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Wie ein ganz normaler Tag alles veränderte und wie ich mich danach ins Leben zurück kämpfte.
Das E-Book Wir und mein Schlaganfall wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Schlaganfall, Erfahrungsbericht, Krankheit, Lebensbericht, Lebenswille
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Ein schöner Samstagnachmittag
Um 18,50 Uhr
Ab ins Krankenhaus
Das Krankenhaus
Reha findet in Bad Oeynhausen statt
Endlich im großen Speisesaal frühstücken
Ich soll befördert werden
Bad Oeynhausen ist sehr schön
Es soll nach Hause gehn
Wieder in der Heimat
Im wirklichen Leben
Ende Oktober
November
Dezember
Ja, ja, der Januar
Dieses elende nasskalte Wetter
Meinen 67. Geburtstag
Immer wieder
Der Mai ist gekommen
Wir haben Juni
Der Schicksalsmonat Juli ist wieder da
der 15. Juli 2017. Wir waren zum Geburtstagskaffee eingeladen. Karin hat Geburtstag. Keiner kennt Karin so lange, wie ich. Seit meiner Geburt kennen wir uns. Fast 2 Jahre musste sie ohne mich auskommen. Dann kam ich. Ich bin also etwas jünger als Karin. Unsere Mütter waren beste Freundinnen, haben miteinander gearbeitet, das verbindet. Sogar in unserem Haus wohnten wir zusammen. In der oberen Wohnung unseres Hauses wohnte Karin mit ihren Eltern so ungefähr 15 Jahre, bis sie erwachsen wurde. So lange erlebten wir unsere Jugend so ziemlich gemeinsam. Wir wuchsen zwar nicht wie Bruder und Schwester auf. Aber wir nannten uns Cousin und Cousine. Das hörte sich damals nicht so verbindlich an, wie Freund und Freundin. Schließlich muss man berücksichtigen, dass ich fast zwei Jahre jünger war. Dann macht sich ein Cousin besser. Wir gingen zusammen zur Kirche, wobei ich dann aber auch ihr Alibi war, wenn sie sich mit Bernd getroffen hat. Wir überzeugten uns in der Kirche, wer die Messe gehalten hat, und dann hieß es für uns: Drei Mal um die Kirche laufen, ist so gut, wie einmal hineinzugehen. Wir konnten also unseren Müttern immer erzählen, wer die Predigt gehalten hat. Das ging so bis so ungefähr bis zu meinem 16. Geburtstag. Anschließend durfte ich über meinen Sonntagvormittag selbst entscheiden. Trotzdem hatten wir weiterhin, auch ohne fingierten Kirchgang, einen guten freundschaftlichen Kontakt. Dann baute sie mit ihrem Mann Bernd ein eigenes Haus und nahm ihre Eltern mit. Unser Kontakt ist nie so richtig abgerissen, wurde aber weniger. Wir sehen uns allerdings mittlerweile nur sporadisch. Aber natürlich auf jeden Fall zu den Geburtstagen. Natürlich gab es wieder mal Kuchen, und ich habe auch vier Stück Torte vernichtet, schließlich bin ich ein guter Gast. Das war also vorerst das vorletzte Mal, dass ich mit rechts Kuchen gegessen habe. Und der Kuchen war lecker. Wir haben lange draußen gesessen, denn das Wetter war herrlich, und wir haben viel geredet. Wir saßen in einer gemütlichen, kleinen Runde. Am Sonntag war genauso ein schönes Wetter. Wir fuhren mit den Kindern nach Dortmund. Marco ist für uns gefahren, Julia daneben, Christa und ich saßen mit Nele hinten und hatten absolut keinen Stress. In Dortmund gibt es Meike und sie hatte für uns 3D-Mini-Golf organisiert, welches absolut super war. Unsere Kinder nehmen uns aber auch zu jedem Unsinn mit, obwohl, so unsinnig war das mit dem Mini-Golf gar nicht. Die einzelnen Themenräume waren einfach ganz interessant hergerichtet. Alles in 3-D-Optik und meistens in Neon-Farben. Mit den 3-D-Brillen mussten wir ganz schön aufpassen, dass wir nicht über die im Boden verankerten Hindernisse stolperten. Tolle Musik war im Hintergrund. Wer gerade Pause beim Golfen hatte, konnte im Takt der Musik wippen. Es hat uns sehr viel Spaß gemacht. Wir golften so um die Wette und gönnten uns danach noch einen Kaffee mit Kuchen. Dieses war das letzte Stück Kuchen, welches für lange Zeit von mir mit der rechten Hand gegessen wurde. Bei der Gelegenheit wurden alle Kinder von uns erst einmal über unser Vorhaben zu unserem 40. Hochzeitstag informiert. Wir feiern alle zusammen, eben diesen Hochzeitstag, auf Langeoog. Was sollen wir diesen Tag mit alten Nachbarn feiern, wenn die eigenen Kinder doch viel wichtiger sind. Und mit den Freunden wurde schon der standesamtliche Hochzeitstag gefeiert. Es war so schön, die überraschten Gesichter der Kinder zu sehen, als wir ihnen die Flyer des Hotels auf Langeoog gegeben haben. Wir möchten unseren Hochzeitstag gemeinsam mit unseren Kindern im Hotel Kröger verbringen. Endlich erfuhren die Kinder, warum sie für den Oktober einen Urlaubsfreitag einplanen mussten. Es hat uns sehr viel Spaß gemacht, die Kinder mit unserem Vorhaben zu überraschen. Wieder zu Hause inspizierten wir noch das neu gekaufte Haus von Julia und Marco, denn da wartet in den nächsten Wochen noch viel Arbeit, auch auf uns. Wir möchten den Beiden gerne bei der vielen Arbeit helfen, die da auf sie zukommt. Dann fuhren wir zu unserer Wohnung. Christa und Nele gingen schon mal nach oben in die Wohnung. Nele wollte heute bei uns schlafen, weil sie ja Ferien hat, und schon länger nicht mehr bei uns war. Sie räumt schon mal mit Christa das Gästezimmer um. Ich räume den Kofferraum auf. Auf so eine Idee komme ich auch nicht allzu oft. Es hat sich so viel Kram angesammelt, und alles liegt durcheinander. Also wird es mal Zeit, alles auszuräumen, den Kofferraum sauber zu fegen, um alles hinterher sortiert wieder einzuräumen. Bis 18.50 Uhr.
wurde mir schwindelig, beim Aufheben diverser Teile für den Kofferraum. Ein kurzer Schwindel, ich setzte mich kurz in den Kofferraum unseres Opel Mocca, und wartete ab, bis dieser Anfall vorbei war. Es war ja auch nur ein kleiner Schwindel, eine seltsame Situation, die ich nicht einschätzen konnte. Ich denke an eine vorübergehende Schwäche, die sicherlich bald vorübergeht. So etwas ist mir noch nie passiert. Eigentlich wollte ich sofort zur Haustür gehen und kurz klingeln, dass mal jemand runterkommt, aber ich konnte einfach nicht aufstehen. Nach ein paar Minuten eine kurze Besserung und ich versuche, weiter einzuräumen. Dann die nächste Unsicherheit, wieder so ein Schwindel, der mich motivierte, sofort eine Nachricht an Nele zu schicken. „Komm mal“ zu tippen, mit der rechten Hand, die eben noch funktionierte, ging schon mal schneller. Ich sitze hier in meinem Kofferraum, und fühle mich absolut hilflos. Nele hätte mir als Stütze nach oben in die Wohnung helfen können, dachte ich mir so, denn alleine schaffte ich es ja nicht. Allerdings nahm sie ihr Handy nicht sofort in die Hand, weil sie sich im Bad aufhielt, und konnte meinen Hilferuf demnach nicht zur Kenntnis nehmen. Im Kofferraum sitzend fühle ich mich mittlerweile sehr unwohl, und hätte jetzt lieber meine Frau bei mir. Ich habe dann lieber auf „Zuhause“ getippt und Christa mit einem unverständlichen „Mir geht’s nicht gut, komm mal“, angerufen. Sie kam sofort. Ein überraschter Blick von ihr auf meinen mittlerweile schiefen Mundwinkel, und schon kombinierte sie ganz schnell, und schon rief sie den Rettungsdienst. Während Christa sich um mich kümmerte und mich festhielt, damit ich nicht umkippe, ruft Nele umgehend ihren Papa in Oelde und ihre Tante in Dortmund an. Dabei waren wir doch gerade erst aus Dortmund zurückgekehrt. Auch Meike machte sich schnellstens auf den Weg zu uns. Das Nelekind hat einfach mitgedacht und mitgearbeitet, ohne zu fragen und dabei ihre Oma so gut unterstützt. Marco war mit Julia ziemlich schnell bei uns. Dann kam auch ganz zügig der Rettungsdienst, zuerst der Arzt, der von einem weiblichen Sani gefahren wurde, die sich allerdings scheute, durch die Straßenverengung einfach durchzufahren. Marco musste ihr durch Zurufen: „Da passt noch ein LKW durch!!!!“, die Motivation zum Durchfahren geben. Anschließend kam der RTW, besetzt mit Gregor und einem seiner Kollegen aus Ennigerloh. Die hatten mit ihrem RTW in Bereitstellung gewartet, weil die Oelder RTW´s alle beschäftigt waren. Welch Zufall. Gregor arbeitet schon lange im Rettungsdienst und hat auch einen Schlüssel für den Pömpel, der die Straße verengt, dabei. Ich erlebe alles wie in Trance. Bin das wirklich ich, der da von einem jungen Notarzt abgefragt wird. Sind das wirklich meine Frau und meine Kinder, die da mit entsetzten Gesichtern auf unserem Parkplatz stehen, und den Rettungskräften bei ihrer Arbeit zusehen? Eigentlich passieren solche Sachen doch immer nur den anderen. Wie geht es mir? Was empfinde ich, welche Probleme habe ich und seit wann? Hatte ich heute vielleicht Kopfschmerzen? Nein, mir ging es den ganzen Tag unwahrscheinlich gut, es gab keine Vorzeichen für ein böses Ende. Ich kann meine rechte Körperhälfte nur unkontrolliert bewegen. Ich komme mir so hilflos vor. Ich fühle mich, als ob ich in einem falschen Film bin. Aber in diesem Film bin ich der ungewollte Hauptdarsteller. Alles dreht sich um mich. Gut, dass ich mich auf Gregor und seine Kollegen verlassen kann. Gregor hat nachts manches Mal bei mir im Krankenhaus gesessen, um eine kurze Wartezeit zu überbrücken. Viele der Rettungsleute kamen nachts zu mir an die Pforte, um kleine Wartezeiten zu überbrücken. Manchmal erfuhr ich auch schon mal, welcher Einsatz sie zu mir geführt hatte. An so einem Arbeitsplatz lernt man viele Leute kennen. An diesem Arbeitsplatz lernte ich auch meine zukünftige Krankengeschichte kennen. Patienten mit einem Schlaganfall wurden in den ersten Jahren auch in unser Krankenhaus geliefert. Die Meldung von der Rettungsleitstelle wurde von mir dann an den diensthabenden Arzt weitergeleitet. Da wurde bei mir wegen der „stillen Post“ aus einem Apoplex schnell ein „Apoklaps“. Die diensthabende Ärztin schaute mich damals fragend an. Aber dieser Fauxpas ist mir nur einmal passiert, denn ich war ja lernfähig. Gregor guckte recht ungläubig, als er mich erkannte. Mit mir hat er wohl nicht gerechnet. Aber schon ging es ganz professionell weiter mit meiner Versorgung. Ich wurde auf die Trage gepackt, fixiert, und konnte mir die fassungslosen Gesichter meiner Familie ansehen. So einen Aufstand war man von mir nicht gewohnt. Und dann wurde ihr Vater ins Krankenhaus verfrachtet. Nele half ihrer Oma dabei, die Tasche zu packen. Das Kind hat einfach gut funktioniert und damit Christa am meisten geholfen. Da Nele aus früheren Aufenthalten bei uns wusste, wo verschiedene Sachen untergebracht sind, brauchte sie ja auch keine Hinweise, und suchte einfach, was die Oma braucht. Die Tasche mit den nötigsten Sachen dabei, und der Rest der Familie fuhr hinter uns her.
Ich bin noch nie mit Blaulicht gefahren, bzw. gefahren worden. Es wird alles von mir akzeptiert, was so mit mir gemacht wird. Mir wurde ein Zugang gelegt und irgendeine Flüssigkeit gegeben. Und damit geht es mir ein bisschen besser, so dass ich mich während der Fahrt sogar mit Gregor unterhalten kann. Ich hab nämlich einen ungläubigen Blick von ihm aufgefangen. Eine leichte Verwunderung, warum ich in Oelde aufgegriffen werde, wo er doch eigentlich weiß, dass ich in Ahlen wohne. Ich sah mich somit in Erklärungsnot, und hatte Redebedarf, erzählte ihm von unserem Hausverkauf und unserem Umzug nach Oelde. Ich erzählte ihm, dass wir diesen Weg genommen haben, um näher bei unseren Kindern zu sein, falls uns vielleicht in 20 Jahren mal die Gesundheit einen Streich spielt. So schnell sind 20 Jahre vorbei. Das schaffe ich mühelos auch schon vorher. Zeit und Raum habe ich total vergessen, ich weiß auch nicht, wie lange ich unterwegs war, oder wo wir her gefahren sind. Ich habe einfach alles an mir vorbei rauschen lassen. Ruck Zuck, waren wir im Krankenhaus. Ich war noch nie in so einem schlechten Film. Und dann noch als Hauptdarsteller. Ein Arzt, der mir etwas von einem Schlaganfall erzählt, und von irgendwelchen Schritten mit einer Lyse-Behandlung, die er, mit meiner Erlaubnis, an mir unternehmen will. Ich bin natürlich mit allem einverstanden, bleibt mir eine andere Wahl? Mein Mundwinkel muss ja nicht die nächsten Jahre runter hängend bleiben. Ich habe auch nichts dagegen, dass Arzt und Schwester vor meinen Augen und Ohren das Für und Wider, bzw. die Dosierung und meine Behandlungsmöglichkeiten durch diese Lyse diskutieren. Ich weiß wohl, dass manch einer vom Pflegepersonal, aufgrund der eigenen langjährigen Erfahrung, immer mal gute Vorschläge bei einer Behandlung haben kann. Ab und zu hat so ein Pflegepersonal auch gute Tipps abzugeben, vor allem bei jüngeren Ärzten kann das durchaus hilfreich sein. Das habe ich früher während meiner Arbeit an der Pforte eines anderen Krankenhauses so oft vom Pflegepersonal der Ambulanz gehört, wenn ein junger Arzt unbedingt seinen Akademiker herausgekehrt hat, und eigentlich dankbar für jeden Tipp sein müsste. Dass die mich versorgende Schwester sich in den Schubladen dieses Raumes nicht auskannte, sei ihr verziehen, weil sie eigentlich auf der Station arbeitet, auf der die Schlaganfallpatienten liegen. Ein am gleichen Abend gelaufenes CT soll Gewissheit über meinen derzeitigen Zustand bringen. Ich wurde an meinen lieben, bekannten, betroffenen Gesichtern vorbei gerollt, die mir im Geiste alle auf die Schulter klopften. Dabei war doch heute so ein schöner Tag. Muss so ein Tag so enden? Bis vor 2 Stunden war doch noch alles gut. Das CT ergibt keine neuen Erkenntnisse. Ein Zimmer der Stroke Unit ist für 72 Stunden mein neues Domizil. Ein Monitor überwacht mich rund um die Uhr. Überall bin ich verkabelt. Sobald sich ein Anschluss lockert, geht ein Alarm los, und eine Krankenschwester steht erwartungsvoll vor mir. Ich blieb in diesem Raum der Stroke Unit auch nicht lange alleine. Neues Spiel, neuer Patient. Und was für einer. Er nervt schon beim Hereinkommen. Er ist so laut, er nervt ohne Ende. Ich interessiere mich nicht für diesen Menschen. Der hatte wohl vor Tagen einen Schlaganfall oder ähnliches. Sein Augenarzt ist letztendlich auf die Idee gekommen, ihn einzuweisen. Er wusste sich wohl keinen anderen Ausweg mehr. Wahrscheinlich hat er genug Witze gehört. Dieser Mensch kennt schließlich ca. 100 Witze, die er unbedingt bei allen möglichen Leuten loswerden möchte. Selbst vor den Ärzten macht er nicht halt. Der Oberärztin sagt er sogar ein Muttertagsgedicht auf, denn die Gedichte aus seiner Schulzeit kann er alle noch, sagt er. Die Ärztin macht gute Miene zu seinem Gebaren, und kümmert sich anschließend um meine Reflexe der rechten Körperhälfte. Sie kitzelt mir unter den Füßen, wo ich früher immer sehr empfindlich war. Momentan merke ich zwar eine Berührung, mehr aber nicht. Genauso geht es mir mit dem rechten Oberschenkel, und auch dem rechten Oberarm. Sie klopft mich ab, untersucht mein eventuell eingeschränktes Gesichtsfeld, sagt mehrmals „Aha“ und geht wieder raus. Im Herausgehen bekommt sie von meinem Bettnachbarn noch einen Witz geliefert. Keiner kann sich wehren, und unwirsch reagieren wäre unfreundlich. Die Schwestern entschuldigen sich meist mit viel Arbeit. Der Mann ist vielleicht ein Herzchen. Seltsamerweise sagt ihm Schillers Glocke nichts, denn fest gemauertes Geläut kennt er nicht, im Gegensatz zu mir. Ich sage nichts dazu, ich leide still mit jedem, der sich seine Ergüsse anhören muss. Ich bin absolut desinteressiert, welches er auch wohl merkt. Sobald wir alleine sind, spricht er nicht. Seitdem ich ihm glaubhaft versichert habe, dass ich mir keine Witze merken kann, werde ich verschont. Außerdem nervt er die Schwestern damit, dass er unbedingt nach Hause muss, weil er doch einen Arzttermin hat. Er will einfach nicht einsehen, dass auch er die 72 Stunden einhalten muss. Und das heißt 72 Stunden am Überwachungsmonitor, die müssen schon abgeleistet werden, das möchte die Krankenkasse bestimmt eingehalten wissen. Ich weiß, dass ich krank bin, tu mir da die Ruhe an, und mach alles mit, was verlangt wird. Ich habe Zeit. Am Montag kann ich sogar auf meinen Beinen, und zwar auf beiden, sicherheitshalber mit der Hand einer Schwester, zur Toilette gehen. Ich schaffe alles, was man dazu schaffen muss, einschließlich der Säuberung mit der rechten Hand. Ein fürchterlich lautes MRT durfte ich ertragen. Was man so alles erträgt in meiner Situation. Was ist denn nur alles in meinem Kopf los? Der Arzt konnte kein Gerinnsel oder einen Verschluss in meinem Gehirn feststellen. Die Behandlung bei dieser Lyse-Therapie hat schon gewirkt und man sieht nichts mehr. Am Dienstag ein erneutes MRT, welches die Gewissheit bringt, dass an irgendeinem Hirnstamm etwas vorgefallen ist. Mein rechtes Bein lässt sich nicht mehr heben und meine rechte Hand muss ich mit der linken Hand nehmen und irgendwo hinlegen. Nur wenn ich gähnen muss, hebt sich das rechte Bein mit dem rechten Arm ein bisschen an. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich gähnen muss. Ansonsten geht nichts mehr. Falls ich jetzt mal Wasser lassen muss, kann ich das in eine so genannte Urinflasche fließen lassen. Nur schade, dass die Flasche immer an einer Stelle an meinem Bett von der Schwester befestigt wird, die ich mit der linken Hand nicht so gut erreichen kann. Das Leben ist nicht einfach, da muss ich mir zuerst die linke Schulter ausrenken, um an diese blöde Flasche zu kommen. Habe ich sie dann erreicht, alles passend positioniert und gefüllt, schaffe ich es nicht, diese Flasche zurück in die Halterung zu kriegen. Also muss ich dann doch die Schwester rufen. Die sind schon gut beschäftigt durch unseren Witzerzähler. Der klingelt immer mal wieder, um nachzufragen, wann seine Entlassung stattfindet, um bei dieser Gelegenheit anschließend auch wieder einen Witz loszuwerden. Die Schwestern sind immer sehr begeistert. Bei meinem Zimmernachbarn ist anscheinend nichts vorgefallen, außer seinem ausgiebigen Redebedarf. Der kummelt mit seiner Tochter, wann Sie ihn denn wohl abholen könnte. Jede Stunde zählt. Er hat wohl viel vor. Ich auch, aber mit meiner gesundheitlichen Zukunft. Nach den 72 Stunden komme ich auf ein normales Zimmer. Christa besucht mich jeden Tag in meinem unfreiwilligen Domizil. Ich bin so froh, nicht allein hier mein Dasein zu fristen. Ich muss mich hier wohl fühlen, weil ich mir hier doch helfen lassen muss. Warum ist mir das denn nur passiert? Ich habe doch nicht ungesund gelebt, esse Obst und Joghurt, Fleisch in Maßen, na gut ab und zu sind es auch Chips und Nüsse. Ich trinke viel Mineralwasser, zwischendurch mal ein Glas Rotwein, das kann so schlimm nicht gewesen sein. Jetzt liege ich hier und fühle mich ungerecht behandelt mit meinem Schlaganfall, was soll ich mit sowas? Diese Krankheit macht mich zum Vegetarier, zum Mittagessen suche ich mir immer Gerichte aus, die ich nicht schneiden muss. Das hat mir zwar eine der Schwestern angeboten, aber das möchte ich nicht. Dann lieber kein Fleisch, als ob ich keine anderen Sorgen hätte. Mein Appetit hält sich sowieso in Grenzen. Gemüse schmeckt auch lecker. Kartoffelpüree und Nudeln mochte ich schon als Kind gerne. Das ist also keine große Umstellung für mich. Morgens und abends reicht mir eine Schnitte Brot mit Käse, einen Joghurt dazu kann ich auch mit der linken Hand öffnen und mit Löffel essen. Die Steckdosen sind supergut an der Kopfleiste installiert, da komme ich superschlecht bzw. gar nicht dran. Ich bin nicht imstande, mein Handy mit dem Ladekabel in die Steckdose zu kriegen. Abends muss ich immer eine Pflegekraft bitten, dieses für mich zu erledigen, als ob die sonst keine Arbeit hätten. Aber bei diesem ganzen Übel muss ich doch per Handy meinen Draht nach außen behalten. Und Nachrichten per Handy nur mit links zu schreiben, ist ganz schön schwierig. Ich bin nun mal kein guter Linkshänder. Es schrieb sich immer so schnell mit rechts, welches mit links dann hinterher eine riesige Umstellung ist. Das ist mir bewusst geworden, als ich neulich auf dem Parkplatz Probleme hatte, mich zwangsweise mit links mitzuteilen. Wie gerade geschrieben bin ich nun mal kein Linkshänder. Die Oberärztin erscheint immer noch regelmäßig jeden Tag, um meine Reflexe zu testen. Sie kitzelt mir immer noch die Füße. Meine Reaktion ist immer noch verhalten. Sie lässt sich von mir mit der rechten Hand „Guten Tag“ sagen, um die Schwäche meines Händedrucks festzustellen. Aber auch das lässt zu wünschen übrig. Ihrem erhobenen Zeigefinger mit den Augen zu folgen, bereitet mir keine Probleme. Das schaffe ich zu ihrer vollsten Zufriedenheit. Dafür habe ich andere Probleme. Meinen Zahnersatz kann ich mir nicht mehr aus dem Mund nehmen, um ihn mit der anderen Hand zu putzen. Also behalte ich die Zähne im Mund, und putze sie mit der linken Hand im Mund. Ein bisschen Schwund ist immer. Bei mir ist ziemlich viel Schwund. Ich könnte Defizit heißen. Die Schwestern geben mir einen Toilettenstuhl, damit ich ab und zu aus dem Bett komme. Mit diesem kann ich mich etwas vorwärtsbewegen. Da muss mir allerdings eine Schwester helfen, um mich dareinzusetzen. Einen Rollstuhl kann ich nicht vorwärtsbewegen, weil die rechte Hand das rechte Rad nicht drehen kann. Da fahre ich also mit einem Toilettenstuhl über den Flur und versuche mit dem linken Bein, mich ein bisschen zu bewegen. Ich rolle hin, ich rolle her, ich ziehe mich mit der linken Hand an der Stange vorwärts, die im Flur an der Wand angebracht ist. Später merke ich, dass man an dieser Stange wunderbar Gehübungen machen kann. Ach Gehübungen, wo ich doch froh bin, dass ich nun außerhalb des Bettes sitzen kann. Ich fühle mich hier nach wie vor wie in einem falschen Film. Eigentlich wollten wir doch in zwei Wochen für ein paar Tage ins Sauerland. Wir hatten doch nur vor, ein paar Tage vom Nichts tun auszuspannen. Eigentlich wollten wir nur mal eine andere Umgebung sehen. Das kann Marco jetzt für uns absagen. Da gibt es nun andere Prioritäten für uns. Jetzt liege ich im Krankenhaus. Ich habe schon mal eine andere Umgebung erwischt.
