Blindes Vertrauen - Sandra Brown - E-Book

Blindes Vertrauen E-Book

Sandra Brown

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Beschreibung

Spannend, raffiniert und hinreißend erotisch!

Es ist finstere, undurchdringliche Nacht. Ein Baby hört plötzlich auf zu atmen - das Baby des Präsidentenehepaares der USA. Monate später stößt die junge Reporterin Barrie Travis auf Unstimmigkeiten in dem Fall, und ihre Recherchen führen in einen Sumpf von dunklen Machenschaften.

Ein ehemaliger enger Berater des Präsidenten wurde vor einem Jahr entlassen. Man munkelt, er hatte eine Affäre mit der First Lady...

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Buch

Finstere, undurchdringliche Nacht. Ein neugeborenes Baby hört plötzlich auf zu atmen – das Baby des Präsidentenehepaares der USA! In ihrem Schmerz spricht die First Lady drei Monate später mit der jungen Fernsehreporterin Barrie Travis über den tragischen Todesfall. Doch wider Erwarten verläuft das Gespräch enttäuschend vage. Als Barrie erneut um einen Interviewtermin bittet, stößt sie im Weißen Haus plötzlich auf eisige Ablehnung – was ihre Neugierde weckt. Sie beginnt zu recherchieren und findet heraus, daß das Kind auf ausdrücklichen Wunsch des Präsidenten nicht obduziert worden ist, obwohl dies in solchen Fällen durchaus üblich ist. Barries journalistischer Spürsinn ist endgültig erwacht, als sie auf die Spur von Gray Bondurant, einem ehemals engen Berater des Präsidenten, stößt, der vor einem Jahr, angeblich wegen einer Affäre mit der First Lady, entlassen wurde. Bondurant bemüht sich mit aller Kraft, Barrie daran zu hindern, im Sumpf von Korruption und dunklen Machenschaften zu stochern. Ein Sog aus mörderischen Intrigen, raffinierten Machtspielen und verhängnisvollen Leidenschaften droht Barrie zu verschlingen . . .

Autorin

Sandra Brown arbeitete mit großem Erfolg als Fotomodel, Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie 1990 mit ihrem Roman Trügerischer Spiegel auf Anhieb einen Bestseller landete. Mittlerweile gehört sie zu den Top-Autorinnen in USA und Europa. Ihre Romane wurden in 24 Sprachen übersetzt, haben eine weltweite Auflage von mehr als 45 Millionen Exemplaren und erreichen regelmäßig Platz 1 der amerikanischen Bestsellerlisten! Sandra Brown lebt mit ihrer Familie in Texas.

Sandra Brown lebt mit ihrer Familie in Texas.

Von Sandra Brown ist bereits erschienen:

Celinas Tochter ⋅ Die Zeugin ⋅ Blindes Vertrauen

Scharade ⋅ Verliebt in einen Fremden

Sündige Seite ⋅ Envy - Neid ⋅ Crush - Gier

Nachtglut ⋅ Kein Alibi ⋅ Betrogen ⋅ Schöne Lügen

Nacht ohne Ende ⋅ Schöne Lügen ⋅ Ein Hauch von Skandal

Trügerischer Spiegel ⋅ Im Haus meines Feindes

Ein Kuss für die Ewigkeit ⋅ Wie ein Ruf in der Stille

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. KapitelCopyright

1. Kapitel

»Gut sehen Sie aus, Mrs. Merritt.«

»Ich sehe einfach furchtbar aus.«

Vanessa Merritt sah wirklich furchtbar aus, aber Barrie war es peinlich, bei einem unaufrichtigen Kompliment ertappt worden zu sein. Sie versuchte, elegant darüber hinwegzugehen. »Nach allem, was Sie durchgemacht haben, ist es ganz normal, daß Sie etwas mitgenommen aussehen. Die meisten Frauen – mich eingerechnet, besonders mich – wären glücklich, so auszusehen wie Sie, wenn sie sich mies fühlen.«

»Danke.« Vanessa Merritt rührte lustlos ihren Cappuccino um. Könnten Nerven Geräusche von sich geben, hätten ihre geklappert wie der Kaffeelöffel, den sie nun mit zitternden Fingern auf die Untertasse zurücklegte. »Mein Gott, für eine einzige Zigarette würde ich mich von Ihnen mit glühenden Zangen malträtieren lassen.«

Da sie jedenfalls nie in der Öffentlichkeit geraucht hatte, war Barrie überrascht, daß sie sich als Raucherin zu erkennen gab. Andererseits könnte eine Nikotinabhängigkeit ihre nervöse Unruhe erklären.

Ihre Hände hielten keine Sekunde still. Sie schlang ihre Perlenkette um einen Finger, spielte mit den geschmackvollen Brillantsteckern in ihren Ohrläppchen und rückte mehrmals die Ray-Ban-Sonnenbrille zurecht, die die dunklen Ringe um die verschwollenen Augen nicht ganz verbergen konnte.

Vor allem diese bemerkenswerten Augen hatten bisher zu ihrer Schönheit beigetragen. Heute sprachen aus ihren strahlend babyblauen Augen nur Schmerz und Enttäuschung. Sie wirkten wie die Augen eines Engels, der gerade einen ersten grauenerregenden Blick in die Hölle geworfen hat.

»Ich habe gerade keine Zange bei mir«, antwortete Barrie. »Aber wie wär’s hiermit?« Sie kramte eine unangebrochene Packung Zigaretten aus ihrer großen ledernen Umhängetasche und schob sie über den Tisch.

Für Mrs. Merritt war die Versuchung offenbar groß. Ihr gequälter Blick glitt nervös über die Terrasse des Restaurants. Es war nur ein einziger weiterer Tisch besetzt – dort saßen mehrere Männer –, und im Hintergrund hielt sich nur ein beflissener Ober auf. Trotzdem schob sie die Zigaretten zurück. »Danke, lieber nicht. Aber rauchen Sie ruhig.«

»Ich rauche nicht. Zigaretten habe ich nur für den Fall in der Tasche, daß ich einen Interviewpartner entkrampfen muß.«

»Bevor Sie ihm den Todesstoß versetzen.«

Barrie lachte. »Ich wollte, ich wäre so gefährlich.«

»Tatsächlich liegen Ihnen eher die Reportagen, die voll aus dem Leben gegriffen sind.«

Sie war angenehm überrascht, daß Mrs. Merritt ihre Arbeiten kannte. »Oh, danke!«

»Einige Ihrer Reportagen waren wirklich außergewöhnlich. Zum Beispiel die über den Aids-Kranken. Und die über eine obdachlose alleinerziehende Mutter von vier Kindern.«

»Sie wurde für einen Branchenpreis nominiert.« Barrie hielt es für überflüssig zu erwähnen, daß sie ihre Reportage selbst eingereicht hatte.

»Sie hat mich zum Weinen gebracht«, sagte Mrs. Merritt.

»Mich auch.«

»Tatsächlich sind Sie so gut, daß ich mich schon gefragt habe, warum Sie nicht bei einer der großen Fernsehgesellschaften arbeiten.«

»Ich hab’ ein paarmal Pech gehabt.«

Vanessa Merritt runzelte ihre glatte Stirn. »War da nicht die Sache mit Bundesrichter Green, die …«

»Zum Beispiel«, unterbrach Barrie sie. Sie hatte jedoch keine Lust, hier ihre Mißerfolge aufgezählt zu bekommen. »Warum haben Sie mich angerufen, Mrs. Merritt? Ich bin entzückt, aber auch neugierig.«

Vanessa Merritts Lächeln verblaßte allmählich. »Ich habe mich klar genug ausgedrückt, oder? Dieses Gespräch ist kein Interview.«

»Ja, ich verstehe.«

Aber das stimmte nicht. Barrie Travis hatte nicht die geringste Ahnung, warum Mrs. Merritt sie ganz unerwartet angerufen und zu einer Tasse Kaffee eingeladen hatte. Sie kannten einander seit ein paar Jahren flüchtig, waren aber bestimmt keine Freundinnen.

Selbst der Treffpunkt, den sie gewählt hatte, war merkwürdig. Dieses Restaurant war eins von mehreren am Ufer des Kanals, der den Potomac mit dem Tidal Basin verband. Nach Einbruch der Dunkelheit wimmelte es in den Clubs und Restaurants der Water Street von Gästen, hauptsächlich von Touristen. In einigen Lokalen herrschte auch mittags reger Betrieb, aber am späten Nachmittag, vor allem an einem Werktag, waren die Restaurants praktisch menschenleer.

Vielleicht war dieser Treffpunkt gerade wegen seiner Abgeschiedenheit ausgesucht worden.

Barrie ließ einen Zuckerwürfel in ihren Cappuccino fallen und rührte ihn langsam um, während sie über das eiserne Terrassengeländer hinwegstarrte.

Es war ein trübseliger Tag. Der Himmel war bewölkt, und das Wasser des Kanals kabbelte. Die Motor- und Segelboote im Jachthafen tanzten im grauen Wasser auf und ab. Der Sonnenschirm über ihrem Tisch knatterte in den heftigen Windböen, die den Geruch von Fisch und Regen herantrugen. Weshalb saßen sie an einem so stürmischen Tag im Freien?

Mrs. Merritt rührte in der aufgeschäumten Milch ihres Cappuccinos und nahm endlich einen Schluck. »Jetzt ist er kalt.«

»Möchten Sie einen frischen?« fragte Barrie. »Ich kann den Ober rufen.«

»Nein, danke. Eigentlich wollte ich diesen schon nicht. Die Einladung zum Kaffee war nur…« Sie zuckte mit einer Schulter, die einst elegant und schmal, mittlerweile aber ausgesprochen knochig war.

»Eine Ausrede?« hakte Barrie nach.

Vanessa Merritt hob den Kopf. Trotz der Sonnenbrille sah Barrie trostlose Aufrichtigkeit im Blick der anderen. »Ich muß mit jemandem reden.«

»Und da sind Sie auf mich gekommen?«

»Genau.«

»Weil Sie ein paar meiner Reportagen zum Weinen gebracht haben?«

»Deshalb – und wegen der Beileidskarte, die Sie mir geschrieben haben. Die hat mich berührt, tief berührt.«

»Ich bin froh, wenn sie Sie ein bißchen getröstet hat.«

»Ich … ich habe nicht viele gute Freunde. Sie und ich sind ungefähr gleich alt. Ich dachte, Sie könnten ein guter Resonanzboden sein.« Als sie den Kopf sinken ließ, fiel ihre kastanienbraune Mähne nach vorn und verdeckte teilweise ihre hohen Wangenknochen und ihr aristokratisches Kinn.

Barrie sprach halblaut weiter: »Meine Karte hat nicht ausdrücken können, wie betroffen mich dieser Schicksalsschlag gemacht hat.«

»Doch, das hat sie. Und dafür danke ich Ihnen.« Vanessa Merritt zog ein Papiertaschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sich damit die Augen unter der Sonnenbrille ab. »Ich weiß nicht, wo die noch herkommen«, sagte sie und meinte damit die vom Taschentuch aufgesogenen Tränen. »Eigentlich müßte ich schon völlig ausgetrocknet sein.«

»Möchten Sie darüber reden?« fragte Barrie behutsam. »Über das Baby?«

»Robert Rushton Merritt«, sagte sie nachdrücklich. »Warum vermeidet es jeder, seinen Namen zu nennen? Er hatte einen Namen, Himmel noch mal! Das Baby war drei Monate lang ein Mensch und hatte einen Namen.«

»Wahrscheinlich …«

Aber Mrs. Merritt ließ Barrie nicht zu Wort kommen. »Rushton war der Mädchenname meiner Mutter«, erklärte sie. »Es hätte sie gefreut, daß ihr erster Enkel den Namen ihrer Familie trägt.«

Beim Sprechen starrte sie auf den aufgewühlten Kanal. Ihre Stimme klang, als käme sie aus weiter Ferne. »Und der Name Robert hat mir schon immer gefallen. Ein geradliniger, schnörkelloser Name ohne irgendwelchen Scheiß.«

Dieser vulgäre Ausdruck verblüffte Barrie, weil er überhaupt nicht zu Vanessa Merritts Südstaatenlady-Persönlichkeit paßte. Barrie war ihr Leben lang noch nie so um Worte verlegen gewesen. Was wäre unter diesen Umständen passend gewesen? Was sagte man zu einer Frau, die vor kurzem ihr Baby begraben hatte? Hübsche Beerdigung?

»Was wissen Sie darüber?« fragte Mrs. Merritt plötzlich. Auf diese Frage war Barrie nicht gefaßt. War das eine Herausforderung? Was wissen Sie schon darüber, wie es ist, ein Kind zu verlieren? Was wissen Sie eigentlich überhaupt?

»Meinen Sie…? Meinen Sie den Tod des Babys… Roberts Tod?«

»Ja. Was wissen Sie darüber?«

»Über den plötzlichen Kindstod weiß niemand so recht Bescheid, nicht wahr?« fragte Barrie, während sie versuchte, den eigentlichen Sinn dieser Frage zu erfassen.

Mrs. Merritt hatte sich die Sache mit der Zigarette offenbar anders überlegt und riß die Packung auf. Ihre Bewegungen waren die einer Marionette, eckig und ruckartig. Ihre Finger zitterten, als sie die Zigarette an ihre Lippen führte. Barrie angelte rasch ein Feuerzeug aus ihrer Umhängetasche. Vanessa Merritt sprach erst weiter, nachdem sie mehrmals tief inhaliert hatte. Aber die Zigarette beruhigte sie nicht. Statt dessen wurde sie immer erregter.

»Robert hat auf der Seite liegend geschlafen – von einem kleinen Kissen gestützt, das ich ihm wie empfohlen untergeschoben hatte. Alles ist so schnell passiert! Wie konnte…« Ihre Stimme versagte.

»Machen Sie sich deswegen Vorwürfe? Hören Sie mir bitte gut zu, Mrs. Merritt.« Barrie griff über den Tisch, nahm ihr die Zigarette aus den Fingern und drückte sie im Aschenbecher aus. Dann nahm sie Vanessa Merritts kalte Hände zwischen ihre. Diese impulsive Geste wurde von den Männern am anderen Tisch registriert.

»Robert ist dem Krippentod zum Opfer gefallen. Jedes Jahr verlieren Tausende von Eltern ein Baby durch plötzlichen Kindstod, und alle stellen anschließend ihre elterlichen Fähigkeiten in Frage. Es liegt in der menschlichend Natur, angesichts einer Tragödie die Schuldfrage zu stellen, deshalb belasten die betroffenen Eltern sich mit Schuldgefühlen. Aber in diese Falle dürfen Sie nicht tappen. Wenn Sie anfangen, sich für den Tod Ihres Babys verantwortlich zu fühlen, kommen Sie unter Umständen nie darüber hinweg.«

Mrs. Merritt schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Nein, das verstehen Sie nicht. Roberts Tod war meine Schuld.« Hinter der Sonnenbrille irrte ihr Blick umher. Sie entzog Barrie ihre Hände und berührte auf ihrer rastlosen Suche nach Ruhe ihre Wangen, die Tischplatte, ihren Schoß, den Kaffeelöffel und ihren Hals. »Die letzten Monate meiner Schwangerschaft waren unerträglich.«

Einen Moment lang legte sie sich die Hand auf den Mund, als wäre das letzte Schwangerschaftsdrittel unaussprechlich schmerzhaft gewesen. »Und dann ist Robert auf die Welt gekommen. Aber statt daß es sich, wie ich gehofft hatte, gebessert hätte, ist alles nur noch schlimmer geworden. Ich konnte nicht …«

»Was konnten Sie nicht? Ihrer neuen Verantwortung gerecht werden? Alle jungen Mütter haben Wochenbettdepressionen und fühlen sich überfordert«, versicherte Barrie ihr.

Sie knetete ihre Stirn mit den Fingerspitzen. »Sie verstehen nicht«, wiederholte sie angestrengt flüsternd. »Niemand versteht es. Es gibt keinen Menschen, dem ich es erzählen kann. Nicht einmal meinem Vater. O Gott, ich weiß nicht, was ich tun soll!«

Ihr Zusammenbruch war so offenkundig, daß die Männer am anderen Tisch sich umdrehten, um sie anzustarren. Auch der Ober näherte sich mit besorgter Miene.

Barrie sprach rasch und halblaut. »Vanessa, bitte reißen Sie sich zusammen! Wir werden beobachtet.«

Vielleicht weil Barrie sie mit dem Vornamen angesprochen hatte, verkehrte sich der emotionale Kollaps schlagartig ins Gegenteil. Ihre nervösen Hände hielten plötzlich still, und ihre Tränen versiegten. Sie trank den kalten Cappuccino, den sie noch vor kurzem abgelehnt hatte, mit einem Zug aus und tupfte sich anschließend ihre farblosen Lippen zierlich mit der Serviette ab. Sprachlos beobachtete Barrie diese Verwandlung.

Wieder ganz gefaßt, sagte sie mit kühler, beherrschter Stimme: »Unser Gespräch war völlig inoffiziell, nicht wahr?«

»Absolut«, bestätigte Barrie. »Das haben Sie deutlich gesagt, als Sie mich angerufen haben.«

»Angesichts Ihrer und meiner Position ist mir jetzt klar, daß es ein Fehler war, dieses Treffen zu vereinbaren. Ich bin seit Roberts Tod nicht mehr ich selbst. Ich dachte, ich müßte darüber reden, aber das war ein Irrtum. Darüber zu reden macht mich nur noch verzweifelter.«

»Sie haben Ihr Baby verloren. Das gibt Ihnen alles Recht, durcheinander zu sein.« Barrie legte ihr eine Hand auf den Arm. »Seien Sie nachsichtiger mit sich selbst. Der plötzliche Kindstod passiert einfach.«

Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und sah Barrie direkt in die Augen. »Glauben Sie wirklich?«

Dann setzte Vanessa Armbruster Merritt, die First Lady der Vereinigten Staaten, ihre Ray Ban wieder auf, hängte sich den Riemen ihrer Handtasche über die Schulter und stand auf. Die Secret-Service-Agenten am anderen Tisch kamen hastig auf die Beine. Die drei Kollegen, die außer Sichtweite am Terrassengeländer Wache gehalten hatten, stießen zu ihnen.

Die Gruppe umringte die First Lady und begleitete sie von der Restaurantterrasse zu einer bereitstehenden Limousine.

2. Kapitel

Barrie wühlte in ihrer Umhängetasche nach Kleingeld für den Getränkeautomaten. »Hat jemand ein paar Vierteldollars, die er mir leihen kann?«

»Nicht für Sie, Schätzchen«, antwortete ein Videoredakteur, der eben vorbeiging. »Mir haben Sie schon fünfundsiebzig Cent abgeluchst.«

»Sie kriegen sie morgen zurück. Ehrenwort.«

»Vergessen Sie es, Wackelpopo.«

»Schon mal was von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gehört?« rief sie ihm nach.

»Klar. Ich hab’ dafür gestimmt«, antwortete er über die Schulter hinweg. Barrie gab es auf, aus den Tiefen ihrer Tasche irgendwelche Münzen zutage fördern zu wollen, da ihr eine Diätlimonade die ganze Mühe nicht wert schien.

Sie schlängelte sich in der Nachrichtenredaktion des Fernsehsenders durch das Labyrinth aus Glaskästen, bis sie ihren eigenen erreicht hatte. Ein Blick auf ihren Schreibtisch hätte genügt, um einen Ordnungsfanatiker zum Selbstmord zu treiben. Sie knallte ihre Umhängetasche auf die Schreibtischplatte und wischte dabei drei Zeitschriften zu Boden.

»Lesen Sie je eine davon?«

Die vertraute Stimme entlockte Barrie ein Ächzen. Howie Fripp war der Chef vom Dienst, ihr unmittelbarer Vorgesetzter und eine fürchterliche Nervensäge.

»Klar lese ich sie«, log Barrie. »Von der ersten bis zur letzten Seite.«

Sie hatte mehrere Zeitschriften abonniert. Diese Magazine kamen regelmäßig und bildeten auf ihrem Schreibtisch turmhohe Stapel, bis Barrie sie irgendwann wegwerfen mußte – meistens ungelesen. Aber sie versäumte es nie, ihr Monatshoroskop im Cosmopolitan zu lesen. Das war ungefähr alles, was sie in den Zeitschriften las, aber sie war schon aus Prinzip nicht bereit, ihre Abonnements zu kündigen. Alle guten Fernsehjournalisten waren nachrichtensüchtig und lasen, was ihnen unter die Finger kam.

Und sie war eine gute Fernsehjournalistin.

Das war sie wirklich.

»Plagt Sie denn nicht das schlechte Gewissen, wenn Sie daran denken, daß Tausende von Bäumen sterben müssen, nur um Sie mit Lesestoff zu versorgen, den Sie dann doch nicht lesen?«

»Howie, Sie plagen mich. Außerdem sind Sie gerade der Richtige, um Umweltbewußtsein zu predigen, wo Sie mit Ihren vier Päckchen Zigaretten am Tag die Atmosphäre vergiften.«

»Von meinen Fürzen ganz zu schweigen.«

Sie verabscheute sein bösartiges kleines Grinsen fast so sehr wie die Kleingeister in der Geschäftsleitung von WVUE, einem unabhängigen Fernsehsender mit niedrigem Budget und geringem Niveau, der schwer zu kämpfen hatte, um sich in Washington, D.C., gegen die Fernsehgiganten zu behaupten. Sie hatte um Geld betteln müssen, um jene Features produzieren zu können, die die First Lady gelobt hatte. Sie hatte Ideen für viele weitere. Aber die Geschäftsleitung des Senders, auch Howie, stellte sich taub. Ihre Ideen wurden von Männern blockiert, denen es an Vision, Talent und Energie mangelte. Sie gehörte nicht hierher.

Ist das nicht genau die Überzeugung, an die sich Häftlinge klammern?

»Schweigen wir lieber von Ihren Fürzen, Howie.«

Sie ließ sich in den Schreibtischsessel fallen, grub mit den Fingern Tunnels in ihr Haar und hielt es von ihrem Gesicht weg. Ihre Frisur war von Anfang an nicht sehr elegant gewesen, aber der feuchte Wind auf der Restaurantterrasse hatte sie völlig verwüstet.

Ein merkwürdiger Treffpunkt.

Noch merkwürdiger war unser Gespräch.

Welchen Zweck hat sie damit verfolgt?

Auf der Rückfahrt zum Sender hatte Barrie sich jedes einzelne Wort ihres Gesprächs mit der First Lady ins Gedächtnis zurückgerufen. Sie hatte jeden Tonfall von Vanessa Merritts Stimme analysiert, jede ihrer Handbewegungen beurteilt, ihre Körpersprache eingeschätzt und über die beunruhigende letzte Frage nachgedacht, die gleichzeitig ihr Abschiedsgruß gewesen war. Trotzdem konnte sie noch immer nicht genau sagen, was eigentlich passiert war. Oder was nicht passiert war.

»Haben Sie Ihre e-mail schon gelesen?« Howies Frage riß sie aus ihren Gedanken.

»Noch nicht.«

»Dieser Tiger, der aus einer Jahrmarktstierschau ausgebrochen ist, der ist wieder da. Er war überhaupt nicht ausgebrochen. Ergo gibt’s keine Story.«

»O neiiin!« sagte sie dramatisch. »Und ich hatte mich so darauf gefreut, darüber zu berichten.«

»Hey, das hätte ’ne große Story werden können. Das Tier hätte ein Kind oder sonstwen fressen können.« Er schien dieser verpaßten Gelegenheit aufrichtig nachzutrauern.

»Es war ein beschissener Auftrag, Howie. Die beschissenen Aufträge kriege immer ich. Weil Sie mich nicht mögen oder weil ich eine Frau bin?«

»Himmel, nicht schon wieder die alte feministische Leier! Was ist los – PMS oder was?«

Sie seufzte. »Howie, Sie sind ein hoffnungsloser Fall.«

Hoffnungslos. Das war’s! Vanessa Merritt hatte hoffnungslos gewirkt.

Um in Ruhe über diesen neuen Einfall nachdenken zu können, sagte Barrie ungeduldig: »Hören Sie, Howie, wenn Sie nichts Bestimmtes mit mir besprechen wollen, habe ich hier jede Menge zu tun, wie Sie sehen.«

Howie trat an die Trennwand zwischen ihrer Bude – so bezeichnete sie ihren engen Glaskasten – und der nebenan. Unabhängig von der Jahreszeit trug er kurzärmelige weiße Hemden. Unweigerlich. Unweigerlich mit schwarzen Hosen, die unweigerlich glänzten. Seine Krawatten waren Schnellbinder. Das heutige Exemplar war besonders scheußlich und hatte einen Fleck über der ausgefransten Unterkante, die nur bis zur Mitte seines gewaltigen Brustkorbs reichte, der in keinem Verhältnis zu seinem fast nicht vorhandenen Hintern und seinen spindeldürren O-Beinen stand.

Er verschränkte die Arme über der Brust. »Eine Story wäre nett, Barrie. Sie wissen schon – eine Story. Wofür wir Sie bezahlen und was wir, mehr oder weniger täglich, von Ihnen erwarten. Wie wär’s mit einer für die heutigen Abendnachrichten?«

»Ich hab’ an einer gearbeitet, die sich zerschlagen hat«, murmelte sie, während sie ihren Computer anlaufen ließ.

»An welcher denn?«

»Wozu noch darüber diskutieren, wenn sie sich zerschlagen hat?«

Vanessa Merritt hatte gesagt, die letzten Monate ihrer Schwangerschaft seien unerträglich gewesen. Selbst wenn sie nicht diesen starken, anschaulichen Ausdruck verwendet hätte, hätte allein ihr Verhalten gezeigt, daß sie eine sehr schwere Zeit hinter sich hatte. Und nach der Geburt war das »Unerträgliche« noch schlimmer geworden. Aber was war so unerträglich gewesen? Und warum hat sie es mir erzählt?

Howie schwafelte weiter, ohne zu merken, daß sie nur mit halbem Ohr zuhörte. »Ich verlange weiß Gott keine Livereportage über jemand, der den Kopf runtergeschossen kriegt, oder die ersten Schritte eines Menschen auf dem Mars oder irgendeinen Extremisten der Nation of Islam, der den Papst im Vatikan als Geisel genommen hat. Eine einfache kleine Story tät’s schon. Irgendwas. Sechzig Sekunden, um die Zeit zwischen dem zweiten und dritten Werbeblock auffüllen zu helfen. Mehr verlange ich ja gar nicht.«

»Sehr kurzsichtig von Ihnen, Howie«, meinte Barrie. »Wenn das Ihre beste Rede zur Mitarbeitermotivierung ist, wundert es mich nicht, daß Ihre Untergebenen so unbefriedigende Arbeit abliefern.«

Er ließ die Arme sinken und richtete sich zu seiner vollen Größe von einem Meter siebenundsechzig auf, die er nur mit Einlagen in seinen abgelatschten Oxfords erreichte. »Wissen Sie, was Ihr Problem ist? Sie haben zu hochgesteckte Ziele. Sie wollen eine Diane Sawyer sein. Nun, hier ist ’ne Kurzmeldung für Sie: Sie sind keine. Und Sie werden nie einen berühmten Filmregisseur heiraten oder ein eigenes Nachrichtenmagazin bekommen. Sie werden in unserer Branche nie Ansehen und Glaubwürdigkeit erringen – weil Sie eine Versagerin sind, was die ganze Branche weiß. Warten Sie also nicht länger auf die ganz große Story, geben Sie sich mit solchen zufrieden, denen Sie und Ihr beschränktes Talent gewachsen sind. Mit Sachen, die ich senden kann. Okay?«

Barrie hatte ihn unmittelbar nach den »hochgesteckten Zielen« ausgeblendet. Zum ersten Mal hatte sie diese Tirade an dem Tag gehört, an dem er sie eingestellt hatte – in seiner Herzensgüte, hatte er behauptet. Außerdem, hatte er hinzugefügt, solle er auf Wunsch der Geschäftsleitung einen weiteren »Rock« einstellen, und Barrie sehe »okay« aus. Diesen Quatsch hatte sie seither an fast jedem Werktag gehört. Drei Jahre lang.

In ihrer E-Mail fand sie einige Mitteilungen, aber nichts, was nicht Zeit bis später hatte. Sie schaltete ihren Computer aus und stand auf. »Für heute abend ist es schon zu spät, Howie. Aber morgen kriegen Sie ’ne Story von mir. Ehrenwort.« Sie griff nach ihrer Umhängetasche und hängte sie sich wieder über die Schulter.

»Hey! Wohin wollen Sie?« rief er hinter ihr her, als Barrie an ihm vorbeirauschte.

»In die Bibliothek.«

»Wozu?«

»Recherchen, Howie.«

Als sie am Getränkeautomaten vorbeikam, schlug sie mit einer Faust dagegen. Prompt rollte ein Diet Coke ins Ausgabefach.

Sie betrachtete das als gutes Zeichen.

Barrie jonglierte mit ihrer Umhängetasche, einem Stapel Bibliotheksbücher und ihren Schlüsseln, sperrte den Hintereingang ihres Stadthauses auf und stolperte hinein. Sobald sie die Schwelle überschritt, bekam sie einen innigen, feuchten Kuß auf die Lippen.

»Danke, Cronkite.« Sie wischte sich den Geifer aus dem Gesicht. »Ich liebe dich auch.«

Cronkite und der übrige Wurf hatten an dem Tag im Tierheim eingeschläfert werden sollen, an dem Barrie zu dem Entschluß gekommen war, sie brauche einen vierbeinigen Gefährten, nachdem ein zweibeiniger angekündigt hatte, er brauche mehr Bewegungsfreiheit, und für immer aus ihrem Leben verschwunden war.

Die Entscheidung, welchen Welpen sie retten sollte, war ihr nicht leichtgefallen, aber sie hatte ihre Wahl nie bereut. Cronkite war ein großer, langhaariger Mischlingshund mit deutlichem Golden-Retriever-Einschlag. Seine großen, braunen Augen verehrten sie jetzt andächtig, während sein Schwanz überglücklich gegen ihre Wade trommelte.

»Also mach schon«, forderte sie ihn auf und nickte in ihren winzigen Garten hinaus. »Reinkommen kannst du durch die Hundetür.« Cronkite winselte. Barrie seufzte. »Schön, ich warte. Aber beeil dich! Diese Bücher sind verdammt schwer.«

Selig begoß er mehrere Büsche und stürmte dann vor Barrie ins Haus.

»Mal sehen, ob in der Post was Interessantes ist«, sagte Barrie, als sie zur Haustür ging, hinter der ihre Post in einem Haufen unter dem Einwurfschlitz lag. »Rechnung, Rechnung, überfällige Rechnung… Einladung zum Dinner im Weißen Haus.« Sie sah den Hund an, der fragend den Kopf schief legte. »Wollte bloß mal sehen, ob du aufpaßt.«

Cronkite folgte ihr nach oben ins Schlafzimmer, wo sie Kleid und Pumps gegen ein fast knielanges Redskins-Trikot und Sportsocken vertauschte. Nach einigen Bürstenstrichen durch ihr Haar faßte sie es zu einem Pferdeschwanz zusammen. »Umwerfend«, murmelte sie, als sie ihr Spiegelbild betrachtete. Aber dann dachte sie nicht mehr an ihr Aussehen, sondern konzentrierte sich auf ihre Arbeit.

Im Lauf der Jahre hatte sie sich verschiedene Quellen erschlossen  – Angestellte, Sekretärinnen, Callgirls, Zimmermädchen, Polizeibeamte, eine Handvoll Leute in einflußreicher Position –, von denen sie gelegentlich wertvolle Informationen und verläßliche Hinweise bekam. Eine dieser Quellen war Anna Chen, eine junge Verwaltungsangestellte im General Hospital. Der üppig blühende Klatsch, den Anna Chen im Krankenhaus mitbekam, führte oft zu guten Storys. Sie war eine von Barries verläßlichsten Quellen.

Weil Barrie hoffte, sie noch im Büro erwischen zu können, suchte sie Annas Nummer in ihrer privaten Rolodex-Kartei und tippte sie ein. Die Telefonistin im Krankenhaus verband sie sofort weiter.

»Hi, Anna. Hier ist Barrie Travis. Ein Glück, daß ich Sie noch erwischt habe.«

»Ich wollte eben gehen. Was gibt’s?«

»Wie gut wären meine Chancen, eine Kopie vom Obduktionsbefund des Merritt-Babys zu bekommen?«

»Soll das ein Witz sein?«

»So schlecht?«

»Unmöglich, Barrie. Sorry.«

»Das hab’ ich mir gedacht, aber fragen kostet ja nichts.«

»Wozu wollen Sie den?«

Sie verstieg sich zu einiger Wortakrobatik, die ihre Quelle zufriedenzustellen schien. »Trotzdem vielen Dank, Anna.«

Barrie legte enttäuscht auf. Ein Autopsiebericht wäre ein guter Ausgangspunkt gewesen, obwohl sie noch immer nicht recht wußte, worauf sie hinauswollte.

»Was willst du zum Abendessen, Cronkite?« fragte sie, während sie mit ihm nach unten in die Küche trabte. Sie öffnete eine Schranktür und las vor, was auf der Speisekarte stand. »Im Angebot sind heute abend Kibbles and Bits, Huhn mit Leber von Alpo oder Gravy Train.« Er winselte vor Enttäuschung. Sie erbarmte sich seiner und fragte: »Luigi’s?« Cronkite ließ seine lange rosa Zunge heraushängen und begann zu hecheln wie ein Perverser in einer Peep-Show.

Ihr Gewissen ermahnte sie, sich mit einem Lean-Cuisine-Menü zu begnügen, aber wozu eigentlich? Was machten ein paar Gramm Fett, wenn man seine Abende in einem alten Footballtrikot und Sportsocken daheim verbrachte, sich mit einem Mischlingshund unterhielt und nichts vor sich hatte als stundenlange Recherchen?

Als sie telefonisch zwei Pizzas bestellte, begann Cronkite zu winseln, weil er nach draußen wollte. Barrie hielt die Sprechmuschel zu. »Wenn es so dringend ist, kannst du zur Hundetür raus.« Cronkite musterte die Öffnung in der Hintertür verächtlich. Sie war groß genug für den Hund, aber nicht so groß, daß sie sich wegen Einbrechern Sorgen machen mußte. Während sie die Pizzabestellung wiederholte, deutete sie mit ihrem Zeigefinger energisch auf die Hundetür. Cronkite kroch sichtlich gedemütigt hindurch. Als er wieder hereinkommen wollte, hatte sie bereits aufgelegt und machte ihm die Hintertür auf. »Unsere Pizzas kommen garantiert in fünfundzwanzig Minuten, sonst kriegen wir sie umsonst.«

Während sie auf die Pizzas wartete, goß sie sich ein Glas Merlot ein und nahm es mit in den zweiten Stock hinauf, den sie zum Arbeitszimmer ausgebaut hatte. Sie hatte einen Treuhandfonds mit ihrer Erbschaft aufgelöst, um sich das Stadthaus im fashionablen Wohnviertel Dupont Circle kaufen zu können. Das Haus war anheimelnd altmodisch, hatte Charakter und lag zudem sehr verkehrsgünstig.

Ursprünglich hatte sie die abgeschlossene Wohnung im zweiten Stock vermietet. Aber als ihre Mieterin ein halbes Jahr vor Vertragsablauf nach Europa übersiedelte, hatte Barrie das Geld dazu verwendet, die drei beengten Räume in ein einziges großes Atelierbüro umzuwandeln.

Eine Wand des Raums verschwand jetzt völlig hinter Videokassetten. Barrie hatte ganze Regale voll davon. Sie bewahrte ihre eigenen Reportagen, historisch bedeutende Nachrichtensendungen und sämtliche Nachrichtenmagazine auf. Alle Kassetten waren alphabetisch nach Themen geordnet. Sie griff zielsicher nach einer bestimmten Kassette, schob sie in den Recorder und sah sie sich an, während sie mit kleinen Schlucken ihren Wein trank.

Tod und Beisetzung Robert Rushton Merritts waren ausführlichst dokumentiert worden. Die Tragödie schien doppelt unfair, weil sie den Merritts zugestoßen war, deren Ehe man als mustergültig ansah.

Präsident David Malcomb Merritt hätte jedem jungen, männlichen Amerikaner, der davon träumte, eines Tages dieses Amt zu bekleiden, als Modell dienen können. Er sah auf klassische Weise gut aus, war sportlich und attraktiv und hatte auf Frauen wie auf Männer eine charismatische Wirkung.

Vanessa Merritt war die vollkommene Frau an seiner Seite. Sie war einfach atemberaubend. Ihre Schönheit und ihr Südstaatencharme wogen etwaige Mängel spielend auf. Zum Beispiel an Esprit. Und an Klugheit. Sie galt nicht gerade als Intelligenzbestie, aber das schien niemanden zu stören. Die amerikanische Öffentlichkeit hatte sich eine First Lady gewünscht, in die man sich verlieben konnte, und Vanessa Armbruster Merritt hatte dieses Bedürfnis mühelos erfüllt.

Davids Eltern waren schon lange tot; er hatte keine lebenden Verwandten. Aber Vanessas Vater machte das mehr als wett. Cletus Armbruster vertrat seinen Heimatstaat Mississippi praktisch seit Menschengedenken als erster Senator in Washington. Er hatte mehr Präsidenten überlebt als die meisten Amerikaner sich zu wählen erinnern konnten.

Zusammen gaben sie ein fotogenes Triumvirat ab, das es an Berühmtheit mit jeder königlichen Familie aufnehmen konnte. Seit J. F. Kennedy hatte kein amerikanisches Präsidentenpaar im In- und Ausland so viel öffentliche Aufmerksamkeit und Bewunderung erregt. Was sie auch unternahmen, wo sie auch auftraten  – einzeln oder gemeinsam –, es erregte Aufsehen.

Deshalb war ganz Amerika hingerissen, als bekanntgegeben wurde, die First Lady erwarte ihr erstes Kind. Das Baby würde die vollkommene Idylle noch vollkommener machen.

Die Geburt des Kleinen rief ein größeres Medienecho hervor als das Unternehmen Wüstensturm oder die ethnischen Säuberungen in Bosnien. Barrie erinnerte sich noch gut, wie sie in der Redaktion auf einem Bildschirm den x-ten Bericht über die Ankunft des kleinen Merritts im Weißen Haus gesehen hatten. Howie hatte säuerlich gefragt: »Sollten wir vielleicht Ausschau nach einem hellen Stern im Osten halten?«

Das einzige Ereignis, das ein vergleichbar großes Medienecho fand, war der Tod dieses Babys ein Vierteljahr später.

Diese Nachricht stürzte alle in Kummer und Entsetzen. Niemand wollte es glauben. Niemand konnte es glauben. Amerika trauerte.

Barrie trank ihren Wein aus, spulte die Kassette zum dritten Mal zurück und sah sich erneut die rührenden Bestattungsszenen an.

Vanessa Merritt, die in Trauerkleidung blaß und tragisch schön aussah, konnte nicht allein stehen. Jedermann sah, daß ihr Herz gebrochen war. Sie war erst nach jahrelangen Bemühungen schwanger geworden – ein weiterer Aspekt ihres Privatlebens, den die Medien in allen Einzelheiten erforscht und ausgeschlachtet hatten. Daß sie das mit solchen Mühen empfangene Kind nun verloren hatte, ließ sie zu einer wirklich tragischen Heldin werden.

Der Präsident wirkte stoisch gefaßt, während Tränen sein hageres Gesicht benetzten und in die attraktiven Falten beiderseits der Mundwinkel liefen. Alle Berichterstatter hoben lobend hervor, wie rührend er um seine Frau besorgt war. An diesem Tag sah man David Merritt vor allem als Ehemann und Vater, der zufällig auch Präsident der Vereinigten Staaten war.

Senator Armbruster weinte in ein weißes Taschentuch, ohne sich seiner Tränen zu schämen. Sein letzter Gruß war eine winzige Staatsflagge von Mississippi, die aus den weißen Rosen und dem Schleierkraut auf dem kleinen Sarg seines Enkels ragte.

Wäre Barrie in der Situation der First Lady gewesen, hätte sie lieber zurückgezogen getrauert. Sie hätte die Kameras und Kommentatoren verabscheut. Obwohl Barrie wußte, daß ihre Kollegen nur ihre Arbeit getan hatten – tatsächlich war sie selbst mitten unter ihnen gewesen –, war die Beisetzung ein öffentliches Schauspiel gewesen, das über Satelliten weltweit übertragen wurde. Wie hatte Vanessa Merritt es auch nur einigermaßen durchstehen können?

An der Haustür wurde geklingelt.

Barrie sah auf ihre Uhr. »Verdammt! Vierundzwanzig Minuten und neununddreißig Sekunden. Weißt du, Cronkite«, sagte sie, während sie die Treppe hinunterstürmten, »ich glaube, daß sie das absichtlich tun, um einem erst mal Hoffnungen zu machen.«

Luigi brachte die Pizzas persönlich. Er war ein kleiner, rundlicher Italiener mit rosigem, verschwitztem Gesicht, vollen Cherublippen und dichten, schwarzen Locken – auf der Brust. Sein Kopf war kahl wie eine Billardkugel.

»Miss Travis«, sagte er, während er ihre Aufmachung mißbilligend musterte. »Ich hatte gehofft, daß die zweite Pizza heute abend für einen Liebhaber ist.«

»Nö, die mit Hackfleischklößchen ist für Cronkite. Hoffentlich ist nicht zuviel Knoblauch drin. Davon kriegt er immer Blähungen. Wieviel schulde ich Ihnen?«

»Ich schreib’s auf Ihre Rechnung.«

»Danke.« Sie griff nach den beiden Schachteln, deren Duft Cronkite zu einem ekstatischen Tanz um ihre Beine animierte. Seine Kreise, der Merlot und ihr Hunger machten Barrie leicht schwindlig.

Luigi war jedoch nicht bereit, seine Pizzas ohne den kleinen Vortrag, der zu jeder Lieferung gehörte, aus der Hand zu geben. »Sie sind ein Filmstar …«

»Ich bin Fernsehjournalistin.«

»Ist doch dasselbe«, behauptete er. »Ich sage zu Missus: ›Miss Travis ist ’ne gute Kundin. Sie ruft uns zwei bis drei Abende die Woche an. Gut für uns, aber schlecht für sie. Sie ist zuviel allein.‹ Und die Missus sagt…«

»Daß Miss Travis vielleicht lieber allein ist.«

»Nein. Sie sagt, daß Sie keine Männer kennenlernen, weil Sie immer nur arbeiten.«

»Ich lerne Männer kennen, Luigi. Aber die guten sind alle vergeben. Die Männer, die ich kennenlerne, sind verheiratet, schwul, langweilig oder kommen aus einem anderen Grund nicht in Frage. Aber ich weiß Ihre Besorgnis zu schätzen.« Barrie griff erneut nach den Pizzas. Sie wurden ihr erneut vorenthalten.

»Sie sind hübsch, Miss Travis.«

»Ich halte nicht gerade den Verkehr auf.«

»Sie haben schönes Haar. Mit hübscher rötlicher Färbung. Auch Ihr Teint ist in Ordnung. Und Sie haben sehr ungewöhnliche grüne Augen.«

»Sehr gewöhnliche haselnußbraune.« Keineswegs spektakulär. Bestimmt nicht mit Vanessa Merritts klaren Saphirsternen zu vergleichen.

»Bißchen schmal hier oben.« Luigis Blick war jetzt auf ihren Busen gerichtet. Wie Barrie aus Erfahrung wußte, würde er jetzt, falls sie das zuließ, mit einer Bewertung ihrer Figur beginnen.

»Aber nicht zu klein«, beteuerte er hastig. »Weil Sie nämlich überall schlank sind.«

»Und ich werde mit jeder Minute schlanker.« Sie riß ihm die Schachteln aus der Hand. »Danke, Luigi. Setzen Sie ein gutes Trinkgeld für sich auf meine Rechnung und grüßen Sie Ihre Frau von mir.« Barrie schloß die Haustür, bevor er ein weiteres Lamento über ihr nicht vorhandenes Liebesleben anstimmen konnte.

Cronkite führte eine Art Veitstanz auf, deshalb servierte sie ihm seine Pizza gleich mitsamt der Schachtel. Dann setzte sie sich mit ihrer Pizza, einem weiteren Glas Wein und den Büchern, die sie nachmittags entliehen hatte, an den Küchentisch. Die Pizza war wie immer köstlich. Das zweite Glas Wein schmeckte noch besser als das erste. Die Recherche über den plötzlichen Kindstod war faszinierend.

Von diesen drei Dingen war die Recherche das einzige, von dem sie nicht genug bekommen konnte.

3. Kapitel

Howie Fripp runzelte skeptisch die Stirn und bohrte mit dem gezackten Ende seines Autoschlüssels in seinem Gehörgang herum. »Ich weiß nicht recht…«

Barrie fühlte den raubtierhaften Trieb, über den Schreibtisch zu springen und ihm mit ihren Zähnen die Kehle zu zerfleischen. Diese barbarische Seite ihrer Persönlichkeit weckte außer ihm niemand. Nur Howie Fripp. Nicht nur seine widerwärtigen Angewohnheiten und sein schamloser Chauvinismus stachelten solche wilden Instinkte an. Ebenso schlimm waren seine weinerliche Unentschlossenheit und seine völlige Visionslosigkeit.

»Was gefällt Ihnen an meinem Exposé nicht?«

»Es ist deprimierend«, antwortete er und schüttelte sich demonstrativ. »Säuglinge, die in ihrer Wiege sterben. Wer will darüber schon eine Serie sehen?«

»Junge Eltern. Zukünftige Eltern. Eltern, denen das zugestoßen ist. Jeder, der informiert und aufgeklärt werden möchte, was hoffentlich auf wenigstens einen Teil unseres Publikums zutrifft.«

»Sie leben in einer Traumwelt, Barrie. Die Zuschauer bleiben nur dran, weil nach unseren Nachrichten die Wiederholung von Ein himmlisches Vergnügen kommt.«

Barrie bemühte sich, alle Ungeduld aus ihrem Tonfall herauszuhalten. Wenn er merkte, daß sie sich ärgerte, wurde er noch sturer. »Wegen des Themas wird diese Serie nicht gerade heiter. Aber sie braucht auch nicht rührselig zu sein. Ich habe mit einem Ehepaar gesprochen, das vor zwei Jahren sein Baby durch plötzlichen Kindstod verloren hat. Die beiden jungen Leute haben inzwischen wieder ein Kind und sind bereit, vor der Kamera darüber zu sprechen, wie sie den Schock überwunden haben.«

Sie stand auf und versuchte, das Geschäft perfekt zu machen. »Leitmotiv ist das Licht am Ende des Tunnels. Der Sieg über widrige Umstände. Das könnte sehr erhebend sein.«

»Sie haben schon ein Interview vereinbart?«

»Sobald Sie grünes Licht geben, versteht sich«, antwortete sie diplomatisch. »Ich wollte alles fertig haben, bevor ich zu Ihnen komme, Howie. Ich habe eine Woche lang recherchiert und mit Kinderärzten und Psychologen gesprochen. Dieses Thema liegt in der Luft – vor allem seit dem Tod des Präsidentenbabys.«

»Das hängt doch allen schon zum Hals raus.«

»Aber ich gehe das Thema von mehreren neuen Blickwinkeln aus an.«

Das war nicht nur ein Verkaufsargument. Je länger sie den plötzlichen Kindstod recherchiert hatte, desto mehr hatten sie damit zusammenhängende Themen fasziniert, die ebenso interessant und berichtenswert waren wie das Hauptthema. Dabei hatte sich rasch gezeigt, daß ein einziges Neunzigsekundenfeature die Problematik lediglich hätte anreißen können.

Nur Howie stand ihr noch im Weg. »Ich weiß nicht recht«, wiederholte er. Der Zündschlüssel kreiste in seinem anderen Ohr, während er nochmals ihr Exposé las. Es war detailliert, aber ziemlich kurz. Bestimmt auch für jemanden mit seinen beschränkten Geistesgaben verständlich.

Barrie verlangte drei Sendungen, die an aufeinanderfolgenden Tagen zwischen den beiden Abendnachrichten ausgestrahlt werden sollten. Jede würde einen unterschiedlichen Aspekt des plötzlichen Kindstods behandeln. Weiterhin schlug sie vor, frühzeitig und verstärkt für diese Sendungen zu werben.

Letztlich – aber das stand natürlich nicht in ihrem Exposé – würde ein Nachrichtenproduzent im Publikum die Qualität ihrer Arbeit erkennen und ihr anbieten, sie aus dieser ansonsten als WVUE-Nachrichtenredaktion bekannten Leprakolonie des Fernsehjournalismus wegzuengagieren.

Howie rülpste. Sein Schlüssel hatte einen braunen Ohrenschmalzklumpen zutage gefördert, den er am Deckblatt von Barries Exposé abwischte. »Das überzeugt mich alles nicht.«

»Mrs. Merritt hat mir ein Interview zugesagt.«

Er ließ den verschmierten Zündschlüssel fallen. »Hä?«

Das war natürlich gelogen. Aber verzweifelte Situationen erforderten verzweifelte Maßnahmen. »Wir haben neulich miteinander Kaffee getrunken.«

»Sie und die First Lady?« »Genau. Auf ihre Einladung hin. Während unseres Gesprächs habe ich ihr von meiner geplanten Serie erzählt. Sie hat diese Idee begrüßt und sich bereit erklärt, ihre Gedanken dazu zu äußern.«

»Vor der Kamera?«

Barrie hatte plötzlich eine Vision von Vanessa Merritt, wie sie sich hinter ihrer Ray-Ban-Sonnenbrille zu verstecken suchte, während sie zwischen zitternden Fingern eine verbotene Zigarette hielt – die Vision einer Frau, die ein emotionales Wrack war.

»Natürlich vor der Kamera«, sagte sie und verdrehte dabei die Augen.

»In Ihrem Exposé steht nichts von der First Lady.«

»Die hab’ ich mir als Überraschung aufgehoben.«

»Okay, ich bin überrascht«, sagte er trocken.

Barrie war keine gute Lügnerin, aber Howie war ein so miserabler Menschenkenner, daß ihr von dieser Seite vermutlich keine Gefahr drohte.

Er beugte sich über seinen Schreibtisch. »Falls Mrs. Merritt Ihnen wirklich ein Interview gibt…«

»Das tut sie.«

»… müssen Sie trotzdem weiter jeden Tag eine Reportage abliefern.« Damit ließ er sich zurücksinken und kratzte sich zwischen den Beinen.

Sie dachte über diese Bedingung nach, dann schüttelte sie nachdrücklich den Kopf. »Diese Sache verdient meine volle Aufmerksamkeit, Howie. Ich möchte mich wirklich ganz darauf konzentrieren.«

»Und ich würde wirklich gern Sharon Stone ficken. Aber wir kriegen nicht immer, was wir wollen, stimmt’s?«

Barrie lenkte ein. »Okay. Bedingung akzeptiert.«

»Barrie Travis.«

»Wer?«

Die First Lady räusperte sich, bevor sie den Namen wiederholte. »Barrie Travis. Sie ist Reporterin bei WVUE.«

»Ach ja. Die mit der rauchigen Stimme?« David Merritt, Präsident der Vereinigten Staaten, steckte einen Manschettenknopf mit dem Präsidentensiegel durch seine Manschette. »Ich habe sie erst neulich bei einer Pressekonferenz angesprochen. Aus dem Weißen Haus berichtet sie im allgemeinen freundlich, oder?«

»Sehr.«

»Was ist also mit ihr?«

Vanessa, die schon im Abendkleid auf einem Liegesofa saß, trank einen Schluck Weißwein. »Sie plant eine Serie über den plötzlichen Kindstod und will dafür auch mich interviewen.«

David Merritt schlüpfte in seine Smokingjacke und begutachtete sein Spiegelbild. Nach seinem Amtsantritt hatte er beschlossen, auf einen Kammerdiener zu verzichten. Auch der erfahrenste Herrenausstatter hätte seine körperlichen Vorzüge nicht besser herausstreichen können als er selbst. Der Schnitt seiner Jacke betonte seine breiten Schultern und seine schmale Taille. Sein Haar war gut frisiert, aber niemals mit Pomade festgeklebt. Insgeheim hatte er es am liebsten verwegen windzerzaust. Gesellschaftskleidung trug er mit Eleganz und Grazie. In Jeans war er der Junge von nebenan.

Er war mit seiner Erscheinung zufrieden und drehte sich zu seiner Frau um. »Und?«

»Sie kommt heute abend zu dem Empfang. Dalton hat ihr eine Antwort versprochen.«

Dalton Neely war der Pressesprecher des Weißen Hauses. Er war von Merritt und seinem Chefberater Spencer Martin ausgesucht und gut ausgebildet worden.

»Tatsächlich ist die offizielle Anfrage über Daltons Büro gelaufen.« Vanessa nahm eine Valiumtablette aus dem Medizinfläschchen in ihrer mit Perlen bestickten Abendtasche. »Barrie Travis ruft seit Tagen in meinem Büro an. Ich war nie zu sprechen, aber sie ist sehr hartnäckig.«

»Reporter leben von ihrer Hartnäckigkeit.«

»Nun, mit ihrer hartnäckigen Art hat sie mich in die Enge getrieben. Dalton hat mir heute nachmittag ihre Bitte um ein Interview vorgetragen. Und beide erwarten heute abend eine Antwort von mir.«

Der Präsident trat rasch auf sie zu, packte ihre Hand und nahm die kleine, gelbe Tablette aus ihrer Handfläche. Er holte das Medizinfläschchen aus ihrer Abendtasche und ließ die Tablette wieder hineinfallen, dann steckte er das Fläschchen ein.

»Das brauche ich, David.«

»Nein, du brauchst es nicht. Und das hier auch nicht.« Er nahm ihr das Weinglas weg und stellte es beiseite. »Alkohol beeinträchtigt die Wirkung deiner Medikamente.«

»Das ist erst mein zweites Glas.«

»Es ist dein drittes. Du belügst mich, Vanessa.«

»Okay, ich hab’ nicht nachgezählt. Na und. Ich …«

»Ich meine nicht den Wein, sondern diese Reporterin. Nicht sie hat dich in die Enge getrieben – das warst du selbst. Sie hat erst angefangen, dein Büro anzurufen, seit du dich vor einigen Wochen mit ihr getroffen hast. So war es doch?«

Da er über dieses Treffen noch am gleichen Tag informiert worden war, überraschte ihn Barrie Travis’ Bitte um ein Interview keineswegs. Was ihm Sorgen machte, war die Tatsache, daß Vanessa sich ohne sein Wissen mit einer Reporterin getroffen hatte – vor allem mit einer, die als wenig zuverlässig galt, was eine gefährliche Kombination war.

»Hast du mich bespitzeln lassen?« fauchte sie.

»Wozu hast du dich mit ihr getroffen, Vanessa?«

»Ich wollte mit jemandem reden. Ist das ein Verbrechen?«

»Du hast dich ausgerechnet einer Reporterin anvertraut?« Er lachte skeptisch.

»Sie hat mir eine rührende Beileidskarte geschrieben. Ich dachte, es wäre nett, mal mit ihr zu reden.«

»Versuch es nächstes Mal lieber mit einem Geistlichen.«

»Du machst aus einer Mücke einen Elefanten, David.«

»Warum hast du mir euer Treffen verschwiegen, wenn es so unwichtig war?«

»Es war unwichtig, bis sie mich um ein Interview vor laufender Kamera gebeten hat. Vorher war es keiner Erwähnung wert. Sie hat mir versprochen, dieses Gespräch streng vertraulich zu behandeln. Ich habe jemanden gebraucht, eine Frau, mit der ich reden konnte.«

»Worüber?«

»Worüber wohl?« schrie Vanessa.

Sie sprang vom Liegesofa auf, griff sich das Weinglas und leerte es trotzig.

Er hatte große Mühe, sich zu beherrschen. »Du bist nicht du selbst, Vanessa.«

»Da hast du verdammt recht, das bin ich nicht. Also wäre es für dich besser, wenn du heute abend ohne mich hingehst.«

Der Empfang zu Ehren einer Goodwill-Delegation aus Skandinavien sollte ihr erster offizieller Auftritt nach Robert Rushtons tragischem Tod sein. Eine kleine, elegante Abendgesellschaft schien den richtigen Rahmen für Vanessas Rückkehr ins öffentliche Leben zu bieten. Nach dem Tod des Babys hatte sie sich ganz daraus zurückgezogen. Aber ein Vierteljahr war genug. Die amerikanische Wählerschaft mußte sie wieder in Aktion sehen.

»Natürlich kommst du mit«, sagte der Präsident. »Du wirst die Ballkönigin sein. Das bist du immer.«

»Aber …«

»Kein aber mehr! Ich hab’s satt, dich dauernd entschuldigen zu müssen. Damit muß endlich Schluß sein, Vanessa. Alles liegt jetzt zwölf Wochen zurück.«

»Gibt’s für Trauer ein Zeitlimit?«

Er ignorierte die Schärfe in ihrem Tonfall. »Heute abend bewährst du dich wie das Vollblut, das du bist. Du brauchst nur wie früher zu lächeln und charmant zu sein, dann ist alles in Ordnung.«

»Ich hasse diese Leute, die mich mitleidig und vorwurfsvoll anstarren und nicht wissen, was sie sagen sollen. Und wenn jemand doch etwas sagt, ist es so trivial, daß ich kreischen könnte!«

»Du dankst ihnen einfach für ihre Beileidsbekundungen und läßt es dabei bewenden.«

»Gott!« rief sie mit versagender Stimme aus. »Wie kannst du einfach weitermachen, als sei nichts …«

»Weil ich muß, verdammt noch mal. Und du mußt auch.«

Er funkelte sie so aufgebracht an, daß sie aufs Sofa zurücksank und angstvoll zu ihm aufblickte.

Er wandte sich ab. Als er weitersprach, klang seine Stimme wieder ganz beherrscht. »Dein Abendkleid gefällt mir. Ist es neu?«

Sie senkte den Kopf und ließ die Schultern hängen. Er beobachtete sie im Spiegel und erkannte in diesen reflexartigen Bewegungen das Eingeständnis ihrer Niederlage. »Ich habe abgenommen«, murmelte sie. »Aus meinem Kleiderschrank paßt mir nichts mehr.«

In diesem Augenblick wurde angeklopft. Er durchquerte den Raum und öffnete die Tür. »Hey, Spence. Sind die Leute bereit für uns?«

Spencer Martin, genannt Spence, sah über Davids Schulter in den Raum. Beim Anblick Vanessas und des leeren Weinglases auf dem niedrigen Tischchen neben dem Sofa kehrte er Davids Frage um. »Seid ihr bereit für die Leute?«

Der Präsident tat die Besorgnis seines Beraters mit einer Handbewegung ab. »Vanessa hat einen leichten Anfall von Lampenfieber, aber sie schafft es ja immer.«

»Vielleicht haben wir sie zu sehr gedrängt. Wenn sie sich dieser Sache nicht gewachsen fühlt…«

»Unsinn. Sie schafft es.« Er drehte sich zu seiner Frau um und bot ihr seinen Arm. »Gehen wir, Darling?«

Vanessa stand auf und kam langsam auf sie zu, ohne einen der beiden Männer direkt anzusehen.

Zu Davids Charakterzügen gehörte die Eigenschaft, einfach zu ignorieren, was er nicht wahrhaben wollte – zum Beispiel die unausgesprochene Aversion zwischen seiner Frau und seinem Chefberater. Um das peinliche Schweigen zu überspielen, fragte er: »Ist sie heute abend nicht schön, Spence?«

»Das ist sie wirklich, David.«

»Danke«, antwortete Vanessa steif. Als sie auf den Korridor hinaustraten, nahm sie den Arm ihres Mannes und erkundigte sich: »Was soll Dalton Barrie Travis mitteilen?«

»Dieser Reporterin Barrie Travis?« warf Spencer ein. »In welcher Sache mitteilen?« Er warf dem Präsidenten einen fragenden Blick zu.

»Sie hat Dalton um ein Interview mit Vanessa gebeten.«

»Zu einem bestimmten Thema?«

»Krippentod«, antwortete der Präsident.

Barrie war noch richtiggehend aufgedreht. Die Worte sprudelten aus ihr hervor wie Wasser aus einem geborstenen Hydranten.

»Ich habe also mit meinem Begleiter in der Gästeschlange gestanden. Nein, nein, kein Grund zur Aufregung. Er ist ein schwuler Freund, der sich noch nicht geoutet hat. Wir haben uns gegenseitig einen Gefallen getan. Er hatte eine Einladung zu dem Empfang und brauchte eine Begleiterin, und ich hatte Gelegenheit, persönlich mit dem Präsidenten und der First Lady zu sprechen.

Schön, ich schiebe mich also mit der Gästeschlange weiter und benehme mich ganz cool und blasiert, und als ich vor dem Präsidenten stehe, ergreift er meine Hand mit beiden Händen – Ehrenwort! – und sagt: ›Miss Travis, vielen Dank, daß Sie gekommen sind. Es ist uns immer ein Vergnügen, Sie im Weißen Haus begrüßen zu können. Sie sehen heute abend bezaubernd aus.‹

Tatsächlich habe ich den genauen Wortlaut vergessen, aber jedenfalls bin ich nicht wie eine Fremde, eine flüchtige Bekannte oder auch nur wie eine gewöhnliche Reporterin behandelt worden. Barbara Walters hätte nicht herzlicher begrüßt werden können.«

Cronkite gähnte und machte es sich mitten auf ihrem Bett bequemer.

»Langweile ich dich?« fragte Barrie. Sie machte eine Pause, um Luft zu holen. »Du scheinst nicht zu erkennen, was für ein Riesenerfolg es ist, daß die First Lady das erste Exklusivinterview seit dem Tod ihres Kindes mir gewährt.

Übrigens hat der Präsident die Sache noch vor mir angesprochen. Er hat gesagt, Mrs. Merritt habe ihm von meiner Serie über den plötzlichen Kindstod erzählt. Er halte sie für eine ausgezeichnete Idee und habe die First Lady gedrängt, sich daran zu beteiligen. Er hat mich dafür gelobt, daß ich die Öffentlichkeit auf dieses traurige Phänomen aufmerksam mache, und mir seine und Mrs. Merritts volle Unterstützung versprochen. Ich bin… Nun, ich will’s mal so ausdrücken: Wäre das Sex gewesen, hätte ich mehrfache Orgasmen gehabt.«

Sie stieg ins Bett zu Cronkite, der zwei Drittel der Fläche beanspruchte und keine Handbreit zur Seite rückte. Während sie sich am Matratzenrand ausstreckte, fügte sie hinzu: »Wenn Howie das bloß miterlebt hätte!«

4. Kapitel

Er wußte, daß sein Fernseher lief, aber er nahm ihn nur als Hintergrundgeräusch wahr, bis er die vertraute Stimme hörte. Sie veranlaßte ihn, vom Waschbecken aufzuschauen, in dem er sich das Gesicht mit kaltem Wasser wusch. Er griff sich ein Handtuch und trat aus dem Bad um die Ecke ins Schlafzimmer.

»… das Präsident Merritt und Sie unglücklicherweise mit Tausenden von anderen Paaren gemeinsam haben.«

Die Fernsehjournalistin kannte er nicht. Sie war um die Dreißig, vielleicht etwas älter. Schulterlanges rotbraunes Haar. Große Augen und volle Lippen, die Spaß versprachen, obwohl Augen und Lippen jetzt nicht lächelten. Auffällig rauchige Stimme, ungewöhnlich für eine Fernsehjournalistin; die meisten redeten, als hätten sie alle dieselbe Akademie für sterile Aussprache absolviert. Ihr Name war am unteren Bildschirmrand eingeblendet: Barrie Travis. Aber dieser Name sagte ihm nichts.

»Es hat den Präsidenten und mich sehr erstaunt, wie viele Familien von dieser Tragödie betroffen sind«, sagte Vanessa Merritt gerade. »Allein in unserem Land sind es jährlich fünftausend.«

Dieses Gesicht und diese Stimme erkannte Gray Bondurant; sie waren ihm so vertraut, daß er sofort merkte, daß Vanessa für das Interview sorgfältig präpariert worden war. Ihre Hände blieben bescheiden auf ihrem Schoß, als seien ihr Handbewegungen verboten. Und ihr Mienenspiel war sorgfältig einstudiert.

Die Interviewerin leitete jetzt zu einem Statement von Dr. George Allan über, der als Arzt der Familie Merritt die traurige Pflicht gehabt hatte, Robert Rushton Merritt in seinem Kinderzimmer im Weißen Haus für tot zu erklären. Dr. Allan führte aus, die medizinische Wissenschaft versuche noch immer, die Ursachen des plötzlichen Kindstods zu isolieren, um Vorbeugungsmaßnahmen empfehlen zu können.

Dann wurde das Interview persönlicher. »Mrs. Merritt, wir alle haben miterlebt, wie Sie und Präsident Merritt bei der Beisetzung Ihres Sohnes gelitten haben.« Nun folgten Beerdigungsszenen. »Jetzt haben Sie ein Vierteljahr Abstand gewonnen. Die Wunden sind bestimmt noch nicht verheilt, aber ich weiß, daß unser Publikum an allen Gedanken interessiert wäre, die Sie mit ihm zu teilen bereit sind.«

Vanessa überlegte einen Augenblick. »Mein Vater sagt immer: ›Ein Unglück ist eine gut getarnte große Chance.‹ Daddy hat wie immer recht«, meinte sie mit flüchtigem Lächeln. »David und ich haben das Gefühl, stärker geworden zu sein – einzeln und als Paar –, weil wir bis zu den Grenzen unserer Leidensfähigkeit belastet worden sind und diese schwere Prüfung bestanden haben.«

»Bockmist.« Er knüllte das Handtuch zusammen und warf es quer durchs Schlafzimmer. Dann griff er nach der Fernbedienung, weil er nicht länger zuhören wollte.

Aber er schaltete das Gerät nicht aus. Vanessa sagte eben: »Der Präsident und ich hoffen, daß Eltern, die diese Tragödie gerade erleben, durch unser Beispiel und das von anderen Hinterbliebenen neuen Mut und Trost finden. Das Leben geht weiter.«

Bondurant drückte fluchend auf den Ausschaltknopf.

Vorgefertigte Antworten – unterzeichnet, gesiegelt und Vanessa zugestellt, damit sie sie auswendig lernte und nachplapperte. Von Dalton Neely aufgesetzte Phrasen. Vielleicht auch von Clete Armbruster, Vanessas Vater. Vielleicht sogar vom Präsidenten, wobei das letzte Wort bestimmt Spencer Martin gehabt hatte.

Aber trotz aller Proben und Verbesserungen vor dem Interview waren es nicht Vanessas Worte geworden. Okay, sie hatte sie gesprochen – aber nicht spontan, nicht aus tiefster Seele. Ihm war nicht klar, ob die Reporterin mit der sexy Stimme wußte, daß sie reingelegt worden war. Vanessa war so gut programmiert wie eine Sprechpuppe mit einem Chip im Kopf. Ihre innersten Gefühle preiszugeben wäre nicht schicklich gewesen. Und ganz bestimmt wäre es taktisch nicht klug gewesen.

Bondurant, der den Eindruck hatte, die Wände seines Schlafzimmers rückten immer enger zusammen, stiefelte in die Küche hinaus, um sich ein Bier zu holen, und ging damit auf die Veranda vor dem Haus. Die drei Meter tiefe überdachte Veranda erstreckte sich über die gesamte Breite des Hauses. Er ließ sich in seinen Schaukelstuhl mit der Sitzfläche aus Binsengeflecht fallen und hob die Bierdose an den Mund. Die Muskeln und Sehnen seines sonnengebräunten Halses bewegten sich, als er mit einem Zug die halbe Dose leerte.

Es sah wie eine Bierwerbung aus. Mit einem Foto, auf dem er mit bloßem Oberkörper in dieser ländlichen Umgebung Bier trank, hätten sich Millionen Dosen jeder Biermarke verkaufen lassen, aber das war ihm nicht bewußt, und es wäre ihm auch gleichgültig gewesen. Er wußte, daß er anderen Leuten imponierte, aber er hatte sich nie die Mühe gemacht, die Ursachen dafür zu analysieren. Eitelkeit war ihm fremd – erst recht hier draußen, wo er seit einem Jahr lebte und manchmal wochenlang keine Menschenseele zu Gesicht bekam. Er rasierte sich höchstens einmal, wenn er nach Jackson Hole fuhr. Vielleicht aber auch nicht.

Er war, wie er war. Das mußte seine Umgebung akzeptieren. Diese Einstellung, die er wortlos jedem vermittelte, der ihm begegnete, war einer der Gründe, weshalb er in der Szene in Washington oft angeeckt war. Er war froh, ihr nicht mehr anzugehören. Vertraute des Präsidenten mußten eine gewisse Anpassungsfähigkeit besitzen; Gray Bondurant war ein Nonkonformist.

Mit blauen Augen, die hart und kalt wie ein Gletscher waren, starrte er die schneebedeckten schroffen Gipfel der Teton Range an. Obwohl sie kilometerweit entfernt waren, sahen sie zum Greifen nahe aus. Majestätische Schneegipfel in seinem Vorgarten. Phantastisch.

Gray zerdrückte die leere Bierdose wie dünnes Kaugummipapier. Er wünschte sich, er könnte die Uhr um zehn Minuten zurückdrehen. Warum war er nicht noch etwas länger draußen geblieben, bevor er reingegangen war, um sich zu waschen? Welcher Zufall hatte ihn veranlaßt, dieses spezielle Programm zu diesem speziellen Zeitpunkt einzuschalten?

Er wünschte sich, er hätte das Interview nie gesehen. Besten Dank, Barrie Travis, wer zum Teufel du auch bist. Jetzt würden ihn die Erinnerungen an David, Vanessa und das Baby, das im Kinderzimmer des Weißen Hauses gestorben war, wieder tagelang verfolgen.

Am meisten ärgerte ihn, daß das Interview die Öffentlichkeit dazu führen konnte, sich wieder für ihn zu interessieren. Die Leute würden anfangen nachzudenken, Vermutungen anzustellen, die Punkte miteinander zu verbinden. Und dann wäre die Scheiße wieder am Dampfen.

David Merritt tigerte vor seinem Schreibtisch im Oval Office, seinem Amtszimmer, auf und ab. Die Ärmel seines Hemdes waren bis zu den Ellbogen aufgekrempelt; beide Hände waren tief in den Hosentaschen vergraben. Unter einer vorwitzigen

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Exklusive« bei Warner Books, Inc., New York.

6. Auflage Taschenbuchausgabe August 1999

Copyright © der Originalausgabe 1996 by Sandra Brown Management, Ltd.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1999 by Blanvalet Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: TIB/Sikora

MD · Herstellung: Heidrun Nawrot

eISBN 978-3-641-10039-1

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