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Der Titel führt zurück auf eine etwas abwertende Redewendung, die zu Beginn meiner Fahrtzeit unter Seeleuten in der Mannschaftsmesse, bei der Begrüßung eines neuen Besatzungsmitglieds, oftmals üblich war. Ausgedrückt werden sollte dadurch Folgendes: An Land konnten wir nichts werden, nun wollen wir es hier mal versuchen. Der Spruch wurde gelegentlich noch etwas erweitert. Diesen Teil möchte ich an dieser Stelle jedoch nicht zitieren. Alles war als Scherz gedacht und nicht böse gemeint.
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Seitenzahl: 918
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Wenn man wie ich heute, nach 42 Jahren Seefahrtzeit, an Land geblieben und zum Rentner geworden ist und auch noch im Binnenland wohnt, dann kommen gelegentlich Erinnerungen auf an jene, nicht immer nur schöne, jedoch meist interessante Zeit. Hin und wieder, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt, die Stimmung danach ist und die richtigen Leute zusammen sind, lasse ich mich dazu verleiten und erzähle erlebte Geschichten. Manchmal werde ich dann auch heute noch gefragt, wie ein Junge aus Ochtendung, meinem Heimatdorf in der Vordereifel, dazu kommt zur See fahren zu wollen? Doch bevor ich mich dieser Frage widme muss ich etwas über die Geographie meiner Heimat erklären. Die Gegend, in der unser Ochtendung liegt, zur Vordereifel zu zählen war zu jener Zeit, jedenfalls nach Meinung der meisten Dorfbewohner, eine abwertende Unterstellung. Niemand wollte damals zur Eifel gehören. Die fing nämlich erst hinter Mayen an. Die Landschaft, in der unser Ochtendung liegt, ist das Maifeld. Eine Zugehörigkeit zur Eifel stand nie zur Diskussion. Das musste zu Beginn meiner Erzählung erst einmal klargestellt werden.
Wie bin ich damals zur Seefahrt gekommen? Um das einleuchtend schildern zu können, muss ich etwas weiter zurückgreifen. Mein Vater ist 1942 im Krieg in Russland gefallen. Von da an lebte ich mit meiner Mutter alleine. Als ich 10 Jahre alt war, kam ich auf das Goerres Gymnasium nach Koblenz und war dort auch ziemlich zufrieden. Irgendwann wollte meine Mutter zurück in ihre Heimat. Sie war Elsässerin und stammte aus Oberhofen, einem Dorf bei Hagenau. Hier lebten alle unsere Verwandten von Mutters Seite. Wir waren während des Krieges häufiger dort zu Besuch gewesen, auch für längere Zeit, 1942 sogar fast ein ganzes Jahr. Während dieser Zeit bin ich in Oberhofen zur Schule gegangen und konnte seither dadurch auch den elsässischen Dialekt perfekt sprechen.
Es war ein kalter Tag als wir am 27. November 1947 in Kapsweyer ankamen, der letzten Bahnstation auf deutschem Boden. Hier endete der Zug. In der Nacht war der erste Schnee gefallen. Bis nach Wissembourg, dem nächsten französischen Grenzort, waren es noch etwa fünf Kilometer. Es blieb uns nichts anderes übrig, wir mussten den Weg zu Fuß zurücklegen und ein jeder von uns hatte dabei auch noch einen ziemlich schweren Koffer zu tragen. Ich weiß es nicht mehr, wie lange wir unterwegs waren. Es begann bereits dunkel zu werden, als wir ziemlich erschöpft, aber auch erleichtert, endlich vor dem Wachhaus der französischen Douane in Wissembourg standen. Der Marsch war eine einzige Tortur für uns gewesen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich es noch nicht, doch sollte ich in diesem Zollhaus bald die bis dahin größte Enttäuschung meines noch so jungen Lebens durch die Habgier und Niederträchtigkeit erwachsener Menschen erfahren.
Seit der Zeit, als ich zum Gymnasium in Koblenz gekommen war, hatte ich eifrig und mit großer Hingabe Briefmarken gesammelt. Zwei Alben hatte ich fast voll. Darunter waren einige komplette Sätze wie z. B. Adolf Hitler, Hindenburg, gestempelt und druckfrisch, die ersten Nachkriegsmarken, viele Sondermarken aber auch wunderschöne komplette Ausgaben von Briefmarken aus den ehemaligen Kolonien in Afrika. Meine Sammelleidenschaft und mein ganzes Taschengeld hatte ich dort hineingesteckt. Zu der Zeit konnte man fürs Geld nur recht wenig kaufen, doch Briefmarken gab es. Ich kannte in Koblenz einen kleinen Laden, in dem ich meine Marken bekommen konnte. Da ich auch von unserer Verwandtschaft aus dem Elsass öfter kleine Zuwendungen erhalten hatte, wollte ich denen gerne meine Briefmarkensammlung zeigen, damit sie sehen konnten, was ich mit ihren Beihilfen gemacht hatte. Doch daraus wurde nichts. Beim Durchwühlen unserer bescheidenen Habe fanden die beiden französischen Zöllner in meinem Koffer natürlich auch die beiden Alben, wurden daraufhin plötzlich sehr dienstlich und setzten strenge Mienen auf. Ich habe heute noch den entsetzten, ungläubigen Blick meiner Mutter vor Augen, sie konnte nicht glauben, was da geschah. Die beiden Beamten berührte das nicht, sie zeigten noch nicht einmal etwas von Scham, als sie uns kurz erklärten, dass sie die Briefmarkensammlung beschlagnahmen müssten. Es war nicht die Art meiner Mutter sich nun aufs Bitten zu verlegen. Dafür war sie zu stolz. Es hätte wohl auch nichts genutzt. Ich war so sehr verstört, dass ich zu dem Geschehen noch nicht einmal etwas sagen konnte. Mehr noch, das Land in das wir gerade einwandern wollten, war mir durch das gerade erlebte Ereignis verleidet worden, und ich hatte danach im Unterbewusstsein wohl schon beschlossen, hier nicht zu bleiben Wortlos packten wir unsere Sachen zusammen und ohne die beiden gewissenlosen Gesellen noch eines Blickes zu würdigen verließen wir die Zollkontrolle und machten uns auf den Weg zu Madame Steffner. Madame Steffner hatte vor und während des Krieges in Oberhofen ein kleines Einzelhandelsgeschäft geführt. Nun wohnte sie in Wissembourg in der Rue de la Gare. Bei ihr, so war es abgesprochen, sollten uns Tante Wies und Onkel Hem abholen.
Im Elsass wohnten wir bei meiner Oma. Eigentlich waren wir dorthin gekommen um für immer zu bleiben. Doch es kam anders. Ich konnte dort nicht weiter das Gymnasium besuchen. Meine französischen Sprachkenntnisse reichten dafür nicht aus. Folglich ging ich in Oberhoffen, so hieß das Dorf jetzt nachdem es wieder französisch war, wieder zur Volksschule. Dort hatte ich einen Lehrer, Monsieur Brouderer, der sich sehr gut um mich kümmerte und mir in der ersten Zeit über so manche Schwierigkeit hinweggeholfen hat, denn auch hier wurde nur französisch gesprochen. Dank seiner Hilfe kam ich nach verhältnismäßig kurzer Zeit in meiner Klasse gut zurecht. Obwohl ich nun mal ein Schwob war, hatte ich genügend Freunde, mit denen ich auch außerhalb der Schule viel zusammen war. Ich gehörte dazu. Doch ich hatte Heimweh nach Ochtendung. Um mir etwas Gutes zu tun, bekam ich zu Weihnachten einen Fußball geschenkt. Einen Lederball zum Schnüren mit Gummiblase und echter Lederhülle. Die Verwandtschaft hatte dafür zusammengelegt, Onkel Hem seinen Fischerfond angezapft. Wenn man gehofft hatte der neue Ball würde mich mit meiner Lage etwas versöhnen und mir den Aufenthalt im Elsass schmackhafter machen, so hatten sich alle getäuscht. Das für mich so wertvolle Geschenk bewirkte bei mir eher Gegenteiliges. Ich hatte einen richtigen ledernen Fußball, wie ihn zu diesem Zeitpunkt bei uns zu Hause noch nicht einmal der SV Ochtendung vorzuweisen hatte. Wenn ich damit nach Ochtendung kommen könnte?
Im Januar wurde ich krank, bekam hohes Fieber. Meine Mutter erzählte mir später ich habe im Fiebertraum phantasiert und dauernd von Ochtendung gesprochen. Das war auch für sie zu viel. In ihr reifte der Entschluss, mit mir wieder nach Hause zurück zu kehren. Am 24. Februar 1948 reisten wir wieder aus und kehrten zurück ins damals, im Vergleich mit Oberhoffen, viel ärmere Ochtendung. Zum Glück hatte meine Mutter vor unserer Abreise die Wohnung bei meinem Großvater nicht aufgegeben, wohl, weil sie nicht wusste, wohin mit den Möbeln, vielleicht aber ein bisschen auch, weil sie sich selbst nicht sicher war ob unser Umzug ins Elsass wirklich von Dauer sein würde.
Ich wurde sogar wieder ins Gymnasium aufgenommen und dort noch nicht einmal zurückgestuft. Allerdings kam ich nicht zu meinen alten Mitschülern, sondern in eine Parallelklasse. Das gefiel mir überhaupt nicht und deshalb machte ich es auch nur eine Weile mit. Jeden Morgen um 7:00 Uhr fuhr ich, im überfüllten, für den Personenverkehr ausgebauten Güterwaggon nach Koblenz und abends um 5:00 Uhr erst wieder zurück – oder, wie wir es regelmäßig machten, nach Schulende um 13:00 Uhr zu Fuß bis zur Kapelle Maria-Hilf in Koblenz-Lützel, ein Weg von etwa 5 Kilometern. Dort kam jeden Tag das Milchauto aus unserem Nachbardorf Bassenheim vorbei. Mit dem konnten wir hinten auf der Ladefläche, auf den leeren Milchkannen sitzend, bis Bassenheim mitfahren. Von dort waren es dann noch einmal 5 Kilometer, die wir laufen mussten, bis wir endlich zu Hause waren. Zugegeben, das war auch schon so gewesen, bevor wir ins Elsass gefahren waren und ich hatte es ohne Murren ertragen. Doch nun war eine völlig andere Situation eingetreten, ich war nicht mehr in meiner alten Klasse und in der neuen gefiel es mir nicht. Hinzu kam noch, dass meine Freunde im Dorf ziemlich unregelmäßig zur Schule mussten und dann auch noch nur ausgerüstet mit einem Bleistift, einem Blatt Papier oder höchstens mit einem alten Heft. Von alldem war ich sehr beeindruckt.
Selbst unser Rektor, der uns gegenüber wohnte, sprach mich an und wollte mich dazu bewegen weiterhin aufs Gymnasium zu gehen. Doch ich blieb stur und ließ mich nicht umstimmen. Schließlich willigte auch meine Mutter ein und ich kam zurück zur Volksschule. Die ersten Tage wurde ich vom Lehrer gar nicht wahr genommen. Wenn ich mich meldete, wurde ich nicht beachtet. Doch irgendwann hat wohl auch er eingesehen, dass ich zu seiner Klasse gehörte. Ab da war ich wieder in der Volksschule aufgenommen.
Die Zeit verging. Das Ende der Volksschulzeit nahte. Wieder war es unser Rektor, der sich an meine Mutter wandte und vorschlug, ich solle nach der Schulentlassung das Aufbaugymnasium in Münstermaifeld besuchen. Das war eine Schule mit Internat. Er meinte es wirklich gut mit mir und auch mit meiner Mutter. Doch ich wollte nicht. Meine Mutter meinte zu mir: „Ich melde dich dort trotzdem mal an, du kannst es Dir später vielleicht noch einmal überlegen“. Ich dagegen wollte nach der Schule ein Handwerk erlernen, hatte jedoch keinerlei Vorstellungen, was überhaupt. Eine Lehrstelle war auch nicht in Sicht. Bei einer Berufsberatung in der Schule, die draußen auf dem Treppenabsatz vor dem Klassenzimmer abgehalten wurde, fragten mich die beiden Berater, was ich denn werden wolle. Da in unserer Familie der Beruf des Maurers vorherrschend war, antwortete ich kurz und knapp: „Maurer“. Daraufhin musste ich den Beiden meine Hände vorzeigen. Die Begutachtung fiel für mich vernichtend aus. „Was, mit solchen schlanken Händen willst Du Maurer werden? Das ist völlig unmöglich“. Da hatte ich den schlimmen Verdacht, dass dies ein abgekartetes Spiel war, das hier mit mir getrieben wurde. Angezettelt und gut gemeint, wahrscheinlich von unserem Rektor.
Meine Mutter hatte nach unserer Rückkehr aus dem Elsass wieder geheiratet. Kurz vor meiner Schulentlassung starb sie bei der Geburt meines Bruders Günter. Als für mich die Entscheidung, ob ich weiter zur Schule gehen sollte, näher rückte - die Aufnahmeprüfung hatte ich inzwischen auch absolviert - meinte meine Verwandtschaft: „Es war der letzte Wunsch Deiner Mutter, dass Du weiter zur Schule gehst und – du sollst es einmal besser haben als wir.“ Ich alleine wusste zwar, wie es zu meiner Anmeldung gekommen war, trotzdem hatte ich in meiner damaligen Situation den Argumenten nichts entgegen zu setzen. Ich musste sogar froh sein, weiter zur Schule gehen zu können, denn ich hatte weder eine Lehrstelle noch irgendeine Vorstellung, welche berufliche Richtung ich hätte einschlagen können. So kam ich Anfang September 1950 zum Staatlichen Aufbaugymnasium, vormals Staatliches Pädagogium, einer Schule mit Internat, nach Münstermaifeld, in die Untertertia.
Eine Klasse über uns gab es einen Mitschüler namens Hannes Seibelt. Er kam aus Kruft, einem Nachbarort von Ochtendung. Seine Klassenkameraden nannten ihn nur den Seemann. Schon durch seine Kleidung fiel er auf. Er trug blaue Hosen mit einem breiten Schlag in den Beinen und gab sich auch wie ein Seemann oder wie er zumindest glaubte, dass sich ein solcher geben müsse. Wenn wir abends im kleinen Kreis hinter dem Toilettenhäuschen heimlich unsere Zigarette rauchten, schwärmte er von der Seefahrt und ließ uns wissen, dass er Seemann werden wolle. Er wusste auch wohin er sich wenden musste, um seinen Wunsch zu verwirklichen und zeigte mir Werbeschriften von einer Schiffsjungenschule Schleswig-Holstein, auf dem Priwall in Travemünde. So kam auch ich auf diese Idee und beide beschlossen wir, uns für einen dreimonatigen Lehrgang an der Schiffsjungenschule anzumelden. Dazu benötigten wir jedoch eine Einwilligungserklärung der Eltern. In meinem Fall die des gesetzlichen Vertreters und der war mein Onkel Schang. Ihm habe ich damals eine große Enttäuschung bereitet. Nicht einmal so sehr, weil ich von der Schule abgehen und den Seemannsberuf ergreifen wollte, was ja schon weit über sein Vorstellungsvermögen hinausging, nein, vielmehr noch, weil er von meiner Absicht erst durch die Mutter eines anderen Mitschülers erfahren hatte. Wir mussten darüber lange und tiefgreifende Gespräche führen. Am 1. April 1953 ging ich mit der Mittleren Reife von der Schule ab. Auf meinem Zeugnis stand, versetzt nach Obersekunda. Als ich mich an meinem letzten Tag in der Schule von meinen Lehrern und Mitschülern verabschiedet hatte und vom Schulhof ging, begegneten mir draußen noch unser Hausmeister Herr Kneip und unser Musiklehrer. Herr Kneip sagte, nachdem ich auch diesen beiden auf Wiedersehen gesagt hatte: „Zäck, dann geh mit Gott!“ und der Musiklehrer fügte grinsend hinzu: „Aber geh!“. Der Lehrgang an der Schiffsjungenschule sollte erst am 29. Oktober beginnen. Für die Zeit bis dahin verschaffte mir mein Onkel Arbeit im Steinbruch, in dem er die Position des Sprengmeisters inne hatte. Mit Schulgeld für den Lehrgang und Kosten für die vorgeschriebene Ausrüstung musste ich rund 1000,-DM aufbringen. Die mussten erst einmal verdient werden. Während meiner Zeit im Steinbruch habe ich von meinem Mitschüler Hannes nichts mehr gehört.
Am 29. Oktober war es dann soweit. Mit zwei Koffern schwer bepackt stand ich am Bahnhof von Andernach, um nach Travemünde zu fahren. Hannes war, wie ich schon geahnt hatte, nicht da. Von ihm habe ich auch später nie mehr etwas gehört. Ich weiß auch nicht ob er jemals zur See gefahren ist. Eher nehme ich an, dass sein Vater, er soll Küster in dem Dorf gewesen sein, ihm die Flausen, Seemann zu werden, ausgetrieben hat und er schließlich doch noch einen ordentlichen Beruf erlernte. Für mich gab es jedoch keinen Weg zurück. Bei der Verabschiedung von meinen Arbeitskollegen hatten einige höhnisch gegrinst und gemeint: „In vier Wochen bist du spätestens wieder hier“. Den Gefallen wollte ich niemandem erweisen.
In der Seemannsschule fühlte ich mich vom ersten Tag an wohl. Es wurde eine sehr schöne Zeit. Wir waren dort 90 Mann, zusammengekommen aus den verschiedensten Teilen Westdeutschlands. Einige wenige waren schon als Moses auf einem Schiff gefahren. Sie wurden von uns Binnenländlern etwas neidisch bewundert und genossen das auch. Auch die Leute die von der Küste kamen, hatten uns einiges voraus und wenn es nur der Slang ihrer Sprache war. Unsere Vorgesetzten waren ein Kapitän und Steuerleute, die alle noch auf Großseglern gefahren waren und auch während des Krieges in der Marine gedient hatten. Aus dieser Tradition heraus wurden wir, wie auf Großseglern üblich, in drei Wachen eingeteilt, in die Backbord-, Steuerbord- und Mittschiffswache. Zweimal in der Woche pullten1 wir mit den schweren Rettungsbooten vom Priwall über die Pötenitzer Wiek hinaus auf die Trave zur “Passat“.
Die Kammergenossen und Kumpels auf dem Priwall.
Das Segelschiff, neben der “Pamir“, die in Hamburg lag, der letzte Großsegler aus der ehemals stolzen Flotte der Flying P Liner der Reederei F. Laeisz, lag dort damals noch voll ausgerüstet auf der Reede vor Anker und wartete darauf wieder in Fahrt zu kommen. Hier turnten wir in den Masten herum, lernten die Takelage kennen und übten uns im Setzen einiger Segel, oder der alte Segelmacher versuchte uns mit Nadel und Segelgarn das Segelnähen beizubringen. Auch der Umgang mit Tauwerk wie Knoten und Spleißen wurde uns auf diese Weise beigebracht. Viel zu schnell verging diese Zeit. Am 29.1.1954 endete der Lehrgang an der Schiffsjungenschule in Travemünde und wir wurden zu je zehn Mann auf verschiedene Seemannsheime verteilt. Ich kam, mit noch neun anderen Kollegen, zum Deutschen Seemannsheim nach Hamburg Altona in der Großen Elbstraße. Von den sieben Schlafraumgenossen, mit denen ich unsere Stube geteilt hatte, war leider keiner dabei. Hatte ich bis dahin mir nur recht wenige Gedanken über meine Zukunft gemacht, so war in meinen Vorstellungen inzwischen ein klares Berufsziel gewachsen: Ich wollte Kapitän werden und zwar Kapitän auf Großer Fahrt. Natürlich wollten wir alle unsere Karriere sofort auf einem schönen, möglichst großen Schiff in weltweiter Fahrt beginnen, doch hatte die Leitung des Seemannsheims zunächst etwas dagegen. Bei unserer Einweisung wurde uns mitgeteilt, dass wir nicht zur Heuerstelle des Verbandes Deutscher Reeder, damals noch am Baumwall, gehen dürften, sondern uns am nächsten Morgen bei der Heuerstelle des Verbandes der deutschen Küstenschifffahrt zu melden hätten. Unsere Proteste dagegen blieben unerhört. Im Gegenteil, uns wurde mit Rauswurf aus dem Seemannsheim gedroht, sollten wir es wagen, gegen diese Anordnung zu verstoßen. Um den Ernst der Lage zu unterstreichen, wurde am darauf folgenden Tag gleich ein Exempel statuiert. Einer aus unserer Gruppe, ein Berliner, ausgestattet mit der so oft diesen Menschen nachgesagten großen Schnauze, wollte sich nicht daran halten und meldete sich bei der großen Heuerstelle an. Er konnte noch am gleichen Abend wieder nach Hause fahren. Ob damit seine Seefahrer Karriere bereits beendet war, habe ich nie erfahren. Wir, die übrig gebliebenen neun, hielten uns danach an die Regeln und saßen fortan brav im Warteraum der Heuerstelle für die Kleine Fahrt, beim Vermittler Hein Heithoff. Damit es wenigstens unter uns gerecht zugehen sollte, hatten wir die Reihenfolge der Vermittlung ausgelost. Demnach wäre ich als fünfter dran gewesen. Doch auch hierbei kam alles ganz anders. Es war wohl der zweite oder dritte Tag, den wir bei Hein Heithoff herumsaßen, als der Vermittler mit einem Kümo2-Steuermann aus seinem Büro kam, der nach einem Schiffsjungen suchte. Wie unter uns abgemacht meldete sich Hans, er hatte die Nummer eins gezogen. Doch das scherte den Steuermann überhaupt nicht. Hans war von uns der Kleinste und offensichtlich wollte er den nicht haben. Er machte uns auch sofort klar, dass er derjenige war, der hier bestimmte wen er haben wolle und zeigte auch sofort auf den Kräftigsten von uns. Das war Werner. Werner hatte noch einen Vorteil, er kam von der Küste und konnte sogar Platt schnacken, in der Kümo Fahrt damals eine ziemlich wichtige Fähigkeit. Fast wäre Werner angeheuert worden doch bei der weiteren Befragung stellte sich heraus, dass er kein Bettzeug dabei hatte und es auch nicht rechtzeitig herbeischaffen konnte. Deshalb konnte er nicht angenommen werden und darum fiel die zweite Wahl auf mich. Ja, ich hatte Bettzeug dabei, sogar ein richtiges Plumeau3, das mir Tante Gerda unbedingt mitgeben musste, damit ich es auf der rauen See immer schön warm haben sollte. Der Heuerbaas füllte die erste Seite in meinem neuen Seefahrtbuch aus und gab es dem Steuermann. Das Schiff MS “Krautsand“ liege im Segelschiff Hafen Schuppen 42. Ich solle am Nachmittag dort anmustern. Ob ich Geld für die Straßenbahn haben wolle zeigte sich der Steuermann großzügig. Ich lehnte stolz ab, denn ich hatte noch ein paar Mark in der Tasche. Mit der Straßenbahn solle ich bis zur Veddel fahren, von da wäre es nicht mehr weit bis zum Liegeplatz. Nach dieser letzten Anweisung machte der Steuermann sich eiligst wieder auf den Weg. Er hatte noch andere Besorgungen zu machen. Ich verabschiedete mich von meinen Priwall Kameraden und machte mich auf den Weg zurück ins Seemannsheim. Dort brauchte ich nicht lange, um meine Sachen zusammen zu packen und um die Abreiseformalitäten zu erledigen. Mit der Straßenbahn, bepackt mit einem Koffer und meinem neuen, unter Anleitung des Segelmachers von der “Passat“ selbst genähten Seesack, in dem nun auch mein Plumeau verstaut war, fuhr ich in Richtung Veddel. Unterwegs kamen mir so einige Gedanken in den Sinn. Was wäre gewesen, wenn wir damals nicht hätten ins Elsass auswandern wollen und man mir nicht meine Briefmarkensammlung abgenommen hätte. Wahrscheinlich wäre ich dann auf dem Gymnasium geblieben und mein Leben hätte wohl eine ganz andere Richtung genommen. Ja, sogar dann noch als ich wieder in Koblenz zur Schule ging und man mich da in meine alte Klasse aufgenommen hätte, wäre das wohl noch möglich gewesen. Aber es hatte diese Störungen in meinem Leben nun mal gegeben und jetzt war ich auf dem Weg zu meinem ersten Schiff. Irgendwann würde es auch von mir heißen: „Zuletzt wurde er im Hafen gesehen“. Den Ausdruck kannte ich zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht, doch sollte ich ihn im Kreise von Kollegen an Bord noch oft genug hören auch schon mal verbunden mit der Frage: „Sag mal, hättest du nicht auch einen ordentlichen Beruf erlernen können?“ Als ich auf der Veddel ausstieg, traf ich an der Haltestelle auf zwei jung Männer, sie schienen auf mich zu warten. Einer davon fragte mich: „Bist du der neue Moses?“ Ohne weiter darüber nachzudenken antwortete ich: „Ja der bin ich“ und sofort nahm einer der beiden mir den Koffer ab und der zweite fasste mit an am anderen Ende meines Seesacks. So marschierten wir in Richtung Segelschiffhafen. Als wir am Liegeplatz ankamen lag da ein Schiff, viel größer als ich erwartet hatte und schneeweiß. Spätestens da hätte ich Verdacht schöpfen müssen. Aber ich war so unerfahren und unbedarft, dass ich es nicht merkte. Ich war auf dem falschen Dampfer. Das klärte sich erst, als ich bereits an Bord war und der dritte Offizier dazu kam. Er kannte nämlich den neuen Moses auf den meine beiden freundlichen Helfer an der Haltestelle gewartet hatten und war sehr erstaunt, hier nun ein fremdes Gesicht zu sehen. Das Schiff, auf dem ich stand, war kein Kümo, sondern ein Kühlschiff oder, um im richtigen Jargon zu bleiben, ein Bananendampfer der Reederei Bruns und der Liegeplatz war auch nicht Schuppen 42. Mein Schiff, so wurde ich aufgeklärt, lag auf der anderen Seite des Segelschiffhafens. Das war für mich eine herbe Enttäuschung, mir hatte das Schiff nämlich sofort gut gefallen. Immerhin waren die beiden Helfer sehr freundlich. Inzwischen hatte ich erfahren, dass es ein Jungmann und ein Leichtmatrose war. Sie halfen mir, mein Gepäck um das Hafenbecken herum zu tragen bis zum Liegeplatz meines richtigen Schiffes.
Da lag es mein Kümo, von Eisschollen umgeben, ziemlich klein und unscheinbar. Es musste wohl Niedrigwasser gewesen sein, denn nur das Ruderhaus und zwei Masten ragten über den Kai hinaus. Vom Schiffsrumpf war nicht viel zu sehen. Über einen ziemlich wackeligen Landgangssteg schleppte ich zunächst mein Gepäck aufs Achterdeck und wollte anschließend nachschauen, ob ich jemand finden würde der mir weiterhelfen konnte. Doch offensichtlich hatte man mich inzwischen bemerkt, denn vom Vorschiff kam ein junger Mann auf mich zu und begrüßte mich mit der Feststellung: „Du bist wohl der neue Moses?“. Woraufhin ich an diesem frühen Abend, nun schon zum zweitenmal bestätigte, dass ich das war. Mein Gegenüber war Robert, gerade befördert vom Schiffsjungen zum Jungmann. Man merkte es ihm an, er war froh mich zu sehen. In erster Linie war er dies wohl, weil ich seine bisherigen Pflichten an Deck und in der Kombüse übernehmen würde. Er ging mit mir nach vorne unter die Back4 und zeigte mir dort unser Logis5. Es bestand aus einem kleinen nach vorne schräg zulaufenden Raum. Dieser war Messe6 und Aufenthaltsraum in einem, mit einem der Form des Raumes angepassten Tisch Achterkante und, an Steuerbord davon, fest eingebauten Sitzbänken. Ein Kohleofen auf halber Raumlänge und am vorderen Schott7 ein kleines Waschbecken, komplettierten den Raum. Links neben dem Waschbecken war eine Tür. Sie führte zum Kabelgatt8 und zur Toilette, einem Pumpklo. Während Robert mir das alles zeigte, ließ er mich auch wissen, dass das ab jetzt alles zu meinem Verantwortungsbereich gehören würde. Ich würde hier überall für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen haben. Besonders auf die beiden schweren Messingbullaugen und die kardanisch9 aufgehängten zwei Messing Petroleumlampen machte er mich besonders aufmerksam. Sie müsse ich mindestens einmal in der Woche auf Hochglanz polieren. Zwischendurch und ganz nebenbei erfuhr ich von Robert, dass er seit kurz nach Mittag ganz alleine an Bord war. Der Kapitän, gleichzeitig auch der Eigner, war mit seiner Frau nach Hause gefahren, nach Drochtersen im Alten Land. Beide würden am folgenden Vormittag wieder an Bord sein. Der Steuermann würde wohl auch nicht vor morgen zu Arbeitsbeginn zurück sein. Und der Rest der Besatzung? Dazu gehörten noch die beiden Matrosen Horst und Gerhard. Horst war an Land gegangen und Gerhard nach Wischhafen, seinem Zuhause, gefahren. Die zweite Tür kurz vor dem Kohleofen führte nach backbord in unseren Schlafraum. Fünf Kojen gab es dort und vier sehr schmale Spinde. Je zwei Kojen waren übereinander angeordnet, eine war ohne Oberbau. Sie war dem 1. Matrosen Horst vorbehalten. Der freie Raum reichte mal gerade für einen Mann aus, wenn er aus seiner Koje heraus kam und sich anziehen wollte. Bei zwei Mann wurde die Sache schon ziemlich problematisch. Meine Koje lag, wenn man durch die Tür kam, direkt rechts. Es war die Unterkoje. Die Schlafstatt über mir war frei, allerdings wurde sie als Segelkoje, zweckentfremdet. Mit meiner Koje hatte es eine besondere Bewandtnis doch das sollte ich erst später erfahren. Unter meinem Bett befanden sich nämlich die Mannlöcher10 zu beiden Kettenkästen. Jedes Mal, wenn einer der Anker aufgehievt wurde, musste ich in der Zukunft meine Koje mit Bettzeug, Strohsack und Sprungrahmen ausbauen und dann in einen der Kettenkästen steigen, um die Ankerkette zu stauen. Das war nach ungeschriebenem Gesetz und, unabdingbar, Moses Aufgabe. Nach jedem Ankermanöver musste ich anschließend meine Koje wieder einräumen. Doch wie schon gesagt, an diesem ersten Tag habe ich das noch nicht erfahren. Mittlerweile vertraut mit dem Vorschiff und meinen dort wahrzunehmenden Aufgaben marschierten wir zwei nach Achtern in die Kombuse11. Eine gute Nachricht hatte Robert dort für mich: Ich brauchte nicht zu kochen. Das machte Frau Behrmann, die Frau unseres Kapitäns. Sie fuhr immer mit. Höchstens, wenn Frau Behrmann seekrank wäre, was schon mal vorkommen könnte, sollte ich das Kochen übernehmen. Aber dafür würde mir die Frau schon die Gerichte rechtzeitig beibringen. Die Kombuse war eingerichtet wie eine normale Küche in einer Wohnung an Land. Wie dort gab es einen Küchenschrank, einen Tisch, Kohlenherd und einen Gasherd und natürlich einen Kühlschrank, der allerdings mit Petroleum betrieben wurde, weil es an Bord nur 24 Volt Gleichstromspannung gab. Als Robert mit seiner Einweisung fertig war, meinte er, nun sollte ich für uns beide schon mal das Abendbrot vorbereiten, er wolle mir dabei helfen. Viel wurde das nicht an diesem Abend. Robert sagte, eine kalte Platte würde für uns reichen. Aber immerhin musste ich eine große Kanne Tee für uns kochen und dieses Unterfangen sollte später am Abend zu meinem ersten, etwas peinlichen Problem noch vor Antritt meiner Jungfernreise werden. Nach unserer gemeinsamen Mahlzeit musste ich ja noch die Backschaft12 machen und hierbei geschah es. Schuld war der Teefilter aus Aluminium. Ich musste vor dem Spülen den darin befindlichen Teesatz loswerden und das tat ich, indem ich zur Verschanzung13 ging und mit elegantem Schwung den Inhalt über den Schandeckel14 hinweg ins Hafenbecken schüttete. Ein leises Klirren auf dem Eis, das ich wohl gehört hatte, hätte mich stutzig machen müssen doch ich maß dem keine Bedeutung bei. Erst später, als ich nach dem Abwasch den Filter wieder zusammensetzte, bemerkte ich mit Schrecken, dass da etwas fehlte. Das runde Lochblech. Nun wusste ich auch was da auf dem Eis geklirrt hatte. Schnell eilte ich zurück zur Verschanzung doch wie sehr ich auch mit den Augen das Treibeis absuchte, ich konnte keine Lochscheibe finden. Auch wenn es mir sehr peinlich war und ich meine Schusseligkeit gerne auch vor ihm verheimlicht hätte, sah ich keinen anderen Ausweg, als Robert über das mir widerfahrene Missgeschick einzuweihen. Er schien das nicht tragisch zu nehmen, besorgte erst mal eine starke Taschenlampe aus dem Ruderhaus und leuchtete damit das Eis ab. Die verlorene Scheibe war bald gefunden. Sie lag auf einer Eisscholle zwischen Schiff und Kaimauer, mitten im zusammengeschobenen Treibeis. Zum Glück war in der Nähe eine Leiter in der Kaimauer, die sowohl vom Schiff aus erreichbar, aber auch so nahe am verlorenen Teefilter war, dass es gelang, dank Roberts Unterstützung und einiger Anstrengung von mir, den verlorenen Gegenstand zu bergen. Nach dieser Aktion war ich nun doch sehr erleichtert und nahm mir vor, in Zukunft etwas vorsichtiger zu sein. Wie unangenehm wäre es mir am nächsten Tag gewesen, wenn ich schon bei meiner ersten Vorstellung meinem Kapitän und seiner Frau diese Nachlässigkeit hätte eingestehen müssen. Es war genug für diesen meinen ersten Tag an Bord. Müde und ziemlich geschafft suchte ich meine Koje auf und schlief wohl auch sofort ein. Nach einer traumlosen Nacht lernte ich am folgenden Vormittag Kapitän Behrmann und seine Frau kennen. Beide waren recht freundlich und erweckten so in mir von Anfang an ein beruhigendes Gefühl, das mir sagte, mit meinem Einstieg in die Seefahrt hätte ich es auf diesem Schiff offensichtlich gut getroffen. Während meiner gesamten Fahrtzeit auf “Krautsand“, ich blieb dort über 17 Monate, gab es keinen Grund diesen ersten Eindruck zu revidieren. Gewiss wir, nicht nur ich, mussten viel arbeiten. Überstunden wurden zwar gemacht, jedoch nicht bezahlt. Das war zu der Zeit in der Kleinen Fahrt so üblich und keiner meiner Kollegen wäre auf die Idee gekommen, dafür eine extra Bezahlung zu verlangen. Sie kannten es nicht anders.
"Krautsand" am Mannesmannufer in Düsseldorf
Anstatt in die große weite Welt führte meine erste Reise von Hamburg zum Rhein nach Köln, Düsseldorf, Uerdingen und Duisburg. Von dort in einen regelmäßigen Liniendienst nach London zwischendurch auch mal nach Hull. Unser Liegeplatz in London war die Charron and Continental Wharf direkt am linken Themseufer, nur wenige hundert Meter vor der Tower Bridge. Hier passierte mir, noch immer auf meiner ersten Reise, schon mein zweites unangenehmes Missgeschick. Ich weiß nicht mehr, mit welcher Arbeit ich beschäftigt war, doch musste ich dabei Wasser aufschlagen, und dazu benutzte man eine Schlagpütz15. Das war ein Eimer, an dem ein Seil befestigt war, den man über Bord warf und auf diese Weise damit Wasser schöpfte. Ich hatte das Seil selbst mit einem Webeleinstek und davor einem Halben Schlag am Eimerhenkel festgeknotet. Der Eimer war kaum in die Themse eingetaucht, als ich auch schon plötzliche ein Nachlassen des Zugs auf meine Leine verspürte. Welch ein Schreck. Ich wusste sofort, dass irgendetwas nicht stimmte, und als ich den Eimer aus dem Wasser hochziehen wollte, war er weg. Meine beiden so sorgfältig angelegten Knoten hatten nicht gehalten. Dabei war ich bis zu diesem Zeitpunkt davon überzeugt gewesen, ja, ich war sogar ein bisschen stolz darauf, den Umgang mit den üblichen Seemannsknoten auf dem Priwall bis zur Perfektion erlernt zu haben. Dieses erhabene Gefühl kehrte sich auf einen Schlag um in eine tiefe Niedergeschlagenheit. Zum Glück hatte mich niemand bei meiner Arbeit beobachtet und ich tat alles, um das Missgeschick für mich zu behalten. Mit einem Bootshaken hätte ich versuchen können den Eimer auf dem Grund aufzuspüren doch das wäre meinen Kollegen und wohl auch dem Steuermann sicher aufgefallen. Diese Blamage wollte ich mir nicht antun. Ich beschloss, erst einmal ab zu warten und niemandem etwas zu erzählen. Später dann in der Nacht, wenn alle schlafen würden, wollte ich mit dem Bootshaken nach dem verlorenen Eimer suchen. Doch als endlich alle in ihren Kojen lagen und ich meine Suche beginnen wollte, musste ich eine weitere, bittere Erfahrung machen. Zum Zeitpunkt, als der Eimer verloren ging, herrschte auf der Themse Niedrigwasser. Ich weiß nicht mehr genau wie groß der Tidenhub auf der Themse ist, doch beträgt er sicherlich so um die vier Meter. Und genau das war das Problem, als ich meine Suche beginnen wollte. Jetzt hatten wir Hochwasser, da reichte auch der längste Bootshaken nicht mehr aus. Schwer enttäuscht und wieder um eine Hoffnung ärmer, musste ich mein Vorhaben abbrechen. Doch noch vor dem Einschlafen nahm ich mir fest vor, den Vorfall unter keinen Umständen jemals zuzugeben, und wenn mich jemand nach dem Eimer fragen würde, einfach alles abzustreiten. So habe ich es auch gehalten. Ich wurde in der ersten Zeit nach meinem Missgeschick immer wieder gefragt ob ich die Pütz verschludert hätte? Manchmal mit ziemlichem Misstrauen. Selbst Kapitän Behrmann wollte von mir wissen ob ich mit ihrem Verschwinden etwas zu tun hätte. Ich jedoch habe das nie zugegeben, sondern, wenn auch mit sehr schlechtem Gewissen, immer wieder abgestritten und dabei permanent geleugnet, dass ich für den Verlust der Schlagpütz verantwortlich war. Was ich damals für eine Not hatte. Es war nicht die Angst vor irgendwelchen Konsequenzen, sondern einzig und alleine vor der Blamage, nicht fähig gewesen zu sein, einen Eimer mit einem Knoten ordentlich an einem Seil festzubinden.
Viele Jahre später im Sommer 1961, ich fuhr damals bei der Hanseatischen Reederei Emil Offen und Co. als zweiter Offizier auf MS “Karpfanger“, von der Westküste der USA und Kanadas kommend, dazwischen hatten wir auch noch Honolulu auf Oahu, Kahului auf Maui und Hilo auf Hawaii bedient, liefen wir als ersten europäischen Hafen London an. Noch auf der Themse fragte ich den Revierlotsen ob MS “Krautsand“ sich eventuell im Hafen befinden würde? Der Lotse kannte das Schiff nicht, aber er war so freundlich und rief bei seiner Dienststelle an. Ich hatte Glück die Krautsand lag tatsächlich in London, Liegeplatz im London Dock. Nachdem wir im Surrey Commercial Dock festgemacht hatten, war es leider für diesen Tag zu spät, doch am nächsten Tag fuhr ich mit der U-Bahn in Richtung London Dock, um Kapitän Behrmann und mein KüMo, auf dem ich die Seefahrt begonnen hatte, zu besuchen. Es war noch früh am Abend, als ich vor dem Schiff stand. 1950 gebaut, war es nun doch schon etwas in die Jahre gekommen, aber, was ich nicht anders erwartet hatte, noch immer bestens gepflegt und gut in Farbe. Ich konnte keine einzige Roststelle entdecken. Gearbeitet wurde nicht mehr, an Deck war kein Mensch zu sehen. Den Weg zum Salon fand ich alleine. Auf mein Klopfen wurde die Tür aufgemacht und ich stand vor meinem ehemaligen Kapitän. Man merkte es ihm an, er wusste zunächst nicht, wo er mich einordnen sollte, doch noch bevor ich mich vorstellen konnte hatte er mich ohne mein Zutun erkannt, begann zu lachen und klopfte mir auf die Schulter indem er sagte: „Komm rein Freddy, fast hätte ich dich nicht erkannt“. Freddy hatte mich Frau Behrmann immer genannt während meiner Zeit an Bord. Im Salon saß noch ein anderer Gast, der Kapitän der Paulina, den ich auch noch von meiner Zeit auf „Krautsand“ her kannte. „Mariana“ und „Paulina“ waren zwei eigene Schiffe der Reederei A. Kirsten in Hamburg, für die wir damals und wie es den Anschein hatte, immer noch, in Charter fuhren. Auch der Kapitän begrüßte mich freundlich und bald saßen wir in gemütlicher Runde bei Bier und Whiskey am Tisch und ich musste viel erzählen, besonders, wie es mir in der Großen Fahrt ergangen war. Leider war, ausgerechnet während dieser Reise, Frau Behrmann nicht an Bord, was ich bedauerte, denn sie hätte ich liebend gerne auch wieder gesehen. Nachdem der Kapitän der Paulina gegangen war, er wollte am nächsten Morgen fit sein, saßen wir beiden übrigen noch eine ganze Weile zusammen, erzählten und vergaßen dabei auch das Trinken nicht. Ganz plötzlich und für mich völlig unerwartet, aber mit breitem Grinsen, stellte mir mein ehemaliger Kapitän eine peinliche Frage: „Sag mal Siegfried, das damals mit der Schlagpütz, das warst doch Du?“ Es fiel mir nun nicht mehr schwer mein damaliges Missgeschick zuzugeben. „Wir haben das damals schon alle gewusst,“ fuhr er fort, „doch Du hast das so beharrlich, fast verzweifelt abgestritten, dass ich dachte, es wäre besser, Dich im Glauben zu lassen, wir würden Dir das abnehmen“. Damit war die Affäre Schlagpütz nach all den Jahren zwischen uns ein für allemal beigelegt. Mein damaliges Missgeschick hatte dank dem Verständnis meiner früheren Vorgesetzten alles von seiner Peinlichkeit verloren. Mitternacht war längst vorbei, als wir endlich daran dachten, unsere Sitzung allmählich zu beenden. Getrunken hatten wir übers Erzählen auch genug. So war ich froh, als Kapitän Behrmann mich einlud, den Rest der Nacht an Bord zu bleiben. Ich könne im Salon auf dem Sofa schlafen. Das Angebot nahm ich gerne an und fuhr erst am Morgen nach einem kräftigen Frühstück, es gab Spiegeleier mit Speck, ausgeruht zurück zu meinem Schiff im Surrey Dock.
Der Tagesablauf meiner Tätigkeiten als Schiffsjunge auf meinem ersten Schiff verlief in der Regel wie folgt: Um 06:00 Uhr begann meine Arbeit in der Kombüse mit Feueranmachen und Kaffeekochen und Frühstück vorbereiten für uns vier Besatzungsmitglieder, vorne im Logis unter der Back. Für ihren Mann und unseren Steuermann Albert Behrmann, den Bruder unseres Kapitäns, bereitete Frau Behrmann das Frühstück selber zu. Zu den Mahlzeiten musste ich das Essen nach vorne bringen, dort aufbacken16 und nachher das Geschirr wieder nach achtern schaffen und dort Backschaft machen. Anschließend war, wenn es nötig erschien, Frau Behrmann mit den niedrigen Arbeiten bei der Zubereitung des Mittagessens zur Hand zu gehen. Wenn dann noch Zeit verblieb, musste ich mich um die Reinigung unserer Unterkünfte im Vorschiff kümmern. Nachmittags, nach Erledigung der Backschaft, arbeitete ich mit den Anderen an Deck. Wenn das Schiff unterwegs war, wurde ich während dieser Zeit auch mal ins Ruderhaus gerufen. Dort durfte ich dann das Ruder17 übernehmen und unter der Aufsicht und Anleitung eines der beiden Matrosen das Schiff steuern. Einmal in der Woche, war überdies Messingputzen angesagt. In meinen Bereich fielen dabei die Bullaugen und die Reserve-Petroleumlampen vorne bei uns im Logis. Im Achterschiff brachte Frau Behrmann die Gegenstände aus Messing im gleichen Rhythmus auf Hochglanz. Selbst mir war mit der Zeit aufgefallen, dass Frau Behrmanns Bullaugen ebenso wie die Lampen etwas besser glänzten als die, um die ich mich zu kümmern hatte. Ich hatte mir jedoch darüber keine Gedanken gemacht, zumal ich die betroffenen Objekte im gleichen Zustand gehalten hatte, wie ich sie bei meiner Anmusterung vorgefunden hatte. So war ich ein wenig irritiert, als mir unser Steuermann eines Tages ankündigte, er wolle zwischen Frau Behrmann und mir ein Wettputzen, eben dieser Messinggegenstände, veranstalten. Es sollte dabei um eine Tafel Schokolade gehen. Frau Behrmann zeigte bei der Ankündigung ein etwas verlegenes Lächeln. Ich jedoch hatte begriffen. Offensichtlich waren beide mit meiner Messingputzerei nicht ganz zufrieden, wollten es mir jedoch nicht so auf den Kopf zusagen. Da unser Steuermann Albert, wenn es darum ging, jemandem einen Rüffel zu erteilen, nicht gerade zimperlich reagierte, nahm ich an, dass es Frau Behrmann war, die den diplomatischen Weg vorgeschlagen hatte. Der Steuermann sollte die Jury bilden und entscheiden, wer am Ende der Gewinner war. Natürlich wurde ich zum Sieger erklärt und bekam die Tafel Schokolade, obwohl selbst mir, nach diesem Putzwettbewerb, die Bullaugen meiner Chefin immer noch strahlender erglänzten als die, an denen ich mich bemüht hatte. Doch darauf kam es offensichtlich nicht an. Ich hatte jedenfalls den Wink verstanden und meine beiden Vorgesetzten hofften mit einigem Recht, ihr Ziel mit dieser Maßnahme erreicht zu haben.
Neben den oben aufgeführten Aufgaben oblag mir außerdem noch bei vielen Gelegenheiten der Einkauf von Lebensmitteln in den verschiedenen Häfen. In einer Metzgerei in Emmerich kaufte ich, natürlich auf Anweisung und mit Einkaufszettel von Frau Behrmann, regelmäßig unser Fleisch für die nächsten Tage. Nach kurzer Zeit wurde ich dort von den Verkäuferinnen freundlich mit: „Guten Tag Herr Krautsand“ begrüßt. Für das Einzelhandelsgeschäft war mein Einkauf wegen der Menge schon etwas Außergewöhnliches. In Lobith, dem holländischen Grenzort, kaufte ich, während das Schiff am Steiger18 auf die Abfertigung warten musste, im nahegelegenen kleinen Supermarkt unseren Kaffee, Douwe Egberts Coffie. In Köln am Clodwigplatz, hatte zu jener Zeit unser Metzger Nikodemus aus meinem Heimatort Ochtendung sein Geschäft aufgemacht. Auch bei ihm kaufte ich ein, natürlich mit dem Einverständnis von Frau Behrmann. Vielleicht habe ich damit sogar dazu beigetragen, diesem Mann etwas über die Anfangsschwierigkeiten an diesem neuen Ort hinweg zu helfen. Einmal bin ich durch die Einkäufe in eine missliche Situation geraten, die mich, bei Vorgesetzten mit geringerer Menschenkenntnis und Führungsqualitäten, in eine äußerst schwierige Lage hätte bringen können. Es geschah in Uerdingen. Frau Behrmann war sichtlich irritiert, als ich ihr bei meiner Rückkehr zum Schiff das Restgeld auf 100 DM zurückgab. Sie war der festen Meinung gewesen, sie habe mich mit 150 DM losgeschickt. Es war für uns beide eine sehr peinliche Situation. Ich hatte das Geld im Portemonnaie nicht nachgezählt, als ich es vor meinem Landgang von ihr erhalten hatte und konnte ihr nun nur versichern, dass ich alles Geld, was beim Einkauf übriggeblieben war, zurückgebracht hätte, auch dass ich sicher sei, das Wechselgeld im Geschäft korrekt erhalten zu haben. Der Konflikt wurde schließlich dadurch beigelegt, dass Frau Behrmann einräumte mir vielleicht doch nur 100 DM mitgegeben zu haben, anstatt der angenommenen 150 DM, mir gleichzeitig jedoch empfahl, in Zukunft immer nachzuzählen, mit welcher Summe ich losgeschickt würde. Damit war die Sache ausgeräumt. Ich genoss auch weiterhin das volle Vertrauen meiner beiden Vorgesetzten, was für mich sehr wichtig war. Ich weiß nicht ob ich auf dem Schiff geblieben wäre, wenn ich nach diesem Vorfall den Eindruck gewonnen hätte, der Kapitän oder seine Frau würden mich des Diebstahls verdächtigen. Wie mit so vielen Schiffsjungen vor mir, wurde wahrscheinlich auch mit mir einmal ein Scherz versucht, durch den ich reingelegt werden sollte. Ich schreibe “wahrscheinlich“, weil ich mir bis heute nicht sicher bin, ob es sich dabei wirklich um einen Scherz gehandelt hat oder ob der Auftrag, den ich ausführen sollte, nicht doch ernst gemeint war. Es geschah in Köln. Kapitän Behrmann selbst bestellte mich ins Ruderhaus. Dort erzählte er mir, dass an der Hauptmaschine dringende Wartungsarbeiten anstehen würden. Dazu benötigten wir ein Spezialwerkzeug, einen Schlüssel, mit dem man den Fundamentbolzen des Deutz Motors lösen konnte. Ich solle den Schlüssel im Werk in Köln Deutz abholen. Ahnungslos und unbedarft wie ich war, fuhr ich mit der Straßenbahn zu den Deutz Werken und wurde dort zunächst von einem Büro zum nächsten geschickt. Überall wurde ich freundlich empfangen und ebenso freundlich weitergeleitet. Schließlich und endlich gelangte ich so an die richtige Stelle wo, nachdem ich meinen Spruch, dass ich von dem Motorschiff „Krautsand“ kommen würde und einen Fundamentbolzenschlüssel abholen solle, zum wiederholten Male aufgesagt hatte, mir hier ein wirklich imposantes Werkzeug übergeben wurde. Es handelte sich dabei um ein schwarzlackiertes Rohrstück, das auf einer Länge von ca. 1,80 m einen 90 Grad Winkel bildete. An diesem Ende war das Rohr zu einem Sechskant ausgebildet und verstärkt. Mit dem Fundamentbolzenschlüssel fuhr ich, wieder mit der Straßenbahn, zurück zum Schiff. Unser Kapitän nahm das Werkzeug ohne eine merkliche Reaktion entgegen. Damit war die Aktion mit dem Fundamentbolzenschlüssel für mich erledigt. Ich ahnte auch nicht, ob oder dass ich von der Schiffsführung auf den Arm genommen worden war, bemerkte auch keinerlei Reaktion weder vom Steuermann, noch von den übrigen Besatzungsmitgliedern. Erst Jahre später, als ich schon als 2. Offizier auf einem der Offen Schiffe fuhr, wurde ich durch ein Ereignis, das unseren neuen Messejungen19 betraf, an meine Fahrt zu den Deutz Werken erinnert. Während meiner Nachmittagswache erhielt ich einen Anruf aus dem Maschinenraum. Mir wurde angekündigt, unser neuer Messejunge, der noch sehr jung, unbedarft und darüber hinaus auch nicht gerade einer der Aufgewecktesten war, wäre auf dem Weg zur Brücke, um mir etwas zu bringen. Aus dem Hintergrund vernahm ich erwartungsvolles Gelächter. Es dauerte nicht lange, bis ich in der backbord Brückennock20 stehend bemerkte, wie sich der Messboy, bepackt mit einem offensichtlich schweren Sack und vor Anstrengung keuchend abmühte, die Außentreppe zum Brückendeck zu erklimmen. Aus Angst er würde die letzten Stufen alleine nicht mehr schaffen, ging ich ihm entgegen und half ihm auf dem letzten Stück nach oben. Als er dort den Sack abgestellt hatte, sah er mich mit auf Anerkennung hoffenden Blick an und ließ mich wissen, er habe mir, im Auftrag des Chiefs21, den Kompassschlüssel gebracht. Dann musste er sich erst einmal hinsetzen, um sich von den Strapazen zu erholen. Ich brachte es einfach nicht fertig zu sagen, dass sich die Kollegen aus der Maschine mit ihm einen üblen Scherz erlaubt hatten und dass in dem Sack den er mir bringen sollte, anstatt eines Kompassschlüssels, den es in Wirklichkeit auch nicht gab, lediglich irgendwelche schwere Schrottteile befanden. Auf diese Weise wurde ich an jenem Nachmittag auf dem Atlantik, unterwegs zum Panama Kanal, an meine Straßenbahnfahrt damals in Köln zu und von den Deutz Werken erinnert, als ich dort den Spezialschlüssel für die Fundamentbolzen abgeholt habe. Es regten sich Zweifel bei mir, ob das damals seine Richtigkeit hatte oder ob auch ich, wie an diesem Tag unser Messejunge, einem sogenannten Scherz zum Opfer gefallen war. Die Zweifel haben sich bis heute erhalten.
Als Schiffsjunge verdiente ich damals 58,00 DM im Monat. Nach 6 Monaten meinte der Kapitän eines Tages, als ich mal wieder zwecks Vorschuss bei ihm im Salon vorsprach: „Ummustern22 zum Jungmann kann ich dich noch nicht, dafür hast Du noch zu wenig Fahrtzeit doch ab nächsten Monat sollst Du Jungmann Heuer bekommen“. Ich war selig über plötzlich und unerwartet so viel mehr Geld. Meine neue Heuer würde in Zukunft 90 DM betragen. Der Ausdruck Vorschuss könnte hier irreführen. Wenn ich um Geld beim Kapitän nachfragte handelte es sich dabei nicht um eine Vorauszahlung, sondern um mein eigenes Erspartes. Keiner von uns ließ sich am Monatsende seine verdiente Heuer auszahlen sondern ließ sie auf dem Schiffskonto stehen. Die so angesammelten Beträge wurden von Frau Behrmann mit großer Sorgfalt verwaltet. Von uns wurde Geld nur nach Bedarf aufgenommen. Als Vorschuss nahm ich in der Regel stets nur einen Betrag von fünf D-Mark auf. Damit hatte es seine besondere Bewandtnis. Irgendwann hatte ich bemerkt, dass nach der Auszahlung von 5,00 DM der Betrag später nicht auf meiner Heuerabrechnung erschien. Ob er schlicht vergessen wurde oder ob er dem Kapitän zu gering erschien, habe ich nicht erfahren. Der Trick funktionierte in der Folgezeit zwar nicht immer, doch häufig genug, sodass ich dadurch mein geringes Einkommen ein bisschen aufbessern konnte und für die vielen unbezahlten Überstunden eine kleine Kompensation erhielt.
Nach etwa einem halben Jahr an Bord war ich zwar noch immer der Moses, doch inzwischen zum dienstältesten Besatzungsmitglied der Vorschiffscrew avanciert. Ich hatte noch immer unter der Seekrankheit zu leiden. Das lag in erster Linie wohl daran, dass wir zwischen Hoek van Holland und der Themsemündung, Distanz ungefähr 90 Seemeilen, nie lange genug auf See waren. Die Krankheit konnte sich während der etwa 12 Stunden dauernden Überfahrt nie richtig austoben. Natürlich musste ich trotz Seekrankheit meine Arbeiten verrichten. Als ich dann endlich einigermaßen seefest war und mich schon mal, nach erledigter Arbeit, zum Ausruhen in der Kombüse auf die Backskiste23 gelegt hatte, kam in der Regel unser Steuermann Albert herein und forderte mich auf, zum Abschmieren der Maschine mit ihm in den Motorenraum zu kommen. Wenn ich dann mit der Ölkanne Schmieröl auf die Kipphebel der einzelnen Zylinder goss und mir der heiße Öldampf in die Nase kam, war es mit meiner Seefestigkeit vorrübergehend wieder vorbei. Ich schaffte es dann nur noch so eben, einen Bilgendeckel aufzunehmen und meinen Mageninhalt als ein Opfer an Neptun in die Bilge24 zu entleeren. Ich will nicht behaupten, dass der Steuermann Freude hatte an meinem Leiden, doch musste ihn irgendetwas dazu bewogen haben, mich während dieser Zeit hin und wieder einer solchen Prüfung zu unterziehen.
Ähnlich wie mir erging es unserem neuen Jungmann Horst Schlüter. Obwohl er schon länger zur See fuhr als ich, wurde auch er immer noch seekrank. Es traf ihn meist sogar heftiger als mich. Horst hatte vorher Nord- und Ostsee gefahren, auf einem Kümo noch viel kleiner als die “Krautsand“, bei einem Reeder aus Bützfleth an der Unterelbe. Der Eigner war, wie zu der Zeit im Alten Land nicht unüblich, nebenher auch noch Betreiber einer Obstplantage, ein so genannter Apfelbauer also. Selbst später, als ich das Schaukeln und Stampfen des Schiffes bei Schlechtwetter einigermaßen ertragen konnte, hatte er immer noch darunter zu leiden. Während dieser Zeit hatten wir mit ihm ein besonderes Erlebnis. Ziemlich regelmäßig im 14-Tage-Rhythmus, passierten wir auf der Ausreise nach London Hoek van Holland, an einem Sonntag, etwa um die Mittagszeit. An solch einem Sonntag saßen wir von der Crew vorne im Logis am Tisch, um unser Mittagsessen einzunehmen. Wie immer sonntags gab es ein besonderes Gericht, entweder mit Schnitzel oder Steaks. Frau Behrmann hatte sich wie gewohnt mit dem Essen große Mühe gegeben und alles auf einer Platte, auch für’s Auge gut anzusehen, nett angerichtet. Für jeden gab es außerdem noch ein Schälchen Vanillepudding. Der Wetterbericht hatte an diesem Tag für die südliche Nordsee Schlechtwetter angekündigt, Starkwind aus NW, Stärke 7 bis 8. Das bedeutete für uns, dass es in knapp einer Stunde unangenehm werden würde. Horst Schlüter, von dieser Ankündigung am meisten betroffen, schob mir wortlos seinen Teller mit dem Steak hin und angelte sich als Gegenleistung wie selbstverständlich meinen Pudding. Auf meine Frage, was das solle, meinte er nur mit einem Anflug von Resignation: „Kotzt sich besser“. Einem solchen Argument hatte ich nichts entgegenzusetzen und überließ ihm gerne meinen Nachtisch.
Mit der Sprache an Bord hatte ich anfangs leichte Schwierigkeiten. Kapitän, Steuermann Albert, Frau Behrmann und der Matrose Gerhard sprachen nur Plattdeutsch miteinander. Wenn ich angesprochen wurde, bemühten sich alle, mit Ausnahme des Steuermanns und des Matrosen, mit mir hochdeutsch zu sprechen. Auf diese Weise klappte es bis auf wenige Ausnahmen ganz gut mit der Verständigung. Eine dieser Ausnahmen ereignete sich ganz früh an einem Morgen auf dem Rhein. Wir hatten die Nacht über am Anker gelegen und standen nun vorne auf der Back, um eben diesen aufzuhieven. Es war leicht neblig und noch ziemlich kalt. Das hatte zur Folge, dass wir Schwierigkeiten bekamen, die Winde zum Aufholen des Ankers zu starten. Der Steuermann rief mir zu: „Moses, gau mol in de Maschin un hol en Moker!“ Ohne nachzufragen lief ich zum Maschinenraum und begann erst dort unten darüber zu rätseln was ein Moker wohl für ein Werkzeug sein könnte. Da stand ich nun vor all den Werkzeugen und versuchte krampfhaft das Wort Moker ins Hochdeutsche zu übersetzen. Moker, Maker, es gelang mir einfach nicht die Bedeutung des plattdeutschen Worts herauszufinden. Da plötzlich ertönte Alberts ärgerliche Stimme von oben: „Du Drümpel, weist Du nich waten Moker is?“
Auf diese Weise lernte ich, dass ein Vorschlaghammer auf Plattdeutsch ein Moker ist. Solche oder ähnliche Sprachprobleme hatte ich jedoch nur während der ersten Monate meiner Seefahrerkarriere. Danach konnte ich alles, was mir in Plattdeutsch gesagt wurde, einwandfrei verstehen. Nur sprechen konnte ich diese schöne Sprache nicht und habe es auch in späteren Jahren nie gelernt. Warum ich eine gewisse Scheu davor hatte, Plattdeutsch auch sprechen zu lernen? Daran war wiederum unser Jungmann Horst Schlüter schuld, obwohl er dafür sicher nichts konnte. Er kam aus Duisburg. Auf seinem Kümo aus dem Alten Land hatte er sich notgedrungen die Sprache angeeignet und sprach sie nun auch bei uns. Es hörte sich grausam an, selbst für mich, einem ebenfalls Rheinländer, wenn auch von weiter oben. Das hatte zur Folge, dass ich mich einfach nicht traute, die Sprache zu sprechen, weil ich davon überzeugt war, auch bei mir würde sich Plattdeutsch so verunstaltet anhören wie bei meinem Kollegen Horst. Irgendwann während dieser Zeit sprach mich auch Frau Behrmann an und sagte: „Siegfried, du mut platt snacken leeren, wenn du kein platt snacken deist, kannst du nie nich en richtigen Seemann warn“. Ich antwortete ihr darauf: „Frau Behrmann, haben sie schon mal Horst Schlüter platt schnacken gehört?“ Danach hat sie mich nie mehr zur plattdeutschen Sprache bekehren wollen. Später dann, auf Schiffen in der Großen Fahrt, war es kein Makel mehr, wenn man nur hochdeutsch sprechen konnte.
Wie schon erwähnt, ich brauchte an Bord nicht zu kochen. Jedenfalls nicht, wenn Frau Behrmann an Bord war. Es geschah jedoch, dass sie schon mal für eine Weile an Land blieb, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen, oder auch bei schlechtem Wetter seekrank war. In solchen Fällen musste ich dann auch schon mal am Kochtopf stehen. Dass das klappte, dafür hatte Frau Behrmann gesorgt und mir mit der Zeit einige Gerichte beigebracht, mit denen ich Kapitän und Besatzung kulinarisch zufrieden stellen konnte. Trotzdem gab es hin und wieder Probleme, und daran war meist unser Kapitän schuld. Ausgerechnet, wenn seine Frau nicht an Bord war, hatte er seltsame Eingebungen. So kam er eines Tages in London von Land zurück und legte einen Schweinskopf auf den Küchentisch mit der Aufforderung an mich: „Siegfried, mache uns mal Sülze davon“. Ich hatte vage Vorstellungen davon, wie man Sülze macht, hatte ich doch früher schon mal meiner Mutter dabei zugeschaut, wenn sie diese zubereitete. Daher wusste ich auch; sollte die Sülze steif werden, benötigte man dazu die Teile vom Kopf, die am meisten zum Gelieren beitragen konnten und das waren die Ohren und die Schnute. Nun war unser Kapitän, wenn es ums Essen ging, sehr eigen, das hatte ich schon von Frau Behrmann erfahren. Das Innere vom Ohr war ihm zu dreckig und außerdem mit zu vielen Haaren besetzt. Es wurde großzügig herausgeschnitten. Von den Ohren blieb dadurch nur noch ein geringer Teil übrig. So kam es, wie ich befürchtet hatte, meine Sülze wurde einfach nicht steif. Zum Glück hatte just zu dieser Zeit hinter uns an der gleichen Pier die “Marga Kiepe“, ein KüMo wie unsere “Krautsand“ aber schon etwas moderner, festgemacht. Sie fuhr, wie wir in der Rhein- Londonfahrt in Charter, für die Reederei Kirsten. Und von ihr wusste ich, dass dort Frau Kiepe, die Frau des Kapitäns und Eigners mitfuhr und auch die Küche machte. Zu ihr lief ich in meiner Not hin und zeigte der Frau meinen Pott mit der nicht gelieren wollenden Masse darin. Ohne viele Worte nahm sie aus ihrem Schrank einige Blätter Gelantine, rührte sie mit etwas Flüssigkeit an und goss das Ganze wieder zurück in meinen noch leicht warmen Pott. „So, sagte sie resolut, aber durchaus freundlich, rühr das gut um und schütt alles in eine große Schüssel. Wenn es abgekühlt ist, hast du Deine Sülze“. Meine Sülze war dann an Bord auch ein voller Erfolg. Das hatte leider zur Folge, dass während der nächsten Reise, ebenfalls in London, Kapitän und Steuermann vom Landgang zurück kamen und mir, neben sonstigen Einkäufen, ein großes Bund frischer Aale auf den Tisch packten mit den Worten: „Siegfried, da machst du uns mal eine schöne Hamburger Aalsuppe von, Backobst und durchwachsenen Räucherspeck haben wir dazu auch mitgebracht“. Ich hatte noch nie etwas von einer Aalsuppe gehört geschweige denn ihrer Zubereitung und sagte das auch gleich, aber beide versicherten, sie wollten mir beim Kochen helfen. Ich solle mir mal keine Gedanken machen. Die Aale könne ich ja schon mal ausnehmen, abziehen und in Stücke schneiden. Während der Zubereitung der Aalsuppe am folgenden Morgen erklärte mir der Steuermann, wie ich vorzugehen hatte. Zunächst Wasser in einen großen Topf und darin den Speck kochen. Der so entstandenen Brühe sollte dann später das Backobst beigefügt werden und noch später auch die Aalstücke. Bis auf die Aale kam mir das Rezept bekannt vor. Auf ähnliche Weise wurde auch eine weitere Spezialität der norddeutschen Küche zubereitet, nämlich: Plumen un Klüten. Das Gericht hatte Frau Behrman schon mal gekocht, als ich dabei war. Alles war klar. Über einen Schritt in der Zubereitung waren Kapitän und Steuermann allerdings verschiedener Ansicht. Unser Kapitän meinte, die Aalstücke müssten eine Weile in der Brühe kochen, wegen des kräftigen Geschmacks nachher in der Suppe. Der Steuermann wollte die Einlage nur leicht zum Sieden bringen. Es gab Diskussionsbedarf. Ich hielt mich dabei heraus, hatte ich doch schon zu Beginn des Unterfangens beteuert, dass ich von Aalsuppe und deren Zubereitung nicht die geringste Ahnung hätte. Beide einigten sich schließlich darauf, dass die Aalstücke in der Brühe nur leicht sieden sollten, ein Ergebnis, dem auch ich eher zugestimmt hätte, wenn ich gefragt worden wäre. Ich konnte loslegen. Neben der Aalsuppe sollte ich aber auch noch Klüten, also Mehlklöße für die Suppeneinlage machen. Dabei geriet ich noch einmal in Gewissensnöte. Zwar hatte ich bei Frau Behrmann schon mal zugesehen, wenn sie Klüten machte, doch war ich mir jetzt nicht mehr sicher, ob ich das Mehl in kaltes oder kochendes Wasser einrühren sollte. Logisches Denken war gefragt, und so entschied ich mich für kaltes Wasser. Das Ergebnis war ein Teig, aus dem man vielleicht einen Kuchen hätte backen können, doch Klöße, das sah ich traurig ein, waren damit nicht zu machen. Zu meinem Glück war ich alleine in der Kombüse. Dadurch wurde auch von niemandem bemerkt, als ich den Teigklumpen durch das Bullauge in der Themse versenkte und gleich darauf den zweiten Versuch startete. Diesmal gab ich das Mehl in einen Kochtopf mit kochendem Wasser und rührte kräftig mit einem Kochlöffel darin herum. Siehe da, es wurde ein richtiger Kloßteig. Mit einem Suppenlöffel konnte ich nun die Teigmasse portionieren und in einem anderen Topf mit kochendem Salzwasser die Klüten garen lassen, als Beilage für die Hamburger Aalsuppe. Das Mittagessen für diesen Tag war gerettet. Ich erinnere mich: Große Anerkennung habe ich damals für mein Bemühen von meinen Vorschiffkollegen nicht geerntet, ganz im Gegenteil, ich wurde kritisiert. Nach ihrer Meinung hatte ich viel zu wenige Klüten auf den Tisch gebracht. Das nahmen sie mir übel. Vom Kapitän und auch vom Steuermann gab es überhaupt keinen Kommentar dazu. Ich konnte zufrieden sein. Immerhin gab es auch keine tadelnden Bemerkungen.
Wir lagen mit dem Schiff auf Slip25 in der Werft in Stade. Hier war die “Krautsand“ vor rund vier Jahren gebaut worden. Die Besichtigung zur Klassenerneuerung stand an, außerdem sollte das Schiff einen Doppelboden erhalten. Es war Wochenende, Kapitän und Frau waren nach Hause gefahren. Steuermann Albert und die beiden Matrosen hatten sich ebenfalls übers Wochenende verabschiedet. Somit waren der Jungmann Horst Schlüter und ich über diese Zeit alleine an Bord. Dem entsprechend wollten wir beiden, während dieser Zeit es etwas ruhig angehen lassen, was für mich bedeutete, ich würde am Sonntagmorgen nicht wie gewohnt schon vor sechs Uhr aufstehen, sondern ausschlafen und erst dann für unser beider Frühstück sorgen. Erwähnen muss ich noch, dass ich zwei Tage zuvor im Krankenhaus in Stade an der rechten Hand operiert worden war und seitdem den Unterarm, mit einem dicken Verband versehen, in einer Schlinge trug. Beim Messingputzen, wobei ich, um den Wirkungsgrad zu
