9,99 €
Greta Gantenbein lässt uns in ihrem Buch "Zweite von links" in die goldenen Zeiten der Swissair eintauchen. Sie erzählt vom Aufstieg ihrer langjährigen Arbeitgeberin zur besten Airline der Welt, von ihrem ersten Flug nach New York, einer albtraumhaften Notlandung in Athen, einem Todesfall an Bord, ihrer Amour fou mit einem Kapitän, ihrer Bekanntschaft mit einem vom Vietnamkrieg versehrten GI, von gefährlichen Flügen in den Nahen Osten und der grenzenlosen Armut, mit der sie in Indien, Afrika und Südamerika konfrontiert wurde. Sie erzählt vom Aufgehobensein in der Swissair-Familie und von wochenlangen Aufenthalten in Luxushotels rund um den Globus, aber auch wie sie einen Aussteiger heiratete, mit ihm auf einen verlotterten Bauernhof ins Toggenburg zog, zwei Kinder bekam und diese - nachdem ihr Mann vom Aussteigen ausgestiegen war - allein großzog. Und davon, wie ihr das halbe Toggenburger Dörfchen dabei half, wieder bei der Swissair einsteigen zu können, damit sie finanziell über die Runden kam. Wie sie eine neue Liebe fand, wie sie parallel zu ihrer Arbeit bei der Swissair für eine private Airline zu arbeiten begann und über den Wolken Leute wie Sepp Blatter oder Daniel Vasella, die Fürstenfamilie von Monaco, neureiche Russen, milliardenschwere Scheichs und den größten Wirtschaftsbetrüger Deutschlands bediente. Und - in klaren und auch anklagenden Worten - davon, wie es sich anfühlte, als die Swissair am 2. Oktober 2001 gegroundet wurde.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2016
Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe
© 2016 Wörterseh, Gockhausen
Lektorat: Claudia Bislin und Andrea Leuthold, Zürich Korrektorat: Brigitte Matern, Konstanz Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina, Holzkirchen Foto Cover: offizielles Foto der Swissair anlässlich der Diplomfeier von Greta Gantenbeins Klasse Foto »Über das Buch«: Peter Schüpbach – die sieben DC-4-Hostessen (von links) Bettina Weber, Marianne Schlaubitz, Jeannine Stenz, Olivia Montanari, Greta Gantenbein, Isabella Stefanini, Cristina Lässer Bildnachweis Bildstrecke: Privatarchiv; wo bekannt, wird die Quelle genannt Bildbearbeitung Bildstrecke: Michael C. Thumm, BlaubeurenLayout, Satz und herstellerische Betreuung: Beate Simson, Pfaffenhofen a. d. Roth Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
Print ISBN 978-3-03763-075-4 E-Book ISBN 978-3-03763-613-8
www.woerterseh.ch
Über das Buch
Über die Autorin
Start
Über den Wolken
Max
Amors Pfeil
| Bildteil |
Toggenburg
Wieder in der Luft
Turbulenzen
Galerie
Neues Glück
Jetset
DC-4-Mission
Striland
Grounding
Mein Dank
Greta Gantenbein lässt uns in ihrem Buch »Zweite von links« in die goldenen Zeiten der Swissair eintauchen. Sie erzählt vom Aufstieg ihrer langjährigen Arbeitgeberin zur besten Airline der Welt, von ihrem ersten Flug nach New York, einer albtraumhaften Notlandung in Athen, einem Todesfall an Bord, ihrer Amour fou mit einem Kapitän, ihrer Bekanntschaft mit einem vom Vietnamkrieg versehrten GI, von gefährlichen Flügen in den Nahen Osten und der grenzenlosen Armut, mit der sie in Indien, Afrika und Südamerika konfrontiert wurde. Sie erzählt vom Aufgehobensein in der Swissair-Familie und von wochenlangen Aufenthalten in Luxushotels rund um den Globus, aber auch wie sie einen Aussteiger heiratete, mit ihm auf einen verlotterten Bauernhof ins Toggenburg zog, zwei Kinder bekam und diese – nachdem ihr Mann vom Aussteigen ausgestiegen war – allein großzog. Und davon, wie ihr das halbe Toggenburger Dörfchen dabei half, wieder bei der Swissair einsteigen zu können, damit sie finanziell über die Runden kam. Wie sie eine neue Liebe fand, wie sie parallel zu ihrer Arbeit bei der Swissair für eine private Airline zu arbeiten begann und über den Wolken Leute wie Sepp Blatter oder Daniel Vasella, die Fürstenfamilie von Monaco, neureiche Russen, milliardenschwere Scheichs und den größten Wirtschaftsbetrüger Deutschlands bediente. Und – in klaren und auch anklagenden Worten – davon, wie es sich anfühlte, als die Swissair am 2. Oktober 2001 gegroundet wurde.
Das Buch »Zweite von links« erzählt vom Aufstieg und Niedergang »unserer« Swissair, es erzählt aber auch die Geschichte einer Frau, für die das Wort »aufgeben« schlicht nicht existiert.
»Ein witziges, trauriges, ehrliches und absolut hinreißendes Buch. Auch, weil es nicht einfach die Geschichte einer Air-Hostess erzählt, sondern das Leben einer Frau, die ihren Weg immer wieder neu suchen musste. Ein Mutmachbuch.«
Marianne Willi, ehemalige Personalchefin des Kabinenpersonals der Swissair
© Wörterseh
Greta Gantenbein, geb. 1948 als Greta Carla Huber in Zürich, lebte nach dem frühen Tod ihrer Mutter bei ihrer Patin und deren Mann. Nach einer Lehre als Zahnarztgehilfin und diversen Sprachaufenthalten stolperte sie Anfang 1969 in der »Annabelle« zufällig über ein Inserat der Swissair, die Air-Hostessen suchte. Sie passte ins Anforderungsprofil, bestand das Auswahlverfahren und begann im Oktober desselben Jahres mit der Ausbildung. 1977 heiratete sie, hängte den geliebten Job an den Nagel und bekam zwei Kinder. Die Scheidung wenige Jahre später war existenzbedrohend – aber auch befreiend. Und sie brachte sie zurück in die Lüfte. Als sich Greta Gantenbein 2006 pensionieren ließ, konnte sie auf dreißig Jahre Berufserfahrung als Air-Hostess zurückblicken. Vor einem Jahr begann sie damit, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, um »das Kapitel Swissair ad acta zu legen und mein Leben aufzuräumen«. Dass ihre Geschichte jemals veröffentlicht werden würde, damit hat sie nicht gerechnet. Greta Gantenbein lebt heute im Aargau.
Jemand berührt mich sanft am Ellbogen. Nein, ich will nicht aufwachen! Ich will kein Frühstück servieren. Jetzt nicht. Nie mehr, ich will weiterdösen, weiterträumen. Noch eine Berührung, diesmal etwas weniger sanft. Sie bringt mich zurück in Zeit und Raum. Zeit: morgens vier Uhr. Der Raum: untere Etage im Schlafraum der Kabinenbesatzung. Dieser wiederum im Frachtraum eines Airbus 330 irgendwo zwischen Los Angeles und Zürich. Es gibt sechs Schlafplätze. Gut, man muss sagen, in der Länge ist unser Schlafplatz ganz kommod. Bei einer Größe von einem Meter sechzig sowieso. In der Breite: kein Problem – immer vorausgesetzt, man hat sein Gewicht halten können.
Früher, bei der Swissair, musste man sein Gewicht auf jeden Fall halten, das war Vorschrift. Ein paar Kilo zu viel, und man landete unsanft im Bodendienst, bis das wieder geregelt war. Ein »personal grounding« quasi. Selbstverständlich galt diese Regelung nur für die Damen. Heutzutage wäre das undenkbar. Heute gibt es Uniformen auch in den Größen 44 bis 46 und darüber hinaus, für Herren und Damen.
Aber zurück zum Schlafplatz; es fehlt noch die Höhenangabe. Liegt man flach auf dem Rücken, sind es von der Nasenspitze bis zum nächsten Flight-Attendant über dir gefühlte zwanzig bis dreißig Zentimeter. »Na ja«, denkst du und hüllst dich in die kuschelweiche, warme, dicke Decke, die die Swiss uns gönnt. Kein Polyesterzeug! Das war lieb von der Swiss, denn uns war ab und zu immer noch etwas kalt ums Herz und an den Füßen.
Aber jetzt muss ich mich definitiv aus der Decke schälen, den Ort der Ruhe und des Friedens verlassen und zurück an die Front. »Du schaffst das!«, rede ich mir zu. Wir haben schon Schlimmeres ausgestanden – sogar ein Grounding. Und die Pensionierung ist auch nicht mehr fern. Vorwärts! Alle Uniformteile zusammensuchen, Schuhe nicht vergessen, Treppe hoch und direkt in die Toilette, die eine gute Seele von Flight-Attendant für die anderen aus dem Schlaf gerissenen Crew-Mitglieder blockiert hat.
Gerade jetzt liegt mir das Wort Flight-Attendant aber wieder etwas quer im Hals. So früh am Morgen sowieso. Früher hießen wir Stewardessen. Dann Air-Hostessen. Da war doch noch ein bisschen Glamour dran, nicht nur an dem Namen, an allem halt. Und jetzt: Flight-Attendant, Flugbegleiter, Flugbegleiterin. Mir gefällt das nicht. Gar nicht gefällt mir auch »Maître de Cabine« (Chef der Kabinenbesatzung auf Langstreckenflügen). Im Wörterbuch auch: Grundschullehrer, Bademeister, Oberkellner. Korrekterweise hätte das Wort für die Damen ins Femininum gesetzt werden müssen: »Maîtresse de Cabine«. Unmöglich: Geliebte, Herrin, Grundschullehrerin. Nicht einmal die verbissenste Emanze bringt so was über die Lippen. Und unter uns heißt das sowieso kurz und bündig: »M/C« für den Maître, »M/Cöse« für die Maîtresse, »F/A« für die Flight-Attendants und »Temp« für die Aushilfen. Flugbegleiter, Flugbegleiterin kam erst später dazu. Nur gut, dass diese Namenskapriolen vor der Cockpit-Tür haltgemacht haben. Hätte »Flugzeugfahrer« etwa noch einen Hauch von sexy?
Mir graut vor dem Blick in den hell beleuchteten Toilettenspiegel. Die Haare fliegen statisch aufgeladen in alle Richtungen, die Augen sind rot von der arg trockenen Luft, die Wimperntusche findet sich überall. Kleine Renovation, ein Schuss Evian-Sprühnebel hinterher.
In der Kabine ist es Gott sei Dank noch dunkel. Ich schreite im Stechschritt Richtung Bordküche, damit nicht schon alle alles von mir wollen. Das Kabinenlicht schalten wir erst einmal nur auf Stufe eins, sehr rücksichtsvoll von uns. Dann Stufe zwei. Mit Stufe drei kommt dann die Menschheit in ihrer urmenschlichsten Seite ans Licht: zusammengefaltet in die Sitze verkrochen, zerknittert, zerzaust und erschlagen, sogar in der ersten Klasse. Ein Gähnen, Recken, Strecken und Grochsen.
Wir aber sind inzwischen wieder voll präsent und dienstleistungswillig, geben alles. Zumindest war das zu Swissairs Zeiten so. Die jetzt leider zum Schnäppchenpreis verkauft ist. Mit dem Wechsel zur Swiss war dann buchstäblich ein wenig die Luft weg. Interessanterweise haben viele ausländische Passagiere nie mitbekommen, was für ein Erdbeben damals die Swissair und die Schweiz erschütterte. Für sie galt: Weißes Kreuz auf rotem Grund – alles ist gut. Wir waren aber besser als gut, wir waren top. Und damit meine ich nicht nur die Fliegenden. Alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Swissair gaben ihr Herzblut, waren ein bisschen mit der Swissair verheiratet, und alle waren stolz auf ihre Airline. Sehr stolz sogar. Unser Nationalstolz war das. Im In- und Ausland wurden wir geschätzt und bewundert. Alles, was Rang und Namen und/oder Kohle hatte, flog mit uns. Oft sogar nur mit uns. Unter anderen viele jüdische Menschen. Sie fühlten sich sicher aufgehoben und wurden in ihren Riten und Essensgewohnheiten respektiert. Generell darf ich ohne Bluff behaupten: Wer etwas auf sich hielt, flog mit der Swissair.
Diese Zeiten sind jetzt so oder so vorbei, wo doch Krethi und Plethi ihren eigenen Jet haben. Und die jungen Flight-Attendants müssen auch nicht mehr zwingend lernen, wie man einen Knicks macht, ohne mit den Armen zu rudern, oder wie man Eminenzen anredet. Einer Kollegin passierte dann auf einem Flug nach Rom trotzdem ein kleiner Fauxpas: Als der Bischof an Bord gebracht wurde, sprach sie ihn frisch und fröhlich mit »His Émincé« an. »His Eminence« nahm es mit Würde und Gelassenheit und meinte, er würde unser Zürcher Geschnetzeltes – »émincé« – sehr wohl kennen, und er finde es köstlich.
Ich verwende mit Absicht konsequent das Wort »Passagiere«. Das Wort »Gäste« finde ich übertrieben, heuchlerisch. Passagiere wollen sicher von A nach B reisen und dabei möglichst viel und gut essen und trinken, verwöhnt werden halt. Eine Airline ist ein Transportunternehmen. Außer die Swissair, die war auch noch eine fliegende Bank. Das wurde jedenfalls behauptet. Leider wissen wir heute, wie schnell es selbst mit den Banken den Bach runtergehen kann. Der Begriff »Gäste« hätte in den frühen Swissair-Zeiten aber durchaus eine gewisse Berechtigung gehabt.
Doch schauen wir zuerst, wie ich als kleines Mädchen vom Lande überhaupt zur Swissair kam. Hier könnte sich die Frage stellen, ob es so was wie ein Fernweh- und ein Heimweh-Gen gibt. Ich unterscheide das so: Die Heimweh-Gen-Mädchen, mit denen ich zur Schule ging, wollten alle einen Beruf erlernen, in dem man mit Kindern oder Tieren (Platz eins: Pferde) zu tun hatte. Ich mit dem Vagabunden-Gen wollte einfach und um jeden Preis in die weite Welt hinaus. Weg von dem Kaff, in dem ich geboren wurde. Das galt für mich als abgemacht. Und es erfüllte sich schneller, als mir lieb war.
Nach dem frühen Tod meiner Mutter heiratete mein Vater zügig eine um gut zwanzig Jahre jüngere Frau. Wir mochten uns auf Anhieb nicht. Ebenso zügig kam mein kleiner Halbbruder zur Welt, den ich auf Anhieb liebte. Meine Stiefmutter stellte meinem Vater bald ein Ultimatum: Entweder sie gehe mit dem Bub, oder ich müsse gehen. Zwei zu eins für sie. Dadurch wurde ich auch von meiner besten Schulfreundin getrennt – die Freundschaft blieb uns trotzdem jahrzehntelang erhalten.
Von nun an kümmerten sich meine Patin, die Schwester meines Vaters, und ihr Mann liebevoll um meine Erziehung und meine Ausbildung. Ich kam in eine weiterführende private Schule in Zürich, mein erster Schritt hinaus aus der Provinz. Es folgte ein Jahr in einem Internat in Neuenburg, wo sie mir nebst Französisch auch das Führen eines Haushaltes beibringen sollten. Mit dem Französisch hat es nicht schlecht geklappt, den andern Teil vergessen wir sofort.
Zu meiner Motivation, die Sprache zu erlernen, trug die Lehrerschaft mit ihrem welschen Putz und Gehabe kein bisschen bei, umso mehr der Umstand, dass die Hälfte der dreißig Mädchen aus aller Herren Ländern kam. Wie sonst hätten wir miteinander reden können? Nur so erfuhr ich, wie es sich anderswo lebt – und ich versprach, sie alle zu besuchen in ihrer Heimat. Irgendwann.
Aber zuerst musste ich einen Beruf erlernen. Einen anständigen. Oder müsste ich sagen: »durfte ich einen Beruf erlernen«? Denn damals war man sich immer noch nicht ganz einig, ob sich das denn auch wirklich lohne für ein Mädchen. Das Frauenstimmrecht war gerade wieder voll abgeschmettert worden, und die Gleichstellung der Frau war in gewissen Kreisen eine sichere Lachnummer, obwohl oder gerade weil es bereits engagierte und kluge Frauen gab, die sich zu Wort meldeten. Ich denke zum Beispiel an Iris von Roten. Nur war die Zeit leider noch nicht reif für die intellektuell Aufdringlichen, so viel stand fest.
Ich entschied mich, Zahnarztgehilfin zu werden. Durch die guten Beziehungen meiner Patin fand ich im Nu die perfekte Lehrstelle am Zahnärztlichen Institut der Universität Zürich. Es war eine tolle Zeit, und ich lernte viele interessante Menschen kennen, zum Beispiel hübsche Assistenzärzte oder Revoluzzer-Studenten, die wenigen, die nicht so brav angepasst waren wie ich und mich mitnahmen auf ihre Sauftouren.
Trotzdem zog es mich bald nach dem Lehrabschluss weiter. Nach England in eine Sprachschule, genauer: nach Bournemouth. Jetzt fing mir das Leben so richtig an, zu gefallen. Das Nonplusultra-Leben war das! Ich fühlte mich endlich frei und ziemlich erwachsen, mit just zwanzig. Meine Gastfamilie, ein reizendes, altes, typisch englisches Ehepaar, feuerte keine Blitze aus den Augen, wenn ich spät nach Hause kam – die beiden schliefen friedlich. Und an der Schule wimmelte es von exotischen Vögeln. Das einzig Dumme an der neuen Freiheit war, dass ich oft die Schule schwänzte.
Schon bald fand ich vier Girls aus der Schweiz, die das genauso hielten. Wir nannten uns »The 5 Swinging Spinsters«, zu gut Deutsch »Die fünf schwingenden Jungfern«, und kauften ein Auto. Marke Humber, Jahrgang 1947, etwas klapprig und rostig, aber groß genug für uns fünf. Preis: zweihundert Pfund. Der Schlitten musste nur noch etwas aufgepeppt werden. Als Erstes durfte jede die Füße in einen Farbtopf tauchen und einmal über das Auto spazieren. Gleiches mit den Händen seitlich an den Türen und dazu unsere Namen. Ein großes Schweizer Kreuz auf die Haube, ein paar Blümchen über den ärgsten Rost, »The 5 Swinging Spinsters« aufs Heck, und los gings Richtung Oxford. Das Radio immer voll aufgedreht in der Hoffnung, dass ein Song von den vier Pilzköpfen, die gerade begonnen hatten, die Welt zu erobern, durch den Äther geschmettert würde.
In Edinburgh erwartete uns, nachdem wir den Humber nach einer Stadttour endlich wiedergefunden hatten, ein Zettel hinter dem Scheibenwischer. Ein Reporter des »Scottish Daily Records« bat uns in die Redaktion. Hoffte wahrscheinlich auf eine Girl-Group, die große Entdeckung, womöglich gar ein weibliches Pendant zu den Beatles. Natürlich gingen wir hin, und auch wenn wir ihn diesbezüglich enttäuschen mussten, fand er unsere Geschichte ganz lustig. Und prompt erschien am nächsten Tag auf Seite drei des »Scottish Daily Records« ein großes Foto von uns mit einem kleinen Kommentar. Was aber weit mehr zählte: Wir erhielten ein Honorar.
Davon leisteten wir uns eine Bed-&-Breakfast-Übernachtung. Die Nächte im Auto und/oder im Freien setzten uns langsam zu, und mit dem Budget stimmte auch nicht alles. Mit dem Humber ebenso wenig, genauer: mit der Bremse. Am nächsten Morgen, als wir Richtung Inverness aufbrechen wollten, war plötzlich ganz Feierabend mit der Bremse, und wir kurvten mit der Handbremse durch das hügelige Edinburgh, bis wir eine Garage fanden. Der Grund für die Panne: kein Bremsöl. Das Öl war ziemlich teuer, und der irgendwie immer leere Benzintank fraß ein weiteres Loch in unsere Kasse. Die Stimmung wurde etwas fragil.
Nach einer weiteren unbequemen Nacht mit Wetterumschlag – es wurde kalt und nass – erreichten wir Inverness. Ich saß am Steuer und verschwieg den andern, dass sich die Bremse wieder verdächtig weich verhielt. Sie waren schon so mit den Nerven am Ende. Komplett am Ende. Sie wollten nur noch weg von diesem »Scheißschottland« mit dem »Scheißklima«, und niemals würden sie noch eine Nacht in diesem »Scheißauto« verbringen, und Hunger und Durst und kalt hätten sie auch, und duschen wollten sie, und zwar warm! Ich hatte so etwas wie eine Eingebung, und obwohl ich gar kein Alphamensch bin, übernahm ich kommentarlos die Führung und fuhr mit meinen jammernden Gefährtinnen, wieder mithilfe der Handbremse, zum Hafen, suchte intuitiv ein großes Schiff aus – »Heinrich Brand« hieß es – und parkte den Humber direkt unterhalb der Reling. Bevor die Girls intervenieren konnten, stieg ich die steile Hühnerleiter hinauf zum Schiff.
Kaum oben angelangt, kam mir ein hübscher, junger deutscher Unteroffizier entgegen. Ich grüßte ihn freundlichst. Er grüßte auch und fragte, was ich denn wünschte. »Ganz ehrlich?«, begann ich. »Ganz ehrlich wünsche ich mir eine Übernachtungsmöglichkeit für fünf völlig verzweifelte Schweizer Mädchen, etwas Warmes zu essen, eine heiße Dusche und dass jemand die Bremse unseres Autos repariert – und wenn es nicht zu viel verlangt wäre, ein ausgiebiges Frühstück für morgen.« Dann schlug ich die Augenlider nieder, hielt den Atem an und schaute stramm auf meine Füße. Einen Moment lang war es ganz ruhig. Sehr ruhig. Bis plötzlich der hübsche Unteroffizier laut herauslachte und sagte: »Moooment«, und weg war er. Ich schaute auf den Humber und die Girls hinunter, die mir den Vogel zeigten.
Nun kam der Unteroffizier mit dem Kapitän des Schiffes zurück, und der sagte ohne Umschweife: »Geht in Ordnung.« Wow! Ich fiel ihm um den Hals und scheuchte dann meine verstörten Kameradinnen die Hühnertreppe hoch. Jetzt kam Bewegung aufs Schiff. Der Koch wurde angewiesen: »Fünf Mahlzeiten zusätzlich!« Den Matrosen befahl der Kapitän: »Massenschlaflager im Steuerraum herrichten!« Schon bald saßen wir mit der ganzen Mannschaft gemütlich am gedeckten Tisch, genossen ausgiebig das Essen, tranken würziges Bier. Sie erzählten von den Holztransporten von Russland nach Europa und wie das Leben halt so sei in der Branche, von der Langeweile, dem Heimweh nach den Liebsten. Wir erzählten von unserem kleinen Leben und unseren Träumen. Die Crew freute sich riesig über die »flotte Abwechslung«, wie sie es nannten. Es war eine Gastfreundschaft ohne Anspruch auf Gegenleistung.
Diese Begegnung werde ich nie vergessen und meine Begleiterinnen auch nicht. Am nächsten Morgen durften wir alle warm duschen und ausgiebig frühstücken. Der Schiffsmechaniker stopfte das Leck in der Bremsölleitung, füllte das Bremsöl auf, und als ob das nicht schon des Guten genug wäre, gab uns die Besatzung noch zwanzig Pfund aus der Bordkasse mit auf den Weg. Beim Abschied hatten wir Tränen in den Augen, und die Deutschen, in ihrer korrekten Manier, zeigten auch Gefühle. Es war eine großartige Erfahrung.
Dann fuhren wir los Richtung Loch Ness, Gretna Green, die ganze herrliche Westküste Englands hinunter. Dank der Schiffscrew hatten wir wieder ein bisschen Geld, und schon bald wurde unser Budget auf wundersame Weise aufgestockt. Eines der Girls stammte aus einer großen Schnapsbrenner-Dynastie aus dem Appenzell und berichtete seinen Eltern, dass wir sogar auf Frachtschiffen in reiner Männergesellschaft übernachten müssten, um überleben zu können. Und schon rollte der Groschen. Gut, die Eltern hätten auch einfach sagen können, wir sollten schnurstracks an die Schule zurückkehren, aber in Anbetracht des Umstands, dass in Zürich gerade die Globus-Krawalle wüteten, war so eine kleine Reise doch harmlos, oder? Wir konnten unsere Tour nach Wunsch und höchst genussvoll weiterführen und kehrten zufrieden nach Bournemouth zurück an die Schule. Den Humber verkauften wir mit einem Gewinn von fünfzig Pfund an die nächsten Abenteurer.
Meine Schulzeit in England ging trotz meiner häufigen Abwesenheiten mit einem Diplom zu Ende, und ich musste ans Heimkehren denken. Dabei gönnte ich mir einen kleinen Umweg über Paris, wo es mir auch gut gefiel, bis mir einmal mehr die Kohle ausging. Ich rief meinen Vater an und bat um etwas Geld für ein Zugbillett von Paris nach Zürich – in der Hoffnung, dass sein schlechtes Gewissen noch etwas darauflegen würde. Prompt. Ich kaufte das Ticket und blieb so lange, bis der letzte Centime verprasst war.
Und jetzt? Wie weiter? Ein glücklicher Zufall half mir auf die Sprünge. Ich erbte einen kleinen Betrag von meiner italienischen Großmutter. Was lag näher, als meine Großmuttersprache zu erlernen? Also ab nach Italien. Perugia. Wie damals, als ich nach England ging, wollte meine Patin mich auch diesmal an den Zielort begleiten, um zu sehen, ob dort alles rechtens war. Wir flogen mit der Swissair nach Rom. Ich bewunderte die Stewardessen in ihren hübschen Uniformen, den weißen Handschuhen und den Pillendöschen-Hütchen auf dem toupierten Haar, noch nicht ahnend, dass ich eines Tages auch so dastehen würde.
Aber nun war ich in Rom. Nachdem der Bedarf an Sehenswürdigkeiten erschöpft war, brachte uns ein Chauffeur von Rom nach Perugia, weil meine Patin den italienischen Zügen nicht traute. Dieser Chauffeur war so ein Galan, Charmeur und Eins-a-Fahrer, dass sie zu meiner Erleichterung nach der Inspektion meiner neuen Umgebung und einer Kurzfassung der obligaten Moralpredigt – erstens Männer, zweitens Alkohol, drittens Zigaretten – gleich mit ihm nach Rom zurückfuhr. Das große Trinkgeld war ihm so gewiss wie mir die große Freiheit. Zuerst gönnte ich mir einen Campari, dazu eine Marlboro rot. Punkt eins der Predigt missachtete ich erst später.
In Perugia fühlte ich mich schon am ersten Tag heimisch. Nie mehr im Leben habe ich so schön gewohnt wie in dem Taubenschlag ganz oben in der Altstadt. Kleine Terrasse, Blick auf die Dächer von Perugia und auf Umbrien mit den atemberaubenden Sonnenuntergängen. Die Gastfamilie vermietete vier ihrer Zimmer an solche wie mich, war herzlich und manchmal nicht zu beneiden. Mit den drei anderen Schweizer Mädchen wurde ich sofort warm. Diejenige, die als Erste angekommen war, wusste bereits über alles Bescheid: Die Università könnten wir gleich vergessen, da lerne man rein gar nichts. Am besten, wir würden uns subito einen feurigen Italiener anlachen. Nur so erlerne man die Sprache, quasi im Schlaf. Aha!
Ich versuchte es dann doch mit der Schule, aber tatsächlich gab es eine weit amüsantere Methode, beim Italienischlernen vorwärtszukommen. Einmal über die Piazza spazieren, und schon hatte man an jeder Hand einen hübschen jungen Italiener, der Cappuccino trinken und über die Kommunisten, Ferraris, Fußball, den Papst, die Liebe und die Mamma (viel) reden wollte. Mit der Zeit schälte sich dann so ein Lieblingskäffchentrinker heraus. Wenn man gescheit war, schaute man gut darauf, dass er einen Cinquecento oder zumindest eine Vespa hatte. Wer wollte schon in Perugia festhocken? Meiner hieß Aldo und war sehr lieb und galant. Typ Clooney mit Dauerwelle. What else? Ich war ein bisschen verliebt, aber nicht so sehr, dass ich alles hätte stehen und liegen lassen und hätte bleiben wollen.
Eines Tages kam ein Brief aus der Schweiz, von der Sekretärin meines Lieblingsoberarztes am Zahnärztlichen Institut. Seine Abteilung suche eine Gehilfin, ob ich interessiert sei. Interessiert war vielleicht etwas schöngeredet, aber klar war, dass ich jetzt mein eigenes Geld verdienen wollte. Die Anfrage freute mich jedenfalls sehr, und ich sagte zu. Provokant fragte ich meinen Vater, ob ich vorübergehend zu Hause wohnen könne. Stiefmütterchen winkte ab, dafür bekam ich erneut Unterschlupf bei meinen lieben Verwandten.
Zurück im Laufgitter. Zurück am Institut. Zu dieser Zeit hätten meine Patin und mein Onkel vermutlich gern die Verantwortung für mich an einen passablen Bräutigam abgegeben. Sagen wir, an einen mit Rang, Namen und altem Geld. Man muss das so verstehen: Mein Onkel war Oberst der Kavallerie, Chemiker mit eigenem Betrieb und Freimaurer. Manchmal gaben sich einflussreiche Persönlichkeiten bei uns die Klinke in die Hand, wie etwa der oberste Richter des Europäischen Gerichtshofs, mit Freundin (inoffiziell). Einmal, als ich den Herren den Kaffee servieren durfte, schnappte ich auf, dass das, was sie hier entschieden, am nächsten Tag im Bundesrat diskutiert werde. Ich fragte meinen Onkel, was das denn heiße. Das sei nichts für kleine Mädchen, erklärte er mir. Einem der wichtigen Herren brachte ich in späteren Jahren ab und zu eine Dose Kaviar aus Teheran mit. Kleines Nebengeschäft? Nein! Ich verlangte präzis den Preis, den ich bezahlt hatte. Natürlich in harten Schweizer Franken. Für das große Bakschisch, das einem zusätzlich noch aufgedrängt wird, kann doch keiner was. So läuft das eben überall. Und nicht erst heute beim Fußball.
Sehr beeindruckt hat mich auch der Kompaniearzt und Freund meines Onkels. Ein Bild von einem Mann, der dreimal geheiratet hatte. Immer dieselbe Frau! Als Teenager findet man solche Geschichten natürlich hinreißend. Seinen Sohn traf ich später als Swissair-Kapitän. Er hatte die schönen Augen vom Papa!
Die Mutter meiner Patin, meine Großmutter, stammte aus der alten Seidenfabrikantenfamilie Zürrer. Meine Ersatzeltern selbst waren sehr bescheidene Menschen. Überfluss und Posse mochten sie nicht. Sie haben nicht nur mir viel Gutes getan, auch andere Menschen kamen in den Genuss ihrer Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft. Meinen Respekt, meine Dankbarkeit und Liebe für sie werde ich immer bewahren, auch wenn es in jener Zeit manchmal Zoff gab.
Ich wollte die Verantwortung für mein Leben jetzt selbst in die Hand nehmen. Das Schicksal spielte mir, einmal mehr, eine wunderbare Karte zu: ein Jobangebot aus Houston, Texas, von einem Schweizer Zahnarzt. Gleichzeitig sah ich zufällig ein Inserat der Swissair in der »Annabelle«. Sie suchten junge Frauen (»Fräulein«!) als Air-Hostessen. Anforderungsprofil:
Schweizer Bürgerin Alter: 21 bis 28 Jahre alt Größe: 1 Meter 60 bis 1 Meter 80, schlank Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch Abgeschlossene Berufslehre oder Matura, belastbar …
Rein theoretisch suchten die genau mich! Ruck, zuck stellte ich meine Bewerbungsunterlagen zusammen. Handgeschriebener Lebenslauf, Zeugnisse, Fotos, Motivationsgründe, und ab die Post. Schon bald kam die Antwort: Es freue sie, mir mitteilen zu können, dass sie meine Bewerbung als Air-Hostess in die engere Wahl ziehen würden. Die Freude war ganz meinerseits. Der Termin für die Eignungsprüfung lag bei.
Pünktlich um acht Uhr dreißig stand ich mit zwölf weiteren Bewerberinnen am Empfang des Swissair-Verwaltungsgebäudes in Balsberg. Die meisten waren ziemlich nervös, wussten wir doch, dass in der Regel nur zehn bis zwanzig Prozent der Aspirantinnen in das Swissair-Schema passten. Wir waren also harte Konkurrentinnen, und das sah man auch.
Kritische Blicke schweiften umher, und die Gedanken waren leicht zu lesen: Die Brillenschlange dort kanns vergessen, die Aufgetakelte sowieso. Und die mit den Seppelhosen ohne Frisur? Niemals! Das hübsche Mäuschen? Sicher zu dumm! Die Sexbombe? Bloß nicht! Und so weiter. Blieb eigentlich für jede nur noch sie selbst übrig. Zum Glück machte eine adrette Dame diesen Spekulationen ein Ende, bat uns in ein Schulungszimmer und verkündete den Tagesablauf. Am Morgen die schriftlichen Prüfungen, am Nachmittag die mündlichen. Zuerst mussten wir unter Zeitdruck einen Block Rechenaufgaben lösen. Gut, das war jetzt nicht meine stärkste Seite, aber egal, ich hatte ja Houston so gut wie im Sack. Es folgte ein Aufsatz: »Warum möchte ich Air-Hostess werden?« Dann ein Blatt mit achtzig angefangenen Sätzen, die wir, wieder unter Einhaltung des Zeitplans, beenden mussten. Abschließend ein Fragebogen zur Allgemeinbildung. Beispiel: Wer schrieb »Carmen«? Was heißt Nato?
Nach der Mittagspause wurden wir einzeln in einen Raum geführt, wo vor laufender Kamera sofort ein Sprachen-Gewitter auf einen herunterprasselte und man sich schlagfertig »metzgen« musste. Diesen Posten nahm ich mit links. Es folgten ein paar praktische Aufgaben, die so konzipiert waren, dass sichtbar wurde, ob man nicht zwei linke Hände hatte. Jetzt noch Größen- und Gewichtskontrolle und zum Schluss das Gespräch mit einem Psychologen.
Der Clou: Wer saß am nächsten Morgen Punkt acht Uhr mit fürchterlichen Zahnschmerzen im Wartezimmer der Poliklinik am Zahnärztlichen Institut, als ich den ersten Patienten hereinbitten wollte? Der Psychologe! Wie klein die Welt doch manchmal sei, und wie schön, dass wir heute ihm ein bisschen auf den Zahn fühlen dürften, meinte ich. Er fand das mäßig lustig. Höflich und tröstend führte ich ihn zum Behandlungsstuhl. Serviettchen umbinden, Spülglas auffüllen, ein bisschen nett plaudern und schon mal die Spritze so bereitlegen, dass die Nadel genau auf ihn zielte;
