Wut und Wellen - Peter Gerdes - E-Book

Wut und Wellen E-Book

Peter Gerdes

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Beschreibung

Eine Serie von Sprengstoff- und Giftanschlägen erschüttert die Nordseeinsel Langeoog. Wem gelten die scheinbar ziellosen Attentate im sommerlichen Urlaubsparadies? Stimmen die Gerüchte, dass die »Viererbande« dahintersteckt - eine Gruppe alter Männer, die jeden Tag am Bahnhof hockt, auf die Touristen schimpft und jene Zeiten zurückwünscht, in denen die Insel noch den Insulanern gehörte? Die Inselpolizisten Lüppo Buss und Insa Ukena tappen im Dunkeln. Auf die Hilfe von Hauptkommissar Stahnke können sie nicht hoffen, denn der ist wegen einer Mordermittlung in Leer unabkömmlich …

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Peter Gerdes

Wut und Wellen

Inselkrimi

Zum Autor

 

Peter Gerdes, 1955 geboren, lebt in Leer (Ostfriesland). Er studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Seit 1995 schreibt er Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 leitet Peter Gerdes die »Ostfriesischen Krimitage«. Seine Krimis »Der Etappenmörder«, »Fürchte die Dunkelheit« und »Der siebte Schlüssel« wurden für den Literaturpreis »Das neue Buch« nominiert. Mit seiner Frau Heike betreibt der Autor die Krimi-Buchhandlung »Tatort Taraxacum« in Leer.

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Alle Rechte vorbehalten

(Originalausgabe erschienen 2010 im Leda-Verlag)

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © lassedesignen/stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6470-6

Haftungsausschluss

Alles frei erfunden, und das mit größtem Vergnügen.

Nur die Zeiten, die sind, wie sie sind.

1.

So ein neues Boot war wie eine neue Freundin, dachte Waldemar Wallmann. Jünger. Glatter. Schlanker. Und mit mehr Pfeffer im Arsch. Ein heißes Teil eben. Etwas, woran man sich aufgeilen und womit man schön angeben konnte. Ach ja, so ein neues Boot, das brauchte man nun mal von Zeit zu Zeit als richtiger Mann. Genauso wie eine neue Freundin eben.

Schade eigentlich, dass er momentan gerade keine hatte. Sonst hätte er der jetzt das neue Schmuckstück zeigen können. Die scharfe Sechszylindermaschine mit Z-Drive, die aus dem trailerbaren Daycruiser einen echten Donnerbolzen machte. Den angesagten Navigationscomputer, der auf seinem coolen Flachbildschirm jederzeit anzeigte, wo auf der Ems man sich gerade befand. Das konnte man zwar auch mit bloßem Auge sehen, aber davon verstanden Schnecken ja sowieso nichts. Schnecken pflegten von so etwas schwer beeindruckt zu sein, und dann konnte man ihnen die schmucke kleine Kajüte näherbringen, um sie auf dem blitzschnell aufklappbaren Dinettenbett gleich mal zu vernaschen. Und ihnen anschließend zu zeigen, wo die Kombüse war.

Ach ja, so ein neues Boot war wirklich eine feine Sache.

Wallmann parkte seinen BMW-Roadster vor dem Haupttor der Marina, schaltete die Scheinwerfer ab und stieg aus. Bequem war er ja nicht, dieser flache kleine Sportwagen. Immerhin maß Wallmann einen Meter 90, und sein Gewicht bewegte sich eingangs der stattlichen Dreistelligkeit. Andererseits war solch eine Karre doch immer noch ein erstklassiger Büchsenöffner. Gerade jetzt, da alle Bemühungen, seine Ex zur Rückkehr zu ihm zu bewegen, noch nicht zum Erfolg geführt hatten. Da brauchte man schon mal eine kleine Zwischenmahlzeit zur Überbrückung. So als Mann.

Vielleicht stoße ich den Roadster doch demnächst ab, überlegte Wallmann, während er über den nächtlich ruhigen Campingplatz hinunter zu den Anlegern schlurfte. Kauf’ mir stattdessen einen fetten Geländewagen, so einen richtigen SUV-Boliden. Pfeif doch auf Spritverbrauch! Oder eventuell diesen Super-Bulli, wie Paul einen hat, voll aufgemotzt, mit allem Schnick und Schnack. Sogar Kühlschrank und überall Getränkehalter. Und hinten drin ein Doppelbett.

Jetzt aber ging Wallmann erst einmal nach seinem Boot sehen. Etwas spät war es zwar dafür, aber früher hatte er beim besten Willen nicht gekonnt. Das Geschäft brummte, und er kam mit seinen Terminen kaum noch nach. Irgendwoher musste das Geld für sein schönes Spielzeug schließlich kommen. Und wenn man ein neues Spielzeug hatte, dann wollte man es auch immer mal wieder in die Hand nehmen, ganz egal, wie spät es war. So ein neues Boot war eben wirklich wie eine neue Freundin.

Das Hafenbecken der Marina Bingum öffnete sich vor ihm wie ein tiefes, dunkles Loch, ringsherum von Deichen eingefriedet, die nur eine schmale seitliche Zufahrt ließen. Bei Niedrigwasser war das hier der reinste Schlickpfuhl, und Wallmann hasste den Gedanken, dass seine kostspielige Neuerwerbung einen Großteil des Tages in einem schmierigen Schlammbett lag, nutzlos wie ein Kurschatten in der Fangopackung. Ein Boot, so fand er, musste jederzeit für ihn bereit und verfügbar sein. Genau wie eine Freundin eben. Aber einen besseren Liegeplatz gab es im näheren Umkreis von Leer nicht. Klar, auch im Stadthafen oder am Kanal in Oldersum lagen Jachten. Aber die waren hinter Schleusen gefangen, die nur zu bestimmten Zeiten und mit langwierigen Manövern zu passieren waren. Auch nicht gerade der Inbegriff von Freiheit. Also Bingum.

Vorsichtig tastete er sich den schrägen Verbindungssteg hinab zu den Schwimmstegen. Die düstere Wasserfläche des windgeschützten Beckens lag da wie ein Spiegel aus schimmerndem Öl, nahezu unbewegt bis auf ein paar winzige ringförmige Wellen, die gelegentlich die unwirkliche Ruhe durchbrachen. Irgendwo bewegte sich jemand auf einem der Boote, vermutlich ein Eigner, der an Bord übernachtete. Was ja nicht unbedingt schlafen bedeuten musste. Wallmann lachte leise vor sich hin.

Auch der Schwimmsteg schickte kleine Wellenringe aus, als er unter Wallmanns Gewicht tiefer eintauchte. Bis zur Box seines neuen Bootes waren es nur ein paar Schritte. Ihm fiel ein, dass er der Neuerwerbung noch gar keinen Namen gegeben hatte. War auch nicht so wichtig, fand er. Gewöhnlich hießen seine Boote Diana, nicht etwa nach dieser toten englischen Prinzessin, sondern nach der römischen Göttin der Jagd. Von der hatte er mal eine geile Abbildung in einem alten Sagenbuch gefunden, damals, als er noch Bücher gelesen, sich aber schon für Frauen interessiert hatte. Ein guter Name, fand Wallmann. Der hatte für seine früheren Boote getaugt, warum also nicht auch für das neue? Seine Freundinnen nannte er schließlich auch alle »Schneckchen«.

Da lag es, sein neues Boot, glatt und weiß und glänzend. Wallmann griff nach der verchromten Bugreling, während er den Stichsteg betrat. Und spürte, dass sich sein Boot bewegte. Ganz leicht nur, aber eindeutig. Kleine, ruckartige Bewegungen, die nur entstehen konnten, wenn jemand an Bord sein Gewicht verlagerte.

Wallmann knurrte. »Wer, zum Teufel … He, raus da!« Der kann was erleben, dachte er. Angst hatte er keine. Wer sein Geld mit der Vermittlung von Leiharbeitern verdiente, dem durfte vor körperlichen Auseinandersetzungen nicht bange sein. Wallmann wusste, was in seinen Ärmeln steckte. Und dass er sich darauf verlassen konnte.

Er spürte, wie das kalte Relingsrohr in seiner Handfläche zum Stillstand kam. Dann ruckte es dermaßen hart, dass es Wallmann fast aus dem Gleichgewicht gerissen hätte. Im nächsten Moment huschte ein Schatten aus der offenen Plicht und landete weiter vorne auf dem schwimmenden Stichsteg, der schwingend nachgab. Das Boot, jetzt ohne Last, holte zur anderen Seite aus. Diesmal verlor Wallmann tatsächlich die Balance. Instinktiv ließ er sich nach hinten fallen, auf den Mittelsteg, um nicht ins schlickige Wasser zu stürzen.

Einen Wimpernschlag später war der Schatten über ihm. Ein Eiszapfen schien sich in Wallmanns Brust zu bohren. Noch einer. Und noch einer. Fassungslos starrte er auf die ausholenden Bewegungen des Angreifers, die gegen den dunklen, wolkenverhangenen Himmel nur schemenhaft zu erkennen waren. Wieder und wieder stach die dunkle Gestalt auf ihn ein. Erst spürte Wallmann nur harte Schläge, hörte, wie etwas knirschend zerriss. Dann spürte er auch wütenden Schmerz.

Ein Irrer, dachte Wallmann. Das ist ein Irrer. Ein Gedanke, der keinen Trost bot.

Jetzt ließ der Angreifer von ihm ab, richtete sich auf. Wallmann versuchte Luft zu holen. Jetzt erst spürte er die Tiefe der Stiche. Er wollte schreien, aber das ging nicht, und es dauerte einen Augenblick, bis er merkte, dass die röchelnden Geräusche, die er vernahm, von ihm selbst stammten.

Der Angreifer gab keinen Ton von sich. Wieder holte er aus, diesmal mit dem Fuß. Wuchtige Tritte trafen Wallmanns Körper, die Hüfte, die Nierengegend, die Rippen. Was will der denn noch, was will denn der, dachte Wallmann. Er kann doch alles haben, mein Geld, mein Boot, meinen Wagen, alles. Soll er sich doch alles nehmen. Was will denn der?

Die Tritte hörten auf. Jetzt bückte sich die Gestalt. Wallmann spürte Hände, fühlte, wie sein schwerer Körper seitlich angehoben und auf den Bauch gerollt wurde. Der Schmerz wurde von Sekunde zu Sekunde höllischer. Wallmann stöhnte laut.

Noch eine halbe Drehung. Eine Metallkante. Dann ein kurzer Fall, ein Klatschen. Kühle umschloss ihn, als sein Körper im Emswasser versank. Von unten konnte Wallmann sehen, wie sich der Wasserspiegel über ihm wieder glättete, bis auf ein paar kleine Wellen, die sich ringförmig ausbreiteten. Dunkle Schlieren strebten der Oberfläche zu. Das muss mein Blut sein, dachte Wallmann, ehe er zu denken aufhörte.

Ein Bett aus Schlick nahm seinen toten Körper auf.

2.

Als das erste Morgenlicht durch die Jalousie zu sickern begann, lag Stahnke schon wach. Jeden Tag früher, kam es ihm vor. Klar, um diese Jahreszeit waren die Nächte kurz und wurden immer noch ein bisschen kürzer, da war es nur natürlich, dass der Körper darauf reagierte. Trotzdem, den bösen Spruch von der »präsenilen Bettflucht« bekam er einfach nicht aus dem Kopf. Er beobachtete sich selbst permanent und mit größtem Misstrauen. Das kleinste Anzeichen fortschreitenden Alterns jagte ihm einen panischen Schrecken ein. In dieser Hinsicht konnte er es mit jedem Hypochonder aufnehmen.

Zumal jetzt, da er wieder mit der personifizierten Jugend zusammen war.

Der Hauptkommissar drehte sich zur anderen Betthälfte herum, ganz vorsichtig, um das metallene Bettgestell mit seinem massiven Körper nicht allzu sehr zum Beben zu bringen. Sina schlief noch. Total entspannt lag sie da, die nackten Arme von sich gestreckt. Unter der dünnen Sommerdecke hob und senkte sich ihre Brust ruhig und gleichmäßig. Ihr Gesicht, das gestern Abend noch so blass und gestresst ausgesehen hatte, schien von innen heraus zu leuchten. Dem halb geöffneten Mund entschlüpften wieder einmal die leisen Atemgeräusche, die Stahnke so entzückend fand. Die verrücktesten Kosenamen hatte er sich dafür schon ausgedacht. Überhaupt verfiel er, wenn es um Sina ging, nur allzu gerne in hemmungslose Albernheit. Auch das war seiner Selbstbeobachtung nicht entgangen. Er sah jedoch keinen Anlass, daran etwas zu kritisieren oder gar zu ändern.

Es war schon hell genug, um den winzigen Wecker abzulesen. Noch vor 6 Uhr. Sina hatte heute Spätdienst und durfte länger schlafen. Stahnke wusste aus Erfahrung, dass es nicht ratsam war, sie davon abzuhalten. Behutsam tupfte er ihr einen Kuss auf den Unterarm und registrierte amüsiert, wie sich die kleinen Härchen darauf sträubten. Dann stieg er so leise wie möglich aus dem Bett, suchte seine Sachen zusammen und ging ins Bad.

Das Duschen verschob er auf später, um Sina nicht doch noch zu wecken, und begnügte sich mit einer Katzenwäsche. Immerhin hatte er heute einen freien Tag, da konnte er sich das erlauben. Das Bad in Sinas Inselapartment war eng, aber hell und modern, und der Spiegel über dem Waschbecken großzügig dimensioniert. Stahnke gefiel, was er darin sah. Das gesunde und vor allem bewusstere Essen der vergangenen Monate hatte seinen Bauch schrumpfen, regelmäßiges Krafttraining seine Arm- und Schultermuskeln anschwellen lassen. Der Hauptkommissar fühlte sich an eine Comicfigur erinnert, die ihre Körpermasse aus der Bauch- in die Brustregion verschieben konnte, und musste grinsen. Nein, so einfach war es wirklich nicht gewesen. Aber es hatte sich gelohnt.

Er setzte Kaffee an und trat hinaus auf den Balkon, der über je eine Tür zur Küche und zum Wohnzimmer verfügte. Draußen herrschte schönste Morgenruhe, gelegentlich mehr unterstrichen als durchbrochen von stampfenden Joggern. Meerblick gab es keinen, die Mieten in solchen Lagen waren für Sina bei ihrem Einstiegsgehalt als Psychotherapeutin unerschwinglich. Aber immerhin Morgensonne. Stahnke breitete die Arme aus und genoss das Wechselspiel von warmen Strahlen und kühlem Wind auf seiner Gesichtshaut. Mal hören, was der Wetterbericht sagt, überlegte er. Vielleicht reichen die Temperaturen ja schon für einen Nachmittag am Strand. In der Vorsaison, wenn Langeoog zwar nicht mehr winterlich einsam, aber auch noch nicht überlaufen und hektisch wirkte, waren solche Tage besonders kostbar.

Dann fiel ihm wieder ein, dass es wohl ein einsamer Strandtag werden würde. Sina musste ja arbeiten. Während ihrer ersten sechs Monate als Festangestellte im Haus Waterkant galt Urlaubssperre, und die Klinikleitung hatte die Angewohnheit, Ausgleichstage für Wochenendarbeit stillschweigend in diese Regelung einzubeziehen. Miese Ausbeuter, weißbekittelte, dachte Stahnke grimmig.

Das Kaffee war durchgelaufen, und Stahnke eilte in die Küche zurück, um die röchelnde Maschine abzustellen. Während er sich seinen Lieblingsbecher aus dem Schrank fischte, griff er mit der anderen Hand nach dem Radio, stoppte seine Bewegung aber auf halber Strecke. Radio, und sei es auch noch so leise gestellt, weckte Sina stets mit größter Sicherheit. Lieber nicht. Vielleicht war ja die Inselzeitung schon da, die hatte bestimmt auch einen Wetterbericht.

Leise tappte er ins Treppenhaus und hinunter zu den Briefkästen. Tatsächlich, die Zeitungen steckten bereits säuberlich in den Schlitzen. Nicht in allen – der Hauptkommissar erinnerte sich, dass es ja zwei Zeitungen auf Langeoog gab. Die anderen Mieter lasen offenbar die Konkurrenz. Oder gar nicht.

Zwei Zeitungen für ein Dorf mit kaum mehr als 2.000 Einwohnern! Wie konnten die denn eigentlich existieren? Vermutlich von den Touristen – und denen, die diesen Touristen etwas verkaufen wollten. 180.000 Übernachtungen pro Jahr, da kamen allerhand potentielle Leser zusammen. Und die waren zugleich die Lebensgrundlage der gesamten Insel.

Stahnke schlug die Zeitung auf, während er die Stufen wieder hinaufstieg. Langeooger Inselbote hieß das Blatt. Himmel, klang das altmodisch! Und der Titelkopf war auch nicht sonderlich zeitgemäß gestaltet. Da sah die Konkurrenzpostille, die Langeoog News, doch deutlich moderner aus. Warum Sina wohl nicht die abonniert hatte?

Jedenfalls schien sie noch zu schlafen. Mit Kaffeebecher und Inselbote schlich sich der Hauptkommissar hinaus auf den Balkon. Natürlich war das Wetter hier Thema – sogar Titelthema: »Wird sich die Warmfront halten?« Über diese Frage verbreitete sich der Verfasser des Aufmachers über vier Spalten. Fazit seiner Ausführung: Man wusste es nicht, aber man durfte hoffen. Stahnke schnaubte verächtlich und schlürfte an seinem brühheißen Kaffee.

Vermischte Meldungen, Anzeigen – der Rest der Titelseite erschien dem Hauptkommissar von begrenztem Unterhaltungswert. Weder hatte er vor einzukaufen noch wollte er sich ein Fahrrad mieten. Schließlich stand sein eigenes unten im Keller. Seit er wieder mit Sina zusammen war und sie nach bestandenem Examen ihre erste Stelle auf Langeoog angetreten hatte, in derselben Klinik, die sie schon von einem Praktikum her kannte, waren Stahnkes Inselbesuche so häufig geworden, dass es sich lohnte, sein geliebtes knallgelbes Trekkingrad einzuschiffen. Für zu Hause hatte er sich ein Zweitrad zugelegt, ein knarrendes Gebrauchtes, gerade gut genug für Stadtfahrten.

Stahnke faltete die Zeitung zusammen und blätterte erneut, diesmal von hinten. Aha, hatte er es sich doch gedacht. Viele Seiten kamen ihm von Layout und Schlagzeilenstil her bekannt vor. Politik, Kultur, Wirtschaft, Sport – alles nicht hier auf der Insel produziert, sondern vom Festland geliefert. Sogenannte Mantelseiten. Praktisch alle Provinzzeitungen arbeiteten so. Lediglich Lokales und Regionales wurden vor Ort gemacht. So konnte man viel Personal und Kosten sparen.

Gestern Abend, als Sina noch in der Klinik gewesen war, hatte Stahnke ausgiebig Fernsehnachrichten geschaut; so kamen ihm die meisten Meldungen bekannt vor. Die Kommentare überblätterte er, nachdem er einen Blick auf die Namen der Verfasser geworfen hatte. Schubladendenker mit schematisierten Ansichten, vielen Dank auch. Schnell war er auf diese Weise wieder beim Lokalen angelangt.

Der Aufmacher der Seite drei schien eine bunte Geschichte zu sein: »Rentnergang auf Krawall gebürstet« – keine besonders kuschelige Überschrift, fand Stahnke. Es ging um eine Gruppe von vier älteren Männern, die sich jeden Nachmittag am Langeooger Bahnhof einfanden, nicht nur, um dort auf den Bänken zu hocken und von alten Zeiten zu schwärmen, sondern, das machte der Artikel in süffisanter Weise deutlich, über alles und jeden herzuziehen. Und das nicht eben zurückhaltend. Lokalpolitiker, Kurdirektion, Geschäftsleute – bei den Inselsenioren kam keiner gut weg. Die meiste Häme aber wurde über die Badegäste ausgeschüttet. »Touristenplage« war noch einer der milderen Ausdrücke, die der Autor zitierte. Hallo, das ging ja ans Eingemachte! Welcher Journalist traute sich denn da, dermaßen Geschäftsschädigendes zu verfassen?

Der Name des Autors stand unter dem Text. In Fettdruck. Trotzdem traute der Hauptkommissar seinen Augen kaum. Marian Godehau. Wie, zum Teufel, kam der denn hierher?

Stahnke kannte Godehau seit Jahren, allerdings als Redakteur der Regionalen Rundschau in Oldenburg. Und vor allem als Ex-Freund von Sina Gersema. Wieso, fragte er sich, tauchte der jetzt plötzlich auf Langeoog auf? Sofort beschlichen ihn ungute Gefühle. Verlustängste, genauer gesagt. Für die er sich postwendend schämte. Hatte Sina ihm nicht unmissverständlich klargemacht, dass sie ein selbstständig denkender Mensch war und keine Sache, die man besitzen und demzufolge auch verlieren konnte? Ja, das hatte sie, und sein Verstand hatte das auch kapiert. Aber sein Verstand war auch nicht für derartige Ängste zuständig.

Erneut blätterte er, suchte und fand das Impressum. Aha: »Zuständig für Langeoog: Marian Godehau.« Kein zweiter Name war aufgeführt, also war Marian hier als Einzelkämpfer unterwegs. Und weiter oben: »Herausgeber und Verlag: ZG Regionale Rundschau GmbH, Oldenburg.« ZG? Vermutlich Zeitungsgruppe, riet Stahnke. Auf jeden Fall aber war die Sache klar. Die Rundschau, die schon vor Jahren Kooperationsverträge mit ostfriesischen Zeitungen abgeschlossen hatte, um ihren Einflussbereich zu erweitern, hatte sich den Inselboten komplett einverleibt und die Redaktion vor Ort mit einem ihrer eigenen Reporter besetzt. Vermutlich hatte man dessen Stelle in Oldenburg direkt eingespart; so etwas nannte man heutzutage »kostenneutral«.

Und warum ausgerechnet Marian? Der hatte sich schon immer für maritime Themen interessiert, sicher. Aber doch nicht für Kurbetrieb! Und nie hatte er Anzeichen gezeigt, aus Oldenburg weg zu wollen. Es mussten also besondere Gründe vorliegen. Entweder machte sich der Bursche tatsächlich immer noch Hoffnungen auf Sina – oder …

Der Hauptkommissar spürte, wie ein hämisches Grinsen seine Mundwinkel auseinandertrieb. Marian war schon immer unbequem gewesen. Eigensinnig, kritisch, nicht leicht zu führen. Mit so einem taten sich Vorgesetzte schwer, das wusste er aus Erfahrung. Was lag da näher, als den Unruhestifter in die Wüste zu schicken? Genau, in die Sandwüste. Die zur Sicherheit auch noch von Schlick und Nordseewasser umgeben war. Tja, so konnte es gehen.

Stahnkes Grinsen aber hielt nicht lange vor. Warum auch immer, Marian Godehau war hier, das war Fakt. Und es passte ihm gar nicht. Wie lange wohl schon? Und warum hatte Sina ihm noch nichts davon erzählt? Lief da womöglich doch etwas hinter seinem Rücken? Hastig trank er seinen Kaffeebecher leer, verschluckte sich, unterdrückte einen Hustenanfall. Die gute Morgenlaune war dahin.

Und wie um das Maß voll zu machen, piepte jetzt auch noch sein Handy. Warum hatte er es bloß nicht deaktiviert? Jetzt war es zu spät. Seufzend zückte er das Gerät und schaute aufs Display. Sein Seufzen wurde zum Stöhnen.

»Was gibt es, Kramer? Ich habe heute frei.«

»Weiß ich. Moin erst mal.« Oberkommissar Kramer klang stoisch wie immer. »Trotzdem wäre es besser, wenn du herkommen könntest. Marina Bingum. Mordsache.«

»Steht das schon fest?«

»Tja, die Kollegen zählen noch die Einstiche«, erwiderte Kramer ungerührt. »Trotzdem würde ich mich mal auf ein Ja festlegen.«

»Na denn.« Stahnke beendete das Gespräch ebenso grußlos, wie er es begonnen hatte. Natürlich hatte Kramer richtig gehandelt, den Leiter des 1. Leeraner Fachkommissariats auch an dessen freiem Tag zu informieren und hinzuzuziehen. Trotzdem nahm er es ihm übel.

Er schaute auf die Uhr: 6.50 Uhr. Die Inselbahn zur ersten Fähre des Tages fuhr in 20 Minuten. Das war locker zu schaffen. Also dann. Von wegen, ein Frühsommertag am Sandstrand.

Sina schlief immer noch. Er weckte sie nicht, legte ihr nur einen Zettel auf den Küchentisch. Dann machte er sich mit schleppenden Schritten auf den Weg zum Bahnhof.

3.

Marian stolperte von der Fähre, die Augen noch halb geschlossen, und ließ sich vom Pulk seiner zielstrebigeren Mitreisenden in Richtung Inselbahn spülen. Für die Menschen, die ihm entgegeneilten, um Langeoog mit dem frühestmöglichen Schiff zu verlassen, hatte er keinen Blick. Der gestrige Tag steckte ihm noch in Kopf und Knochen wie ein gewaltiger Kater. Dabei hatte er sich letzte Nacht doch nur ein einziges Glas Rotwein gegönnt, um überhaupt schlafen zu können, aufgedreht wie er war, seiner gewaltigen Erschöpfung zum Trotz.

Ein Wahnsinn, bei Morgenlicht besehen, dass er gestern Abend überhaupt noch nach Oldenburg gefahren war, statt sich lieber auf das Bett seines kleinen Inselapartments zu werfen, um so viel Schlaf zu ergattern und Kraft zu schöpfen wie nur möglich. Aber nach diesem chaotischen ersten Arbeitstag als Solist beim Inselboten, der ihn trotz langjähriger Redakteurserfahrung bis an den Rand seiner Belastbarkeit geführt hatte, wollte er nur noch weg, nur noch raus. Raus aus den Redaktionsräumen, diesen besseren Rumpelkammern voller Papierhügel und Fotohalden, die sein Vorgänger salbungsvoll »Archiv« genannt hatte und die von den beiden Volontären, die hier in den beiden Wochen zwischen dem Kauf des Inselblattes durch die Rundschau und Marians endgültiger Abordnung die Stellung gehalten hatten, gründlich verwüstet worden waren. Und am besten gleich weg von dieser Insel, und sei es auch nur für ein paar Stunden.

Was für eine Frechheit, ihn dermaßen ins kalte Wasser zu werfen! Kein Stehsatz, keine Themenliste, dafür ein überquellendes, völlig unsortiertes Posteingangskörbchen und ein randvoller Terminkalender. In seiner Verzweiflung hatte er den Aufmacher schließlich über das Wetter geschrieben. Eine absolute Notlösung, denn jeden Tag konnte er das nicht machen, nicht einmal hier, wo das Wetter auch ein Wirtschaftsfaktor war. Bloß gut, dass ihm noch die Rentnergang am Bahnhof aufgefallen war. Diese Viererbande von Touristenhassern hatte ein paar nette Sprüche von sich gegeben. Daraus hätte man sicher noch mehr machen können, aber in seiner Situation reichte es nur für einen Schnellschuss.

Den Umbruchtermin hatte er nur mit Mühe und Not eingehalten, nicht zuletzt wegen des modernen Computers, den man ihm im letzten Moment noch bewilligt hatte und der sich jetzt auf einem der wackeligen Vorkriegsschreibtische ausnahm wie ein Raketenwerfer auf einem Maultierkarren. Der PC war mit allen nötigen Text- und Bildverarbeitungsprogrammen ausgestattet, so dass Marian es tatsächlich geschafft hatte, drei komplette Seiten mit Stoff zu füllen. Die Datenübertragung allerdings hatte ihn endgültig den letzten Nerv gekostet. Danach brauchte er unbedingt Abstand.

Ein Zufall, dass ihm tagsüber bei einem seiner Termine, der Vorstellung eines neuen Gourmettempels, der am Wochenende öffnen sollte, dieser lustige, junge Koch über den Weg gelaufen war. »Heute Abend noch mal gepflegt in die Disse, ehe der Trubel hier richtig losgeht und man für den Rest des Sommers gar nicht mehr von der Insel runterkommt«, hatte sich der Marian leutselig anvertraut.

»Und wie? Wochentags legt die letzte Fähre doch schon um 17.30 Uhr ab.«

Der Koch hatte über sämtliche Sommersprossen gegrinst. »Connections, Alter! Mein Chef hat ›n Boot, das kann ich kriegen. Und ein Kollege hat ›n Bootsführerschein, der ist Antialkoholiker. Ein paar von den Saisonkräften sind auch dabei. Heute Abend um 23 Uhr geht’s los. Willste mit? Platz ist noch.« Ein nettes, aber nicht völlig selbstloses Angebot, denn jeder Mitfahrer beteiligte sich mit ein paar Euro an den Spritkosten.

Marian hatte dankend abgelehnt. Und hatte dann doch um 22.50 Uhr am Jachthafen gestanden. Ein heißer Ritt war das gewesen, trotz nur mäßig bewegter See. Aber das Boot war ein echter Flitzer mit winziger Kajüte, die meisten Sitze waren draußen in der offenen Plicht, der Motor war stark und der junge Steuermann offenbar hochmotiviert. Marian hatte einige Erfahrung mit Booten, daher war ihm angst und bange geworden. Die anderen Passagiere, einige davon kaum halb so alt wie er, hatten nur lustvoll gejohlt.

In Bensersiel hatte Marian sich in seinen Golf geworfen und war ähnlich verwegen nach Oldenburg gerast. Und kaum hatte er sich in seinem vertrauten Bett schlafen gelegt, da hatte ihn der Wecker auch schon wieder aus den Federn gescheucht. Jedenfalls war ihm das so vorgekommen. Die Rückfahrt hatte Marian wie in Trance erlebt. Kurz vor Bensersiel hatte er ein Stoppschild ignoriert und beinahe einen Unfall gebaut. Ein Wahnsinn, die ganze Aktion. Nie wieder, schwor er sich.

Der Wind zauste seine braunen Locken, die er schon lange nicht mehr hatte stutzen lassen, und seinen Vollbart, der seit einiger Zeit von grauen Strähnen durchzogen war. Und das schon mit Mitte 30! Marian fand das ungerecht, wie so vieles. Blöd, dass man nicht einmal dagegen protestieren konnte. Jedenfalls nicht, ohne sich lächerlich zu machen.

Er bestieg einen der Inselbahnwaggons – einen roten, aus Prinzip – und ließ sich auf den nächstbesten freien Platz plumpsen. Die Holzbank war hart und unbequem, aber die Fahrt würde ja nur ein paar Minuten dauern. Eine winzige Gnadenfrist, ehe die Tretmühle wieder losging. Nur nicht wieder so ein Chaos wie gestern! Am besten, er legte sich früh auf eine Titelstory fest, damit es abends nicht wieder so eng wurde.

Auch auf der Bank ihm gegenüber nahm jetzt jemand Platz. Im selben Moment ruckte die Bahn an und schaukelte los. Marian hob den Kopf und musterte seinen Mitpassagier. Sommersprossen, abstehende Ohren, rotblondes, zu Stacheln gegeltes Haar – das war doch Jannik Bartels, der lustige, kleine Koch! Eindeutig, dachte Marian. Nur sah er überhaupt nicht lustig aus.

»Hi! Was machst du denn hier? Boot verpasst?«

Der Koch zuckte missmutig die Achseln. »Da war nichts zu verpassen.«

»Ähh … was?«

Nicht einmal Marians begriffsstutzige Miene konnte den Sommersprossigen aufheitern. »Als wir um 4 Uhr wieder am Anleger waren, war da kein Boot mehr. Weg! Futschikato! Geklaut! Und wir standen da wie Pik doof und mussten in der Kälte auf die erste Morgenfähre warten.«

»Dein Boot ist geklaut worden? Mitten in der Nacht?«

»Natürlich nachts! Wann würdest du denn ein Boot klauen, etwa am helllichten Tag?« In hilfloser Wut ballte der junge Koch die Fäuste. »Und von wegen mein Boot! Es war doch das von meinem Chef. Der wird mir die Hölle heißmachen, da kannste einen drauf lassen. Das wird kein Spaß für mich heute.« Bei diesem Gedanken sank er förmlich in sich zusammen.

Bootsdiebstahl, überlegte Marian, war doch für einen Insulaner bestimmt so ähnlich wie Pferdediebstahl für einen Cowboy. Ein Kapitalverbrechen. Eindeutig ein Thema für eine Inselzeitung.

»Weißt du was«, sagte er, »ich geb dir erstmal einen Kaffee aus. Mit Brötchen, die Bäckereien haben ja um diese Zeit schon offen. Und dann erzählst du mir alles noch einmal in Ruhe. Ein bisschen Zeit hast du doch noch. Einverstanden?«

Wieder zuckte Jannik Bartels die Achseln. Marian nahm es als Zustimmung. Ausgezeichnet, dachte er. Einen Aufmacher hätte ich schon mal. Mein zweiter Tag als Inselredakteur fängt deutlich besser an als mein erster.

4.

Stahnke hasste es, zu spät an einen Tatort zu kommen. Absperrung, Identifikation, Fotos, Spurensicherung, Personalienfeststellung und Zeugeneinvernahme, erste Untersuchung des Opfers, schließlich Abtransport der Leiche – alles war bereits erledigt, jeder hatte sich ein Bild von der Lage gemacht, alle kannten sich aus. Bloß er nicht, Stahnke, Leitender Ermittler des 1. Kriminalfachkommissariats. Er war wieder einmal auf die loyale Zuarbeit seines Kollegen Kramer angewiesen. Den mochte er, keine Frage. Aber die Situation an sich, die hasste er. Und dass sie wieder einmal an einem sogenannten freien Tag eintrat, machte die Sache nicht besser.

Kramer funktionierte tadellos. »Der Tote ist ein gewisser Waldemar Wallmann. 36 Jahre, wohnhaft in Leer-Loga. Inhaber der Firma Personal Flexibility. Unverheiratet, keine Kinder. Jedenfalls keine, von denen wir wüssten.«

Stahnke hob die Augenbrauen – der letzte Zusatz schien ihm erklärungsbedürftig.

»HWG«, erläuterte Kramer. »Häufig wechselnder Geschlechtspartner. Der Hafenmeister kannte ihn ganz gut. Wallmanns Boot liegt schon seit ein paar Jahren hier. Vielmehr seine Boote; er hat sich wohl öfter mal ein neues gegönnt. Ebenso wie eine neue Freundin.« Kramer blätterte in seinen Aufzeichnungen: »Neue Freundinnen sogar häufiger als Boote.«

»Mit diesem Vergleich kämst du bei Sina aber nicht besonders gut an«, tadelte Stahnke. »Ein Mensch ist kein Ding, das man besitzen kann. Was sagt denn deine Insa dazu?«

Kramer blickte zur Seite. »Gemäß deiner eigenen Belehrung ist deine hier unangebracht«, murmelte er. »Und außerdem, sie ist sowieso nicht mehr meine.«

»Ach.« Dabei hatte sich Kramers Beziehung mit Insa Ukena, der Kollegin, die auf Langeoog Dienst tat, doch so vielversprechend angelassen, fand Stahnke. Er hatte schon gewitzelt: »Demnächst könnten wir eigentlich mal einen Familienpass für die Inselfähre beantragen, aber einen für Großfamilien.« Und sich gefreut, dass Kramer, dem seine Trennung von Frau und Tochter immer noch zu schaffen machte, auch wenn er es nicht zeigte, endlich wieder etwas Festes gefunden hatte. Tja, so konnte man sich irren.

»Ein Don Juan also«, nahm der Hauptkommissar den dienstlichen Faden wieder auf. »Ist ja nicht verboten. Aber man macht sich nicht unbedingt Freunde auf diese Art.« Bei der Suche nach einem Tatmotiv wäre das schon mal ein Ansatz. »Woher wissen wir überhaupt den Namen? Hat dieser Hafenmeister ihn identifiziert?«

Kramer nickte. »Er hat ihn gefunden, heute früh bei Niedrigwasser«, ergänzte er. »Der Tote hatte aber auch alle Papiere bei sich. Ausweis, Führerschein, Kreditkarten. Außerdem über 6.000 Euro in bar. Ein erstaunlich hoher Betrag, selbst wenn man bedenkt, dass Wallmann ziemlich vermögend war. Alles noch da, nur das Boot war weg. Stattdessen lag Wallmanns Leiche im Schlick.«

Stahnke wusste genau, wie die Marina Bingum bei Niedrigwasser aussah, weil er hier früher mal ein eigenes Boot liegen gehabt hatte. Nun war er doch froh, erst verspätet eingetroffen zu sein; die Vorstellung, womöglich nach einem Fehltritt in diesem Modder zu landen, hatte ihn stets geekelt. Die ständigen Vertiefungen der Ems und die dadurch ansteigende Geschwindigkeit vor allem des Flutstroms führten dazu, dass immer mehr und mehr Schlick in die angrenzenden Häfen, Buchten und Altarme gedrückt wurde. Jeder kannte die Ursache für diese Schweinerei. Solange aber die Großwerft oben in Papenburg mit der Arbeitsplatzkeule drohte und die Politiker nach ihrer Pfeife tanzten, würde sich daran wohl nichts ändern.

»6.000 Euro«, wiederholte Stahnke. »Klar, Wallmanns Boot war natürlich weit mehr wert. Trotzdem, welcher Raubmörder nimmt denn ein Boot mit, aber lässt seinem Opfer das Bargeld?«

»Ja, merkwürdig«, bestätigte Kramer. »Ein durchschnittlicher Raubmörder hätte Wallmann wohl auch nicht gleich 36 Messerstiche verpasst.«

Der Hauptkommissar pfiff leise durch die Zähne. »Sehe ich auch so«, sagte er. »Da steckt wohl eher Hass dahinter als Habsucht. Eine von seinen Verflossenen vielleicht?«

»Wohl eher ein betrogener Ehemann oder ein verlassener Freund«, erwiderte Kramer. »Wallmann war einen Meter 90 groß und ziemlich kräftig, ein richtiger Brocken. Und ein zupackender Typ, wie der Hafenmeister berichtet. Keine Angst, sich die Hände schmutzig zu machen. Ihm hat das gefallen. So muss man wohl sein, wenn man in der Zeitarbeitsbranche tätig ist. Jedenfalls in der Grauzone, da, wo richtig viel Geld zu machen ist.«

»Daher wohl auch das viele Bargeld. Cash auf die Hand spart Steuern. Soweit klar«, sagte Stahnke. »Aber warum soll der Täter denn keine Frau sein? Auch Frauen können mit Messern umgehen. Gerade Frauen! Wer macht denn die meiste Hausarbeit?«

»Merkwürdige Assoziationskette.« Gegen seinen Willen musste Kramer lachen. »Aber im Ernst, dem ersten Augenschein nach wurde ein Messer mit recht starker Klinge benutzt. Offenbar ziemlich scharf. Der Täter hat damit Wallmanns Brust und Oberbauch regelrecht zerfleischt. Nicht alle Stiche gingen wirklich tief, trotzdem, dazu gehört eine Menge Kraft.«

»Na und? Es gibt sehr kräftige Frauen. Und manche haben auch einen Bootsführerschein.«

Kramer zuckte die Achseln und äußerte sich nicht weiter dazu. Recht hat er, dachte Stahnke. Lauter zwecklose Spekulationen. Befassen wir uns doch erst einmal mit den Fakten.

Sie standen auf dem breiten Schwimmsteg, dort, wo der Stichsteg abzweigte, der den Liegeplatz von Wallmanns Boot seitlich begrenzte. Eine Böe kräuselte das Wasser im Hafenbecken, das nun wieder gut gefüllt war, und ließ die Bäume rauschen. Der Steg erzitterte leicht.

»Wieso eigentlich Waldemar?«, fragte Stahnke. »Waldemar. Wer heißt denn heute noch so.«

»Fußballreporter«, antwortete Kramer ungerührt.

»Na gut. Aber jüngere und mittlere Jahrgänge? Doch wohl kaum.«

»Wallmann war Russlanddeutscher«, erklärte Kramer. »Seine Eltern wollten ihre Abstammung wohl besonders deutlich machen. Der Junge musste es ausbaden.«

Stahnke zog seine Augenbrauen zusammen und musterte seinen Kollegen scharf. Sollte das gerade etwa mal wieder eine Anspielung sein? Auch Stahnkes Eltern waren besonders stolz auf ihre Herkunft gewesen, die ostfriesische nämlich, und hatten ihm einen Vornamen aufgehalst, der ihm bis heute hochnotpeinlich war.

Kramer schaute nicht zurück. Genau genommen schaute er nirgendwo hin. »36«, murmelte er leise.

»Bitte wie?«

»Die Anzahl der Messerstiche«, sagte Kramer leise und schleppend. »Sie entspricht genau dem Alter des Opfers. 36.« Jetzt hob er den Blick und fixierte seinen Vorgesetzten. »Eigenartig, nicht?«

»Worauf willst du hinaus? Auf einen durchgeknallten Strickmusterkiller?« Stahnke schaubte. »Jetzt spinnst du aber, mein Lieber.«

Kramer antwortete nicht.

Wieder lief ein leichtes Zittern durch den schwimmenden Steg, begleitet von einem trockenen Pochen. Hier war ein Boot nicht richtig festgemacht, und es drohten Lackschäden. Stahnke war zu sehr Segler, um das zu ignorieren, und blickte sich suchend um.

Es war das Boot in der Box neben Wallmanns Stichsteg, ein etwas mehr als sechs Meter langer, trailerbarer, teuer wirkender Daycruiser, anscheinend neuwertig. Wallmanns Boot sah vermutlich ganz ähnlich aus. Das luxuriöse Ding dümpelte hin und her, hatte eindeutig zu viel Bewegungsfreiheit und schlug immer wieder mit seiner glänzenden Bordwand gegen die Stegkante. Nicht mehr lange, und die Gelcoatschicht würde Schaden leiden, denn die beiden Fender hingen so, dass sie keinen Schutz boten. Warum hatte der Hafenmeister das denn noch nicht bemerkt?

Das Boot war mit zwei Achterleinen und einer Spring gesichert, ganz zünftig. Vorne aber war nur eine Leine fest. Der zweite vordere Festmacher, der das Boot eigentlich auf Abstand zum Steg hätte halten sollen, hing schlaff aus der Klampe ins Wasser hinab. Jemand hatte ihn vom Stegpoller losgemacht.

»Wart ihr das? Ich meine, die Spusi?«, fragte Stahnke.

Kramer schüttelte den Kopf.

»Dann ruf die Kollegen am besten noch einmal her«, sagte Stahnke.

5.

»Letzte Nacht? Und wann genau?« Lüppo Buss schaute den jungen Mann auf der anderen Seite seines Schreibtisches streng an. Dessen ohnehin schon stark gerötete Segelohren wurden noch um eine Nuance dunkler, und seine schmächtige Gestalt drückte sich in das dünne Stuhlpolster, als suchte sie darin Deckung.

»Irgendwann zwischen 23.30 und 4 Uhr morgens«, antwortete Jannik Bartels kleinlaut und schuldbewusst. »Genau weiß ich’s nicht, wir waren ja alle in Esens in der Disse.«

»Wo waren Sie, bitte?«

»In der Discothek.« Der junge Koch rollte die Augen, und zwischen seinen Sommersprossen strebten die Mundwinkel nun doch leicht auseinander: »Wissen Sie, das ist so ein Laden, in dem sie Musik von der Platte …«

»Willst du mich verscheißern?«, polterte Lüppo Buss los. Und fand seine eigene Frage sinnlos, denn natürlich war es das, was der arme Kerl wollte. Der Oberkommissar war sogar bereit, ihm das zu verzeihen; bestimmt hatte ihm Thormählen, sein Chef und zugleich der Besitzer des abhanden gekommenen Bootes, schon fürchterlich den Kopf gewaschen, ehe er ihn ins Polizeibüro an der Kaapdüne schickte, um Anzeige zu erstatten. Aber natürlich musste der Inselpolizist seine Autorität wahren. Außerdem wurmte es ihn, dass ihn dieser grüne Junge offenbar für einen senilen Tattergreis hielt.

Jannik Bartels hob abwehrend beide Hände. »Um Himmels willen … sollte doch bloß … ich meine, war doch nicht bös …«, stammelte er.

Hoffentlich sind seine Menüs besser durchdacht als seine Sätze, dachte Lüppo Buss, während er so tat, als regte er sich langsam ab. Man erzählte sich ja wahre Wunderdinge von Thormählens neuem Restaurant, das am Wochenende eröffnet werden sollte. Allerdings nicht nur von den Speisen, sondern auch von den Preisen. Ob er es sich überhaupt leisten konnte, seine Nicole dorthin auszuführen? Verdient hatte sie es ganz sicher, dass er ihr mal etwas Besonderes bot. Nur wollte er sich dafür nicht gleich finanziell ruinieren. Und außerdem: Was konnte das für eine Küche sein, in der die Köche dermaßen dünn waren? »Nouvelle Cuisine«, wo man nach einem fünfgängigen Menü mit knurrendem Magen aufstand?

»Ist schon gut«, sagte der Inselpolizist beschwichtigend. »Eine Wache habt ihr also nicht an Bord gelassen? So, wie man das eigentlich macht, wenn man ein Boot an einer unbewachten Stelle zurücklässt? Zumal so ein wertvolles, der Beschreibung nach?«

Der Koch starrte Lüppo Buss an und breitete hilflos die Hände aus. Offenbar hatte er von solchen Gepflogenheiten noch nie zuvor gehört.

»Na gut.« Der Oberkommissar schüttelte den Kopf. »Ich leite die Anzeige weiter nach Wittmund, die sind dafür zuständig. Eine Beschreibung des Bootes geht umgehend raus. Die Kollegen werden sich in allen einschlägigen Jachthäfen und Marinas umschauen oder zumindest nachfragen. Die Hafenmeister wissen ja immer am besten, wenn irgendwo fremde Boote auftauchen.« Demonstrativ klappte er seinen Notizblock zu. Für ihn war das Gespräch beendet.

Der Koch aber zögerte noch. »Was meinen Sie, wann … ich meine, wie sind denn die Chancen, dass das Boot wieder auftaucht?«

Lüppo Buss zuckte die Achseln. »Falls es bloß ein Dumme-Jungen-Streich war, wenn sich also jemand das Boot nur für eine Spritztour ausgeliehen hat, dann wird es sicher schnell gefunden werden. Die Frage ist dann nur, in welchem Zustand. Aber wenn es sich hier um einen planvollen Diebstahl gehandelt hat, dann, schätze ich, ist das gute Stück futsch. Es sei denn, der Autobahnpolizei gelingt noch ein Zugriff.«

Jannik Bartels’ Augen rundeten sich noch mehr. »Autobahn …?!«

Lüppo Buss schüttelte den Kopf; diesmal fiel es ihm nicht schwer, milde zu bleiben. »Professionelle Bootsdiebe schippern nicht mal eben in der Gegend rum. Die packen ihre Beute auf einen Trailer, und dann ab dafür, so schnell es geht. Zum Abnehmer. Meistens Richtung Osten.« Der Inselpolizist wusste das auch erst seit Kurzem. Während einer verordneten Fortbildungsmaßnahme hatte er sich einen Vortrag ausgesucht, dessen Thema ihm am wenigsten weltfremd vorgekommen war. Aber das ging den kleinen Koch hier ja nichts an.

Jannik Bartels verabschiedete sich und ging. Lüppo Buss blieb gerade genug Zeit, seine Meldung nach Wittmund abzusetzen, da öffnete sich die Tür zu seinem Büro bereits wieder. Eine Frau mit hennarot gefärbten Haaren erschien; sie trug ein erdbeerrotes Top, einen scharlachroten Wickelrock um die ausladenden Hüften, eine magentarote Umhängetasche und einen himbeerrosa Sonnenbrand auf den Schultern. Lüppo Buss hatte ein deutliches Déjà-vu-Gefühl, das er jedoch nicht zuordnen konnte.

Er begrüßte die Besucherin und nickte ihr aufmunternd zu.

»Ich will mich beschweren«, sprudelte die Frau los, ohne den Gruß zu erwidern. »Das ist ja lebensgefährlich, also echt, unglaublich. Mein Hermann ist die ganze Nacht nicht vom Lokus runtergekommen. Total schlecht geht es ihm. Und jetzt traut er sich immer noch nicht vor die Tür. Dabei haben wir doch nur eine Woche gebucht, mehr Urlaub hat Hermann nicht gekriegt, weil, der Laden brummt ja zu Hause, da kann er nicht weg, so einfach. Also, so was gibt es doch wohl nicht! Wie können Sie so etwas zulassen?«

»Was soll ich zugelassen haben?«, fragte Lüppo Buss entgeistert. »Kurze Buchungszeiten? Gute Geschäftslage? Oder dass Ihr Mann die Toilette blockiert?« Er verschränkte die muskulösen Unterarme vor der Brust.

»Wat?« Die rote Dame musterte ihn wie ein Insekt in ihrer Roten Grütze. »Wat soll dat denn? Haben Sie denn überhaupt nicht verstanden, was ich Ihnen gerade erzählt habe?«

»Offen gestanden, nein«, antwortete Lüppo Buss. »Vielleicht versuchen Sie es einfach noch einmal. Was, bitte, ist denn der eigentliche Grund Ihrer Beschwerde?«

»Na, die Marmelade«, erwiderte die rote Dame prompt. »Diese orangene.«

»Sie wollen sich bei mir über Orangenmarmelade beschweren? Meinen Sie denn, dass die Polizei dafür die richtige Adresse ist?« Jetzt sollten die von der Kurverwaltung mich mal sehen, dachte der Oberkommissar. Mehr Verständnis und Höflichkeit gegenüber Kurgästen geht ja wohl nicht, schon gar nicht gegenüber so durchgeknallten.

»Nee«, sagte die Besucherin. »Sanddorn.«

»Wat?« Unwillkürlich imitierte der Inselpolizist den Tonfall der Frau. Stammte sie aus dem Ruhrpott?

»Na, Sanddorn, nicht Orange. Diese Sanddornmarmelade, die es hier gibt, die ist doch orange.« Die Besucherin nickte ernsthaft.

Lüppo Buss stellte sich die verschiedenen, einander beißenden Rottöne, in denen die Dame leuchtete, kombiniert mit Sanddorn-Orange vor und konnte ein Schaudern nur mühsam unterdrücken. »Sanddornmarmelade also. Und die schmeckt Ihnen nicht?« Er sprach jetzt nicht mehr nur höflich, sondern übervorsichtig, wie mit einer Verrückten. Kam zur Polizei, weil ihr die Marmelade nicht schmeckte, also wirklich!

»Natürlich schmeckt uns die«, antwortete die rote Dame. »Ganz vorzüglich schmeckt uns die. Darum ja.«

Lüppo Buss verstand jetzt gar nichts mehr. »Darum ja – was?«, fragte er hilflos. »Darum wollen Sie sich beschweren?«

»Darum essen wir die ja so gerne! Und darum hat sich Hermann auch gleich zwei Brote damit geschmiert, obwohl er sonst gar nicht so gerne süß mag, schon gar nicht abends. Aber diesmal, zwei Brote, mit dick Marmelade drauf, weil sie doch so lecker schmeckt, hat er gesagt, diese einheimische Sorte aus dem Geschäft, wo wir vorher noch nie waren. Tja, und das war’s dann.«

Der Oberkommissar merkte, dass ihm der Unterkiefer herab hing, und sorgte für Abhilfe. Gleichzeitig kam ihm ein Gedanke, wie in diese grotesk anmutenden Ausführungen vielleicht doch noch Sinn hineinzubekommen wäre. »Sie meinen, die neue Marmeladensorte ist Ihrem Hermann nicht gut bekommen? Dass er davon einen Flotten gekriegt hat?« Stolz auf sein Kombinationsvermögen und seinen guten Willen, blickte er die rote Dame erwartungsvoll an.

»Was heißt hier, nicht bekommen!«, schnauzte die zurück. »Hermann hat einen Magen aus Eisen, das gibt es gar nicht, dass dem etwas nicht bekommt! Außerdem, Sanddorn haben wir früher schon gegessen, da gab es noch nie Probleme. Nee, nee, mit Bekommen hat das nichts zu tun.«

»Sondern?« Lüppo Buss spürte seine Selbstbeherrschung dahinschwinden und beschränkte sich daher auf dieses eine Wort.

»Sondern? Merken Sie denn überhaupt nichts?« Die rote Dame ging hoch wie eine Leuchtrakete. »Gift! Mit Gift hat das was zu tun! Hier will uns einer vergiften! Bei meinem Hermann hätte das beinahe schon geklappt, wenn der nicht so ›ne eiserne Konstitution hätte.« Mit diesen Worten zog sie eine Plastiktüte aus ihrer magentaroten Umhängetasche und platzierte sie auf Lüppo Buss’ polierter Kirschholzfurnier-Schreibtischplatte.

Die Tüte war pink.

Der Oberkommissar merkte, wie sich sein Magen zusammenzog. »Und da drin ist …«

»Genau.« Die rote Dame nickte eifrig. »Die Sanddornmarmelade mit dem Gift. Vielmehr, der Rest davon.«

»Und Sie meinen, die soll ich jetzt …«

»Erraten. Ins Labor, zur Untersuchung. So geht das doch, nicht? Sieht man ja immer im ›Tatort‹.« Sie blickte sich suchend um: »Wo haben Sie denn hier eigentlich Ihr Labor?«

Der Inselpolizist räusperte sich umständlich. »Das Labor? Tja, wissen Sie, Frau … wie war doch gleich Ihr Name?«

»Salewsky«, erwiderte die rote Dame und knallte einen Personalausweis neben die pinkfarbene Tüte. »Ingeborg Salewsky. Ich dachte schon, Sie würden mich überhaupt nicht mehr danach fragen. Immerhin mache ich hier ja eine offizielle Anzeige.«

»Eine Anzeige?« Lüppo Buss, der sich Namen und Anschrift notierte, blickte auf. »Anzeige gegen wen denn, bitteschön?«

»Na, gegen die Leute, die uns dieses Giftzeugs verkauft haben! Wie heißen die denn noch … ich glaube, Tütjer oder so ähnlich. Jedenfalls heißt der Laden so.«

»Tuitjers Eck meinen Sie?« Der Oberkommissar kannte das Geschäft, das immer noch den Namen seines verstorbenen Gründers führte. »Mal im Ernst, glauben Sie wirklich, dass jemand Ihnen Böses wollte? Bestimmt ist das alles nur ein unglücklicher Zufall. Ihr Hermann hat gestern sicher noch irgendetwas anderes gegessen, das ihm nicht bekommen ist. Oder getrunken. Reden Sie doch noch einmal mit ihm, sprechen Sie alles durch. Bestimmt gibt es für das Unwohlsein Ihres Gatten eine harmlose Erklärung.«

Die rote Dame sprang auf, so ungestüm, dass der Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, hinter ihr zu Boden krachte. »Wollen Sie mich eigentlich nicht verstehen?«, zischte sie den Inselpolizisten an. »Oder können Sie bloß nicht? Hier geht es nicht einfach um einen verdorbenen Magen, hier geht es um einen Giftanschlag. Jemand hat es auf uns abgesehen. Und vielleicht auch noch auf andere. Was muss denn noch alles passieren, dass Sie endlich mal Ihren Hintern hochkriegen?« Sie grabschte nach ihrem Ausweis und stopfte ihn in die Umhängetasche. »Aber warten Sie nur, Sie werden schon sehen. Wenn Sie mich nicht ernst nehmen in meiner Not, die Presse wird das schon tun! Da gehe ich jetzt nämlich hin. Zur Presse, jawohl. Die wird Ihnen schon Dampf machen.«

Damit rauschte sie hinaus und schmetterte die Tür hinter sich ins Schloss.

Lüppo Buss schaute ihr kopfschüttelnd nach. Leute gab es! Also wirklich. Ein Mordanschlag, einfach so, mit Marmelade frisch aus dem Laden, ohne einen Anlass oder ein erkennbares Motiv. Nee, Leute. Was die Frau sich so alles einbildete. Na ja, Einbildung war ja auch eine Form von Bildung.

Dann begann er zu grübeln. Sein Blick ruhte auf der pinkfarbenen Plastiktüte, die auf seinem Schreibtisch zurückgeblieben war.

6.

Waldemar Wallmanns Haus war richtig eindrucksvoll, fand Stahnke. Viel zu geräumig für einen alleinstehenden Mann. Noch ziemlich neu. Gartentor aus Schmiedeeisen, Gehwegplatten aus Travertin, Fensterrahmen aus Kupfer. Vorgarten von kundiger Hand angelegt und offensichtlich professionell gepflegt. Imposanter Eingangsbereich, drinnen wie draußen. Schicker Flur, mehr Empfangshalle als Korridor. Garderobe vollkommen leer. Großzügiges Wohnzimmer, spärlich, aber edel möbliert. Keineswegs der plumpe Protz, den der Hauptkommissar erwartet hatte. Waldemar Wallmann schien Geschmack gehabt zu haben. Oder er hatte sich Leute mit Geschmack leisten können.

Vorurteilsalarm, dachte Stahnke. Vorsicht. Ein dunkelhäutiger Mercedesfahrer muss nicht automatisch ein Drogendealer sein. Und ein wohlhabender Russlanddeutscher kein unter dem Goldlack primitiv gebliebener Proll. Ist das klar, Alter?

Aber das war es gar nicht. Vielmehr das andere: Chef einer Zeitarbeitsfirma. Personal Flexibility, wie das schon klang! Ausbeuter. Moderner Sklavenhalter. Profitierte von der Angst der Arbeitgeber vor der wankelmütigen Konjunktur. Und vor allem von der Unsicherheit der Arbeitnehmer. So einer konnte doch nur ein mieses Schwein sein. Und hatte gefälligst auch so zu wohnen. In einem sauteuren, geleckt sauberen, aber gefälligst ekelhaft geschmacklosen Schweinestall.

Da also steckte das Vorurteil. Weg mit dir, dachte Stahnke, du störst bei der Arbeit!

Schade eigentlich, überlegte er weiter, denn dieses Vorurteil war ihm lieb geworden. Wohl durch den Umgang mit Sina, für die »Ausbeutung« noch ein Schimpfwort war und »Solidarität« mehr als der Name einer polnischen Gewerkschaft. Und natürlich mit Marian Godehau, diesem unverbesserlichen Robin Hood im Blätterwald.

Der Hauptkommissar schnaubte ärgerlich. Musste dieser Name denn jetzt unbedingt in seinem Hirn auftauchen, ungebeten wie Marian selbst auf Langeoog?

Er hörte Schritte im Flur. Kramer erschien. »Es gibt eine Putzfrau«, verkündete er und wedelte mit einem Notizzettel. »Oder auch eine Art Haushälterin. Die Nachbarn wussten Namen und Adresse.« Er grinste. »Hier scheint man überhaupt eine ganze Menge übereinander zu wissen. Was manche Leute so alles beobachten – davon könnten sich unsere Fahnder noch eine Scheibe abschneiden.«

»Uns soll’s doch nur recht sein«, sagte Stahnke. Insgeheim aber war er doch froh, nicht mit solch neugieriger Nachbarschaft gesegnet zu sein. Jedenfalls nahm er das an. Wissen konnte er es natürlich nicht, dazu war er in seiner knapp bemessenen Zeit im eigenen Heim nicht aufmerksam genug.

»Und? Was hast du inzwischen herausgefunden?«

Stahnke blickte seinen Kollegen erstaunt an. Herausgefunden? Er hatte die Atmosphäre dieses Hauses auf sich wirken lassen, das war doch viel wichtiger. Musste man Kramer sowas etwa erklären?

Anscheinend nicht. Wortlos wandte sich der Oberkommissar ab und begann die restlichen Räume des Hauses zu inspizieren.

Stahnkes Handy ertönte. Sinas Nummer erschien auf dem Display.

»Hallo, Insulanerin.«

»Hallo, du Verschwindefix.« Sina klang gut gelaunt. Leise Hintergrundgeräusche verrieten, dass sie vom Haus Waterkant aus anrief. Stahnke kannte diese Klinik für Essgestörte gut, hatte er doch selbst einige Zeit darin zugebracht. Dienstlich zwar und mit speziellem Auftrag, aber um den Schein zu wahren, hatte er sich trotzdem einem Therapieprogramm unterwerfen müssen. Eine zunächst lästige, aber doch sehr lehrreiche Erfahrung, von der er immer noch profitierte.

»Ging nicht anders, der Job rief. Kennst du ja. Freie Tage sind bei uns nur unverbindliche Vorschläge.«

»Ohne Gewähr, ich weiß. Da bin ich hier direkt noch gut dran.« Sie lachte ironisch. »Kannst du schon absehen, wann du wieder nach Langeoog kommst?«

»Schwer zu sagen. Mordfall. Noch haben wir rein gar nichts in der Hand.« Er seufzte. »Ich fürchte, in den nächsten Tagen werde ich hier wohl nicht abkömmlich sein. In der heißen Phase kann ich Kramer und die anderen schlecht alleine lassen.«

»Verstehe.« Sina klang eher sachlich als gebührend enttäuscht. Stahnke verspürte einen kleinen Stich. »Dann sehen wir uns also erst nächste Woche.«

»Kannst du denn nicht am Wochenende nach Leer rüberkommen?«, fragte er.

»Lohnt nicht, muss am Sonntag schon wieder arbeiten«, antwortete sie. »Und vorher, am Freitag, wieder spät. Da würde ich dann den halben Samstag auf der Fähre und im Auto hocken. Nee, das muss ich nicht haben. Da mache ich mir lieber einen schönen Solo-Tag.«

»Verstehe.« Das sagte Stahnkes Verstand. Sein Bauchgefühl wollte etwas ganz anderes erwidern, kam aber nicht zu Wort. »Was schwebt dir denn vor? Touristenprogramm mit Strand, essen gehen und so?«

»Essen gehen bestimmt. Mein Oberarzt hat einen Tisch in Thormählens neuem Feinschmeckerlokal bestellt, und weil noch ein Platz übrig war, hat er mich mit eingeladen«, verkündete Sina fröhlich.

Wieder ein Stich, diesmal schmerzhafter. Hatte er diese pennälerhafte Eifersucht denn noch immer nicht im Griff? Offenbar nicht. Hoffentlich setzte es jetzt nicht auch bei ihm einen Stich pro Lebensjahr, schoss es im durch den Kopf. Das wären nämlich erheblich mehr als 36.

»Na, dann wünsche ich mal guten Hunger«, erwiderte er leichthin. »Hoffentlich wird man in solch einem Gourmettempel überhaupt satt. Ohne davon pleite zu gehen, meine ich.«

»Ach, hast du auch mitgekriegt, was hier so geredet wird? Aber lass mal, so schlimm kann das wohl nicht werden, wir sind hier ja nicht auf Sylt. Wird doch nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.« Sie lachte hell. »So, ich muss Schluss machen. Neue Kundschaft eingetroffen. Mach’s gut, mein Lieber.«

»Du auch.« Ehe Stahnke sich zu einem Kosewort durchringen konnte, hatte Sina das Gespräch beendet.

Na ja, hätte schlimmer kommen können, dachte Stahnke, während er sein Handy anstierte, als sei es ein Ding aus einer anderen Welt, und kein appetitliches. Wenigstens geht sie mit ihrem Chef essen und nicht mit ihrem Ex. Und als Gruppe, nicht zu zweit. Alles im grünen Bereich.

Andererseits war eine Restauranteröffnung auf Langeoog ganz bestimmt auch ein Pflichttermin für die örtlichen Zeitungen.

»Dort hinten gibt es ein Büro.« Kramer war wieder aufgetaucht, einen Aktenordner in jeder Hand. »Da steht allerhand an Geschäftsunterlagen, außerdem ein PC mit externer Festplatte. Werde mal die kundigen Kollegen drauf ansetzen. Das hier«, er schwenkte die Ordner, »sind Unterlagen über seine Boote und Versicherungen. Da gehe ich zuerst ran, mal schauen, ob sich Anhaltspunkte ergeben.«

Stahnke nickte abwesend. Immerhin wandte er dabei den Blick von seinem Handy ab. Schuldbewusst steckte er es ein.

»Private Korrespondenz konnte ich nirgends entdecken«, fuhr Kramer fort. »Steckt wohl alles im PC. Heutzutage schreiben die Leute ja sogar ihre Liebesbriefe am Computer. Wenn sie nicht sowieso nur chatten oder SMS verschicken.«

»Ich schau mir das mal an.« Dankbar nahm Stahnke den Hinweis auf. Er war eindeutig nicht genügend bei der Sache. Das musste sich ändern.

7.

Jannik Bartels war im Stress. Wieder einmal zu spät aus dem Bett gekommen. Seine Zeit war der Abend, dann lief er zu großer Form auf. Nicht der Morgen, den hasste er. Darum war er ja auch Koch geworden und nicht Bäcker. Eilig warf er die Schwingtüren der Hotelküche beiseite, nahm die Kurve zu eng und rammte sich die scharfe Ecke des Metallschranks in den Oberschenkel. Aufjaulend vor Schmerz und Wut, trat er nach dem Ding. Zu spät fiel ihm ein, dass er offene Sandalen trug. Jetzt tat ihm auch noch der rechte große Onkel verteufelt weh.

»Gemeinheit!«, zischte er durch die Zähne. Tränen rannen ihm über die Wangen. »So eine Gemeinheit. Blöder Mistkerl.«

Klar, dass sein Chef sauer auf ihn war. Dessen Boot war weg, ausgerechnet zu Saisonbeginn, und er, Jannik Bartels, trug daran die Schuld. Aber erstens nicht alleine, denn die anderen hatten ja ebenso wenig aufgepasst wie er. Und zweitens war sein Chef doch versichert! In Kürze würde die Versicherung zahlen, und zwar den Neuwert, das hatte Thormählen schon stolz verkündet. Dann würde er sich ein noch moderneres und noch stärker motorisiertes Boot kaufen. Na also, dachte der junge Koch, dann sollte der Typ mir doch eher dankbar sein. Aber was ist? Nichts ist. Stattdessen teilt er mich hier im Hotel zum Frühstücksdienst ein, weil jemand krank geworden ist. Dabei hätte ich doch eigentlich heute frei. Morgen ist Eröffnung der Weißen Düne, das ist mein Ding, dafür hat man mich angeheuert, dafür habe ich tagelang geschuftet, um alles vorzubereiten.

Heute, am Freitag, hatte er sich ausruhen wollen. Ruhe vor dem großen Ansturm. Stattdessen durfte er hier das Büffet bestücken, Eier kochen und Wurstscheiben aufreihen. Zur Strafe. Obwohl das meilenweit unter seiner Würde war. Oder gerade deshalb.