Benjamin, mach keine Dummheiten, während ich tot bin - angelika waldis - E-Book

Benjamin, mach keine Dummheiten, während ich tot bin E-Book

angelika waldis

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Beschreibung

Das Enkelmännchen trifft drei Stunden vor Mitternacht ein. 180 Minuten vor dem Beginn eines neuen Jahrtausends. angelika waldis begleitet Enkel Ben durch die ersten drei Jahre. Mit ein paar zufälligen Lauten nimmt Ben das Gespräch auf und merkt sofort: Die lieben mich! Täglich, stündlich findet er etwas Neues heraus: was ein Lächeln bedeutet oder wie man erfolgreich in den Brei patscht. Er erlebt, wie wirksam die ersten Wörter, wie umwerfend die ersten Schritte sind und wie abenteuerlich das ist, was man ihm geschenkt hat: das Leben. Und eines Tages entdeckt er das Fragen, und die Großmutter merkt leicht bestürzt, dass manche Antwort mitten in einer Verantwortung steckt. Jeden Monat schreibt sie Ben einen Brief in die Zeit, in der sie nicht mehr da sein wird. Persönlich und anrührend, erheiternd und ernst.

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Copyright Angelika Waldis 2013

published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Erstmals in Buchform erschienen bei Oesch Verlag Zürich 2005

Cover Otmar Bucher

978-3-8442-7897-2

Für die beiden,

denen Ben das Leben verdankt

Das erste Jahr

Das Warten

Nacht zum 1. Januar 2000: Millenniumstaumel. Die Australier – so wird nachher zu lesen sein – jagen zwanzig Tonnen Feuerwerk in die Luft. In Rom erzeugen die Feiern so grosses Gepolter, dass den Behörden ein Erdbeben gemeldet wird. Auf dem Ölberg in Jerusalem zittern Apokalyptiker in Erwartung des Herrn.

Und wir warten auf das Enkelmenschchen.

In dieser aufregenden Nacht will es sich auf die Welt wagen.

Es war doch für später angemeldet.

Wir sitzen unruhig da, wir, die wir seine Großeltern sein werden, und schauen hinaus auf die brennenden Kerzen in der weißen Wiese. Die Flämmchen zittern für uns. Als der Anruf kam, S. sei in den Wehen, sei im Spital, sind wir nach draußen geeilt und haben Kerzen in den Schnee gesteckt, zehn, zwanzig, dreißig, vierzig ... eine ganze Wiese voll. Mehr können wir nicht tun für das Enkelmenschchen und seine Mutter. Und so sind die Kerzen doch schon mal für was gut. Gedacht waren sie als Notvorrat beim Millenniumkollaps, der gar nicht eintrifft, aber das wissen wir jetzt, vier Stunden vor Mitternacht, noch nicht.

Das Enkelmännchen trifft drei Stunden vor Mitternacht ein.

Noch während die Kerzen brennen. Noch im alten Jahr.

Einen Namen wird es erst im neuen Jahrtausend erhalten.

Erster Brief

Liebes Enkelchen

Im Millenniumstaumel blieb es in Staffelstein ruhig. Staffelstein ist der Geburtsort von Rechenmeister Adam Riese, und nach Adam Riese wäre die Feier zum neuen Jahrtausend erst Ende 2000 fällig. Ruhig blieb es auch vor den Computern, die drei gefeierten und gefürchteten Nullen rücken problemlos nach, kein Chaos, kein Kollaps, die Welt bricht nicht auseinander. Sie bleibt, wie sie war, schön und verheißungsvoll und kaputt wie noch nie. »Am Beginn des dritten Millenniums steht die Menschheit vor gewaltigen Problemen«, schreibt die DIE ZEIT. Die Menschheit: das sind inzwischen sechs Milliarden Leute. Wenn du zwanzig bist, werden es – so schätzt man – noch 1.5 Milliarden mehr sein.

Heute ist die nutzbare Fläche pro Mensch auf vier Prozent jener Fläche geschrumpft, die zu Jesus’ Zeiten jedem zur Verfügung stand.

Und noch was zu Jesus: Als man ihn, Verursacher der neuen Zeitrechnung und somit ein Millenniumsbaby, in die Krippe legte, hatte er nur ein Fetzchen Stoff um. Das Schweizer Millenniumsbaby 2000 kriegt für mindestens ein Jahr Windeln geschenkt, das sind so rund 2000 Pampers.

Und noch was zu Pampers: Sie wurden 1961 erfunden. Damals waren sie dick und sperrig. Heute sind sie dreimal kleiner. Für das Kind und das Kaufhaus-Warenlager ist das praktischer. Sie sollen noch kleiner werden. Vielleicht hat man in 20 Jahren gar keine mehr. Dafür einen Chip in der Blase?

Die Hauptsache

Kaum ist er da, ist er schon die Hauptsache. Das ist eine erstaunliche Leistung für so ein kleines Männchen. So bleiben wird es nicht. Kann sein, dass er in zwanzig Jahren einen Raum voller Leute betritt – und niemand dreht den Kopf. Aber an später denkt jetzt niemand.

In einem Raum voller Leute hält seine Mutter einen Vortrag, und ich soll solange auf ihn aufpassen. Wir warten eine Etage tiefer. Manchmal ist von oben kurz ein Lachen oder Klatschen zu hören, gutes Zeichen. Benjamin Lou Otmar, vier Kilogramm schwer, hängt in einem Tragesack an meiner Brust und soll bitte bitte still sein. Wir stehen am Fenster, die Sonne ist schon untergegangen, der Horizont flammt noch gelb hinauf ins Mauve, Berge und Bäume sind schwarz, und der See sieht aus wie aus Zinn gegossen. Was für eine dramatische Landschaft. In den dunklen Zacken im Hintergrund, vor fünfhundert Jahren, hat einer ein heiliges Leben versucht, hat Frau und Kinder verlassen und fortan in der Schlucht gelebt, Nikolaus von der Flüe. Plötzlich ist Benjamin ein paar Gramm schwerer. Schlaf hat ein Gewicht. Ich lege die Hand auf das warme Schädelchen, Benjamin-Kind, denke ich, du wirst bestimmt nie verlassen. Genau in diesem Moment ertönt von oben Applaus.

Zweiter Brief

Lieber Benjamin

Du weißt noch nicht, dass du Benjamin heißt.

Du weißt noch nicht, dass das Tageslicht nicht dasselbe ist wie der Lampenschein nachts.

Du weißt noch nicht, dass das, was dein Händchen greift, ein Finger ist, der Finger einer Großmutter, weißt noch nicht, was eine Großmutter ist.

Ist ja auch nicht wichtig, all das. Hauptsache für dich, es sind immer warme weiche Hügel voller Milch für dich da. Trotzdem: Ich bin ein bisschen ungeduldig. Es wird noch lange dauern, bis wir über Tageslicht und Lampenschein reden können. Und bis wir über Schein und Sein reden können, weiß ich vielleicht nicht mal mehr, ob Schein und Sein verschiedene Dinge sind. Denn wenn du zwanzig bist, werde ich achtzig sein und vielleicht sprachlos – oder werde ich gar nicht mehr sein.

Dann wirst du lesen können, was deine ungeduldige Großmutter hier für dich aufgeschrieben hat, zum Beispiel, dass man zur Zeit in Houston/Texas zu einem Soft-Eis-Fleck am Boden pilgert. Er hat die Form der Jungfrau von Guadalupe. Man hat ihn mit einer Glasscheibe gesichert, und ein Schild bittet, nur leise zu sprechen. Die Leute kommen in Scharen, auch aus Miami, Seattle, Kanada.

Das Geschenk

Er lächelt!

Er hat gelächelt!

Ist denn niemand da, dem ich‘s zeigen kann? Bäume, er lächelt, seht ihr? Ganz kurz rauscht es rundum, dann erstarrt der Wald in Andacht. Seine Majestät, seine Heiligkeit, Benjamin der Erste, hat gelächelt. Nichts kommt auf gegen dieses garantiert echte Signälchen der Zuneigung. Kein Kompliment vom Besten. Nicht mal ein tobender Applaus.

Wieviel das ausmacht, das Hochziehen von drei Millimeter Haut. Zygomaticus heisst der freundliche Muskel.

Dem Jogger, der auf uns zuläuft, werde ich mich mit ausgebreiteten Armen in den Weg stellen. »Wissen Sie was?«, werde ich rufen. »ER hat gelächelt.« Nein, ich lass ihn besser laufen. Will lieber kein fremdes Lächeln sehen, irgend ein eingeübtes, vorgestanztes, abgenutztes. Das würde den wundersamen Vorgang von vorhin entzaubern.

Ich stosse den Kinderwagen über den Waldweg, bleibe wieder stehen, will es nochmals versuchen, will es nochmals erleben, beuge mich langsam über das stille Kind, und da kommt es wieder, das Lächeln, dieses Geschenk – wofür? Für eine sich nähernde, leicht diffuse, aber inzwischen vertraute Gesichtsscheibe.

Dritter Brief

Lieber Benben

Ich stelle mir vor, wir erwachen beide – da und dort – an einem kühlen Märzmorgen im Jahr 2020, um sechs Uhr dreißig. Ich, weil meine alten Knochen für immer so programmiert sind. Du, weil dich ein freundliches Gesicht auf der elektronischen Bildtafel in deinem Schlafzimmer zum Aufstehen ermuntert. Deine Kaffeemaschine wird in Gang gesetzt, dein Kühlschrank meldet, dass die Milch zur Neige geht, dein Staubsauger fängt an, deine Wohnung zu saugen, und während du dich radargesteuert zum Fußballtraining fahren lässt, sitze ich im Altersheim auf der Kloschüssel, deren Brille meinen Puls und meine Temperatur misst und den Zuckergehalt meines Altweiberurins. 2020 werden Räume und Dinge und Menschen voller Mikroprozessoren sein. Es gibt es keine Papierzeitungen mehr, aber der Drucker printet meine Tageszeitung aus, mit einer Themenauswahl nach meinen Interessen. Weil ich aber immer weniger weiß, was mich interessiert, weil mir nämlich beinahe alles egaler geworden ist, ist meine ausgeprintete Zeitung sehr dünn. Eigentlich will ich nur noch wissen, was das Universum für eine Farbe hat. Immerhin ist die Zeitung etwas, das ich in die Hand nehmen kann. Ein immer größerer Anteil dessen, was die Menschheit produziert, existiert nicht mehr physisch, sondern nur noch virtuell, als entmaterialisierte Zeichenfolge. Dieser Satz ist nicht von mir, sondern von Bill Gates, er hat ihn etwa zur gleichen Zeit gesagt, als du das Lächeln entdeckt hast. Bill Gates ist der Gründer von Microsoft, möglich, dass sich seine Firma im Jahr 2020 bereits entmaterialisiert hat. Dann nämlich, schätzt man, wird die Computertechnik ihre Grenzen erreicht haben, weil sich die Silizium-Chips nicht weiter miniaturisieren lassen. Vielleicht fährst du an diesem kühlen März-Morgen gar nicht zum Fußballtraining, sondern forschst mit an Silizium-Alternativen, und komm mal vorbei, ich möchte gerne deine großen Hände in die Hand nehmen.