Kein Alibi - Sandra Brown - E-Book

Kein Alibi E-Book

Sandra Brown

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Beschreibung

Die Leidenschaft verbindet sie – und könnte sie für immer voneinander trennen ... der prickelnde Thriller von Bestsellerautorin Sandra Brown!

Als Hammond Cross die schöne Fremde wieder trifft, ist er der ermittelnde Staatsanwalt und sie des Mordes angeklagt. Doch sie hat ein Alibi: ihn! Die Nacht, in der der millionenschwere Immobilienmakler Lute Pettijohn ermordet wurde, verbrachte die Psychologin Alex Ladd in Hammonds Armen. Verstrickt in einem Labyrinth aus Lug und Trug und bedroht durch die Wahrheit, haben beide gute Gründe zu schweigen. Hammond Cross sieht nur eine Chance, sich und Alex zu retten: Er muss den wahren Mörder finden ...

Spannung, Leidenschaft und unvergessliche Charaktere: Lesen Sie auch die anderen Romane von Sandra Brown (Auswahl):

Dein Tod ist nah

Verhängnisvolle Nähe

Sein eisiges Herz

Stachel im Herzen

Tödliche Sehnsucht

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Buch

Aus einer plötzlichen Laune heraus macht der junge aufstrebende Staatsanwalt Hammond Cross bei einem ländlichen Jahrmarkt halt, wo ihn eine schöne Unbekannte auf den ersten Blick fasziniert. Der Zufall fuhrt sie zusammen, und Hammond und die Fremde verbringen einen traumhaften Abend und eine wunderschöne Nacht. Ihren Namen allerdings verrät die Unbekannte nicht, und am nächsten Morgen ist sie spurlos verschwunden.

Genau in jener Nacht wird der millionenschwere Immobilienmakler Lute Pettijohn in seiner Hotelsuite in Charleston erschossen. Es ist kein Geheimnis, das Pettijohn mehr Feinde als Freunde in der Stadt besaß, und so war zu erwarten, dass an möglichen Motiven und Tätern kein Mangel herrschen würde. Aber mit einem hat Hammond Cross, der als Staatsanwalt in diesem heiklen Fall ermittelt, wirklich nicht gerechnet. Überraschend schnell steht eine eindeutig identifizierte Haupttatverdächtige fest: Es ist seine undurchsichtige Zufallsbekanntschaft, die Psychologin Dr. Alex Ladd. Während sich die Verantwortlichen über die schnelle Aufklärung des Falles freuen, wissen zwei Personen jedoch sehr genau, dass Alex Ladd ein bombensicheres Alibi hat. Beide aber haben sie gute Gründe zu schweigen. Bedroht durch eine Wahrheit, die ebenso hässlich ist wie die Lüge, hat Hammond Cross nur eine Chance, Alex – und sich selbst – zu retten: Er muss den wahren Mörder finden.

Autorin

Sandra Brown ist ein wahres Multitalent. Sie arbeitete mit großem Erfolg als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie 1990 mit ihrem Roman »Trügerischer Spiegel« auf Anhieb einen internationalen Erfolg landete. Jedes ihrer Bücher stand seitdem monatelang auf den Spitzenplätzen der Bestsellerlisten. Sandra Brown lebt mit ihrer Familie abwechselnd in Texas und South Carolina.

Von Sandra Brown ist bereits erschienen

Celinas Tochter ⋅ Die Zeugin ⋅ Blindes Vertrauen

Scharade ⋅ Verliebt in einen Fremden

Sündige Seite ⋅ Envy - Neid ⋅ Crush - Gier

Nachtglut ⋅ Kein Alibi ⋅ Betrogen ⋅ Schöne Lügen

Nacht ohne Ende ⋅ Schöne Lügen ⋅ Ein Hauch von Skandal

Trügerischer Spiegel ⋅ Im Haus meines Feindes

Ein Kuss für die Ewigkeit ⋅ Wie ein Ruf in der Stille

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinVon Sandra Brown ist bereits erschienenSAMSTAG
PrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3
Copyright

SAMSTAG

Prolog

Der Schrei zerriss die vollklimatisierte Stille des Hotelflurs.

Erst vor wenigen Sekunden hatte das Zimmermädchen die Suite betreten, nun taumelte es kreischend aus dem Raum und hämmerte schluchzend an die Türen anderer Hotelzimmer. Später sollte ihr diese »Überreaktion« eine Rüge der Hausdame einbringen, aber in diesem Augenblick saß ihr die Hysterie im Nacken.

Unglücklicherweise hielten sich an jenem Nachmittag nur wenige Gäste in ihren Zimmern auf. Die meisten genossen draußen den einzigartigen Charme von Charlestons historischem Viertel. Endlich gelang es ihr doch noch, einen Gast aufzutreiben, einen Mann aus Michigan, der eine kurze Ruhepause in seinem Zimmer einlegte. Die ungewohnte Hitze hatte ihn geschafft.

Trotz seiner Benommenheit angesichts der abrupten Störung war ihm sofort klar, dass nur eine größere Katastrophe die enorme Panik des Zimmermädchens ausgelöst haben konnte. Noch ehe er sich aus ihrem Gestammel einen Reim machen konnte, rief er beim Concierge an und alarmierte das Hotelpersonal über einen Notfall im obersten Stockwerk.

Zwei Charlestoner Polizisten, zu deren Revier das neu eröffnete Charles Towne Plaza gehörte, reagierten sofort auf den Anruf. Ein nervöser Angestellter des hoteleigenen Sicherheitsdienstes brachte sie zu jener Penthouse-Suite, die das Zimmermädchen für einen frühen Abendservice betreten hatte, um augenblicklich herauszufinden, dass ihre Dienste nicht mehr gebraucht würden. Der Gast lag der Länge nach auf dem Salonboden  – tot.

Der Polizist kniete sich neben die Leiche. »Heiliger … das sieht ganz nach –«

»Richtig, das ist er«, sagte sein Kollege genauso ehrfurchtsvoll. »Das wird ’nen ordentlichen Wirbel geben, stimmt’s?«

1

Er bemerkte sie im selben Moment, in dem sie den Pavillon betrat.

Selbst aus einer Menge Frauen, die fast ausschließlich knappe Sommerkleidung trugen, stach sie klar heraus. Überraschenderweise war sie allein.

Als sie innehielt, um sich zu orientieren, blieb ihr Blick kurz am Podium hängen, wo sich die Band abmühte, ehe sie zur Tanzfläche und anschließend zu der kunterbunten Ansammlung von Stühlen und Tischen ringsherum weiterwanderte. Nachdem sie einen freien Tisch entdeckt hatte, steuerte sie darauf zu und setzte sich.

Der Pavillon war ein Rundbau von ungefähr dreißig Metern Durchmesser. Obwohl es sich um eine offene Konstruktion mit konischem Dach handelte, von dessen Unterseite weiße Lichterketten baumelten, staute sich unter der schrägen Decke der Schall zu einer unerträglichen Lärmkulisse.

Ihren Mangel an musikalischem Talent machte die Band durch Lautstärke wett. Offensichtlich glaubten die Musiker, ihre verpatzten Noten hinter steigenden Dezibelwerten besser verstecken zu können. Trotzdem musste man ihnen derben Enthusiasmus und Mut zur Selbstdarstellung zugestehen. Gitarrist und Keyboarder schienen die Töne buchstäblich aus ihren Instrumenten zu dreschen. Der geflochtene Bart des Mundharmonikaspielers hüpfte bei jedem Ruck seines Kopfes. Während der Geiger mit dem Bogen über die Saiten sägte, tanzte er dazu so schwungvoll, dass man seine gelben Cowboystiefel sah. Der Schlagzeuger beherrschte offensichtlich nur einen einzigen Rhythmus, aber dem widmete er sich hingebungsvoll.

Anscheinend störte sich die Menge nicht an der Katzenmusik, genauso wenig wie Hammond Cross. Ironischerweise wirkte der Krach des Jahrmarkts irgendwie beruhigend. Er nahm den Lärm in sich auf: die Juchzer aus der Budengasse, die Pfiffe johlender Halbstarker oben im Riesenrad, das Geplärr müder Babys, scheppernde Glocken, Pfeifengejaule und Hörnerquäken – jeden Schrei, jedes Lachen, das zu einem Volksfest gehört.

Der Besuch eines Jahrmarkts hatte nicht in seinem Terminkalender gestanden. Obwohl dafür wahrscheinlich schon früh in der Lokalzeitung und im Fernsehen Werbung gemacht worden war, war es ihm nicht aufgefallen.

Er war ganz zufällig hierher geraten, auf dieses Gelände ungefähr eine halbe Stunde außerhalb von Charleston. Was ihn zum Anhalten getrieben hatte, war ihm schleierhaft, da er gewiss nicht zu denen gehörte, die begeistert Volksfeste besuchten. Seine Eltern hatten ihn garantiert nie auf eines mitgenommen. Derartige Volksbelustigungen hatten sie unter allen Umständen gemieden. Das war nicht ihre Welt, nicht ihresgleichen.

Auch Hammond hätte dieses Fest normalerweise gemieden, nicht weil er ein Snob war, sondern weil er wegen seiner langen Arbeitszeiten mit seiner Freizeit geizte und seinen Zeitvertreib sehr bewusst wählte: eine Runde Golf, ein paar Stunden Angeln, ein gemütliches Abendessen in einem guten Restaurant. Aber ein Jahrmarkt? So etwas gehörte nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen.

Aber an diesem besonderen Nachmittag kamen ihm die Menschenmenge und der Lärm gerade recht. Allein hätte er nur über seinen Problemen gebrütet und sich in eine bedrückte Stimmung hineingesteigert. Wer brauchte schon so etwas an einem der wenigen Wochenenden, die noch vom Sommer übrig waren?

Auf der Autobahn hatte er gezwungenermaßen auf Kriechtempo abbremsen müssen und war dabei in eine Fahrzeugschlange geraten, die sich zentimeterweise auf einen Behelfsparkplatz zuschob. Eigentlich handelte es sich um eine Kuhweide, die ein geschäftstüchtiger Farmer in einen Parkplatz verwandelt hatte. Und so war auch er brav zwischen den anderen Autos, Vans und Geländewagen geblieben.

Er zahlte dem Tabak kauenden jungen Mann, der für den Farmer abkassierte, zwei Dollar und hatte das Glück, für sein Auto einen schattigen Platz unter einem Baum zu finden. Vor dem Aussteigen zog er Anzugjacke und Krawatte aus und rollte seine Hemdsärmel hoch. Während er sich vorsichtig einen Weg zwischen den Kuhfladen bahnte, hätte er liebend gerne Anzughose und Halbschuhe gegen Jeans und Stiefel eingetauscht. Aber auch so spürte er, wie sich seine Laune zusehends besserte. Hier kannte ihn niemand. Wenn er nicht wollte, musste er mit keinem reden. Hier war er zu nichts verpflichtet, musste an keinen Konferenzen teilnehmen oder irgendwelche Telefonanrufe beantworten. Hier draußen war er weder Geschäftsmann noch Kollege und schon gar nicht Sohn. Allmählich schwanden Anspannung, Ärger und die Last der Verantwortung. Das Gefühl von Freiheit wirkte berauschend.

Der Jahrmarktsplatz war mit einem Plastikseil abgeteilt, an dem bunte Wimpel reglos in der Hitze hingen. In der lastenden Schwüle duftete es verführerisch nach sämtlichen ungesunden Leckereien. Aus der Entfernung hörte sich die Musik nur halb so schlimm an. Sofort war Hammond froh, dass er angehalten hatte. Das brauchte er – diese Isolation.

Trotz der vielen Menschen, die sich durch das Drehkreuz zwängten, war er in einem höchst realen Sinne isoliert. Mit einem Mal schien es die bessere Wahl zu sein, in einer großen lärmenden Menschenmenge unterzugehen, als einen einsamen Abend in seinem Blockhaus zu verbringen, so wie er es ursprünglich geplant hatte.

Die Band hatte zwei Songs gespielt, seit die Frau mit den rotbraunen Haaren auf der ihm entgegengesetzten Pavillonseite Platz genommen hatte. Hammond hatte sie unaufhörlich beobachtet und seine Vermutungen angestellt. Höchstwahrscheinlich erwartete sie jemanden, vermutlich einen Ehemann mit einer Reihe Kinder. Sie wirkte ein wenig jünger als er, vielleicht Anfang dreißig. Genau das richtige Alter für ein Mitglied des Festausschusses, die Mutter eines Jungpfadfinders, eine Vertreterin des Elternbeirats. Eine jener Hausfrauen, deren einzige Sorge der Auffrischung von Diphtherie- und Tetanusimpfungen, Zahnspangen und dem strahlendsten Weiß und den buntesten Farben ihrer Wäsche galten. Obwohl seine gesammelten Kenntnisse dieses Frauentyps aus der Fernsehwerbung stammten, schien sie dem Durchschnittsbild zu entsprechen.

Mit einer Ausnahme: Sie war ein bisschen zu… zu… nervös. Sie wirkte nicht wie eine Mutter mit kleinen Kindern, die ein paar Minuten Atempause genoss, während Daddy mit den Kids eine Runde Karussell fuhr. Sie hatte nicht die kühl-kompetente Ausstrahlung der Frauen aus seinem Bekanntenkreis, der Mitglieder in Frauenverbänden und anderen wohltätigen Vereinen, die sich zum Lunch trafen und für ihre Kinder Geburtstagspartys und Dinner für die Geschäftsfreunde ihrer Männer ausrichteten, die zwischen Aerobicstunden und Bibelkreisen ein- bis zweimal pro Woche in ihren schicken Clubs Golf oder Tennis spielten.

Andererseits hatte sie auch nicht den weichen reifen Körper einer Frau, die zwei oder drei Nachkommen geboren hatte. Ihre Figur war straff und sportlich. Sie hatte schöne – nein, tolle – Beine, straff, schlank und sonnengebräunt, die durch einen kurzen Rock und hochhackige Sandalen noch betont wurden. Ihr ärmelloses Top hatte einen spitzen Ausschnitt wie ein Pullunder, darüber trug sie eine passende Strickjacke lässig um den Hals gebunden, die sie inzwischen ausgezogen hatte. Ihre Kleidung strahlte einen subtilen Chic aus, der das meiste ausstach, was die Shorts-und-Turnschuh-Truppe hier vor Ort trug.

In ihre Handtasche, die auf dem Tisch lag, passten bestimmt nur Schlüsselbund, Taschentuch und vielleicht noch ein Lippenstift, sie hatte aber nie und nimmer das Fassungsvermögen jener Schulterbeutel junger Mütter voll gestopft mit Mineralwasserflaschen, feuchten Tüchern, Bio-Riegeln und anderen Dingen, mit denen man notfalls tagelang in der Wildnis überleben konnte.

Hammond hatte einen analytischen Verstand. Deduktives logisches Denken war seine Stärke. Deshalb kam er zu dem für ihn höchstwahrscheinlichen Schluss, dass diese Frau keine Mutter war.

Was nicht heißen sollte, dass sie nicht verheiratet oder sonst wie gebunden sein konnte und nur darauf wartete, eine für sie wichtige männliche Person zu treffen, egal, um wen es sich dabei handelte oder wie ihre Beziehung aussah. Diese Frau widmete sich vielleicht ganz ihrer Karriere und brachte in der Geschäftswelt wichtige Dinge ins Rollen: als erfolgreiche Vertreterin, als Geschäftsfrau mit Köpfchen, als Börsen- oder Kreditmaklerin.

Während Hammond an seinem Bier nippte, das in der Hitze allmählich schal wurde, starrte er sie weiter interessiert an.

Bis er plötzlich bemerkte, wie er seinerseits angestarrt wurde.

Als sich ihre Blicke trafen, machte sein Herz einen Satz. Vielleicht weil er sich genierte, ertappt worden zu sein. Trotzdem schaute er nicht weg. Mehrere Sekunden hielten sie den Blickkontakt trotz der Tänzer aufrecht, die sich zwischen ihnen bewegten und immer wieder die Sicht versperrten.

Dann wandte sie sich abrupt ab, als ob sie sich schämte, gerade ihn in der Menge ausgesucht zu haben, und sich ärgerte, auf einen banalen Blickkontakt wie ein junges Mädchen reagiert zu haben. Hammond überließ seinen Tisch zwei Pärchen, die schon längere Zeit in der Nähe herumgestanden und auf den nächsten freien Platz gewartet hatten, und bahnte sich einen Weg durchs dichte Gewühl zu der provisorischen Bar, die man während des Volksfests für die durstigen Tänzer aufgebaut hatte.

Sie war ein beliebter Aufenthaltsort. An der Theke standen in Dreierreihen Soldaten von den verschiedenen Militärstützpunkten der Gegend. Auch ohne Uniform konnte man sie an ihren kurz geschorenen Köpfen erkennen. Sie tranken, musterten die Mädchen, wägten ihre Chancen auf einen Treffer ab, wetteten, wer zum Zuge kommen würde und wer nicht, und übten sich in der Kunst, der Erste zu sein.

Obwohl die Barkeeper das Bier so schnell wie möglich verteilten, konnten sie mit der Nachfrage nicht Schritt halten. Nachdem Hammond mehrmals versucht hatte, auf sich aufmerksam zu machen, gab er schließlich auf und beschloss, mit der nächsten Bestellung zu warten, bis sich die Reihen gelichtet hatten.

Da er annahm, inzwischen weniger pathetisch zu wirken als vorher allein an seinem Tisch, schaute er verstohlen über die Tanzfläche zu ihr hinüber. Seine gute Laune verschlechterte sich drastisch. Inzwischen hatten drei Männer die freien Stühle an ihrem Tisch besetzt. Ein breitschultriger Kerl verdeckte sie sogar völlig vor Hammonds Blicken. Obwohl das Trio keine Uniform trug, hielt er sie wegen ihres extrem kurzen Haarschnitts und ihrer großspurigen Art für Marines.

Nun ja, es überraschte ihn nicht. Enttäuscht war er, aber nicht überrascht.

Sie sah zu gut aus, um an einem Samstagabend allein zu bleiben. Sie hatte sich also nur die Zeit vertrieben, bis ihr Freund auftauchte.

Und selbst wenn sie allein dort war, wäre sie nicht lange ohne Partner geblieben, nicht auf einer Fleischbeschau wie dieser. Ein ungebundener Soldat mit Wochenendausgang hatte den zielstrebigen Instinkt eines Hais. Er kannte nur ein Ziel: sich für den Abend weibliche Gesellschaft zu verschaffen. Und dieses Exemplar Frau hätte selbst ungewollt Aufmerksamkeit erregt.

Nicht dass er daran gedacht hätte, sie kennen zu lernen, redete sich Hammond ein. Dazu war er schon zu alt. Er würde doch nicht wieder eine Schuljungenmentalität an den Tag legen, das könnte doch wohl nicht sein. Außerdem gehörte sich das nicht, oder? Er war zwar nicht direkt gebunden, aber ganz frei war er auch nicht.

Plötzlich stand sie auf, packte ihre Jacke, schob den Riemen ihrer kleinen Tasche über die Schulter und wandte sich zum Gehen. Sofort sprangen die drei Männer, die bei ihr gesessen hatten, hoch und umringten sie. Einer von der offensichtlich hartnäckigen Sorte legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sein Gesicht tief zu ihr hinunter. Hammond konnte sehen, wie er die Lippen bewegte. Seine Begleiter lachten schallend über seine Bemerkung.

Sie fand das nicht komisch, sondern drehte den Kopf weg. Auf Hammond wirkte es, als versuche sie, sich aus einer misslichen Situation zu befreien, ohne Aufsehen zu erregen. Sie löste den Arm des Soldaten von ihrem Hals und sagte etwas mit einem verkrampften Lächeln, ehe sie sich erneut zum Gehen wandte. Der Verschmähte wollte sich unter den Sticheleien seiner beiden Freunde nicht abweisen lassen und ging ihr nach. Als er ihren Arm packte und sie erneut herumzog, handelte Hammond.

Später erinnerte er sich nicht mehr daran, wie er über die Tanzfläche gelangt war, obwohl er sich buchstäblich einen Weg durch die Pärchen hatte bahnen müssen, die in langsamem Rhythmus vor sich hinschaukelten. Innerhalb von Sekunden griff er zwischen die beiden muskelbepackten Marines mit den Waschbrettbäuchen, schubste den hartnäckigen Kerl beiseite, und hörte sich sagen: »Tut mir Leid, Schatz. Ich bin Norm Blanchard in die Arme gelaufen; du weißt schon, der wie ein Maschinengewehr redet. Komm, sie spielen gerade unser Lied.«

Damit legte er ihr den Arm um die Taille und zog sie mit sich auf die Tanzfläche.

»Haben Sie meine Anweisungen verstanden?«

»Jawohl, Sir, Detective. Keiner darf rein, keiner raus. Wir haben alle Ausgänge abgesperrt.«

»Das heißt alle, ohne Ausnahme.«

»Jawohl, Sir.«

Nachdem Detective Rory Smilow seinen Befehlen Nachdruck verliehen hatte, nickte er dem uniformierten Polizisten zu und betrat das Charles Towne Plaza durch den Haupteingang. Zahlreiche Designmagazine hatten den Treppenaufgang als architektonischen Triumph gefeiert, der inzwischen bereits zum Wahrzeichen des Neubaus geworden war. Wie der Inbegriff südstaatlicher Gastlichkeit erhob sich aus der Eingangshalle eine breite Doppeltreppe. Beide Aufgänge schienen den mächtigen Kristalllüster zu umarmen, ehe sie sich in zwölf Meter Höhe über der Halle zur Galerie im ersten Stock vereinigten.

Auf beiden Ebenen mischten sich Polizisten unter Hotelgäste und Angestellte, die inzwischen alle wussten, dass im fünften Stock offensichtlich ein Mord geschehen war.

Nur ein Todesopfer kreiert eine derart erwartungsvolle Atmosphäre, dachte Smilow, während er prüfend die Szene musterte. Schwitzende Touristen mit Sonnenbrand und Kameras im Schlepptau liefen herum, stellten jeder Autoritätsperson Fragen, unterhielten sich mit ihresgleichen und spekulierten über die Identität des Opfers und den Grund für den Mord.

Smilow war in seinem Maßanzug samt Hemd mit Doppelmanschette viel zu elegant angezogen. Trotz der drückenden Hitze draußen wirkte seine Kleidung frisch und trocken, ohne einen Hauch von Feuchtigkeit. Einmal hatte ein irritierter Untergebener leise nachgefragt, ob Smilow je schwitze. »Blödsinn, nein«, hatte ein Kollege geantwortet. »Weiß doch jeder, dass Aliens keine Schweißdrüsen haben.«

Zielstrebig steuerte Smilow die Aufzugreihe an. Offensichtlich hatte der Polizist, mit dem er am Eingang gesprochen hatte, sein Kommen einem Kollegen angekündigt, der im Aufzug stand und die Tür für ihn offen hielt. Smilow beachtete die höfliche Geste nicht, sondern trat hinein.

»Hält der Glanz noch, Mr. Smilow?« Smilow drehte sich um. »O ja, Smitty, danke.«

Der Mann, von dem alle nur den Vornamen kannten, betrieb in einer Nische neben der Hotelhalle drei Schuhputzstände. Jahrzehntelang war er in einem anderen Hotel im Stadtzentrum Teil des festen Inventars gewesen. Erst vor kurzem hatte man ihn ins Charles Towne Plaza gelockt, wohin ihm seine Kundschaft gefolgt war. Selbst von Leuten, die nicht in der Stadt heimisch waren, bekam Smitty exzellente Trinkgelder, weil er besser als der Empfangschef wusste, was wo los war und wo man alles, wonach man in Charleston suchte, finden konnte.

Rory gehörte zu den regelmäßigen Kunden von Smitty. Normalerweise wäre er auf ein paar freundliche Worte stehen geblieben, aber heute hatte er es eilig. Jede Verzögerung war ihm zuwider, deshalb meinte er nur knapp: »Bis später, Smitty.« Und schon glitten die Aufzugtüren zu.

Stumm fuhr er mit dem uniformierten Polizisten in den obersten Stock. Smilow pflegte nie freundschaftlichen Umgang mit Kollegen, nicht einmal mit gleichrangigen, geschweige denn mit Untergebenen. Nie fing er von sich aus ein Gespräch an, es sei denn, es handelte sich um einen seiner aktuellen Fälle. Alle aus seinem Ressort, die in einem Anfall von Wagemut versuchten, mit ihm zu plaudern, stellten bald fest, dass sie nicht weit kamen. Sein Verhalten ermutigte nicht zu Kameradschaft, und sein tadelloses Äußeres tat ein Übriges; im täglichen Umgang wirkte es wie Stacheldraht.

Als sich die Aufzugtüren im fünften Stock öffneten, verspürte Smilow eine vertraute Erregung. Er hatte schon zahllose Mordschauplätze gesehen, manche eher langweilig und unspektakulär, andere äußerst grausig. Einige waren rasch vergessene Routine, an andere würde er ewig denken. Entweder wegen der Phantasie des Killers, wegen der seltsamen Umstände, unter denen man die Leiche entdeckt hatte, wegen der bizarren Tötungsmethode und der außergewöhnlichen Waffe oder wegen des Alters und der Verhältnisse des Opfers.

Trotzdem löste bei ihm jeder erste Schritt an den Ort eines Verbrechens unweigerlich einen Adrenalinstoß aus, dessen er sich ganz und gar nicht schämte. Genau zu dieser Arbeit war er geboren, er genoss sie in vollen Zügen.

Als er aus dem Aufzug trat, erstarb das Gespräch zwischen den Zivilbeamten im Flur. Aus Respekt oder aus Angst traten sie beiseite, während er auf die offene Tür jener Hotelsuite zuschritt, in der heute ein Mann gestorben war.

Er notierte sich die Zimmernummer, ehe er hineinspähte. Erleichtert stellte er fest, dass bereits sieben Beamte von der Spurensicherung vor Ort waren und ihren unterschiedlichen Aufgaben nachgingen.

Da sie ihren Job gründlich erledigten, wandte er sich zufrieden an die drei Kriminalbeamten, die von der Mordkommission geschickt worden waren. Einer hatte eine Zigarette geraucht, die er nun hastig in einem Aschenbecher ausdrückte. Smilow belohnte ihn mit einem kalten starren Blick. »Collins, hoffentlich enthielt dieser Sand kein Beweismaterial.«

Wie ein Drittklässler, der einen Tadel kassiert, weil er sich nach der Toilette nicht die Hände gewaschen hat, stopfte der Kriminalbeamte die Hände in die Hosentaschen.

»Passen Sie auf«, sagte Smilow zur ganzen Gruppe gewandt. Er wurde nie laut, das hatte er nicht nötig. »Ich werde keinen einzigen Fehler tolerieren. Sollte an diesem Schauplatz irgendetwas durcheinander kommen, sollte es auch nur minimale Abweichungen von der üblichen Prozedur geben, sollte durch irgendeine Nachlässigkeit auch nur der Hauch eines Beweisstücks übersehen oder gefährdet werden, mache ich aus dem Schuldigen Hackfleisch. Persönlich.«

Er schaute jedem einzeln in die Augen, dann fuhr er fort: »Okay, an die Arbeit.« Während sie hintereinander den Raum betraten, zogen sie Gummihandschuhe über. Jeder hatte seine spezielle Aufgabe, die er nun vorsichtig in Angriff nahm und dabei nichts berührte, was er nicht sollte.

Smilow trat auf die beiden Polizisten zu, die als Erste am Schauplatz gewesen waren, und fragte sie rundheraus: »Haben Sie ihn angefasst?«

»Nein, Sir.«

»Etwas anderes?«

»Nein, Sir.«

»Den Türknauf?«

»Als wir herkamen, stand die Tür offen. Das Zimmermädchen, das ihn gefunden hat, hat sie offen gelassen. Möglicherweise hat ihn der Mann vom Hotelsicherheitsdienst angefasst. Auf unsere Frage meinte er nein, aber…« Er hob die Schultern.

»Telefon?«, fragte Smilow.

»Nein, Sir, ich habe ja mein Handy dabei. Aber der Wachmann könnte es benutzt haben, bevor wir hier waren.«

»Mit wem haben Sie bisher gesprochen?«

»Nur mit ihm. Er hat uns angerufen.«

»Und was hat er gesagt?«

»Dass ein Zimmermädchen die Leiche gefunden hat.« Er deutete auf den Toten. »Genau so, mit dem Gesicht nach unten, zwei Schusswunden im Rücken, neben dem linken Schulterblatt.«

»Haben Sie das Zimmermädchen befragt?«

»Versucht, aber sie ist kaum ansprechbar; wir haben nicht viel aus ihr herausbekommen. Außerdem ist sie Ausländerin. Keine Ahnung, woher sie kommt«, antwortete der Polizist, als Smilow fragend die Augenbraue hochzog. »Aus dem Akzent kann ich’s nicht erkennen. Sie sagt nur immer wieder ›Toter Mann‹ und heult in ihr Taschentuch. Ist verrückt vor Angst.«

»Haben Sie den Puls geprüft?«

Der Polizist schielte zu seinem Kollegen hinüber, der nun zum ersten Mal den Mund aufmachte: »Das war ich. Nur um sicherzugehen, dass er tot ist.«

»Also haben Sie ihn doch angefasst.«

»Na ja, aber nur dafür.«

»Ich nehme an, dass Sie keinen gespürt haben.«

»Puls?« Der Polizist schüttelte den Kopf. »Nein, er war tot. Kein Zweifel.«

Bis zu diesem Punkt hatte Smilow den Körper ignoriert, jetzt ging er darauf zu. »Hat einer was vom Gerichtsmediziner gehört?«

»Schon unterwegs.«

Smilow registrierte die Antwort, obwohl er intensiv den Toten musterte. Bis er es nicht mit eigenen Augen sah, hatte er nicht glauben können, dass es sich bei dem Mordopfer um keinen Geringeren als Lute Pettijohn handelte, eine stadtbekannte angesehene Persönlichkeit. Pettijohn war unter anderem Vorstandsvorsitzender jenes Baukonzerns, der das verwahrloste Baumwolllagerhaus zum spektakulären neuen Charles Towne Plaza umgebaut hatte.

Obendrein war er einmal Rory Smilows Schwager gewesen.

2

Sie sagte: »Danke.«

Hammond antwortete: »Gern geschehen.«

»Es wurde gerade ungemütlich.«

»Bin ich froh, dass meine Notlüge funktioniert hat. Sonst säßen mir jetzt drei Elitesoldaten im Genick.«

»Ein Lob Ihrer Tapferkeit.«

»Oder meiner Dummheit. Die hätten mit mir Schlitten fahren können.«

Als sie über diese Bemerkung lächelte, war Hammond doppelt froh, dass er seinem idiotischen Impuls, den tapferen Ritter zu geben, gefolgt und zu ihrer Rettung herbeigeeilt war. Vom ersten Augenblick an hatte sie ihn magisch angezogen, aber ihr Anblick jenseits der Tanzfläche war nichts im Vergleich zur ungehinderten Nahaufnahme. Unter seinem intensiven Blick wandte sie die Augen ab und betrachtete einen undefinierten Punkt hinter seiner Schulter. Kein Zweifel, unter Druck reagierte sie kühl.

»Und was ist mit Ihrem Freund?«, fragte sie.

»Mein Freund?«

»Mr. Blanchard. Hieß er nicht Norm?«

»Ach so«, sagte er leise lachend, »nie von ihm gehört.«

»Sie haben ihn erfunden?«

»Tja, keine Ahnung, woher ich diesen Namen hatte. Ist mir einfach so eingefallen.«

»Sehr kreativ.«

»Irgendetwas Glaubwürdiges musste ich doch sagen, damit es so aussah, als ob wir zusammengehören. Etwas, das Sie wenigstens mit mir auf die Tanzfläche gelotst hat.«

»Sie hätten mich auch einfach zum Tanzen auffordern können.«

»Ja, schon, aber das wäre langweilig gewesen. Außerdem hätten Sie dann noch die Möglichkeit gehabt, mir einen Korb zu geben.«

»Nun ja, nochmals danke schön.«

»Nochmals, gern geschehen.« Er schob sie um ein anderes Paar herum. »Kommen Sie hier aus der Gegend?«

»Ursprünglich nicht.«

»Südstaatenakzent.«

»Ich bin in Tennessee aufgewachsen«, meinte sie, »in der Nähe von Nashville.«

»Nette Gegend.«

»Ja.«

»Hübsche Landschaft.«

»Hmm.«

»Und gute Musik.«

Exzellente Konversation, hinreißend, dachte er. Einfach geistreich.

Sie fand seine letzte blödsinnige Bemerkung nicht einmal einer Antwort wert, was er ihr auch nicht verübeln konnte. Wenn er so weitermachte, würde sie noch vor dem Ende des Songs verschwinden. Er manövrierte sie um ein anderes Paar herum, das eine komplizierte Drehung vollführte, ehe er mit stoischer Stimme die lahmste aller lahmen Aufreißerfragen stellte: »Kommen Sie oft hierher?«

Sie nahm es als Witz und lächelte ihr Lächeln, das ihn, wenn er nicht aufpasste, zu einem Vollidioten abstempeln würde. »Eigentlich war ich seit meinen Teenagertagen nicht mehr auf so einem Volksfest.«

»Ich auch nicht. Ich weiß noch, dass ich mit ein paar Kumpels hingegangen bin. Wir müssen ungefähr fünfzehn gewesen sein und wollten unbedingt Bier trinken.«

»Mit Erfolg?«

»Null.«

»Und das war Ihr letztes Mal?«

»Nein. Das nächste Mal hab ich eine Freundin mitgenommen. Bin extra zum Knutschen mit ihr in die Geisterbahn.«

»Und wie erfolgreich war das?«

»Genau wie beim ersten Mal. Dabei hab ich mich, weiß Gott, angestrengt, aber anscheinend bin ich immer an das eine Mädchen geraten, das…« Er verstummte, denn er fühlte, wie sie sich verkrampfte.

»Die geben nicht so leicht auf, was?«

Wie zum Beweis stand das Stahlhelmtrio direkt am Tanzflächenrand, genoss eine frische Runde Bier und funkelte sie böse an.

»Nun, wenn die sich schnell geschlagen gäben, stünde es schlecht um unsere nationale Sicherheit.« Mit einem süffisanten Grinsen zu den jungen Männern nahm er sie noch fester in den Arm und tanzte im Walzerschritt an ihnen vorbei.

»Sie müssen mich nicht beschützen«, meinte sie. »Mit der Situation wäre ich schon allein fertig geworden.«

»Davon bin ich überzeugt. Jede attraktive Frau muss die Kunst beherrschen, sich ungebetene Aufmerksamkeiten männlicherseits vom Leib zu halten. Aber Sie sind obendrein noch eine Dame, die sich vor einer Szene scheute.«

Sie schaute verstohlen zu ihm hoch. »Sehr gut beobachtet.«

»Das ist doch alles Schnee von gestern, also könnten wir genauso gut den Tanz genießen, oder?«

»Vermutlich.«

Trotz ihrer Zustimmung zum Weitertanzen entspannte sie sich nicht. Sie warf zwar nicht ständig verstohlene Blicke über die Schulter, trotzdem spürte Hammond, dass sie es am liebsten getan hätte.

Das machte ihn nachdenklich. Was würde sie am Ende dieses Tanzes tun? Er erwartete einen Korb, höflich, aber bestimmt. Zum Glück spielte die Band gerade eine traurige Schnulze. Der Sänger hatte eine uncharmante Blechstimme, kannte dafür aber sämtliche Strophen auswendig, was Hammond gerade recht kam. Je länger der Tanz dauerte, umso besser.

Seine Partnerin passte gut zu ihm. Ihr Scheitel reichte ihm gerade bis zum Kinn. Trotz des verführerischen Gedankens, dass er sie eng umschlungen hielt, spürte er deutlich ihre Distanz.

Momentan genügte es ihm, die Innenseite seines Vorderarms auf ihrem schmalen Rücken zu spüren, und dass ihre Hand – ohne einen Ehering – auf seiner Schulter lag und ihre Füße sich langsam im Takt bewegten.

Ab und zu berührten sich ihre Hüften flüchtig, was lustvolle Schauer in ihm auslöste, aber das konnte er kontrollieren. Obwohl ihm seine Vogelperspektive einen Blick in den Ausschnitt ihres Tops bot, war er Gentleman genug, nicht hinzusehen. Trotzdem ging seine Phantasie mit ihm durch, huschte hierhin und dorthin und prallte von seinen Schädelwänden ab wie eine von der Hitze verrückt gewordene Bremse.

»Sie sind weg.«

Ihre Stimme holte Hammond aus seiner Trance. Als er ihre Worte begriff, schaute er sich um und sah, dass die Marines nicht mehr da waren. Ja, der Song war zu Ende, die Musiker legten gerade ihre Instrumente weg, und der Bandleader bat alle »am Platz zu bleiben« und versprach, sie würden nach kurzer Pause mit mehr Musik wiederkommen. Die anderen Pärchen machten sich auf den Weg zurück zu ihren Tischen oder strömten an die Bar.

Sie hatte beide Arme gesenkt, sodass Hammond nichts anderes übrig blieb, als die Umarmung zu lösen. Daraufhin trat sie einen Schritt zurück, weg von ihm. »Nun … keiner soll sagen, es gäbe keine Kavaliere mehr.«

Er grinste. »Sollte allerdings der Kampf mit dem Drachen jemals wieder Mode werden, können Sie’s vergessen.«

Lächelnd streckte sie die Hand aus. »Ich finde toll, was Sie getan haben.«

»Mit dem größten Vergnügen. Danke für den Tanz.« Er schüttelte ihre Hand, sie wandte sich zum Gehen. »Ach …« Hammond drängte sich durch die Menge hinter ihr.

Als sie zum Rand des erhöhten Pavillons kamen, ging er vor, ehe er ihre Hand ergriff und ihr hinunter half. Eine unnötige höfliche Geste, denn nach unten war es kaum ein halber Meter. Im Gleichschritt ging er neben ihr her. »Darf ich Ihnen ein Bier besorgen?«

»Nein, vielen Dank.«

»Die Maiskolben duften lecker.«

Trotz eines Lächelns schüttelte sie verneinend den Kopf. »Eine Fahrt mit dem Riesenrad?«

Ohne ihr Tempo zu verlangsamen, warf sie ihm einen verletzten Blick zu. »Nicht in die Geisterbahn?«

»Ich will doch mein Glück nicht herausfordern«, meinte er grinsend, denn inzwischen witterte er eine leise Hoffnung, aber sein Optimismus war nur von kurzer Dauer. »Danke, aber jetzt muss ich wirklich gehen.«

»Sie sind doch eben erst gekommen.«

Sie blieb abrupt stehen, wandte sich ihm zu, legte den Kopf in den Nacken und musterte ihn scharf. Gleißend spiegelte sich die untergehende Sonne in ihren Augen. Sie kniff sie leicht zusammen und schirmte sie mit den Wimpern ab. Sie waren viel dunkler als ihre Haare. Wunderschöne Augen, dachte er, offen und ehrlich und doch sexy. Und momentan durchdringend fragend. Sie wollte wissen, woher er gewusst hatte, wann sie gekommen war.

»Sie sind mir gleich beim Betreten des Pavillons aufgefallen«, gestand er.

Mehrere Herzschläge hielt sie seinem Blick stand, ehe sie befangen den Kopf senkte. Ringsherum strudelte die Menge. Eine Gruppe kleiner Buben rannte vorbei, verfehlte sie nur um Zentimeter und wirbelte dabei eine dicke Staubwolke auf, die sich nicht so rasch legte. Ein Kleinkind begann zu plärren, als ihm der mit Helium gefüllte Luftballon aus der winzigen Faust entwischte und Richtung Baumwipfel schwebte. Zwei tätowierte Mädchen zündeten sich im Vorbeischlendern unter großem Getue und lautstarken rüden Bemerkungen Zigaretten an. Sie reagierten auf nichts davon. Offensichtlich konnte die Rummelplatzkakophonie die private Stille nicht stören.

»Ich dachte, Sie hätten mich auch bemerkt.«

Seltsamerweise hatte sie keine Mühe, Hammonds leise Worte im Lärm zu verstehen. Obwohl sie ihn nicht anschaute, sah er ihr Lächeln, hörte sie leicht verlegen auflachen.

»Also doch? Haben Sie mich bemerkt?« Sie hob eine Schulter, ein kleines Signal für ein Geständnis.

»Na gut«, sagte er zum Zeichen seiner Erleichterung übertrieben hastig. »In dem Fall verstehe ich nicht, warum wir unser gemeinsames Volksfest auf einen einzigen Tanz beschränken sollten. Nicht, dass der nicht toll gewesen wäre. War er. So habe ich seit Jahren keinen Tanz mehr genossen.«

Sie hob den Kopf. Ihr Blick signalisierte Rückzug.

»Hmm«, sagte er, »ich benehme mich idiotisch, stimmt’s?«

»Total.«

Jetzt strahlte er übers ganze Gesicht. Sie war so verdammt attraktiv und nahm es nicht übel, dass er flirtete, wie er es seit zwanzig Jahren nicht getan hatte. »Wie wär’s denn damit? Ich habe heute Abend Ausgang. So außerplanmäßig bin ich seit –«

»Ist das ein Wort?«

»So was Ähnliches.«

»Ein echtes Scrabble-Wort.«

»Damit will ich nur sagen, sollten Sie keine Pläne fürs Abendessen haben…?«

Ihr Kopfschütteln deutete ein Nein an.

»Warum genießen wir dann nicht gemeinsam weiter den Jahrmarkt?«

Während Rory Smilow in Lute Pettijohns tote Augen starrte, fragte er: »Was hat ihn getötet?«

Der Pathologe, ein zierlicher nachdenklicher Mann mit sensiblen Gesichtszügen und unaufdringlichem Verhalten, hatte sich etwas äußerst Seltenes verschafft – Smilows Respekt.

Dr. John Madison war ein schwarzer Südstaatler, der sich in einer typischen Südstaatenstadt Autorität und Einfluss erworben hatte. Smilow hegte größte Hochachtung für jeden, der gegen härtesten Widerstand persönlich so viel erreichte.

Sorgfältig hatte Madison die Leiche in der Lage begutachtet, in der man sie gefunden hatte: mit dem Gesicht nach unten. Man hatte die Umrisse nachgezeichnet und sie anschließend aus unterschiedlichen Blickwinkeln fotografiert. Er hatte die Hände und Finger des Opfers inspiziert, besonders unter den Nägeln, und an den Handgelenken die einsetzende Starre geprüft. Mit Hilfe einer Pinzette hatte er einen unidentifizierbaren Partikel von Pettijohns Mantelärmel gezupft und das winzige Stück anschließend vorsichtig in einer Tüte für Beweismaterial verstaut.

Erst als er mit seiner vorläufigen Untersuchung fertig war und bat, man möge ihm beim Umdrehen des Opfers helfen, entdeckten sie die erste Überraschung – eine hässliche Wunde an Pettijohns Schläfe, direkt am Haaransatz.

»Glauben Sie, der Täter hat ihn geprügelt?«, fragte Smilow, wobei er in die Hocke ging, um die Wunde besser sehen zu können. »Oder hat man ihn zuerst erschossen und das ist dann beim Sturz passiert?«

Madison rückte seine Brille zurecht und meinte beklommen: »Falls Sie Schwierigkeiten haben, darüber zu reden, können wir die Details auch später besprechen.«

»Sie meinen, weil er mal mein Schwager war?« Als der Gerichtsmediziner leicht nickte, sagte Smilow: »Ich habe nie mein Privatleben mit Beruflichem vermischt oder umgekehrt. Sagen Sie mir Ihre Meinung, John, und ersparen Sie mir auch nicht die peinlichsten Einzelheiten.«

»Natürlich muss ich die Wunde noch genau überprüfen«, sagte Madison ohne einen weiteren Kommentar zu der Beziehung zwischen dem Opfer und dem Detective. »Trotzdem wäre mein erster Eindruck, dass er sich diese Kopfwunde zugezogen hat, bevor er starb, und nicht post mortem. Es ist jedenfalls ein besonders hässliches Exemplar, das unterschiedliche Gehirntraumata verursacht haben könnte, jedes eventuell mit Todesfolge.«

»Aber daran glauben Sie nicht.«

»Ehrlich gesagt, Rory, nein. So traumatisch wirkt die Wunde nicht. Die Schwellung ist äußerlich, was normalerweise darauf hindeutet, dass innerlich kaum eine oder gar keine vorhanden ist. Trotzdem gibt es manchmal Überraschungen.«

Smilow konnte verstehen, dass der Pathologe zögerte, sich vor einer Autopsie auf die eine oder andere Theorie festzulegen. »Kann man denn momentan mit Sicherheit sagen, dass er an den Kugeln gestorben ist?«

Madison nickte. »Aber das ist nur eine erste Vermutung. Ich habe den Eindruck, als wäre er vor dem Tod gestürzt oder als hätte ihn jemand gestoßen beziehungsweise geschlagen.«

»Wie lange vorher?«

»Der genaue Zeitpunkt wird schwieriger zu bestimmen sein.«

»Hmm.«

Smilow musterte rasch die Umgebung: Teppichboden, Sofa, bequeme Sessel – alles weiche Oberflächen. Bis auf die Glasplatte des Couchtischs. Breitbeinig tappte er zum Tisch hinüber und neigte den Kopf so weit nach unten, bis er mit der Platte auf Augenhöhe war. Man hatte ein Trinkglas und eine Flasche aus der Minibar auf dem Tisch gefunden. Beides hatte die Spurensicherung längst eingesammelt und verpackt.

Aus dieser Perspektive konnte Smilow mehrere Ringe sehen, die inzwischen angetrocknet waren. Hier hatte Pettijohn sein Glas ohne einen Untersetzer abgestellt. Zentimeter für Zentimeter wanderte sein Blick über die Glasplatte. An der Tischkante hatte der Spurendienst etwas entdeckt, das wie der Abdruck einer Hand aussah.

Smilow richtete sich wieder auf und versuchte den möglichen Tathergang gedanklich zu rekonstruieren. Er ging um den Tisch herum und näherte sich dann der anderen Tischseite. »Nehmen wir mal an, Lute wollte gerade nach seinem Glas greifen«, mutmaßte er laut vor sich hin, »und ist dabei nach vorn gefallen.«

»Rein zufällig?«, fragte einer der Kriminalbeamten. Smilow wurde zwar gefürchtet und war allgemein unbeliebt, trotzdem schätzte jeder in der ganzen Mordkommission sein Talent, Verbrechen zu rekonstruieren. Jeder im Raum hielt inne und hörte aufmerksam zu.

»Nicht unbedingt«, antwortete Smilow nachdenklich. »Irgendjemand könnte ihm von hinten einen Stoß versetzt haben, sodass er das Gleichgewicht verlor und vornübergestürzt ist.« Er spielte den Vorfall nach, wobei er sorgfältig darauf achtete, nichts zu berühren, vor allem nicht den Körper. »Er versuchte, den Sturz zu mildern, indem er nach der Tischkante griff, aber vielleicht schlug sein Kopf auch so fest am Boden auf, dass er bewusstlos wurde.« Er warf einen Blick zu Madison hinauf und zog dabei fragend die Augenbrauen hoch. »Möglich«, antwortete der Gerichtsmediziner.

»Wir können wohl wenigstens behaupten, dass er benommen war, ja? Dann wäre er genau hier gelandet.« Dabei deutete er mit gespreizten Händen auf die Umrisse auf dem Boden, die die Position festhielten, in der man den Körper gefunden hatte. »Wer immer ihn gestoßen hat, schoss ihm anschließend zwei Kugeln in den Rücken«, meinte einer der Ermittler.

»Er wurde zweifelsohne erschossen, während er mit dem Gesicht nach unten lag«, sagte Smilow, bevor er Madison wieder ansah.

»Sieht ganz danach aus«, sagte der Gerichtsmediziner.

Detective Mike Collins pfiff leise. »Mensch, das nenn ich kaltblütig. Schießt einem in den Rücken, der schon am Boden liegt. Da war jemand stinksauer.«

»Dafür war Lute bestens bekannt – Leute zu vergrätzen«, meinte Smilow. »Jetzt müssen wir nur noch diese eine Person einkreisen.«

»Es war jemand, den er kannte.«

Er schaute den Kripobeamten an, der das gesagt hatte, und forderte ihn auf fortzufahren. Der Beamte sagte: »Keine Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen. Nichts deutet darauf hin, dass die Tür aufgebrochen wurde. Demnach hatte der Täter entweder einen Schlüssel, oder Pettijohn hat ihm die Tür aufgemacht.«

»Pettijohns Zimmerschlüssel steckte in seiner Tasche«, berichtete einer der anderen. »Raub entfällt als Motiv, es sei denn, er wurde dabei gestört. Seine Brieftasche wurde in einer Innentasche unter dem Körper gefunden, offensichtlich unberührt. Nichts fehlt.«

»Okay, dann hätten wir hier also einen ersten Anhaltspunkt«, sagte Smilow. »Trotzdem liegt noch ein weiter Weg vor uns. Was wir nicht haben, sind eine Tatwaffe und einen Verdächtigen. In diesem Gebäude wimmelt es von Menschen, Angestellten wie Gästen. Irgendeiner hat irgendetwas gesehen. Also fangen wir mit der Befragung an. Trommelt die Leute zusammen.«

Während er Richtung Tür trabte, grummelte einer der Beamten: »Wir haben bald Mittag. Das wird nicht gut ankommen.« Daraufhin tönte es von Smilow: »Das ist mir egal.« Woran keiner zweifelte, der je mit ihm gearbeitet hatte. »Was ist mit den Überwachungskameras?« , fragte er. Im Charles Towne Plaza fehlte es an nichts. »Wo ist das Videoband?«

»In dem Punkt scheint etwas Unklarheit zu herrschen.«

Er drehte sich zu dem Kriminalbeamten um, den man mit der Überprüfung des hoteleigenen Sicherheitssystems beauftragt hatte. »Was für eine Unklarheit?«

»Sie wissen schon: Wirrwarr, allgemeines Chaos. Das Band ist derzeit nicht auffindbar.«

»Verloren?«

»So weit wollte man nicht gehen.«

Smilow stieß einen leisen Fluch aus.

»Der Verantwortliche verspricht, dass wir es bald haben werden. Aber, Sie wissen ja …« Der Kripobeamte hob die Schultern, als wollte er geringschätzig sagen: Zivilisten.

»Halten Sie mich auf dem Laufenden. Ich will es sehen, aber dalli«, wandte sich Smilow an die ganze Truppe. »Wir haben es hier mit einem hochrangigen Mord zu tun. Keiner redet mit den Medien, nur ich. Haltet die Klappe, kapiert? Die Täterspur wird mit jeder Minute kälter, also an die Arbeit.«

Die Kriminalbeamten gingen hintereinander hinaus, um mit dem Befragen von Hotelgästen und Angestellten zu beginnen, eine unangenehme und ermüdende Angelegenheit. Die Leute sträubten sich bei Befragungen automatisch, weil damit immer eine gewisse Schuldzuweisung verbunden war. Außerdem wussten sie aus Erfahrung, dass Smilow ein hartnäckiger und unerbittlicher Zuchtmeister war. Er wandte sich wieder an Dr. Madison: »Können Sie das schnell erledigen?«

»Innerhalb von ein paar Tagen.«

»Bis Montag?«

»Damit kann ich wohl mein Wochenende in den Wind schießen.«

»Ich meines auch«, sagte Smilow. Es klang nicht wie eine Entschuldigung. »Ich wünsche eine toxikologische Untersuchung, einfach alles.«

»Tun Sie doch immer«, meinte Madison mit einem gutmütigen Lächeln. »Ich werde mein Bestes tun.«

»Tun Sie doch immer.«

Nachdem man den Körper weggeschafft hatte, wandte sich Smilow direkt an ein Mitglied der Spurensicherung. »Wie sieht’s aus?«

»Zum Glück ist das Hotel neu. Nicht viele Fingerabdrücke, also dürften die meisten vermutlich von Pettijohn sein.«

»Oder vom Täter.«

»Damit würde ich nicht rechnen«, sagte der Spezialist stirnrunzelnd. »Das ist der sauberste Schauplatz, den ich je gesehen habe.«

Als die Suite leer war, ging Smilow sie ab und überprüfte alles höchstpersönlich. Zog jede Schublade auf, suchte den Wandschrank mit dem eingebauten Safe ab, schaute zwischen die Matratzen, unters Bett, in den Medizinschrank im Bad, ja sogar in den Spülkasten der Toilette. Immer auf der Suche nach irgendetwas, was Lute Pettijohn vielleicht hinterlassen hatte und das einen Hinweis auf die Identität des Täters liefern könnte.

Alles, was Smilow fand, waren eine Gideon-Bibel und das Telefonbuch von Charleston. Nichts Persönliches aus Lute Pettijohns Besitz, keinen Kalender, keine Quittungen, weder Tickets noch handschriftliche Notizen oder Einwickelpapier. Einfach nichts.

Aus der Minibar fehlten nach Smilows Zählung zwei Flaschen Scotch, obwohl nur ein Glas benutzt worden war. Es sei denn, der Mörder war so clever gewesen, sein Glas beim Verlassen mitzunehmen. Aber bei der Befragung der Hausdame erfuhr Smilow, dass jede Suite mit vier Whiskygläsern ausgestattet war. Und drei saubere waren noch da.

Wie am Schauplatz eines Verbrechens üblich, wirkte alles praktisch steril – mit Ausnahme des Blutflecks auf dem Wohnzimmerteppich.

»Detective?«

Smilow, der gedankenverloren auf den blutgetränkten Teppich gestarrt hatte, hob den Kopf.

Im Türrahmen stand ein Polizist und deutete mit dem Daumen in den Flur. »Sie bestand darauf hereinzukommen.«

»Sie?«

»Ich.« Eine Frau schubste den Streifenpolizisten beiseite, als ob er nicht die geringste Bedeutung hätte, entfernte das Absperrband vom Türrahmen und trat ein. Rasch durchkämmten dunkle Augen den Raum. Beim Anblick des trockenen Blutflecks stieß sie enttäuscht und angewidert die Luft aus. »Madison hat den Körper schon? Verdammt!«

Smilow sah auf seine Uhr und sagte: »Gratuliere, Steffi, du hast deinen eigenen Geschwindigkeitsrekord gebrochen.«

3

»Ich dachte, Sie würden vielleicht Mann und Kinder erwarten.«

»Wann?«

»Als Sie den Pavillon betraten.«

»Ach.«

Sie ließ sich nicht von Hammond ködern, sondern lutschte nur weiter ihr Stieleis. Erst als das Holzstäbchen sauber war, meinte sie: »Ist das Ihre Art, sich zu erkundigen, ob ich verheiratet bin?«

Gequält verzog er das Gesicht. »Und dabei dachte ich, ich wäre so subtil vorgegangen.«

»Danke für das Eis.«

»Ist das Ihre Art, einer Antwort auszuweichen?«

Lachend kamen sie zu einer Reihe schiefer Holzstufen, die zu einer Anlegestelle führten. Die Plattform ragte knapp einen Meter über die Wasseroberfläche und war ungefähr zehn Quadratmeter groß. Sachte schwappte das Wasser gegen die Stelzen unter den verwitterten Planken. Außen herum liefen Holzbänke, deren Rückenlehnen als Geländer dienten. Hammond nahm ihr Eisstäbchen samt Einwickelpapier und warf es mit seinem eigenen in einen Abfallkorb, ehe er mit ihr auf eine der Bänke zusteuerte.

In jeder Pierecke stand eine Laterne mit matten unauffälligen Glühbirnen. Dazwischen hingen ähnliche Lichterketten wie unter der Pavillondecke. Sie milderten das rustikale Ambiente und verwandelten die gewöhnliche Anlegestelle in eine romantische Bühne.

Es wehte eine sanfte Brise, die aber doch so kräftig war, dass man eine Chance gegen die Mücken hatte. Im Dickicht am Flussufer quakten Frösche, Zikaden zirpten von den tief hängenden moosbewachsenen Ästen der schützenden Eichen.

»Hübsch hier draußen«, bemerkte Hammond.

»Hmm. Ich bin überrascht, dass es sonst noch niemand entdeckt hat.«

»Ich habe reservieren lassen, damit wir den Platz ganz für uns allein haben.«

Sie lachte. In den letzten paar Stunden hatte es viel zu lachen gegeben, während sie die verführerischen Kalorienbomben an den Verkaufsständen probierten und ziellos von Bude zu Bude schlenderten. Sie hatten eingemachte Pfirsiche und Stangenbohnen nach Hausfrauenart bewundert, hatten sich über den letzten Schrei an Trimm-dich-Geräten informiert und die gepolsterten Sitze von hochmodernen Traktoren getestet. Er hatte für sie bei einem Baseballkorbwerfen einen winzigen Teddybären gewonnen. Sie hatte sich trotz der Überredungskünste der Verkäuferin geweigert, eine Perücke anzuprobieren.

Gemeinsam waren sie mit dem Riesenrad gefahren. Als ihr Wagen ganz oben zum Stehen kam und gefährlich schlingerte, war Hammond regelrecht schwindelig geworden. Es war einer der sorglosesten Momente, an die er sich erinnern konnte, seit…

Er konnte sich an keinen sorgloseren Moment erinnern.

Sämtliche Ketten, die ihn so fest am Boden hielten – Menschen, Arbeit, Verpflichtungen –, schienen mit einem Mal zerrissen. Für wenige kurze Minuten fühlte er sich völlig losgelöst. In diesem Gefühl von Freiheit hatte er den Nervenkitzel genossen, hoch über dem Jahrmarkt zu hängen, und dazu ein unbeschwertes Gefühl, das er schon kaum mehr kannte. Er genoss die Gesellschaft einer Frau, der er erst vor kaum zwei Stunden begegnet war.

Spontan wandte er sich nun zu ihr um und fragte: »Sind Sie verheiratet?«

Sie lachte und duckte sich kopfschüttelnd. »So viel zum Thema Zartgefühl.«

»Mit Zartgefühl bin ich nicht weitergekommen.«

»Nein, ich bin nicht verheiratet. Und Sie?«

»Nein.« Und dann: »Wow! Bin ich froh, dass wir das geklärt haben.«

Sie hob den Kopf und schaute lächelnd zu ihm hinüber. »Ich auch.«

Dann hörten beide zu lächeln auf und schauten sich nur noch an. Der Blick dehnte sich zu Sekunden und dann zu Minuten, von außen betrachtet zu langen stillen, ruhigen Minuten, die sich nur dort, wo die Emotionen regieren, lautstark bemerkbar machen. Für Hammond war das einer jener Momente, die man mit viel Glück nur einmal im Leben erfährt. Einer von der Art, die selbst die begabtesten Regisseure und Schauspieler nur mühsam auf Zelluloid bannen können. Einer jener verbindenden Momente, die alle Dichter und Liedermacher in ihren Werken zu beschreiben suchen und doch nie ganz dingfest machen können. Bis zu diesem Moment hatte Hammond mit der Fehleinschätzung gelebt, sie hätten ihre Sache gut gemacht. Erst jetzt ging ihm auf, wie kläglich sie gescheitert waren.

Wie konnte ein Mensch, egal wer, diesen winzigen Augenblick beschreiben, in dem sich alles zusammenfügt? Wie jene explosive Einsicht beschreiben, wenn man weiß, dass das eigene Leben eben erst begonnen hat, dass alles, was vorher geschah, im Vergleich dazu null und nichtig ist und nichts jemals wieder so sein wird wie früher? Aber die schwer zu fassenden Antworten auf diese Fragen wurden immer unwichtiger, während er begriff, dass die einzige Wahrheit, die er wirklich brauchte, hier war, hier und jetzt. Dieser Augenblick.

So hatte er sich noch nie in seinem Leben gefühlt. Niemand hatte das je so empfunden.

Noch immer schaukelte er im obersten Wagen des Riesenrads und wollte nie wieder hinunter.

Gerade als er sagte: »Möchten Sie noch mal mit mir tanzen?«, sagte sie: »Ich muss wirklich gehen.«

»Gehen?« – »Tanzen?«

Wieder sprachen beide zur selben Zeit, aber Hammond war schneller. »Tanzen Sie noch mal mit mir. Beim letzten Mal war ich nicht in Hochform, kein Wunder, wenn das gesamte Marine Corps jeden meiner Schritte beäugt.«

Sie drehte den Kopf weg und schaute von der Plattform zum Parkplatz auf der anderen Seite hinüber.

Er wollte sie nicht bedrängen. Wahrscheinlich würde sie das nur in die Flucht schlagen. Trotzdem konnte er sie nicht gehen lassen, noch nicht. »Bitte?«

Mit einem Ausdruck tiefer Unsicherheit schaute sie zu ihm zurück, dann schenkte sie ihm ein winziges Lächeln. »Gut, einen Tanz.«

Sie standen auf. Sie wollte schon auf die Stufen zugehen, da ergriff er ihre Hand und drehte sie herum. »Was ist falsch mit dieser Tanzfläche?«

Sie hielt den Atem an, ehe sie langsam und bebend wieder ausatmete. »Nichts, schätze ich.«

Seit ihrem letzten Tanz hatte er sie nicht mehr berührt. Nur einmal hatte er ihr ganz kurz und leicht die Hand auf den Rücken gelegt, um sie im Gewühl um einen Engpass herumzugeleiten. Beim Betreten und Verlassen des Riesenrads hatte er ihr seine Hand angeboten. Während der Fahrt hatten sie nebeneinander gesessen, Ellbogen an Ellbogen, Hüfte an Hüfte. Aber bis auf diese wenigen Ausnahmen hatte er strikt jeder Versuchung widerstanden, sie zu berühren. Er wollte sie weder verscheuchen noch mit aufdringlichem Benehmen beleidigen.

Jetzt zog er sie mit sachtem Druck zu sich, bis sie Zehen an Zehen standen, dann legte er ihr den Arm um die Taille und drückte sie an sich. Näher als vorher. Direkt gegen sich. Sie ließ es nur zögernd geschehen, sperrte sich aber nicht. Sie hob den Arm auf Schulterhöhe, und er spürte am Nackenende den Druck ihrer Hand.

Die Band hatte bereits Schluss gemacht. Inzwischen sorgte ein Discjockey für die Musik und spielte die ganze Bandbreite von Credence Clearwater bis Streisand. Weil es allmählich spät wurde und die Tänzer besinnlicher gestimmt waren, spielte er langsamere Songs.

Hammond erkannte die Melodie wieder, konnte aber weder den Sänger noch das Lied identifizieren, das gerade vom Pavillon herüberdrang. Es war auch nicht wichtig. Es war eine langsame süß-romantische Ballade. Anfänglich versuchte er noch, seine Füße zu der Schrittfolge zu bringen, die er in seiner Jugend widerwillig bei Kotillons gelernt hatte, zu denen ihn seine Mutter überredete. Aber je länger er sie im Arm hielt, umso weniger gelang es ihm, sich auf etwas anderes zu konzentrieren als sie.

Ein Song folgte dem anderen, ohne dass sie auch nur einen Takt ausließen, obwohl sie nur einem einzigen Tanz zugestimmt hatte. Im Grunde merkte keiner von beiden, wenn sich die Musik änderte. Ihre Augen, ihre ganzen Sinne waren nur auf den anderen gerichtet.

Er zog ihre verschlungenen Hände an seine Brust, drückte ihre Handfläche nach unten und bedeckte sie mit seiner. Sie neigte den Kopf nach vorne, bis ihre Stirn an seinem Schlüsselbein ruhte. Er rieb seine Wange an ihrem Haar. In ihrer Kehle vibrierte ein leiser Ton der Hingabe, den er mehr spürte als hörte. Seine eigene Sehnsucht bildete das Echo dazu.

Immer langsamer bewegten sich ihre Füße, bis sie schließlich ganz stehen blieben. Völlig still standen sie da, nur ihre Haarsträhnen streiften in der Brise ihr Gesicht. Die Hitze, die aus jeder Stelle stieg, an der sie sich berührten, schien sie buchstäblich zusammenzuschmieden. Hammond senkte den Kopf für den Kuss, der nun unweigerlich kommen musste.

»Ich muss gehen.« Abrupt löste sie sich und drehte sich zur Bank um, wo sie Handtasche und Jacke liegen gelassen hatte.

Mehrere Sekunden war er zu verblüfft, um reagieren zu können. Nachdem sie ihre Sachen geholt hatte, wollte sie schon mit einem hastigen »Danke für alles. War schön, wirklich« an ihm vorbei.

»Warte eine Minute.«

Sie wich seiner Berührung aus und schritt rasch die Stufen hinauf, wobei sie in ihrer Hast einmal stolperte. »Ich muss gehen.«

»Warum jetzt?«

»Ich … kann das nicht machen.«

Sie warf die Wörter über die Schulter, während sie Richtung Parkplatz eilte. Sie folgte der Wimpelreihe, vermied die Budenstraße, den Pavillon und den schwächer werdenden Rummel an den Ständen. Einige Attraktionen hatten schon geschlossen. Aussteller bauten ihre Buden ab und packten ihre Kunstgewerbesachen zusammen. Mit Souvenirs und Gewinnen beladen tappten ganze Familien zu ihren Vans. Die Stimmung klang nicht mehr so fröhlich und laut wie vorher, und auch die Musik im Pavillon hörte sich eher verloren als romantisch an.

Hammond hielt mit ihr Schritt. »Das verstehe ich nicht.«

»Was gibt’s da nicht zu verstehen? Ich habe dir erklärt, dass ich gehen muss. Das ist alles, mehr ist da nicht.«

»Das glaube ich nicht.« Verzweifelt versuchte er, sie aufzuhalten und griff nach ihrem Arm. Sie blieb stehen, holte mehrmals tief Luft und wandte ihm dann ihr Gesicht zu, ohne ihn jedoch direkt anzusehen.

»Es war schön mit dir.« Sie sprach mit flacher, kaum modulierter Stimme, als ob es sich um auswendig gelernte Zeilen handelte. »Aber jetzt ist der Abend vorbei, und ich muss gehen.«

»Aber –«

»Ich schulde dir keine Erklärung. Gar nichts schulde ich dir.« Nach einem kurzen Blickkontakt huschten ihre Augen wieder weg. »Und jetzt versuche bitte nicht mehr, mich aufzuhalten.«

Hammond ließ ihren Arm los und trat zurück, wobei er wie bei einer Gefangennahme die Hände hob.

»Auf Wiedersehen«, war alles, was sie sagte, ehe sie sich von ihm abwandte und sich einen Weg über den unebenen Boden zum abgezäunten Parkplatz bahnte.

Stefanie Mundell warf Smilow die Schlüssel ihres Acura zu. »Du fährst, während ich mich umziehe.« Sie hatten das Hotel durch den Ausgang East Bay Street verlassen und liefen nun rasch den Gehsteig hinunter, den nicht nur die Menschenmenge verstopfte, die jeden Samstagabend unterwegs war, sondern auch Schaulustige, die von den am Straßenrand geparkten Notfallfahrzeugen zu dem neuen Gebäude gelockt worden waren.

Da man beiden ihren Status als Vertreter der Kommune nicht ansah, bewegten sie sich ohne Aufsehen durch die neugierigen Zuschauer. Smilows Anzug wies noch immer keinen Knitter auf, seine Doppelmanschetten waren makellos. Trotz des Tamtams im Zusammenhang mit dem Mord an Pettijohn hatte er keinen Schweißtropfen vergossen.

Und in Steffi würde gewiss niemand eine Assistentin des Bezirksstaatsanwalts vermuten. Sie trug eine kurze Jogginghose mit einem bauchfreien knappen Oberteil. Beides war nicht einmal unter der Klimaanlage im Hotel getrocknet und noch immer schweißnass. Obwohl ihre steifen Brustwarzen, gepaart mit schlanken muskulösen Beinen, die anerkennenden Seitenblicke mehrerer männlicher Passanten auf sich zogen, war sie sich dessen nicht einmal bewusst. Sie dirigierte Smilow zu ihrem Wagen, der gesetzeswidrig im absoluten Halteverbot parkte.

Er drückte auf die Fernbedienung, ging aber nicht herum, um für sie die Beifahrertür zu öffnen. Für diese Geste hätte er von ihr nur eine Abfuhr bekommen. Sie kletterte auf den Rücksitz. Smilow setzte sich hinters Lenkrad. Während er den Wagen anließ und auf eine Möglichkeit zum Ausparken wartete, fragte Steffi: »Stimmte das? Was du beim Gehen zu den Polizisten gesagt hast?«

»Welcher Teil?«

»Aha, also war einiges davon Käse?«

»Nicht der Teil, dass wir momentan weder ein eindeutiges Motiv noch eine Waffe oder einen Verdächtigen haben.« Er hatte ihnen erklärt, sie sollten den Mund halten, wenn hier Reporter aufkreuzten und Fragen stellten. Für elf Uhr hatte er bereits eine Pressekonferenz einberufen. Durch diesen Zeitpunkt stellte er sicher, dass die Regionalsender während ihrer Spätnachrichten live zuschalteten, was seinem Fernsehauftritt eine maximale Reichweite sicherte.

Voller Ungeduld über die endlose Autoschlange, die die Durchgangsstraße verstopfte, drückte er die Schnauze von Steffis Wagen in die schmale Spur, was ihm ein lautes Hupkonzert von einem herannahenden Fahrzeug eintrug.

Mit der gleichen Ungeduld, die Smilows Fahrstil kennzeichnete, zerrte sich Steffi das Oberteil über den Kopf. »Okay, Smilow, jetzt kann dich keiner mehr belauschen. Rede. Ich bin’s.«

»Das sehe ich«, bemerkte er mit einem verstohlenen Blick in den Rückspiegel.

Unbeeindruckt wischte sie sich die Achseln mit einem Handtuch ab, das sie aus ihrer Sporttasche zerrte. »Eltern, neun Kinder, ein Bad. Wer bei uns daheim schüchtern oder zimperlich war, blieb schmutzig und hatte Verstopfung.«

Für jemanden, der seine Herkunft aus Arbeiterkreisen abstritt, berief sich Steffi ziemlich häufig darauf. Meistens, um ihr derbes Benehmen zu rechtfertigen.

»Na denn, zieh dich an, zack, zack. In ein paar Minuten sind wir da. Obwohl du eigentlich nicht dabei sein müsstest. Ich kann das auch allein«, sagte Smilow.

»Ich will aber dabei sein.«

»Gut, gut, allerdings möchte ich nicht unterwegs verhaftet werden, also bleib unten, wo dich keiner in dem Zustand sehen kann.«

»Also, Rory, bist du aber ein prüder Kerl«, sagte sie und mimte die Kokette.

»Und du bist blutrünstig. Wie hast du einen frischen Mord so schnell gerochen?«

»War gerade joggen. Als ich am Hotel vorbeilief und die ganzen Polizeiautos sah, bin ich stehen geblieben und hab einen der Polizisten gefragt, was los war.«

»So viel zu meinen Anweisungen, den Mund zu halten.«

»Ich bin eine Überredungskünstlerin. Außerdem hat er mich wiedererkannt. Als er mir’s gesagt hat, wollte ich meinen Ohren nicht trauen.«

»Ging mir auch so.«

Steffi zog einen normalen BH an, dann streifte sie ihre Shorts ab und schnappte sich aus ihrer Tasche ein Höschen. »Hör auf, das Thema zu wechseln. Was hast du herausgefunden?«

»Ist so ziemlich mein sauberster Schauplatz seit langem. Vielleicht der sauberste, den ich je gesehen habe.«

»Ehrlich?«, fragte sie offensichtlich enttäuscht. »Egal, wer ihn umgebracht hat, er wusste, was er tat.«

»Ein Schuss von hinten, während er mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegt.«

»So war’s.«

»Hmm.«

Wieder warf er ihr rasch einen Blick zu. Sie knöpfte gerade ein ärmelloses Kleid zu, ohne mit den Gedanken bei der Sache zu sein. Sie starrte Löcher in die Luft. Er konnte förmlich sehen, wie es in ihrem schlauen Köpfchen rotierte.

Obwohl Stefanie Mundell erst gut zwei Jahre im Büro des Bezirksstaatsanwaltes arbeitete, hatte ihre Tätigkeit nachhaltige Eindrücke hinterlassen – nicht immer die besten. Einige hielten sie für ein Oberbiest, was sie auch sein konnte. Sie hatte eine scharfe Zunge, die sie nicht ungern einsetzte. Es gab keine Beweisführung, bei der sie je klein beigegeben hätte. Das machte sie zur exzellenten Anklägerin und zu einer Geißel für alle Verteidiger  – aber nicht bei ihren Mitarbeitern beliebt.

Trotzdem waren die Hälfte der Männer und vielleicht auch ein paar von den Frauen, die im engeren oder weiteren Umkreis von Polizei und Gericht arbeiteten, scharf auf sie. Oft wurde nach der Arbeit in Kneipen in derbsten Details über Phantasiebeziehungen zu ihr spekuliert. Selbstverständlich nicht in ihrer Hörweite. Keiner sehnte sich danach, von Stefanie Mundell in eine Anklage wegen sexueller Belästigung verwickelt zu werden.

Sie tat, als hätte sie von all diesen Schlafzimmerphantasien keine Ahnung – wenn sie sie überhaupt registrierte. Nicht weil ihr die Tatsache, dass Männer ihr die schlüpfrigsten Attribute anhängten, Probleme bereitete oder sie verunsicherte. So etwas tat sie schlichtweg als präpubertäre Auswüchse ab, etwas viel zu Dummes und Albernes, um darauf Zeit und Energie zu verschwenden.

Insgeheim beobachtete Rory sie jetzt im Spiegel, während sie sich einen schmalen Ledergürtel um die Taille band und anschließend mit den Händen durch die Haare fuhr, womit das Thema Kämmen abgeschlossen war. Er fühlte sich körperlich nicht von ihr angezogen. Ihr Benehmen löste in ihm keine wilde Fleischeslust aus, nur eine tiefe Bewunderung für ihre scharfe Intelligenz und den Ehrgeiz, der sie antrieb.

»Steffi, das war ein sehr bedeutsames ›Hmm‹. Woran denkst du gerade?«

»Wie wütend der Täter gewesen sein muss.«

»Das hat auch schon einer meiner Kommissare angemerkt. Es war ein kaltblütiger Mord. Der Gerichtsmediziner meint, möglicherweise sei Lute nicht bei Bewusstsein gewesen, als er erschossen wurde. Jedenfalls stellte er keine Bedrohung dar. Der Mörder wollte einfach sicherstellen, dass er tot ist.«

»Wenn ihr eine Liste aller Leute aufstellt, die Lute Pettijohn tot sehen wollen –«

»So viel Papier und Tinte haben wir gar nicht.«

Sie begegnete im Rückspiegel seinem Blick und lächelte. »Stimmt. Also, irgendwelche Vermutungen?«

»Bis jetzt noch nicht.«

»Oder sagst du’s nur nicht?«

»Steffi, du weißt, dass ich erst dann etwas zu dir ins Büro bringe, wenn ich so weit bin.«

»Versprich mir nur eines –«

»Keine Versprechungen.«

»Versprich mir, dass kein anderer den ersten Schuss abfeuern darf.«

»Auf Wortspielchen war ich eigentlich nicht aus.«

»Du weißt genau, was ich meine«, sagte sie verärgert.

»Mason wird den Fall zuweisen«, sagte er mit einer Anspielung auf Monroe Mason, den Bezirksstaatsanwalt von Charleston. »Es liegt an dir, dafür zu sorgen, dass du ihn bekommst.«

Aber ein Blick in den Spiegel und in ihre brennenden Augen genügte, und er wusste, dass sie diesem Fall erste Priorität einräumen würde. Er steuerte den Wagen in die Parkbucht. »Da wären wir.«

Sie stiegen vor Lute Pettijohns Anwesen aus, einem schon rein äußerlich grandiosen Herrenhaus, das zur prestigeträchtigen Adresse von South Battery passte und ein Konglomerat verschiedener Architekturstile darstellte. In den ursprünglich georgianischen Bau waren nach dem Sezessionskrieg ein paar Südstaatenelemente eingefügt worden, gefolgt von einer griechisch-klassizistischen Säulenreihe, die vor dem Krieg als der letzte Schrei galt. Später wurden an der imposanten Struktur hier und da viktorianische Zuckerbäckerornamente ergänzt. Dieser Architekturmischmasch war typisch für das historische Viertel und machte Charleston ironischerweise nur pittoresker. Das dreistöckige Haus hatte breite Doppelbalustraden, umrahmt von prächtigen Säulen und eleganten Bögen, und als Krönung eine Kuppel auf dem Dachfirst. Zwei Jahrhunderte lang hatte es Kriege, dramatische

Die Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel »The Alibi« bei Warner Books, Inc., New York.

Blanvalet Taschenbücher erscheinen im Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH.

6. Auflage Taschenbuchausgabe Juli 2003

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eISBN 978-3-641-10035-3

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