Die Zeugin - Sandra Brown - E-Book

Die Zeugin E-Book

Sandra Brown

4,8
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oder
Beschreibung

Wie durch ein Wunder überleben die junge Anwältin Kendall Deaton und ihr Baby einen schweren Autounfall. Der Fahrer des Wagens hingegen kann sich an nichts mehr erinnern. Kendall gibt zu Protokoll, daß es ihr Ehemann sei. Doch warum will sie ihn dann so verzweifelt wieder loswerden?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 609




Buch

Das schrille Schleudern von Reifen auf regennassem Asphalt. Zweige peitschen erbarmungslos gegen Metall, als der Wagen den Abhang hinunterrast. Dann prallt das Auto gegen einen Baum. Wie durch ein Wunder überleben die junge Anwältin Kendall Deaton und ihr drei Monate altes Baby den Unfall unbeschadet. Und mit letzter Kraft gelingt es ihr sogar, den bewußtlosen Fahrer aus dem Autowrack zu retten – einen Mann, der sich an nichts erinnern Kann. Im Krankenhaus gibt Kendall zu Protokoll, daß es sich bei dem Verletzten um ihren Ehemann handelt. Aber warum versucht sie dann so verzweifelt, ihn loszuwerden? Und warum will er dies unbedingt verhindern?

Autorin

Sandra Brown arbeitete mit großem Erfolg als Fotomodell, Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie 1990 mit ihrem ersten Roman Trügerischer Spiegel einen Bestseller landet. Seither war jedes ihrer Bücher monatelang auf den Spitzenplätzen der New YorkTimes-Bestsellerliste zu finden – einmal sogar drei Romane gleichzeitig!

Weitere Informationen finden Sie unter: www.sandra-brown.de

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinInschriftProlog1. Kapitel2. KapitelCopyright

Raffe mich nicht hin mit den Gottlosen und mit den Übeltätern, die freundlich reden mit ihrem Nächsten und haben Böses im Herzen.

Psalm 28.3

Prolog

Der Säugling nuckelte an der Brust seiner Mutter.

»Er strahlt wirklich Lebensfreude aus«, meinte die Schwester. »Irgendwie sieht man es einem Baby einfach an, ob es zufrieden ist oder nicht. Ich meine, das hier ist es.«

Kendall konnte sich nur ein schwaches Lächeln abringen. Sie brachte kaum einen zusammenhängenden Gedanken zustande, von einer richtigen Unterhaltung ganz zu schweigen. Immer noch versuchte sie, die Erkenntnis zu verdauen, daß sie und ihr Kind den Unfall überlebt hatten.

Ein dünner gelber Vorhang schirmte im Untersuchungszimmer der Krankenhaus-Notaufnahme die Patienten notdürftig vom Gang ab. Neben den weißen Metallkästen mit den Verbänden, Spritzen und Schienen befand sich ein Edelstahlwaschbekken. Kendall saß auf dem gepolsterten Untersuchungstisch in der Mitte der Kabine und wiegte ihren Sohn in den Armen.

»Wie alt ist er?« fragte die Krankenschwester.

»Drei Monate.«

»Erst drei Monate? Das ist aber ein kräftiges Kerlchen!«

»Er macht sich prächtig.«

»Wie heißt er noch mal?«

»Kevin.«

Die Krankenschwester lächelte die beiden an und schüttelte dann staunend und voller Ehrfurcht den Kopf. »Ein Wunder, daß Ihnen nichts passiert ist. Eine schreckliche Situation, meine Liebe. Sind Sie nicht durchgedreht vor Angst?«

Der Unfall war zu schnell passiert, als daß Kendall dem Geschehen hätte folgen können. Es hatte so gegossen, daß der Wagen praktisch schon aufgeprallt war, ehe man den umgestürzten Baum gesehen hatte. Viel zu spät hatte die Beifahrerin auf dem Vordersitz aufgeschrien, der Fahrer das Steuer herumgerissen und die Bremse durchgetreten.

Sowie die Reifen den Halt auf dem nassen Pflaster verloren, begann sich der Wagen um 180 Grad zu drehen, wurde erst von der Straße und dann über das weiche, schmale Bankett geschleudert, um schließlich die viel zu schwache Leitplanke niederzureißen. Alles nahm seinen unabänderlichen Lauf.

Kendall hörte wieder den Lärm, mit dem der Wagen die überwucherte Böschung hinunterstürzte. Äste kratzten die Lakkierung auf, schälten die Gummileisten ab und schlugen die Radkappen weg. Die Fenster barsten. Felsen und Baumstümpfe verbeulten die Karosserie. Merkwürdigerweise gab im Wagen niemand einen Laut von sich. Wahrscheinlich hatte das Entsetzen ihnen die Sprache verschlagen.

Obwohl sie den unvermeidlichen letzten Aufprall lange kommen sah, überraschte es sie, mit welcher Wucht der Wagen bei seinem Absturz auf die massive Fichte prallte.

Dem Gesetz der Schwerkraft folgend, hoben sich die Hinterräder steil an. Als das Fahrzeug endgültig zu Boden krachte, schlug es dumpf und massig wie ein tödlich verwundeter Büffel auf und gab dann einen pfeifenden Todesseufzer von sich.

Kendall hatte mit angelegtem Dreipunktgurt hinten gesessen und überlebt. Obwohl der Wagen obendrein gefährlich schief an dem abschüssigen Hang klemmte, schaffte sie es, mit Kevin in den Armen aus dem Wrack zu klettern.

»Das Gelände da draußen ist ziemlich unwegsam«, bemerkte die Krankenschwester. »Wie, um alles in der Welt, sind Sie aus dieser Schlucht rausgekommen?«

Das war nicht leicht gewesen.

Sie hatte gewußt, daß es schwierig werden würde, sich zur Straße hochzuhangeln, aber hatte unterschätzt, wieviel Kraft sie der Aufstieg kosten würde. Kevin in ihren Armen zu halten, hatte das Ganze doppelt erschwert.

Das Gelände schenkte ihr nichts, das böswillige Wetter genausowenig. Der Boden war nur noch schlammiger Morast. Darüber breitete sich ein verfilzter Pflanzenteppich, durch den sich immer wieder scharfkantige Felsen bohrten. Der Regen peitschte fast waagerecht durch die Luft und hatte sie in wenigen Minuten bis auf die Haut durchnäßt.

Noch bevor sie ein Drittel des Weges geschafft hatte, begannen die Muskeln in Armen, Beinen und im Rücken zu ermatten und vor Überanstrengung zu brennen. Die ungeschützte Haut wurde durchbohrt, zerkratzt, aufgerissen, blaugeschlagen, wundgepeitscht. Mehr als einmal meinte sie, es nie zu schaffen, und hätte am liebsten aufgegeben, um sich hinzulegen und zu schlafen, bis die Natur ihr Leben und das ihres Kindes forderte.

Aber der Überlebensinstinkt war stärker als diese verlokkende Unterwerfung, deshalb kämpfte sie weiter. Schlingpflanzen und Felsen als Halt und Fußstützen nutzend, zog sie sich hoch, bis sie endlich die Straße erreichte, wo sie in der Hoffnung auf Hilfe dahinwankte.

Sie war am Rande des Deliriums, als sich zwei Scheinwerfer durch den Regenschleier bohrten. Erleichterung und Erschöpfung überwältigten sie. Statt dem Auto entgegenzulaufen, sank sie auf dem Mittelstreifen der schmalen Landstraße zusammen und wartete darauf, daß das Auto vor ihr hielt.

Ihre Retterin war eine schwatzhafte Frau unterwegs zu einer Mittwochabendpredigt. Sie setzte Kendall beim nächstbesten Haus ab und meldete den Unfall. Zu ihrem Erstaunen erfuhr Kendall später, daß sie nur eine Meile von der Unfallstelle entfernt gewesen war, als die Frau sie aufgelesen hatte. Ihr war es eher wie zehn vorgekommen.

Ein Krankenwagen brachte sie und Kevin ins nächste Ortskrankenhaus, wo man sie gründlich untersuchte. Kevin war unverletzt. Sie hatte ihn gerade gestillt, als der Wagen über den Abhang geschossen war. Instinktiv hatte Kendall ihn an ihre Brust gepreßt und sich vorgebeugt, ehe der Schultergurt einrastete und sie zurückhielt. Ihr Körper hatte ihn geschützt.

Zahllose Schnitte und Kratzer schmerzten sie zwar, waren aber harmlos. Die Glassplitter wurden ihr einzeln aus den Armen gezogen, ein unangenehmer und zeitaufwendiger Vorgang, der aber nicht der Rede wert war, wenn man bedachte, was ihr alles hätte zustoßen können. Ihre Wunden wurden desinfiziert; das angebotene Schmerzmittel lehnte sie ab, weil sie ihr Kind noch stillte.

Außerdem mußte sie sich jetzt, nachdem sie gerettet und ihre Wunden versorgt waren, einen Fluchtplan zurechtlegen. Beruhigungsmittel würden sie am Nachdenken hindern. Sie brauchte einen klaren Kopf, um ihr erneutes Verschwinden zu planen.

»Ist es okay, wenn der Hilfssheriff jetzt reinkommt?«

»Sheriff?« wiederholte Kendall. Die Frage der Krankenschwester riß sie aus ihren Gedanken.

»Er möchte schon mit Ihnen reden, seit man Sie hergebracht hat, um den offiziellen Kram mit Ihnen zu klären.«

»Ach so. Natürlich, soll ruhig reinkommen!«

Kevin hatte sich sattgetrunken und schlief friedlich. Kendall zog das Krankenhaushemd zu, das man ihr gegeben hatte, nachdem man ihr die nassen, schmutzigen, blutigen Sachen ausgezogen und sie eine heiße Dusche genommen hatte.

Auf ein Zeichen der Krankenschwester hin trat der örtliche Gesetzeshüter mit einem Begrüßungsnicken durch den Vorhang. »Wie geht’s Ihnen, Madam? Alles okay?« Er nahm höflich die Mütze ab und sah sie ernst an.

»Es ist alles in Ordnung, glaube ich.« Sie räusperte sich und versuchte überzeugender zu klingen. »Wir sind wohlauf.«

»Ich schätze, Sie haben ganz schön Glück gehabt, am Leben und heil und ganz zu sein, Madam.«

»Da gebe ich Ihnen recht.«

»Der Unfallhergang ist völlig klar, mit dem umgestürzten Baum mitten auf der Straße und so weiter. Der Blitz hat ihn erwischt und genau über der Wurzel gefällt. Hier gießt’s schon seit Tagen, der Regen hört wohl nie mehr auf. Alles ist überflutet. Wundert mich nicht, daß der Bingham Creek Ihren Wagen gleich fortgerissen hat.«

Von dem verbeulten Auto waren es nicht mal mehr als zehn Meter bis zum Fluß gewesen. Nachdem sie aus dem Wrack gekrochen war, hatte sie sich in den Schlamm gehockt und den Fluß ängstlich und fasziniert zugleich angestarrt. Das schlammige Wasser reichte hoch über die Uferlinie und riß Treibgut aller Art mit sich. Es zerrte an den Bäumen, die das normalerweise liebliche Ufer säumten.

Sie schauderte bei dem Gedanken, was geschehen wäre, wenn ihr Wagen sofort nach dem Aufprall auf den Baum noch ein paar Meter weiter geschlittert wäre. Entsetzt mußte sie mitansehen, wie er nach einer Weile abwärts rutschte und von dem tosenden Fluß verschlungen wurde.

Er schwamm kurz auf den Wellen und trieb schaukelnd in die Mitte der reißenden Fluten, ehe er plötzlich nach vorn abtauchte. Sekunden später war nur noch eine weißschäumende Oberfläche zu erblicken. Abgesehen von den Kerben auf dem Stamm der umgestürzten Fichte und den tiefen, parallelen Furchen, die die Reifen gepflügt hatten, hatte der Unfall keine Spuren in der Landschaft hinterlassen.

»Ein Wunder, daß Sie’s alle noch rausgeschafft haben und keiner ertrunken ist«, sagte der Deputy soeben.

»Nicht alle«, korrigierte ihn Kendall mit rauher Stimme. »Auf dem Beifahrersitz saß noch jemand. Sie ist mit dem Wagen untergegangen.«

Die Erwähnung eines Unfallopfers nahm der unumgänglichen Befragung des Deputys plötzlich jede Routine. Er zog die Stirn in Falten. »Wie? Eine Beifahrerin?«

Kendalls Selbstbeherrschung fiel in sich zusammen, und sie begann in einer verzögerten Reaktion auf das entsetzliche Erlebnis zu weinen. »Es tut mir leid.«

Die Schwester reichte ihr eine Schachtel Kleenex und drückte ihr die Schulter. »Schon in Ordnung, Schätzchen. Wer so tapfer war, darf weinen, soviel er will.«

»Wir wußten nicht, daß außer Ihnen, Ihrem Baby und dem Fahrer noch jemand im Auto war«, erklärte der Deputy aus Rücksicht auf ihre emotionale Verfassung leise.

Kendall schneuzte sich. »Sie saß auf dem Beifahrersitz und war schon tot, als der Wagen unterging. Wahrscheinlich ist sie gleich beim Aufprall gestorben.«

Nachdem sie Kevin auf mögliche Verletzungen untersucht und gemerkt hatte, wie schnell der Fluß stieg, hatte sich Kendall verzagt und mit einer instinktiven Ahnung, was sie dort erwarten würde, zur Beifahrerseite vorgearbeitet. Diese Seite war mit voller Wucht aufgeprallt, die Tür eingedellt und die Scheibe herausgeschlagen.

Kendall erkannte auf den ersten Blick, daß die Frau auf dem Sitz tot war. Ihr früher hübsches Gesicht war eine unkenntliche Masse aus zersplitterten Gesichtsknochen und zerrissenem Gewebe. Das Armaturenbrett und ein Wirrwarr von Motorteilen hatten sich in ihre Brust gebohrt. Der Kopf baumelte wie losgerissen auf ihrer Brust.

Ohne sich von dem Blut und Schleim abschrecken zu lassen, der alles überzog, langte Kendall durch das Fenster und legte ihre Finger in der Nähe der Schlagader auf den Hals. Sie spürte keinen Puls.

»Ich wollte erst versuchen, uns andere zu retten«, setzte sie dem Deputy auseinander, nachdem sie ihm die Szene beschrieben hatte. »Ich wünschte, ich hätte sie noch rausholen können, aber ich wußte ja, daß sie schon tot war, deshalb ...«

»Unter den gegebenen Umständen haben Sie völlig korrekt gehandelt, Madam. Sie haben die Lebenden gerettet. An Ihrer Entscheidung ist nichts auszusetzen.« Er machte eine Kopfbewegung zu dem schlafenden Baby hin. »Sie haben wesentlich mehr getan, als irgendwer von Ihnen verlangen konnte. Wie haben Sie den Fahrer rausgeholt?«

Nachdem sie festgestellt hatte, daß die Frau tot war, hatte Kendall Kevin auf der Erde abgelegt und sein Gesicht mit einem Zipfel seiner Decke zugedeckt. So lag er zwar unbequem, war aber fürs erste in Sicherheit. Dann stolperte sie zur anderen Wagenseite. Der Kopf des Fahrers hing über dem Lenkrad. Kendall nahm all ihren Mut zusammen, sprach ihn an und berührte ihn an der Schulter.

Ihr stand noch vor Augen, wie sie ihn sacht gerüttelt hatte und wie erschrocken sie war, als er daraufhin in den Sitz zurückfiel. Sie zuckte zusammen, als Blut aus seinem schlaffen Mundwinkel sickerte. Über seiner rechten Schläfe klaffte ein tiefer Schnitt; im übrigen sah sie keine Verletzungen. Seine Augen waren geschlossen, und die Lider bewegten sich nicht, daher konnte sie nicht erkennen, ob er tot war. Sie faßte in den Wagen und legte die Hand auf seine Brust.

Sein Herz schlug noch.

Dann ruckte der Wagen ohne Vorwarnung über den unebenen Boden, rutschte ein paar Meter abwärts und schleifte sie dabei mit. Ihr Arm war immer noch im Wagen und wurde dabei fast ausgerenkt.

Das Auto kam allmählich und schwankend zum Halten, doch sie wußte, daß es nur eine Frage der Zeit war, bis es von dem reißenden Wasser verschlungen würde, das schon an die Reifen schlug. Der schwere, feuchte Boden gab bereits unter dem Gewicht des Fahrzeugs nach. Ihr blieb keine Zeit, die Lage zu analysieren oder eventuelle Alternativen abzuwägen oder in Betracht zu ziehen, wie gern sie ihn losgeworden wäre.

Sie hatte allen Grund, ihn zu fürchten und zu hassen. Aber sie wollte nicht, daß er starb. Bestimmt nicht. Ein Leben, jedes Leben, verdiente, gerettet zu werden.

Und so begann sie, befeuert von einem ungeheuren Adrenalinschub, mit bloßen Händen den Schlamm wegzuschaufeln und die widerspenstigen Schlingpflanzen auszureißen, die sie daran hinderten, die Fahrertür zu öffnen.

Als es ihr schließlich gelang, sie aufzuzerren, sank im selben Moment sein Leib in ihre offenen Arme. Sein blutiger Kopf fiel auf ihre Schulter. Unter dem leblosen Körper sackte sie in die Knie.

Sie schlang die Arme um seine Brust und rückte ihn vom Lenkrad weg. Es war ein Kampf. Mehrmals verlor sie den Halt in dem glitschigen Schlamm und landete schmerzhaft auf dem Hinterteil. Aber jedesmal rappelte sie sich wieder hoch, bohrte die Hacken in den Boden und zerrte ihn mit aller Gewalt weiter aus dem Wrack. Seine Füße polterten gerade über das Trittbrett als der Wagen sich aus seiner labilen Verankerung löste und in den Fluß rutschte.

Kendall schilderte die Ereignisse wahrheitsgetreu, allerdings ohne ihre Gedanken dabei zu offenbaren. Als sie zum Schluß kam, hatte der Deputy quasi Habachtstellung eingenommen, als wolle er vor ihr salutieren. »Madam, dafür kriegen Sie wahrscheinlich ’nen Orden oder so.«

»Das bezweifle ich entschieden«, murmelte sie.

Er zog ein kleines Spiralnotizbuch und einen Kugelschreiber aus seiner Hemdtasche. »Name?«

Sie gab vor, ihn nicht zu verstehen, um Zeit zu gewinnen. »Verzeihung?«

»Ihr Name?«

Die Angestellten des kleinen Krankenhauses hatten sie freundlicherweise aufgenommen, ohne sie lange mit Formularen oder Fragebögen zu behelligen. In einem Großstadtkrankenhaus wäre eine so vertrauensselige, formlose Aufnahme unvorstellbar gewesen. Aber hier auf dem Land, in Georgia, legte man noch größeren Wert auf Mitgefühl als auf das Einsammeln von Versicherungsnachweisen.

Jetzt allerdings wurde Kendall vollkommen unvorbereitet und unnachsichtig mit der Wirklichkeit konfrontiert. Sie hatte sich noch nicht überlegt, was zu tun war, wieviel sie verraten und wie es weitergehen sollte.

Sie hatte keine Skrupel, die Wahrheit ein bißchen zurechtzubiegen. Das tat sie schon, seit sie denken konnte. Und zwar oft. Aber die Polizei anzulügen, war kein Kinderspiel. So weit war sie noch nie gegangen.

Sie rieb sich die Schläfen und überlegte, ob sie sich nicht doch ein Schmerzmittel geben lassen sollte, um das Dröhnen in ihrem Kopf zu dämpfen. »Mein Name?« wiederholte sie ausweichend, während sie insgeheim um eine brillante Eingebung flehte. »Oder der Name der Toten?«

»Fangen wir mit Ihrem Namen an.«

Sie hielt eine Sekunde den Atem an, dann sagte sie leise: »Kendall.«

»K-e-n-d-a-l-l? Ist das so richtig?« fragte er, während er den Namen in sein Notizbuch schrieb.

Sie nickte.

»Also, Mrs. Kendall. Hieß die Verstorbene auch so?«

»Nein, Kendall ist ...«

Bevor sie den Deputy über seinen Irrtum aufklären konnte, wurde der Vorhang so energisch zur Seite gerissen, daß die Metallringe auf der ungeölten Schiene kreischten. Der diensttuende Arzt marschierte herein.

Kendalls Herz setzte einen Schlag lang aus. Ängstlich hauchte sie: »Wie geht es ihm?«

Der Arzt grinste. »Er lebt, und das hat er Ihnen zu verdanken.«

»Ist er schon wieder bei Bewußtsein? Hat er irgendwas von sich gegeben? Was hat er Ihnen gesagt?«

»Wollen Sie nicht selbst nach ihm sehen?«

»Ich ... ich denke schon.«

»He, Doc, Moment mal. Ich muß ihr noch ein paar Fragen stellen«, beschwerte sich der Deputy. »Jede Menge wichtiger Papierkram, wenn Sie verstehen.«

»Kann das nicht warten? Sie ist mit den Nerven am Ende, und ich kann ihr kein Beruhigungsmittel geben, weil sie noch stillt.«

Der Deputy warf einen Blick auf das schlafende Baby, dann auf ihren Busen. Er lief rot an wie ein Puter. »Also, es kann wohl wirklich noch warten. Aber irgendwann müssen wir es hinter uns bringen.«

»Klar doch«, stimmte der Arzt zu.

Die Krankenschwester nahm Kendall das Baby ab, ohne daß Kevin dabei aufwachte. »Ich suche dem kleinen Goldschatz ein Bettchen auf der Säuglingsstation. Machen Sie sich seinetwegen keine Sorgen. Gehen Sie ruhig mit dem Doktor!«

Der Deputy fummelte an seiner Hutkrempe herum und trat von einem Fuß auf den anderen. »Ich warte so lange hier draußen. Und wann immer Sie bereit sind, Ma’am, äh, hier weiterzumachen ...«

»Sie können ja inzwischen einen Kaffee trinken gehen«, vertröstete ihn der Mann im weißen Mantel.

Er war jung und dynamisch und Kendalls Einschätzung nach ungeheuer von sich eingenommen. Die Tinte auf seinem Diplom war wahrscheinlich noch feucht, aber es bereitete ihm offensichtlich Vergnügen, seine begrenzte Autorität walten zu lassen. Ohne den Deputy eines weiteren Blickes zu würdigen, begleitete er Kendall den Gang hinunter.

»Er hat eine Tibiafraktur – gemeinhin als Schienbeinbruch bekannt«, erläuterte er. »Der Bruch weist keine Komplikationen auf, wir brauchen also nicht zu operieren, sondern nur einen Gips. Damit hat er großes Glück gehabt. Ihrer Beschreibung des Wagens nach zu urteilen ...«

»Die Motorhaube war wie ein Papierfächer zusammengeschoben. Eigentlich hätte ihm das Lenkrad die Brust zerquetschen müssen.«

»Genau. Ich hatte mit Rippenbrüchen, inneren Blutungen oder Organverletzungen gerechnet, aber für all das gibt es keine Anhaltspunkte. Sein Zustand stabilisiert sich. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist, daß er einen ziemlichen Schlag auf den Kopf erwischt hat. Die Röntgenaufnahmen lassen nur einen Haarriß im Schädelknochen erkennen, aber um die Wunde zu schließen, waren ein Dutzend Stiche nötig. Das sieht im Moment nicht besonders hübsch aus, aber im Lauf der Zeit wächst Haar über die Sache. Die Narbe wird ihn nicht allzusehr entstellen«, meinte er lächelnd.

»Er hat ziemlich stark geblutet.«

»Wir haben ihm sicherheitshalber eine Blutkonserve verabreicht. Dann ist da noch eine Gehirnerschütterung, aber die wird nach ein paar Tagen Bettruhe überwunden sein. Mit seinem gebrochenen Bein braucht er allerdings mindestens einen Monat lang Krücken. Ihm wird kaum etwas anderes übrigbleiben, als im Bett zu liegen, zu faulenzen und sich zu erholen. Da wären wir.« Er schob sie auf ein Zimmer zu. »Erst vor ein paar Minuten ist er wieder zu sich gekommen, deshalb sieht er noch so benommen aus.«

Der Arzt trat vor ihr in den abgedunkelten Raum. Sie blieb einen Moment auf der Schwelle stehen und ließ ihre Blicke schweifen. An einer Wand hing ein schauderhaftes Ölbild, das Christi Himmelfahrt zeigte; gegenüber prangte ein Poster mit Vorsichtsmaßnahmen gegen Aids. Es war ein privates Zweibettzimmer, aber er lag hier allein.

Sein eingegipster Unterschenkel ragte hoch über ein Kissen hinaus. Man hatte ihm ein Krankenhaushemd angezogen, das ihm knapp bis zu den Beinen reichte. Braun und kräftig und kein bißchen kränklich hoben sie sich von den weißen Laken ab.

Eine Schwester maß gerade den Blutdruck. Die dunklen Brauen lagen zerfurcht unter dem breiten Gazeverband um seinen Kopf. Sein Haar war von Blut und Desinfektionsmitteln verklebt. Eine furchterregende Ansammlung blauer Flecken färbte seine Arme. Schwellungen, Quetschungen und Prellungen entstellten sein Gesicht, aber das senkrechte Grübchen in seinem Kinn und der feste, leicht schiefe Mund, in dem ein Thermometer steckte, waren unverkennbar.

Flott schritt der Arzt ans Bett und las den Blutdruck ab, den die Krankenschwester auf dem Krankenblatt des Patienten eingetragen hatte. »Sein Zustand bessert sich laufend.« Er murmelte noch einmal zustimmend, als ihm die Schwester seine Temperatur mitteilte.

Obwohl Kendall immer noch unschlüssig in der Nähe der Tür verharrte, fing sein Blick sie sofort ein. Er leuchtete aus seinen Augen, die aufgrund der Schmerzen und des Blutverlusts tief und dunkel in den Höhlen lagen. Aber er war fest und durchdringend wie zuvor.

Schon als sie ihm zum allerersten Mal in die Augen gesehen hatte, hatte sie seine Intensität gespürt und bewundert. Ein bißchen hatte sie ihn sogar gefürchtet und fürchtete ihn immer noch. Irgendwie besaß er eine geradezu unheimliche Begabung, sie auf höchst beunruhigende Weise zu durchschauen.

Gleich bei ihrer ersten Begegnung war er ihr auf die Schliche gekommen. Er erkannte eine Lügnerin auf den ersten Blick.

Sie hoffte, daß sein hellseherisches Talent ihm nun verriet, wie leid es ihr tat, daß er verletzt worden war. Allein ihretwegen war es zu dem Unfall gekommen. Er war gefahren, aber sie trug die Schuld an seinem Zustand und seinen Qualen. Die Erkenntnis erfüllte sie mit Gewissensbissen, sie war bestimmt die letzte, die er an seinem Leidenslager sehen wollte.

Die Schwester interpretierte ihr Zögern falsch und winkte ihr freundlich zu. »Es geht ihm schon wieder einigermaßen. Sie können näher kommen.«

Kendall kämpfte ihre Vorbehalte nieder, trat ans Bett und schenkte dem Patienten ein mißglücktes Lächeln. »Hallo. Wie geht’s?«

Seine Augen richteten sich ein paar Sekunden ohne zu blinzeln auf sie. Dann sah er erst den Arzt, dann die Krankenschwester an, bevor sein Blick wieder auf Kendall fiel. Schließlich fragte er mit matter, heiserer Stimme: »Wer sind Sie?«

Der Arzt beugte sich über seinen Patienten. »Sie erkennen sie nicht?«

»Nein. Sollte ich sie denn erkennen? Wo bin ich? Wer bin ich?«

Der Arzt starrte seinen Patienten sprachlos an. Die Krankenschwester stand wie vom Blitz getroffen daneben; in ihrer Hand baumelte der Schlauch des Blutdruckmeßgeräts. Kendall wirkte fassungslos, spürte aber, wie die Gefühle in ihr brodelten. Sie überlegte fieberhaft, was diese plötzliche Wendung für Folgen hätte und ob sie wohl einen Vorteil daraus ziehen könnte.

Am schnellsten erholte sich der Arzt. Mit aufgesetzter Courage, die von seinem halbherzigen Lächeln Lügen gestraft wurde, erklärte er: »Tja, es sieht so aus, als hätte die Gehirnerschütterung bei unserem Patienten zu einer Amnesie geführt. Das geschieht öfter. Bestimmt ist der Gedächtnisverlust nur vorübergehend. Kein Grund zur Sorge. In ein, zwei Tagen lachen Sie darüber.«

Er wandte sich an Kendall. »Fürs erste sind Sie seine einzige Informationsquelle. Bitte sagen Sie uns-und ihm – doch, wer er ist.«

Sie zögerte, bis sich die Sekunden unangenehm dehnten, der Arzt und die Krankenschwester starrten sie erwartungsvoll an. Der Mann im Krankenbett schien ihre Antwort gleichzeitig zu erhoffen und zu fürchten. Seine Augen verengten sich mißtrauisch, aber Kendall erkannte, daß er sich, wie durch ein Wunder, an nichts erinnerte. An nichts!

Das war ein Geschenk des Himmels, ein unfaßbar großer Glücksfall. Er war beinahe zu groß, zu überwältigend und in seinen Folgen zu unabsehbar, um ihn so unvorbereitet nutzen zu können. Aber eines wußte sie mit Sicherheit: Sie wäre verrückt, wenn sie die Gelegenheit nicht beim Schopf packte.

Erstaunlich gelassen verkündete sie: »Er ist mein Mann.«

1. Kapitel

»Kraft meines mir von Gott, dem Allmächtigen, und dem Staat South Carolina verliehenen Amtes erkläre ich euch hiermit zu Mann und Frau. Matthew, Sie dürfen die Braut jetzt küssen.«

Die Hochzeitsgäste klatschten, als Matt Burnwood Kendall Deaton innig umarmte. Gelächter brach aus, als der Kuß sich in die Länge zog, bis er überhaupt nicht mehr keusch wirkte. Matt schien gar nicht aufhören zu wollen.

»Damit müssen wir noch warten«, flüsterte Kendall unter seinen Lippen. »Leider.«

Matt sah sie gequält an, drehte sich aber als pflichtbewußter Gastgeber zu den Hunderten von Gästen um, die im Sonntagsstaat erschienen waren, um der Trauung beizuwohnen.

»Meine Damen und Herren«, verkündete der Pfarrer, »ich darf Ihnen, zum allerersten Mal, Mr. und Mrs. Matthew Burnwood vorstellen!«

Arm in Arm standen Kendall und Matt strahlend ihren Gästen gegenüber. Matts Vater saß allein in der vordersten Bank. Er erhob sich und kam mit ausgebreiteten Armen auf Kendall zu.

»Jetzt gehörst du zu uns«, sagte er und drückte sie an sich. »Gott hat dich uns gesandt. Wir brauchen eine Frau in der Familie. Wenn Laurelann noch am Leben wäre, würde sie dich lieben, Kendall. Genau wie ich.«

Kendall küßte Gibb Burnwood auf die rotfleckige Wange. »Danke, Gibb. Das hast du schön gesagt.«

Laurelann Burnwood war bereits in Matts Kindheit verstorben, aber er und Gibb sprachen von ihr, als wäre sie erst gestern beerdigt worden. Der Witwer gab mit seinem weißen Bürstenhaarschnitt und seinem schlanken, kräftigen Körper eine eindrucksvolle Erscheinung ab. Viele alleinstehende und geschiedene Frauen hatten ihre Netze nach Gibb ausgeworfen, aber ihr Werben blieb unerhört. Er habe die Liebe seines Lebens gehabt, pflegte er zu sagen. Er brauche keine zweite.

Matt legte einen Arm um die breiten Schultern seines Vaters und den anderen um Kendall. »Wir haben einander gefunden. Jetzt sind wir eine richtige Familie.«

»Ich wünschte nur, Großmutter hätte dabei sein können«, murmelte Kendall bekümmert.

Matt schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln. »Schade, daß sie sich der Reise von Tennessee hierher nicht gewachsen fühlte.«

»Das wäre zu anstrengend für sie gewesen. Aber in Gedanken ist sie bestimmt bei uns.«

»Fangt bloß nicht an, hier Trübsal zu blasen«, mischte sich Gibb ein. »Die Leute sind schließlich zum Essen, Trinken und Feiern gekommen. Dieser Tag ist ein Fest, genießt ihn.«

Gibb hatte keine Ausgaben gescheut, um sicherzustellen, daß man noch jahrelang über ihre Hochzeit reden würde. Kendall war schockiert über die Summen, die er verschleuderte. Kurz nachdem sie Matthews Antrag angenommen hatte, hatte sie vorgeschlagen, in aller Stille, vielleicht im Arbeitszimmer eines Pfarrers, zu heiraten.

Davon wollte Gibb nichts wissen.

Er hielt nichts von der Tradition, daß die Familie der Braut die Hochzeit auszurichten hätte, und bestand darauf, den Empfang selbst zu geben. Kendall hatte sich geziert, aber Gibb hatte mit seiner entwaffnenden, einnehmenden Art all ihre Einwände zerstreut.

»Nimm’s ihm nicht übel«, hatte Matt beschwichtigt, als sie ihm ihre Bestürzung darüber gestand, daß Gibb offenbar die gesamte Planung der Hochzeit zu übernehmen gedachte. »Dad will einfach eine Party schmeißen, wie Prosper sie noch nie gesehen hat. Da weder du noch deine Großmutter die Mittel dazu aufbringen können, wird er die Rechnung liebend gern begleichen. Ich bin sein einziges Kind, eine solche Gelegenheit bietet sich kein zweites Mal. Also gönnen wir ihm doch das Vergnügen und lassen ihn alles arrangieren.«

Schon bald wurde Kendall von der allgemeinen Aufregung angesteckt. Ihr Hochzeitskleid suchte sie selbst aus, aber alles andere dirigierte Gibb, der sie allerdings klugerweise vor jeder wichtigeren Entscheidung nach ihrer Meinung fragte.

Seine akribische Planung zahlte sich aus, denn das Haus und der Rasen davor boten heute einen grandiosen Anblick. Matt und sie hatten ihr Ehegelübde unter einem mit Gardenien, weißen Lilien und weißen Rosen geschmückten Spalierbogen abgelegt. In einem großen Zelt stand ein exquisites Büfett mit Salaten, kleinen Gerichten und Häppchen für jeden Geschmack bereit.

Die Hochzeitstorte war ein kühnes, mehrstöckiges Kunstwerk, der cremige Guß mit Sträußchen frischer Rosenknospen verziert. Es gab auch einen Bräutigamskuchen aus Schokolade, der mit fast tennisballgroßen kandierten Erdbeeren garniert war. In Eiswannen kühlten Magnumflaschen voll Champagner. Und die Gäste schienen fest entschlossen, ihn bis zum letzten Tropfen auszutrinken.

Trotz dieses Pomps herrschte eine ausgesprochen familiäre Atmosphäre, und unter den schattigen Bäumen spielten Kinder. Nachdem die Braut und der Bräutigam mit einem Hochzeitswalzer den Tanz eröffnet hatten, drängten immer mehr Paare auf das extra errichtete Podium, bis schließlich kaum einer noch auf seinem Stuhl saß.

Da fand eine Märchenhochzeit statt. Und selbst Rumpelstilzchen war gekommen.

Kendall, die nichts von den Animositäten ahnte, hätte nicht glücklicher sein können. Matt hielt sie im Arm und wirbelte sie über das Parkett. Sein schlanker, großer Körper schien wie geschaffen, einen Smoking zu tragen. Sein ebenmäßiges, siegesgewohntes Gesicht und das glatte Haar verliehen ihm die aristokratische Ausstrahlung eines Raubritters.

»Du wirkst immer so elegant und unnahbar. Wie der große Gatsby«, hatte ihn Kendall einmal geneckt.

Sie hätte sich am liebsten nur in seinen Armen gewiegt, aber die Gäste wetteiferten bereits um einen Tanz mit der Braut. Einer von ihnen war Richter H.W. Fargo. Sie mußte sich ein Stöhnen verkneifen, als Matt sie dem Richter überließ, der auf dem spiegelnden Parkett ebensowenig Fingerspitzengefühl bewies wie im Gerichtssaal.

»Ich habe ja anfangs an Ihren Fähigkeiten gezweifelt«, bemerkte Richter Fargo, während er sie so täppisch herumriß, daß er ihr beinahe ein Schleudertrauma beibrachte. »Als mir zu Ohren kam, daß man eine Frau zur Pflichtverteidigerin unseres Countys ernennen würde, hatte ich ernsthafte Bedenken, ob Sie dem Job gewachsen wären.«

»Wirklich?« fragte sie kühl.

Fargo war also nicht nur ein miserabler Tänzer und erbärmlicher Richter, sondern obendrein ein Sexist, dachte Kendall. Seit ihrem ersten Auftritt in seinem Gerichtssaal hatte er nie einen Hehl aus seinen »Bedenken« gemacht.

»Worauf gründen sich denn Ihre Befürchtungen?« Sie gab sich Mühe, ihr freundliches Lächeln nicht entgleisen zu lassen.

»Prosper ist ein konservativer Ort, ein konservatives County«, holte er aus. »Und die Menschen sind stolz darauf. Bei uns wird alles so gehalten wie schon seit Generationen. Wir ändern uns nur langsam, und wir mögen es nicht, wenn man uns dazu zwingt. Eine Anwältin ist für uns etwas Neues.«

»Sie sind also der Ansicht, daß die Frauen zu Hause bei Kindern, Küche und Putzkübel bleiben sollten? Daß sie keinen Beruf erlernen sollten?«

Er wehrte ab: »So würde ich es nicht ausdrücken.«

»Nein, natürlich nicht.«

Ein so freimütiges Bekenntnis hätte ihn allerlei Stimmen kosten können. Was er in der Öffentlichkeit von sich gab, hatte er normalerweise vorkalkuiert. Richter H. W. Fargo war ein leidenschaftlicher Politiker, leider leistete er als Richter wesentlich weniger.

»Ich sage nur, daß Prosper ein netter, sauberer Ort ist. Probleme wie in anderen Städten gibt es hier nicht. Wir ersticken verderbliche Entwicklungen schon im Keim. Und wir – damit meine ich mich und andere Vertreter der Öffentlichkeit – beabsichtigen, unser Niveau beizubehalten.«

»Halten Sie mich etwa für eine verderbliche Entwicklung, Herr Richter?«

»Aber nein, aber nein.«

»Es ist mein Beruf, all jenen Rechtsbeistand zu leisten, die keinen Anwalt bezahlen können. Die Verfassung gewährt jedem Bürger der Vereinigten Staaten das Recht auf Verteidigung vor Gericht.«

»Ich weiß, was die Verfassung gewährt«, giftete er zurück.

Kendall lächelte, um ihrem Affront die Schärfe zu nehmen. »Ich muß mir das manchmal selbst ins Gedächtnis rufen. Meine Arbeit bringt mich ständig mit einer Seite unserer Gesellschaft in Kontakt, die wir alle gern verleugnen würden. Aber solange es Kriminelle gibt, brauchen wir jemanden, der sie vor Gericht vertritt. Ich versuche jedem Fall nach bestem Vermögen gerecht zu werden, so abstoßend mein Mandant auch sein mag.«

»Niemand zweifelt an Ihren Fähigkeiten. Trotz dieser häßlichen Sache damals in Tennessee ...« Er brach ab und senkte scheinheilig den Blick. »Aber warum sollten wir ausgerechnet heute davon anfangen?«

Warum wohl? Der Richter hatte sie mit voller Absicht an diese alte Geschichte erinnert. Daß er sie für dumm genug hielt zu glauben, die Bemerkung sei ihm versehentlich herausgerutscht, ärgerte Kendall besonders.

»Sie leisten gute Arbeit, sehr gute Arbeit«, meinte er wohlwollend. »Auch wenn ich zugeben muß, daß ich mich erst daran gewöhnen mußte, mit einer Frau über Rechtsfragen zu diskutieren.« Sein Lachen klang wie eine Gewehrsalve. »Wissen Sie, bis Sie zu Ihrem Vorstellungsgespräch erschienen, dachten wir, Sie seien ein Mann.«

»Mein Name wirkt vielleicht irreführend.«

Der Vorstand der Anwaltskammer in Prosper County hatte beschlossen, einen Pflichtverteidiger zu bestellen, um die Kammermitglieder von der lästigen Pflicht zu befreien, Bedürftige vor Gericht zu vertreten. Solche Fälle kosteten oft viel Zeit und verursachten erhebliche Einnahmeausfälle, selbst wenn sie den Anwälten reihum zugewiesen wurden.

Die Mitglieder des Vorstands hatten ihren Augen nicht getraut, als Kendall statt in Anzug und Krawatte in hochhackigen Pumps und einem Kostüm vor ihnen erschien. Der Lebenslauf war so eindrucksvoll gewesen, daß die Anwaltskammer positiv auf die Bewerbung reagiert hatte und sie beinahe unbesehen eingestellt hätte. Das Bewerbungsgespräch hatte man eigentlich nur der Form halber angesetzt.

Und nun war eine Frau auf dem Problemposten gelandet. Kendall wußte, daß sie auf eine Mauer von Vorurteilen und Männerkumpanei treffen würde, deshalb hatte sie ihre Argumente sorgfältig einstudiert. Ihre Rede zielte darauf ab, die Vorurteile ihrer Gesprächspartner zu widerlegen und ihre Ängste zu beschwichtigen, ohne sie dabei zu kränken.

Den Job wollte sie um jeden Preis haben. Sie war dafür qualifiziert, und da ihre Zukunft vom Ausgang dieses Bewerbungsgesprächs abhing, hatte sie alles auf eine Karte gesetzt.

Offenbar war ihr Auftreten gut bewertet worden, denn das Komitee hatte ihr die Stelle angeboten. Der eine dunkle Fleck auf ihrer beruflichen Weste war bei der Entscheidung längst nicht so ins Gewicht gefallen wie ihr Geschlecht. Vielleicht hatte man dazu geneigt, eben wegen ihrer Weiblichkeit Milde walten zu lassen. Gut, es gab einen Makel in ihrer Laufbahn, aber den konnte man verzeihen, denn schließlich war sie bloß eine Frau.

Was der Vorstand glaubte und was ihn zu seiner Entscheidung bewogen hatte, war Kendall gleichgültig. In den acht Monaten, die sie inzwischen in Prosper lebte, hatte sie ihre Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Sie hatte schwer geschuftet, um sich die Anerkennung ihrer Standesgenossen und der Öffentlichkeit zu verdienen. Ihre Gegner hüllten sich in beschämtes Schweigen.

Sogar der Herausgeber der Zeitung am Ort, der nach Bekanntwerden ihrer Ernennung in einem Leitartikel gefragt hatte, ob eine Frau wohl einen so schwierigen Job bewältigen könne, hatte seine Meinung gründlich geändert.

Dieser Kavalier tauchte jetzt hinter ihr auf, schlang seine Arme um ihre Taille und küßte sie in den Nacken. »Richter, Sie haben lang genug die hübscheste Frau auf der ganzen Party in Beschlag genommen.«

Fargo lachte. »Da spricht ein wahrer Bräutigam.«

»Danke, daß du mich gerettet hast«, seufzte Kendall, als Matt mit ihr davonwalzte. Sie ließ die Wange an den Aufschlag seiner Smokingjacke sinken und schloß die Augen. »Schlimm genug, daß ich mich im Gericht mit diesem rassistischen, rückständigen Robenheini rumschlagen muß. Es geht weit über meine Pflichten als Anwältin und Gastgeberin hinaus, auf meiner Hochzeit mit ihm zu tanzen.«

»Sei nett«, tadelte er sie.

»Das war ich auch. Ehrlich, ich war so charmant, daß mir fast übel wurde.«

»Der Richter kann eine echte Plage sein, aber er ist ein alter Freund von Dad.«

Matt hatte recht. Außerdem würde sie Richter Fargo nicht die Genugtuung gönnen, sich von ihm ihre Hochzeit vermiesen zu lassen. Sie lächelte Matt an. »Ich liebe dich. Wie lange habe ich dir das schon nicht mehr gesagt?«

»Eine Ewigkeit. Seit mindestens zehn Minuten.«

Sie kuschelten sich zärtlich aneinander, als eine Stimme wie eine rostige Gießkanne sie auseinanderfahren ließ: »Also, ehrlich, das ist mal ’ne Fete!«

Kendall drehte den Kopf und sah ihre Trauzeugin in den Armen des örtlichen Apothekers vorbeidonnern. Der verhuschte, schüchterne Mann schien gar nicht begreifen zu können, wie er in die Arme einer so lebhaften und üppig ausgestatteten Frau gelangt war.

»Na, Ricki Sue«, rief Kendall ihr zu, »amüsierst du dich?«

»Bin ich vielleicht ein Kind von Traurigkeit?«

Ricki Sue Robbs massive Bienenkorbfrisur hüpfte im Takt der Musik auf und ab. Ihr schweißnasses Gesicht leuchtete über dem Dekollete ihres hellblauen Gewandes. Es war Kendall nicht leichtgefallen, ein Kleid für die Brautjungfern zu finden, das auch ihrer Freundin stand. Ricki Sues Gesicht war blaß und ungleichmäßig mit rostroten Sommerprossen gesprenkelt. Ihr Haar hatte die Farbe frisch gepreßten Karottensafts, aber statt die leuchtende Masse zu möglichst unauffälligen Frisuren zu disziplinieren, türmte Rickie Sue sie zu den ausgefeiltesten Kreationen auf.

Weil sie unentwegt vergnügt schmunzelte, war die breite Lücke zwischen ihren Vorderzähnen ständig zu sehen. Auf ihren vollen Lippen glänzte feuerwehrroter Lippenstift – angesichts der Haarfarbe eine tollkühne Wahl.

Mit einer Stimme, die es an Anmut mit einer Kavallerietrompete aufnehmen konnte, trötete sie: »Du hast mir zwar verraten, daß dein Zukünftiger recht hübsch aussieht, aber du hast nichts davon gesagt, daß er noch dazu stinkreich ist.«

Kendall spürte, wie Matt schockiert erstarrte. Dabei wollte Ricki Sue ihn keineswegs beleidigen. Im Gegenteil, sie glaubte, ihm ein Kompliment zu machen. Aber in Prosper sprach man in feinen Kreisen nicht über Geld. Wenigstens nicht offen.

Nachdem Ricki Sue und der benommene Apotheker außer Hörweite getanzt waren, meinte Kendall: »Es wäre nett von dir, wenn du sie einmal auffordern würdest, Matt.«

Er verzog das Gesicht. »Ich habe Angst, sie könnte mich zu Tode treten.«

»Matt, bitte.«

»Tut mir leid.«

»Wirklich? Beim Abendessen gestern hast du mir gegenüber nur zu deutlich gezeigt, daß du Ricki Sue vom ersten Moment an nicht leiden konntest. Ich hoffe nur, daß ihr das nicht aufgefallen ist – ich jedenfalls habe es gemerkt.«

»Du hast sie mir ganz anders beschrieben.«

»Ich habe dir gesagt, daß sie meine beste Freundin ist. Das müßte als Beschreibung genügen.«

Nachdem sich Großmutters Gesundheit so verschlechtert hatte, daß sie nicht an der Hochzeit teilnehmen konnte, war Ricki Sue Kendalls einziger Gast. Kendall hatte gehofft, daß Matt sich schon allein deswegen bemühen würde, liebenswürdig mit ihr umzugehen. Statt dessen hatte ihn und Gibb Ricki Sues lautstarke Fröhlichkeit sichtlich abgestoßen. Ihr herzhaftes Lachen, das tief aus ihrem Busen zu steigen schien, war den beiden Männern richtig peinlich gewesen.

»Ich gebe ja zu, daß Ricki Sue keine aristokratische Südstaatendame ist.«

Matt schnaubte angesichts dieser Untertreibung. »Sie ist ungehobelt, Kendall. Gewöhnlich. Ich dachte, sie wäre so wie du. Weiblich und sympathisch und schön.«

»Sie hat ein schönes Wesen.«

Ricki Sue arbeitete am Empfang von Bristol und Mathers, jener Anwaltskanzlei, bei der auch Kendall früher beschäftigt gewesen war. Als sich die beiden Frauen zum ersten Mal begegneten, hatte sich Kendall von Ricki Sues ungeschliffener Fassade täuschen lassen.

Allmählich jedoch lernte sie die empfindsame Frau kennen und lieben, die sich unter dem etwas grellen Äußeren verbarg. Ricki Sue war keineswegs ein Trampel, sondern ausgesprochen praktisch, tolerant und vertrauenswürdig. Vor allem vertrauenswürdig.

»Bestimmt hat sie ein goldenes Herz«, gestand Matt widerwillig zu. »Und vielleicht kann sie nichts dafür, daß sie so fett ist. Aber sie geht auch ran wie eine Dampfwalze.«

Kendall zuckte zusammen, weil er ihre Freundin als fett bezeichnete, wo eine andere Umschreibung durchaus möglich gewesen wäre. Im Grunde hätte er sich diesen herablassenden Ton überhaupt verkneifen können.

»Wenn du ihr auch nur eine winzige Chance geben würdest ...«

Er legte ihr den Finger auf die Lippen. »Müssen wir uns an unserem Hochzeitstag vor all unseren Gästen über eine solche Bagatelle streiten?«

Sie hätte einwenden können, daß sein unhöfliches Benehmen ihrer Freundin gegenüber keineswegs eine Bagatelle war, mußte ihm aber recht geben, daß dies heute nicht paßte. Außerdem hielt sie von einigen seiner Freunde ebenfalls nicht allzuviel.

»Schon gut, schließen wir Waffenstillstand«, erklärte sie sich bereit. »Aber falls ich mich doch mit dir streiten wollte, dann über die vielen Frauen hier, die mich ständig anstarren. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich bestimmt schon zerfetzt.«

»Wo? Wer?« Er sah sich witternd um, als hielte er Ausschau nach Rachegöttinnen.

»Das werde ich dir gerade verraten«, knurrte sie und packte ihn besitzergreifend am Revers. »Aber nur aus Neugier, wie viele Herzen hast du eigentlich gebrochen, als du mich geheiratet hast?«

»Wen interessiert das?«

»Im Ernst, Matt.«

»Im Ernst?« Er runzelte die Stirn. »Ehrlich, ich bin einer der wenigen Junggesellen in Prosper, der weder in der Pubertät noch total vergreist ist. Wenn du also ab und zu ein langes Gesicht in der Menge siehst, dann deshalb. Die nicht mehr ganz so jungen heiratsfähigen Damen der Stadt sind im statistischen Vergleich der Wahrscheinlichkeit von Eheschließung und Blitzschlag wieder ein Stückchen näher an den Blitz herangerückt.«

Seine Ironie erfüllte ihren Zweck – sie mußte lachen. »Wie dem auch sei, ich bin jedenfalls froh, daß du mit dem Heiraten auf mich gewartet hast.«

Er hörte zu tanzen auf, schloß sie in seine Arme, zog ihren Kopf zurück und küßte sie auf den Mund. »Ich auch.«

In Brautkleid und Schleier war es nicht leicht, unauffällig zu verschwinden, aber eine halbe Stunde später gelang es Kendall, unbemerkt ins Haus zu schlüpfen.

Sie mochte Gibbs Haus nicht, am wenigsten den protzigen Wohnbereich mit den dunklen, holzgetäfelten Wänden, die einen stilgerechten Hintergrund für seine Jagd- und Fischereitrophäen abgaben.

Für Kendall, die diesen Sportarten nicht das geringste abgewinnen konnte, sah ein auf Walnußholz montierter Fisch so erbärmlich aus wie der nächste. Wenn sie in die blinden Augen der Hirsche, Elche und anderer Tiere sah, empfand sie vor allem Mitleid und Ekel. Während Kendall durch das Wohnzimmer ging, warf sie einen beklommenen Blick auf den Kopf eines grimmigen, alten Keilers, der für alle Zeiten die Hauer blecken mußte.

Jagen und Fischen waren Gibbs Leben. Sein Laden für Jagd-und Fischereibedarf lag an Prospers Hauptstraße. Das Geschäft florierte hier in den Ausläufern der Blue Ridges im Nordwesten South Carolinas, nicht zuletzt dank eines anhänglichen Kundenstammes. Seine Getreuen fuhren viele Meilen, um ihr Geld an seiner Kasse abzuliefern.

Gibb war ein guter Verkäufer. Die Hobbyjäger und -fischer gaben viel auf seinen Rat und zückten bereitwillig ihre Visa-Cards, um all die Geräte, Feldstecher oder Köder zu erwerben, die er ihnen für einen erfolgreichen Ausflug empfahl. Oft kehrten sie mit ihrer Beute oder ihrem Fang zurück und schleiften die Kadaver geradewegs in seinen Laden, um sich dann über ihre Heldentaten mit Waffe, Falle oder Angel auszulassen.

Gibb geizte nicht mit Lob und brüstete sich nie mit den Ratschlägen, die er seiner »Gemeinde« gab. Man bewunderte ihn als Waidmann und als Mensch. Wer nicht von sich behaupten konnte, sein Freund zu sein, strebte danach, es zu werden.

Die Toilettentür war verriegelt. Kendall klopfte vorsichtig an.

»Moment noch.«

»Ricki Sue?«

»Bist du da draußen?«

Ricki Sue zog die Tür von innen auf. Sie wischte sich eben mit einem feuchten Handtuch das schweißnasse Dekolleté. »Ich schwitze einfach tierisch. Komm rein.«

Kendall raffte ihren Schleier zusammen, trat zu Ricki Sue in die Toilette und zog die Tür hinter sich zu. Es war zwar eng, doch sie genoß es, einen Moment mit ihrer Freundin allein zu sein.

»Wie ist dein Motelzimmer?« Es gab nur wenige Motels in Prosper. Kendall hatte das beste verfügbare Zimmer für Ricki Sue reservieren lassen, trotzdem war die Unterkunft fast spartanisch.

»Ich habe schon schlechter geschlafen. Und schlechter gevögelt«, antwortete sie und zwinkerte Kendall im Spiegel zu. »Ach, übrigens – bumst dein hübscher Hengst so gut, wie er aussieht?«

»Aus dem Nähkästchen zu plaudern ist nicht meine Art«, erwiderte Kendall. Sie lächelte scheu.

»Damit bescheißt du dich nur selbst, weil dir eine Menge Spaß entgeht.«

Bei Bristol und Mathers hatte Ricki Sue die Anwälte regelmäßig mit ihren Bettgeschichten erfreut. Einen um den anderen Morgen hatte sie bei der Kaffeerunde der unendlichen Seifenoper ihres Lebens eine neue Episode hinzugefügt. Manche ihrer Geschichten klangen einfach zu phantastisch, um noch glaubwürdig zu sein. Erstaunlicherweise war jedoch jede einzelne davon wahr.

»Ich mache mir Sorgen um dich, Ricki Sue. Es ist gefährlich, so oft den Partner zu wechseln.«

»Ich passe schon auf. Hab’ ich immer.«

»Das tust du bestimmt, trotzdem ...«

»Spar dir deine Moralpredigt, Süße. Ich versuche nur, das Beste aus dem zu machen, was Gott mir mitgegeben hat. Wenn man so aussieht wie ich, muß man die Männer nehmen, wie sie kommen. Ich kenne keinen, der sich in so was wie mich unsterblich verlieben würde.« Sie breitete die Arme aus. »Also, statt mir immer wieder das Herz brechen zu lassen oder als ewiges Mauerblümchen dahinzuwelken und schließlich als alte Jungfer zu vertrocknen, habe ich mich vor Jahren dazu entschlossen, einfach entgegenkommend zu sein.

Ich gebe ihnen, was sie wollen, und gebe es ihnen wirklich gut, das kannst du mir glauben. Wenn das Licht ausgeht und alle nackt sind, dann interessiert es niemanden, ob du wie eine Märchenprinzessin oder ein Warzenschwein aussiehst, solange du ein hübsches, warmes Fleckchen hast, wo sie ihn hineinstekken können. Im Dunkeln fühlt sich alles gut an, Kleine.«

»Eine traurige und zynische Lebenseinstellung.«

»Sie hat sich bewährt.«

»Aber woher willst du wissen, daß eines Tages nicht doch noch der Richtige in dein Leben tritt?«

Ricki Sues Lachen klang wie ein Nebelhorn. »Eher erwische ich den Hauptgewinn im Lotto.« Ihr Lächeln erlosch. Plötzlich wirkte sie in sich gekehrt. »Nicht, daß du einen falschen Eindruck bekommst: Ich würde mein Leben auf der Stelle gegen deines tauschen. Ich hätte zu gern einen Mann, einen Haufen freche Kinder, das ganze Tamtam.

Aber nachdem das mehr als unwahrscheinlich ist, sehe ich nicht ein, warum ich mich nicht amüsieren soll. Ich bin dankbar für Zuneigung in jeder Form. Natürlich tuscheln die Leute hinter meinem Rücken. ›Wie kann sie sich nur so von den Männern ausnutzen lassen?‹ In Wahrheit nutze ich sie aus. Denn leider ...« – sie hielt inne und musterte Kendall begehrlich, aber freundlich von Kopf bis Fuß – »sind nicht alle Frauen gleich. Ich sehe aus wie ein Walroß nach einer mißglückten Henna-Tönung, während du aussiehst wie... wie du.«

»Hör auf, dich so herunterzumachen. Außerdem dachte ich, du magst mich vor allem wegen meiner Klugheit«, zog Kendall sie auf.

»O ja, schlau bist du auch. So schlau, daß du mir ehrlich gesagt einen Heidenrespekt einjagst. Und du hast mehr Mumm als jeder andere, der mir bisher begegnet ist, und mir sind schon ein paar ziemlich zähe Hombres begegnet.«

Sie hielt inne und sah Kendall aufmerksam an. »Es freut mich, daß es hier so gut für dich läuft, Kleine. Du hast eine Menge riskiert. Und das tust du immer noch.«

»Bis zu einem gewissen Grad, ja.« Die junge Anwältin nickte. »Aber ich mache mir keine Sorgen. Es ist schon zuviel Zeit vergangen. Wenn es schiefgelaufen wäre, dann hätte längst alles auffliegen müssen.«

»Ich weiß nicht.« Ricki Sue klang nicht überzeugt. »Ich glaube immer noch, daß du total verrückt bist. Und wenn ich es noch mal tun müßte, würde ich dir noch mal davon abraten. Weiß Matt davon?«

Kendall schüttelte den Kopf.

»Solltest du es ihm nicht erzählen?«

»Weswegen?«

»Weil er dein Mann ist. Herrgott noch mal!«

»Was sollte das an seinen Gefühlen für mich ändern?«

Ricki Sue sann einen Augenblick nach. »Was meint deine Oma dazu?«

»Sie ist deiner Meinung«, gab sie widerstrebend zu. »Sie hat mir zugeredet, die Karten auf den Tisch zu legen.«

Da ihre Eltern gestorben waren, als Kendall fünf Jahre zählte, war Elvie Hancock die einzige Bezugsperson, an die Kendall sich erinnern konnte. Sie hatte das kleine Mädchen mit fester Hand, aber liebevoll erzogen. In den meisten wichtigen Fragen stimmte Kendall mit ihr überein. Sie gab viel auf das Urteilsvermögen und die Altersweisheit ihrer Großmutter.

Aber was die Frage betraf, ob völlige Aufrichtigkeit Matt gegenüber nötig sei, vertraten sie verschiedene Standpunkte. Kendall war überzeugt, daß sie sich tadellos verhielt. Leise erklärte sie: »Ihr beide müßt mir in dieser Sache vertrauen, Ricki Sue.«

»Also gut, Kleine. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, wenn eines Tages eine Leiche aus deinem Keller gerannt kommt und dich in den Hintern beißt.«

Kendall mußte über Ricki Sues drastische Metapher lachen. Sie beugte sich vor und umarmte ihre Freundin. »Du fehlst mir. Versprich mir, daß du mich oft besuchen kommst.«

Ricki legte das Handtuch mit übertriebener Sorgfalt zusammen. »Das wäre wahrscheinlich keine gute Idee.«

Kendalls Lächeln erstarb. »Warum nicht?«

»Weil dein Mann und sein Papa keinen Hehl daraus machen, was sie von mir halten. Nein, du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, kam sie Kendalls Einspruch zuvor. »Mir ist es scheißegal, was sie von mir denken. Sie erinnern mich zu sehr an meine eigenen selbstgerechten Eltern, als daß mir etwas an ihrer Meinung liegen würde. Ach, Mist. Ich wollte sie nicht schlecht machen, es ist bloß ...« Ihre stark geschminkten Augen flehten Kendall um Verständnis an. »Ich will nicht, daß es meinetwegen Probleme gibt.«

Kendall wußte genau, was ihre Freundin meinte, und sie rechnete Ricki Sue diese Selbstlosigkeit hoch an. »Du und Großmutter, ihr beide fehlt mir mehr, als ich gedacht hätte, Ricki Sue. Tennessee ist so ewig weit weg, ich brauche eine Freundin.«

»Dann such dir eine.«

»Ich habe schon meine Fühler ausgestreckt, aber bisher ohne Erfolg; die Frauen hier sind höflich, aber distanziert. Vielleicht nehmen sie mir übel, daß ich einfach so in ihre Stadt geplatzt bin und ihnen Matt weggeschnappt habe. Oder vielleicht stören sie sich an meinem Beruf. Sie leben ein vollkommen anderes Leben als ich. Außerdem könnte dich sowieso niemand als meine beste Freundin ersetzen. Bitte, schreib mich nicht ab.«

»Ich schreibe dich, weiß Gott, nicht ab. Habe selber nicht allzu viele Freunde. Aber betrachten wir die Sache einmal nüchtern.« Sie drückte mit beiden Händen Kendalls Schultern. »Abgesehen von mir ist deine Großmutter das letzte, was dich mit Sheridan, Tennessee, verbindet. Wenn sie stirbt, dann mußt du dieser Stadt ein für allemal den Rücken kehren, Kendall. Du mußt alle Bande lösen, mich eingeschlossen, darfst dein Glück nicht überstrapazieren.«

Kendall wußte, wie vernünftig der Rat ihrer Freundin war, und wiegte nachdenklich den Kopf. »Großmutter hat nicht mehr lange zu leben. Ich wünschte, sie wäre zusammen mit mir hergekommen, aber sie wollte nicht mehr umziehen. Daß ich nicht bei ihr bin, bricht mir das Herz. Du weißt, wie wichtig sie mir ist.«

»Und umgekehrt. Sie liebt dich. Sie hat immer dein Bestes gewollt. Wenn du glücklich bist, wird auch sie glücklich sterben. Mehr kannst du ihr nicht wünschen.«

Kendall mußte Ricki recht geben. Ihr schnürte es die Kehle zu. »Tu mir den Gefallen und kümmere dich um sie, Ricki Sue.«

»Ich rufe sie täglich an und besuche sie mindestens zweimal die Woche, wie versprochen.« Sie nahm Kendalls Hand und drückte sie aufmunternd. »Und jetzt laß mich zurück zur Party und zu dem überwältigenden Büfett. Vielleicht kann ich diesen Pillendreher zu einem weiteren Tänzchen beschwatzen. Irgendwie ist er süß, findest du nicht?«

»Er ist verheiratet.«

»Ach ja? Die haben Ricki Sues berühmte liebevolle Zuwendung oft am allernötigsten.« Sie tätschelte ihre ausladenden Brüste.

»Schäm dich!«

»Tut mir leid, das Wort ist mir fremd.« Mit einem kehligen Lachen schob sie Kendall beiseite und öffnete die Tür. »Ich laß dich jetzt allein. Obwohl ich zu gern dableiben und zusehen würde, wie du das anstellst.«

»Was denn?«

»In einem Hochzeitskleid zu pinkeln.«

2. Kapitel

»Wäre das alles, Miss?«

Die Frage riß Kendall aus dem Tagtraum, in dem sie noch einmal ihre Hochzeit durchlebt hatte. Sie erinnerte sich bis in die letzte Einzelheit an damals, aber empfand keinerlei Verbindung mehr dazu, als wäre all das einem anderen Menschen oder in einem anderen Leben geschehen.

»Ja, danke«, antwortete sie dem Kassierer.

Trotz des grauenhaften Wetters drängelten sich die Kunden im Supermarkt. In den Gängen stauten sich Einkaufswagen mit allem Erdenklichen, von Rollschuhen bis zum Nudelholz.

»Einhundertzweiundvierzig siebenundsiebzig. Bar, Scheck oder Karte?«

»Bar.«

Der junge Mann hatte sie nicht weiter beachtet. Sie war einfach eine von Hunderten Kunden, die an diesem Tag an der Kasse warteten. Falls es später zu einer Befragung käme, würde er sich bestimmt nicht an sie erinnern, sie nicht beschreiben können. Sie suchte die Anonymität.

Als sie vergangene Nacht endlich in das Bett des Gemeindekrankenhauses von Stephensville sank, war sie müder gewesen als jemals zuvor in ihrem Leben. Ihr ganzer Leib schmerzte und pochte nach dem Unfall. Während des mühsamen Aufstiegs aus der Schlucht hatte sie sich noch mehr Schnitte und Kratzer zugezogen, die sich im Lauf der Nacht immer störender bemerkbar machten.

Sie hatte sich verzweifelt nach Vergessen gesehnt, aber statt dessen kein Auge zugetan.

Wer sind Sie? Wer bin ich?

Er ist mein Mann.

Die Sätze hallten in ihrem Kopf. Mit müden, brennenden Augen starrte sie von ihrem Kissen aus zur schallisolierten Zimmerdecke hoch, wiederholte diese Sätze unentwegt und fragte sich, ob es nun genial oder wahnsinnig gewesen war, sie auszusprechen. Jetzt konnte sie sie nicht mehr zurücknehmen, und selbst wenn es möglich gewesen wäre, hätte sie es nicht getan.

Seine Amnesie war nur vorübergehender Art. Deshalb mußte sie die Situation nutzen, solange er sich an nichts erinnerte. Sie hoffte, auf diese Weise Zeit zu gewinnen, um Kevin und sich selbst zu retten. Schließlich galten ihre Unternehmungen allesamt und ausschließlich Kevin. Um das Baby zu schützen, würde sie jede Chance nutzen, und sei sie noch so winzig.

Als man ihm eröffnet hatte, daß er unter Gedächtnisverlust leide, hatte er einen mittleren Aufstand veranstaltet. Er brauche vor allem Ruhe und Entspannung, um zu genesen, hatte ihm der Arzt erklärt. Ohnehin müsse er kürzertreten, damit sein Bein heilen konnte, warum also genoß er nicht den unerwarteten Zwangsurlaub? Je mehr er sich unter Druck setze, sein Gedächtnis wiederzufinden, desto langsamer werde es zurückkehren. Ein Gehirn unter Streß könne höchst eigensinnig und unkooperativ reagieren. Ständig wurde er ermahnt, einfach loszulassen.

Aber es wollte ihm nicht gelingen, nicht einmal dann, als auf den Vorschlag des Arztes hin Kendall Kevin in sein Zimmer trug. Der Anblick des Kindes hatte ihn nur noch mehr aufgeregt, und er hatte sich erst wieder beruhigt, als eine Krankenschwester das Baby wegbrachte.

Der Arzt hatte sich bemüht, ihr Mut zu machen, wobei er allerdings längst nicht mehr so selbstsicher wirkte. »Ich würde empfehlen, ihn die Nacht über allein zu lassen. Amnesie kann

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel »The Witness« bei Warner Books, New York.

Der Blanvalet Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House.

12. Auflage Taschenbuchausgabe Mai 1998

© der Originalausgabe 1995 by Sandra Brown Management, Ltd.

© der deutschsprachigen Ausgabe 1996 by Blanvalet Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: Chad Slattery, Tony Stone Bilderwelten

Lektorat: SK Redaktion: Petra Lingsminat Herstellung: Heidrun Nawrot

eISBN 978-3-641-10332-3

www.blanvalet-verlag.de

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