Ein Hauch von Skandal - Sandra Brown - E-Book

Ein Hauch von Skandal E-Book

Sandra Brown

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Beschreibung

Sie ist erfolgreich, sie ist attraktiv, und sie will nur eins: Rache nehmen.


Eine schwüle Sommernacht in einer Kleinstadt im Süden – für die junge, attraktive Jade der Anfang eines Albtraums: Am Abend ihres Abschlussballs träumt Jade von einer gemeinsamen Zukunft mit Gary, ihrer ersten großen Liebe. Doch als drei junge Männer sie brutal überfallen, findet ihr Traum ein jähes Ende. Hilflos muss Jade mit ansehen, dass die Täter straflos ausgehen – sie selbst verlässt darauf die Stadt. Jahre später kehrt Jade zurück – eine reife Frau, erfolgreich und begehrenswert, die nur ein Ziel kennt: Rache. Doch es ist nicht nur die Schande, die in Jades Herzen brennt, sondern auch ihre nie vergessene Liebe …


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Buch

Eine schwüle Sommernacht in einer Kleinstadt im Süden - für die junge, attraktive Jade Sperry der Anfang eines Alptraums! Nach ihrem glänzenden High-School-Abschluss sieht Jade einer Zukunft entgegen, die sie schon in den glühendsten Farben ausgemalt hat: College, Karriere und eine glückliche Beziehung mit Gary, ihrer ersten Liebe. Doch in jener Sommernacht findet ihr Traum ein jähes Ende, als drei Halbstarke über sie herfallen und sich auf brutale Weise nehmen, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht. Hilflos erlebt Jade, wie ihre Peiniger straflos ausgehen, sie selbst aber in Schimpf und Schande die Stadt verlassen muss.

Jahre später kehrt Jade zurück – eine reife Frau, erfolgreich und äußerst begehrenswert, die nur einen Gedanken kennt: Rache. Und dafür wird sie alle ihre Mittel einsetzen und notfalls bis zum Äußeren gehen. Aber wird sie auch ihre große, so lange unerfüllt gebliebene Liebe wieder finden und endlich ihr brennendes Verlangen stillen können?

Autorin

Sandra Brown arbeitete mit großem Erfolg als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie 1990 mit ihrem ersten Roman Trügerischer Spiegel einen Bestseller landete. Seither war jedes ihrer Bücher monatelang auf den Spitzenplätzen der New York Times-Bestsellerliste zu finden – einmal sogar drei Romane gleichzeitig! Sandra Brown lebt mit ihrer Familie in Arlington, Texas.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.sandra-brown.de

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinPrologKapitel 1Kapitel 2Copyright

Prolog

New York City, 1990

Es stand fest. Sie würde nach Palmetto zurückkehren.

Jade Sperry schob die Jalousien am Fenster ihres Büros zur Seite und schaute hinunter auf die Straße. Zwanzig Stockwerke unter ihr toste der Verkehr rund um das Lincoln Center.

Ein kalter, scharfer Wind jagte um die Straßenecken, mit demselben Ungestüm wie die Linienbusse, die ihre stinkenden Abgaswolken in die Luft bliesen. Taxis kurvten wie auf geschreckte gelbe Käfer umher und wechselten von einer verstopften Fahrspur auf die nächste. Zwischen ihnen schoben sich Fußgänger hindurch, unbeirrt, ihre Habseligkeiten an sich gepreßt.

Jade war es anfangs schwergefallen, sich an das Tempo in New York zu gewöhnen. Allein die Straße zu überqueren war schon eine lebensgefährliche Unternehmung. Nichts war schlimmer für sie gewesen, als an einer Bordsteinkante in Manhattan zu stehen und sich zu fragen, wer oder was sie zuerst niedermähen würde – ein Taxi, ein Bus oder die Horden von Menschen, die von hinten stießen und drängelten und immer ungeduldiger wurden mit dieser Auswärtigen, die so langsam sprach und sich so zögerlich vorwärtsbewegte.

Wie stets hatte Jade zunächst den Kopf eingezogen und sich dann der Herausforderung gestellt. Sie ging nicht so forsch wie die Einheimischen, sie verstand und sprach nicht so schnell wie sie, aber sie war auch nicht eingeschüchtert von ihnen – nur eben anders als sie. Solche Hektik und Betriebsamkeit war sie einfach nicht gewohnt. Jade Sperry war in einer Umgebung aufgewachsen, wo an einem Sommertag das einzige emsige Wesen eine über dem Sumpf schwirrende Libelle war.

Als sie nach New York kam, war sie bereits an harte und aufopferungsvolle Arbeit gewöhnt gewesen. So hatte sie sich mit der Zeit akklimatisiert und überlebt, weil für einen Dickkopf aus South Carolina wie sie nicht nur ihr Akzent charakteristisch war, sondern ebenso ihr Stolz.

Und nun hatte sich alles ausgezahlt. Unzählige Stunden, in denen sie gegrübelt, geplant und hart gearbeitet hatte, waren schließlich und endlich belohnt worden. Niemand ahnte auch nur, wie viele Jahre und Tränen sie in die Rückkehr in ihre Heimatstadt investiert hatte.

Es gab dort einige, die für ihre Sünden büßen sollten, und Jade würde dafür sorgen, daß dies geschah. Die Vergeltung, von der sie geträumt hatte, war zum Greifen nahe. Sie hatte nun die Macht, für ihr Recht zu kämpfen.

Sie schaute noch immer aus dem Fenster, doch sie nahm kaum etwas von der Szenerie unten auf der Straße wahr. Statt dessen sah sie das wogende hohe Gras von Küstenweiden, roch die salzige Luft, den betörenden Duft von Magnolien und schmeckte die Speisen ihrer ländlichen Heimat. Die Wolkenkratzer wurden zu hohen Pinien, die breiten Straßen zu Kanälen.

Sie erinnerte sich an das belebende Gefühl, diese schwere Luft einzuatmen, in der sich nicht einmal das matte, graue Spanische Moos in den Wipfeln der uralten Lebenseichen bewegte.

Sie würde nach Palmetto zurückkehren.

Und dann würde dort die Hölle los sein.

Kapitel 1

Palmetto, South Carolina, 1976

»Du spinnst doch!«

»Ich schwör’s bei Gott.«

»Du bist ein Lügner, Patchett.«

»Was sagst du, Lamar? Lüge ich oder nicht? Kann eine gute Nutte das Gummi nur mit dem Mund überstülpen oder nicht?«

Lamar Griffiths Blick wanderte unsicher zwischen seinen beiden besten Freunden, Hutch Jolly und Neal Patchett, hin und her. »Keine Ahnung, Neal. Kann sie’s?«

»Ach, was frage ich dich überhaupt«, zischte Neal verächtlich. »Du warst sowieso noch nie bei ’ner Nutte.«

»Aber du...«, lästerte Hutch.

»Ja, ich. Und mehr als einmal.«

Die drei High School Seniors hatten eine Nische in der örtlichen Milchbar in Beschlag genommen. Hutch und Lamar teilten sich eine der Vinylbänke, Neal lümmelte sich auf der anderen, zwischen ihnen die Tischfläche.

»Ich glaub’ dir kein Wort«, sagte Hutch.

»Mein alter Herr hat mich mitgenommen.«

Lamar mußte bei der Vorstellung grinsen. »War dir das nicht peinlich?«

»Scheiße, nein!«

Hutch warf Lamar einen höhnischen Blick zu. »Er lügt, du Vollidiot.« Wieder Neal zugewandt fragte er: »Und wo soll dieser Puff sein?«

Neal musterte sein Spiegelbild im Fenster. Sein hübsches Gesicht starrte ihm entgegen. Sein dunkelblonder Pony über den sexy grünen Augen hatte genau die richtige Länge. Die rotbraun-weiße High-School-Lederjacke war angemessen abgewetzt und hing ihm lässig über die Schultern.

»Ich hab’ nicht gesagt, daß er mich in einen Puff geschleppt hat. Er hat mich zu einer Nutte mitgenommen.««

Hutch Jolly war lange nicht so attraktiv wie sein Freund Neal. Er war ein hochaufgeschossener Junge mit breiten knochigen Schultern, hellrotem Haar und ausgeprägten Segelohren. Hutch bewegte sich vor und leckte sich über die fleischigen Lippen. Dann flüsterte er verschwörerisch: »Du willst mir also weismachen, daß es hier in unserer Stadt eine Nutte gibt? Wer ist sie? Wie heißt sie? Wo wohnt sie?«

Neal schenkte seinem Freund ein träges Lächeln. »Ihr glaubt doch nicht im Ernst, daß ich das ausgerechnet euch verraten würde. Als nächstes hör’ich dann, daß ihr zwei an ihrer Tür klopft und einen verdammten Narren aus euch macht. Ich müßte mich ja schämen, mit euch in Verbindung gebracht zu werden.«

Er winkte die Kellnerin heran und bestellte eine neue Runde Cherry Coke. Sobald die prickelnde Erfrischung auf dem Tisch stand, langte Neal in die Innentasche seiner Jacke, fischte einen Flachmann heraus und bediente zuerst großzügig sich selbst, bevor er dann die Flasche weiterreichte. Hutch goß sich von dem Bourbon ein.

Lamar lehnte ab. »Danke. Ich hab’ genug.«

»Kinderkacke«, meinte Hutch und stieß seinem Freund den Ellenbogen in die Seite.

Neal ließ den Flachmann wieder in der Jackentasche verschwinden. »Mein alter Herr sagt immer, von zwei Dingen kann man nie genug haben. Von Whiskey und von Frauen.««

»Amen.« Hutch gab Neal immer recht.

»Und was meinst du, Lamar?« stichelte Neal.

Der dunkelhaarige Junge zuckte mit den Achseln. »Klar.«

Neal runzelte unzufrieden die Stirn und ließ sich gegen die Rückenlehne fallen. »So langsam, aber sicher fange ich an, mir deinetwegen Sorgen zu machen, Lamar. Wenn du nicht mitziehen kannst, müssen wir eben auf dich verzichten.««

Lamars dunkle Augen füllten sich mit Furcht. »Was meinst du mit ›mitziehen‹?«

»Was ich meine? Ich meine aufmischen. Bumsen. Saufen.«

»Seine Mama hat es aber gar nicht gern, wenn ihr Junge so böse Dinge tut.«

Hutch faltete affektiert die großen, roten Hände unter dem Kinn und klimperte mit den Wimpern. Sein Falsett und seine Miene wirkten albern, doch Lamar nahm die Spöttelei ernst.

»Habe ich mir Freitag etwa nicht, genau wie ihr beiden, die Seele aus dem Leib gekotzt?!« platzte er heraus. »Und im Sommer die Wassermelonen geklaut, wie du’s wolltest, Neal? Und wer hat die Farbe für den Spruch an der Post besorgt, he?«

Hutch und Neal fingen an zu lachen. Neal langte über den Tisch und tätschelte Lamars Wange. »Stimmt. Warst ein braver Junge. Wirklich brav.« Er konnte nicht ernst bleiben und lachte wieder los.

Hutchs knochige Schultern zuckten vor Lachen. »Du hast mehr gekotzt als wir beide zusammen, Lamar. Was hat deine Mama übrigens zu deinem Kater gestern morgen gesagt?«

»Sie hat’s nicht gemerkt. Ich bin im Bett geblieben.«

Die drei langweilten sich. Die Sonntagabende waren immer langweilig. Die scharfen Girls erholten sich von den wüsten Feiern des Samstagabends und wollten nicht belästigt werden. Und die braven Girls gingen zur Kirche. Sonntags standen keine Sportereignisse auf dem Programm. Zum Krebse sammeln oder Angeln hatten sie an diesem Abend keine Lust.

Und so hatte Neal, stets ihr Anführer und Stratege, die beiden in seinen Sportwagen verfrachtet, war mit ihnen durch die Straßen Palmettos gekreuzt und hatte Ausschau gehalten nach etwas, was sie amüsieren könnte. Aber auch nach ein paar Runden war weit und breit nichts in der Stadt zu entdecken gewesen.

»Wollen wir hoch zu Walmart und uns umsehen?« hatte Lamar vorgeschlagen.

»Nein!« hatten die beiden anderen im Chor gestöhnt.

»Ich hab’s.« Neal war eine Idee gekommen. »Los, wir fahren zu einer der Nigger-Kirchen. Das bringt’s immer.«

»Mmm-mm.« Hutch hatte seinen roten Schopf geschüttelt. »Mein Alter hat gesagt, er zieht mir das Fell ab, wenn wir das noch mal machen. Beim letzten Mal ging’s haarscharf an ’nem Rassenkrawall vorbei.« Hutchs Vater, Fritz Jolly, war der Sheriff im County und schon bei unzähligen Gelegenheiten das Gewissen der Jungs gewesen.

Ihnen war also nichts übriggeblieben, als in die Milchbar einzukehren und zu hoffen, daß etwas passieren würde. Solange sie etwas bestellten und sich benahmen, würde der Wirt sie nicht rauswerfen. Sollte sich Neal allerdings mit dem Flachmann erwischen lassen, würde die Hölle los sein.

Als Neal losgefahren war, hatte sein Vater, Ivan, ihn ermahnt, diesmal das Bier zu Hause zu lassen. »Wieso? hatte Neal gefragt.

»Weil mich gestern morgen Fritz angerufen hat. Er war völlig außer sich. Hutch ist Freitagnacht sturzbetrunken nach Hause gekommen, und du sollst das Bier besorgt haben. Er hat gesagt, der Sohn des Sheriffs könne es sich nicht leisten, besoffen durch die Stadt zu fahren und die Sau rauszulassen. Dora Jolly war kaum wieder zu beruhigen. Ich hab’ ihm versprochen, mich drum zu kümmern.«

»Und?«

»Und?! Genau das werde ich tun! Laß das Bier heute stehen!« hatte Ivan gepoltert.

»Verdammt. Neal war aus dem Haus gestürmt. In seinem Wagen hatte er sich grinsend auf die Jacke geklopft, in der er den silbernen Flachmann mit dem teuren Bourbon versteckt hatte. Ivan würde es nie im Leben merken.

Doch jetzt war die Schadenfreude über seinen alten Herrn abgeklungen. Hutch war dabei, seinen zweiten Hamburger zu vertilgen. Neal fand Hutchs Tischmanieren abstoßend. Er verschlang jedes Essen, als wäre es sein letztes, biß riesige Happen ab, rülpste laut und dachte gar nicht daran, die Unterhaltung zu unterbrechen, während er kaute.

Was Lamar betraf – der war einfach nur ein Schlappschwanz. Ständig hatte er Schiß, und Neal duldete ihn nur wegen seiner Büßerrolle. Es war eben amüsant, einen Trottel dabeizuhaben, über den man sich lustig machen konnte. Lamar war gutmütig und sah nicht schlecht aus, doch Neal brauchte ihn lediglich als Punchingball.

Heute abend war Lamar, wie immer, reizbar und nervös. Er ging jedesmal an die Decke, wenn er nur angesprochen wurde. Neal vermutete, daß Lamar so daneben war, weil er alleine mit seiner Mutter lebte. Der alte Drachen würde jeden nervös machen.

Myrajane Griffith hielt sich für was Besonderes, weil sie eine geborene Cowan war. Die Cowans waren früher mal mit die größten Baumwollpflanzer zwischen Savannah und Charleston gewesen. Aber das lag schon Urzeiten zurück. Der Glanz der Cowans war erloschen; die meisten von ihnen waren inzwischen verstorben. Das alte Farmhaus an der Küste stand zwar immer noch, aber es war schon vor vielen Jahren verlassen und verriegelt worden.

Doch Myrajane klammerte sich noch immer an ihren Mädchennamen wie eine Ertrinkende an den Strohhalm. Jetzt arbeitete sie als Angestellte auf der Sojabohnenplantage der Patchetts, wie fast alle anderen in der Nachbarschaft auch, und das Seite an Seite mit Farbigen und Leuten, die sie in besseren Zeiten noch nicht einmal angespuckt hätte. Ihrem Mann hatte sie so lange zugesetzt, bis er schließlich starb. Als Ivan ihn im Sarg liegen sah, hatte er bemerkt, daß der arme alte Kerl zum erstenmal seit Jahren lächelte.

Jesus, dachte Neal, kein Wunder, daß Lamar so schlottert. Die Hexe macht jeden fertig.

Neal war froh, daß seine Mutter gestorben war, als er noch ein Baby war. Er war von etlichen, vorwiegend farbigen Kinderschwestern aus der Umgegend Palmettos großgezogen worden, bis er zu alt zum Versohlen wurde und zurückschlug. Seine Mutter, Rebecca Flory Patchett, war blond gewesen, blaß und der schlechteste Fick, den Ivan jemals gehabt hatte – so ähnlich hatte Ivan es ausgedrückt, als Neal ihn nach seiner Mutter gefragt hatte.

»Rebecca war ein süßes kleines Püppchen, aber sie zu fikken, das war, als würde man sein Ding in einen Eisblock schieben. Was soll’s. Sie hat mir gegeben, was ich wollte.« Dabei hatte er seinen Sohn leicht ans Kinn geboxt. »Einen Sohn.«

Neal fand, daß ein Elternteil, bei dem man sich rechtfertigen mußte, schlimm genug war, obwohl Ivan für gewöhnlich eher milde reagierte und ein Auge zudrückte, wenn sein Sohn Ärger machte. Er bezahlte Neals Strafzettel und übernahm die Rechnungen für die Sachen, die sein Sohn zerstörte oder stahl.

»Verdammt noch mal, wissen Sie nicht, wer mein Daddy ist?!« hatte Neal erst kürzlich den Verkäufer in der Eisenwarenhandlung angeschrien, als dieser ihn beim Klauen erwischte.

Sheriff Fritz Jolly hatte Ivan kommen lassen, um die Angelegenheit aus der Welt zu schaffen. Und Neal war aus dem Laden spaziert, mit dem Jagdmesser in der Hand und einem selbstgefälligen Grinsen im Gesicht, das den ohnehin frustrierten Verkäufer noch wütender machte. Später sollte der arme Bursche alle vier Reifen an seinem Wagen zerstochen vorfinden.

Neal wünschte, irgend etwas in der Art würde auch heute abend auf ihn warten.

»Scheint, der Gottesdienst ist zu Ende.« Lamars Bemerkung riß Neal aus seinen Gedanken.

Ein Pulk junger Leute strömte in die Milchbar. Für Neal waren die Jungs Jesus-Freaks und daher seiner Aufmerksamkeit unwürdig, doch er schenkte jedem der Mädchen einen heißen Blick. Es wirkte Wunder für das Selbstbewußtsein der Girls und verhalf ihnen zu angenehmen Träumen.

Ganz abgesehen davon konnte es nie schaden, von Zeit zu Zeit das Revier zu ordnen. Wer weiß, vielleicht würde er in einer einsamen Nacht eines dieser Mädchen gut brauchen können. Falls er dann bei einer anrief, würde sie sich garantiert an seinen lüsternen Blick erinnern. Einmal hatte er damit geprahlt, eine Kirchenchor-Sopranistin innerhalb von fünf Minuten zu einer Schlampe machen zu können. Es war kein leeres Versprechen geblieben.

»Hallo, Neal, hi, Lamar, hi, Hutch.«

Donna Dee Monroe blieb an ihrer Nische stehen. Neal ließ, anders als gewöhnlich, den Blick über ihren Körper schweifen. »Hi, Donna Dee. Na? Bist du heute abend errettet worden?«

»Das bin ich schon lange. Aber du wirst garantiert in der Hölle schmoren, Neal Patchett.«

Er lachte. »Darauf kannst du wetten! Und ich werde jede Minute davon genießen. Hi, Florene.«

Florene, eine von Donna Dees Freundinnen, war vor einigen Wochen beim Valentins-Tanz aufgekreuzt. Die Auswahl an diesem Abend war nicht gerade berauschend gewesen, und Neal hatte mit ihr geflirtet, obwohl er sie unter normalen Umständen keines Blickes gewürdigt hätte. Er tanzte mit ihr, bis sie dahinschmolz – buchstäblich. Als er sie nach draußen führte und seine Hand zwischen ihre Schenkel gleiten ließ, bekam er feuchte Finger. Allerdings kam, gerade als es interessant wurde, Florenes Vater raus und suchte nach ihr.

Jetzt fragte Neal mit halbgeschlossenen Augen und rauchiger Stimme: »Und, hast du heute abend etwas zu beichten, Florene? Hast du in letzter Zeit vielleicht unkeusche Gedanken gehegt?«

Das Mädchen errötete bis in die Haarspitzen, murmelte etwas Unverständliches und flüchtete zu der Gruppe, die mit ihr aus der Kirche gekommen war.

Donna Dee blieb. Sie war ein frecher Typ mit dunklen, blitzenden Augen und scharfer Zunge. Leider sah sie nicht besonders gut aus. Ihr Haar war glatt und dünn. Sie trug es mit Mittelscheitel, weil sich nichts anderes damit anfangen ließ. Ihre Lippen berührten beinahe die Nasenflügel. Das, die vorstehenden Zähne und die stechenden Augen gaben ihr das Aussehen einer freundlichen Ratte. Sie schwärmte für Hutch, doch der ignorierte sie für gewöhnlich.

»Sieh mal an, wen wir da haben«, sagte Hutch und lenkte Neals Aufmerksamkeit auf den Parkplatz. »Mr. Schülersprecher höchstpersönlich.«

Sie beobachteten, wie Gary Parker seinen Wagen in eine der Parklücken bugsierte. Seine Freundin, Jade Sperry, saß dicht neben ihm auf dem Beifahrersitz.

»Und die heißeste Schülerin hat er gleich mitgebracht.«

Neal warf Lamar einen scharfen Blick zu und versuchte zu ergründen, ob Lamar sich über ihn lustig machte. Bestimmt nicht. Neal hatte sein Interesse an Jade Sperry bisher vor allen geheimgehalten.

»Seine Karre ist ein Haufen Scheiße«, kommentierte Hutch, ohne einen von ihnen direkt anzusprechen.

»Scheint Jade aber nichts auszumachen«, bemerkte Lamar.

»Natürlich nicht, du Fiesling«, sagte Donna Dee. »Sie liebt ihn. Es ist ihr egal, ob er arm wie eine Kirchenmaus ist. Ich werd’ mal rübergehen und hi sagen. Bis später dann.«

Neals Blick war finster, als er Gary und Jade hinter dem Fenster beobachtete. Gary hatte offensichtlich etwas Lustiges gesagt, denn Jade lachte, lehnte sich an ihn und rieb ihre Schläfe an seinem Kinn.

»Scheiße, ist die heiß«, stöhnte Hutch. »Er ist ein verdammter Bauerntrampel. Was findet die an dem nur so scharf?«

»Seinen Verstand«, sagte Lamar.

»Wahrscheinlich eher seinen großen Pflug«, witzelte Hutch.

Lamar lachte. Neal schwieg. Völlig regungslos, ohne mit der Wimper zu zucken, sah er zu, wie Gary Jade sanft auf die Lippen küßte, bevor er die Wagentür öffnete und ausstieg. Es war ein verhaltener, schüchterner Kuß gewesen. Neal fragte sich plötzlich, ob sie jemals von einem geküßt worden war, der wußte, was Sache war – von einem wie ihm.

Jade war unbestritten das hübscheste Mädchen auf der Palmetto High School. Das hübscheste Mädchen sollte eigentlich Neal Patchett gehören, genau wie die besten Klamotten und die schärfste Karre. Sein alter Herr war der mächtigste und reichste Mann der Gegend. Das allein gab ihm bereits das Recht zu kriegen, was er wollte. Doch offensichtlich hatte noch niemand Jade Sperry davon unterrichtet.

Ganz gleich, wie hoch Garys IQ sein mochte, Neal würde nie verstehen können, warum Jade einen bettelarmen Farmersohn wie Gary ihm vorzog. Zudem schien sie nicht nur kein Interesse an Neal zu haben, er hatte sogar das Gefühl, daß sie ihn abstoßend fand. Irgendwie betrachtete sie ihn mit unerklärlichem, verdrehtem Snobismus als Abschaum. Oh, sie war stets höflich – Jade war grundsätzlich höflich –, doch hinter ihrer ganzen Höflichkeit spürte Neal eine geringschätzige Haltung, die an ihm nagte.

Vielleicht wußte sie gar nicht, was ihr entging. Vielleicht war ihr nicht klar, daß sie sich mit weniger als dem Besten zufrieden gab. Vielleicht war es an der Zeit, daß es ihr endlich jemand sagte.

»Los, kommt«, forderte Neal plötzlich die anderen auf und erhob sich von der Bank. Er warf das Geld für die Drinks und Hutchs Burger auf den Tisch und schlenderte zur Tür.

Draußen ging er zu dem Fenster, wo die Kunden sich etwas zum Mitnehmen bestellen konnten. Er brauchte Hutch und Lamar nicht zu fragen, ob sie mitkamen. Sie folgten ihm ohnehin wie ein Schatten.

Donna Dee öffnete die Beifahrertür von Garys Wagen und ließ sich neben ihre Freundin gleiten. »Ich wußte gar nicht, daß du auch herkommst«, sagte Jade. »Du hättest mit uns fahren können.«

»Als das berühmte fünfte Rad? Nein danke.«

Donna Dee klang nicht eingeschnappt. Die beiden Mädchen waren seit dem Kindergarten unzertrennlich. Obwohl es für jeden Außenstehenden ersichtlich war, daß Jade das andere Mädchen in den Schatten stellte, hegte Donna Dee keine feindseligen Gefühle für ihre attraktive, makellose Freundin.

»Wie fandest du die Predigt heute abend?« fragte Donna Dee. »Hast du auch jedesmal, wenn der Priester das Wort Unzucht in den Mund nahm, Gottes Atem in deinem Nacken gespürt?«

Jade hatte sich tatsächlich bei der Predigt unbehaglich gefühlt, doch sie antwortete gleichgültig: »Es gibt nichts, weswegen ich mich schuldig fühlen müßte.«

»Noch nicht«, sagte Donna Dee.

Jade seufzte. »Ich hab’s gewußt. Ich hätte dir nie erzählen dürfen, daß Gary und ich darüber gesprochen haben.«

»Oh, wie schlimm!« rief Donna Dee. »Seit drei Jahren geht ihr jetzt miteinander. Die ganze Welt glaubt, daß ihr’s schon tausendmal getrieben habt.«

Jade biß sich auf die Unterlippe. »Meine Mutter auch. Vorhin haben wir uns deswegen gestritten, bevor Gary mich abgeholt hat.«

»Und?« Donna Dee borgte sich den Lippenstift aus der Handtasche ihrer Freundin und legte ihn auf. »Du streitest dich doch andauernd mit deiner Mom. Ich sag’s ungern, Jade, aber deine Mom ist wirklich ’ne alte Hexe.«

»Sie will einfach nicht kapieren, daß ich Gary liebe.«

»Sicher kapiert sie’s. Das ist ja das Problem. Sie will nicht, daß du ihn liebst. Sie glaubt, du kannst ’ne bessere Partie machen.«

»Es gibt keinen Besseren.«

»Du weißt, wie ich’s meine.« Donna Dee kramte weiter in Jades Tasche. »Sie will dich mit jemandem verkuppeln, der reich ist, der Einfluß hat – zum Beispiel mit Neal Patchett.«

Jade schüttelte sich angewidert. »Keine Chance.«

»Was glaubst du – hat er echt Florene auf dem Valentines-Tanz angegrapscht? Oder hat sie nur angegeben? Sie prahlt manchmal ganz schön rum.«

»Ich finde nicht, daß von Neal Patchett angegrapscht zu werden was zum Prahlen ist.«

»Tja, das findest aber auch nur du.«

»Ja, zum Glück.«

»Neal sieht echt klasse aus«, meinte Donna Dee.

»Ich kann ihn nicht ausstehen. Sieh ihn dir an! Er findet sich ungeheuer cool.«

Die beiden Mädchen beobachteten, wie Neal und seine Freunde Gary einkreisten, der in der Schlange vor der Ausgabe stand. Neal boxte Gary ein paarmal gegen die Schulter, und als Gary ihm sagte, er solle damit aufhören, ging Neal in Kampfposition.

»Er ist so ekelig«, sagte Jade mit Abscheu in der Stimme.

»Stimmt. Ich wünschte, Hutch würde sich nicht so an ihn hängen.«

Es war kein Geheimnis, daß Donna Dee sich schrecklich in Hutch Jolly verliebt hatte. Sie trug ihr Herz auf der Zunge. Insgeheim fand Jade, daß Hutch sich wie ein Trampel aufführte und auch so aussah, doch das würde sie Donna Dee gegenüber nie zugeben, weil sie die Gefühle ihrer Freundin nicht verletzen wollte.

Sie hatte Donna Dee auch nie erzählt, daß Hutch sie schon unzählige Male angerufen und gefragt hatte, ob sie mit ihm ausginge. Jade hatte wegen Gary immer abgelehnt, doch selbst wenn sie keinen festen Freund gehabt hätte, wäre sie nie mit Hutch ausgegangen. Allein schon wegen Donna Dee.

»Du kannst Hutch nicht leiden, stimmt’s, Jade?« fragte Donna Dee.

»Natürlich kann ich ihn leiden.« Die Wahrheit war, daß Jade sich in seiner Gegenwart unbehaglich fühlte. Sie hatten zusammen einen Trigonometrie-Kurs, und sie ertappte ihn oft dabei, wie er sie anstarrte. Wenn sich ihre Blicke dann trafen, errötete Hutch erst bis zu den Sommersprossen, um gleich darauf möglichst arrogant dreinzuschauen und die peinliche Situation zu kaschieren.

»Was soll an ihm so schlecht sein?« Donna Dee ging in die Defensive.

»Gar nichts. Ehrlich. Nichts, außer der Gesellschaft, mit der er sich abgibt.««

»Meinst du, er lädt mich zum Schülerball ein? Ich sterbe, wenn er’s nicht tut.«

»Du stirbst nicht«, entgegnete Jade müde. Donna Dee reagierte so geknickt auf Jades Gleichgültigkeit, daß diese sofort einlenkte. »Tut mir leid, Donna Dee. Natürlich hoffe ich für dich, daß er dich fragt. Wirklich, ganz echt.««

Für Jade war der Oberstufen-Ball im Mai schon jetzt langweilig und albern. Er stellte lediglich eine weitere Verzögerung für sie und Gary dar, mit ihrem eigenen Leben voranzukommen. Vielleicht war sie aber auch nur deshalb nicht aufgeregt, weil ihr Partner bereits feststand. Anders als Donna Dee, brauchte sie die Erniedrigung nicht zu fürchten, an diesem bedeutsamen Abend ohne Begleitung dastehen zu müssen.

»Ich wüßte nicht, wen Hutch sonst fragen würde – du etwa?« fragte Donna Dee besorgt.

»Nein, ich wüßte auch niemanden.« Jade sah auf ihre Armbanduhr. »Wieso dauert das denn solange? Ich muß um zehn zu Hause sein, meine Mutter macht mir sonst die Hölle heiß.«

»Vergiß nicht, ihr braucht auch ein wenig Zeit zum Parken...« Donna Dee sah ihre Freundin an und flüsterte: »Wenn du mit Gary fummelst, bist du dann so angeturnt, daß du’s kaum aushältst?«

»Ja«, gab Jade zu. Sie fröstelte leicht. »Das Schlimmste ist, daß wir immer mittendrin aufhören müssen.«

»Müßt ihr ja nicht.«

Jade runzelte die Stirn über ihren schmalen, dunklen Brauen. »Wenn Gary und ich – wenn wir uns lieben, wie kann es da schlecht sein, Donna Dee?«

»Ich habe das nie behauptet.«

»Aber der Priester. Und in der Bibel steht’s. Und meine Mutter sagt es. Alle sagen es.«

»Alle sagen, daß Unzucht...«

»Nenn es nicht so. Das ist ein häßliches Wort.«

»Wie würdest du’s denn nennen?«

»Miteinander schlafen.«

Donna Dee zuckte die Achseln. »Kommt aufs selbe raus. Sicher, alle sagen, vor der Hochzeit miteinander zu schlafen ist eine Sünde, aber meinst du wirklich, daß sie sich ernsthaft daran halten?« Donna Dee schüttelte die dunklen, glatten Haare. »Ich glaube nicht. Ich glaube, alle außer uns sind fleißig am Sündigen und haben viel Spaß dabei. Ich an deiner Stelle würde es auch tun.«

»Würdest du?« fragte Jade. Die Bestätigung aus dem Mund ihrer Freundin tat ihr gut.

»Kannst du deinen süßen Arsch drauf verwetten. Wenn Hutch mich fragen würde – sofort.«

Jades Blick wanderte zu Gary, und sie spürte einen prikkelnden Schauer und gleichzeitig Angst. »Vielleicht ist es keine Sünde. Vielleicht sollten Gary und ich aufhören, auf den Priester zu hören, und unseren Gefühlen folgen. Ach, ich weiß es einfach nicht«, seufzte sie. »Wir haben schon unzählige Male darüber geredet, mit dem Ergebnis, daß wir jedesmal hinterher frustrierter waren als vorher.«

»Ach, ihr habt’s aber auch schwer ...« lästerte Donna Dee. »Ich gehe wieder rein. Bis später.«

»Warte, Donna Dee. Bist du sauer?«

»Nein.«

»Du klingst aber so.«

»Weißt du, Jade, manchmal wünsche ich mir, ich hätte deine Sorgen. Ich wünschte, ich hätte dein schwarzes welliges Haar und deine makellose Haut. Ich wünschte, ich hätte große blaue Augen und zehn Meter lange Wimpern. Ich wünschte, ich hätte einen Freund, der ganz geil auf meinen Körper ist und mich respektiert. Ich wünschte, ich hätte super Noten und ein Stipendium fürs College.«

»Ich hab’ das Stipendium ja noch gar nicht«, versuchte Jade, Donna Dees zweifelhafte Komplimente herunterzuspielen.

»Oh, tatsächlich. Naja, du wirst es aber kriegen. Nur eine Frage der Zeit. Bei dir klappt immer alles, Jade. Deshalb macht mich dein Scheißgejammere so wütend. Was hast du schon für Probleme?

»Du bist großartig, ohne daß du dich anstrengen mußt. Du bist intelligent. Du bist beliebt. Du wirst wahrscheinlich die Abschiedsrede unserer Klasse halten und falls doch nicht, dann wird sie der Junge halten, der den Boden unter deinen Füßen anbetet und die Luft, die du atmest. Wenn ihr zwei also bis zur Besinnungslosigkeit vögeln wollt – bitte. Wenn nicht, dann laßt es eben. Aber hör endlich mit dem Gejammer auf, okay?«

Donna Dees Ausbruch war vorbei. Sie fügte etwas milder hinzu: »Du solltest mich für den Job als deine beste Freundin bezahlen, Jade. Ist manchmal ziemlich harte Arbeit.«

Sie schnappte sich ihre Handtasche und stieg aus dem Wagen.

»Hi, Gary.« Neal klang betont freundlich. Lamar und Hutch ahmten ihn sofort nach.

»Hallo, Leute.« Garys Lächeln war offen und ohne Argwohn. »Was läuft denn so?«

»Nicht viel«, antwortete Neal. »Schon’ne Nachricht vom Stipendium gekriegt?«

»Noch nicht. Jade auch noch nicht. Rechne allerdings jeden Tag damit.«

»Möchtest du Nüsse auf dein Eis, Gary?« fragte die Kellnerin hinter dem Tresen.

»Gerne.«

»Gerne«, äffte Neal ihn nach. Er sah zum Auto rüber, in dem Jade saß. »Jade liebt Nüsse. Je größer, desto besser.«

Hutch schüttelte sich vor Lachen. Lamar kicherte.

Garys Lächeln verschwand. »Laß den Scheiß, Neal«, sagte er barsch und schaute über die Schulter zum Wagen.

Neal hob die Hände in gespielter Unschuld. »War doch nur ein Witz, Mann. Kannst du keinen Witz ab?« Dann boxte er Gary leicht gegen die Schulter.

Gary wich verärgert zurück. »Nein, nicht wenn’s um Jade geht.«

»Bitte schön, Gary«, sagte die Bedienung und reichte ihm zwei Becher durch das Fenster. »Einmal Butterscotch, einmal Schokolade. Macht einen Dollar fünfzig, bitte.«

»Danke.« Gary bezahlte, zog zwei Servietten aus dem Spender und nahm in jede Hand einen Becher. Dann wandte er sich zum Gehen um, doch Neal versperrte ihm den Weg, flankiert von Lamar und Hutch.

»Welches ist das für Jade?«

Gary verstand den Hintergrund von Neals scheinbar harmloser Frage nicht und antwortete achselzuckend: »Butterscotch.«

Beide Becher wurden von großen roten Kirschen gekrönt. Neal nahm eine von dem Berg Schlagsahne herunter, steckte sie in den Mund und zog mit einer dramatischen Geste den Stiel heraus. Er rollte sie mit der Zunge und nahm sie schließlich zwischen die Vorderzähne, so daß sie zu sehen war. Dann blickte er Jade direkt in die Augen und biß aufreizend in die Frucht, kaute lasziv, bevor er sie schließlich runterschluckte.

Dann wandte er sich grinsend an Gary. »Sag deiner Freundin, daß ich ihre Kirsche wirklich genossen habe.«

»Du dreckiges Arschloch. Genieß das...«

Gary drückte einen der Becher in Neals selbstgefälliges Gesicht.

Neal, den das völlig überraschte, stolperte rückwärts und prustete unter der Pampe, die ihm das Gesicht verklebte. Gary nutzte den Moment und stellte ihm mit dem Absatz ein Bein. Neal fiel rücklings auf den Bürgersteig.

Gary stellte sich über ihn. »Keine dreckigen Witze über Jade – kapiert?« Er schleuderte das zweite Eis in Garys Schoß und ging zu seinem Wagen.

Neal sprang auf die Füße und spuckte Drohungen aus. »Dafür bring’ ich dich um, Parker. Niemand, der mich so fickt, kommt mit dem Leben davon.« Plötzlich wurde er sich seiner eigenen Lächerlichkeit bewußt und lenkte seine Wut auf seine beiden Freunde, die wie gelähmt dagestanden und schockiert zugesehen hatten, als er untergegangen war. »Verdammte Scheiße! Wie lange wollt ihr noch mit dem Daumen im Arsch dastehen? Helft mir gefälligst!«

Hutch und Lamar eilten zu ihm, reichten ihm Taschentücher und Servietten. Während Neal sich das Gesicht abwischte, sah er Garys davonfahrendem Wagen nach. Der Bauerntrampel glaubte vielleicht, er hätte es ihm gezeigt – aber da täuschte er sich gewaltig.

Kapitel 2

»Ich hätte ihm die Scheiße aus dem Leib prügeln sollen.«

»Ach, Gary, ich finde, du hast es ihm ganz schön gegeben.« Jade mußte lachen beim Gedanken an Neals verblüfften Gesichtsausdruck, als ihm das klebrige Eis von der Nase getropft war.

»Wieso nur hab’ ich ihm nicht das verpaßt, was er verdient hat...«

»Weil du eben kein Neandertaler bist wie er. Eine Prügelei ist doch nun wirklich unter deiner Würde. Abgesehen davon waren sie in der Überzahl. Du hättest es auch noch mit Hutch und Lamar zu tun gekriegt.«

»Vor denen hab’ ich keinen Schiß.«

Jade war der Ansicht, daß es lächerlich war, soviel Energie an hohles Machogehabe zu verschwenden, aber sie wollte Garys Ego schmeicheln. »Hör jetzt auf, dich zu ärgern. Das ist Neal doch gar nicht wert.« Nach einer kurzen Pause fragte sie: »Was hat dich eigentlich so auf die Palme gebracht?«

»Ach, einer von Neals typischen Sprüchen«, antwortete Gary ausweichend. »Eine seiner schleimigen Anspielungen. Er hat einfach nur Mist im Kopf. Naja, er hat was Beleidigendes über dich gesagt.« Gary knallte die Faust in die hohle Hand. »Gott, er ist so ein Arschloch. Scheiß auf sein Geld, er ist Abschaum.«

»Wenn dir das klar ist, warum lassen wir uns dann die Laune von ihm verderben? Ich muß bald zu Hause sein.««

Gary hatte weiches braunes Haar und sanfte, bernsteinfarbene Augen. Normalerweise stand ihm eher Sanftmut als Zorn ins Gesicht geschrieben, und auf Jades Bemerkung hin entspannte sich seine Miene und gewann den vertrauten, milden Ausdruck zurück. Er streichelte ihre Wange. »Du hast recht. Neal würde es diebisch freuen, wenn er wüßte, daß er uns den Abend verdorben hat. Aber ich hasse es einfach, wenn er deinen Namen in seinen dreckigen Mund nimmt.«

Sie strich ihm mit den Fingern durchs Haar. »Ich liebe dich, Gary Parker.«

»Ich liebe dich auch.«

Er küßte sie leidenschaftlich, preßte die Hand gegen ihren Rücken und zog ihren Körper so nahe an sich, wie das auf der beengten Vorderbank des Wagens möglich war. Er hatte in einer abgelegenen Straße in der Nähe des Damms geparkt.

Die Februarluft draußen war kühl und feucht. Im Innern des Wagens aber stieg die Temperatur. Innerhalb von Minuten waren die Fenster beschlagen. Jade und Gary atmeten schwer, ihre jungen Körper waren von der Lust entflammt, die der Priester vorhin noch verdammt hatte. Gary grub die Finger in Jades üppiges, pechschwarzes Haar. Die andere Hand ließ er unter ihren Pulli gleiten. »Jade?« Sie sah zu ihm auf, ihre Augen waren erfüllt von Verlangen. »Du weißt, daß ich dich liebe, oder?«

Sie nahm seine Hand und führte sie an ihre Brust. »Ich weiß, daß du mich liebst.«

Seit dem zweiten Jahr an der High School gingen sie miteinander. Davor hatte Jade schon andere Jungs gekannt und sich von ihnen zu Tanzveranstaltungen und Parties begleiten lassen, meist mit den Eltern als Anstandswauwaus im Schlepptau. Sie hatte sich mit Jungs zum Kino oder Theater verabredet, doch jedesmal war Donna Dee dabei gewesen. Abgesehen von Händchenhalten und manchmal einem schüchternen Gute-Nacht-Kuß hatte Jade vor Gary keinerlei sexuelle Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht. Sie hatte es nicht gewollt.

Bei ihrem zweiten Rendezvous hatte Gary ihr einen Zungenkuß gegeben. Manche Mädchen behaupteten, sie würden es lieben; andere fanden allein schon den Gedanken daran unmöglich. Nach diesem Rendezvous war Jade fest davon überzeugt, daß die zweite Gruppe aus denen bestand, die niemals einen Zungenkuß bekommen hatten. Das Gefühl von Garys Zunge in ihrem Mund war das Aufregendste, was sie je erlebt hatte.

Viele Monate lang blieb es zwischen ihnen bei diesen tiefen, befriedigenden Küssen. Ihre Intimität steigerte sich langsam, in dem Maße, wie ihre Gefühle füreinander erwachsener wurden. Jade hatte sich schon lange, bevor er es wagte, danach gesehnt, seine Hand auf ihrer Brust zu spüren. Nachdem er sie immer nur durch ihre Kleidung hindurch gestreichelt hatte, war er nun soweit, daß er ihre nackte Haut liebkoste. Und jetzt füllte ihre Brust seine sanfte Hand. Sie zügelten die Leidenschaft, mit der sie sich küßten, damit sie die prickelnde Lust seines Streichelns voll auskosten konnten. Seine Lippen lösten sich von ihren, als ihre Hand unter seine Lederjacke glitt und die Knöpfe seines Hemds öffnete. Jade streichelte die weiche Haut seiner breiten Brust. Garys Hand wanderte zu ihrem Rücken, dann hakte er den Verschluß ihres BHs auf. Er streichelte ihre Brustwarzen. Sie wurden steif unter seiner Berührung.

Jade seufzte lusterfüllt. Als Gary ihre Brust küßte und mit der Zunge an ihr spielte, stöhnte sie vor Leidenschaft auf. »Gary, ich will mit dir schlafen.«

»Ich weiß, ich weiß.«

Ihr Slip saß eng, doch seine Hand schlüpfte unbeirrt unter den Stoff und zu den dichten Locken, die ganz flachgedrückt waren. Ihr Entschluß, in ihrer Leidenschaft so weit zu gehen, war erst wenige Wochen alt, und es war noch immer ein neues, wunderbares Gefühl für Jade, Garys Finger an der geheimsten Stelle ihres Körpers zu spüren.

Sie biß sich auf die Unterlippe, um nicht aufzustöhnen. Gary kitzelte mit der Zunge ihre empfindlichen Brüste. Sie hätte weinen können vor Lust, ihren Körper mit ihm zu teilen. Heute nacht, so hatte sie sich entschlossen, würde sie ihm etwas von der Lust wiedergeben, die er ihr so selbstlos schenkte. Sie liebte seinen schlanken, athletischen Körper und wollte ihn besser kennenlernen. Verlegen, noch zögerlich, preßte sie die Hand zwischen seine Beine.

Garys Kopf zuckte zurück. Er atmete heftig ein. Seine Hand verharrte in ihrem Slip.

»Jade?«

Sie war verlegen, ließ jedoch die Hand entschlossen, wo sie war, anstatt sie zurückzuziehen. »Hmm?«

»Du mußt das nicht tun. Ich meine – ich will nicht, daß du denkst, ich würde es von dir erwarten.«

»Ich weiß. Aber ich will es.« Sie verstärkte den Druck.

Er flüsterte wieder und wieder ihren Namen, öffnete die Gürtelschnalle, den Knopf, den Reißverschluß und führte dann behutsam ihre Hand. Die Haut unter seinen Shorts war heiß. Sein Schaft war hart. Jade nahm ihn in die Hand und erschrak über seine Größe. Natürlich hatte sie ihn schon früher gespürt, doch eine unbestimmte Härte durch die Kleider an ihrem Bauch zu fühlen, war eben etwas ganz anderes, als Garys aufgerichtetes Geschlecht wirklich mit der Hand zu umfassen.

Während Gary sie leidenschaftlich küßte, erforschte sie schüchtern seine Erektion. Als sie die Hand vorsichtig auf und ab gleiten ließ, stockte Gary der Atem. Er murmelte ihren Namen und schob seinen Finger zwischen das weiche Fleisch ihrer Schamlippen.

Diese Berührung weckte ein Gefühl, das anders war als alles, was Jade bis dahin gekannt hatte. Sie hob die Hüften und reckte sich ihm entgegen. Gary wiederholte die Bewegung. Es war, als würde sie von den Sternen eines Feuerwerks berührt werden. In ihren Lenden stieg ein Prickeln auf.

»Gary?« Es war eine wundervolle Entdeckung. Jade wollte sie mit ihm teilen. »Gary?« Ihre Hand schloß sich fest um seinen Penis.

Mit einem tiefen frustrierten Seufzer löste sich Gary von ihr und setzte sich auf. Er schob ihre Hand aus seinem Schoß. »Hör lieber auf, sonst kann ich mich nicht länger beherrschen.«

»Ist mir egal«, flüsterte Jade.

»Mir aber nicht.« Er kreuzte die Arme auf dem Steuerrad und preßte die Stirn gegen die weißen Knöchel. »Jade, ich bin diesen Scheiß so furchtbar leid. Ich will es so gerne...«

Das vielversprechende Prickeln in Jades Lenden verebbte langsam, was sie bedauerte. Es war so aufregend, atemberaubend, fast beängstigend gewesen, und sie wollte wissen, wohin es führte. War das ein Orgasmus?

Doch ihre Hauptsorge galt jetzt Gary, denn sie wußte, daß er viel frustrierter war als sie. Sie kuschelte sich an ihn und streichelte ihm das Gesicht.

»Ich weiß nicht, was schlimmer ist ...« Seine Stimme klang rauh. »Dich gar nicht anzufassen oder dich bis zu dem Punkt anzufassen, an dem ich dich so sehr will, daß es weh tut.«

»Ich glaube, gar nicht anfassen wäre schlimmer. Für mich jedenfalls.«

»Ja, ich würd’s auch nicht aushalten. Aber so können wir auch nicht weitermachen.««

»Müssen wir auch nicht.«

Er hob den Kopf und sah sie an. Einen Augenblick lang forschten seine braunen Augen in ihrem Gesicht. Dann senkte er den Blick und schüttelte bedauernd den Kopf. »Das können wir nicht tun, Jade. Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Das kann ich nicht einfach so ruinieren.«

»Wieso würde Liebe es ruinieren?«

»Was ist, wenn du schwanger wirst?«

»Werde ich nicht. Nicht, wenn wir aufpassen.«

»Das ist nicht sicher. Und dann würde unsere Chance, all dem hier zu entkommen, gleich Null sein. Ich würde Sojabohnen für Ivan Patchett anpflanzen, und du müßtest in dieser verdammten Fabrik schuften. Alle würden sagen, daß ich genau so ein Idiot bin wie mein Dad, und sie hätten recht damit.«

Aufgrund der stetig steigenden Anzahl von kleinen Parkers machte in der Stadt der Witz die Runde, Garys Vater Otis wisse nicht, wann man aufhören muß. Gary zog Jade an seine Brust und stützte das Kinn auf ihren Kopf. »Wir können unsere Chance auf ein besseres Leben nicht einfach so verspielen.«

»Aber wenn wir miteinander schlafen, muß das doch nicht gleich heißen, daß unser Leben im Elend versinken wird.«

»Trotzdem macht es mir angst, das Schicksal herauszufordern. Ich fühle mich nur dann wirklich gut, wenn du bei mir bist, Jade. Den Rest der Zeit bin ich so einsam. Klingt verrückt, was? Wie kann man mit sechs jüngeren Geschwistern im Haus einsam sein? Ist aber so.

Manchmal glaube ich, ich bin ein Findelkind, ich gehöre nicht wirklich zu meinen Eltern. Mein Dad findet sich mit Feldern ab, auf denen die Saat überflutet wird und verfault, um dann seine Ernte in einer Ausbeuterstadt wie Palmetto zu verkaufen. Er haßt es, arm und dumm zu sein, aber er unternimmt von sich aus nichts dagegen. Er frißt jeden Scheiß, den ihm Ivan Patchett vor die Füße schaufelt. Und er bedankt sich auch noch dafür.

Gut, ich bin arm – aber sicher nicht dumm. Ich lasse mich nicht von den Patchetts verarschen. Ich werde bestimmt nicht wie mein Dad, der total resigniert hat, nur weil alles schon immer so war. Ich werde etwas aus meinem Leben machen.

Ich weiß, daß ich’s schaffen kann, Jade, wenn du zu mir hältst.« Er nahm ihre Hand, drückte sie an seine Lippen und ließ sie dort, als er hinzufügte: »Aber manchmal habe ich Angst, ich könnte dich enttäuschen auf dem Weg dahin.«

»Du könntest mich niemals enttäuschen.«

»Vielleicht denkst du, daß es die Mühe nicht wert ist. Vielleicht entscheidest du dich für einen, der keinen so weiten Weg zu gehen hat, der nichts beweisen muß. Einen wie Neal.«

Jade zog die Hand zurück und sah ihn mit funkelnden Augen an. »Sag so was nie wieder. Du hörst dich an wie meine Mutter, und du weißt, wie sauer ich werde, wenn sie anfängt, mein Leben für mich zu planen.«

»Vielleicht hat sie aber in manchen Dingen recht, Jade. Ein Mädchen, das so aussieht wie du, verdient einen Mann mit Geld und Ansehen, jemanden, der ihr die Welt zu Füßen legt. Genau das habe ich vor – aber was ist, wenn du die Geduld verlierst, bevor ich soweit bin?«

»Jetzt paß mal auf, Gary Parker. Ich scher’ mich einen Dreck um Ansehen. Ich will kein Luxusleben. Ich habe meinen eigenen Ehrgeiz, und meine Liebe zu dir hat damit nichts zu tun. Das Stipendium zu kriegen ist der erste Schritt von ganz vielen. Meine Herkunft ist auch nicht gerade rühmlich. Die einzige Welt, die ich zu meinen Füßen will, ist die, die ich mir selber schaffe.« Sie schlang ihm die Arme um den Hals und fügte in etwas sanfterem Ton hinzu: »Die, die wir beide uns schaffen.«

»Du bist mir schon eine ...« Gary schloß die Augen und flüsterte beschwörend: »Gott, bin ich froh, daß du mich genommen hast.«

Das Haus, das Jade mit ihrer Mutter teilte, war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden, als man dringend Unterkünfte für heimkehrende Kriegsteilnehmer benötigte. Seitdem war das Viertel sichtbar runtergekommen. Die pastellfarbenen Fassaden hatten nichts mehr von ihrem früheren Schick, sie wirkten billig und kaputt.

Das gepflegte Haus der Sperrys stellte allerdings eine Ausnahme dar. Es war klein, hatte nur zwei Schlafzimmer und ein Bad. Das Wohnzimmer war rechteckig, vor den Fenstern hingen schwere Gardinen. Es war das einzige Zimmer mit Teppich im ganzen Haus. Die Einrichtung war nicht teuer, aber blitzsauber, weil Velta Sperry jede Form von Schmutz leidenschaftlich haßte. Nicht einmal Pflanzen duldete sie in ihrem Haus, weil damit offene Töpfe voller Erde verbunden waren. Der einzige Komfort im Wohnzimmer war ein Fernseher, den Velta auf Raten bei Sears gekauft hatte.

Sie sah fern, als Jade hereinkam. Velta musterte ihre Tochter mißtrauisch. Sie suchte nach Spuren, die ihr verraten würden, daß sich Jade mit diesem Parker-Jungen eingelassen hatte. Sie konnte nichts entdecken, denn Jade war zu clever, um sich erwischen zu lassen.

Statt einer Begrüßung sagte Velta: »Kommst du schon wieder zu spät?«

»Ich bin nicht zu spät, es ist gerade mal zehn.«

»Die Kirche ist schon seit Stunden aus.«

»Wir waren noch in der Milchbar. Alle waren da.«

»Wahrscheinlich ist er wieder gerast, um rechtzeitig hier zu sein.« Velta mochte Gary nicht und vermied es, seinen Namen auszusprechen.

»Er ist nicht gerast. Gary fährt sehr vorsichtig. Das weißt du doch, Mama.«

»Widersprich mir nicht ständig.« Velta klang aufgebracht.

»Dann hör auf, Gary schlechtzumachen.«

Velta mochte Jades Freund nicht, weil – wie sie behauptete  – ihre Tochter zuviel Zeit mit ihm verbrachte, anstatt sich um Velta zu kümmern. Doch der eigentliche Grund war seine Herkunft. Er war der Sohn eines Sojabohnenfarmers. Die Parkers hatten ohnehin schon zu viele Kinder und bekamen alle zehn Monate oder so noch ein Baby.

Otis Parker war bei der Kreditunion ständig in den roten Zahlen. Velta wußte das, weil sie als Schreib- und Archivkraft im Kreditbüro arbeitete. Sie hatte für niemanden, dem es an Geld fehlte, etwas übrig.

Es würde dem Parker-Jungen ähnlich sehen, Jade zu schwängern. Sie hoffte, daß Jade schlau genug war, das zu verhindern, aber sie wußte auch, daß ihre Tochter nicht nur das gute Aussehen, sondern leider auch die romantische Ader ihres Vaters geerbt hatte.

Veltas Blick wanderte zu dem gerahmten Foto auf der Anrichte. Ronald Sperrys lachende blaue Augen, die denen von Jade so ähnelten, starrten zurück. Die Soldatenkappe saß keck auf seinen dunklen Locken. Er trug die Ehrenmedaille des Kongresses um den Hals. Weitere Auszeichnungen zierten die Brusttasche seiner Uniform, als Anerkennung für seinen mutigen Einsatz im Korea-Krieg.

Velta war sechzehn gewesen, als Palmettos große Berühmtheit heimkehrte. Die kleine Stadt hatte selten jemanden zu feiern, und so war die gesamte Bevölkerung am Bahnsteig aufmarschiert. Ein roter Teppich war für den Helden ausgerollt worden, der geradewegs aus Washington D. C. kam, wo er ausgezeichnet und bewirtet worden war. Dem Präsidenten persönlich hatte er die Hand geschüttelt.

Ronald wurde Velta auf dem Ball vorgestellt, der ihm zu Ehren in der VFW-Halle veranstaltet wurde. An diesem Abend, als sie zu Songs von Frank Sinatra und Patti Page tanzten, beschloß Velta, Ronald Sperry zu heiraten.

In den folgenden zwei Jahren verfolgte sie ihn schamlos und beharrlich, bis er schließlich um ihre Hand anhielt. Aus Furcht, irgend etwas könne dazwischenkommen, sorgte Velta dafür, daß sie schon eine Woche nach seinem Antrag verheiratet waren.

Unglücklicherweise gab es in Palmetto keine nordkoreanischen Kommunisten. Noch Jahre nach seiner triumphalen Rückkehr wußte Ronald nicht, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen sollte. Er war kein Mann mit großen Ambitionen. Obwohl er außergewöhnlich attraktiv war, dachte er nicht daran, aus der Ehrenmedaille Kapital zu schlagen. Anders als beispielsweise Audie Murphy strebte Ronald keine Filmkarriere an.

Er war als Waise und ohne einen Pfennig in der Tasche in die Armee eingetreten, nur um einen Platz zum Schlafen und etwas zu essen zu haben. Er war der ideale Soldat gewesen, weil es immer jemanden gab, der ihm sagte, was er zu tun und zu lassen hatte. Die Vorgesetzten hatten ihm befohlen, mit den Kommies kurzen Prozeß zu machen, und weil er ein ausgezeichneter Schütze war, hatte er genau das getan. Eines Nachmittags löschte er zweiundzwanzig Koreaner aus; er dachte dabei nicht im mindesten daran, dafür einen Orden zu erhalten.

Er war sehr beliebt. Er besaß Charisma und eine Art, von der sich die Menschen automatisch angezogen fühlten. Alle mochten Ron Sperry. Allerdings – mit den Kumpeln rumzuhängen und amüsante Anekdoten in der Billardhalle auszutauschen brachte nichts ein, und so ließ er sich von einem zukunftslosen Job zum nächsten treiben.

Jedesmal, wenn er eine Stelle antrat, schöpfte Velta neuen Mut. Dieser Job würde sie sicher endlich reich machen. Aber die Ehrenmedaille garantierte ihnen nur Respekt und brachte nie den Reichtum und das Ansehen, nach dem Velta sich sehnte. Selbst eine Ehrenmedaille reichte nicht, um sich in der Südstaaten-Society zu etablieren, wenn man keinen mächtigen Großvater und kein damit einhergehendes Familienerbe vorweisen konnte.

Velta war das vierte von elf Kindern. Ihr Vater war Farmpächter, bis er eines Tages hinter seinem Pflug tot zusammenbrach. Er hinterließ seine Frau mit einer Schar von Kindern, die noch nicht verheiratet waren. Von da an war die Familie auf die Almosen anderer angewiesen.

Doch mehr noch als Armut und Hunger fürchtete Velta Spott. Als Rons Heiligenschein allmählich verblaßte, mutmaßte sie, daß die Leute sich hinter ihrem Rücken lustig machten. Immer wieder warf sie Ron vor, ihre Chance zu verspielen. Sie versuchte es mit Drohungen und Schmeicheleien, doch ihm fehlte ganz einfach der Ehrgeiz zum Geldverdienen. Daß er sich zum Militär zurückmeldete, ließ Velta nicht zu. Es wäre zu erniedrigend, eine Bankrotterklärung, sagte sie damals.

Am Ende ihrer Weisheit angelangt, beschloß sie, ihn zu verlassen, doch dann wurde sie, nach sechs Jahren kinderloser Ehe, überraschend schwanger. Sie klammerte sich an die Hoffnung, das Baby würde ihrem Ehemann den entscheidenden Anstoß geben, an seinen Ruhm als Soldat anzuknüpfen, doch als Jade schließlich da war, war es Velta, die in Ivan Patchetts Fabrik arbeiten ging.

Die letzten zehn Jahre in Rons Biographie bestanden hauptsächlich aus unzähligen Jobs, aus großen Träumen, die niemals wahr wurden, und Versprechen, die in immer größeren Mengen Alkohol ertränkt wurden.

Eines Tages, als Velta bei der Arbeit und Jade in der Schule war, starb er, während er sein Gewehr reinigte. Jedenfalls schrieb Sheriff Jolly das barmherzigerweise auf den Totenschein. Der örtliche Verband der Kriegsveteranen bezahlte die Überführung zum Arlington National Friedhof, damit Velta und Jade Ronald Sperry ein Heldenbegräbnis ausrichten konnten.

Als sie jetzt sein Foto betrachtete, empfand Velta nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm. Sicher, Ron war bis zu dem Tag, an dem er starb, gutaussehend, leidenschaftlich und fabelhaft gewesen – aber was hatte ihr das genutzt?

Jade jedoch vermißte ihn bis heute. Velta nahm ihrer Tochter übel, daß sie ihren Vater derart verherrlichte. Schon damals, als er noch lebte, war sie auf die gegenseitige, blinde Bewunderung der beiden eifersüchtig gewesen.

Oft hatte er Jade auf den Schoß genommen und gesagt: »Dir wird es einmal gutgehen. Du hast mein Aussehen und das Rückgrat deiner Mutter geerbt. Du darfst nur niemals Angst haben, dann wird schon alles gutgehen.«

Jade sollte es mehr als gutgehen. Wenn es nach Velta ging, würde ihre Tochter einmal eine viel bessere Partie machen als sie selbst.

»Neal Patchett hat vor einer Weile angerufen«, sagte sie, und zum erstenmal, seitdem Jade nach Hause gekommen war, lächelte sie. »Er ist wirklich ein kleiner Charmeur.«

»Er ist ein Schleimer.«

Velta war von Jades barscher Reaktion überrascht. »Es ist häßlich, so etwas zu sagen.«

»Neal ist häßlich.«

»Häßlich? So? Dutzende von Mädchen auf der High School würden einen Arm dafür geben, daß er sie anruft.«

»Dann sollen sie ihn doch haben.«

»Ich finde, du könntest ihn um diese Zeit durchaus noch zurückrufen.«

Jade schüttelte den Kopf. »Ich muß bis morgen noch ein Kapitel im Geschichtsbuch lesen.«

»Jade«, rief Velta mahnend ihrer Tochter nach, die sich anschickte, auf ihr Zimmer zu gehen. »Es ist unhöflich, einen Anruf unbeantwortet zu lassen, besonders wenn es sich um jemanden wie Neal Patchett handelt.«

»Ich will aber nicht mit Neal sprechen, Mama.«

»Aber mit dem Parker-Jungen kannst du stundenlang am Telefon quatschen, wie?«

Jade biß sich auf die Lippe. Nach einer Weile antwortete sie ganz ruhig: »Ich muß noch lernen. Gute Nacht.«

Velta schaltete den Fernseher aus, folgte ihrer Tochter und schlüpfte durch die Tür, bevor Jade sie schließen konnte. »Du lernst viel zuviel. Das ist nicht normal.«

Jade zog Rock und Pullover aus und hängte beides sorgsam in den schmalen Schrank. »Ich muß schließlich meinen guten Notendurchschnitt halten, wenn ich das Stipendium bekommen will.«

»Das Stipendium«, zischte Velta. »Kannst du an nichts anderes mehr denken?«

»Nein. Denn nur so kann ich mir das College leisten.«

»Wenn du mich fragst, ist das sowieso die reinste Zeitverschwendung für ein Mädchen wie dich.«

Jade drehte sich um und sah ihrer Mutter in die Augen. »Mama ... nicht schon wieder. Ich werde aufs College gehen. Ob du es willst oder nicht.«

»Es geht nicht darum, ob ich es will. Ich glaub’ einfach nicht, daß es sein muß.«

»Muß es aber, wenn ich einmal Karriere machen will.«

»Du wirst nur viel Geld und Zeit verschwenden, um dann sowieso zu heiraten.«

»Heutzutage kann man als Frau beides haben.«

Velta durchquerte das Zimmer, nahm Jades Kinn, hob es hoch und verzog angewidert die Miene, als sie einen Knutschfleck entdeckte. »Weißt du nicht, daß dich kein anständiger Mann mehr nehmen wird, wenn du dir von diesem Parker-Jungen ein Kind anhängen läßt?«

»Gary wird mir kein Kind anhängen. Außerdem ist er der anständigste Mensch, den ich kenne. Ich werde Gary heiraten, Mama.«

»Jade, Jungen versprechen Mädchen das Blaue vom Himmel, nur um sie ins Bett zu kriegen. Wenn du dich an diesen Jungen verschenkst, wird dich kein anderer mehr wollen.«

Jade ließ sich auf die Bettkante sinken und schüttelte traurig den Kopf. »Mama, ich habe mich bisher an niemanden verschenkt. Und wenn ich es tue, dann wird Gary derjenige sein, weil wir uns lieben.«

Velta schnaubte verächtlich. »Was weißt du schon von Liebe? Du bist noch viel zu jung.«

Jades Augen verfärbten sich dunkelblau, ein Zeichen, daß sie wütend wurde. »Wenn Neal Patchett mein Freund wäre, würdest du doch ganz anders reden. Du würdest mich drängen, ihn mit allen Mitteln festzunageln – selbst mit Sex.«

»Zumindest wärst du jemand in dieser Stadt, wenn du ihn heiratest.«

»Ich bin jemand!«

Velta stemmte die Hände in die Hüften. »Du bist genau wie dein Vater – nur Flausen im Kopf. Eine echte Idealistin.«

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Breath of Scandal« bei Warner Books, New York.

6. Auflage Taschenbuchausgabe Mai 2005, bei Blanvalet Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Originalausgabe 1991 by Sandra Brown

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