehe er die Straßenbahn zur Arbeit nahm. Meist hörte er mich schon kommen und verdeckte sein Gesicht oder duckte sich, aber an diesem Morgen saß er bloß da und hielt Muttis Hände. Ich schlitterte ihm in die Arme, und er ließ Muttis Hand los, um mich aufzufangen, aber er lachte nicht wie sonst über unser kleines Morgenritual. Sein Gesicht war ausdrucklos und entrückt.
»Pscht«, mahnte mich Mutti.
»Pscht, Reni, das ist jetzt gerade ein denkbar ungünsiger Moment«, sagte Werner betont erwachsen. Papi drückte mich einfach an sich, meine Hand lag am Ärmel seines Anzugs.
Ich zupfte an einem losen Faden, versuchte ihn zu packen, gab es aber schließlich auf. Keiner aß. Die Toastscheiben mit Marmelade in der Tischmitte wurden kalt. Ich sah die Wärme regelrecht verdampfen; ich aß meinen Toast lieber warm. Und da hörte ich dann die Rundfunkstimme aus dem großen Holzkasten in der Ecke tönen. Ich schnappte mir zwei Scheiben, verteilte die Marmelade darauf besser und lauschte möglichst erwachsen. Ich setzte ein nachdenkliches Gesicht auf, legte den Kopf schief wie Papi und lauschte der furchtbar langweiligen Stimme aus dem Empfänger. Da hörte ich das Wort »Nationalsozialismus« und erstarrte. Es sprach jetzt jemand Deutsch, nicht Niederländisch. Ich kannte Deutsch von zu Hause in einem warmen Tonfall, aber diese Stimme war kalt, klang offiziell und fuhr ins Zimmer wie ein Messer.
»Was ist da los?«, fragte ich. Mein Toast landete gleich wieder auf dem Teller. »Pscht«, kriegte ich bloß zu hören.
Geschlagene fünf Minuten saßen wir reglos da, und ich hatte Mühe zu begreifen, was geschehen war. Ich blieb auf Papis Schoß sitzen, wäre gern ganz klein und sicher in seiner Westentasche verstaut gewesen. Schließlich schaltete Papi das Radio aus und erklärte.
Wie es aussah, wollte Deutschland in die Niederlande einmarschieren und alle erschießen, wenn ihm das Land sein Gebiet nicht überließ. Und wenn doch, wären wir vielleicht nicht mehr sicher. Genau wie vorher. Das Leben in Berlin schien lange her. Holland war jetzt meine Heimat. Ich wünschte, Deutschland würde sich verziehen und uns in Ruhe lassen.
»Wann kommen sie denn?« – »Was werden sie tun?« – »Wie werden sie aussehen?« – »Sehen sie aus wie normale Menschen?« Meine Fragen überschlugen sich.
Werner fiel mir ins Wort. »Reni, hör auf! Erst einmal passiert gar nichts. Es bleibt alles, wie es ist. Heißt es.« Er stand vom Tisch auf und stellte sein Geschirr ans Spülbecken.
Jetzt redete Papi. »Es lässt sich noch nicht absehen, was das bedeutet. Ich hoffe, dass England und Frankreich die Nazis zurückschlagen können und wir nicht besetzt werden. In der Zwischenzeit werden wir aufmerksam verfolgen müssen, was geschieht.«
Er stand vom Tisch auf, drückte uns alle zum Abschied, und dann sah ich aus dem Fenster im ersten Stock dem Hut nach, der über den sonnigen Gehweg Richtung Straßenbahn entschwand. Bald darauf musste ich selbst los, zur Schule, winkte einer besorgt dreinschauenden Mutti Adieu und traf mich unten auf dem Gehweg mit meiner besten Freundin Vera. Beide gingen wir in die dritte Klasse. Die Schule war nur drei Straßen weiter. Wir spazierten eine Weile Arm in Arm dahin, hüpften mit wippenden braunen Bubiköpfen über die Ritzen zwischen den Gehwegplatten, bis Vera sich löste und in ihre Tasche griff.
»Guck, was ich gestern für meine Puppe gemacht habe«, sagte sie. Ich nahm das kleine, vollkommene Miniaturkleid entgegen und besah es mir genau. Vom Weiß einer weißen Taube. Die blaue Stickerei am Saum war gerade und ohne lose Fäden, und beide Träger waren gleich lang.
»Ach, prima. Wenn ich ihr noch einen Mantel dazu mache, kann sie es auch in der Übergangszeit tragen«, sagte ich.
Ich gab Vera das kleine Kleid zurück und musterte die Passanten vor uns. Ein Frau auf hohen Absätzen eilte auf uns zu, ihr Blick starr auf ihr Ziel gerichtet. Zwei Herren in Anzügen standen herum und scherzten, Zeitungen noch gefaltet in der Hand. Niemand hatte an diesem Morgen auch nur eine meiner Fragen beantwortet. Würde ich einen Nazi auf Anhieb erkennen?
»Komm schon, Transuse«, drängte Vera. »Wir kommen noch zu spät und verpassen Direktor Beuzemakers ›Schülerparade‹.«
Wir huschten die sieben Stufen zu unserer dunklen Backsteinschule hinauf und schlossen uns den letzten Nachzüglern im Flur an.
Tock, tock, tock.
Direktor Beuzemaker stand direkt am Portal. Er war glatzköpfig und trug unweigerlich einen hellbraunen Anzug mit Fliege, die an seinem breiten Hals etwas verloren wirkte. Mit erhobener Faust klopfte er mit seinem Ehering am Treppengeländer einen Takt, der die Schritte der Schüler in die Klassenräume beschleunigte.
Tock, tock, tock.
Vera und ich hängten unsere Mäntel an die Haken hinter der Tür und setzten uns an unsere benachbarten Pulte. Beide hatten wir darin ein Fach, das unsere Tintenfässer und Federn enthielt und kleine Stapel Shirley-Temple-Karten. Die gab es gratis in den Packungen mit dem Kaugummi, das ich nie kaute. Aber nach den Karten war ich ganz wild, weil sie mir viele Ideen für Puppenkleider und Frisuren lieferten. Ich ging sie jetzt durch und legte die von Shirley Temple mit grünem Kragen und schwarzem Federhut obenauf. Vera packte auch eine Lieblingskarte oben auf ihren Stapel – die, wo der Kinderstar die Hände zum Gebet zusammengelegt hat und seitlich in die Kamera blickt.
Fräulein Pino mit ihrem strengen grauen Dutt und dem lieben Gesicht schrieb in sauberen Schnörkeln etwas an die Tafel. Ich liebte das Schönschreiben, und ich liebte Fräulein Pino. Sie hatte Vera und mich sogar mal zu sich nach Hause zum Tee eingeladen.
Meine Liebe zu Fräulein Pino lag zum Teil an meiner Liebe zu Rudi. Sie hatte uns nämlich zusammengebracht; Rudi war mein Pultnachbar auf der anderen Seite. An diesem Tag fehlte er, aber wenn er da war, fiel es mir schwer, mich zu konzentrieren. Er stellte im Unterricht immer als einer der ersten Fragen und war sich bei seinen Antworten immer sehr sicher, aber nicht auf unangenehme Weise. Er hatte wie Werner welliges Haar, nur dicker, und er machte sich nicht wie die anderen Jungen über meine Shirley-Temple-Karten lustig. Er hatte sie im Gegenteil sogar mal für mich aufgehoben, als der ganze Stapel auf den Boden gefallen war. Ein Kavalier.
Kriegsbeginn Amsterdam 1940–1943
7
Schwarze Vorhänge
Amsterdam, Mai 1940
Kra-wumm. Im Dunkeln wackelte mein Bett. Wumm. Wumm. Es knallte und krachte. WUMM. Ein scharfer Wind fegte ins Zimmer, und ein Hagel aus Glas prasselte auf mein Bett.
»Werner!«, schrie ich inmitten des Lärms. »Werner!«
»Hier! Alles in Ordnung?«, fragte er.
»Weiß ich nicht!«, rief ich und rückte vom Fenster und den wehenden Gardinen ab. Vor den Flammen hoben sich Häuser und Rauch ab. Ich kauerte mich mit Werner ans Fußende meines Betts; er hielt mich umklammert.
Papi und Mutti stürzten herein.
»Reni! Werner! Wo seid ihr?«, rief Mutti. Ihr Atem flog.
»Hier, hinterm Bett«, rief Werner.
»Kommt raus da, wir gehen in die Küche«, sagte Papi. In der einen Hand hielt er eine Taschenlampe, an der anderen Mutti.
Draußen ging der schreckliche Krach weiter, als wir uns weiter hinten in der Wohnung um den Küchentisch drängten. Zwischen den schlimmen Einschlägen war das Brummen von Flugzeugen zu hören. Mutti begann zu weinen. Und da musste ich auch weinen. Sie nahm mich auf den Schoß.
»Das sind die Deutschen, Trudi«, sagte Papi. »Es ist der Einmarsch, genau wie befürchtet.«
»Die Nazis?«, fragte ich.
»Ja«, sagte Papi.
Das bisschen, was ich über einen Einmarsch aufgeschnappt hatte, war mir unwirklich vorgekommen und deshalb kaum begreiflich. Was wusste ich schon von Krieg? So ernst das alles klang, es blieb schwer fassbar, aber diese Bomben, das war etwas anderes. Das ging uns bis ins Mark.
Immer wieder mal spähten wir kurz aus den Fenstern. Von unten angeleuchtet sahen die Wolkenballen, die aus dem Dunkel herabsanken, aus wie wabernde Tiefseequallen.
»Fallschirme«, flüsterte Werner, als könnten sie uns hören.
Über uns kämpften niederländische und deutsche Flugzeuge, und Papi sagte, die einen könnten uns ebenso schaden wie die anderen. Krieg bringe viel Durcheinander, und wir könnten bei diesen Gefechten zufällig umkommen, wenn wir auffielen. Also müssten wir die Köpfe einziehen, stillhalten, zusammenhalten.
Die Niederlande wehrten sich tapfer, fielen aber dennoch an Deutschland. In den folgenden Wochen hängten wir schwere schwarze Vorhänge vor die Fenster, damit wir nachts aus dem Himmel weniger leicht zu sehen waren.
Man könnte meinen, dass sich alles auf einen Schlag änderte, aus Farbe plötzlich Schwarzweiß wurde, aber die Veränderungen waren schleichend. Wir gewöhnten uns an die neuen Abläufe. Eines Morgens sah ich auf dem Schulweg zum ersten Mal Nazisoldaten. Sie trugen Helme wie Schildkrötenpanzer, mit dem schwarzen Zickzack, hohe schwarze Stiefel und graugrüne Uniformen, sie rauchten und schwatzten, und als sie abzogen, marschierten sie mit extra hoch geworfenen Beinen, als wollten sie angeben. Als Vera und ich zum ersten Mal an welchen vorbeimussten, wurden wir still. Aber sie beachteten uns gar nicht. Sie schienen uns auf unserem Weg zur Schule überhaupt nicht zu bemerken, also vergaßen wir bald wieder, still zu sein.
Sie schienen auch Werner nicht zu bemerken, wenn er zu seiner Mittelschule ging. Oder Papi auf dem Weg zur Arbeit. Oder Mutti beim Einkaufen, beim Putzen und Zubereiten unserer köstlichen Mahlzeiten.
Aber sie waren immer da.
8
Ein neues Poesiealbum
Amsterdam, Dezember 1939 bis September 1941
Mit meinen Freundinnen lief ich gern auf einem Teich im Vondelpark Schlittschuh, dem größten in Amsterdam. Mit Vera und mit Kitty. Kitty war eines der älteren Mädchen in unserer Nachbarschaft, so wie Anne, eine der Frank-Töchter. Ich bewunderte Kitty und war dankbar, dass sie bereit war, sich mit einer Neunjährigen abzugeben. Der lange, sich schlängelnde Teich wimmelte von Schlittschuhläufern und sogar Hunden, die herumpesten und –schlitterten wie Comicheft-Figuren. An diesem Tag flogen wir an den von Kastanien gesäumten Ufern entlang wie Vögel und kehrten anschließend bei mir ein, wo wir uns aus den pitschnassen Sachen schälten und sie an der Wohnungstür auf einen Haufen warfen.
Bald trafen auch die Eltern meiner Freundinnen zu meinem Geburtstagsessen ein. Vera kicherte immerzu, was bedeutete, dass sie über einige Geschenke schon Bescheid wusste. Die bunten Päckchen – in blankem rosa, lila und blauem Geschenkpapier und fest mit Schleifen verschnürt – waren in einer Ecke unseres kleinen Wohnzimmers verstaut. Erwachsene tranken ihr Bier vor der Tür, weil es drinnen auf den zwei Stühlen und dem kurzen Sofa gar nicht für alle Platz gab. Mutti hatte mir eingeschärft, meine Geschenke ja langsam auszupacken, damit wir das Papier wiederverwenden konnten, aber auch, damit ich nicht gar so gierig wirkte. Das war ganz schön schwer. Ich bedankte mich artig bei Freunden und Eltern, ehe ich nach dem nächsten Päckchen griff, aber Muttis Blick verriet, dass ich mich nicht ganz so untadelig benahm, wie sie sich das gewünscht hätte. Als ich eines der Päckchen an der Ecke aufriss, bei dem es sich offensichtlich um ein Buch handelte, beugte Vera sich auf ihrem Stuhl so weit vor, dass sie fast herunterfiel. Da begriff ich, dass es gar kein Buch war, sondern ein Poesiealbum.
In Amsterdam gab es zwei Sorten Mädchen: die, die ein Poesiealbum hatten, und die, die sich eines wünschten. Ich strich über den rauen schwarzen Ledereinband mit der in die unteren rechten Ecke in Gold geprägten Aufschrift POESIE.
»Jetzt hast du auch eins«, freute sich Vera. Sie hatte ihres im Jahr zuvor bekommen.
Genüsslich schlug ich das Album auf, hörte die Bindung knacken und nachgeben. Ein leeres Blatt lachte mich an, lud zu meinem Einführungsvers und zu den herrlichen Einträgen mir lieber Menschen ein. Ich konnte es kaum erwarten, das Büchlein zu füllen.
»Oh, danke Mutti, Papi. Danke! Schreibt ihr mir auch etwas hinein?«
»Aber ja«, sagte Mutti.
»Ganz bestimmt, aber später, in Ruhe«, sagte Papi. »Denn das ist von großer Bedeutung. Schließlich könnten meine Worte mich überleben!«
