Bad Earth 1 - Science-Fiction-Serie - Manfred Weinland - E-Book

Bad Earth 1 - Science-Fiction-Serie E-Book

Manfred Weinland

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Beschreibung

Die Welt wird Schwarz - und das Abenteuer beginnt. Zum 50. Jahrestag der ersten Mondlandung setzen Nathan Cloud und drei weitere Astronauten zum ersten Mal einen Fuß auf den Mars. Sie sollen den Grundstein für eine spätere Kolonisierung legen. Doch ihre Mission endet in einer Katastrophe. Zwei Jahrzehnte später starten die USA ihr modernstes Raumschiff, um die Umstände des Scheiterns zu untersuchen. Doch auch diese Mission steht nicht unter einem guten Stern. Noch während die RUBIKON unterwegs zum Mars ist, wird das gesamte Sonnensystem von einer fast greifbaren Schwärze verschlungen. Alle Geräusche ersticken. Alle Technik versagt. Und Millionen Menschen auf der Erde sterben. Als sich der mysteriöse Schleier lüftet, herrscht auf den Straßen Chaos. Die Ausmaße der Zerstörung sind unbegreiflich und die Ursache der "Attacke" ist vollkommen ungeklärt. Da setzt eine weitere dunkle Flut ein und schnell ist eins klar: Die wahre Gefahr lauert nicht auf dem Roten Planeten, sondern dort, wo niemand sie je vermutet hätte - gerade erst dabei, sich zu formieren ... Bad Earth - das spektakuläre Weltraum-Abenteuer in die Zukunft der Menschheit. Ein atemberaubender Trip in fremde Galaxien, zu epischen Raumschlachten und inmitten eines intergalaktischen Konflikts voller Intrigen. Die digitale Neuausgabe der Space Opera von Manfred Weinland jetzt endlich und nur als eBooks erhältlich. Jetzt herunterladen und sofort loslesen!

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Seitenzahl: 143




Inhalt

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Über diese Folge

Über die Autoren

Impressum

Armageddon

In der nächsten Folge

Über diese Folge

FOLGE 01: ARMAGEDDON

Die Welt wird Schwarz – und das Abenteuer beginnt.

Zum 50. Jahrestag der ersten Mondlandung setzen Nathan Cloud und drei weitere Astronauten zum ersten Mal einen Fuß auf den Mars. Sie sollen den Grundstein für eine spätere Kolonisierung legen. Doch ihre Mission endet in einer Katastrophe.

Zwei Jahrzehnte später starten die USA ihr modernstes Raumschiff, um die Umstände des Scheiterns zu untersuchen. Doch auch diese Mission steht nicht unter einem guten Stern.

Noch während die RUBIKON unterwegs zum Mars ist, wird das gesamte Sonnensystem von einer fast greifbaren Schwärze verschlungen. Alle Geräusche ersticken. Alle Technik versagt. Und Millionen Menschen auf der Erde sterben.

Als sich der mysteriöse Schleier lüftet, herrscht auf den Straßen Chaos. Die Ausmaße der Zerstörung sind unbegreiflich und die Ursache der »Attacke« ist vollkommen ungeklärt.

Da setzt eine weitere dunkle Flut ein und schnell ist eins klar: Die wahre Gefahr lauert nicht auf dem Roten Planeten, sondern dort, wo niemand sie je vermutet hätte – gerade erst dabei, sich zu formieren …

Bad Earth – das spektakuläre Weltraum-Abenteuer in die Zukunft der Menschheit. Ein atemberaubender Trip in fremde Galaxien, zu epischen Raumschlachten und inmitten eines intergalaktischen Konflikts voller Intrigen.

Über die Autoren

Manfred Weinland schrieb bereits für renommierte Serien wie Perry Rhodan Taschenbuch, Ren Dhark, Maddrax, Dino-Land, Jerry Cotton, Gespenster Krimi, Professor Zamorra u.a., ehe er das Konzept für die Serie Bad Earth ausarbeitete. Zusammen mit Erfolgsautoren wie Alfred Bekker, Luc Bahl, W. K. Giesa, Peter Haberl, Horst Hoffmann, Claudia Kern, Achim Mehnert, Susan Schwartz, Conrad Shepherd, Marc Tannous, Michael Marcus Thurner und Marten Veit, die ebenfalls alle bereits jahrelange Erfahrung im Schreiben von Science-Fiction-, Action- und Abenteuer- oder Horrorromanen haben, gelang eine ebenso spannungsgeladene wie komplexe Science-Fiction-Serie, die sich einem Thema widmet, das alle interessiert: Der Zukunft der Erde und der Menschheit.

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe: Copyright © 2003/2004 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt

Für diese Ausgabe: Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Projektmanagement: Stefan Dagge

Covergestaltung: © Guter Punkt, München www.guter-punkt.de unter Verwendung von Motiven © thinkstock: Petrovich9 | Avesun | Natalia Lukiyanova

eBook-Erstellung: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-4786-9

Manfred Weinland

Armageddon

Die Welt wird Schwarz – und das Abenteuer beginnt

Prolog2019

Das rostrote Land erstreckte sich bis zum fernen Horizont, und selbst nach zwei Monaten Aufenthalt hatte sich Nathan Cloud noch nicht wirklich daran gewöhnt. Es sah aus wie eine irdische Wüste, aber es war keine.

Dies ist das Land Mars, dachte er – und sog den Sauerstoff, den der Druckrover ihm lieferte, in sich ein, so ehrfürchtig, als atmete er die originale Luft des Planeten – was ihn umgebracht hätte.

»Wie weit noch, Alexeij?«, fragte Cloud. »Du hast den sehr viel besseren Überblick, mein Freund …« Das winzige Mikrofon im Kragenwulst des Raumanzugs übertrug seine Stimme zum Habitat, wo Wolinow, die knochigen Schultern weit nach vorne gekrümmt und dadurch einem Geier ähnlicher als einem Menschen, über seinen Kontrollen brütete. Der Russe überwachte den Ausflug, während Jeunet das Treibhaus auf Vordermann brachte und Oyama die chemische Fabrik inspizierte.

Ohne merkliche Verzögerung erfolgte die Antwort des jungen Russen. »Du näherst dich der Randzone – bei gleichbleibendem Tempo erreichst du den optimalen Bohrpunkt in ziemlich genau 23 Minuten.«

»Verstanden, das entspricht auch meiner Schätzung … Etwas Neues von Mission Control?«

»Sie beobachten dich. Sie lassen dich nicht aus den Augen …«

»Ich fragte, ob es etwas Neues gibt.«

Wolinows raues Lachen brachte die Lautsprecher, ebenfalls im Kragen verborgen, zum Klirren. »Nolan hat noch mal betont, dass die Bilder live übertragen werden – also gib dir keine Blöße.«

Cloud nickte grimmig. Rupert Nolan, oder ›Sklaventreiber Nolan‹, wie seine Mitarbeiter ihn hinter vorgehaltener Hand nannten, war der oberste Missionsleiter, ein kleiner, kugelrunder, kahlköpfiger Mann, Mitte fünfzig und so spröde, so absolut humorlos, dass das Gerücht umging, seine bloße Anwesenheit könne die Temperatur eines Raumes fühlbar senken. Unter denen, die das Pech hatten, ihn zu kennen, gab es kaum jemanden, der diese physikalisch eigentlich unhaltbare Behauptung in Zweifel zog.

»23 Minuten also …«, murmelte Cloud.

»Jetzt noch knapp 22«, korrigierte das russische Mitglied der multinationalen Crew.

In Zeiten extremer Geldknappheit wäre das aufwändige Unternehmen um ein Haar gescheitert. Nur die finanzielle Kooperation der Mächte hatte den großen Traum am Ende doch noch wahr werden lassen.

Mein Traum, seit ich elf war, erinnerte sich Cloud – und dachte unwillkürlich an den kleinen Jungen, der jetzt gerade, in diesem Augenblick, Millionen Meilen entfernt, in seinem Bett lag und vielleicht von seinem Vater, dem Astronauten, träumte …

Cloud lehnte sich tiefer in den Spezialsitz, der den Konturen des plumpen Raumanzugs perfekt angepasst war. Vor rund zwei Monaten war die ARMSTRONG nordöstlich des Hellas Planitia gelandet, pünktlich zum fünfzigsten Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung. Ein Medienereignis – weltweit hatten Milliarden gebannt vor ihren Bildschirmen gesessen und beobachtet, wie Nathan Cloud, der Amerikaner, die Landeeinheit verlassen hatte, um als erster Mensch seine Fußspuren im roten Marssand zu hinterlassen …

Jetzt sind wir so was wie Brüder, hatte er des Mannes gedacht, der auf ganz ähnliche Weise ein halbes Jahrhundert davor Geschichte geschrieben hatte. Du wärst stolz auf mich gewesen, Neil, und ich wünschte, du hättest es noch erleben können.

So wie Cloud 1969 noch nicht einmal geboren war, weilte Neil Armstrong in diesen Tagen nicht mehr unter den Lebenden. Aber Nathan Cloud hatte sich die Videos sämtlicher Mondlande-Unternehmen wieder und immer wieder angesehen. Seit frühester Kindheit hatte es ihn selbst ins All gezogen, und er hatte sich geschworen, es zu schaffen. Seine Familie, vor allem sein Vater, ein Grundschullehrer, dessen Vater auch schon Lehrer gewesen war, hatte ihn anfangs belächelt.

Später nicht mehr.

Ich hoffe, du bist stolz auf mich, Dad, dachte Cloud. Ich hoffe, du sitzt auch heute Nacht wieder vor dem Schirm und erinnerst dich an den Jungen, der sein letztes Taschengeld für Romane, Raketenmodelle und Chemiebaukästen verschwendet hat – verschwendet … so hast du es genannt.

Seine Mutter war vor zwei Jahren gestorben. Ein Blutgerinnsel in ihrem Kopf hatte alles vernichtet, was einen Menschen ausmachte. Nur die Erinnerungen in den Köpfen anderer waren geblieben.

Es war die erste Begegnung seines heute sechsjährigen Sohnes mit dem Tod gewesen, und sie hatte Johnny nachhaltig geprägt. Cloud würde die Worte, die er ihm zum Abschied ins Ohr geflüstert hatte, nie vergessen: »Pass auf dich auf, Dad, pass gut auf dich auf und komm gesund wieder! Ich … ich liebe dich!«

Mit Tränen in den Augen hatte Nathan erwidert: »Ich liebe dich auch, mein Junge.«

Das Bild des kleinen Johnny, der beim Abschied neben seiner blassen Mutter wie der eigentliche Riese gewirkt hatte, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, das Kinn trotzig nach vorn geschoben, hatte sich in Clouds Hirnrinde gebrannt, und er betrachtete es oft, wenn er allein war und die Augen schloss.

Die transparente Cockpitkanzel erlaubte einen klaren Blick über die wellige Ebene, die das gepanzerte Fahrzeug mit gut dreißig Stundenkilometern durchkurvte. Traute man den Vorhersagen der Satellitenüberwachung, würde das Wetter halten. Zur Stunde gab es keinerlei Hinweise auf eine dramatische Verschlechterung oder gar einen der unberechenbaren Sandblizzards.

Seit ihrer Ankunft hatte Cloud einen davon am eigenen Leib erlebt. Zusammen mit den anderen hatte er sich im Habitat verschanzt – verschanzt und gebetet. Ja, Cloud schämte sich nicht, es zuzugeben, er hatte seit weiß Gott wie vielen Jahren zum ersten Mal wieder ein Gebet zum Himmel geschickt. Die im Regolith verankerte Station hatte geschwankt, als würden Titanenfäuste an ihr rütteln. Dazu der infernalische Lärm, mit dem Myriaden von Staubkörnern wie ein Meteoritenschauer gegen die Außenhaut geprasselt waren …

Am Ende hatten alle gestaunt, dass sie dieser Apokalypse noch einmal unbeschadet entkommen waren. Mission Control hatte sie medienwirksam beglückwünscht …

Die Minuten verstrichen. Irgendwann sagte Wolinow: »Alles klar, du kannst mit dem Picknick beginnen. Du hast die Stelle erreicht.«

Cloud bestätigte und stoppte den Rover. Die hydraulischen Bremsen brachten das eigens für die verminderte Schwerkraft entwickelte Gefährt zum Stehen. Der Motor erstarb. Die elektrischen Systeme blieben eingeschaltet.

Cloud lächelte ein letztes Mal zähnefletschend in die Kamera, die mit einer Verzögerung von etwa neun Minuten und einer zusätzlichen Minute, in der das Aufgenommene die Zensur durchlief, ›Live‹-Bilder zur Erde lieferte. Empfangen wurden sie sowohl über kostenpflichtige Future-Web-Seiten als auch über ausgewählte Pay-TV-Kanäle.

Wir haben unsere Seelen verkauft, dachte er, während er nach seinem Helm griff, ihn sich überstülpte und einarretieren ließ. Fehlt nur noch, dass sie uns beim Scheißen zusehen.

Es bereitete ihm Mühe, sich auf den Job zu konzentrieren, den er zu erledigen hatte. Es gibt hier kein flüssiges Wasser, dachte Cloud in voller Überzeugung. Zumindest nicht so dicht unter der Oberfläche!

Doch der Satellit, der schon lange vor ihrer Landung im Orbit stationiert worden war und seither Aufklärung betrieb, beharrte auf dem Gegenteil. In nur einem Meter Tiefe, so seine Behauptung, sollte sich ein enormes Wasservorkommen befinden. Der Satellit war mit einem verbesserten Gammastrahlen-Spektrometer ausgerüstet, und falls auf seine Messungen Verlass war, schlummerte dort unten mehr Wasser als im irdischen Lake Michigan. Wasser – nicht nur gefrorenes CO2!

 … aber klar doch, und ich werde der nächste Präsident der Vereinigten Staaten, dachte Cloud sarkastisch.

Er ahnte nicht, dass er eigentlich schon tot war.

Er entstieg dem Marsmobil.

Die Kette verhängnisvoller Kausalitäten nahm ihren Lauf …

1.

22 Jahre später Die Schwarze Flut

Mit dem Erwachen kamen die Gespenster. Kühl wälzte sich das Blut durch seinen Körper, und trotzdem glaubte er, in Flammen zu stehen. Seine Haut war Feuer. Sein Fleisch war Eis. Ein Chaos der Gefühle durchtobte ihn.

Die Gespenster.

Die Schatten.

Der Schmerz.

John Cloud schrie auf, als sein Bewusstsein zurückkehrte, die Erinnerungen zurückflossen. Zunächst war er unfähig, die Augen zu öffnen. Die fremden Schatten, die offenbar Seymor zum Verhängnis geworden waren, durchgeisterten auch sein Hirn und verwandelten es in ein Tollhaus. Ein paar Herzschläge lang wühlte kreatürliche Furcht in ihm, und er stellte sich vor, wie es wäre, sich einfach zu weigern, der Obhut des künstlichen Komas zu entfliehen und zur Tagesordnung überzugehen, als sei nichts geschehen …

Ein sinnloser Wunsch.

Das Brausen und Klingeln in seinen Ohren ließ nach, genau wie der pochende Schmerz. Durch seine Lider sickerte Licht. Es kam ihm viel zu grell vor, blendend weiß, aber er wusste, dass er sich daran gewöhnen würde. Er schluckte. Seine Kehle war wie ausgedörrt. Die Gespenster flohen.

Endlich, dachte Cloud.

Jemand sagte wie aus weiter Ferne: »Willkommen, Commander. Wir schreiben den 169. Tag der Reise. Ich hoffe, Sie hatten schöne Träume …«

Es fiel ihm leicht, die Stimme zuzuordnen – aber unsagbar schwer, auf die darin enthaltene Ironie zu reagieren. Er fragte sich, ob während seines Dahindämmerns im Staseschlaf nicht ein elementares Missgeschick passiert sein könnte.

Mit ihm.

Heftiger als die Male davor zweifelte er daran, tatsächlich noch in seinem Körper zu stecken. Die Bindung dazu schien verloren gegangen zu sein. Nur holprig empfingen seine Sinne Signale, die über die Grundempfindungen von Schmerz und Taubheit hinausgingen.

»Mir ist … schlecht.« Er hustete etwas aus, das weit mehr war als Schleim. Ein Ding. Der Beatmungsschlauch. Seine Kehle war rau wie Sandpapier. »Davon abgesehen … sollten Sie wissen, Scobee, dass dieser Schlaf fast wie der Tod ist. Niemand … träumt darin …«

Etwas strich über seine verklebten Augen. Eine Hand?

»Woher sollte ich es wissen?«, fragte die Stimme. »Die Stase ist mir fremd. Ich hatte nie das ›Vergnügen‹ …«

Nach wie vor fühlte sich Cloud seltsam abgeschnitten von seinem Körper und seiner Umgebung. Aber er kämpfte dagegen an, konzentrierte sich.

Ihm wurde klar, dass Scobees Spott ein einziges Ziel hatte: ihm die Rückkehr ins Wachsein zu erleichtern. Die zwischen Ironie und Zynismus schwankenden Bemerkungen brachten seine immer noch trägen Gedanken allmählich in Fluss.

Er zögerte nicht länger, öffnete vorsichtig die Augen. Die Helligkeit schien ihm die Retina wegsengen zu wollen. Mikroskopisch kleine Rasierklingen hagelten gegen die Sehnerven. Abermals strich etwas über sein Gesicht, senkte sich gazeartig über seine Augen und verschaffte ihm Linderung.

»Wie lange?«, krächzte Cloud. »Wie lange war ich ›weg‹?«

»Planmäßig«, erwiderte Scobee. »Dreißig Tage.«

Die letzte große Etappe, dachte Cloud. Sie liegt hinter uns. Und nun? Was erwartet uns dort, wo die Gräber liegen?

Es gab keine Gräber, und er wusste es.

»Besondere Vorfälle?«

Durch das Gewebe hindurch betrachtete Cloud das Gesicht, das über ihm schwebte. Zunächst sah er es nur verschwommen, dann immer klarer. Das Gesicht eines Engels, dem er keine Sekunde lang über den Weg traute.

»Nein.« GT-Scobee schüttelte den Kopf. »Sonst hätte ich Sie vorzeitig geweckt, keine Sorge. Sie sind der Commander.«

Sie hatte unglaubliche Augen. Ihnen fehlte es nur ein wenig an … Leben.

Verrückt, dachte er. Und fragte laut: »Wie geht es Seymor?«

Er wischte das Tuch, das die Helligkeit auf ein erträgliches Maß gemildert hatte, vom Gesicht – und wunderte sich im nächsten Moment, dass er schon wieder die Kontrolle über seinen Arm ausübte.

»Perfekt!«, sagte er.

»Sir?«

Er richtete seinen Oberkörper halb auf, stützte sich auf den Ellbogen ab. Sämtliche in seinen Körper mündenden Schläuche und Kabel machten die Bewegung mit. »Seymor«, erinnerte er die einzige Frau unter den GenTecs. »Wie ist sein Zustand?«

Die Kabinenwände schienen auf ihn zuzurücken. Sie waren durchsichtig, und die Schlieren darin bildeten ständig neue Muster. Ein spezielles Gel reduzierte die Wahrscheinlichkeit, irgendwann als Folge dieser Reise an Krebs zu erkranken, auf ein Minimum.

So war es ihnen zumindest versprochen worden.

Die Antwort der Frau lenkte ihn ab.

»Es ist besser, Sie sehen es sich an.«

»Er schläft?«

»Es ist besser, Sie bilden sich Ihr eigenes Urteil …«

Es war Clouds letzter Befehl vor seinem Gang in die Stase gewesen, auch den Kranken von seinem Leiden zu erlösen und in den komagleichen Schlaf zu versetzen. Scobees mysteriöse Andeutungen weckten nun die schlimmsten Befürchtungen in ihm – ohne dass er sie hätte in Worte fassen können.

»In Ordnung. Sobald ich wieder völlig klar und bei mir bin …« Er nickte. Mit jedem Atemzug fühlte er sich wieder mehr Herr seiner selbst. Er streckte den Arm aus. »Helfen Sie mir!«

»Eine Sekunde …« Scobee jagte den Inhalt einer daumendicken Kanüle in die Injektionsnadel, die seit dreißig Tagen in Clouds rechter Beinvene steckte. Ein unangenehmes Gefühl kroch, von dort ausgehend, bis in seinen Bauch, dann in die Brust und schließlich auch in Kopf und Arme.

Er schüttelte sich wie ein nasser Hund. »Eines Tages werde ich mich fürchterlich für alles rächen, was Sie mir in meinen hilflosesten Momenten angetan haben.«

»Ich stehe zur Verfügung.« Sie lächelte, und ihre Iris erweiterten sich, bis das Grün das ganze Auge ausfüllte.

Cloud spürte in der Gegenwart dieser Frau noch immer dieselbe Beklemmung wie am ersten Tag ihrer Begegnung. Die beiden anderen GenTecs umgab eine identische Aura – dennoch fiel dem Astronauten der Umgang mit ihnen erheblich leichter.

Vielleicht weil es Männer waren.

Cloud wartete geduldig, bis die dunkelhaarige Klonfrau das katheterartige Instrument aus seiner Beinvene entfernt hatte. Den kurzen Schmerz nahm er kaum wahr. Dafür lichtete sich allmählich das Chaos in seinen Gedanken.

Seine Gedanken … Er hätte sich gewünscht, die Trennlinie zwischen seinem ureigenen Denken und dem, was seinem Bewusstsein aufgepfropft worden war, wäre noch so klar zu ziehen gewesen.

***

Das Wummern des Schiffes war zu Clouds zweitem Herzschlag geworden. GT-Scobee hatte ihn allein gelassen. Er würde sie später wiedertreffen. Sobald er Seymor besuchte. Zunächst aber …

Er löste die Gurte, die ihn festgehalten hatten. Sofort machte sich die Schwerelosigkeit an Bord in ihrer ganzen Konsequenz bemerkbar.

Cloud entschwebte dem Stasebett, seine ausgestreckten Arme fanden die Halteschlaufen an der Decke, und er hangelte sich daran bis zu der kleinen Kabine, auf die er sich in diesen Sekunden mehr freute als auf alles andere, was ihn noch erwartete.

Selbst der Mars entrückte in weite Ferne.

Mit geübten, aber immer noch etwas steifen, unbeholfenen Bewegungen schlüpfte er in die Spezialkabine, schob die Tür hinter sich wieder zu, setzte die Atemmaske auf und aktivierte die Wanddüsen. Cloud wollte sich von den äußerlichen Spuren der Stase reinigen.

Die Kabine erlaubte das ›Duschen‹ in völliger Schwerelosigkeit. Die druckreichen Strahlen reinigten nicht nur, sondern massierten zugleich wohltuend. Eine Katharsis, die Cloud nicht zum ersten Mal durchführte und die im Laufe der Zeit zu einer Art Ritual geworden war.

Das Wasser war warm, fast heiß. Cloud schloss die Augen und dachte eine Weile an gar nichts. Nichts Bestimmtes jedenfalls, denn ganz ausschalten ließ sich sein Denken nicht.

Verwaschene Eindrücke, Bilder blitzten durch seinen Kopf. Traumfetzen aus der Stase oder … Erinnerungen?

Er wollte sich ihnen stellen, aber die Angst überschattete seine Bemühungen; die Sorge so zu enden wie Seymor.

Er öffnete die Augen, wollte sich den Bildern entziehen. Doch sie überwanden die Hürde und begleiteten ihn zum ersten Mal ins absolute Wachsein. Wie ein Tagtraum.

Hatte es bei Seymor auch so angefangen?

Cloud hob die Fäuste und presste sie, umhagelt von feinsten Wassertröpfchen, gegen seine Schläfen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in den Dampf, der sich um ihn herum gebildet hatte.