Andere Länder, andere Sitten - Nazim Kiygi - E-Book

Andere Länder, andere Sitten E-Book

Nazim Kiygi

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Beschreibung

"Ticken" Türken anders als Deutsche? Man kann versuchen, diese Frage zu beantworten, indem man Sprichwörter und Redewendungen in beiden Sprachen miteinander vergleicht. Die Übersetzung für ein türkisches Sprichwort lautet: "Mit fremdem Mund kann man keine Suppe essen." Es hört sich zwar lustig an, aber auch mit einer blühenden Fantasie würde man nicht auf das entsprechende deutsche Sprichwort kommen, das "Besser eigenes Brot als fremder Braten" lautet. Sprichwörter und Redewendungen drücken den Charakter eines Volkes aus und sind im Kollektivgedächtnis der jeweiligen Bevölkerung gespeichert. Die Geschichten in diesem Buch, teils Bruchteile meiner Erinnerungen realer Geschehnisse, die durch meine Fantasie formuliert und in die Narrative verwandelt wurden, behandeln eben diese Sprachebene, wo Sprichwörter und Redewendungen in der Alltagssprache eine wichtige Rolle in der zwischenmenschlichen Kommunikation spielen.

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Seitenzahl: 50

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Auch für die verlauste Saubohne gibt es einen blinden Käufer

Sprache verbindet Menschen

Deine Seele zieht nicht!

Peanut butter

Er hat seine Schalen und Kämme zusammengepackt und ist zu seinem Deckel gegangen

Let it be, Augustus, lass es sein

Tret nicht auf den Schwanz einer schlafenden Schlange!

Er hat es aufs Gesicht und die Augen infiziert und der Kürbis ist auf meinem Kopf geplatzt

Gib Leeres!

Vorwort

Im Türkischen gibt es das Sprichwort: “eine Sprache, ein Mensch, zwei Sprachen, zwei Menschen“.

Die Entsprechung auf Deutsch wäre wohl: „Sprache verbindet Menschen“. Eine noch bessere Entsprechung wäre wohl: „mit jeder Sprache, die du erlernst, befreist du einen bis daher in dir gebundenen Geist“.

Es handelt sich hier um die Verständigung zwischen Menschen. Wenn fremde Menschen in ein Land kommen, ist der erste Schritt zur Integration, die Sprache des Landes zu erlernen.

Indem man die Sprache des Landes lernt, lernt man auch, wie die Menschen des Gastgeberlandes „ticken“, denn die Sprache verrät, wie man denkt und etwas empfindet.

„Ticken“ nun Türken anders als Deutsche? Um diese Frage zu beantworten, kann man versuchen, Sprichwörter und Redewendungen in beiden Sprachen miteinander zu vergleichen.

Die folgenden Erzählungen sind teils Bruchteile meiner Erinnerungen realer Geschehnisse, die durch meine Fantasie formuliert und in die Narrative verwandelt wurden.

Auch für die verlauste Saubohne gibt es einen blinden Käufer

Es war im Sommer 1969. Ich wohnte damals im katholischen Studentenwohnheim des Bistums Essen in Bochum-Querenburg an der Ruhr-Uni Bochum. Es klopfte an meiner Tür, ich öffnete sie. Mir strahlte das Gesicht eines zirka 1,65m großen jungen Mannes entgegen. Sein großer Kopf steckte auf einem kompakten und muskulösen Körper. Der Hals schien zu fehlen. Eine wuchtige Knollennase dominierte sein Gesicht und prägte sein gesamtes Erscheinungsbild. Eine niedrige Stirn, dunkles kräuseliges Haar und dunkle Knopfaugen rundeten das Bild ab.

>Merhaba, benim adım Mustafa < (Hallo, ich heiße Mustafa.)

Er streckte mir die Hand entgegen, ich nahm sie und erwiderte:

>Memnun oldum < (sehr erfreut).

Ihn nicht hereinzubitten, wäre nicht angebracht, fast eine Beleidigung gewesen. Also bat ich ihn herein, obwohl ich ihm nichts anbieten konnte. Ich entschuldigte mich gleich an der Tür dafür. „Kein Problem“ erwiderte er, er habe schon Tee vorbereitet in der Etagenküche, er wohne eine Etage unter mir.

Während ich ihn nach unten in die Küche begleitete, erzählte mir Mustafa seine Lebensgeschichte. Die Kurzfassung, versteht sich. Die Langfassung bekam ich in den nächsten Tagen und Wochen und Monaten und Jahren zu hören.

Eine Zurückhaltung gegenüber einem Unbekannten, wie ich sie als Stadtmensch kannte, war Mustafa unbekannt. Er dutzte mich gleich beim Kennenlernen und ließ mir keine andere Wahl, als die Dutzerei zu erwidern. In der Küche holte Mustafa einen Becher aus einem Regal. Ich überlegte kurz, ob ich ihm sagen sollte, dass es nicht Usus sei, Becher oder überhaupt Geschirr anderer Leute ungefragt zu benutzen. Vielleicht gehörte ihm der Becher ja auch. „Nie im Leben!“ überlegte ich. Wenn er eigene Sachen für die Küche gehabt hätte, hätte er für den Tee türkische Teegläser benützt und nicht Becher. Mustafa goss den Tee in den Becher hinein und hatte damit Tatsachen geschaffen. Ich überlegte, wie ich mich aus der Affäre ziehen konnte, in die ich mich aus lauter Höflichkeit und Anstand hineingeritten hatte.

Währenddessen erzählte mir Mustafa von seinem Vater und dass dieser Apfelplantagen besaß. Wenn man ihm Glauben schenken konnte, war sein Vater ein wichtiger Mann in der Umgebung von Dings, irgendeinem Ort, der mir unbekannt war. Denn dieser Ort lag östlich hinter Ankara und da hörte für mich die Türkei auf. Mustafa kam aus eben diesem Teil der Türkei.

Ich weiß nicht mehr, wann ich die Möglichkeit ergriff, mich zu verabschieden. Ich eilte zurück auf meine Etage, in mein Zimmer. Befreit war ich jedoch nur vorübergehend. Mustafa hatte mich zum Abendessen eingeladen und ich hatte seine Einladung angenommen. Ein „Nein“ hätte er sowieso nicht akzeptiert.

Das Abendessen war überraschenderweise eine köstliche Zusammensetzung aus Huhn, Reis und Gemüse, die Mustafa in kurzer Zeit herbeigezaubert hatte. Mit lobenden Worten über seine Kochkunst wollte ich mich schließlich verabschieden, aber Mustafa war noch lange nicht mit mir fertig. Jetzt war Tischtennis angesagt, um die überflüssigen Kalorien abzubauen. Nach einer Stunde Tischtennis wurde ich dann aber doch entlassen und durfte mich zurückziehen. Mustafa war müde und wollte ins Bett.

Zurück in meinen eigenen vier Wänden überlegte ich, wie ich mich aus den Krallen Mustafas befreien könnte. Er tickte nun mal völlig anders als ich. In der Großstadt, in Istanbul, dort woher ich kam, waren wir nicht so. Wir besaßen eine gesunde Skepsis gegenüber Fremden und es müssten bestimmte Rituale des Kennenlernens in gewisser Reihenfolge eingehalten werden. Mustafa hatte diese einfach übersprungen. Ich glaube, er kannte sie nicht.

Es war 7 Uhr morgens, ich war noch im Tiefschlaf, für mich war es noch mitten in der Nacht. Da stand Mustafa an meinem Bett. Ich hatte die Tür nicht abgeschlossen. In der Hand hielt er ein Glas. Ich richtete mich auf, er gab mir das Glas. Ich fragte ihn, was das sei. Er sagte:“Trink, es ist gesund.“ Artig nahm ich einen Schluck. „Austrinken! Hopp, hopp!“ sagte Mustafa bestimmend. Später erfuhr ich, dass das Getränk eine Mischung aus Honig, Milch und einem rohen Ei war.

Mustafa ging mit den Hühnern ins Bett und stand mit ihnen auf. Sein Biorhythmus war nicht in Einklang zu bringen mit meinem. Ich würde sagen, dass unsere Biorhythmen eher entgegengesetzt zueinander waren.