Blutige Felsen - Henner Kotte - E-Book

Blutige Felsen E-Book

Henner Kotte

4,4

Beschreibung

Die Sächsische Schweiz ist ein sagenhafter Landstrich. Aber nicht nur Kasparköpfe und Riesen haben hier ihre Wurzeln, sondern auch so mancher Verbrecher treibt hier sein Unwesen. Vor Sehenswürdigkeiten wie der Festung Königstein oder der Felsenbühne Rathen ereignen sich bisweilen schrecklichschauerliche Mordfälle. Beklemmende Familientragödien im Naturdenkmal Felsenlabyrinth, ein mysteriöser Totenfund am Lichtenhainer Wasserfall, oder ein gewisser Kriminalrat Holscher, der bereits aufgrund des Silbendrehers im Namen ein Ableger des seligen Sherlock Holmes zu sein scheint - mit einem Mal erscheint so manche Attraktion zwischen Bastei, Zirkelstein und Tiefem Grund in ganz neuem, düsterem Licht. Henner Kotte legt neun Kriminalstories aus der Sächsischen Schweiz vor. Mal todernst, mal vergnüglich zeigen sie, dass die touristisch hochfrequentierte Gegend zwischen dem Lausitzer Bergland und dem Erzgebirge gar nicht so ruhig und beschaulich ist, wie allgemein angenommen …

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Henner Kotte

Blutige Felsen

Kriminalstories aus der Sächsischen Schweiz

Bild und Heimat

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden.

Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

eISBN 978-3-86789-839-3

1. Auflage

© 2015 by BEBUG mbH / Bild und Heimat, Berlin

Umschlaggestaltung: fuxbux, Berlin

Umschlagabbildung: © flashpics

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:

BEBUG mbH / Verlag Bild und Heimat

Alexanderstr. 1

10178 Berlin

Tel. 030 / 206 109 – 0

www.bild-und-heimat.de

Vorwort

Felsen ohne Blut und mit

Die Sächsische Schweiz ist ein sagenhafter Landstrich. Geschichten erzählt man über sie, Geschichten von Riesen und Mäusen, von Kasperköpfen und Genies, von Wanderern, Bergsteigern und Touristen. Doch eine Tatsache verblüfft: Kriminell hat der Nationalpark weder in Vergangenheit noch Gegenwart Schlagzeilen gemacht. Sicher erinnert man sich an das tote Kind von Sebnitz, dessen Mutter einen traurigen Skandal provozierte. Sicher ist der Tod eines Forellenzüchters unvergessen, den politische Seilschaften und Ignoranz in den Selbstmord trieben. Aber einen Mörder, der mit der Bergwelt des Elbsandsteins verbunden, darüber erzählt man nichts.

Die Räuber Stülpner und Karasek schrieben nahebei ihre Legenden. Auf der Festung Königstein waren Namhafte inhaftiert: Friedrich Boettcher, Michail Bakunin, August Bebel – aber waren sie Verbrecher? Unglaublich: Die Festung wurde vom Schornsteinfeger Sebastian Abratzky 1848 bezwungen, er stieg von der Talsohle über die Mauer. Am 17. April 1842 gelang dem französischen Offizier Henri Giraud als Einzigem die Flucht vom Felsen. Nationalsozialisten mordeten im KZ auf der Burg Hohnstein. Aber einen Jack the Ripper, einen Vlad III. Drǎculea oder eine Elisabeth Báthory kennt das Elbsandsteingebirge nicht. Das mag man bedauern.

Künstlerische Verbrechen gibt es im Revier auch nicht eben oft. Gut, in der erste Serie des DDR-Fernsehens kämpften die Roten Bergsteiger gegen Nazis und für eine frohe Zukunft. Ein Schritt zu weit ging der 99. »Polizeiruf 110«auf der Felsenbühne Rathen. Der 25. war eine Fehlrechnung in Bad Schandau. Die Sendereihe »Der Staatsanwalt hat das Wort«meinte Alles umsonst und ließ die Frage Mord oder Unfall beim Absturz offen. Auch die Kommissare Ehrlicher und Kain zog Auf dem Kriegspfad in die bizarre Felsenwelt. Literarisch hinterließ die Sächsische Schweiz kaum Spuren, weder kriminell noch philosophisch. Auch das kann man bedauern.

Doch auch Abhilfe kann man schaffen und den Nationalpark in den Mittelpunkt kriminellen Literaturgeschehens rücken. In den vorliegenden neun Geschichten wird Spannendes, Verblüffendes, Wahres und Erdachtes von mordsmäßigen Verbrechen zwischen Sandsteinberg und tiefen Grund erzählt. Manch bekanntes Tal, manch sagenhafter Fels bekommt seine eigene Kriminalgeschichte. Die Verbrechen unterscheiden sich gravierend von Motivik, Gegend und Psyche. Die Geschichten jedoch sind tragisch und vergnüglich, sind ernst und öfter heiter, doch immer festverwurzelt im Gebirg.

Kriminalrat Holscher in »Die Entschlammung« scheint bereits aufgrund des Silbendrehers im Namen ein Ableger des seligen Urvaters aller Detektive: Sherlock Holmes. In »Killer in Krippen« wird nach Aktenlage der schlüssige Beweis erbracht, dass die Stasi Killerkommandos beschäftigte. »Der Minotaurus frisst kleine Kinder« erzählt beklemmend eine Familientragödie, die ohne das Naturdenkmal des Labyrinths undenkbar gewesen wäre. Zirkelstein (»Seit 9 Uhr 45 wird zurückgeschossen«), der Elbestrom (»Die Geschichte vom Jungfrauenkeller«), die Schrammsteine (»Beweis ohne Kopie«), der Lichtenhainer Wasserfall (»Totenfall vor die Pension Idylle«), die Bastei (»Die Blüten der Sabine Posner«) und die Felsenbühne Rathen (»Die Frau Reihe 3«), manch Attraktion des Erholungsgebiets lernt man neu und anders kennen, als uns die Reiseführer nahebringen.

Dies Buch ist die ideale Lektüre nicht nur im Nationalpark, aber vor allem dort: bei Rast und Boofen, im Thermalbad oder im Hotelbett. Natürlich kann’s auch nur einer aus der Wandergruppe lesen und erzählt’s am andern Tag seinen Freunden, Begleitern oder Liebsten auf der Tour. Sie wissen, nur durchs Weitergeben bleiben Geschichten lebendig. Auch die kriminellen.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Kennenlernen einer einzigartigen Landschaft –

Ihr Henner Kotte

Totenfall vor die Pension Idylle

Die Leiche fiel zur ersten Schleusenöffnung neun Uhr am Morgen. Touristen waren es keine zwanzig, die es bemerkten. Eine Frau schrie, als der Körper auf die Steine schlug. Andere rannten. Das lockte mehr Betrachter an. Ihre Zeugenaussagen brachten jedoch keine sachdienlichen Hinweise. Es gab Proteste von Urlaubern, da die Polizei den Ort des Geschehens weiträumig sperrte. Die Publikumsattraktion Lichtenhainer Wasserfallblieb den Blicken der Besucher einen Tag lang verborgen. Offizielle Stellen erhielten nachfolgend Beschwerden, die faktengerecht von Behördenmitarbeitern beantwortet wurden. Diese baten aufgrund höherer Gewalt um Entschuldigung.

Den Lichtenhainer Wasserfall verzeichnen Reiseführer des Elbsandsteingebirges seit mehr als 150 Jahren als Attraktion. Der Wirt des Ausschanks im Kirnitzschtal, in das der Wasserfall mündet, initiierte auf der Felskuppe oberhalb des Tals den Bau einer Staustufe eines kleinen Dorfbachs. Gegenwärtig wird sie halbstündlich zur Leerung gezogen. Malerisch stürzt bei der Öffnung der Schleuse das Wasser auf die Steine und sprüht. Bei Sonneneinfall leuchtet es in den Regenbogenfarben. Noch heute steht am Weiher das Wasserfallhäuschen, wo auf einer Schautafel die damaligen Preise für Pferde, Sesselträger und Führer verzeichnet sind. Vom Wasserfall bis zum Kuhstall 3 M. Der Wirt erwarb mit der Konstruktion den Nebenberuf eines Wasserfallziehers. Heute überlässt der Betreiber diesen Job gern kontaktfreudigen Lehrlingen oder seinen Enkelkindern. Am Fuß des Wasserfalls hat die Pension Idylle geöffnet und bietet Tagesausflüglern Gastlichkeit.

Die Leiche fiel mit Öffnen der Schleuse an einem Dienstag, was ein typisches Unfallgeschehen nicht ausschließt, jedoch auch nicht allzu nahelegt. Feiern, Discotheken und Abendveranstaltungen finden auch im Tourismusgebiet vorrangig wochenends statt. Mit betrunkenen Heimkehrern von solchen Festivitäten war in jener Nacht kaum zu rechnen, wenn auch zu viel Alkoholgenuss und ein Sturz in die Obere Schleuse ermittlungstechnisch nicht ausgeschlossen wurden. Die Unfallthese blieb Grundlage der kriminalpolizeilichen Arbeit.

Die Identifikation der Leiche erwies sich als schwierig. Gerichtsmedizinisch schnell geklärt waren Geschlecht und ungefähres Alter. Der Tote war männlich. Experten schätzten ihn auf gut 60 Jahre, eher älter. Er zeigte typische Alterserscheinungen und wirkte verlebt. Das Gesicht des Toten war nicht rekonstruierbar. Beim Fallen musste er sehr unglücklich mit scharfen Kanten und Zacken des Gesteins in Berührung gekommen sein. Offensichtlich hatte die Leiche länger im Wasser gelegen. Die Schwerkraft hatte ein Übriges getan. Der Tote wog knapp einhundert Kilo. Narben zeugten von einer Blinddarmentfernung und einem Leistenbruch, rechts. Das Gebiss und ein Auge waren bei der Suche an der Felsmauer und im Teich nicht zu finden. Auch Hautfetzen wurden vergleichsweise wenige sichergestellt. Diese Tatsachen war aber durch den steten, wenn auch geringen Wasserabfluss erklärbar. Nach drei Stunden kriminaltechnischer Untersuchungen am Fels musste die Schleuse geöffnet werden, da sonst der Dammbruch oberhalb gedroht hätte, und so noch mehr Spuren zerstört worden wären.

Geborgen hatte den Toten der von seinem Sohn eilig herbeigerufene Hotel- und Restaurantbetreiber der Pension Idylle Helfried A. Michener: geboren 4. 9. 1967 in 31061 Alfeld/Leine. Die Immobilie hatte vor dem Verkauf mehrere Jahre leergestanden und war verwahrlost, sie hatte klammen Wanderern als Obdach wie auch als Toilette gedient. Helfried Michener investierte und führte fortan das Unternehmen. Das Gebäude ähnelt inzwischen wieder dem Original von 1852 und erhielt mehrere Architekturpreise für die gelungene Restaurierung. Die Innenausstattung genügte dem vom DeHoGa standardisierten Drei-Sterne-Symbol. An jenem Dienstag nächtigten elf Personen in den Pensionsbetten. Einige der Gäste verließen nach dem Entsetzensschrei vor dem Hotel den Speisesaal, ohne ihr Frühstück zu beenden. Die Bedienkräfte räumten volle Kaffeekannen und Teller von den Tischen. Saftgläser wurden mit nach draußen genommen, teilweise am Büffet nachgefüllt. Helfried A. Michener gab zu Protokoll: Der Lebensmittelverbrauch an jenem Morgen widersprach sämtlichen sonstigen Gewohnheiten.

Durch das Geschrei der Umstehenden und seines Sohnes, den ausführenden Wasserfallzieher, war Michener aus dem Hause geholt worden. Er stieg nach kurzer Orientierung in den kleinen Teich. Da der Tote nicht unterging, konnte er wie eine Luftmatratze oder ein Kahn ohne Krafteinsatz auf der Wasseroberfläche zum Ufer gebracht werden. Dort hoben ihn beherzte Hände, auch die von Micheners Sohn, Sten Michener, ans Land. Später wurde die Leiche auf einem Servierwagen in die Pension Idylle geschoben und in einem Abstellraum für Reinigungsgerät aufgebahrt. Der örtliche Bestatter Frank Zetzsche traf nach weniger als fünf Minuten am Ereignisort ein, wurde aber am Abtransport gehindert und wartete das Erscheinen der Kriminalpolizei und des Gerichtsarztes ab. Diese Einsatzkräfte veranlassten die Verbringung des Toten in einem behördlichen Fahrzeug zum rechtsmedizinischen Institut der Technischen Universität Dresden.

Die dortige Sektion und Untersuchungen ergaben keinen ursächlichen Tod durch Ertrinken. Eine Bruchstelle der Schädelbasis ließen einen Sturz oder Unfall als Todesursache vermuten. Genauere Festlegungen konnten die Gerichtsmediziner nicht treffen. Der Tod war allerdings bereits vor mehreren Tage eingetreten. Entweder hatte sich der Verstorbene so unglücklich verletzt, dass er bereits tot in den obigen Teich gefallen war. Oder die Leiche war von fremder Hand ins Wasser gelegt worden, um dann am Dienstagmorgen durch die Schleuse gesogen zu werden und mit dem Wasserfall abzustürzen. Diese Faktenlage zog konsequenterweise kriminalpolizeiliche Ermittlungen nach sich, diese wurden der Mordkommission unter der Leitung von Hauptkommissar Peter Ischinger übertragen. Der Staatsanwaltschaft Dresden oblag die Führung des Untersuchungsverfahren.

Inzwischen strömten immer mehr Menschen dem Ereignisort zu. Die Nachricht des tödlichen Wasserfalles hatte sich über die sozialen Netzwerke schnell verbreitet. Journalisten der heimischen Presse erschienen und stellten Fragen, die noch keiner der an der Ermittlung beteiligten Personen beantworten konnte. Rafting in den Tod? Zu Tode geschleust. Rätsel einer unbekannten Leiche. Die Spekulationen der Schlagzeilen setzten sich in den Berichten fort. Alsbald wurde der unbekannte Tote überregional zur Kenntnis genommen. Namhafte Blätter entsandten Korrespondenten. Die Gegend gilt als Touristenmagnet, gibt aber sonst medial kaum einen Anlass zur Aufmerksamkeit. Der Tote war, neben Flutkatastrophen und Rechtsradikalismus, eine andere Meldung aus dieser Gegend. So malerisch die Kulisse, und dann darinnen der Tod, man mag’s gar nicht glauben.

Noch vor dem Abtransport der Leiche zur Obduktion in die Landeshauptstadt befragten Polizisten die Zeugen, ob sie Angaben zu dem unbekannten Toten machen könnten. Erkannten sie ihn? War er ihnen schon einmal begegnet? Möglicherweise hatten sie Ungewöhnliches bemerkt. Keiner der Befragten konnte sachdienliche Angaben machen. Was seltsam war, da die Kleidung des Toten mit zerrissener Joppe und bunten Jeans durchaus im Alltag Aufmerksamkeit erregt haben musste. Keiner hatte ihn gesehen. Keiner konnte ihn identifizieren.

Nur die Patriarchin, Helfried A. Micheners Mutter Dorothea Michener, schien bei ihrer Aussage zu zögern. Doch sie verneinte auf Nachfrage vehement, den Toten zu kennen. Mit einem Weinkrampf und konvulsivischem Zucken wurde sie von ihrer Schwiegertochter, Madleine Michener, auf ihr Zimmer geführt. Helfried A. Michener bat die Ermittler um Rücksichtnahme, sein Vater, Bruno Michener, sei vor keiner Woche auf dem hiesigen Friedhof beerdigt worden. Allein der Gedanke dar­an löse bei seiner Mutter begreiflicherweise noch immer starke Trauergefühle aus. Die im Raum anwesenden Polizisten zeigten Verständnis, bemerkten aber, dass dies ihre Ermittlungsarbeit nicht beeinträchtigen dürfe. Hauptkommissar Peter Ischinger befahl, alle Kollegen vom kürzlichen Ableben des Patriarchen in Kenntnis zu setzen und so unnötige psychische Belastungen der Familie Michener zu verhindern. Dass sie an der Aufklärung des Falles mitwirken mussten, war allen Mitgliedern der Familie klar. Die Pension Idylle lag direkt am Weiher, sie war ihr Arbeitsplatz, und Sten Michener übte das Amt des Wasserfallziehers aus, der die Leiche zu Fall brachte, doch waren auch ihnen nähere Angaben zur Leiche unmöglich.

Innerhalb zweier Tage hatten mehrere TV-Teams in der Pension Idylle Zimmer gemietet und die gesamte Ortschaft vor Kamera und Mikrofon befragt. Vermutungen wurden geäußert, dass der Tote eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jüngst verstorbenen Bruno Michener aufweise, bis auf die Kleidung natürlich. Beeiden wollte jedoch keiner der Tippgeber die Vermutung. Nackt haben wir den Alten ja niemals gesehen, und das Gesicht der Leiche sieht aus wie das Gehackte in der Auslage beim Fleischer. Allein aufgrund von Statur und Körpermaßen drängte sich diese Verbindung jedoch auf.

Die Wirtsfamilie widersprach vehement diesem Verdacht. Sie hatten ja keine Woche zuvor den Verblichenen zu Grabe getragen. Diese Gerüchte offenbarten die Tatsache, dass die Eigner der Pension Idylle vor Ort nicht heimisch geworden waren. Oft fielen die Worte: Wessis. Okkupanten. Hätten bleiben sollen, wo sie hergekommen sind. Wir brauchen keine Besatzer, vierzig Jahre Russen, das genügt!

Es sei angemerkt, dass nur wenige der Befragten aus der Bevölkerung diese Meinung öffentlich äußerten. Doch schien dies durchaus der Grundtenor, auf den die Ermittler vor Ort stießen. Immer wieder wurde auf den Fall Joseph Abdulla in Sebnitz oder den Selbstmord von Helmut Weiß in Rathmannsdorf hingewiesen. Heiß diskutiert, schienen beide Skandale Vorurteile zu bestätigen. Helmut Weiß hatte die heimische Forellenzucht übernehmen wollen, die die Treuhand an einen Ministerialangestellten aus Baden-Württemberg verkaufte. Daraufhin erhängte sich der Betrogene im Betriebshaus. Im anderen Fall hatte die zugereiste Mutter ortsansässige Jugendliche verdächtigt, ihren Sohn aus niederen Beweggründen ertränkt zu haben. Ein Fall von Rechtsradikalismus, der gar den Kanzler in die Sächsische Schweiz reisen ließ. Letztlich erwies sich der Tod des jungen Abdulla als tragischer Unfall, die Aussage der schockierten Mutter als Lüge. Bis heute werden die Vorkommnisse als stigmatisierend empfunden. Man befürchtete im Fall des Toten im Lichtenhainer Wasserfall Ähnliches.

Deshalb war das Gerücht, der Tote sei mit dem verstorbenen Bruno Michener identisch, Anlass genug, um dessen Grab auf dem Dorffriedhof zu öffnen. Die Familie wurde von dem Vorhaben unterrichtet, verzichtete jedoch auf ärztlichen Rat hin, dieses der trauernden Witwe mitzuteilen. Helfried A. Michener bat alle an der Aktion Beteiligten, diesbezüglich größtmögliche Diskretion und Zurückhaltung zu üben, da er einen Nervenzusammenbruch oder Infarkt seiner Mutter befürchtete.

Die Familie weigerte sich, ihre Zeugenfunktion bei der Grab­öffnung wahrzunehmen. Sensationsgierige wurden am Betreten des Friedhofs gehindert. Trotzdem gelangen Fotografen mit technischen Hilfsmitteln wie Leitern und Drohnen bizarre Nahaufnahmen. Diese Pressefotos vor Dorothea Michener zu verbergen, gelang zumindest drei Tage, dann zog die Witwe die Tagespresse als Erste aus dem Kasten. Dorothea Michener war, entgegen aller Annahmen, wenig geschockt: Sie müssen halt ihre Arbeit tun. Das ist wie bei Brunetti.

Mehr als zwanzig Personen wohnten der Graböffnung bei. Vor dem Friedhofstor drängten sich Schaulustige und Presse. Die Dorfbevölkerung blieb in ihren Häusern, bewegte aber manchmal die Gardinen. Der Sarg wurde durch die Anhebungsarbeiten rechtsseitig ein wenig zerstört. Der verantwortliche Staatsanwalt Dr. Hentschel-Fock äußerte tiefes Bedauern und versprach, zur nächsten Grablege die Schäden behoben zu haben. Notfalls seien neue Grabmöbel aus der Gerichtskasse zu finanzieren. Durch diese Verlautbarung löste er den Presseskandal erst aus. Denn nachfolgend sprachen Medienvertreter von hartherzigen Polizisten und unsensibler Ermittlungsarbeit. Und forderten von Hentschel-Fock offiziell eine Entschuldigung.

Mehr aber belastete die Familie, dass im beschädigten Sarg nicht die Leiche des verstorbenen Bruno Michener lag. Der Sarg war leer. Auch widersprach Helfried A. Michener vehement, seinen Vater in diesem Grabmöbel bestattet zu haben. Der von der Familie ausgesuchte und bestellte Sarg habe aus Vollholz mit Messingbeschlag bestanden. Und in diesem hätten sie seinen Vater auch zu Erde gelassen. Er, Helfried A. Michener, habe mit seinem Sohn und den Brüdern die Seile gehalten, während ihre Frauen und Oma am Grabesrand schluchzten. Auch ihm seien die Tränen übers Gesicht gelaufen. Und nun dieser Skandal! So sehr man auch suchte und prüfte, die Grabstatt verwechselt hatten sie nicht. Dr. Hentschel-Fock gab eine Genanalyse der gestürzten Leiche in Auftrag. Und machen Sie dem Labor Beine! Wir können nicht wochenlang auf die Ergebnisse warten!

Der Pfarrer, Hermann Weinbuch, zählte knapp 70 Jahre und betreute im Kreis sieben Gemeinden. Auch er hatte für das Geschehen keine Erklärung. Vom Bestatter Frank Zetzsche war keine Auskunft zu erlangen, ihn traf man in seinen Geschäftsräumen nicht an. Seine im Unternehmen mitarbeitende Ehefrau Gabriele Zetzsche vermutete, dass er sich vielleicht wieder mit seinem Bruder trifft und sie Familienangelegenheiten besprechen. Doch weder im Gasthaus noch in der Pension Idylle begegnete man Frank Zetzsche und traf auch nicht auf seinen Bruder.

Dann kamen die Micheners in einen bösen Verdacht. Der Urheber des Gerüchts war im Nachhinein nicht zu benennen. Kaum jedoch hatte sich die Nachricht von Bruno Micheners verschwundener Leiche verbreitet, stieß die Geschichte in der Gegend auf großes Interesse. Spekulationen missachteten Tatsachen, wurden aber als Wahrheiten akzeptiert. Aus werbetechnischen Gründen, erzählte man, hätte die Wirtsfamilie der Pension Idylle den toten Opa als Attraktion den Wasserfall hinabstürzen lassen. Ihre Pension steht in allen Zeitungen. Das Haus ist voll, der Umsatz enorm.

Vor allem auf den in der Pubertät stehenden Sten Michener richtete sich der Verdacht. Er hatte bereits mehrmals den Unmut der Anwohner auf sich gezogen, indem er mit sogenannten Freunden in Vorgärten pisste oder Kondome an Wäscheleinen hängte. So was hat es früher nicht gegeben! Helfried A. Michener hätte für die Untaten seines Sohne nicht eingestanden, meinten die beleidigten Bürger, er hätte von verzeihbaren Jungenscherzen gesprochen.

Ein unbekannter Toter, ein leerer Sarg im Grab, die Medienhatz, Beschuldigungen und wilde Gerüchte vergifteten die Atmosphäre im Ort und darüber hinaus. Das Dorf war geschockt. Tote Reklame. Werbung kommt vor dem Fall. Mit Leichen zum Geschäftserfolg. Urlauber und Journalisten suhlten sich in der Sensation und zerbrachen sich die Köpfe über das Geheimnis. Die Micheners selbst gerieten zur Attraktion. Man munkelte von einem Buch- und Hollywoodvertrag. In der Sächsischen Schweiz hatte man bereits Welterfolge wie Cloud Atlas und Der Vorleser gedreht. Kate Winslet hatte hier in der Kirnitzschtalbahn die Fahrausweise kontrolliert.

Die Pension Idylle war bis in die Wäschekammer belegt. Helfried A. Michener hatte auf Anraten seiner Mutter die Preise erhöht. Bislang hatte die Auslastung bei sechzig Prozent gelegen. Doch die Konkurrenz schlief nicht. Andere Hotels hatten eine weitaus bessere Übernachtungsstatistik ausgewiesen. Die Berichterstattung zeigte Wirkung. Der tote Opa sei von den Micheners ausgegraben, behaupteten die bösen Zungen der Konkurrenz, und vor die eigene Haustüre gestürzt worden. Grauen schafft Gäste: Was wäre London ohne Jack the Ripper, Alcatraz ohne Al Capone, Hannover ohne Haarmann …

Selbst als die Analyse aus Dresden eintraf und eindeutig bestätigte: Die uns vorgelegten Hautpartikel zeigen keinerlei Übereinstimmung zu dem Genmaterial des Bruno Micheners, verstummten die Gerüchte nicht.

Wider besseren Wissens wiederholte manches Presseerzeugnis: Totenspuk für mehr Nächte im Hotel? Familie Michener nahm es stillschweigend zur Kenntnis und widersprach den Meldungen nicht, sie sorgten für das leibliche Wohl ihrer Gäste. Sten Michener wurde allein ob des Verdachtes zur Sehenswürdigkeit und als Wasserfallzieher auf viele Fotos gebannt. Wenn man ihn dazu aufforderte, setzte er sich ins rechte Licht, zwang sich zu einem Lächeln und verdiente damit ein stattliches Zubrot. Selten gab er auch Autogramme. Seine Tarife entsprachen denen der alten Preisliste für Pferde, Sesselträger und Führer. Nur diesmal: Foto 5 Euro. Alle diese Geschäfte konnten auch als Beweis seiner Schuld interpretiert werden, doch ebenso als den des genauen Gegenteils.

Die polizeilichen Ermittlungen gestalteten sich ob des wachsenden Journalisten- und Zuschauerinteresses zunehmend schwierig. Der Sturz einer Leiche war zum Auslöser für einen Touristenhype und Medienboom geworden. TV- und Rundfunkstationen schalteten live ins Kirnitzschtal. Die Nationalparkverwaltung charterte Sonderbusse und erhöhte den Fahrtakt der Kirnitzschtalbahn. Die zuständige Stadtverwaltung Bad Schandau verbot die Aufstellung von Imbissbuden und die Abhaltung von Jahrmarkt und Rummel an Ort und Stelle: Der Tod sei kein Anlass für Feier und Volksfest. In Mexiko wäre das anders, argumentierten die Geschäftemacher ohne Erfolg. Trotz dieser Beschränkungen machten die örtlichen Händler in wenigen Tagen den Umsatz, für den sie sonst Wochen, wenn nicht Monate brauchten. Es gab sogar diskretes Händeschütteln und Glückwünsche für Helmut A. Michener und seine Familie: Bist eben doch einer von uns und hast begriffen. Danke, lieber Herr Michener, oder darf ich Helmut sagen? Ein offizielles Dankschreiben vom Stadtrat wurde mit einer Stimme Mehrheit nicht in die Post gegeben.

Dr. Hentschel-Fock verbarrikadierte sich in seinem Dresdner Büro und ließ den Sprecher der Staatsanwaltschaft an seiner statt beschwichtigend vor die Presse treten. Kriminalhauptkommissar Peter Ischinger und sein Team setzten die Ermittlungen unspektakulär fort.

Mittlerweile kam sensationsverstärkend hinzu, dass Gabriele Zetzsche an die Ermittler herangetreten war, da sie ihren Mann vermisste. Seit vier Tagen war Frank Zetzsche verschwunden. Zwei Beerdigungen hatte sie deshalb schon verlegen müssen. Die laufenden Geschäfte hatte sie zwar übernommen, doch wollte und konnte sie nicht alle Entscheidungen treffen. So war Gabriele Zetzsche nicht für alle Konten unterschriftsberechtigt. Es war nur der Kulanz der Bank zu verdanken, dass sie Rückzahlungen stundete und den verfügbaren Dispo erhöhte. Da muss was passiert sein! Verwunderlich auch, dass Frank Zetzsches Bruder nicht auffindbar war. Aber der war sowieso ohne festen Wohnsitz.

Über das Verhältnis zwischen den Brüdern konnte Gabriele Zetzsche nur bedingt Auskunft geben. Torben Zetzsche war vor einigen Tagen finanziell abgebrannt bei seinem Bruder aufgetaucht. Frank war nicht gut auf ihn zu sprechen. Torben meldete sich sonst nur beim ihm, wenn er Geld benötigte oder sich in Schwierigkeiten befand. Und so gut läuft ja das Geschäft auch nicht mit dem Tod. Als nun Torben vor der Tür stand, hatte Gabriele Zetzsche zuerst den Bruder ihres Mannes gar nicht erkannt. So abgewrackt wie der war! Natürlich hatte sie ihn nicht vorm Haus stehen lassen. Zumal es regnete. Nach einem Imbiss, den sie schnell auf den Tisch stellte, waren die Brüder in die Kneipe gegangen. Frank kam am Abend allein nach Hause. Dabei hatte Gabriele fest damit gerechnet, dass Torben bei ihnen übernachten würde und für ihn bereits das Bett in der Bodenkammer gerichtet. Frank war an diesem Abend zu ihr in die Schlafstube gekommen und hatte kein Wort mehr an sie gerichtet. Auch auf Nachfrage blieb er still. Nun war er ohne Worte verschwunden. Gabriele Zetzsche sorgte sich, und die Geschäfte wuchsen ihr über den Kopf. Soll ich eine Aushilfe anstellen?

Gabriele Zetzsche wurde gebeten, sich den Toten im Wasserfall noch einmal genau zu betrachten. Nach langem Zögern erklärte sie sich dazu bereit und wurde von Hauptkommissar Ischinger in die Residenzstadt gefahren.

Sie stand lange vor der abgedeckten Sektionswanne, die nur menschliche Konturen erkennen ließ. Dann nickte sie plötzlich. Der Assistent nahm sorgsam das Laken vom toten Körper und legte es exakt auf Kante unter die Wanne. Gabriele Zetzsche schaute ohne ersichtliche Reaktion auf jeden Zentimeter der Leiche. Dann ließ sie sich vom Assistenten das verbliebene Augen öffnen. Die Augenfarbe ist unveränderbar. Die Iris des Toten war stahlblau. Gabriele Zetzsche schloss der Leiche mit eigener Hand das Lid. Die Frage, ob es ihr Mann sei, verneinte sie. Dann stünde ich nicht so gefasst vor Ihnen. Auch eine Bestatterin hat Gefühle.

Und dann kam der Moment, der Kommissar Ischinger aufatmen ließ. Der Torben, der könnte es sein. Man führte die Zeugin behutsam aus den medizinischen Räumen, die leicht nach Karbol rochen. Die Polizisten desinfizierten sich ihre Hände. Gabriele Zetzsche lehnte diese Prozedur ab. Frank lebt! Welch ein Glück. Woher sie ihre Zuversicht nahm, konnte sich keiner der Ermittler erklären. Sie standen vor der dringlichen Aufgabe, Frank Zetzsche zu finden. Er schien der Verursacher allen makab­ren Geschehens.

Der Leiter der Mordkommission verteilte anstehende Aufgaben. Gabriele Zetzsche wurde nochmals genauestens befragt. In den Archiven wurde nach den Namen gesucht. Frank Zetzsche war einmal wegen Trunkenheit am Steuer aktenkundig geworden. Sein Bruder Torben hatte ein langes Vorstrafenregister: Körperverletzung, Diebstahl, räuberische Erpressung. Die meisten Gesetzesverstöße ließen sich als Beschaffungskriminalität erklären. Mehrere Jahre hatte Torben Zetzsche in Haft gesessen. Am Ersten des Monats war er letztmalig aus der Haft entlassen worden und hatte sich wahrscheinlich sofort auf den Weg zu seinen Bruder begeben. Der war mit ihm in die Kneipe gegangen. Nach Aussagen des Kellners hatten die beiden gezecht und einen Teller Oliven verspeist. Der hat die gekaut, obwohl der keinen Zahn mehr im Mund hatte. Danach waren die beiden gegangen, und kein Zeuge hatte Torben Zetzsche danach mehr gesehen. Was insofern nicht verwunderte, denn im Ort kannte ihn niemand, und wenn doch, dann nur als jungen Mann. Vor Jahrzehnten hatte Torben Zetzsche seine Heimat verlassen und war durch die Welt vagabundiert.

Ein Gentest konnte Gewissheit bringen, ob der Unbekannte zur Familie gehörte. Torben Zetzsche hatte keine Nachkommen gezeugt, zumindest war er behördlich nicht als Vater in den Familienbüchern vermerkt. Gabriele und Frank Zetzsche hatten drei Kinder, die aus der Heimat verzogen waren. Eine Tochter, Tabea, führte in Castrop-Rauxel ein Bestattungshaus. Ihre Webseite empfahl als Schmeckerchen handbemalte Särge und Urnen. Verantwortlich ist ein jeder für sein Leben – auch für das Ende. Der Sohn, Wenzel, unterrichtete nach den Regeln der Reformpädagogik in Leipzig. Und Nachzüglerin Anuschka studierte in den USA und war nicht zu erreichen. Man bat Wenzel Zetzsche, sich in der Leipziger Uniklinik zu melden. Über die Ergebnisse würde die Mordkommission auf dem Dienstweg erfahren.

Das Resultat war eindeutig: Die Analyse wies eine Blutsverwandtschaft nach. Die Leiche im Lichtenhainer Wasserfall hatte einen Namen: Torben Zetzsche. Zumindest das konnte Hauptkommissar Ischinger der Presse als Erfolg vermelden. Wie Torben Zetzsche zu Tode gekommen war, blieb ungeklärt. Rätselhaft war auch weiterhin, warum der Sarg in Bruno Micheners Grab leer war? Wohin war dessen Leiche verbracht worden? So sehr die Reporter auch insistierten und fragten, Antworten bekamen sie keine. Wir können nicht mehr als ermitteln!, sagte Ischinger in die ihm vorgehaltenen Mikrofone.

Die Ermittlungen zogen sich hin. Frank Zetzsche blieb verschwunden. Die Mordkommission wurde kräftemäßig reduziert, die Elbe hatte einen nächsten unbekannten Toten ans Ufer gespült. Routine und Apathie bemächtigten sich Ischingers und seiner Kollegen. So viel sie auch fahndeten, welch ungewöhnliche Wege sie auch beschritten und Vernehmungen zum fünften Mal wiederholten – eine Schlussfolgerung, die alles erklärte, konnten sie nicht ziehen.

Dr. Hentschel-Focks Interventionen beeindruckten die Kommissare nicht mehr. Die Journalisten hatten längst das Interesse verloren. Die Pension Idylle vermochte die Auslastung auf höherem Niveau zu stabilisieren. Deshalb hielten es Einheimische noch immer für möglich, dass die Micheners für all das Geschehen verantwortlich waren. Karl Marx wurde zitiert: Bei 50 Prozent Profit drückt der Kapitalist beide Augen zu, bei 75 wird er kriminell, und bei 100 geht er über Leichen. Man nickte sich wissend zu. Nur mit Frank Zetzsche hatte man Mitleid.

Fazit: Der Fall schien ungeklärt zu den Akten zu kommen.

Die Lösung brachte eine Kindergartengruppe, die den Flößerpfad und die Natur der Heimat kennenlernen wollte. Eine Fünfjährige trat fehl und stürzte in einen nicht erkennbaren Hohlraum. Sie schrie aus drei Meter Tiefe. Oben geriet das Aufsichtspersonal in Panik. Eine wagemutige Betreuerin ließ sich, Füße voran, hinterherfallen, um das Kind zu beruhigen. Sie brach sich das linke Bein. Arzt und Polizei wurden gerufen. Den restlichen Kindern versprach man eine Bootsfahrt auf der Oberen Schleuse.

Augenblicke später hallten die Schreie der Eingeschlossenen lauter nach oben. Sie schlugen von den Felswänden als Echo zurück. Hilfe! Hilfe! Der Waldschrat! Ein Monster! Die Kakophonie war im vier Kilometer entfernten Ortskern noch zu hören, behaupteten die Bewohner. Als sich noch mehr Personal ins Erdloch abseilen wollte, beruhigte die Betreuerin aus der Tiefe die über ihr Stehenden: Vor uns ist schon einer hinuntergefallen. Man sollte Warnschilder aufstellen!

Über mehrere Leitern konnte man die drei aus der Höhle bergen. Kind und Betreuerin ging es den Umständen entsprechend gut.

Das ist der gesuchte Frank Zetzsche, stellte eine Rettungskraft fest, als sie des dritten Geborgenen ansichtig wurde. Waldschrat als Bezeichnung für ihn war nicht übertrieben: Haare verfilzt, Bart lang, Hemd, Hose, Strümpfe starrten vor Dreck und waren zerrissen. Nicht nur das Kind ängstigte sich. Nach dem ärztlichen Okay wurde Frank Zetzsche zur Polizeiwache überführt.

Er leugnete nichts. Ja, ich bin wohl am Tode meines Bruders beteiligt gewesen. Doch eines Mordes habe ich mich nicht schuldig gemacht. Es war ein Unfall. Torben sei gekommen und hätte wieder die Hand aufgehalten. Die Summe sei nicht mehr zu zahlen gewesen. Zehntausend Euro habe er verlangt und wollte damit in Indonesien ein neues Leben beginnen. Die hatte ich ihm doch schon in den Rachen geworfen, sagte Frank Zetzsche. Für Drogen, Weiber und Reisen sei all das Geld draufgegangen. Der hat sich ein flottes Leben gemacht! Nun könne er sich den Unterhalt nicht mehr leisten, das Geschäft gehe schlecht. Gestorben wird immer!, hätte Torben gesagt, und außerdem habe er sein Erbe niemals von ihm eingefordert.

Frank war die Diskussionen leid. Die Eltern hatten ihnen nichts hinterlassen. Das Erbe war eine fixe Idee, von der Torben nicht abließ. Es kam zum Streit und zu Handgreiflichkeiten, in deren Verlauf Torben sein Gleichgewicht verlor. Er hatte reichlich getrunken. Frank konnte Torben nicht halten, der stürzte so unglücklich, dass er in den kleinen Teich hineinrutschte und sich nicht mehr bewegte.