Russentod in Frauenstein - Henner Kotte - E-Book
Beschreibung

In der Nacht des 8. Mai 1945 wird ein Obdach suchender Soldat in Frauenstein mit einem Aschenbecher erschlagen und auf dem Friedhof vergraben. 1952 bricht Margitta Schmidt in Niederschlema mit ihren Ersparnissen nach Westberlin auf, kommt aber niemals dort an. Die Volkspolizei in Tellerhäuser ist Wilderern auf der Spur. Als Polizeihauptwachtmeister Fuchs bei einer Routinekontrolle erschossen wird, werden Angehörige der Besatzungsmacht verdächtigt. Doch die Jagdleidenschaft von Kreisamtsleiter Günther sorgt ebenfalls für Spekulationen … Virtuos nimmt Henner Kotte die Spur der Täter und Ermittler auf und rekonstruiert aus Vernehmungsprotokollen, Tatortberichten und Presseartikeln aufsehenerregende Verbrechen aus den Anfangsjahren der DDR – packend und authentisch!

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Henner Kotte

Russentod in Frauenstein

und sieben weitere authentische Kriminalfälle

aus dem Erzgebirge

Bild und Heimat

ISBN 978-3-95958-107-3

1. Auflage dieser Ausgabe

© 2017 BEBUG mbH / Bild und Heimat, Berlin

Umschlaggestaltung: fuxbux, Berlin

Umschlagabbildung: © SLUB / Deutsche Fotothek / Mühler, Johannes

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:

BEBUG mbH / Verlag Bild und Heimat

Alexanderstr. 1

10178 Berlin

Tel. 030 / 206 109 – 0

www.bild-und-heimat.de

Russentod in Frauenstein

Es war einmal ein Soldat, der hatte dem König lange Jahre treu gedient: als aber der Krieg zu Ende war und der Soldat, der vielen Wunden wegen, die er empfangen hatte, nicht weiter dienen konnte, sprach der König zu ihm: »Du kannst heimgehen, ich brauche dich nicht mehr: Geld bekommst du weiter nicht, denn Lohn erhält nur der, welcher mir Dienste dafür leistet.« Da wusste der Soldat nicht, womit er sein Leben fristen sollte: ging voll Sorgen fort und ging den ganzen Tag, bis er abends in einen Wald kam. Als die Finsternis einbrach, sah er ein Licht, dem näherte er sich und kam zu einem Haus, darin wohnte eine Hexe. »Gib mir doch ein Nachtlager und ein wenig Essen und Trinken«, sprach er zu ihr, »ich verschmachte sonst.« »Oho!«, antwortete sie, »wer gibt einem verlaufenen Soldaten etwas? doch will ich barmherzig sein und dich aufnehmen.«

Brüder Grimm: Das blaue Licht

14 km südwestlich der ehemaligen Kreisstadt Dippoldiswalde, nahe am Kamm des Erzgebirges, schmiegt sich an einem Berg das Städtchen Frauenstein. Es wird von einer Burg­ruine malerisch dominiert. »Die Stadt Frauenstein, urkundlich bereits 1289 und 1384 erwähnt, auch Vrouwenstein und Browinstein, soll ursprünglich tiefer unterhalb der Burg und zwar hart neben der Begräbniskirche gelegen haben. Erst im 15. Jahrh. sollen die Bürger begonnen haben, sich mehr bergauf an der jetzigen Stelle anzubauen. Ein Richelmus de Frauenstein wird in einer Urkunde des Markgrafen Heinrich des Erlauchten, d.d. Plauen 1. September 1266, aufgeführt. Als Stadt tritt Frauenstein urkundlich im Jahre 1384 auf, schon 1418 hatte es einen Bürgermeister. Zur Vergröße­r­ung der Stadt trug der früher nicht unbedeutende Bergbau wesentlich bei. Stadt und Burg gehörten im Mittelalter den Burggrafen zu Meißen, dann jenen zu Reuß-Plauen, 1440 erkaufte sie Kurfürst Friedrich der Sanftmüthige und 1473 gingen beide in den Besitz der v. Schönbergischen Familie über, von welcher sie 1647 wieder in kurfürstlichen Besitz gelangten. Die ehemals ummauerte Stadt besaß fünf Thore, von welchen nichts mehr erhalten ist, und wurde durch viele Brände, besonders jene von 1534 und 1728 verwüstet, so dass von den alterthümlichen Gebäuden sich nichts mehr vorfindet.« Der berühmteste Sohn der Stadt ist der 1683 in dem heutigen Ortsteil Kleinbobritzsch geborene Orgelbauer Gottfried Silbermann. Laß den Satan wittern, / Laß den Feind erbittern, / Mir steht Jesus bei. / Ob es itzt gleich kracht und blitzt, / Ob gleich Sünd und Hölle schrecken: / Jesus will mich decken.

Kriegsende 1945: Am 2. Mai kapitulierte die Reichshauptstadt vor den einmarschierenden Truppen der Roten Armee. Sechs Tage später, am 8. Mai 1945, unterzeichneten die Generäle Hans-Georg von Friedeburg, Wilhelm Keitel und Hans-Jürgen Stumpff in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation aller unter ihrem Befehl stehenden Militäreinheiten. »Das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht wird unverzüglich allen Behörden der deutschen Land-, See- und Luftstreitkräfte und allen von Deutschland beherrschten Streitkräften den Befehl geben, die Kampfhandlungen um 23.01 Uhr mitteleuropäischer Zeit am 8. Mai einzustellen und in den Stellungen zu verbleiben, die sie an diesem Zeitpunkt innehaben und sich vollständig zu entwaffnen, indem sie Waffen und Geräte an die örtlichen Alliierten Befehlshaber beziehungsweise an die von den ­Alliierten Vertretern zu bestimmenden Offiziere abliefern.« Stunde Null.

Erzgebirge. »Bei uns kommt der Frühling später als anderswo. Das macht die Höhe. Wenn unten im Lande die Kirschbäume schon in Blüte stehen und auf den Flächen das Wintergetreide längst grünt, öffnen sich bei uns erst die Krokusse, die Bauernweiber, über die Erde gebückt, stecken die Saatkartoffeln in den kargen Boden der winzigen Äcker, die eingebettet liegen zwischen den Steinen der Berge, und in den Wäldern findet sich noch, geschützt vom Schatten der Bäume, grauer Schnee. Ich beschreibe Ihnen das, damit Sie die Vorfrühlingsstimmung mitempfinden können, die über der Landschaft lag, obwohl man schon Mai schrieb, und die, für mich wenigstens, auch symbolische Bedeutung hatte, obwohl ich gewöhnlich solche gefühlsbeeinflussten Haltungen wenig ernst nehme«, schildert ein Augenzeuge jenen 1945er-Frühling im Gebirge.

Das östliche Erzgebirge wurde bei Kriegsende von den Truppen der Roten Armee besetzt, in den westlichen marschierten die Amerikaner. Dazwischen war es »in diesem Teil des Landes noch völlig unklar, wer kommen und das Dorf oder die Stadt besetzen würde, die Russen oder die Amerikaner; die Mehrzahl der Leute, das war sogar unter den Fremdarbeitern und erst recht bei den Flüchtlingen spürbar, hoffte, es möchten die Amerikaner sein, weil diese aus einem bekanntlich sehr reichen Lande kamen und daher größere Vorräte mit sich führen würden, an die sich eventuell herankommen ließe, während die Russen, ebenso arm wie unzivilisiert und ungezügelt, und dazu rachsüchtig, die geringen Werte, die einem noch geblieben waren, plündern, die Weiber vergewaltigen und Gott weiß was noch für Schandtaten begehen würden.«

Auf den Höhenzügen um Schwarzenberg standen sich die Armeen der Alliierten dann gegenüber. 2 000 km² dazwischen waren 42 Tage lang die Freie Republik Schwarzenberg. Frontverlauf und Truppenbewegungen in den letzten Kriegstagen waren unübersichtlich. »Oben auf der Höhe warf er einen Blick zurück. Es war ein überwältigendes Bild. So weit er in der Dämmerung sehen konnte, hatten die sowjetischen Truppen in voller Breite den Talgrund erreicht. Vielleicht würden sie noch ein Stück den Hang herauf­rücken, aber weiter konnten sie den Angriff heute nicht mehr vortragen; es war schon zu spät. Wer von den deutschen Soldaten da unten noch lebte, würde in Gefangenschaft geraten. Er hatte es gewusst und war mit dem In­stinkt, der sich in ihm in den Jahren an der Front entwickelt hatte, entschlüpft. Auf der anderen Seite jedoch lagerten die Amis. Ob die ihn laufen ließen war ungewiss«, beschreibt eine zeitgenössische Erzählung die Situation.

Auch in Frauenstein waren es im Mai 1945 lange Tage im Machtvakuum. Vereinzelt hallten Schüsse. Wehrwölfe und Wehrmachtssoldaten glaubten noch immer an den Endsieg. Flüchtlinge und Deserteure irrten durch die Wälder. Einwohner hockten bang in ihren Häusern. Behörden- und Befehlsstrukturen waren aufgehoben. Sowjetische Soldaten suchten Schlafstatt, Sex und was zum Fressen. Chaos und Angst und aussichtslose Zukunft.

»Im Osterzgebirge zogen wir uns in die Bergwälder zurück, um erst mal vor dem Zugriff der russischen Truppen in Sicherheit zu sein und unsere Lage in Ruhe klären zu können«, erinnert sich ein Landser, dessen Truppe sich in Auflösung befand. »Wir zogen in den Bergwäldern westwärts, bis wir an ein Bergdorf kamen. Dort sahen wir, dass Frauen dabei waren, Bettlaken zu zerreißen, um weiße Armbinden für die Soldaten daraus zu machen. Wir sahen auch, dass am Ende des bergab führenden Weges ein russischer Soldat stand. Er ließ alle deutschen Soldaten, die eine weiße Armbinde hatten, nach kurzer Kontrolle unbehelligt weitergehen. Daraufhin fassten die meisten von uns und so auch ich den Mut, zu dem russischen Kommissar hinunterzugehen. Ich baute meine Maschinenpistole auseinander und warf die Einzelteile in verschiedene Richtungen in die Büsche. Von den Frauen erhielt ich auch eine weiße Armbinde und ging mit gemischten Gefühlen hinunter zu dem Russen. Der fragte in bestem Deutsch: ›Du noch Waffen, Munition?‹ Ich sagte ›Nein.‹ –›Dann alle nach Hause nach Mutter.‹ Das Hin­übergehen zu den Russen ging reibungsloser, als ich dachte. So zogen wir deutschen Soldaten dann entgegengesetzt zu den russischen Truppen auf derselben Straße. Die Russen zogen nach Süden Richtung Tschechoslowakei und wir gen Westen. Es gab verhältnismäßig wenig Übergriffe durch die Russen. Ich musste nur einmal irgendein Kraftfahrzeug mit anschieben helfen, worüber ich mich irgendwie doch innerlich erregte. Aber was sollte irgendeine Gegenreaktion. Wir mussten uns in unserer Lage eben fügen. Sobald wir konnten, verließen wir die Hauptstraße und zogen auf Nebenstraßen durch die Berge. Unterwegs hatten wir immer wieder in den Straßengräben viele Tote liegen sehen. Es waren vielfach erschossene Angehörige von Polizeieinheiten, was an der hellgrünen Uniform zu erkennen war. Warum die Russen sie erschossen hatten, habe ich nicht erfahren können. Ich hatte sicherheitshalber mein Ärmelband mit der Aufschrift Hermann Göring abgetrennt und weggeworfen, um nicht sofort als Angehöriger dieser Eliteeinheit erkannt zu werden. Auch habe ich dann den Luftwaffenadler aus der feldgrauen Uniform herausgetrennt, denn es gab in der deutschen Wehrmacht nur eine Einheit, die feldgraue Uniform mit Luftwaffenadler trug, nämlich unser Fallschirmpanzerkorps H.G. Bei uns ging immer das Gerücht, dass bei den Russen ein Kopfgeld auf Angehörige des Fallschirmpanzerkorps H. G. ausgesetzt sei. Dies sei der Fall, seitdem die russische Eliteeinheit Die Stalinschüler, die grundsätzlich keine Gefangenen machten, sondern alle Gegner vernichteten, von unseren Panzergrenadieren auch dementsprechend bekämpft und bei Warschau total aufgerieben wurde. Unterwegs im Erzgebirge sind mir öfter Soldaten begegnet, denen die Russen die guten Lederschuhe ausgezogen hatten und die sich nun mit den russischen Schuhen herumquälten oder auf Socken herumliefen, weil die Schuhe nicht passten. Meine neuen Schuhe haben die Russen auch wiederholt angeschaut. Aber meine Schuhe (Größe 47) waren ihnen wohl zu groß, und so behielt ich meine Schuhe. An der Ausrüstung der nach Süden ziehenden russischen Truppen konnte man erkennen, dass auch sie am Ende waren. Es waren wenig Motorfahrzeuge zu sehen. Vorwiegend zogen Pferdefuhrwerke, vor allem Panjewagen, mit vielen wohl erbeuteten Pferden und Massen von Soldaten aller russischen und asiatischen Rassen in erdbraunen Uniformen die Straßen entlang. Am Ende dieses Tages gegen Abend verfolgten uns plötzlich russische Soldaten und riefen uns etwas zu. Wir begriffen nicht, was wir sollten, denn es war uns doch gesagt worden, wir könnten alle ›nach Hause nach Mutter‹ gehen. Es wurde aber ernst. Die Russen schlugen uns mit Gewehrkolben ins Kreuz und riefen dabei: ›Dawai, dawai!‹ Sie trieben uns auf eine große Wiese, wo schon sehr viele Menschen lagerten. Im ersten Moment dachte ich noch, es seien alles befreite Gefangene. Nein, dann erkannte ich, dass es wohl an die 1000 oder noch mehr deutsche Soldaten waren, die zusammengetrieben worden waren und dort auf der Erde saßen. Wir waren in russischer Kriegsgefangenschaft!« Stunde Null.

Eine andere Beschreibung des gleichen Tages: »Frieden. Nach wie langer Zeit … Denn wann der Krieg eigentlich angefangen hatte, das wußte schon keiner mehr so richtig, wahrscheinlich begann er bereits mit den Fackelzügen der Uniformierten durch die Städte des Reiches und mit den gellenden Aufrufen der Führer.

Frieden. Und dann diese unvorstellbare Stille. In der vergangenen Nacht, pünktlich um null Uhr, so hatten sie im Radio angesagt, waren die Feindseligkeiten eingestellt worden – Feindseligkeiten, was für ein ausgesprochen zurückhaltendes Wort für soviel Blut. In solcher Stille ist man versucht, nachzudenken: wie alles war, und wie es geschehen konnte, auch wie es gekommen sein mag, daß man selbst noch lebt. Das nie mehr, hatte Bertha ihm gesagt, ich bin deine Frau, hatte sie gesagt, und ich verlange von dir, daß du dich von jetzt an ruhig verhältst, die haben die Macht, das siehst du doch, und es kommt mir kein unbedachtes Wort mehr aus deinem Mund, nichts, was sie reizen könnte, du tust deine Arbeit, wenn du welche kriegst, und wartest, bis sie dich vergessen.« So werden viele Frauen und Mütter in jenen Nächten ohne Zukunft zu ihren Männern und Söhnen gesprochen haben aus Angst, aus Hoffnung, aus unbedingtem Überlebenswillen. Vielleicht auch Hulda Hegewald zu ihrem Gatten in Frauenstein / Erzgebirge, Freiberger Straße 89, Erdgeschoss links.

Reinhold Hegewald erlebte die letzten Kriegstage daheim. Er war in Frauenstein geboren, aufgewachsen, hatte geheiratet und Kinder gezeugt. Er war kein Soldat gewesen. Er war Kommunist und Baggerführer, hörte schwer und hatte unfallbedingt ein steifes Bein. In seiner Wohnung gab er in jenen Nächten Nachbarsfrauen Obdach, die sich vor der Zeit und dem Russen fürchteten. Sie alle saßen gedrängt um seinen Küchentisch. Zum Wohl! Im Wohnzimmer trank Hegewald mit seinem Untermieter Erich Jäger Schnaps aus herrenlosen Wehrmachtsbeständen. Ungewiss war ihnen, was die nächsten Tage bringen würden. Da klopfte es.

Erich Jäger: »Hegewald kam in mein Zimmer und sagte, daß ein Soldat da wäre, der hier übernachten wollte. Ich sagte zu Hegewald, er soll den Mann dort schlafen lassen, wo die beiden anderen Soldaten von der vorhergehenden Nacht geschlafen haben, und damit hatte sich die Sache für mich erledigt. Nach einiger Zeit kam Hegewald wieder in mein Zimmer und sagte zu mir, ich solle herauskommen, der Soldat wolle nicht schlafen gehen bzw. wolle zum Schlafen eine Frau mithaben. Ich versuchte, den Soldaten zu beruhigen. Aus diesem Grunde wurden auch noch mehrere Schnäpse getrunken. Die Beruhigung gelang mir jedoch nicht, denn der Mann versuchte wiederholt, nach der Frau Hegewald zu greifen, sowie er auch zu verstehen gab, daß er eine Frau zum Schlafen haben wollte, worauf er mir an die Hand griff und den Daumen nach hinten verdrehte und mich auf das Sofa warf. Ich stand wieder auf und besah mir meinen Daumen, inzwischen hatte sich schon Hegewald mit dem Mann in den Haaren, und ich hörte nur noch einen dumpfen Knall, worauf der Mann zusammenbrach. Das war das Werk weniger Sekunden. Hegewald hat mehrmals zugeschlagen. Dieses ging so schnell, daß mir hier keine Möglichkeit blieb, helfend einzugreifen.«

Ein Polizeifoto zeigt das Tatwerkzeug: großer, metallener Aschenbecher der Vernicklungsanstalt Wilh. Metzger Rheinstraße 24 Waldshut. Der ist modelliert wie eine Plastik, zeigt ein Hochhausdach mit einem Zeppelin im Anflug. Er scheint schwer zu wiegen und zugleich ein Kunstwerk zu sein. Handhabbar wie eine Hantel aus dem Kraftraum.

Es ist der 8. Mai im Jahre 1945, abends gegen 22 Uhr. In Berlin-Karlshorst unterzeichnet die Führung der deutschen Wehrmacht ihre bedingungslose Kapitulation. Später wird man diesen Tag offiziell Tag der Befreiung nennen.Zur selben Zeit hat auch in Frauenstein / Osterzgebirge, im Haus Freiberger Straße 89, hinterm Ladenschild Schuhwaren Strauß & Kreher in Familie Hegewalds Wohnzimmer die Stunde Null geschlagen.

Reinhold Hegewald wurde am 13. Dezember 1909 in der Stadt Frauenstein geboren, und seine Biografie gleicht vielen aus dieser Zeit und Gegend: »Mein Vater Arthur Hegewald war Handelsmann und Seiler, sein Vater ebenfalls. Meine Mutter stammt aus einer Maurerfamilie. Wir waren eine kinderreiche Familie, so habe ich schon als Kind die Not und das Mitverdienen zum Leben kennengelernt. 1924 verließ ich die Volksschule und lernte bis 1927 das Seilerhandwerk. Von 1927 bis 1945 war ich im Tiefbau mit kurzen Unterbrechungen tätig. Habe als Tiefbauarbeiter angefangen, und bis zum Baggermeister habe ich mich her­aufgearbeitet, damit war mein Wunsch, den ich als Kind hatte, erfüllt. Dann ich wollte gern das Schlosserhandwerk erlernen, was mein Vater aber nicht durchsetzen konnte. Durch meine Arbeit bin ich viel in Deutschland herumgekommen. Politisch habe ich mich 1927 organisiert, ich trat in die KPD ein, bis 1933. Der NSDAP habe ich nicht angehört. Am 2.10.1933 verheiratete ich mich mit der Tochter des Eisenbahners Hermann Schwarzer, Hulda Schwarzer, mit der ich ein uneheliches Kind hatte, das am 27.12.1927 geboren wurde. In meiner Ehe gebar meine Frau noch drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen. Mein Leben und meine Arbeit gilt nur meiner Familie, um meinen Kindern ein besseres Leben und Zukunft zu gestalten. Mein Familienleben war gut und ist auch ohne ernste Auseinandersetzungen bis 1945 verlaufen, obwohl ich ein bißchen mehr Liebe von meiner Frau verlangt hätte, dafür gleichten meine Kinder mir das fehlende aus.

1945 wurde ich als Bürgermeister in Frauenstein eingesetzt. Dieses Amt hatte ich bis zur Wahl 1946 inne, anschließend arbeitete ich als Geschäftsführer des Kreisvorstands der SED. 1947 übernahm ich die Holzabführung des Kreises Dippoldiswalde bis zu meiner Verhaftung am 28.4.1950. Militärdienst habe ich nicht geleistet, war als arbeitsverwendungsfähig gemustert. Habe bis 1945 ein einwandfreies Leben geführt, was ich auch meiner Mutter zu Liebe getan habe, die am 4.7.1950 70 Jahre alt sein wird und 16 Kinder zur Welt gebracht hat. Was ich aber seelisch von 1945 bis zu meiner Verhaftung durchgemacht habe, läßt sich nicht niederschreiben, und auch nicht der jetzige Zustand.

gez. Reinhold Hegewald«

1950: Die Kriegsjahre waren vergangen. In der Sowjetischen Besatzungszone hatte man am 7. Oktober 1949 den ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden, die DDR, gegründet. Das Leben begann seinen Gang zu gehen. Reinhold Hegewald hatten die Genossen der Partei aufgrund tadelloser Biografie und langer KPD-Mitgliedschaft an eine entscheidende Stelle des Zweijahresplanes 1949/50 gestellt. Als Bürgermeister von Frauenstein hatte Hegewald in den ersten Nachkriegsmonaten für Ordnung und Verwaltung in der Kleinstadt gesorgt. Dann hatte man ihn mit größerer Verantwortung betraut. Die Familie war deswegen in den Kreisverwaltungssitz Dippoldiswalde umgezogen. 1950 war Reinhold Hegewald im Osterzgebirge verantwortlich für die staatlichen Kontingente der Holzlieferungen.

Keiner plagt sich gerne, doch wir wissen:

Grau ist’s allzeit, wenn ein Morgen naht,

und trotz Hunger, Kält und Kümmernissen

stehn zum Handanlegen wir parat.

Holz – Material, das beim Aufbau des neuen Staates helfen sollte. Denn »Holz ist weltweit vom Volumen und von der Masse her der bedeutendste Rohstoff«. Es gab guten Willen und Baupläne für kleine und Großprojekte. Die Jugendbrigaden sangen:

Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut!

Um uns selber müssen wir uns selber kümmern,

und heraus gegen uns, wer sich traut!

Max braucht Wasser, hieß es im thüringischen Unterwellenborn. Im nahen Höllengrund bei Eibenstock staute die FDJ in ihrem zentralen Jugendobjekt die Kleine und die Große Bockau zur Talsperre Sosa. Damit setzte sie ein lang gehegtes Vorhaben in die Tat um. »Von Anfang an erschwerten Materialmangel sowie fehlende Technik und Fahrzeuge die Bauarbeiten. Dennoch gelang es, die Talsperre bereits 1952 fertig zu stellen. Seit ihrer Inbetriebnahme versorgt die Talsperre Sosa den Raum Aue-Schwarzenberg mit Trinkwasser. Ihre Hochwasserschutzfunktion ist auf das Tal der Großen Bockau begrenzt. Als Trinkwasserreservoir sind hier Baden oder Wassersport nicht möglich. Sie ist aber dennoch ein beliebtes Ausflugsziel.«

Holz – es war nicht nur notwendig für Sosa, auch andere Aufbauwerke der keimenden sozialistischen Planwirtschaft warteten darauf. Holz aber brauchte man auch ganz privat. Es musste geschlagen, transportiert und gelagert werden. Dazu benötigte man Sägen, Traktoren, Lkws. Deren Koordination und Überwachung oblag Genossen Hegewald in der Kreisdienststelle Dippoldiswalde, denn »wenn der Baum gefallen ist, läuft jeder hin, um Holz zu holen«. Hegewalds Verantwortung war groß.

Im ersten Quartal des Jahres 1950 fielen der Kontrollkommission Unregelmäßigkeiten im Aufgabenbereich des Genossen Reinhold Hegewald auf. Dringend nötige Maschinen waren verschwunden, und sie blieben es. Vor allem Kraftfahrzeuge standen nicht mehr genügend zur Verfügung. Gerüchte kursierten, der Klassenfeind im andern Deutschland habe sie erhalten. Genosse Hegewald sieht sich plötzlich unter Verdacht der Schieberei und illegaler Geschäfte, vor allem scheint er ideologisch die Seiten gewechselt zu haben. Das bedeutet: Verhaftung und Karriereende. Doch wird der Verdacht noch in eine ganz andere Richtung gelenkt. Am 24. März 1950 geht bei der Kreisdienststelle der Volkspolizei ein anonymes Schreiben ein.

»… da Sie in Frauenstein dabei sind, alte Sachen auszuspionieren, möchte ich Sie zu einer kriminalen Sache verhelfen. Der frühere Bürgermeister Hegewald hat 1945 in seiner Wohnung einen russischen Offizier ermordet und im Wald vergraben, Zeugen sind seine Ehefrau, sein Bruder Hubert, der Rittmeister Herrmann und Rittmeister, sein Freund, Wilhelm Schubert, seine Mutter, seine Tante Thekla. Ich darf wohl hoffen, daß die Sache auf Erklärung findet.« Man ist alarmiert und ermittelt. Zunächst den Schreiber:

»Die zur Untersuchung beigefügte Handschrift trägt weiblichen Charakter; es handelt sich demzufolge beim Schreiber derselben vermutlich um eine Frau im Alter zwischen 20 bis 35 Jahren. Schreiber ist ein Verstandesmensch und verfügt über ein gut durchschnittliches Bildungsniveau, praktischen Verstand, Festigkeit und Energie. Schreiber ist eigenwillig und zurückhaltend und zeichnet sich durch Einfachheit, Verschwiegenheit und Gewissenhaftigkeit aus.« Wer aber die Zeilen tatsächlich verfasste, das bleibt ungeklärt. Grund aber gibt es jetzt mehr als einen für Reinhold Hegewalds Verhaftung. Polizisten nehmen den 40-Jährigen am 28. April des Jahres in Dippoldiswalde fest. Er wird, aufgrund der Schwere des Vergehens, alsbald in die Landesbehörde Sachsen, ins VP-Präsidium Dresden, Schießgasse 7, überstellt.

Das wuchtige Sandsteingebäude entwarf Julius Temper. 1895 bis 1900 baute man. Es dominiert mit seiner dunklen Fassade den Pirnaischen Platz auch heute. Das Haus »gehört zu den staatlich-repräsentativen Gebäuden des Historismus in Dresden und trägt Stilelemente der Renaissance und des Barocks. Die beiden runden Haupttürme an den Ecken enthalten auch eine angedeutete Brustwehr und verleihen dem Gebäude einen Festungscharakter. Das Gebäude hat vier Flügel und drei Innenhöfe. Das Hauptportal an der Schießgasse ist somit nicht Giebel eines Hauptflügels, sondern füllt den Raum zwischen den beiden inneren Flügeln.« Die Schießgassewurde in Sachsens Hauptstadt bald zum Sy­nonym für Polizei. Bei den Angriffen im Februar 1945 wurde das Dresdner Polizeipräsidium nur teilweise zerstört und blieb funktionsfähig. Ein 1983 erfolgter Neubau wurde abgerissen, die Rückfront schließt an den wiedererstandenen Neumarkt mit Frauenkirche an.

In den Räumen der Schießgasse am 29. Juni 1950: »Aus der Haft vorgeführt wird der Hegewald, Reinhold. Nachdem er zur Wahrheit ermahnt wurde, macht er folgende Aussagen:

Zur Person: Hegewald, Reinhold Walther

geb. 13.12.09 in Frauenstein

wh. Dippoldiswalde, Goethestraße 10

Beruf: Baggermeister, z. Zt. Angestellter.

Einkommen: 380,– netto

verheiratet mit Hulda, geb. Schwarzer

wh. wie oben.

Kinder: 4 im Alter von 23, 16, 13 und 12 Jahren

Vater: verstorben

Mutter: Erna, geb. May

wh. Frauenstein, Freiberger Straße 89

Geschwister: 7

Staatsangehörigkeit: deutsch

Vorstrafen: angeblich keine

Zur Sache:

Ca. drei Wochen vor Kriegsschluß ’45 kam ich in meinen Heimatort Frauenstein aus Rathen zurück. In Rathen war ich bei der Baufirma Hilmar Krauß als Baggermeister beschäftigt. Bei dieser Firma führte ich diese Tätigkeit ca. 9 Jahre aus. Soldat war ich infolge eines Unfalles im Jahre ’31, wobei ich mir den Oberschenkel brach und eine Brustkorbverletzung davontrug, nicht. Weiter bin ich auf dem rechten Ohr vollkommen taub. Nach meiner Rückkehr wohnte meine Frau in Frauenstein, Freiberger Str. 89 im Erdgeschoß links. Nachdem ich in Frauenstein eingetroffen war, habe ich bis zum Kriegsschluß keine andere Arbeit aufgenommen. Ich fuhr mit meinem Motorrad des öfteren im Bereich Frauenstein und Dippoldiswalde umher, um festzustellen, wie weit die Rote Armee vorgestoßen ist. Ich selbst gehöre seit 1927 der KPD an. Von 1933 – 45 habe ich keiner Gliederung der NSDAP angehört. Hinzufügen möchte ich, daß wir nach ’33 in Frauenstein uns dem Stahlhelm (Bund der Frontsoldaten, gegründet 1918) angeschlossen, um die SA zu untergraben. Da uns dieses nicht gelang und der Stahlhelm der SA angegliedert wurde, bin ich und noch einige andere wieder ausgetreten. Unter den Ausgetretenen befand sich der jetzige Kreisforstmeister von Dippoldiswalde Weber. Der größere Teil der Stahlhelmer ist zur SA übergetreten.

Während der drei Wochen habe ich den im gleichen Haus zur Untermiete wohnenden Jäger, Erich, in meine Wohnung aufgenommen. Der Hauptmieter des Jäger wurde zum Werwolf (nationalsozialistische Untergrundbewegung am Ende des II. Weltkrieges, oft brutale Einzelaktionen gegen sogenannte Volksverräter / z. B. Deserteure) eingezogen, und so mußte dieser ausziehen. Jäger war Marineangestellter. Er trug eine blaue Marineuniform mit einem Offiziersdolch. Meines Erachtens stand dieser im Offiziersrang. Jäger verwaltete die ausgelagerten Wehrmachtsgegenstände, welche im Schloß und teilweise in der Garage der Gaststätte Goldener Löwe untergebracht waren. Jäger bezog meine Wohnstube. Das Bett brachte er selbst mit. Jäger erklärte mir, daß er verheiratet sei und zwei Jungens habe. Er selbst sei aus Schlesien, und seine Familie wohnte zur damaligen Zeit in Berlin. Auf Grund des Benehmens und der geführten Unterhaltungen mit Jäger hatte ich den Eindruck, daß dieser für die Wehrmacht nicht viel übrig hatte. Ich konnte beobachten, daß er nicht mit ›Heil Hitler‹ grüßte, sondern einen ganz lässigen Militärgruß erwies. Jäger erklärte mir, daß er vor 1933 in Schlesien der SPD angehört habe, diese Partei dort selbst gegründet habe. Einige Tage noch vor Kriegsschluß begann der Jäger mit der Verteilung der ausgelagerten Wehrmachtsbestände, wofür er teilweise Lebensmittel verlangte. Er unterstützte uns ebenfalls mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken aus Wehrmachtsbeständen.« Zwielichtig und verdächtig scheint der Erich Jäger allemal. Bereits zu Kriegsende hat er Waren zu eigenem Vorteil verschoben und verkauft. Tat er auch beim Kraftfahrzeugdiebstahl nun im Jahre 1950 mit? Doch, man sagt, Jäger sei nach Berlin verzogen. All die Jahre hat ihn keiner mehr im Erzgebirge gesehen. Doch auf jeden Fall hat Jäger Kenntnis von den Geschehnissen in jener Nacht des 8. Mai 1945, der Stunde Null.

Reinhold Hegewald beschreibt »den Jäger wie folgt: ca. 48 Jahre alt, ca. 1.70 m groß, starke, kräftige Gestalt, dunkelblondes, nach hinten gekämmtes Haar, rundes, volles Gesicht«. Weitere Details kann er zum Untermieter nicht geben. Und über die Vorkommnisse in der Nacht des 8. Mai sagt Reinhold Hegewald:

»Gegen 22 Uhr befand ich mich mit meiner Ehefrau, meiner Tochter Renate, jetzt 23 Jahre alt, meiner Mutter, zwei Schwestern meiner Mutter mit Namen Elfriede und Liska, sowie meiner Schwester Henriette, wh. in Dresden, und Jäger, Erich, in der Wohnung. Ob meine Tochter Renate mit anwesend war, kann ich jedoch nicht mit Bestimmtheit sagen.

In meiner Wohnstube befand sich meine Frau, Jäger und ich. Die anderen hielten sich zu diesem Zeitpunkt in meiner Küche auf. Während wir uns dort aufhielten, hörten wir auf dem Korridor Geräusche. Jäger ging nach draußen und unterhielt sich mit einem Mann in ausländischer Sprache. Ich hörte von der Stube aus, daß sich Jäger mit dem Gekommenen ziemlich laut und heftig unterhielt. Daraufhin begab ich mich auch auf den Korridor. Hier stellte ich fest, daß es sich um einen Mann handelte in einem blauen Schlosseranzug. Der Mann war ca. 1.70–1.75 m groß, kräftige Gestalt, ca. 35–40 Jahre alt. Weitere Personenbeschreibung kann ich heute nicht mehr geben. Ich stellte fest, daß dieser leicht angetrunken war und vermutlich einer von den Leuten ist, die sich zur damaligen Zeit im Kreis von Frauenstein wild umhertrieben. Jäger, der, wie er selbst erklärte, aus Schlesien stammt, unterhielt sich mit dem Mann in polnischer Sprache. Ich mußte aber feststellen, daß Jäger nur wenige Worte von dieser Sprache beherrschte und daß er mit diesem nicht überein kam. Ob er unter dem Schlosseranzug eine Uniform hatte, kann ich nicht angeben. Ebenfalls habe ich bei ihm keine Waffe irgendeiner Art gesehen. Ich versuchte in deutscher Sprache, diesen Menschen mit zu beruhigen. Auf deutsch fragte dieser wiederholt: Wo Frau? Da ich wußte, daß sich in meiner Wohnung die angeführten Frauen befanden, versuchte ich ihn zum Schlafen zu bewegen und drängte ihn in mein Schlafzimmer und legte ihn auf das erste Bett. Hierzu wendete ich keine Gewalt an. Als ich feststellte, daß er schlief, verließ ich mit Jäger das Schlafzimmer und begab mich in die Stube zurück. Nach ca. zehn Minuten hörte ich, daß es im Schlafzimmer wieder sehr laut umging. Bei meinem Eintreffen im Schlafzimmer sah ich, daß dieser Mann wieder aufgestanden war und mit der Faust gegen den Schlafzimmerschrank schlug. Als ich es wieder im Guten versuchte, ihn zu beruhigen, wurde ich von ihm zur Seite gestoßen. Es war mir darauf nicht mehr möglich, ihn weiter in der Schlafstube zu halten. Er lief in die Stube, in welcher sich noch meine Frau und der Jäger befanden. Hier lief er sofort zu meiner Frau. Meine Frau begann zu schreien und um den Tisch herumzulaufen. Sie wurde von dem Unbekannten verfolgt. Jäger versperrte ihm den Weg. Daraufhin entwickelte sich zwischen Jäger und dem anderen ein heftiger Wortwechsel, der mit Faustschlägen endete. Ich sah, wie der Jäger einen heftigen Schlag gegen sein Kinn erhielt. Daraufhin schlug Jäger ebenfalls kräftig zurück und schrie um Hilfe. Soviel ich mich entsinnen kann, gelang es meiner Frau in der Zwischenzeit, während sich Jäger mit diesem schlug, aus der Stube zu flüchten. Ich selbst sah der Schlägerei kurze Zeit zu und eilte im Anschluß dem Jäger zur Hilfe. Ich nahm vom Tisch einen Aschenbecher und schlug dem Unbekannten mit diesem auf den Hinterkopf. Nach diesem Schlag fiel der Unbekannte zu Boden. Soviel ich noch weiß, hat Jäger ebenfalls vermutlich mit einer Beißzange auf diesen eingeschlagen. Nach dem Zusammensacken lag dieser bewegungslos am Boden. Es wurde weder von mir noch vom Jäger auf ihn weiter eingeschlagen. Jäger gab mir sofort den Auftrag, die Frauen in der Küche einzuschließen, damit sie dieses, was geschehen war, nicht zu sehen bekamen. Als ich wieder in die Stube zurückkam, erklärte Jäger, daß der Unbekannte tot sei. Auf dem Fußboden und an der Kleidung des Unbekannten sah ich Blut. Vermutlich muß dieses aus Nase oder Mund gekommen sein. Irgendwelche Verletzungen im Gesicht oder am Kopf habe ich nicht festgestellt. Jäger hatte, während ich die Küchentür geschlossen hatte, schon eine Decke über den Toten gelegt. Er schrie mich an: ›Der muß sofort weg!‹ und machte den Vorschlag, den Leichnam in die Jauchengrube zu werfen. Jäger lief an die Haustüre und überzeugte sich dort, daß niemand ins Haus eintritt. Die Haustüre ging schlecht zuzuschließen. Als wir feststellten, daß Ruhe im Haus war, schafften wir gemeinsam den Toten in den Hof und warfen ihn in die im Hof befindliche Jauchengrube, welche halbvoll war. Im Anschluß verdeckten wir wieder die Grube und liefen wieder in die Stube zurück, wo ich sofort das Blut aufwischte. Nachdem haben wir die Frauen aus der Küche gelassen. Von Jäger wurde ich beauftragt, über den Vorfall mit niemandem zu sprechen.«

Jauchengruben besaßen dazumalen jedes Haus und jeder Hof. Kaum eine Wohnstatt, kaum ein Stall waren dieser Zeit an die kommunale Wasser- und Abwassernetze angeschlossen, selbst wenn diese existierten. Manch einer konnte gar erst nach 1990 auf eigne Kosten diese Rohre legen lassen. Plumpsklos befanden sich nicht in unmittelbarer und nächster Nähe, sondern auf halber Treppe oder im Hof, nahe der Hintertür neben dem Misthaufen. Die Fäkaliengruben waren ausgemauert und mit einem Deckel versehen. Im Hof Freiberger Straße 89 maß sie 55 x 55 cm im Quadrat. Darunter sammelte sich auch das Regenwasser aus Dach­rinnen und Abflussrohren. Wenn die Grube vollgelaufen, wurde abgepumpt oder per Schöpfeimer am Stiel geleert. Bauern verteilten die erhaltene Gülle auf den Feldern. Hegewald und Komplize Erich Jäger kam der hauseigene Abort für den unbekannten Toten recht. Sie entsorgten dessen Leiche von keinem bemerkt in dieser Grube, während Gattin Hulda in Wohnung und Hausflur die Blutspuren verwischte. Doch Reinhold Hegewald belastet das Geschehene. Er kann Jägers Schweigegebot nicht Folge leisten.

»Ich konnte selbst dieses Ereignis nicht für mich behalten, sondern erzählte es meiner Frau bestimmt und den anderen Frauen ganz wahrscheinlich auch mit. Der Jäger machte mir daraufhin die bittersten Vorwürfe und erklärte, daß wir bestimmt jetzt, wenn es sich bei dem Unbekannten um einen russischen Soldaten gehandelt hat, nach Sibirien gebracht werden. Da Jäger mir diesbezüglich keine Ruhe ließ, hielt ich es zu Hause nicht mehr aus und verließ nach zwei Tagen meine Wohnung. Stundenlang lief ich wahllos in Frauenstein umher. Nachdem begab ich mich zu dem Viehhändler Kohlbrecht, Arthur, Frauenstein. Dieser fragte mich: ›Reinhold, was ist mit dir los?‹ Ich entsinne mich, daß bei dem Kohlbrecht noch andere Leute anwesend waren, die ich namentlich nicht mehr nennen kann. Kohlbrecht gab ich zur Antwort, daß etwas Furchtbares passiert sei. Daraufhin erzählte ich ihm den Vorfall in der gleichen Weise, wie ich ihn heute angeführt habe. Am gleichen Tag in den Nachmittagsstunden lief ich von dem Kohlbrecht aus auf den Friedhof. Dort traf ich den Friedhofshelfer Herrmann, Fred, wh. Frauenstein, der mit noch einigen Leuten auf dem Friedhof beschäftigt war. Die Namen der anderen kann ich nicht angeben. Den Herrmann und vermutlich noch einem habe ich ebenfalls den Vorfall erzählt. Vom Friedhof aus bin ich wieder nach Hause gegangen. Der Jäger und meine Frau waren anwesend. Ich sagte, daß ich den Vorfall während meiner Abwesenheit auch anderen Leuten erzählt habe. Jäger gab zur Antwort: ›Bist du denn verrückt geworden?‹ und machte den Vorschlag, daß der Tote schnellstens aus der Jauchengrube rausgenommen werden muß. Ein paar Tage später haben wir den Toten in der Nachtzeit gemeinsam mit dem Friedhofsmeister Herrmann, dessen Bruder, meinem Bruder Hubert und dem Jäger aus der Jauchengrube herausgeholt und nach dem Friedhof geschafft. Dort wurde er von Herrmann beerdigt. Der Leichnam wurde mittels eines Leiterwagens befördert. Kurze Zeit später hatte ich einen Nervenzusammenbruch und war ca. 14 Tage bettlägerig. Die Behandlung wurde von einem Flüchtlingsarzt, der sich zur damaligen Zeit in Frauenstein aufhielt, übernommen. Später erfuhr ich, daß sich dieser Arzt selbst vergiftet hat.«

Reinhold Hegewald ist als Eingesessener im Dorfe gut vernetzt. Man kennt sich, hilft einander, gibt guten Rat. So war es auch möglich, die Leiche des Unbekannten ohne Aufsehen und Nachfragen zu beseitigen. Friedhofsarbeiter Fred Herrmann bestattet nach Transport den Toten im Grab der unbekannten sowjetischen Soldaten auf dem Friedhof Frauenstein. Trotz illegalem Begräbnis und der Verwischung aller Spuren kommt Reinhold Hegewald nicht zur inneren Einkehr. Er wird krank, liegt im Bett und quält sich. Alles fällt ihm schwer und schmerzt. Alpträume schrecken ihn und furchtbare Gedanken. Die ohnehin schlechte Beziehung zu seiner Frau gibt keinen Halt. Die Kinder dürfen nichts erfahren. Die Freundschaft mit Erich Jäger bekommt Risse, sie war ohnehin nie fest gewesen, sondern aus Überlebensnotwendigkeit entstanden. Hegewalds beschließen, Frauenstein zu verlassen und kriechen bei Verwandten unter. Perspektive verschafft diese Flucht keinem, am allerwenigsten Reinhold Hegewald. Er kehrt zurück, die Frau und Kinder folgen nur Tage später. Keine fünf Nächte haben sie außerhalb geschlafen. In ihrer eigenen Wohnung empfängt sie Erich Jäger.

Da Kämpfe und Kriegschaos vorbei, beginnt das gesellschaftliche Zusammenleben in der Stadt wieder nach Regeln zu verlaufen. Seiner Gewissensqual zum Trotz tut Hegewald daran aktiv mit. »Was war denn an Männern überhaupt vorhanden, die in der gegebenen Lage aktiv werden konnten? Die Alten und Kranken, die Lahmen und Verkrüppelten, all das, was unter dem Stichwort wehruntauglich lief; denn eine recht gemischte Gesellschaft von Leuten, die von den Chefs ihrer Firmen als unabkömmlich für die Waffenproduktion reklamiert worden waren, in der Fabrik von Münchmeyer und in den ESEM-Werken machten sie ja bis in den April hinein, bis der Strom ausfiel, Granaten, Spezialgewehre und Torpedoteile; und schließlich wir, die politisch Gebrandmarkten: geheimpolizeilich als nicht genügend gefährlich eingestuft, um in Gefängnisse und Konzentrationslager abgeschoben zu werden, dennoch aber als wehrunwürdig betrachtet und so auch in unseren Papieren bezeichnet«, erklärt ein Genosse Hegewalds die Personalsituation jener Tage. Die Besatzer setzten die in ihren Augen Zuverlässigen in die Ämter ohne nachzufragen ein. Über die Folgen, die eine Ablehnung des Amtes heraufbeschwören konnte, dachten die Betroffenen nicht nach, weil sie nicht darüber nachdenken wollten.

»Hinzufügen möchte ich«, sagt Reinhold Hegewald im polizeilichen Verhör am 29. Juni 1950, »daß ich, bevor ich krank wurde, in Frauenstein die Bevölkerung zusammengerufen habe und gründete hier die Ortsgruppe der KPD Frauenstein. Ich selbst wurde mehrere Tage später von der Kommandantur in Frauenstein als Bürgermeister eingesetzt und war somit tagsüber bis spät in die Nacht sehr viel unterwegs. Der Jäger hat sich durch den Verkauf von Wehrmachtsgegenständen einen reichlichen Geldbetrag verschafft. Des weiteren hatte er sich vom Bahnhof ebenfalls aus Wehrmachtsbeständen mit reichlich Schnaps versorgt. Am Aufbau beschäftigte er sich nicht. Er trieb sich nur in meiner Wohnung umher, aß gut und trank den Schnaps aus Weingläsern. Ich selbst war nicht in der Lage, irgendwelchen Druck auf Jäger auszuüben. Dieses wußte er auch, und somit führte er ein liederliches Leben.« Dieses Doppelleben und die Selbstvorwürfe führt das Ehepaar Hegewald auch privat in die Katastrophe.

»Nach ca. zwei bis drei Monaten nach dem Vorfall verließ Jäger Frauenstein und fuhr nach Berlin. Kurze Zeit später erschien er wieder in Frauenstein und wohnte im Hotel Goldener Stern. Er forderte meine Frau auf, bei ihm zu kochen. Während der Zeit, als Jäger in Berlin war, schrieb er Briefe an meine Frau, aus denen ich feststellen konnte, daß Jäger wahrscheinlich ein intimes Verhältnis hat. Auch jetzt nahm Jäger wieder keine Arbeit auf und lebte in der gleichen Weise wie angeführt weiter. Nachdem er ca. drei Wochen in Frauenstein wohnte, fuhr er wieder zurück nach Berlin. Auf diese Fahrt nahm er meine Frau mit.«

Schon länger hatten sich die Eheleute nichts mehr zu sagen. »Obwohl ich ein bißchen mehr Liebe von meiner Frau verlangt hätte«, deutet diese Diskrepanzen an. Reinhold Hegewald arbeitete nicht vor Ort in Frauenstein, sondern zuletzt als Baggerführer außerhalb in Rathen, Sächsische Schweiz. Es waren Tage, Monate ohne Gemeinsamkeiten. Überleben musste gesichert werden. Untermieter Erich Jäger erschien der Frau daheim als krasses Gegenteil zum abwesenden Gatten: Jäger war einer, der das Leben nicht allzu ernst nahm, es genoss und Charme versprühte. Warum sollte der Alkohol unnütz im Transportwaggon vergammeln? Im Wehrmachtsauftrag sicherte Jäger Lebensmittel für die Front. Die Wehrmacht hatte seit dem 8. Mai nicht mehr zu kämpfen, löste sich auf. Nach der Kapitulation nahm Jäger sich von den Lebensmitteln, was er brauchte, er verkaufte und verschenkte. Auch Familie Hegewald profitierte von diesem illegalen Handel. Die Eheleute hielten den Offizier in Haus und Wohnung, beengten sich freiwillig wohl auch solcher Vorteile wegen. Beim Leben auf engstem Raum kommt es zwangsläufig zu Intimitäten, erfährt und sieht man mehr vom Fremden, als man möchte. Hulda Hegewald entdeckte Gefühle, die Erich Jäger vielleicht provozierte. Sie glaubte seinen Worten und den Zukunftsmalereien. Sie hatte einen Versehrten an ihrer Seite und vier halbwüchsige Kinder. Jetzt oder nie! Flucht nach Berlin war ihr Ausweg und Beginn eines neuen Lebens. Berlin – eine Verheißung. Stunde Null.

Manch Augenzeuge glaubte nach der dauernden Schlacht um die Reichshauptstadt, dass Berlin nie wieder aufzubauen sei. Doch bereits im Jahrhundertsommer ’45 war die Stadt wieder Treffpunkt und Schmelztiegel. Glücksritter trafen sich und Künstler. Berlin versprach die Erfüllung von zerstörten Träumen. Zarah Leander sang noch in den Köpfen:

Davon geht die Welt nicht unter

Sieht man sie manchmal auch grau

Einmal wird sie wieder bunter

Einmal wird sie wieder himmelblau

Geht’s mal drüber und mal drunter

Wenn uns der Schädel auch raucht

Davon geht die Welt nicht unter

Sie wird ja noch gebraucht.

Davon geht die Welt nicht unter

Sie wird ja noch gebraucht.

Theater spielten in Ruinen. Trümmerfrauen klopften Ziegel. Straßenbahnen quälten sich durch Schutt und Asche. Auf Schwarzen Märkten machte man, was man noch hatte, zu Geld und tauschte: Bettzeug, Schmuck, paar alte Schuhe. Verbrecher gaben Zigaretten, falsches Geld und verdorbene Medizin.