Celinas Tochter - Sandra Brown - E-Book

Celinas Tochter E-Book

Sandra Brown

4,7
8,99 €

oder
Beschreibung

Alexandra Gaither kehrt nach Jahren als erfolgreiche Anwältin in ihre Heimatstadt zurück, um den Tod ihrer Mutter aufzuklären. Keine einfache Aufgabe: Drei Männer kommen als Täter infrage, und alle drei sind reich, mächtig und überaus charmant. Doch Alexandra riskiert alles, um das Geheimnis zu lüften …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 694

Bewertungen
4,7 (26 Bewertungen)
19
5
2
0
0



Buch

Nach Jahren kehrt die attraktive Alexandra Gaither in ihre Heimatstadt Purcell zurück, als erfolgreiche Anwältin und weltgewandte Frau. Endlich scheint der Zeitpunkt da, das zu bekommen, was sie seit langem anstrebt: Gerechtigkeit – und Rache. Vor fünfundzwanzig Jahren nämlich ist ihre Mutter Celina hier, im tiefsten Texas, ums Leben gekommen, und drei der mächtigsten Männer der Stadt kommen als Mörder in Frage. Keine einfache Aufgabe für Alexandra: Jeder der drei ist außergewöhnlich charmant – und jeder ist verdächtig. Alle versuchen sie, ihre Sünden und Geheimnisse vor ihr zu verbergen. Doch sie wäre nicht Celinas Tochter, wenn es ihr nicht gelänge, die Schatten zu lüften – und sich von der Last der Vergangenheit zu befreien...

Autorin

Sandra Brown ist ein wahrhaftes Multitalent. Sie arbeitete mit großem Erfolg als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie 1990 mit ihrem Roman »Trügerischer Spiegel« auf Anhieb einen internationalen Erfolg landete. Jedes ihrer Bücher stand seitdem monatelang auf den Spitzenplätzen der Bestsellerlisten. Sandra Brown lebt mit ihrer Familie abwechselnd in Texas und South Carolina.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Copyright

1

Der Entsetzensschrei galt eigentlich nicht der Kakerlake, sondern ihrem eingerissenen Fingernagel. Die Kakerlake war klein, der Riß eine Katastrophe. Auf ihrem manikürten Nagel sah er so tief und zerklüftet aus wie der Grand Canyon.

Alex schlug mit der kunststoffbeschichteten Karte, die das spärliche Zimmerservicemenü des Motels anpries, nach der Kakerlake. Auf der Rückseite warb man für das mexikanische Buffet und The Four Riders, eine Country-und-Western-Band, die täglich von sieben bis Mitternacht in der Silver Spur Lounge auftrat.

Sie verfehlte die Kakerlake um Meter, und diese huschte hinter den holzfurnierten Toilettentisch. »Dich krieg ich später!«

Sie fand eine Nagelfeile am Boden des Kosmetikkoffers, den sie gerade auspacken wollte, als das Insekt auftauchte, um den neuen Bewohner von Zimmer 125 zu inspizieren, und der Verschluß ihren Fingernagel ruinierte. Das Zimmer lag im Erdgeschoß des Great Westerner Motels, drei Türen von der Eismaschine und dem Verkaufsautomaten entfernt.

Nachdem der Nagel repariert war, musterte sich Alex ein letztes Mal kritisch im Spiegel. Der erste Eindruck mußte umwerfend sein. Sie würden ohnehin staunen, wenn sie ihnen sagte, wer sie war, aber sie wollte mehr.

Sie sollten schockiert, sprachlos und hilflos sein.

Zweifelsohne würden sie Vergleiche ziehen. Das konnte sie nicht verhindern; aber auf keinen Fall wollte sie bei ihren Intelligenztests schlecht abschneiden. Sie würde dafür sorgen, daß an Celina Gaithers Tochter kein Makel feststellbar wäre.

Ihre Aufmachung hatte sie mit größter Sorgfalt ausgewählt. Alles – Kleidung, Schmuck, Accessoires – war von erlesenem Geschmack, insgesamt schlicht, aber nicht streng; schick, aber nicht zu modisch. Sie strahlte eine Aura von Kompetenz aus, die ihrer Weiblichkeit keinerlei Abbruch tat.

Ihr Ziel war es, sie zuerst zu beeindrucken und dann mit dem Grund ihrer Anwesenheit in Purcell zu überraschen.

Bis vor wenigen Wochen war die Stadt mit dreißigtausend Einwohnern ein einsamer Punkt auf der Karte von Texas gewesen. Hier lebten genauso viele Hasen und Kröten wie Menschen. Vor kurzem waren aber die Geschäftsinteressen der Stadt in die Gazetten geraten, allerdings nur am Rande. Doch wenn Alex einmal mit ihrer Arbeit fertig war, würde Purcell von El Paso bis Texarkana Schlagzeilen machen, davon war sie überzeugt.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, daß ihre Erscheinung höchstens noch durch ein Wunder Gottes oder Schönheitschirurgie verbessert werden könnte, hängte sie sich ihre Handtasche um, nahm ihre Aalhaut-Aktentasche, überprüfte den Zimmerschlüssel und zog die Tür von Nr. 125 hinter sich zu.

Auf der Fahrt in die Stadt mußte Alex im Schneckentempo zwei Schulzonen durchqueren. In Purcell begann die Stoßzeit, sobald die Schule zu Ende war. Eltern transportierten ihre Kinder von der Schule zum Zahnarzt, zu Klavierstunden und Einkaufszentren. Vielleicht waren einige sogar auf dem Weg nach Hause, aber der zähfließende Verkehr und die verstopften Kreuzungen ließen vermuten, daß an diesem Tag offensichtlich keiner direkt heimfuhr. Der Stop-and-go-Verkehr machte ihr eigentlich nichts aus. Sie nutzte die Trödelei, sich ein bißchen mit dem Charakter der Stadt vertraut zu machen.

Schwarzgoldene Bänder flatterten von der Markise der Purcell High School. Die Karikatur eines schwarzen Panthers fauchte vorbeifahrende Autos auf dem Highway an, und ein Schriftzug verkündete POUNCE PERMIAN. Auf dem Feld des Footballstadions trainierte das Footballteam und übte Spielzüge. Die Marschkapelle probte auf einem angrenzenden Trainingsplatz ihren Auftritt für Freitag.

Alles sah so unschuldig aus. Einen Augenblick lang bedauerte Alex ihre Mission und was sie wahrscheinlich der Gemeinde antun würde. Doch dann verdrängte sie rasch ihre Schuldgefühle, indem sie sich daran erinnerte, warum sie hier war. Eine Fülle von Ablehnung und die harten Vorwürfe ihrer Großmutter waren in ihrem Kopf gespeichert, falls sie je auch nur eine Sekunde lang vergaß, was sie hierher geführt hatte. Den Luxus eines schlechten Gewissens konnte sie sich nicht leisten.

Die Innenstadt von Purcell war fast menschenleer. Viele der Geschäftshäuser und Büros um den Hauptplatz standen verlassen und vernagelt da. Es gab zu viele Konkursschilder, um sie noch zu zählen.

Die Sicherheitsglasscheiben, hinter denen einst verlockende Waren prangten, waren mit Graffiti verschmiert. An einer geschlossenen Wäscherei hing ein handgeschriebenes Schild. Jemand hatte das »r« weggekratzt, jetzt las sich das Schild: 3 SHI TS/ $ 1, dreimal Scheiße/1 Dollar, die Wirtschaftslage von Purcell County in dürren Zahlen.

Sie stieg vor dem Bezirksgericht aus und fütterte die Parkuhr mit Münzen. Das Gerichtsgebäude war vor neunzig Jahren aus dem roten Granit der hiesigen Berge erbaut worden. Italienische Steinmetze hatten prätentiöse Fabelwesen und Greifvögel auf jede verfügbare Fläche eingemeißelt, als ob die Masse der Verzierungen das Honorar ihres Auftrags rechtfertigen sollte. Das Ergebnis war protzig, aber gerade dies machte das Gebäude eindrucksvoll. Auf der Kuppel flatterten die Landesfahne und die Flagge von Texas im frischen Nordwind.

Nachdem Alex im letzten Jahr ständig in und um das Kapitol von Austin gearbeitet hatte, konnten offizielle Gebäude sie nicht mehr einschüchtern. Sie schritt entschlossen die Treppe hoch und zog die schweren Türflügel auf. Im Inneren zeugten bröckelnder Putz und abblätternde Farbe vom langsamen Verfall. Auf dem Kachelboden sah sie Haarrisse wie auf den Innenseiten uralter Hände.

Die Gänge waren hoch, zugig und rochen nach Industrie-reinigungslösung, staubigen Akten und einer Überdosis Parfum, die die Sekretärin des Bezirksstaatsanwalts ausströmte. Sie hob erwartungsvoll den Kopf, als Alex das Vorzimmer betrat.

»Hallo. Haben Sie sich verlaufen, Schätzchen? Tolle Frisur. Ich wünschte, ich könnte so einen Knoten tragen. Aber dazu braucht man winzige Ohren. Und ich mach den Elefanten Konkurrenz. Nehmen Sie Henna, um diesen roten Schimmer zu kriegen?«

»Ist das hier das Büro von Bezirksstaatsanwalt Chastain?«

»Klar, Schätzchen. Was wollen Sie denn von ihm? Heute hat er ziemlich viel zu tun.«

»Ich bin von der Staatsanwaltskammer von Travis County. Mr. Harper hat mich telefonisch angemeldet, glaube ich.«

Das Kaugummi in der Backe der Sekretärin erstarrte. »Sie? Wir haben einen Mann erwartet.«

»Wie Sie sehen...« Alex hob die Brauen.

Die Sekretärin zog einen Flunsch. »Mr. Harper hätte doch wirklich erwähnen können, daß sein Assistent eine Lady ist, aber, Scheibenkleister, was soll’s«, sagte sie mit einer verächtlichen Handbewegung. »Sie wissen ja, wie die Männer sind. Ja, Schätzchen, Sie sind auf die Minute pünktlich für Ihren Termin. Ich heiße Imogene. Möchten Sie einen Kaffee? Toll, was Sie da anhaben, so modisch. Die Röcke sind jetzt wieder kürzer, was?«

Alex riskierte es, unhöflich zu sein, und fragte: »Sind die Verhandlungsparteien schon hier?«

In diesem Augenblick ertönte männliches Gelächter durch die geschlossene Tür von nebenan. »Beantwortet das Ihre Frage, Schätzchen?« fragte Imogene. »Da hat wahrscheinlich grade einer einen dreckigen Witz erzählt, um ein bißchen Dampf abzulassen. Die platzen fast vor Neugier, was dieses geheime Treffen soll. Wie heißt denn das große Geheimnis? Mr. Harper hat Pat nicht erzählt, warum Sie nach Purcell kommen, obwohl sie zusammen auf der Uni waren. Hat das was damit zu tun, daß ME eine Glücksspiellizenz kriegen soll?«

»ME?«

»Minton Enterprises.« Sie sagte das, als wäre sie überrascht über Alex’ Ahnungslosigkeit.

»Vielleicht sollte ich sie nicht länger warten lassen«, schlug Alex taktvoll vor und entzog sich so einer Antwort.

»Scheibenkleister, ich red mal wieder zuviel. Wollten Sie jetzt einen Kaffe oder nicht, Schätzchen?«

»Nein danke.« Alex folgte Imogene zur Tür. Ihr Puls beschleunigte sich.

»Verzeihung.« Imogene unterbrach das Gespräch, indem sie den Kopf durch die Tür steckte: »Der Assistent von Bezirksstaatsanwalt Harper ist hier. Macht euch auf was gefaßt.« Sie drehte sich zu Alex um und zwinkerte ihr mit blauverschmierten Wimpern zu, von Frau zu Frau. »Hereinspaziert, Schätzchen.«

Alex wappnete sich innerlich für das bisher wichtigste Treffen ihres Lebens und betrat das Büro. Die Atmosphäre war so entspannt, daß man kein Hellseher sein mußte, um zu erkennen, wen die Herren erwarteten. Sobald sie die Schwelle übertreten und Imogene die Tür hinter ihr zugemacht hatte, sprang der Mann hinter dem Schreibtisch von seinem Stuhl hoch. Er drückte seine brennende Zigarre in einem schweren Glasaschenbecher aus und griff nach seinem Jackett, das er über die Stuhllehne drapiert hatte.

»Pat Chastain«, sagte er und reichte ihr die Hand. »Das ist aber wirklich eine nette Überraschung. Mein Kumpel Greg Harper zeigte immer schon guten Geschmack, was Ladys betrifft. Wundert mich nicht, daß er eine schöne Frau in seinem Team hat.«

Seine sexistische Bemerkung stieß ihr sauer auf, aber sie sagte nichts, neigte nur leicht den Kopf zum Dank für das Kompliment. Die Hand, die sie zur Begrüßung drückte, war so mit Goldarmbändern behängt, daß man daran eine mittelgroße Jacht hätte verankern können. »Danke, daß Sie dieses Treffen arrangiert haben, Mr. Chastain.«

»Kein Problem. Kein Problem. Freut mich, wenn ich Ihnen und Greg einen Gefallen tun kann. Und nennen Sie mich Pat.« Er nahm ihren Ellbogen und führte sie zu den beiden anderen Männern, die höflich auf sie zukamen. »Das hier sind Mr. Angus Minton und sein Sohn, Junior.«

»Meine Herren.« Ihnen so zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, war ein merkwürdiges Gefühl zwischen Neugier und Antipathie. Sie wollte sie doch analysieren, entlarven. Statt dessen tat sie das, was man von einem zivilisierten Menschen erwartet, und schickte sich an, sie zu begrüßen.

Eine schwielige Hand umfaßte die ihre. Der Händedruck war fast zu kräftig, aber so ehrlich und freundlich wie das Gesicht, das sie anlächelte. »Ist mir ein Vergnügen, Ma’am. Willkommen in Purcell County.«

Das Gesicht von Angus Minton war gebräunt, verwittert von sengender Sommersonne, eisigen Nordwinden und Jahren der Arbeit im Freien. Seine zwinkernden blauen Augen umgaben zahllose Lachfältchen, und er besaß eine durchdringende, fröhliche Stimme. Alex vermutete, daß sein Lachen genauso breit wie seine Brust und sein Bierbauch war, die einzigen Anzeichen für kleine Schwächen. Im übrigen sah er sehr fit und kräftig aus. Sein Auftreten war so selbstsicher, daß wohl auch ein jüngerer Mann Bedenken hätte, sich mit ihm anzulegen. Aber trotz all der Kraft, die er ausstrahlte, schaute er so harmlos drein wie ein Ministrant.

Der Händedruck seines Sohnes war weicher, aber genauso herzlich. Er sagte mit vertrauenerweckender Stimme: »Ich bin Junior Minton. Guten Tag.«

»Guten Tag.«

Er sah nicht aus wie dreiundvierzig, schon gar nicht, wenn er lächelte. Seine makellosen Zähne blitzten, und ein vorwitziges Grübchen erschien auf einer Wange, zeugte davon, daß er sich immer nur so gut benahm, wie es die Situation erforderte. In den blauen Augen, die etwas dunkler waren als die seines Vaters, saß versteckter Schalk. Er ließ ihren Blick nicht los, bis sie das Gefühl hatte, nur sie beide bevölkerten diesen Raum. Sie entzog ihm ihre Hand, was er widerwillig geschehen ließ.

»Und dort drüben ist Reede. Reede Lambert.«

Alex wandte sich in die von Pat Chastain angedeutete Richtung und entdeckte den vierten Mann, den sie bis jetzt nicht bemerkt hatte. Etikette schien ihn wenig zu scheren, er lehnte lässig in seinem Stuhl in der Ecke. Abgestoßene Cowboystiefel an den übergeschlagenen Beinen, deren Spitzen zur Decke zeigten und unverschämt hin- und herwackelten. Die Hände hielt er locker über seiner Westerngürtelschnalle verschränkt. Er hob kurz die Rechte und tippte mit zwei Fingern an die Krempe seines Cowboyhutes. »Ma’am.«

»Mr. Lambert«, sagte sie kühl.

»Nehmen Sie Platz«, bat Chastain und zeigte auf einen Stuhl. »Hat Imogene Ihnen einen Kaffee angeboten?«

»Ja, aber ich möchte keinen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir so schnell wie möglich zur Sache kommen könnten.«

»Aber sicher. Junior, zieh den Stuhl hier rüber. Angus.« Chastain bedeutete dem Älteren, sich zu setzen. Als sich alle niedergelassen hatten, setzte sich der Staatsanwalt hinter seinen Schreibtisch. »Also Miss... Verdammt noch mal. Bei der ganzen Vorstellerei haben wir’s versäumt, Ihren Namen rauszukriegen.«

Alle Augen waren auf Alex gerichtet, voller Neugier. Sie ließ sich Zeit, um die Wirkung zu steigern. Sie wollte ihre einzelnen Reaktionen genau beobachten und katalogisieren. Zu schade, daß sie Reede Lambert nicht besser sehen konnte. Er saß schräg hinter ihr, und der Cowboyhut verdeckte die obere Hälfte seines Gesichts.

Sie holte tief Luft. »Ich bin Alexandra Gaither, Celinas Tochter.«

Schockiertes Schweigen quittierte diese Enthüllung.

Schließlich fragte Pat Chastain benommen: »Wer ist Celina Gaither?«

»Da brat mir doch einer’nen Storch.« Angus sank im Stuhl zusammen wie ein leckes Gummitier.

»Celinas Tochter. Mein Gott, das glaub ich einfach nicht«, flüsterte Junior. »Das glaub ich nicht.«

»Würde mich bitte jemand aufklären?« sagte Pat hilfesuchend. Er wurde einfach ignoriert.

Die Mintons starrten Alex unverhohlen an, suchten in ihrem Gesicht nach einer Ähnlichkeit mit ihrer Mutter, die sie so gut gekannt hatten. Aus dem Augenwinkel sah sie, daß Lamberts Stiefelspitzen nicht mehr wippten. Er zog die Beine an und setzte sich aufrecht.

»Was, in aller Welt, haben Sie denn in all den Jahren gemacht?« fragte Angus.

»Wie viele Jahre ist das her?« wollte Junior wissen.

»Fünfundzwanzig«, sagte Alex präzise. »Ich war erst zwei Monate alt, als Großmama Graham von hier wegzog.«

»Wie geht’s Ihrer Großmutter?«

»Sie befindet sich derzeit in einem Pflegeheim in Waco, an Krebs erkrankt, Mr. Minton.« Sie sah keine Veranlassung seine Gefühle zu schonen. »Sie liegt im Koma.«

»Das tut mir leid.«

»Danke.«

»Und wo haben Sie die ganze Zeit gesteckt?«

Alex nannte eine Stadt in Mitteltexas. »Wir haben mein ganzes Leben lang dort gelebt – zumindest seit ich mich erinnern kann. Ich hab dort meinen High-School-Abschluß gemacht, bin dann auf die University von Texas gegangen, danach direkt auf die juristische Fakultät. Ich hab vor einem Jahr mein Diplom gemacht.«

»Juristische Fakultät. Stellt euch das vor! Also, Sie haben sich toll rausgemacht, Alexandra. Was sagst du, Junior?«

Junior setzte sein unwiderstehliches Lächeln auf. »Das kann man wohl sagen. Sie haben sich ganz schön verändert, seit ich Sie das letzte Mal gesehen habe«, neckte er sie. »Soweit ich mich erinnern kann, war Ihre Windel naß und Sie hatten kein einziges Haar auf dem Kopf.«

Seine Versuche, mit ihr zu flirten, machten Alex nervös angesichts ihres Motivs für dieses Treffen. Sie war froh, als Pat Chastain sich wieder zu Wort meldete. »Tut mir leid, daß ich dieses rührende Wiedersehen stören muß, aber ich tappe immer noch im dunkeln.«

Angus klärte ihn auf. »Celina war eine Klassenkameradin von Junior und Reede. Sie waren die besten Freunde, praktisch unzertrennlich, die drei, solang sie auf der High School waren. Verrückte Kinder.«

Dann verdüsterten sich seine blauen Augen, und er schüttelte traurig den Kopf. »Celina ist gestorben. War wirklich tragisch.« Er nahm sich Zeit, um sich zu sammeln. »Wie dem auch sei, heute hören wir zum ersten Mal wieder von Alexandra, seit ihre Großmutter, Celinas Mutter, mit ihr von hier weggezogen ist.« Er schlug sich lächelnd auf die Schenkel. »Verdammt, ist das ein gutes Gefühl, dich wieder hier in Purcell zu haben.«

»Danke, aber...« Alex öffnete ihre Aktentasche und nahm einen braunen Umschlag heraus. »Ich werde nicht bleiben. Ich bin in offizieller Mission hier.« Sie reichte dem Bezirksstaatsanwalt den Umschlag. Er sah ihn ratlos an.

»Offizielle Mission? Als Greg mich angerufen und gebeten hat, seinem top prosecutor1 zu helfen, hat er etwas vom Wiederaufrollen eines Falls gesagt.«

»Steht alles da drin«, sagte Alex und deutete auf den Umschlag. »Ich schlage vor, Sie sehen sich den Inhalt an und machen sich gründlich mit den Details vertraut. Greg Harper bittet um die volle Unterstützung Ihres Büros und der lokalen Polizeibehörde, Mr. Chastain. Er hat mir versichert, daß Sie für die Dauer meiner Ermittlungen seiner Bitte entsprechen werden.« Sie schloß energisch ihre Aktentasche, erhob sich und ging zur Tür.

»Ermittlungen?« Staatsanwalt Chastain sprang auf. Die Mintons folgten seinem Beispiel.

»Arbeiten Sie mit der Pferderennkommission zusammen?« fragte Angus. »Uns wurde gesagt, wir würden genau durchleuchtet, bevor sie uns eine Glücksspiellizenz geben, aber ich dachte, wir hätten die Probe schon bestanden.«

»Ich dachte auch, der Rest wäre nur noch eine Formalität«, sagte Junior.

»Soviel ich weiß, ist es das auch«, sagte Alex. »Meine Ermittlungen haben nichts mit der Rennkommission oder der Erteilung Ihrer Pferderennlizenz zu tun.«

Da sie dem nichts mehr hinzufügte, fragte Chastain: »Und womit hat es dann etwas zu tun, Miss Gaither?«

Sie baute sich zu ihrer vollen Größe auf und sagte: »Ich rolle einen fünfundzwanzig Jahre alten Mordfall wieder auf. Greg Harper hat um Ihre Hilfe gebeten, Mr. Chastain, da das Verbrechen im Purcell County begangen wurde.«

Sie sah Angus direkt in die Augen, dann Junior. Schließlich richtete sich ihr Blick auf Reede Lamberts Hut. »Und bevor ich hier fertig bin, werde ich wissen, wer von euch meine Mutter umgebracht hat.«

2

Alex schälte sich aus ihrer Kostümjacke und warf sie auf das Motelbett. Ihre Achseln waren schweißnaß, und ihre Knie drohten nachzugeben. Ihr war speiübel. Der Auftritt im Büro des Staatsanwalts hatte sie mehr mitgenommen, als sie sich eingestehen wollte.

Pat Chastains Räume hatte sie hocherhobenen Hauptes verlassen. Sie war nicht zu schnell gegangen, aber auch nicht zu langsam, hatte Imogene, die offensichtlich an der Tür gehorcht hatte und Alex mit offenem Mund anstarrte, zugelächelt.

Ihren Abgangstext hatte sie gut einstudiert, gut getimt und perfekt durchgeführt. Das Treffen war genauso verlaufen, wie sie es geplant hatte, aber ihr fiel ein Zentnergewicht vom Herzen, daß es nun vorbei war.

Inzwischen streifte sie ein klebriges Stück Kleidung nach dem anderen ab. Es wäre zu schön, annehmen zu dürfen, sie hätte das Schlimmste hinter sich; aber sie befürchtete, daß ihr das noch bevorstand. Die Männer, die sie heute kennengelernt hatte, würden sich nicht auf den Rücken legen und tot spielen. Sie mußte ihnen wieder gegenübertreten, und dann würden sie nicht so erfreut sein über das Treffen.

Angus Minton wirkte wie ein heiliger Nikolaus, aber Alex wußte, daß kein Mann in Angus’ Position so arglos sein konnte, wie er sich gab. Er war der reichste, der mächtigste Mann im Bezirk. Diesen Status erwarb man nicht durch gütige Führungsqualitäten. Er würde darum kämpfen, das zu behalten, was er sich ein Leben lang aufgebaut hatte.

Junior war ein Charmeur, der sich mit Frauen auskannte. Die Zeit war glimpflich mit ihm umgegangen. Er hatte sich kaum verändert im Vergleich mit den alten Fotos, die sie kannte. Sie wußte auch, daß er sein gutes Aussehen ausnutzte. Ihn zu mögen würde ihr nicht schwerfallen. Ihn des Mordes zu verdächtigen auch nicht.

Reede Lambert war am schwersten einzuschätzen, weil sie von ihm nur einen undeutlichen Eindruck hatte. Im Gegensatz zu den anderen war es ihr nicht gelungen, ihm in die Augen zu sehen. Reede, der Mann, sah viel härter und kräftiger aus als Reede, der Junge, aus der Fotoschachtel ihrer Großmutter. Er wirkte verstockt, unfreundlich und gefährlich.

Einer dieser Männer hatte ihre Mutter getötet, davon war sie überzeugt.

Celina Gaither war nicht von Buddy Hicks, dem Verurteilten, ermordet worden. Ihre Großmutter, Merle Graham, hatte das Alex ihr ganzes Leben lang wie den Katechismus eingebleut.

»Deine Aufgabe ist es, Alexandra, das wieder in Ordnung zu bringen«, hatte Merle ihr fast täglich gepredigt. »Das ist das mindeste, was du für deine Mutter tun kannst.« Dann hatte sie immer einen sehnsüchtigen Blick auf eines der vielen gerahmten Fotos ihrer toten Tochter geworfen, die im ganzen Haus verstreut standen. Und danach war sie unweigerlich in Tränen ausgebrochen, und ihre Enkelin hatte stets Mühe gehabt, sie zu trösten.

Doch bis vor wenigen Wochen hatte Alex nicht gewußt, wen Merle des Mordes an Celina verdächtigte. Es war die finsterste Stunde in Alex’ Leben gewesen, als die Großmutter auspackte.

Nach einem dringenden Anruf des Arztes aus dem Pflegeheim war Alex über die Interstate nach Waco gerast. Das Heim galt als ruhig, makellos gepflegt und von verantwortungsvollen Profis geführt. Merles Pension von der Telefongesellschaft ermöglichte ihren Aufenthalt. Trotz aller Annehmlichkeiten hing der graue Geruch des Alters, der Verzweiflung und des Verfalls wie ein Nebel in seinen Gängen.

Als sie an jenem scheußlichen, kalten, regnerischen Nachmittag dort ankam, hatte man Alex mitgeteilt, der Zustand ihrer Großmutter wäre kritisch. Sie betrat das stille Privatzimmer und ging auf das Krankenhausbett zu. Merles Körper war seit Alex’ Besuch letzte Woche in sich zusammengefallen. Aber ihre Augen funkelten wie Silvesterraketen, nur war es ein feindseliges Funkeln.

»Komm hier nicht rein«, ächzte Merle kurzatmig. »Ich will dich nicht sehen. Das ist alles nur wegen dir!«

»Was, Großmama?« fragte Alex entsetzt. »Wovon redest du überhaupt?«

»Ich will dich hier nicht haben.«

Beschämt über diese krasse Abfuhr sah Alex den anwesenden Arzt und die Schwestern an. Sie zuckten ratlos die Schultern. »Warum willst du mich nicht sehen? Ich bin den ganzen weiten Weg von Austin hergekommen.«

»Es ist deine Schuld, daß sie gestorben ist, weißt du. Wenn du nicht gewesen wärst...« Merle stöhnte vor Schmerz und klammerte sich mit bleistiftdünnen, blutleeren Fingern an ihr Laken.

»Daß sie...? Du sagst, ich wäre verantwortlich für Mutters Tod?«

Merle riß die Augen auf. »Ja«, zischte sie böse.

»Aber ich war doch erst ein Baby, ein Säugling«, wehrte Alex ab und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Wie sollte ich...«

»Frag sie alle.«

»Wen, Großmama? Wen soll ich fragen?«

»Den, der sie ermordet hat. Angus, Junior, Reede. Aber du warst es, du... du... du...«

Der Arzt hatte Alex aus dem Zimmer bringen müssen, mehrere Minuten nachdem Merle in ein tiefes Koma gefallen war. Die schreckliche Beschuldigung hatte sie gelähmt, dröhnte durch ihr Gehirn und griff ihre Seele an.

Wenn Merle Alex für den Tod von Celina verantwortlich machte, dann erklärten sich so viele Dinge, die Alex seit ihrer Kindheit gespürt hatte. Sie hatte sich immer gefragt, wieso Großmama Graham nie sonderlich liebevoll mit ihr umgegangen war. Gleichgültig wie bemerkenswert Alex’ Leistungen waren, sie reichten nie für ein Lob von Großmama. Sie wußte, daß sie niemals als so talentiert, klug oder gemütvoll galt wie das lächelnde Mädchen auf dem Foto, das Merle mit so trauriger Sehnsucht anzustarren pflegte.

Alex haßte ihre Mutter nicht. Im Gegenteil, sie hatte sie wie ein Idol verehrt, mit der blinden Leidenschaft eines Kindes, das ohne Eltern aufgewachsen war. Sie bemühte sich ständig, genausogut in allem zu sein wie Celina; nicht nur, um eine würdige Tochter zu sein, sondern auch in der verzweifelten Hoffnung, die Liebe und Anerkennung ihrer Großmutter zu gewinnen. Deshalb war sie wie vom Donner gerührt, als die sterbende Großmutter ihr den Mord an Celina in die Schuhe schob.

Der Arzt hatte behutsam vorgeschlagen, es wäre doch vielleicht in ihrem Sinne, Mrs. Graham von den lebenserhaltenden Apparaten abzukoppeln. »Wir können jetzt nichts mehr für sie tun, Miss Gaither.«

»O doch«, sagte Alex so heftig, daß er erschrak. »Sie können sie am Leben erhalten. Ich möchte mit Ihnen in ständiger Verbindung bleiben.«

Sofort nach ihrer Rückkehr nach Austin begann sie im Mordfall Celina Gaither zu recherchieren. Sie verbrachte viele schlaflose Nächte mit dem Studium von Protokollen und Gerichtsdokumenten, bevor sie ihren Boß, den Bezirksstaatsanwalt von Travis County, darauf ansprach.

Greg Harper hatte seine brennende Zigarette von einem Mundwinkel in den anderen geschoben. Im Gerichtssaal war Greg die Geißel schuldiger Angeklagter, lügender Zeugen und gesitteter Richter. Er redete zu laut, rauchte zuviel, trank reichlich und trug fünfhundert Dollar teure Nadelstreifenanzüge mit Eidechsenstiefeln, die doppelt soviel kosteten.

Ihn als Angeber und Egomanen zu bezeichnen wäre eine glatte Untertreibung. Er war klug, ehrgeizig, rücksichtslos, ohne Erbarmen und hatte ein echtes Schandmaul, was seine Chancen, in die Politik des Staates einzusteigen, ziemlich schmälerte, und ausgerechnet das war sein größter Ehrgeiz. Er war ein Anhänger des Pluspunktesystems und dankbar für unverbogene Talente. Deshalb stellte er Alex in sein Team ein.

»Sie wollen einen fünfundzwanzig Jahre alten Mordfall aufrollen?« fragte er, als sie ihm erklärte, warum sie ihn um das Arrangieren dieses Treffens gebeten hatte. »Grund?«

»Das Opfer war meine Mutter.«

Zum ersten Mal seit sie ihn kannte, hatte Greg eine Frage gestellt, auf die er die Antwort noch nicht kannte – oder zumindest ahnte. »Mein Gott, Alex. Tut mir leid, das wußte ich nicht.«

Sie tat das mit einem Schulterzucken ab. »Na ja, ist auch nicht unbedingt etwas, das man an die große Glocke hängt, oder?«

»Wann war das? Wie alt waren Sie?«

»Ich war noch ein Säugling. Ich kann mich nicht an sie erinnern. Sie war erst achtzehn, als sie getötet wurde.«

Er strich mit seiner langen, knochigen Hand über sein noch längeres knochiges Gesicht. »Der Fall läuft in den Akten als offiziell unaufgeklärt?«

»Nicht direkt. Ein Verdächtiger wurde verhaftet und angeklagt, aber das Verfahren wurde eingestellt, kam nie vor Gericht.«

»Erzählen Sie mir alles Nötige, aber machen Sie’s kurz. Ich esse heute mit dem Generalstaatsanwalt zu Mittag«, erklärte er. »Sie haben zehn Minuten. Schießen Sie los.«

Nachdem sie fertig war, runzelte Greg die Stirn und zündete sich eine Zigarette an der glühenden Kippe in seiner Hand an. »Verdammt, Alex, Sie haben nicht gesagt, daß die Mintons da mit drinhängen. Ihre Oma glaubt wirklich, daß einer von ihnen Ihre Mutter abgemurkst hat?«

»Oder ihr Freund, Reede Lambert.«

»Hat sie ihnen vielleicht auch ein Motiv angehängt?«

»Nicht ausdrücklich.« Alex widerstrebte es, ihm zu sagen, daß Merle sie als Motiv genannt hatte. »Offensichtlich war Celina eng mit ihnen befreundet.«

»Warum sollte dann einer von ihnen sie umbringen?«

»Das will ich ja herausfinden.«

»Auf Staatskosten?«

»Der Fall ist aufklärbar, Greg«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

»Alles, was Sie haben, ist eine Ahnung.«

»Es ist mehr als eine Ahnung.«

Er räusperte sich. »Sind Sie sicher, daß das keine persönliche Fehde ist?«

»Natürlich nicht«, Alex war gekränkt. »Ich verfolge die Sache vom strikt legalen Standpunkt aus. Wenn Buddy Hicks der Prozeß gemacht und er von einer Jury verurteilt worden wäre, würde ich das, was Großmama gesagt hat, nicht so ernst nehmen. Aber es steht in den Akten.«

»Wieso hat sie dann nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, nachdem der Mord passiert war?«

»Das hab ich sie auch gefragt. Sie hatte nicht viel Geld, und die Justizmaschinerie jagte ihr Angst ein. Außerdem hatte der Mord sie ihrer ganzen Energien beraubt. Das bißchen, was sie noch besaß, brauchte sie, um mich durchzubringen.«

Inzwischen war Alex klar, warum ihre Großmutter, seit sie denken konnte, sie gedrängt hatte, Juristin zu werden. Und weil man das von ihr erwartete, hatte Alex die Schule mit Auszeichnung und ihr Jurastudium als eine der zehn Besten abgeschlossen. Juristin war zwar der Beruf, den Merle für sie ausgesucht hatte, aber glücklicherweise war es obendrein ein Gebiet, das Alex faszinierte und begeisterte. Ihr wissensdurstiger Verstand genoß es, in die verschlungenen Raffinessen der Justiz einzutauchen. Sie war auf ihr Ziel gut vorbereitet.

»Großmama war eine verwitwete Dame, die plötzlich mit einem Baby dastand, das aufgezogen werden mußte«, begann sie, um ihn für sich einzunehmen. »Sie konnte praktisch nichts machen bei Hicks’ Zurechnungsfähigkeitsprüfung. Sie nahm das bißchen Geld, das sie hatte, packte ihre Sachen, verließ die Stadt und ist nie zurückgekehrt.«

Greg warf einen Blick auf seine Uhr. Dann klemmte er sich die Zigarette zwischen die Zähne, stand auf und zog sich sein Jackett an. »Ich kann keinen Mordfall wieder aufrollen, ohne den geringsten Beweis oder Grund. Das wissen Sie. Ich hab Sie nicht von der juristischen Fakultät entführt, weil Sie dumm sind. Ich muß aber zugeben, Ihr schöner Hintern war da schon ein bißchen ausschlaggebend.«

»Danke.«

Sie war augenscheinlich angewidert und nicht nur wegen seiner sexistischen Bemerkung, die sie ohnehin nicht ernst nahm, so dick, wie die aufgetragen war. »Hören Sie, Alex, das ist nicht gerade ein kleiner Gefallen, um den Sie mich da bitten«, sagte er. »Nachdem es dabei um diese hochkarätigen Typen geht, wäre das ein mittleres Erdbeben. Bevor ich meinen Hals in die Schlinge stecke, brauchen Sie noch ein bißchen mehr als eine Ahnung und Omas Gefasel.«

Sie folgte ihm zur Bürotür. »Kommen Sie, Greg, ersparen Sie mir das juristische Geschwafel. Sie denken doch nur an sich selbst.«

»Da haben Sie verdammt recht. Ständig.«

Seine Bestätigung ließ ihr keinen Raum für Manöver. »Geben Sie mir wenigstens die Erlaubnis, in diesem Mordfall zu ermitteln, solange ich nicht aktiv an anderen Fällen arbeite.«

»Sie wissen, wieviel Rückstau wir aufzuarbeiten haben. Wir kriegen jetzt schon nicht alle Fälle vor Gericht.«

»Ich mache Überstunden. Ich werde meine anderen Aufgaben nicht vernachlässigen. Sie wissen das.«

»Alex...«

»Bitte, Greg.« Er wollte sie dazu bringen, die Bitte zurückzuziehen, aber sie würde sich nur einem glatten Nein fügen. Ihre vorläufigen Recherchen hatten ihr Interesse geweckt. Ihre verzweifelte Sehnsucht, den großmütterlichen Schuldspruch zu entkräften und sich selbst von der Last zu befreien, motivierten sie außerdem. »Wenn ich nicht bald irgend etwas ans Licht bringe, lasse ich die Sache fallen, und Sie werden nie wieder davon hören.«

Er musterte ihr entschlossenes Gesicht. »Warum arbeiten Sie Ihren Frust nicht so ab wie alle anderen und ficken mal wieder nach Herzenslust? Mindestens die Hälfte aller Männer in der Stadt, ob verheiratet oder nicht, würde Ihnen gern behilflich sein.« Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Okay, okay. Sie können ein bißchen bohren, aber bitte in Ihrer Freizeit. Bringen Sie mir etwas Konkretes. Wenn ich Wählerstimmen gewinnen will, kann ich nicht wie ein Narr handeln und die andern in dieser Abteilung auch nicht. Jetzt komm ich zu spät zum Mittagessen. Tschüs.«

Sie hatte einen Wust von Fällen zu bearbeiten, und die Zeit, die sie für den Mord an ihrer Mutter aufwenden konnte, war sehr begrenzt gewesen. Sie las alles, was sie in die Finger kriegen konnte – Zeitungsberichte, Protokolle von Buddy Hicks’ Anhörung –, bis sie alle Fakten auswendig kannte.

Sie waren sehr schlicht und klar. Mr. Bud Hicks, ein geistig Behinderter, war in der Nähe des Tatorts verhaftet worden, mit dem Blut des Opfers an seiner Kleidung. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war er im Besitz chirurgischer Instrumente, mit denen er das Opfer mutmaßlich getötet hatte. Er wurde eingesperrt, verhört und offiziell angeklagt. Innerhalb weniger Tage gab es eine Prüfung seiner Zurechnungsfähigkeit. Richter Joseph Wallace hatte Hicks für verhandlungsunfähig erklärt und ihn in eine staatliche Anstalt eingewiesen.

Der Fall schien sonnenklar. Und dann, gerade als sie anfing zu glauben, Greg könnte doch recht haben und sie würde Hirngespinsten nachjagen, entdeckte sie eine merkwürdige Ungereimtheit in der Niederschrift von Hicks’ Anhörung. Nachdem sie der Sache nachgegangen war, wandte sie sich mit einer eidesstattlichen Erklärung wieder an Greg.

»So, ich hab’s.« Sie klatschte die Akte triumphierend auf die anderen, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten.

Gregs Miene verdüsterte sich. »Sie sollten nicht so scheißfröhlich sein, und, um Himmels willen, machen Sie nicht solchen Krach. Ich hab einen gigantischen Kater.« Er murmelte das durch eine dichte Wand von Rauch, nahm nur kurz die Zigarette aus dem Mund und trank einen Schluck Kaffee. »Wie war Ihr Wochenende?«

»Herrlich. Wesentlich produktiver als Ihres. Lesen Sie das.«

Er öffnete vorsichtig die Akte und überflog mit trübem Blick den Inhalt. »Hmm.« Was er da sah, lüftete die Nebel. Er lehnte sich im Stuhl zurück, stützte seine Füße gegen die Schreibtischkante und las noch einmal alles gründlich durch. »Das stammt von dem Arzt aus der Anstalt, in der dieser Hicks eingebunkert ist?«

»War. Er ist vor ein paar Monaten gestorben.«

»Interessant.«

»Interessant?« rief Alex. Sie sprang auf, stellte sich hinter ihren Stuhl und krallte sich in die Lehne. »Greg. Buddy Hicks wurde fünfundzwanzig Jahre unschuldig festgehalten.«

»Das wissen Sie noch nicht. Ziehn Sie keine voreiligen Schlüsse.«

»Sein letzter behandelnder Psychiater sagte, Buddy Hicks wäre ein mustergültiger Patient gewesen. Er zeigte nie irgendwelche gewalttätigen Neigungen. Er hatte keinen nennenswerten Sexualtrieb und war nach der fachlichen Meinung des Arztes unfähig, ein Verbrechen wie das zu begehen, das meine Mutter das Leben kostete. Sie müssen zugeben, daß das ziemlich dubios aussieht.«

Er las noch einige Schriftstücke, dann murmelte er: »Dubios schon, aber eine rauchende Pistole ist das noch lange nicht.«

»Konkrete Beweise werde ich keine liefern können, außer es geschieht ein Wunder. Der Fall ist fünfundzwanzig Jahre alt. Ich kann nur hoffen, daß ich genug Indizien finde, um ihn vor ein Schwurgericht zu bringen. Ein Geständnis des wahren Mörders – ich bin nämlich absolut überzeugt, daß Bud Hicks meine Mutter nicht ermordet hat – ist ein Wunschtraum. Es besteht noch eine winzige Möglichkeit, einen Augenzeugen aus seiner Reserve zu locken.«

»Winzig bis null, Alex.«

»Warum?«

»Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht, also sollten Sie es auch wissen. Der Mord passierte in einem Pferdestall auf Angus Mintons Ranch. Sie brauchen in diesem Bezirk nur seinen Namen zu nennen, egal wo, und die Erde bebt. Er ist ein ganz großer Karpfen im Teich. Falls es einen Augenzeugen geben sollte, würde er nie gegen Minton aussagen, weil er damit die Hand abhackt, die ihn füttert. Minton hat etwa ein Dutzend Unternehmen in einem Teil des Staates, der wirtschaftlich praktisch auf dem letzten Loch pfeift...

Was uns zu einem weiteren prekären Bereich bringt in einem Fall, in dem’s vor prekären Bereichen nur so wimmelt.« Greg schlürfte seinen Kaffee und zündete sich eine weitere Zigarette an. »Die Rennkommission des Gouverneurs hat Minton gerade grünes Licht gegeben für den Bau dieser Pferderennbahn in Purcell County.«

»Dessen bin ich mir sehr wohl bewußt. Was hat das mit meiner Sache zu tun?«

»Sagen Sie’s mir.«

»Nichts!« schrie sie.

»Okay. Ich glaube Ihnen. Aber wenn Sie damit anfangen, einen von Texas’ liebsten Söhnen mit Anschuldigungen und Mutmaßungen zu bombardieren, wie glauben Sie, wird der Gouverneur darauf reagieren? Er ist verdammt stolz auf seine Rennkommission. Er will, daß diese Wettgeschichte ohne Hindernis aus den Startlöchern schießt. Keine Kontroversen. Keine schlechte Presse. Keine dubiosen Deals. Er will, daß alles persilrein ist...

Und wenn dann eine siebengescheite Anklägerin anfängt, sich das Maul zu zerreißen, und jemanden, dem seine handverlesene Kommission ihren begehrten Segen erteilt hat, mit einem Mord in Verbindung bringen will, wird der Gouverneur komplett stinksauer sein. Und wenn diese Anklägerin unter meiner Zuständigkeit arbeitet, auf wen wird er dann wohl am sauersten sein? Moi.«

Alex widersprach ihm nicht. Statt dessen sagte sie ruhig: »Na schön. Ich kündige und mach es allein.«

»Mein Gott, wie dramatisch! Lassen Sie mich doch ausreden.« Er drückte den Knopf seiner Gegensprechanlage und brüllte seiner Sekretärin zu, sie solle noch Kaffee bringen. Als das geschehen war, zündete er sich eine weitere Zigarette an.

»Andererseits«, sagte er und stieß eine Rauchwolke aus, »kann ich das Schwein, das in der Gouverneursvilla wohnt, nicht ausstehen. Ich hab kein Hehl draus gemacht, und es beruht auf Gegenseitigkeit, obwohl der bigotte Hurensohn es nicht zugeben will. Ich würde es sehr genießen, wenn er sich mal so richtig winden müßte. Können Sie sich vorstellen, wie das wäre, wenn er versucht zu erklären, warum seine Kommission aus den Legionen von Anwärtern ausgerechnet jemanden gewählt hat, der in einen Mord verwickelt ist?«

Alex fand Gregs Motive widerlich, aber sie war überglücklich, daß sie seine offizielle Erlaubnis hatte. »Ich kann also den Fall wieder aufrollen?«

»Der Fall ist nach wie vor ungelöst, weil Hicks nie vor Gericht gestellt wurde.« Er stellte seine Füße auf den Boden, und der Stuhl schaukelte quietschend vorwärts. »Eins muß ich Ihnen aber sagen – ich mach das wider mein besseres Wissen, und ich mache es nur, weil ich Ihrem Bauchgefühl vertraue. Ich mag Sie, Alex. Sie haben Ihre Fähigkeiten unter Beweis gestellt, als Sie hier Ihre Referendarzeit absolvierten. Abgesehen von Ihrem tollen Hintern ist es wunderbar, Sie in unserer Ecke zu haben.«

Sein Blick senkte sich zu dem Material, das sie gesammelt hatte, er nestelte an einer Ecke der Akte herum. »Trotzdem glaube ich, daß Sie diese Leute persönlich auf dem Kieker haben, oder die Stadt, was auch immer. Ich will damit nicht sagen, daß das nicht gerechtfertigt wäre, nur daß man darauf keinen Fall aufbauen kann. Ohne die eidesstattliche Erklärung dieses Seelenklempners hätte ich Ihre Bitte abgelehnt. Also, während Sie da draußen in der weiten Prärie herumpirschen, vergessen Sie nicht, daß mein Hintern auch Gefahr läuft, versengt zu werden.« Er hob den Kopf und sah sie grimmig an. »Bauen Sie keine Scheiße.«

»Das heißt, ich darf nach West Texas fahren?«

»Da ist es doch passiert, oder?«

»Ja, aber was wird aus meinen laufenden Fällen?«

»Ich übergebe die Vorbereitungen den Assessoren und bitte um Terminverschiebung. Inzwischen werde ich mit dem Staatsanwalt in Purcell reden. Wir waren zusammen auf der Uni. Er ist der perfekte Mann für das, was Sie vorhaben. Er gehört zum Durchschnitt und hat eine Frau geheiratet, die eine Klasse zu hoch ist für ihn. Allen will er es ständig recht machen. Ich werde ihn bitten, Sie mit allen Kräften zu unterstützen.«

»Verraten Sie noch keine Einzelheiten, ich will nicht, daß sie gewarnt sind.«

»Okay.«

»Ich danke Ihnen, Greg«, sagte sie voller Inbrunst.

»Nicht so hastig«, dämpfte er ihre Begeisterung. »Wenn Sie sich da draußen in die Klemme manövrieren, werde ich mich von Ihnen lossagen. Der Generalstaatsanwalt macht kein Geheimnis daraus, daß ich sein nächster Erbe bin. Ich will den Job, und mein Schönstes wäre, wenn ich eine gutaussehende, gewiefte Braut als Leiterin einer meiner Abteilungen vorzuweisen hätte. Das kommt bei den Wählern gut an.« Er richtete seinen nikotinbraunen Zeigefinger auf sie. »Aber wenn Sie auf den Hintern fallen, hab ich Sie nie gekannt, Kleines. Kapiert?«

»Sie sind ein skrupelloser Bastard.«

Er grinste wie ein Krokodil. »Nicht mal meine Mama hat mich besonders gemocht.«

»Ich schick Ihnen eine Postkarte.« Sie wandte sich zum Gehen.

»Moment mal. Da ist noch etwas. Sie haben dreißig Tage.«

»Was?«

»Dreißig Tage, um etwas rauszufinden.«

»Aber...«

»Länger kann ich Sie nicht entbehren, ohne daß der Rest der Indianer hier nervös wird. Das ist sowieso länger, als es Ihre Ahnung und die schwindsüchtigen Beweise rechtfertigen. Sie können es akzeptieren oder nicht.«

»Ich akzeptiere.«

Er wußte nicht, daß sie eine wesentlich dringendere Frist einzuhalten hatte, eine persönliche. Alex wollte ihrer Großmutter den Namen von Celinas Mörder präsentieren, bevor sie starb. Es war ihr egal, daß ihre Großmutter im Koma lag. Irgendwie würde sie in ihr Bewußtsein eindringen. Ihr letzter Atemzug würde friedlich vonstatten gehen, und Alex war überzeugt, daß sie zu guter Letzt ihre Enkelin loben würde.

Alex beugte sich über Gregs Schreibtisch. »Ich weiß, daß ich recht habe. Ich werde den wahren Mörder vor Gericht bringen, und wenn ich das getan habe, bekommt er auch seine Strafe. Sie werden es sehen.«

»Ja, ja. Inzwischen sollten Sie rausfinden, wie Sex mit einem Cowboy ist. Und sich Notizen machen. Ich will Einzelheiten über Sporen und Pistolen und so weiter.«

»Perversling.«

»Luder. Und knallen Sie nicht die – oh, Scheiße!«

Bei dem Gedanken an dieses Treffen mußte Alex lächeln. Seine sexistischen Beleidigungen nahm sie nicht ernst, weil sie wußte, daß er sie beruflich respektierte. Greg Harper gebärdete sich zwar als scharfer Hund, aber seit dem Sommer vor ihrem ersten Semester Jura, während ihres Praktikums im Büro des Staatsanwalts, war er ihr Mentor und Freund. Jetzt riskierte er etwas für sie, und sein Vertrauensvotum machte sie zuversichtlich.

Sobald sie Gregs Einwilligung ergattert hatte, lief sie auf Hochtouren. Sie hatte nur einen Tag gebraucht, um ihren Papierkram aufzuarbeiten, ihren Schreibtisch zu räumen und ihre Eigentumswohnung abzuschließen. Frühmorgens hatte sie Austin verlassen und ihre Fahrt kurz in Waco im Pflegeheim unterbrochen. Merles Zustand war unverändert. Alex hatte die Nummer des Westerner Motels hinterlassen, damit man sie im Notfall erreichen konnte.

In ihrem Motelzimmer wählte sie die Privatnummer des Staatsanwalts.

»Mr. Chastain, bitte«, sagte sie, als sich eine Frauenstimme meldete.

»Er ist nicht zu Hause.«

»Mrs. Chastain? Ich muß Ihren Mann in einer dringenden Angelegenheit sprechen.«

»Mit wem habe ich es zu tun?«

»Alex Gaither.«

Ein leises Lachen war vom anderen Ende der Leitung zu hören. »Ach, Sie sind diejenige, was?«

»Diejenige?«

»Diejenige, die die Mintons und Sheriff Lambert des Mordes bezichtigt hat. Pat ist total rotiert, als er nach Hause kam. Ich hab ihn noch nie so...««

»Wie bitte?« unterbrach Alex sie und rang nach Luft. »Sagten Sie Sheriff Lambert?«

3

Das Büro des Sheriffs war im Keller des Gerichtsgebäudes des Bezirks Purcell untergebracht. Zum zweiten Mal innerhalb von ebenso vielen Tagen stellte Alex ihren Wagen an einer Parkuhr auf dem Stadtplatz ab und betrat das Gebäude.

Es war noch früh am Morgen, und wenig Betrieb herrschte in den Büros auf der unteren Ebene. Im Zentrum dieses Irrgartens von Kabinen lag ein großer Dienstraum, der genauso aussah wie alle anderen in diesem Land. Eine Wolke von Zigarettenrauch schwebte wie ein Wattepaket darüber. Mehrere uniformierte Deputies2 drängten sich um eine Kochplatte, auf der Kaffee dampfte. Ein Kopf nach dem anderen drehte sich in ihre Richtung, bis alle Blicke auf sie geheftet waren. Sie kam sich in diesem ausschließlich männlichen Territorium völlig fehl am Platze vor. In das Büro des Sheriffs von Purcell hatte die Gleichberechtigung offensichtlich noch keinen Einzug gehalten.

Sie blieb tapfer stehen und sagte freundlich: »Guten Morgen.«

»Morgen«, erwiderten sie im Chor.

»Mein Name ist Alex Gaither. Ich möchte den Sheriff sprechen, bitte.« Ihre Bekanntmachung war überflüssig, sie wußten bereits, wer und warum sie hier war. Nachrichten verbreiteten sich schnell in einer so kleinen Stadt wie Purcell.

»Erwartet er Sie?« fragte einer der Deputies herausfordernd, nachdem er Tabaksaft in eine leere Bohnendose gespuckt hatte.

»Er wird mich bestimmt empfangen«, sagte sie zuversichtlich.

»Hat Pat Chastain Sie hergeschickt?«

Alex hatte am Morgen noch einmal versucht, ihn zu erreichen, aber laut Mrs. Chastain war er bereits auf dem Weg ins Büro. Sie hatte dort angerufen, aber niemand meldete sich. Entweder hatte sie ihn gerade verpaßt, oder er ging ihr aus dem Weg. »Er weiß, warum ich hier bin. Ist der Sheriff da?« fragte sie, etwas genervt.

»Ich glaube nicht.«

»Ich hab ihn nicht gesehen.«

»Ja, er ist hier«, sagte ein dritter widerwillig, »seit ein paar Minuten.« Er deutete mit dem Kopf in Richtung Gang. »Letzte Tür links, Ma’am.«

»Danke.«

Alex lächelte ihnen freundlich zu, obwohl ihr gar nicht danach war, und ging los. Sie spürte, daß alle Blicke auf ihren Rücken geheftet waren. Dann klopfte sie an die genannte Tür.

Reede Lambert saß an einem verschrammten hölzernen Schreibtisch, der wahrscheinlich so alt war wie der Grundstein des Gebäudes. Seine gestiefelten Beine ruhten auf einer Kante des Möbels. Er lümmelte sich genauso wie gestern, diesmal in einem Drehstuhl.

Sein Cowboyhut und seine lederne, pelzgefütterte Jacke hingen an einem Ständer in der Ecke zwischen einem ebenerdigen Fenster und einer Wand. An ihr drängelten sich Steckbriefe, die mit vergilbten Streifen Tesafilm festgeklebt waren. In der Hand hielt er eine abgestoßene Kaffeetasse.

»Morgen, Miss Gaither.«

Sie schloß die Tür so heftig, daß die Milchglasscheibe klirrte. »Warum hat man mir das gestern nicht gesagt?«

»Und die Überraschung verpatzt?« sagte er mit einem boshaften Grinsen. »Wie haben Sie’s rausgefunden?«

»Per Zufall.«

»Ich hab gewußt, daß Sie früher oder später auftauchen würden.« Er richtete sich langsam auf. »Aber ich hätte nie gedacht, daß es so früh am Morgen sein würde.« Er stand auf und zeigte auf den einzigen anderen Stuhl im Raum, dann ging er zu einem Tisch, auf dem eine Kaffeemaschine stand. »Möchten Sie einen?«

»Mr. Chastain hätte es mir sagen müssen.«

»Pat? I wo. Wenn’s hart auf hart geht, ist unser Staatsanwalt ein echter Hasenfuß.«

Alex legte die Hand auf die Stirn. »Hier bahnt sich wohl ein Alptraum an.«

Er hatte ihre Antwort in Sachen Kaffee nicht abgewartet, sondern eine ähnliche Tasse wie die seine gefüllt. »Milch, Zucker?«

»Das ist kein Freundschaftsbesuch, Mr. Lambert.«

Er stellte die Tasse schwarzen Kaffee am Rande des Schreibtischs vor sie hin und kehrte in seinen Stuhl zurück. Holz und uralte Federn ächzten ihren Protest, als er sich niederließ. »Wenn wir so anfangen, muß es ja schiefgehen.«

»Haben Sie vergessen, warum ich hier bin?«

»Keine Sekunde, aber verbieten Ihnen Ihre Pflichten, Kaffee zu trinken, oder hat das religiöse Gründe?«

Alex stellte erbost ihre Handtasche auf den Tisch, ging zum Tisch und löffelte Sahnepulver in ihre Tasse.

Der Kaffee war stark und heiß – ähnlich wie der Blick des Sheriffs, mit dem er sie musterte – und wesentlich besser als die lauwarme Brühe, die sie vorhin im Coffee Shop des Westerner Motels getrunken hatte. Wenn er ihn gekocht hatte, dann verstand er sein Geschäft. Aber er sah ja auch aus, als wäre er ein sehr fähiger Mann. Und er lehnte völlig entspannt in seinem Stuhl. Scheinbar machte es ihm nichts aus, in einen Mordfall hineingezogen zu werden.

»Wie gefällt Ihnen Purcell, Miss Gaither?«

»Ich bin noch nicht lange genug hier, um mir eine Meinung gebildet zu haben.«

»Ach, kommen Sie. Ich wette, Sie waren schon fest entschlossen, es nicht zu mögen, bevor Sie hier eintrafen.«

»Warum sagen Sie das?«

»Ist doch anzunehmen, oder? Ihre Mutter ist hier gestorben.«

Die achtlose Erwähnung des Todes ihrer Mutter tat ihr weh. »Sie ist nicht einfach gestorben. Sie wurde ermordet. Brutal ermordet.«

»Ich erinnere mich«, sagte er mit grimmiger Miene.

»Richtig. Sie haben ja ihre Leiche entdeckt, nicht wahr?«

Er senkte den Blick auf den Inhalt seines Kaffeebechers und starrte lange hinein, bevor er trank. Dann kippte er ihn hinunter wie einen Whiskey.

»Haben Sie meine Mutter getötet, Mr. Lambert?«

Nachdem es ihr gestern nicht gelungen war, seine Reaktion zu beurteilen, wollte sie sie jetzt sehen.

Sein Kopf schnellte hoch. »Nein.« Er beugte sich vor, stemmte die Ellbogen auf den Schreibtisch und sah ihr ruhig in die Augen. »Sparen wir uns diesen Scheiß, ja? Eins möcht ich jetzt gleich klarstellen, das wird uns beiden eine Menge Zeit sparen. Wenn Sie mich verhören wollen, Counselor,3 dann müssen Sie mich vor ein Schwurgericht laden.«

»Sie weigern sich, bei meinen Ermittlungen zu kooperieren?«

»Das hab ich nicht gesagt. Auf Pats Anweisung wird Ihnen dieses Büro zur Verfügung stehen. Ich persönlich gebe Ihnen jede Unterstützung, soweit ich kann.«

»Aus astreiner Güte?« fragte sie mit zuckersüßer Stimme.

»Nein, weil ich will, daß diese Geschichte ein für allemal abgeschlossen wird. Verstehen Sie das? Damit Sie zurück nach Austin gehen können, wo Sie hingehören, und die Vergangenheit da lassen, wo sie hingehört.« Er stand auf, goß sich Kaffee nach und fragte über die Schulter: »Warum sind Sie hergekommen?«

»Weil Buddy Hicks meine Mutter nicht ermordet hat.«

»Woher, zum Teufel, wissen Sie das? Oder haben Sie ihn einfach gefragt?«

»Das konnte ich nicht. Er ist tot.«

Sie sah an seiner Betroffenheit, daß er das nicht gewußt hatte. Er ging zum Fenster, nippte nachdenklich an seinem Kaffee und starrte hinaus. »Wer hätte das gedacht. Gooney4 Bud ist tot.«

»Gooney Bud?«

»So haben ihn alle genannt. Ich glaube, keiner hat seinen Nachnamen gekannt, bis Celina starb und die Zeitungen seine Geschichte druckten.«

»Wie ich höre, war er behindert.«

Der Mann am Fenster nickte. »Ja, und er hatte auch einen Sprachfehler. Man konnte ihn kaum verstehen.«

»Lebte er bei seinen Eltern?«

»Bei seiner Mutter. Die war selbst nicht ganz dicht. Sie ist vor Jahren gestorben, kurz nachdem er in die Anstalt kam.«

Er starrte weiter durch die offenen Rolläden, mit dem Rücken zu ihr. Seine Silhouette war muskulös, breitschultrig, mit schmalen Hüften. Seine Jeans saßen ein bißchen zu gut. Alex machte sich Vorwürfe, daß sie so etwas überhaupt bemerkte.

»Gooney Bud ist ständig auf einem dieser Dreiräder durch die ganze Stadt gefahren«, sagte er. »Man konnte ihn schon aus weiter Ferne hören, weil das Ding über und über mit Trödel behängt war. Er machte so den Straßenkehrer. Kleinen Mädchen hat man verboten, ihm zu nahe zu kommen. Wir Jungs haben unseren Spaß mit ihm getrieben, ihm Streiche gespielt, solche Sachen.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Eine Schande.«

»Er ist in einer Heilanstalt gestorben, eingekerkert für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat.«

Diese Bemerkung brachte ihn dazu, sich umzudrehen. »Sie haben keine Beweise, daß er es nicht getan hat.«

»Ich werde die Beweise liefern.«

»Es existieren keine.«

»Wissen Sie das so genau? Haben Sie belastende Beweise an dem Morgen vernichtet, an dem Sie praktischerweise Celinas Leiche entdeckten?«

Eine tiefe Falte grub sich zwischen seine Brauen. »Haben Sie denn nichts Besseres zu tun? Reichen Ihnen die Fälle, die Sie bearbeiten, nicht? Warum haben Sie überhaupt mit dieser Ermittlung angefangen?«

Sie nannte ihm denselben Grund, den sie Greg Harper gegenüber geäußert hatte: »Der Gerechtigkeit ist nicht Genüge getan worden. Buddy Hicks war unschuldig. Er hat für das Verbrechen eines anderen gebüßt.«

»Meines, Juniors oder Angus’?«

»Ja, einer von Ihnen dreien.«

»Wer hat Ihnen das erzählt?«

»Großmama Graham.«

»Ah, jetzt kommen wir der Sache schon näher...« Er hakte seine Daumen in den Gürtel, seine gebräunten Hände baumelten lässig über dem Reißverschluß. »Als sie Ihnen das erzählt hat, hat sie da auch erzählt, wie eifersüchtig sie war?«

»Großmama? Auf wen?«

»Auf uns. Junior und mich.«

»Sie hat mir erzählt, ihr zwei und Celina, das war wie die drei Musketiere.«

»Und das hat ihr nicht gepaßt. Hat sie Ihnen erzählt, wie abgöttisch sie Celina geliebt hat?«

Das war nicht nötig gewesen. Das bescheidene Haus, in dem Alex aufgewachsen war, war ein wahrer Kultschrein für ihre verstorbene Mutter gewesen. Der Sheriff bemerkte ihre gerunzelte Stirn und beantwortete seine eigene Frage. »Nein, wie ich sehe, hat Mrs. Graham es versäumt, das alles zu erwähnen.«

»Sie glauben, ich bin hier, um einen privaten Rachefeldzug zu führen?«

»Ja.«

»Nein, Sie irren sich«, sagte Alex trotzig. »Ich glaube, daß es in diesem Fall genug Lücken gibt, die eine Wiederaufnahme rechtfertigen. Der Meinung ist auch Bezirksstaatsanwalt Harper.«

»Dieser Egomane?« Er schnaubte verächtlich. »Der würde seine eigene Mutter als Nutte anklagen, wenn es ihn dem Amt des Generalstaatsanwalts näher brächte.«

Alex wußte, daß diese Bemerkung zum Teil der Wahrheit entsprach. Sie versuchte eine andere Taktik. »Sobald Mr. Chastain mit den Fakten besser vertraut ist, wird er mir zustimmen, daß es sich hier um einen krassen Justizirrtum handelt.«

»Pat hat gestern das erste Mal überhaupt von Celina gehört. Er hat alle Hände voll damit zu tun, illegale Einwanderer und Drogendealer zu jagen.«

»Können Sie’s mir verdenken, daß ich Gerechtigkeit will? Wenn Ihre Mutter in einem Pferdestall erstochen worden wäre, würden Sie dann nicht auch alles Erdenkliche tun, um dafür zu sorgen, daß der Mörder bestraft wird?«

»Ich weiß nicht. Meine alte Dame hat sich abgeseilt, bevor ich alt genug war, um mich an sie zu erinnern.«

Alex spürte Sympathie für ihn, die sie sich, wie sie wußte, nicht erlauben durfte. Kein Wunder, daß Reede auf den Fotos, die sie gesehen hatte, immer so ernst dreinschaute und seine Augen soviel älter aussahen, als es seinen Jahren entsprach. Ihr war nie in den Sinn gekommen, ihre Großmutter zu fragen, warum er so erwachsen wirkte.

»Die augenblickliche Situation ist unhaltbar, Mr. Lambert. Sie sind ein Tatverdächtiger.« Sie stand auf und nahm ihre Handtasche. »Danke für den Kaffee. Tut mir leid, daß ich Sie so früh am Morgen belästigt habe. Von jetzt an wende ich mich an die örtliche Polizei, wenn ich Hilfe brauche.«

»Warten Sie einen Moment.«

Alex, die bereits auf dem Weg zur Tür war, blieb stehen und drehte sich um. »Was?«

»Es gibt keine örtliche Polizei.«

Nicht gerade erfreut über diese Information sah sie zu, wie er nach seinem Hut und seiner Jacke griff. Er ging an ihr vorbei, öffnete ihr die Tür und folgte ihr dann.

»He, Sam, ich geh jetzt. Bin gegenüber.« Der Deputy nickte. »Hier entlang«, sagte Reede, nahm Alex’ Ellbogen und führte sie zu einem kleinen Aufzug am Ende des Gangs.

Sie stiegen zusammen ein. Die Tür ächzte, als er sie zuzog. Die knirschenden Geräusche, mit denen sich der Aufzug in Bewegung setzte, klangen auch nicht gerade vertrauenerweckend. Alex hoffte, daß er die Fahrt überstehen würde.

Sie versuchte das zu unterstützen, indem sie sich inständig auf die Fahrt nach oben konzentrierte. Trotzdem war sie sich sehr wohl der Nähe Reede Lamberts bewußt. Der Aufzug war so eng, daß ihre Ärmel sich berührten, und er musterte sie eindringlich.

Er sagte: »Sie sehen Celina ähnlich.«

»Ja. Ich weiß.«

»Ihre Größe, ihre Art. Ihre Haare sind dunkler, und Sie haben mehr Rot drin. Celinas Augen waren braun, nicht blau wie die Ihren.« Sein Blick wanderte über ihr Gesicht. »Aber die Ähnlichkeit ist verblüffend.«

»Danke. Ich glaube, meine Mutter war schön.«

»Alle fanden das.«

»Sie auch?«

»Ich ganz besonders.«

Der Aufzug hielt mit einem Ruck. Alex verlor die Balance und fiel gegen ihn. Reede fing sie am Arm auf und hielt sie fest, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte – vielleicht ein bißchen zu lange, weil Alex ganz außer Atem war, als sie sich endlich trennten.

Im Erdgeschoß auf dem Weg zum Hinterausgang streifte er sich seine Jacke über. »Mein Wagen steht vor dem Haus«, sagte sie, als sie das Gebäude verließen. »Soll ich die Parkuhr noch mal füttern?«

»Vergessen Sie’s. Wenn Sie einen Strafzettel kriegen, haben Sie doch Freunde in wichtigen Positionen.«

Sein Lächeln war keine perfekte Zahnpastareklame wie das von Junior Minton, aber mindestens genauso wirksam. Es löste ein angenehmes, wunderbares, aber auch beängstigendes Kribbeln in ihrem Magen aus.

Sein Grinsen betonte die Falten in seinem Gesicht. Man sah ihm jedes einzelne seiner dreiundvierzig Jahre an, aber seine wind- und wettergebräunte Haut paßte gut zu der starken, maskulinen Knochenstruktur. Er hatte eine dunkelblonde Mähne, an der sich noch nie ein modischer Friseur versucht hatte, stülpte seinen schwarzen Cowboyhut drüber und zog die Krempe bis zu den Brauen herunter, die etwas dunkler waren als seine Haare.

Als erstes hatte Alex seine grünen Augen bemerkt, als sie sein Büro betrat. Sie hatte darauf reagiert wie jede Frau, die auf einen so attraktiven Mann stößt. Er hatte keinen Bauch, keine Spur von schlaffen Muskeln. Sein Körper sah aus wie der eines zwanzig Jahre jüngeren Mannes. Sie mußte sich immer wieder ermahnen, daß sie eine Anklägerin im Namen des autonomen Staates Texas war und daß sie Reede Lambert mit den Augen eines litigators, nicht mit denen einer Frau sehen sollte. Außerdem war er eine Generation älter als sie.

»Sind heute früh die sauberen Uniformen ausgegangen?« fragte sie, als sie die Straße überquerten.

Er trug ganz einfache Levi’s, alt, ausgebleicht und eng – wie die Jeans, die die Cowboys beim Rodeo trugen. Seine Jacke war aus braunem Leder und eng um die Taille, wie eine Bomberjacke. Das Pelzfutter und der breite Kragen stammten wahrscheinlich von einem Kojoten. Sobald sie ins Tageslicht traten, setzte er eine Pilotenbrille auf. Die Gläser waren so dunkel, daß sie seine Augen nicht mehr sehen konnte.

»Ich war früher allergisch gegen Uniformen, und als ich dann Sheriff wurde, hab ich gleich klargestellt, daß sie mich nie dazu kriegen, so ein Ding anzuziehen.«

»Warum waren Sie dagegen allergisch?«

Er grinste betreten. »Meistens hab ich versucht, schneller als die zu sein, oder ihnen zumindest aus dem Weg zu gehn.«

»Sie waren Gangster?«

»Ich hab viel Mist gebaut.«

»Sie hatten Zusammenstöße mit dem Gesetz?«

»Kleine.«

»Und was hat Sie dazu bewogen, sich zu ändern, eine Erleuchtung? Ein Schock? Eine Nacht oder zwei im Gefängnis? Erziehungsanstalt?«

»Nein. Mir ist nur der Gedanke gekommen, wenn ich schnell genug bin, dem Gesetz zu entwischen, müßte ich auch schnell genug sein, die Gesetzesbrecher zu erwischen.« Er hob die Schultern. »Schien mir ’ne vernünftige Berufswahl. Hungrig?«

Bevor sie antworten konnte, schob er die Tür des B & B Cafés auf. Eine Kuhglocke über dem Eingang verkündete ihre Ankunft. Das Café war anscheinend sehr beliebt. Jeder Tisch – rotes Resopal mit verrosteten Chrombeinen – war besetzt. Reede geleitete sie zu einer leeren Nische an der Wand.

Manager, Farmer, Schläger, Cowboys und Sekretärinnen begrüßten ihn lautstark, jeder durch seine Kleidung identifizierbar. Alle außer den Sekretärinnen trugen Stiefel. Alex entdeckte Imogene, Pat Chastains Sekretärin. Sobald sie ihren Tisch passiert hatten, erzählte sie ihrer Tischnachbarin gestenreich, wer genau Alex war. Die Nachricht wanderte von einem Tisch zum nächsten, und allmählich verstummten alle.

Zweifellos versammelte sich dieser Mikrokosmos von Purcell jeden Morgen zur Frühstückspause hier im B & B Café. Eine Fremde in ihrer Mitte war schon aufregend an sich, aber die Rückkehr von Celina Gaithers Tochter grenzte an Sensation. Alex kam sich vor wie ein Blitzableiter, so heftige Stromschläge erhielt sie. Einige, das spürte sie, waren sehr unfreundlich.

Eine Ballade von Crystal Gayle über verlorene Liebe dröhnte aus der Musikbox und kämpfte gegen das »Hour Magazine« an, das gerade in dem Schwarz-Weiß-Fernseher in der Ecke flimmerte. Zum lautstarken Vergnügen von drei Schlägertypen wurde dort soeben über Impotenz diskutiert. Die Nichtraucherbewegung hatte Purcell noch nicht erreicht, und die Luft war zum Schneiden. Über allem schwebte der Geruch gebratenen Specks.

Eine Kellnerin in violetten Polyesterhosen und einer grellgoldenen Bluse kam mit zwei Tassen Kaffee und einem Teller voll frischgebackener Doughnuts an den Tisch. Sie zwinkerte und sagte »Morgen, Reede«, dann schlenderte sie zurück in Richtung Küche, wo der Koch mit einer Zigarette im Mundwinkel geschickt Eier wendete.

»Bedienen Sie sich.«

Alex nahm das Angebot des Sheriffs an. Die Doughnuts waren noch warm, und die zuckrige Glasur schmolz auf der Zunge. »Die standen schon für Sie bereit, ist das Ihr Tisch? Haben Sie eine Dauerbestellung laufen?«

»Der Eigentümer heißt Pete«, sagte er und zeigte auf den Koch. »Er hat mir jeden Morgen auf dem Weg zur Schule Frühstück serviert.«

»Wie großzügig.«

»Das war keine Wohltätigkeit«, sagte er trocken. »Ich hab jeden Nachmittag nach der Schule für ihn ausgefegt.«

Sie hatte unabsichtlich einen wunden Punkt getroffen. Reede Lambert war sehr empfindlich, was seine mutterlose Kindheit anging. Zu diesem Zeitpunkt wollte sie aber noch nicht nach mehr Informationen bohren. Nicht, wo praktisch jeder Blick im Raum auf sie gerichtet war.

Er verschlang zwei Doughnuts und spülte sie mit schwarzem Kaffee hinunter, alles mit sehr sparsamen, hastigen Bewegungen. Er aß, als müsse er bestimmt lange warten, bis er seine nächste Mahlzeit kriegte.

»Reger Betrieb hier«, bemerkte sie und leckte sich ganz ungeniert die Finger.

»Ja, die alten Hasen wie ich überlassen das neue Shopping Center und die Fast-Food-Kneipen an der Interstate den Neuankömmlingen und den Teenagern. Wenn Sie jemanden suchen und anderswo nicht finden können, ist er meist im B & B. Angus wird wahrscheinlich gleich kommen. Das Firmenhauptquartier von ME ist nur eine Straße vom Stadtplatz weg, aber er wickelt einen Großteil seiner Geschäfte hier in diesem Lokal ab.«

»Erzählen Sie mir von den Mintons.«

Er griff nach dem letzten Doughnut, nachdem klar war, daß sie ihn nicht essen würde. »Sie sind reich, aber keine Angeber. Sehr beliebt in der Stadt.«

»Oder gefürchtet.«

»Von einigen vielleicht«, gab er mit einem Achselzucken zu.

»Die Ranch ist nur eines ihrer Unternehmen?«

»Ja, aber sie ist der Kern. Angus hat sie aus dem Nichts aufgebaut, aus vielen Morgen Staub und schierer Sturheit.«

»Was genau machen sie eigentlich da draußen?«

»Eigentlich trainieren sie Pferde. Hauptsächlich Vollblüter. Ein paar quarter-horses5. Sie haben bis zu hundertfünfzig gleichzeitig da stehen und bereiten sie für die Jockeys vor.«

»Sie scheinen viel darüber zu wissen.«

»Ich besitze selber ein paar Rennpferde. Die sind dort untergestellt.« Er deutete auf ihre halbleere Kaffeetasse. »Wenn Sie fertig sind, würde ich Ihnen gerne etwas zeigen.«

»Was?« fragte sie, überrascht von dem plötzlichen Themenwechsel.

»Es ist nicht weit.«

Sie verließen das B & B, aber nicht bevor Reede mit der Verabschiedung von allen fertig war, die er beim Betreten des Cafés begrüßt hatte. Er bezahlte tatsächlich das Frühstück, aber der Koch salutierte freundlich, und die Kellnerin versetzte ihm einen liebevollen Klaps.

Reedes Dienstwagen, ein großer Chevy Blazer, stand direkt vor dem Gerichtsgebäude. Der Platz war mit einem kleinen Schild für ihn reserviert. Er sperrte die Tür auf, half Alex in die Fahrerkabine des Geländewagens und stieg selber ein. Er fuhr nur ein paar Straßen, dann blieb er vor einem kleinen Haus stehen. »Das ist es«, sagte er.

»Was?«

»Hier hat Ihre Mutter gewohnt.« Alex drehte sich rasch zu dem Holzhaus. »Das Viertel ist nicht mehr das, was es war, als sie hier lebte. Es ist total runtergekommen. Früher stand hier ein Baum, wo sich der Gehsteig senkt.«

»Ja, ich hab Fotos davon gesehen.«

»Der Baum ist vor ein paar Jahren abgestorben und mußte umgesägt werden«, sagte er und legte den Gang wieder ein. »Ich dachte, Sie würden es gern sehen.«

»Danke.«

Er fuhr los, aber Alex’ Blick blieb auf das Haus gerichtet. Die weiße Farbe war verwittert. Die heiße Sommersonne vieler Jahre hatte die braunen Markisen über den Vorderfenstern ausgebleicht. Es war kein sehr ansprechendes Haus, aber sie schaute hin, bis es aus der Sichtweite verschwand.

Dort hatte sie also zwei kurze Monate mit ihrer Mutter verbracht. In diesen Räumen hatte Celina sie gefüttert, sie gebadet, gewogen und ihr Wiegenlieder vorgesungen. Dort hatte sie nachts gehorcht, ob Alex weinte. Diese Wände hatten die geflüsterten Liebeserklärungen ihrer Mutter an ihr Baby gehört. Alex konnte sich natürlich nicht erinnern, aber sie wußte, daß es so gewesen sein mußte.