XXY - Annette Schone - E-Book

XXY E-Book

Annette Schone

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Beschreibung

Manchmal schlägt das Leben schon seltsame Kapriolen. Besonders, wenn Kinder nicht so in der Spur laufen, wie es von der Gesellschaft und auch den Eltern gewünscht wird. In einer Kleinstadt lebend, erzählen die Autoren, in sowohl einfühlsamer wie auch schonungslosen Weise, was einem alles geschehen kann und wie die Liebe zwischen Mutter und Sohn, allen Widrigkeiten zum Trotz, aus Hoffnungslosigkeit Zuversicht, aus Depression Lebensmut und aus Chaos ein geregeltes Leben werden lässt. Mit dem festen Glauben und tiefer innerer Gewissheit, dass sie einen eigentlich ganz normalen Sohn geboren hat, kämpfen sich Mutter und Sohn 30 Jahre durch ein Labyrinth aus widersprüchlichen ärztlichen Aussagen, Heimaufenthalten, pädagogischen Fehleinschätzungen und nichtsagenden Therapien. Einzig die Liebe trägt die beiden und hält am Ende eine wunderbare Überraschung bereit.

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EPUB
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Seitenzahl: 187

Veröffentlichungsjahr: 2019

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XXY

Mein neuer Sohn

Annette Schone & Jan Himmelspach

© 2019 Annette Schone

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Überarbeitete Version

ISBN

 

Paperback:

  978-3-7482-7957-0

Hardcover:

  978-3-7482-7958-7

E-Book:

  978-3-7482-7959-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für unsere Familie

»Da gibt es eine Stimme, die keine Worte benutzt – höre ihr zu«

RUMI

Inhalt

Vorwort

Die unsichtbare Nabelschnur

Was ist mit meinem Kind los?

An einem anderen Ort

Keiner von euch

Hoffnungsschimmer

Drei Schritte vor, einer zurück

Ein langer Weg durch die Dunkelheit …

Ein erster Schritt zum Licht

Eine Nachricht, die alles verändert

Nachwort

Geleitwort der behandelnden Urologin

Diagnose: Klinefelter-Syndrom

Vorwort

Mutterliebe ist ein komplexes Wort für eine komplexe Beziehung. Es beschreibt die Bindung einer Mutter zu ihrem Kind. Ihr werden nahezu magische Kräfte zugesprochen. So groß ist diese Kraft, dass sie auf andere manchmal sogar befremdlich wirkt. Neun Monate wächst ein Kind im Körper einer Mutter heran, die Bindung, die dabei entsteht, wird in den folgenden Monaten durch das Stillen noch intensiviert. In vielen Fällen hält diese Bindung ein Leben lang und schenkt dem Kind das Urvertrauen, das es braucht, um sich furchtlos und voller Neugier auf die Welt einzulassen.

Mutterliebe ist exklusiv. Sie umfasst nur Mutter und Kind(er) und löst in anderen Menschen manchmal sogar Unverständnis aus. Dann wird davon gesprochen, dass sie »erdrückend« ist und das Zerrbild einer dominanten und überbehütenden Mutter wird bemüht.

Als sich mein Sohn Jan 1986 ankündigte, strahlte ich vor Glück. Ein Wunschkind. Damals lebte ich in Berlin, war jung, lebenslustig und hatte eine tolle Partnerschaft. Ein Kind, so glaubte ich, so hoffte ich, würde unser Glück noch perfekter machen. Leider lässt sich Glück nicht planen und schlimmer noch: Unglück lässt sich nicht vermeiden. Das Schicksal schlägt zu, wann und wo es will, und wählt dazu die außergewöhnlichsten Wege.

Jan war nicht wie andere Kinder. Die Welt, in die er da hineingeboren wurde, war entschieden zu groß. Er kam fünf Wochen zu früh auf die Welt, die Geburt und die Wochen danach waren geprägt von völliger Überforderung und enormem Stress. Auch danach stellte sich keine Besserung ein. Er weinte und schrie viel. Der Schlafmangel zerrte an meinen Nerven und aus dem ausgemalten Glück wurde eine ziemlich anstrengende Realität. Trotzdem oder gerade deswegen war ich erfüllt von Liebe zu meinem Sohn. Die Liebe, die ich zu ihm empfand und immer noch empfinde, ist einzigartig. Sie war es, die mich und ihn durch die folgenden Jahre und Jahrzehnte trug.

Als ich damals mit meinem weinenden Kind im Kinderwagen durch die Straßen Westberlins lief, ahnte ich noch nicht, welche Herausforderungen das Muttersein für mich bereithalten sollte. Mein Kind war zwar zu früh auf die Welt gekommen und fand sich mit dem, wie sich das Leben für ihn darstellte, nicht zurecht. Doch er war gesund, lebhaft und aufgeweckt. Ich war mir sicher, dass Jan sich nach ein wenig Eingewöhnungszeit prima mit dieser Welt arrangieren würde.

Dass etwas mit ihm nicht stimmte, erfuhr ich leider erst viele Jahre später. Und den wahren Grund für all den Kummer, den wir während seiner Kindheit, Jugend und dem frühen Erwachsenenalter erlitten hatten, sogar noch viel später - kurz vor Jans 30. Geburtstag.

Zwischen seiner Geburt und dem Wissen um seine Diagnose liegen drei Jahrzehnte unglaublicher innerer und äußerer Konflikte, die uns beide an den Rand der völligen Erschöpfung trieben. Ich liebte mein Kind und musste doch hilflos zusehen, wie es sich in dieser Welt immer weniger zurechtfand. Als alleinerziehende Mutter gab ich mir selbst die Schuld daran; ein Gefühl, das von meiner Umgebung, Freunden und Familie noch verstärkt wurde.

Meine Beziehung zu Jan sei zu intensiv und zu nah, teilte man mir mit. Das gaben »Experten« als Grund dafür an, dass Jan zu Aggressionen und Verhaltensauffälligkeiten neigte und in der Schule Probleme hatte. Als Alleinerziehende lag es nahe, dass meine Lebensverhältnisse seine Probleme verursachten, immerhin war ich auch noch berufstätig. Jan wurde als minderbegabt eingestuft, er musste auf die Sonderschule wechseln und geriet in einen Strudel aus Ausgrenzung, Gewalt, Sucht und Scheitern. Etwas in ihm wollte einfach nicht hineinpassen in diese Welt, wie sie war.

»Manche Kinder sind einfach so«, hieß es. Keiner fand eine Erklärung für Jans Auffälligkeiten und Wahrnehmungsstörungen. Ich sollte mich von meinem Kind lösen, es wegschicken, den Kontakt einschränken, strenger sein und Grenzen setzen, so lautete der einhellige Rat der „Wissenden“. Doch in mir sprach stets eine starke Stimme, die mir unmissverständlich zu verstehen gab, dass Jan mich brauchte. Ich war sein Anker, sein Motor, in einer Welt, die er nicht verstand und die ihn nicht akzeptierte. Tief in mir wusste ich immer, dass es eine Lösung, eine Erklärung dafür gab, was geschah, selbst wenn es völlig ausweglos erschien. Die Ängste und der Kummer, den ich um meinen Sohn ausstand, sind kaum vorstellbar, waren fast nicht zu ertragen. Mehr als einmal fürchtete ich ihn ganz zu verlieren, an die Sucht und an die Depression.

Als Jan 30 wurde, lag bereits ein langer Leidensweg hinter ihm. Die Ausgrenzung in der Schule, das Gefühl des ständigen Scheiterns und seine wachsende Verzweiflung hinterließen tiefe Wunden in ihm. Eine kleine Untersuchung im frühen Kindesalter oder während seiner vielen Klinikaufenthalte hätte Jan, mir und seinem Umfeld viel Leid erspart.

Dieses Buch soll nicht nur anderen Betroffenen Mut machen, sondern auch aufklären über ein Syndrom, von dem viele gar nichts wissen.

Es erzählt unsere ganz persönliche Geschichte, die von vielen Herausforderungen geprägt war und ist, aber auch von einer Liebe, die alle Widerstände überwand. Mutterliebe war es, die Jan hier in dieser Welt hielt, bis schließlich endlich eine Lösung für ihn gefunden wurde. Mit diesem Buch arbeiten wir das gemeinsam Erlebte auf und möchten zugleich auch ein Signal senden: Nichts ist stärker als das Band der Liebe. Eine Mutter spürt tief in ihrem Inneren, was ihr Kind braucht. Hält sie daran fest, kann es selbst die größten Schwierigkeiten überwinden und seinen Platz in der Welt finden. Die Liebe einer Mutter ist die Wurzel, die ein Kind mit allem versorgt, was es braucht. Die gegenseitige Liebe zwischen Mutter und Kind kann Berge versetzen. Von Magie zu sprechen, ist da durchaus angebracht. Seit Jans Diagnose und der daraus resultierenden Medikation ist er wie ausgewechselt. Tief in mir wusste ich schon immer, dass über Jans Seele ein Schatten lag, doch darunter konnte ich jenen Sohn, Jungen und Mann sehen, der er wirklich war und zu dem er heute werden konnte.

Wir haben über die Schatten gesiegt. Unsere Liebe hat uns auch in den dunkelsten Zeiten getragen und deshalb schicken wir diese Botschaft hinaus an alle Familien, die gerade ohne Hoffnung sind: Liebt euch, glaubt an euch, folgt eurer Intuition und kämpft füreinander – ihr könnt Wunder vollbringen. Keine Situation ist so aussichtslos, dass die Liebe nicht einen Weg hinausfinden kann. Jans Geschichte zeigt, dass die Lösung manchmal ganz nah liegt und sich finden lässt, wenn man nur nicht aufgibt.

Annette Schone, im Februar 2019

Die unsichtbare Nabelschnur

Hell strahlen die Lichter. Ein warmer Glanz liegt über dem Raum und mein Blick wandert über die Gesichter. Meine beiden Söhne, mein Ehemann und meine neue Schwiegertochter, sie sitzen zusammen zwischen unseren Freunden und Verwandten, sie plaudern und lächeln und mir erscheint es noch immer wie ein Traum. Noch vor zwei Jahren hätte ich mir niemals ausgemalt, dass ich eines Tages Gast auf Jans Hochzeit sein würde. Die meiste Zeit in seinem Leben war ich froh, wenn er einfach überlebte. Und nun sitzt er da, ein gut aussehender Mann mit jenem Leuchten in den Augen, wie es nur die Liebe zu zeichnen vermag, und einem Lächeln im Gesicht, das von Hoffnung und Angekommen sein erzählt. Hoffnung, ja, die hatte ich immer. Doch genauso oft war ich auch verzweifelt. Ich schließe die Augen und lausche der Musik und in mir regt sich ein Gefühl tiefen Glücks und Dankbarkeit.

Als Jan 1986 zur Welt kam, war die Welt noch eine andere. Tschernobyl hatte den Schrecken der Kernenergie in unser Bewusstsein katapultiert, die Friedensbewegung war sehr stark und Deutschland noch ein geteiltes Land. Das spürte man in Westberlin, wo ich zu jener Zeit lebte, überall deutlich. Eine geteilte Stadt im Taumel zwischen ständiger Bedrohung und hedonistischer Freiheit. Ich liebte den Spirit dieser Stadt, er beflügelte mich. Alles schien möglich, ganz anders als in meiner Heimatstadt in Niedersachsen. Als Gymnastiklehrerin arbeitete ich in einem Heim für schwer erziehbare Kinder. Um von Schöneberg, wo ich wohnte, dorthin zu gelangen, saß ich in der U-Bahn und sah die Geisterbahnhöfe im Osten an mir vorbeiziehen. Ein unwirkliches und auch aufregendes Gefühl.

Ich war jung, ich war verliebt und ich genoss die Schwangerschaft sehr. Nie zuvor hatte ich mich so stark und schön gefühlt wie in jenen Monaten und ich freute mich unbändig auf meinen Sohn, dessen Bewegungen ich in meinem Bauch deutlich spürte. Ich malte mir aus, was wir alles gemeinsam unternehmen würden, sang ihm Lieder und bereitete alles für seine Ankunft vor. Jans Vater und ich hatten uns gerade eine neue Wohnung gesucht, eine von jenen zauberhaften Altbauwohnungen in Berlin, wie sie damals noch in großer Zahl leer standen und für die man eine ganze Menge Fantasie brauchte, um durch den Schutt und die hässlichen Tapeten die Schönheit zu sehen.

Jan hatte es scheinbar eilig damit meinen Bauch zu verlassen. Seine Geburt kündigte sich fünf Wochen zu früh an, mir blieb gerade noch Zeit, mit einem Taxi in die Klinik zu fahren. Dann ging alles sehr schnell. Er war kaum auf der Welt, da brachte man ihn in eine Kinderklinik, gefühlt weit weg von mir. So hatte ich mir die Geburt meines ersten Kindes nicht vorgestellt. Statt Glückseligkeit und Zweisamkeit lag ich allein und aufgewühlt im Bett und wusste nicht, was mit meinem Kind geschah.

Die nächsten Wochen forderten meine und Johanns ganze Kraft. Jan war eine Frühgeburt und lag die erste Zeit im Brutkasten. Er hatte Schwierigkeiten, seine Körpertemperatur selbstständig zu regulieren, und auch das Trinken fiel ihm schwer. Den Milcheinschuss ohne Kind anzuregen, erforderte einige Mühen. Mittels einer elektrischen Milchpumpe, die ich alle zwei Stunden anlegte, brachte ich meine Muttermilch zum Fließen. Zweimal am Tag transportierte ich die Milch in das Krankenhaus und besuchte Jan. Er schlief die meiste Zeit. Winzig war er und ganz dünn, doch wunderschön.

Drei Wochen ging das so, dann durfte er endlich zu uns nach Hause. In der Zwischenzeit war es Jans Vater und mir gelungen, unser Zuhause im Eiltempo babytauglich zu machen. Endlich nutzen wir unsere gemeinsame Zeit so, wie es eigentlich nach einer Geburt wünschenswert ist. Wir schliefen und gingen spazieren. Jan liebte es, zu baden. Im Wasser lag er ganz ruhig und entspannt und sah mich mit großen Augen an, oder er plantschte so herum, dass das ganze Zimmer unter Wasser stand.

Die Nächte hingegen entpuppten sich als sehr anstrengend. Jan schlief selten länger als eine Stunde und weinte viel. Auch am Tag wollte keine rechte Ruhe einkehren. Ich schob es auf die komplizierte Geburt und hoffte, das würde sich mit der Zeit geben, doch es gab sich nicht. Im Gegenteil, Tage und Nächte verschwammen ineinander. Oft legte ich eine Platte von James Taylor auf und marschierte, Jan im Tragegurt, stundenlang im Zimmer auf und ab, bis er endlich einschlief. Eine ganze Weile trugen mich die Hormone der Mutterschaft über das Gefühl der Erschöpfung hinweg, doch irgendwann forderte der Schlafmangel seinen Tribut. Jan ließ sich von niemand anderem außer mir beruhigen, er schrie und weinte stundenlang. Bald empfand ich das Muttersein als einengend, ich kam ich mir vor wie in einem Gefängnis. Konnte weder duschen noch in Ruhe essen, an Schlaf war nicht zu denken. Natürlich gab es in unserer neuen Dreisamkeit auch glückliche Stunden. Solange es nicht ums Einschlafen oder Essen ging, hatten wir viel Spaß miteinander. Friedvolle, lustige Nachtmittage im Tiergarten entschädigten die schlaflosen Nächte und Johann als Hobbyfotograf machte wundervolle Fotos. Überhaupt konnte er Jan immer so herrlich zum Lachen bringen. Diese Zeiten genossen wir sehr. Allerdings zehrten Jans Schreiattacken immer mehr an meinen Nerven, gruben sich in meine Gedanken ein und machten mich hilflos. Warum gelang es mir nicht, mein Kind glücklich zu machen? Was fehlte ihm? Ich begann, Bücher zu lesen. All jene schlauen Baby-Ratgeber, die es auch Mitte der 80er Jahre schon gab. Doch ganz gleich, was ich versuchte, Jan weinte weiter. Er schien unglücklich zu sein mit dieser Welt, in die er gekommen war, und es gab nichts, was ich dagegen tun konnte.

Nach einer Weile fühlte ich mich wie eingezwängt. Meine Schuldgefühle wuchsen, vor allem, weil ich mich dafür schämte, wie wütend mich sein Geschrei manchmal machte. Der Impuls, ihn einfach in seine Wiege zu legen und davonzulaufen, nur um eine Pause zu haben, wurde in manchen Nächten fast übermächtig. Trotzdem tat ich es nie. Niemand spricht gerne über die Aggressionen, die junge Mütter gegenüber ihren Kindern empfinden. Mütter haben glücklich zu sein und zu lächeln, so will es die öffentliche Wahrnehmung. Ich war glücklich. Aber eben auch sehr erschöpft. Die Zerrbilder der immer lächelnden Mütter, die selig ihre Kinderwagen mit schlafenden Kindern darin herum schoben, machten mich wütend und traurig zugleich. Warum empfand ich nicht so wie sie?

Jans Vater unterstützte mich großartig und war sehr einfühlsam, doch nach drei Monaten intensiven Bemühens hinterließ Jans Weinen Spuren in unserer Beziehung. Wir stritten immer häufiger. Ich gereizt, nah am Wasser gebaut und Johann intensiv damit beschäftigt seinen Taxischein zu machen. In spirituellen Selbstfindungskursen, unter anderem bei einem Indianer, suchte ich nach innerer Freiheit und Antworten auf Fragen nach dem Sinn des Lebens. Kleine Inseln der Entspannung, kurze Auszeiten, die mich durchhalten ließen. Westberlin, jene pulsierende, großartige Stadt, fühlte sich nicht mehr richtig an. Zu groß, zu laut, zu unbequem war sie. Manchmal fragte ich mich, ob Jans Unwohlsein eine Folge von Tschernobyl sein könnte. Irgendeine Erklärung musste es doch geben! Doch so sehr ich auch suchte, es gab keine Antwort. Nicht wie alle anderen Kinder, sondern rückwärts lernte Jan das Krabbeln. Ich fand das gleichzeitig entzückend und seltsam. Mein Sohn war eben etwas Besonderes.

Als Jan ein Jahr alt war, beendeten sein Vater und ich unsere Beziehung. Ich verließ Berlin mit einigen Koffern, Jan auf dem Rücksitz und kehrte zurück in meine Heimatstadt bei Osnabrück.

Wir vereinbarten, dass es vorerst nur eine räumliche Trennung sein sollte, doch der Riss in unserer Beziehung war schon damals nicht mehr zu kitten. Ein Ende stand unmittelbar bevor. In unserem Ort eröffnete ich mit meiner Schwester ein Fitnessstudio, zu jener Zeit noch eine echte Novität.

Hatte ich immer gehofft, dass das Leben mit Jans älter werden einfacher würde, so zeigte sich bald, dass es zwar anders, aber nicht besser wurde. Jan hatte einen starken Bewegungsdrang und man konnte ihn keine Sekunde aus den Augen lassen. Auf Festhalten oder Zwang, reagierte er wütend und trotzig. Es war unvorstellbar, dass er sich auch nur für kurze Zeit mit sich selbst beschäftigte.

Die neue Selbstständigkeit forderte viele Ressourcen, doch ich konnte Jan so gut wie nie bei meiner Mutter oder anderen Personen lassen, auch nicht für eine kurze Zeit. Nur wenn er bei mir war, am liebsten auf meinem Arm, wirkte er zufrieden. Einige Wochen nach unserer Rückkehr ging ich auf dem Zahnfleisch, doch dann meinte das Schicksal es gut mit mir und brachte Edith in unser Leben. Edith war eine herzliche ältere Dame, die gleich mehrere Kinder großgezogen hatte und sich bestens auf sie verstand. Sie wurde Jans Tagesmutter und mir erschien sie wie ein Geschenk des Himmels. Sie schloss Jan vom ersten Augenblick an in ihr Herz und behandelte ihn wie einen Familienangehörigen. Jan fühlte sich bei ihr wohl und ich konnte mich auf meinen Beruf konzentrieren. Eine Weile schien es fast, als sei alles in Ordnung.

Jans Vater besuchte ihn regelmäßig und ich lernte meinen neuen Partner Martin kennen, den ich, mit meinem zweiten Sohn Johannes schwanger, 1993 heiratete. Jan wurde drei Jahre alt und sollte wie alle Kinder in dem Alter in den Kindergarten gehen. Wenn Jan eines hasste, dann waren es Veränderungen und an den Kindergarten wollte er sich ganz und gar nicht gewöhnen. Er weinte, protestierte und wehrte sich mit Händen und Füßen. Stundenlang ging das so. Er klammerte sich an mich und wirkte völlig verzweifelt. Nach einigen Wochen gaben wir es auf und ich entschied, die Aufnahme in den Kindergarten noch ein wenig zu verschieben.

Sechs Monate später ließ sich Jan zwar beruhigen, doch es zeigten sich bald schon die ersten Schwierigkeiten. Jan war anderen Kindern gegenüber oft aggressiv, reagierte unverhältnismäßig ablehnend auf Anforderungen und verweigerte das Miteinander. Manchmal kam es sogar zu körperlichen Übergriffen auf andere Kinder. Die Erzieherin, eine uns sehr wohlgesonnene Frau, sprach mich darauf an. Starke Schuldgefühle überkamen mich. Hatte ich von Jan zu viel verlangt? War ich zu sehr mit dem Aufbau des Fitnessstudios beschäftigt gewesen? Warum verhielt Jan sich so?

Schon damals zeigte sich, dass Jan große Schwierigkeiten hatte, sich zu konzentrieren. Wenn andere Kinder malten oder puzzelten und sich mit sich selbst beschäftigten, so war Jan nicht zu motivieren es ihnen gleich zu tun. Er brauchte ständige Begleitung, Ansprache und Aufmerksamkeit. Auf Anforderungen wie Teller wegräumen oder Tisch abwischen reagierte er mit Ablehnung und Trotz. Dramatische Szenen, bei denen er sich auf den Boden warf und schrie wie am Spieß, kamen häufig vor. Meistens half es nur, ihn einfach hochzuheben und wegzutragen, wogegen er sich ebenfalls heftig wehrte. Wenn ich mir heute die Kinderfotos von Jan aus dieser Zeit ansehe, dann blickt mir kein wirklich glückliches Kind entgegen. In diesem Alter sind Kinder für gewöhnlich fröhlich, neugierig und mit sich und der Welt zufrieden. Auf Jans Kindergesicht hingegen lag damals schon ein Schatten, ein Ausdruck von unglaublicher Traurigkeit. Er wirkte verloren und verängstigt, fühlte sich nicht richtig in dieser Welt, deren Regeln er nicht verstand. Natürlich merkte auch Jan, dass er anders war, fand jedoch keinen Weg, dieses andere auszudrücken. Die Einsamkeit, die ihn in jenen Jahren schon erfüllt haben musste, treibt mir heute noch die Tränen in die Augen.

Jan fiel es schwer, Anschluss zu finden. Freunde hatte er so gut wie keine, und wann immer ich ihn abholte, war er alleine oder bei den Erzieherinnen. Mir brach es das Herz, aber ich glaubte fest daran, dass es nur Anpassungsschwierigkeiten waren. In den Büchern, die ich mir gekauft hatte, stand, dass das bei Frühchen gar nicht so selten vorkomme.

Für mich war das eine schwierige Zeit und meine Heimat eine Kleinstadt, in der die Leute gerne redeten. Meine ältere Schwester, mit der ich zu jener Zeit in einem Haus lebte, redete mir ins Gewissen: »Du musst dich mehr mit deinem Jungen beschäftigen. « Oder: »Willst du dir nicht mal professionelle Hilfe holen? « Die Schuldgefühle in meinem Inneren zermürbten mich. War ich eine schlechte Mutter? Hinzu kam, dass ich damals auch erst Mitte 20, also jung war, und noch etwas erleben wollte. Doch Jans Anhänglichkeit ließ mir keine Chance, ihn auch nur für einen Abend woanders zu lassen. Manchmal übernahm meine Schwester den Job des Babysitters, wodurch ein wenig Luftholen möglich war. Jan und ich, wir waren miteinander verschweißt, doch glücklich? Auf einer Skala von eins bis zehn verweilten wir vielleicht bei vier.

Auch mein Mann verlangte von mir, Jan gegenüber konsequenter zu sein. Jan schlief am liebsten bei mir im Bett. Für mich kein Problem, da wir beide dann mehr Schlaf bekamen und ich nicht raus musste. Doch Martin blieb stur bei seiner Forderung, dass Jan in seinem eigenen Bett schlafen sollte. Er müsse das lernen, meinte er. Das führte zu häufigen Streitereien zwischen Martin und mir und zu vielen Nächten, in denen Jan starrköpfig im Schlafanzug in unserer Tür saß und dagegen protestierte, aus meinem Bett verbannt worden zu sein.

»Du verwöhnst den Jungen«, sagte Martin.

»Du musst strenger zu ihm sein«, verlangte meine Mutter.

Alle gaben mir gute Ratschläge, und so sehr ich mir wünschte, dass das Leben mit Jan leichter wurde, hörte ich tief in mir eine Stimme, die mir sagte, dass sein Verhalten keine Folge von Aufsässigkeit war. Jan konnte nicht anders. Etwas fehlte ihm und es gelang mir einfach nicht, herauszufinden, was es war. Nächtelang lag ich wach und meine Gedanken drehten sich im Kreis.

Versuchte ich Jan gegenüber Strenge an den Tag zu legen, so ertrug ich es nicht ihn leiden zu sehen. Wenn mein kleiner Prinz weinte, verspürte ich körperliche Schmerzen. Manchmal kam es mir so vor, als seien wir noch immer durch die Nabelschnur miteinander verbunden.

»Du lässt dich von deinem Kind manipulieren«, warfen mir einige vor. »Eure Beziehung ist viel zu eng. Der Junge braucht Grenzen. Setze ihn doch einfach in sein Bett und lass ihn schreien, dann versteht er schon irgendwann, dass er nicht immer seinen Willen bekommt. «

Eine furchtbare Vorstellung. Niemals hätte ich Jan das angetan. Zu jener Zeit, Ende der 80er Jahre, war der Konflikt zwischen antiautoritärer und konservativer Erziehung noch sehr lebendig. Es gab unzählige Literatur dazu, die noch ergänzt wurde durch viele Bücher über alternative Heilmethoden und ganzheitliche Ansätze. Ich spürte, dass die Seele meines Kindes litt und konnte doch nicht benennen, wodurch dieses Leid verursacht wurde.

Um Jan zur helfen, begann ich eine Kinesiologie-Ausbildung und beschäftigte mich mit verschiedenen alternativen Heilmethoden, um Jan über die Entwicklungsschwierigkeiten hinwegzuhelfen.

Manchmal redete ich mir ein, es würde durch eine dieser Methoden besser werden, doch am Ende blieb es wie es war. Irgendwann zu jener Zeit, zwischen seinem dritten und fünften Lebensjahr, beschlich mich eine unbehagliche Ahnung, die sich in den folgenden Jahren auch bestätigte: Mit meinem Kind stimmte etwas ganz und gar nicht. Ohne dass ich hätte festmachen können, woran es lag. Etwas, das keinen Namen hat, dass man nicht auflösen oder bekämpfen kann. Sein Problem wurde zum Elefanten im Raum, den alle wahrnahmen, über den jedoch keiner sprach.

Als Jan fünf Jahre alt war, ließ ich ihn für fünf Tage bei meinem Mann und fuhr mit meiner Schwester auf einen Segeltörn. Diese Tage waren als Erholung gedacht und obgleich alles wunderbar war, nahm ich nur die unglaubliche Sehnsucht nach meinem Kind in mir wahr. Jan brauchte mich, das konnte ich deutlich fühlen, auch über all die Kilometer hinweg. Kaum legten wir an, raste ich mit dem Auto in Richtung Heimat, um ihn so schnell wie möglich wieder in die Arme schließen zu können. Zwischen Jan und