Zurück zu mir - Pia Kiepke - E-Book

Zurück zu mir E-Book

Pia Kiepke

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Beschreibung

In manchen Beziehungen wiederholt sich der ständige Kreislauf von scheinbarer Liebe, verbaler und körperlicher Gewalt, Trennung und Versöhnung. Eine gesunde Balance zwischen Nähe und Distanz gibt es nicht. Selbstliebe? Fehlanzeige. Betroffene, meist Frauen, müssen leidvolle Erfahrungen machen, denn Stabilität in ihrer Beziehung, die gibt es nicht. Stattdessen kämpfen die Betroffenen um die Liebe eines meist Narzissten und werden wieder und wieder enttäuscht. Die Gewalttätigkeiten nehmen zu. Wie kann sich eine Frau aus diesem Teufelskreis befreien, wenn die Fassade einer intakten Beziehung nicht mehr aufrecht erhalten werden kann? Die Lösung kann nur in der Selbstliebe liegen und in dem Hinterfragen der eigenen Einstellung zu Liebe, Eifersucht, Beziehung und Vertrauen. Dann gilt es den Blickwinkel zu ändern. Die Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen.

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Seitenzahl: 108

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

ZWIELICHT DER ROSE

TAUSEND TEILE

DREI JAHRE

FLUCH

KEINE HILFE

STUFE FÜR STUFE

KAHLE WÄNDE

OFFENBARUNG

KAMPF

ABSCHIED

VERGESSEN

LICHTBLICKE

DUNKLE TAGE

KEINE LIEBE

STEINIGER WEG

ABGESCHLOSSEN

ZWIELICHT DER ROSE

Wie beginnt man etwas, von dem man selbst nicht einmal weiß, wann es angefangen hat? Kann man ein Gefühl beschreiben, welches man jahrelang als normal betrachtet hat? Kann und soll man den Schmerz ausdrücken, den man bei all den furchtbaren Erlebnissen gefühlt hat? Um eine Antwort auf all diese Fragen zu finden, muss ich ganz zurück an den Anfang gehen.

Ich dachte, ich hätte die Liebe meines Lebens gefunden. An dieser Stelle schmunzeln die meisten erst einmal. Der Beginn eines klassischen Liebesromans. Die große Liebe und der EINE.

Doch genau so war es für mich.

Alles begann mit einer Rose. Ich lernte ihn mit 14 Jahren kennen und bekam auf dem Schützenfest meinen ersten Kuss. Er schoss mir eine Rose, die ich in einem Karton unter meinem Bett aufbewahrte, bis wir uns wieder trafen, als ich 18 Jahre alt war.

Ich hatte immer davon geträumt, nur einen Mann in meinem Leben zu haben, den ich irgendwann heiraten und mit dem ich bis an das Ende meiner Tage zusammen sein würde. Heute weiß ich, dass dieser Wunsch viel mit der Trennung meiner Eltern zu tun hatte. Diese hatte ich nicht so einfach verkraften können.

Ich wollte es besser machen. Wollte gut genug sein. Wollte nicht, dass mich je ein Mann verlässt. Hier schreibe ich ganz bewusst „mich“, weil es sich damals genauso für mich angefühlt hat.

Ich war immer sehr aufbrausend und impulsiv. Die Leute um mich herum waren deshalb oft genervt, als ich jünger war. In gewisser Weise hat all das zum Verlauf der späteren Jahre beigetragen.

Ich habe mich nie gut genug gefühlt. In meiner Kindheit war ich laut, dominant und wollte gesehen werden. Mein Verhalten wurde schon immer als übertrieben eingestuft, aber alles, was ich wollte, war genau das Gegenteil von dem, was ich bekam. Ich wollte geliebt werden. Ich wollte da abgeholt werden, wo ich gerade stand. Jedes Schreien, jedes aufmüpfige Verhalten bettelte um Liebe.

Versteht mich nicht falsch, meine Eltern haben mich geliebt. Besonders meine Mutter hat sich ein Bein für mich ausgerissen, um mir all die Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken, zu der sie fähig war. Doch ich habe etwas anderes gebraucht. Es war etwas in mir, das mich immer begleiten sollte, aber nicht beim Namen genannt werden konnte.

Und dann traf ich diesen Jungen wieder, als ich gerade volljährig war. Den Jungen aus meiner Bilderbuchgeschichte, dessen Rose ich noch immer unter dem Bett aufbewahrte. War das nicht ein Zeichen? War das nicht genau mein Moment? Er war zurückhaltend, bewunderte mich. Ich war ihm nicht zu viel. Im Gegenteil: Er hatte Angst, nicht gut genug für mich zu sein. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, gut zu sein, so wie ich war.

Nach nicht einmal zwei Wochen intensiver Zeit kamen wir zusammen. Ich gab mich ihm vom ersten Moment an vollständig hin. Es war, als hätte ich meine Seele genommen und mein komplettes Leben in seine Hände gelegt. Für mich war klar, dass ich angekommen war. Ich brauche nicht mehr zu suchen, denn ich war da, wo ich immer hatte sein wollen. Nichts würde jemals dazwischenkommen. Davon war ich überzeugt.

Er bewunderte mich und war stolz auf mich. Trotzdem hatte er Angst, mich zu verlieren. Wir engten uns gegenseitig ein. Rückblickend kann ich sagen, dass wir krankhaft miteinander umgegangen sind. Jeder von uns fürchtete sich ständig vor dem Verlust des anderen. Ich wollte ihm immer das Gefühl geben, dass er sich keine Sorgen machen musste. Deshalb habe ich ihm von jedem Kontakt mit einer männlichen Person erzählt, selbst wenn es nur ein Mitarbeiter der Post war. Ich hatte doch ihn gefunden. Er mochte mich so wie ich war, jetzt musste ich auch etwas tun. Ich wollte ihm immer wieder beweisen, dass ich nur ihm gehörte.

Ich selbst habe mich nicht geliebt. Nach außen wirke ich auf alle Menschen selbstbewusst und stark. Ich bin extrovertiert und habe, wenn ich in eine Gruppe von Leuten komme, immer ein Lächeln auf den Lippen. Meist verstehe ich mich auf Anhieb gut mit anderen. Damals wusste ich jedoch nicht, dass ich mich nicht selbst geliebt habe. Das begriff ich erst später. Immer war ich die ‚Coole‘, die ständig einen Spruch auf den Lippen hatte. In der familiären Runde ebenso. Ich trug zur Belustigung der Gruppe bei.

Mir wurde stets gesagt, der Mann, der mal kommt und es mit mir aushält, bekäme eine Medaille.

Ich fand es immer lustig, sogar heute noch. Doch es tut mir weh, dass ich und niemand anderes mein Innerstes kennt und ich nie dazu bereit war, es zu zeigen.

Aber kommen wir zurück zu meiner Beziehung. Es war wie eine Abwärtsspirale, aus der ich nicht mehr hinauskam. Wie sollte ich auch? Mein ganzes ‚Ich‘ hatte ich in die Hände eines anderen gelegt. Dabei wollte ich doch nur alles richtig machen und nicht verlassen werden. Wie kann ich jemanden halten und jeden Tag besser werden? Schon innerhalb des ersten Monats kamen die ersten kleinen Lügen von ihm. Ich fragte mich, was ich nur falsch gemacht hatte, dass er mir nicht die Wahrheit sagte. Hatte ich ihn unter Druck gesetzt?

Es tat so sehr weh, ich war so enttäuscht, und wenn ich an meine Mutter dachte, wusste ich, ich hätte es beenden müssen. Und zwar genau an diesem Punkt. Unter Tränen erzählte er mir, dass er gelogen hatte. Aber er tat mir so leid und ich brauchte ihn so sehr! Ich wollte doch nie wieder ohne ihn leben. Das allein ist bereits verrückt und zeigt, wie wenig ich mir selbst wert war. Also habe ich ihm verziehen. Mir habe ich gesagt, dass uns all das nur noch stärker machen würde. Tiefen zu überwinden, das macht eine gute Beziehung doch erst wirklich aus. Er sagte mir das immer wieder und ich wollte für uns kämpfen. Meine Idee: Dann kann ich jede Hürde aushalten. Hauptsache, ich habe ihn und er liebt mich.

Er lernte relativ schnell meine Familie kennen und alle waren begeistert. Wie konnte es jetzt noch besser werden?

Von seinen anfänglichen Lügen erzählte ich niemanden etwas, weil ich die Reaktion meiner Familie erahnen konnte. Also lieber darüber schweigen, so schlimm war es schließlich gar nicht. Das redete ich mir zumindest ein. Ich reagiere ja immer sehr übertrieben und vielleicht deutete ich auch alles falsch. Das waren meine Gedanken zu diesem Zeitpunkt. Er war mit seiner ruhigen und kommunikativen Art sofort in die Familie integriert worden und wurde immer sehr positiv dargestellt. Er sei so ruhig, weil ich ja eine sehr impulsive Person wäre. Da musste er schon einen langen Geduldsfaden haben, schließlich brauchte man den bei mir. Das alles musste ich mir nicht nur anhören, ich glaubte es damals auch selbst. Keineswegs war es böse von meiner Familie gemeint, das wusste ich. Es war einfach das Bild, welches man von mir hatte.

Ich war noch dankbarer, ihn an meiner Seite haben zu dürfen. Immer wieder hörte ich von den Freunden meiner Familie und von meinen eigenen Freunden, wie froh ich doch sein konnte, ihn zu haben, und wie froh sie waren, dass ich ihn gefunden hatte. Das gab ihm eine Macht über mich, derer er sich selbst nicht einmal bewusst war. Die Macht, dass ich immer und immer weniger wurde, mich nicht als eigenständige Person sah und nur noch mit ihm gemeinsam existierte. Für ewig mit ihm zusammen.

Heute frage ich mich, wer die Person von damals war. Rückblickend kann ich mich selbst nicht mehr verstehen. Gelenkt von anderen Menschen, mit keiner eigenen Meinung. Eine Person, die anderen Leuten nach dem Mund redete, um ihnen zu gefallen.

Ich war nichts weiter als eine Marionette.

Die ‚kleinen‘ Lügen schlichen sich immer häufiger ein. Jede Lüge war ein weiterer Vertrauensbruch. Es tat weh und Vertrauen war schon lange nicht mehr da. Ich kontrollierte ihn krankhaft auf Schritt und Tritt und stellte immer wieder fest, dass er nicht die Wahrheit sagte. Es wurde immer extremer, denn ich versuchte immer perfekter zu werden, in dem Glauben, dass er mich dann nicht mehr belöge.

Mein fester Wille war auch, nicht auszurasten, wenn er es wieder tat. Er sollte denken, dass ich eine großartige Freundin war. Ich hatte solche Angst, ihn zu verlieren. Schließlich war er doch alles, was ich hatte, dachte ich. Das führte dazu, dass ich mehr und mehr zuhause blieb, nichts mehr für mich tat. Er vertraute mir nicht, obwohl ich ihm niemals einen Grund für Misstrauen geliefert hatte. Jeden Schritt teilte ich per Tracking App mit ihm. Doch er machte immer wieder deutlich, dass er wüsste, wie ich wirklich sei. Dass ich, weil er gelogen hatte, doch irgendwann gehen würde. Ihm sei das klar. Ich dagegen suche die Fehler nur bei ihm. Dabei wollte ich ihm gar nicht dieses Gefühl vermitteln, ich wollte ihm doch zeigen, dass ich bleiben würde. Also blieb ich.

Ich blieb bei jeder Lüge und bei jeder neuen Enttäuschung. Ich spüre bis heute den Schmerz in meiner Seele, wenn ich daran denke, wie weh mir das jedes Mal getan hat. Diese vielen Vertrauensbrüche. Ständig log er darüber, wenn er mit seinen Freunden feiern gewesen war, erzählte mir Unwahrheiten darüber, was er am Abend zuvor getan hatte. Als ich ihn wieder einmal damit konfrontierte, dass er log, weil ich in seinen Geschichten Unstimmigkeiten entdeckt hatte und realisierte, dass er nie ehrlich zu mir sein würde, egal wie oft er es mir reumütig versprach, eskalierte die Situation. Ich stellte ihn zur Rede, immer und immer wieder, denn ich wollte, dass er endlich aufhörte. Diesen Schmerz wollte ich nicht mehr spüren. Ich selbst hatte noch nie gelogen. Was also stimmte mit mir nicht? Warum tat er das ständig? Er war so viel kräftiger als ich, und als er mich packte und auf das Bett warf, konnte ich ihm nichts entgegensetzen. Dabei schrie er mich an und sagte mir, wie krank ich doch sei. Das alles müsse er nur tun, weil ich so psychisch krank sei. Also zweifelte ich an mir selbst. Ich glaubte ihm. Es war sein Ziel, mich klein zu machen, damit er sich größer fühlen konnte. Trotz der ganzen Selbstzweifel, die durch ihn verstärkt wurden, war mir bewusst, dass all das nicht normal war. Trotzdem stellte ich mir die Frage:

Was stimmt nicht mit mir, dass jemand so zu mir ist oder sein muss?

Ich weinte. Das provozierte ihn noch mehr. Er zerschlug den Spiegel in seinem Zimmer. So kam eins zum anderen. Ich jedoch sah nur diesen kaputten, kleinen Spiegel. Er sagte mir, dass er das alles nicht mehr könne und dem Ganzen ein Ende setzen würde. Dann drückte er die Scherben gegen meinen Hals. Ich wusste, dass ich das nicht verdient hatte. Angst überkam mich. War das Liebe? Mit Sicherheit nicht. Plötzlich kam seine Mutter ins Zimmer und schrie. Sie zog mich raus und sagte, ich solle mich in Sicherheit bringen. Weg von dort, aber wohin?

Wo sollte ich hin, so wie es mir ging? Zu meiner Familie? Was sollte ich sagen? Nein, das konnte ich nicht. Ich setzte mich ins Auto und rief ihn fünf Minuten später an. Ihm tat es leid, er zeigte so viel Reue, und so weinten wir beide stundenlang am See. Dabei sagten wir uns, dass so etwas nie wieder passieren würde und dass uns das Geschehene nur stärker machte. Er befahl mir, dass ich es niemanden erzählen sollte, weil niemand wüsste, wie es zwischen uns sei. Gleichzeitig beteuerte er mir, wie sehr wir uns doch liebten. Dass es so etwas nur einmal im Leben gäbe.

Die wahre Liebe.

Und dass andere auch nicht über so etwas reden würden.

Er machte mir deutlich, dass alles nur an seiner schweren Vergangenheit läge und nur ich ihm helfen könne, ein besserer Mensch zu werden. Er wusste, er hatte mich nicht verdient. Dass er meine Gutgläubigkeit so arg ausnutzen würde, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Blind vor Liebe bekam alles eine ganz neue Bedeutung.

Seine Mutter suchte ebenfalls ein Gespräch mit mir. Sie sagte mir, dass es ein einmaliger Fehler gewesen sei und dass er ein gutes Herz habe. Sie berichtete mir von ihrer Vergangenheit, dass sie durch seinen leiblichen Vater viel Gewalt erlebt hatte und es deshalb zur Trennung gekommen war. Außerdem versicherte sie mir glaubhaft, dass sie die ganze Situation einschätzen könne und dass ihr Sohn durch mich zu einem besseren Menschen geworden sei.

Dass ich ihn in diesen paar Monaten bereits gerettet hatte.