Die Tote aus dem Zöffelpark - Henner Kotte - E-Book

Die Tote aus dem Zöffelpark E-Book

Henner Kotte

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Beschreibung

Nicht nur in Metropolen wuchert das Verbrechen – auch im scheinbar ruhigen Chemnitz gab es Mord und Totschlag, Kindesmissbrauch und Bandenkriminalität. Selbst in den Kleinstädten des DDR-Bezirks kam es zu Gewalttaten. Im malerischen Erzgebirge spricht man noch heute von den Verbrechen des Karl Stülpner und erzählt die Kriminalgeschichten von Karl May. Vielfach vergessen ist jedoch das traurige Schicksal der Christa Ruick: Von ihrer Familie wird die taubstumme junge Frau wie Aschenputtel ausgenützt. Nur bei ihrer Tante findet sie Trost und Verständnis. Am 4. April 1949 begegnet Christa auf dem Heimweg ihrem Mörder. Er erschlägt sie brutal mit einem Hammer. Die Leiche ist fast nackt, als sie am nächsten Morgen im Crimmitschauer Zöffelpark gefunden wird. Die Maschinerie der Ermittlungen läuft an, doch gestaltet sich die Fahndung nach dem Mörder schwierig. Verdächtig ist eine Gruppe junger Männer, die ihre Jugend und das Leben zwischen den Trümmern der Nachkriegszeit und dem sozialistischem Aufbau genießen will … Henner Kotte rekonstruiert anhand von Vernehmungsprotokollen, Prozessakten und Zeitungsartikeln drei spektakuläre Mordfälle aus dem ehemaligen Bezirk Chemnitz – packend und auch heute noch aufwühlend!

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Henner Kotte

Die Tote aus

dem Zöffelpark

und zwei weitere wahre Verbrechen aus

der Region Chemnitz

Bild und Heimat

Dank an Dr. Tobias Crabus und Konstantin Batury vom Staatsarchiv Chemnitz

eISBN 9783959587693

1. Auflage

© 2018 by BEBUG mbH / Bild und Heimat, Berlin

Umschlaggestaltung: fuxbux, Berlin

Umschlagabbildung: Zöffelpark © akg-images / arkivi

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:

BEBUG mbH / Verlag Bild und Heimat

Alexanderstr. 1

10178 Berlin

Tel. 030 / 206 109 – 0

www.bild-und-heimat.de

Die Tote aus dem Zöffelpark

Crimmitschau, 1949

»Mein bist du, und wärfen Höll’ und Himmelsich zwischen uns!«

Friedrich Schiller: Kabale und Liebe(Reclamheft am Tatort gefunden)

»Nachdem viele Jahre lang nur sehr wenige Pflegemaßnahmen im Zöffelpark durchgeführt werden konnten, wirkt der gegenwärtige Eingriff erheblich. Viele Bäume mussten entfernt werden, um den verbleibenden Baumkronen den notwendigen Raum zur Entwicklung zu geben und die bereits vorhandenen Jungpflanzen unter dem Altholz für eine umfangreiche Naturverjüngung zu nutzen. Bereits im Sommer 2016 wird sich dieser Nachwuchs zu prächtigen Jungbäumen entwickelt haben.« Crimmitschaus grüne Lunge präsentiert sich wieder in natürlichem, gesunden Grün, als Naherholung vor der Haustür: »Mit dem Einbetonieren der sieben Papierkörbe sind die Arbeiten zur Hochwasserschadensbeseitigung im Zöffelpark nun abgeschlossen. Im Juli 2015 wurde mit der Wegeinstandsetzung des 18 Hektar großen Parks begonnen. Beim Juni-Hochwasser 2013 waren rund 11 000 m² Wegenetz beschädigt worden. Die Finanzierung der Gesamtkosten von 220.000 Euro hat zu 100 Prozent der Freistaat Sachsen übernommen. In den vergangenen Wochen wurden unter anderem die Wege mit einer sandgeschlämmten Schotterdecke und 170 Tonnen Mineralgemisch zur Wegeprofilierung aufgezogen sowie 18 Bänke und sieben Papierkörbe aufgestellt. Seit dem 1. Januar 2015 werden zirka 12,6 Hektar und somit mehr als zwei Drittel der Parkfläche forstwirtschaftlich genutzt und betreut. ›Das schwierigste bei dieser Arbeit war die Herstellung der Verkehrssicherheit. Viele Bäume und Äste mussten verschnitten werden ohne Schäden zu hinterlassen‹, sagte der Verantwortliche des Grünflächenamtes. Der Park auf einer Anhöhe im Süden der Stadt Crimmitschau war Ende des 19. Jahrhunderts von dem Textilfabrikanten Emil Oskar Zöffel angelegt worden.«

Crimmitschau spiegelt sächsische Geschichte seit Siedlungsbeginn wider. Bereits 974 wird ein pagnus plisni – ein Pleißengau – erwähnt. Vor allem jedoch steht die Stadt an der Pleiße exemplarisch für die Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Maßgeblich die Textilindustrie fasste vor Ort Fuß, bald nannte man die im Vorerzgebirge gelegene, aufstrebende Metropole »Stadt der hundert Schornsteine«. Brockhaus’ Konversations-Lexikon vermerkt 1894 unter dem Stichwort Crimmitschau: »Die bedeutende Industrie (105 Fabriken, 5504 Arbeiter, 112 Dampfmaschinen) erstreckt sich hauptsächlich auf Spinnerei und Weberei; 80 Spinnereien mit 210 000 Spindeln liefern teils wollene Garne, die gleich am Orte selbst verarbeitet werden, teils (hauptsächlich Vigognegarne [Fasergemische]) zum Export nach England, Rußland, Skandinavien, Italien, der Schweiz und den Rheinlanden. Dann folgt die Fabrikation Herrenkleiderstoffen, namentlich Buckskins und Rockstoffen, die ihrer Güte wegen nicht nur in Deutschland und den Nachbarländern, sondern in mehreren überseeischen Ländern sehr gesucht sind. Auch Cassinets, Circassienes und Kasimirs [Mischgarne] werden in allerlei bunten Farben für Mexiko und andere Tropenländer gefertigt. Es bestehen 55 Streichgarnspinnereien, 355 Handspinnmaschinen, 133 Selfactors (133 980 Spindeln), 1006 Buckskinstühle, 67 mechanische Stühle, 191 Stühle für halbwollene Waren; ferner 40 große Färbereien, 2 Papierhülsenfabriken, 3 Maschinenfabriken (Dampfmaschinen, Appreturmaschinen, Maschinen für Wäscherei, Färberei, Brauerei und Brennerei), zwei Bierbrauereien, mehrere Eisengießereien, eine Kinderwagenfabrik und mehrere Ziegeleien.« Die Familie Zöffel wurde Crimmitschau zum Markenzeichen, nicht nur der Stadtpark und sein Name zeugen vom Unternehmer und Unternehmen.

Die Zöffels entstammen (wahrscheinlich) dem West­erzgebirge nahe Schneeberg und betrieben wohl da eine Lohmühle und Gerberei. Aktenkundig wird einer der Ihren wegen staatsgefährdenden »Aufruhrs« im Zuge der Märzrevolution im Jahre 1848: Karl August Zöffel. »In das Visier behördlicher Überwachung und rechtlicher Sanktionierung gerieten zu allen Zeiten nicht nur die üblichen Gruppen von Kriminellen, sondern auch solche Personen, die temporär als kriminell betrachtet wurden. Dabei handelte es sich um sogenannte Staats- und Hochverräter. Im 19. Jahrhundert traf dies vor allem zu auf die Vorkämpfer von Demokratie und Republik, die sich 1848 unter anderem auch in Sachsen zuhauf zusammenfanden, um an Barrikadenkämpfen oder Demonstrationen teilzunehmen.« Karl August Zöffel saß Jahre im Zuchthaus zu Waldheim ein. Fortschrittsdenken über den eigenen Vorteil hinaus – eine Maxime für persönliches Handeln, die auch nächste Generationen seiner Familie beeinflusste.

Der in Crimmitschau bekannte Emil Oskar Zöffel wurde 1859 an der oberen Pleiße geboren, absolvierte eine Ausbildung zum Weber und war in mehreren Textilbetrieben der Stadt angestellt, bis er sich 1890 selbständig machte und mit zwei mechanischen Webstühlen seine eigene Tuchfabrik gründete. Fortschrittlich der Familienzusammenhalt der Aufbauphase: Zöffels »gute liebe Frau hat von Anfang an sehr regen Anteil am Geschäft genommen. Sie hat zu Hause Stücke abgelesen, Waren mit verpackt und sonstige Arbeiten mit versorgt, welche im Hause gemacht werden konnten. Ich konnte dafür mehr in der Fabrik sein, wo ich die Ketten scheren musste, Stücke putzen und ausnähen, aber ich musste auch die Webstühle reparieren, wenn irgendein Bruch daran vorkam. Kurz und gut, ich und meine Frau Henriette haben täglich mehr als 14 Stunden gearbeitet, trotzdem wir inzwischen 6 Kinder erhielten. Die ältesten mussten zum Teil auch helfen. Die ganze Familie hat mitgeholfen, dass wir vorwärtskamen.« Im wirtschaftlichen Aufschwung jener Zeit entwickelte sich Zöffels Textilunternehmen rasant und behauptete sich erfolgreich auf dem Markt. Man produzierte auf der Lützowstraße und erweiterte das Werk ständig um neue Hallen und Gebäude. Im Ersten Weltkrieg fertigte Zöffel fürs Militär und überstand mit dem damit gemachten Profit die anschließende Krisenzeit.

Emil Oskar Zöffel avancierte zu einem der reichsten und prominentesten Bürger der Stadt. Am 17. Mai 1933 erhält der Industriemagnat die Ehrenbürgerwürde Crimmitschaus, im selben Jahre noch stirbt der Unternehmer. »Sozial gesehen, hatte er zwei Gesichter, auf der einen Seite war er einer der Textilfabrikanten, die 1903 den Textilarbeiterstreit in der Stadt hart bekämpften, auf der anderen Seite spendete er der Pleißenstadt 1913 einen Park im Osten der Stadt, welcher später auch seinen Namen tragen sollte.«

Die DDR machte 1954 aus Oskar Zöffels Unternehmen Volkseigentum und gliederte es 1962 in den VEB Volltuchwerke Crimmitschau ein. »Bis 1990 fertigt man hier Tücher für den Weltmarkt. Doch nach dem Ende der DDR-Wirtschaft und der politischen Wende war auch hier Schluss. Mit Beginn eines wiedervereinten Deutschlands gehen in Emil Zöffels Lebenswerk für immer die Lichter und Maschinen aus.« Doch hält Crimmitschau den Namen wie den Park Emil Oskar Zöffels in Ehren.

Schrecklich aber ist das Geschehen, das die Freie Presse, Lokalseite Zwickau-Land, am 8. April 1949 unter der Überschrift »Mord in Crimmitschau« meldet: »Am 5. April 1949, gegen 6.20 Uhr, wurde die Näherin Christa Ruick, 25 Jahre alt, im Zöffelpark ermordet aufgefunden. Die Ermittlungen ergaben, daß die R. durch Schläge auf den Kopf mittels eines Hammers getötet wurde. Der Hammer wurde am Tatort gefunden. Die Kriminalpolizei wendet sich hiermit an die Öffentlichkeit mit der Bitte, mitzuhelfen, daß dieses abscheuliche Verbrechen geklärt und gesühnt werden kann. Wer hat die R. am Montag, den 4. April 1949, in der Zeit von 21.45 bis 22.30 Uhr in Begleitung einer Person gesehen? Wer hat zur fraglichen Zeit verdächtige Personen in der Nähe des Tatortes gesehen oder bemerkt? Wer hat Schreie gehört? Wer hat Personen mit blutiger Kleidung beobachtet?

Jeder, auch der kleinste Hinweis kann für die Kripo von größter Wichtigkeit sein. Mitteilungen werden auf Wunsch vertraulich behandelt. Meldungen nimmt die Revierkriminalpolizeistelle Crimmitschau, die Kreiskriminalpolizeiabteilung Zwickau, Tel. 5141, App. 117 oder 125, sowie jede Polizeidienststelle entgegen.«

Alwin Bittner hat den Leichenfund im Zöffelpark gemeldet. Die Polizei vor Ort nimmt die Sachlage zur Kenntnis und verständigt die Mordkommission der übergeordneten Kreisstadt Zwickau. »Betreff: Auffindung einer gefesselten weiblichen Leiche mit starken Schädelverletzungen im Zöffelpark Crimmitschau. Am 5.4.1949, gegen 6.30 Uhr, wurde die Polizeiwache Crimmitschau von dem Crimmitschauer Einwohner Bittner, Alwin, geb. am 2.5.1902,

wohnh. in Crimmitschau, Oswald-Anger-Siedlung 50,

telefonisch verständigt, daß im Zöffelpark eine gefesselte weibliche Leiche liegt. Sofortige Rückfrage bestätigte diese Meldung (Telefonnummer 2544). Vom Pol.-Mstr. Mosebach wurden umgehend der Leiter der Crimmitschauer Kriminaldienststelle Westermann sowie Pol.-Arzt Hubschmid verständigt. Hierauf begaben sich Pol.-Mstr. Mosebach, Oberwachtmstr. Brendel und Wachtmstr. Winter nach dem Fundort der Leiche. Der Fundort befand sich im Zöffelpark Crimmitschau in der Nähe des Sportplatzes an der Hainstraße; sogenannter Grüner Winkel. Eine Gruppe Zivilisten wurde umgehend zurückgewiesen und die Person festgestellt, welche die Leiche zuerst aufgefunden hatte. Es handelte sich um denselben Einwohner, der die telefonische Meldung nach der Pol.-Wache gegeben hatte.

Die Leiche lag mit entblößtem Unterkörper mit den Händen auf dem Rücken (später stellte sich heraus, daß dieselben gefesselt waren), gefesselten Füßen und blutverschmiertem Kopf zwischen Bäumen auf einem Gehweg. Der Fundort wurde umgehend in größerem Umfang abgesperrt und keine Veränderungen wurden am Fundort vorgenommen. Kurz nach dem Eintreffen der o.g. Schutzpolizisten erschienen Dr. Hubschmid und die Kriminalpolizei am Fundort.

Nach kurzer Fundortbesichtigung durch Kriminalkommissar Westermann und Kriminalangestellten Brendel wurde durch dieselben die Mordkommission Zwickau telefonisch von der Auffindung der weiblichen Leiche in Kenntnis gesetzt. Dieselbe traf gegen 8.00 Uhr am Fundort ein und nahm umgehend ihre Tätigkeit auf.

Auf Anordnung der Mordkommission wurde die Leiche gegen 10.00 Uhr durch das Bestattungsinstitut Förster Crimmitschau dem Pathologischem Institut des Heinrich-Braun-Krankenhauses in Zwickau zugeführt. Nach Abtransport der Leiche begaben sich die eingesetzten Polizisten wieder zurück zur Pol.-Wache.

Da nach den erkennbaren Tatumständen offensichtlich Mord oder Sexualverbrechen vorliegt, werden die weiteren Ermittlungen durch die Mordkommission Zwickau geführt. Das Pol.-Präsidium Zwickau, Operative Abt., wurde gegen 8.00 Uhr von der Auffindung der weiblichen Leiche in Kenntnis gesetzt.«

Die Tote ist eine junge Frau. Ein Mord aus sexuellen Motiven ist nach Inaugenscheinnahme des Tatorts und erster ärztlicher Untersuchung anzunehmen: Der Unterleib der Toten war entblößt. Stricke um Arme und Beine. Offensichtlich und brutal ist die Todesursache: Schläge auf den Kopf. Stichwunden im Gesicht. Blut und Dreck, die persönlichen Sachen liegen auf Weg und Wiese. Weggeworfen oder im Kampf verloren.

Die aus Zwickau eingetroffene Mordkommission notiert im Protokoll: »Nach Eingang der Fernsprechmitteilung begaben sich Polizeirat Wittig, Polizeimeister Zinn, Pol.-Hpt.-Wmstr. Bregenz und Pol.-Ob.-Mstr. Sörgel vom Erkennungsdienst sofort mittels Kraftwagen an den Tatort und stellten folgendes fest:

Als solcher kommt der südöstlich des Hauptbahnhofes Crimmitschau gelegene Zöffelpark in Frage, und zwar ca. 200 m vom Sportlerheim in der Hainstraße und ca. 58 m von der Kreuzung Kleiner Parkweg / Großer Parkweg entfernt. Der Tatort liegt 6 m südsüdöstlich des großen Parkweges, während die Leiche selbst mitten auf dem großen Parkweg lag. Weiter steht in der Nähe des Tat- und Fundortes eine Birke mit einem ziemlich großen Auswuchs, der gut sichtbar ist.

Am Tatort liegen auf einer Fläche von etwa 3 x 1,5 m verstreut: ein größeres graues Stück Papier; ein Paar braune Damenhalbschuhe, eine Geldbörse (offen); ein Hammer, auf dessen Unterseite die Nummer ›1000‹ und auf einer Seitenfläche das Zeichen ›FW‹ eingeschlagen ist; eine Netztasche ohne Inhalt; ein blutdurchtränktes Kopftuch; ein Paar gestrickte Handschuhe; ein wollener gestrickter Schal; ein stark mit Blut besudelter Damenschlüpfer; ein Textbuch Kabale und Liebe und ein schwarzer Keilschuh. An einer Buche in unmittelbarer Nähe liegen ein deutscher Personalausweis und eine Ausweishülle. Der Ausweis ist aus der Hülle genommen. (Nach den getroffenen Feststellungen wurde der Ausweis durch den Alwin Bittner, der die Leiche fand, aus der Hülle genommen, um die Person festzustellen.)

Quer über den Großen Parkweg, mit dem Kopf in Richtung Nord-Nordwest, liegt die Leiche der

Name: Ruick

Vornamen: Christa, Johanna

geb.: 23.12.1923 in Crimmitschau

wohnh. u.

pol.-gemeldet in Crimmitschau, Oswald-

Anger-Siedlung 53 (bei

den Eltern)

Beruf: Spulerin

Familienstand: ledig

Körper und Kopf haben eine leichte Rechtsneigung. Die Füße sind oberhalb des Knöchels mit einer Hanfschnur zusammengebunden, desgleichen die Hände auf dem Rücken.

Der Körper ist mit einem Unterhemd, blusenartigem, buntkarierten Sporthemd und einer Sportjacke bekleidet. Der Unterkörper ist fast bis in Nabelhöhe entblößt, die Strümpfe sind nach unten gerollt, und der linke Fuß ist noch mit einem schwarzen Keilschuh bekleidet.

Das Kopfhaar und Gesicht sind stark mit Erde und Blut beschmutzt. Die Augenlider sind geschlossen, und die Umgebung der Augen ist angeschwollen. Der Mund steht halboffen. Die Oberkörperbekleidung und auch der freiliegende Unterkörper, insbesondere die Knie und die Außenseiten der Oberschenkel, sind sehr mit Erde beschmutzt. Aus der Afteröffnung ist Kot ausgetreten.

Bei oberflächlicher Besichtigung der Leiche können nur am Kopf Verletzungen festgestellt werden, die sich in der Umgebung der Ohren konzentrieren und ziemlich tief sind. Kleinere Verletzungen sind auch im Gesicht vorhanden, jedoch durch die Verschmutzungen schlecht sichtbar. Bei der äußeren Besichtigung des Geschlechtsteiles sind keine Wunden, auch nicht in seiner Umgebung feststellbar.

An der Leiche wurden von der Mordkommission keine Veränderungen vorgenommen, um den Obduzenten ein klares Bild zu ermöglichen.

Außer mit größeren Klumpen von Erde und Laub vermischten geronnenen Bluts an der Stelle, wo die Sachen verstreut umherliegen, sind keine Spuren der Tat und des Täters sichtbar. Der in der Nacht vom 4. zum 5.4.1949 herrschende starke, gewitterartige Regen dürfte alle evtl. vorhanden gewesenen Spuren vernichtet haben.

Alle am Tatort gefundenen Gegenstände wurden sichergestellt, um sie vom Erkennungsdienst auf Spuren untersuchen lassen zu können.«

Das »Vorläufige Gutachten« vom Pathologischen Institut des Heinrich-Braun-Krankenhauses Zwickau bestätigt einen Tag später die am Tatort getroffenen Schlussfolgerungen über die brutale Todesursache durch stumpfe Gewalt, doch zeitigt die Obduktion noch mehr Ergebnisse, die auf das Geschehen vor Christa Ruicks Tod schließen lassen.

»A.

Äußere Besichtigung

Leiche eines 1,65 m großen, jugendlichen Weibes in durchschnittlichem Ernährungszustand. Körperdecke blaßgelb. Neben den abhängenden Körperpartien schwach ausgebildete, blaß-rote Leichenflecke. Totenstarre z. T. gelöst.

Kopfhaar und Gesicht mit Erde und verkrustetem Blut beschmutzt. Ebenso sind die Hände und die unteren Gliedmaßen, insbesondere die Außenseiten derselben und die Knie, mit Erdstaub verunreinigt.

Um beide Handgelenke verlaufen wenig tiefgehende Schnürfurchen. Desgleichen sind oberhalb der Fußknöchel, an der Außenseite der Unterschenkel 2 parallel verlaufende Schnürfurchen sichtbar.

Kopfhaar aschblond, leicht gelockt, dichtstehend, an der Stirn etwa 5 cm lang.

Augenlider geschlossen. Umgebung der Augen blutig unterlaufen und geschwollen. Augäpfel weich und leicht zurückgesunken. Bindehäute blaß, glänzend. Am äußeren Winkel des rechten Auges blutig, Lederhaut schwach gelblich. Hornhaut glasklar. Durchsichtig. Sehlöcher bds. mittelweit und rund, knorpeliges Nasengerüst und knöchernes Nasenskelett unversehrt.

Mund halboffen, Lippen blaßrot. Die Zunge liegt hinter der unteren Zahnreihe. Zarte Bartbildung an der Oberlippe.

Hals schlank, nicht widernatürlich beweglich.

Brustkorb schmal, seitengleich gebaut. Brüste schwach entwickelt. Warzenhof 2 cm im Durchmesser, blaßbraun.

Bauchdecken locker, weibliche Geschlechtsbehaarung.

Äußere Geschlechtsteile mit Kot beschmutzt. Große Schamlippen spaltförmig offen. Kleine Schamlippen leicht vorgelagert. Scheidenklappe defekt, von ihr sind nur noch einige warzenförmige Reste am Scheiden­eingang sichtbar. After offen. Afterumgebung durch Kot verunreinigt.

Gliedmaßen in natürlicher Lage. Unterhalb des rechten vorderen Darmbeinstachels eine 2 cm lange, oberflächliche Hautabschürfung mit pergamentartiger Eintrocknung des Gewebes.

Einen Querfinger oberhalb der rechten Ohrmuschel verläuft in waagerechter Richtung eine 5 cm lange, leicht nach unten gebogene klaffende Wunde. Die Wundränder sind unregelmäßig, aber scharf und weisen kleine Einkerbungen auf. Der untere Wundrand ist abgeschrägt. Am Wundrand ist der Schädelknochen sichtbar.

Einen Querfinger hinter der rechten Ohrmuschel befindet sich eine ebenso lange und beschaffene Wunde, die von vorn oben nach hinten unten verläuft. Auch sie reicht bis auf das Schädeldach.

Zwischen diesen beiden großen Wunden befindet sich eine oberflächliche 1,5 cm lange Zusammenhangtrennung der Haut mit glatten Rändern.

Nach dem Scheitelhöcker liegen mehrere, unregelmäßig geformte Wunden. Die vorderste, die sich etwa 2 cm oberhalb der unter Nr. 12 beschriebenen Wunde befindet, ist 4 cm lang und wird durch schmale Hautbrücken in 3 Abteilungen geteilt. Die Wundränder sind glatt und mit Einkerbungen versehen. Mit der Sonde stößt man auf das Schädeldach.

2 Querfinger hinter derselben befindet sich eine rechtwinklige Zusammenhangstrennung der Haut, deren Schenkel etwa 1,5 cm lang sind. Ihre Wundränder sind weniger scharf.

Abermals 2 Querfinger dahinter, in der Gegend des rechten Hinterhaupthöckers befindet sich eine sternförmig tiefgreifende Wunde mit eingekerbten und z. T. eingerollten Wundrändern.

Über dem rechten Scheitelhöcker befindet sich eine 2 cm lange, längliche, leicht klaffende Wunde mit unregelmäßig gestalteten Rändern.

An der linken Kopfseite, 5 cm oberhalb des Ohransatzes ist eine 4,5, cm lange, schräg gestellte Zusammenhangstrennung der Kopfschwarte sichtbar, deren oberer Wundrand 2 tiefe Einkerbungen aufweist. Die angrenzende Haut ist unregelmäßig eingekerbt. Die Wunde klafft stark und läßt in der Tiefe die Sehnenhaube erkennen.

Schräg oberhalb der linken Ohrmuschel befindet sich eine knapp 5 cm lange, tiefgehende klaffende Wunde, die mehr senkrecht gestellt ist und einen welligen Verlauf zeigt. Der Hinterrand weist ebenfalls einen tiefen Einschnitt auf. Hinter der linken Ohrmuschel befinden sich 4 glattrandige Wunden, deren größte etwa 3 cm lang ist und auf die Ohrmuschel selbst übergreift und das Läppchen fast völlig abgetrennt hat.

Am äußeren Winkel des linken Auges befindet sich eine schräg gestellte, 3 cm lange Wunde mit eingekerbten Rändern. In der Umgebung ihres Winkels 2 linsengroße, leicht klaffende Hautdefekte.

Über dem rechten Wangenhöcker eine 1 cm lange, glattrandige Wunde mit Einkerbungen des Unterrandes. Mit der Sonde kann man durch sie bis auf das Jochbein durchdringen.

Vor der rechten Ohrmuschel 3 glattrandige, klaffende Wunden von durchschnittlich 1 bis 2 cm Länge.

Sämtliche Wunden sind durch Erde verunreinigt.

B.

Innere Besichtigung

I. Kopfhöhle

Kopfschwarte mittelkräftig und in der Umgebung der oben beschriebenen Wunden blutig durchtränkt.

Das Schädeldach ist im Durchmesser 0,3 cm dick und auf der Sägeschnittfläche deutlich dreigeschichtet. Das rechte Schläfenbein weist eine markstückgroße Fraktur mit nach innen ragenden Bruchstücken auf. Ein etwas größerer Bruchherd befindet sich in der linken Schläfenbeinschuppe an der Grenze zum Hinterhauptbein. Das gesamte Hinterhauptbein ist mehrfach gebrochen. Die Bruchlinien kreuzen sich teilweise und ziehen bis hinab zum großen Hinterhauptsloch.

Die harte Hirnhaut straff gespannt, derb und nirgends verletzt.

Weiche Hirnhäute zart und über der rechten Großhirnhauptkugel stark blutig unterlaufen.

Der Spalt zwischen harter und weicher Hirnhaut ist ebenfalls mit Blut ausgefüllt.

Das Gehirn entspricht an Größe dem Schädelinneren. Es wiegt 1120 g und ist von weicher, teigiger Beschaffenheit. In der Wölbung der rechten Großhirnhälfte und an den Polen beider Schläfenlappen finden sich oberflächliche, winzige Blutungsherde. Querschnitte durch die einzelnen Hirnbezirke bieten die übliche Zeichnung. Hirnkammern mittelweit, zart ausgekleidet und mit einigen Tropfen wasserklarer Flüssigkeit gefüllt.

Gefäße des Hirngrundes zartwandig.

In den Blutleitern der harten Hirnhaut flüssiges, hellrotes Blut.

Vordere Schädelbasis intakt.

Keilbeinhöhle und linkes Mittelohr mit Blut gefüllt. Übrige Nebenhöhlen trocken.

II. Brusthöhle

Unterhautfettgewebe schmal. Brustmuskulatur schmutzig rot, feucht. Zwerchfellstand bds. im 4. Zwischenrippenraum. Regelrechte Lage der Brustorgane, die einen auffallend blutleeren Eindruck machen.

Der mittelweite Herzbeutel zeigt eine glänzende Innenseite und enthält annähernd 2 Eßlöffel klare, hellgelbe Flüssigkeit.

Das Herz ist klein und schlaff und wiegt 240 g. Herz­überzug glatt und glänzend. Innenauskleidung und Klappenapparat zart und fleckenlos. In den mittelweiten Herzhöhlen findet sich etwas dunkelrotes, flüssiges Blut. Muskulatur von normaler Stärke und auf der Schnittfläche von blasser, braun-roter Farbe.

Kranzschlagadern ohne Besonderheiten.

Eirundes Loch geschlossen.

Beide Lungen gut lufthaltig und von schwammiger, weicher Beschaffenheit. Die rechte Lunge wiegt 280 g, die linke 200. Lungenoberfläche höckrig, grau-rot und von einem zarten Überzug bedeckt. Lungenschnittfläche glatt, trocken und von gelb-hellroter Farbe. In den größeren Luftröhrenästen Speisebröckel. Die Lungenschlagader enthält teils flüssiges Blut.

Gebiß fast vollständig und in guter Beschaffenheit. Der Körper des Unterkiefers ist in der Mitte durchbrochen. Die rechte untere Zahnreihe steht deshalb etwas zurück.

Zunge von normaler Beschaffenheit. Zungenrücken grau-weiß mit ausgeprägter Wärzchenbildung.

Die Rachenwand und das Bindegewebe des Halses, vornehmlich der linken Seite, sind blutig durchtränkt.

Der Kehlkopfeingang und der Kehldeckel sind geschwollen. Übrige Halsorgane sind regelrecht beschaffen.

Große Körperschlagader eng und elastisch.

III. Bauchhöhle

Bauchdeckenfett und Nabel 3 cm dick. Bauchmuskel kräftig, blaßrot, trocken. Bauchorgane in gehöriger Lage und auffallender Blässe. Leicht geblähte Darmschlingen vom großen Netz bedeckt.

Milz schlaff, kaum 100 g schwer. Ihre Kapsel lila-rot, gerunzelt, ihre Schnittfläche ziegelrot mit verwaschener Bälkchenzeichnung. Etwas Milzgewebe abstreifbar.

Magen vollgefüllt mit unverdauter Nahrung. Schleimhaut glatt, an der großen Krümmung leicht längsgefaltet.

Im Darm gallig gefärbter, bröckliger Speisebrei. Im Enddarm dünnbreiiger Kot. Schleimhautrelief normal ausgeprägt.

Bauchspeicheldrüse von gehöriger Größe und Gewebebeschaffenheit.

Leber fest, 1120 g schwer, von hellbrauner Farbe. Leberüberzug glatt und glänzend. Schnittfläche blutarm, mit verwaschener Läppchenzeichnung.

Gallenblase und abführende Gallenwege ohne Besonderheiten.

Nebennieren bds. 2-markstückgroß mit deutlich geschiedener Mark-Rindenzeichnung.

Nieren in fettarmen Lagern, derb und zusammen 210 g schwer. Bindegewebige Kapsel ohne Substanzverlust von der glatten Nierenoberfläche abziehbar. Nierengewebe blutleer und von blaß braun-roter Farbe. Rinde von den Markkegeln auf der Schnittfläche scharf begrenzt.

Nierenbecken und Harnleiter von gehöriger Weite, mit zarter Schleimhaut ausgekleidet.

Harnblase kleinapfelgroß, leer.

Innere Geschlechtsorgane dem Alter entsprechend entwickelt und ohne krankhafte Veränderungen. Beide Eierstöcke von zahlreichen, erbsengroßen, mit wasserklarer Flüssigkeit gefüllten Bläschen bedeckt. Muttermund als querer Spalt sichtbar. Umgebende Schleimhaut oberflächlich zerstört.

Scheide mittelweit. Wand trocken.

IV. Knochen- und Gelenksystem

Bis auf die oben beschriebenen Veränderungen intakt.

C.

Vorläufiges Gutachten

Die Sektion der Ruick ließ folgenden Befund erheben: zahlreiche, z. T. ausgedehnte Kopfverletzungen mit umschriebenen Bruch (Impressionsfrakturen) beider Schläfenbeine. Zertrümmerungsbruch des Hinterhauptbeines. Blutungen in die Hirnhäute und oberflächliche Hirnzertrümmerungen an der rechten Großhirnwölbung. Ferner fand sich ein Bruch des Unterkiefers mit blutiger Durchtränkung des Mundbodens und der Halsweichteile sowie Ödem des Kehldeckels. Auffallend war die Blutleere der Eingeweide.

Nach der Beschaffenheit der Wunden handelt es sich z. T. um Stichverletzungen, z. T. um stumpfe Gewalteinwirkungen. Vor allem machen die Wunden am behaarten Kopf den Eindruck, als ob sie durch stumpfe Werkzeuge gesetzt worden seien. Die Schläge sind mit erheblicher Wucht geführt worden.

Verletzungen an den äußeren Geschlechtsteilen, Samenkörperchen in der Scheide oder andere Anzeichen, die auf ein Notzuchtsverbrechen hindeuten könnten, fanden sich nicht. Das schließt jedoch nicht eine Vergewaltigung bzw. den Versuch eines gewaltsamen Beischlafes aus.

Der Tod der R. dürfte infolge Hirnlähmung und Verblutung aus den zahlreichen Wunden (insgesamt 20) bald eingetreten sein.

Die Leiche war an Händen und Füßen gefesselt.

Zur feingeweblichen Untersuchung wurden Stücke aus dem Großhirn zurückbehalten.«

Bei der genauen Inaugenscheinnahme von der Kleidung und den Hanfstricken der Fesselung werden Haare gefunden. Diese werden gesichert und an das »Chem. Laboratorium Dr. H. Wolf« in Zwickau zur exakten wissenschaftlichen Begutachtung gesandt. Denn durchaus möglich erscheint es den Ermittlern, dass diese Haare nicht nur vom Opfer stammen, sondern Täterspuren sind.

Am 4. Mai 1949 teilt Dr. Wolf mit:

»An das Polizeipräsidium Zwickau, Kreiskriminalpolizeiabteilung, Kommissariat C9

Betr. Mord in Crimmitschau am 4.4.1949

Am 21. April 1949 wurden mir von Ihnen zwei Proben Haare, bezeichnet ›Beutel 1‹ und ›Beutel 2‹, geschickt. Es sollte festgestellt werden, ob beide Haarproben von ein- und derselben Person herrühren. Die in diesem Sinne vorgenommenen makroskopischen und mikro­skopischen Untersuchungen führten zu folgendem Ergebnis:

Beutel 1, gefunden an der Fesselung

Makroskopischer Befund: 5 Haare, verschieden lang, verschieden auch in Stärke und Pigmentierung. Die Haare sind gewellt bezw. gelockt.

Mikroskopischer Befund:

Haar: Länge: 10,1 cm, Dicke bei 35 µcm, über Wurzel glatt und unscharf abgeschnitten, Spitze rundlich abgescheuert, Markzylinder vorhanden, stellenweise inselartig unterbrochen, Pigmentierung kräftig, so daß ein normales Braun entsteht, obere Hälfte gelockt, nach unten zu glatt.

Haar: Länge: 23,2, cm, Dicke bei 30 µcm, Wurzel kolbig, Spitze abgeschnitten, deutliche Cuticulaschüppelung (Haarschuppenschicht), Markzylinder gering entwickelt, gut pigmentiert, also von brauner Farbe, Haar in ganzer Länge gelockt. Auffallend am Schaft einige Gesteinssplitter.

Haar: Länge: 14,9 cm, Dicke bei 20 µcm, Über Wurzel abgerissen, am oberen Ende abgeschnitten, Schüppelung feiner, Markkanal nur stellenweise deutlich, geringer, aber immerhin kräftig pigmentiert, also Haar dunkelblond, Haare gewellt.

Haar: Länge: 15 cm, Dicke bei 20 µcm, am unteren Ende abgerissen, am oberen Ende abgeschnitten, feine Cuticulaschüppelung, Markzylinder kaum wahrnehmbar, gering pigmentiert, also dunkelblond, Haar wenig gewellt. Auffallend: am Schaft viele Schmutzklumpen, Ruß- und Kohlenteile.

Haar: Sehr kurz und ohne Schmutzteile, sonst wie Haar 4.

Teilzusammenfassung: Aus der Dicke der einzelnen Haare ist zu ersehen, daß es Kopfhaare sind. Wenn nun die Kopfhaare eines Menschen in bezug auf Länge, Dicke, Färbung etc. auch voneinander abweichen (Stirn-, Schläfen-, Scheitel-, Hinterhaupthaare), so hat man hier doch den Eindruck, daß zweierlei Haar in Frage kommt oder besser gesagt, daß die 5 Haare von zwei verschiedenen Menschen herrühren, derart, daß Haar 1 und 2 von einem brünetten und Haar 3–5 von einem dunkelblonden bis blonden Menschen stammen. Ob Mann oder Frau ist schwer zu entscheiden, da heute auch junge Männer die Haare oft sehr lang tragen.

Beutel 2, gefunden an der Kleidung.

Makroskopischer Befund: 5 Haare von verschiedener Länge, aber gleich stark, gleich gefärbt, gleich geschüppelt, wenig gelockt.

Mikroskopischer Befund:

Haar: Über der Wurzel abgerissen, Spitze pinselförmig aufgefasert, feine Schüppelung, gering pigmentiert, Dicke bei 20 µcm, schwacher Markzylinder. Am Schaft viel Schmutz, aber nicht in Klumpen, sondern breit aufgelagert, ferner viel oberflächliche Einrisse und abgeschieferte Cuticulazellen. Es ist ein altes Haar, fettlos, spröde, gespalten, lag demnach schon längere Zeit auf der Kleidung.

Haar: Kurz, Dicke bei 20 µcm, Wurzel kolbig, Spitze abgeschnitten, feine Schüppelung, Pigmentierung gering, Markzylinder erkennbar, Schaft sauber, also ein frisches Haar, blond bis dunkelblond.

Haar: Lang, um die 20 µcm dick, Wurzel kolbig, Schüppelung und Färbung wie oben, Schaft sauber, ohne Schmutz, blond bis leicht dunkelblond, Markzylinder erkennbar.

Haar: Sehr lang, Dicke um die 20 µcm, Wurzel kolbig, Schüppelung, Farbe und Markzylinder wie bei 3, sauber, blond bis leicht dunkelblond.

Haar: Wie bei Haar 4.

Teilzusammenfassung: Es handelt sich hier deutlich um Haare, die durch Auskämmen oder natürliches Ausfallen den Haarboden verlassen und sich auf der Kleidung abgelagert haben.

Endergebnis: Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß Haar 4 und 5 der ersten Gruppe von der Ermordeten stammen, da Dicke, Farbe, Cuticulastruktur und Markzylinder weitgehend übereinstimmen. Im Zweifel könnte man bei Haar 3 sein. Bei kräftiger Pigmentierung zeigt es sonst alle Eigenschaften der Haare 4 und 5. Vielleicht liegt hier eine Abweichung vor, die bei menschlichem Kopfhaar nicht selten ist. Haar 1 und 2 lassen sich nicht einordnen. Sie sind makroskopisch und mikroskopisch derart abweichend, daß man sie als fremd bezeichnen muß.«

Ein Ermittlungsansatz: Zwei der gefundenen Haare stammen höchstwahrscheinlich vom Täter. Zumindest von jemandem, der der Fesselung der Toten nahe kam. Ein Vergleich mit anderen Ermittlungsergebnissen und eventuell Verdächtigen wäre dennoch äußerst schwierig und anzweifelbar, der eindeutige Test durch die Analyse der DNA ist 1949 unbekannt.

Jeder Zentimeter des Tatorts wird von Kriminaltechnikern abgesucht. Jedes mögliche Indiz wird konserviert.

»Spurensicherungsbericht vom 26. April 1949

Der Erkennungsdienst war zusammen mit der Spezialkommission am 6.4.49 gegen 9.00 Uhr am Tatort. Auf Anordnung der Spezialkommission wurden 4 Fotos, welche die nähere Umgebung sowie die Lage der Leiche bei der Auffindung bildlich festhielten, hergestellt. Die am Tatort gefundenen Gegenstände (der zur Tat benutzte Hammer, Briefe, deutscher Personalausweis u. -hülle, in welcher sich PA befand) wurden nach Spuren und besonderen Merkmalen untersucht.

Der zur Tatausführung benutzte Hammer: Die mit Blut gegriffenen am Hammerstil noch sichtbaren Abdrücke konnten nicht fotografiert werden, da sie zum Klassifizieren oder wenigstens einer Vergleichung infolge ihrer starken Übergriffenheit sich nicht eigneten. Nach weiterem Einstauben durch Argentorat [laut Archiv der Kriminologie von 1933: ›ein silberfarbenes, industriell hergestelltes Aluminiumpulver mit sehr hohem Feinheitsgrad; es kann auch mit Eisen- oder Kupferpulver gemischt werden. Argentorat schmiert leicht; dadurch kann die Spur zerstört werden. Es wird mit einem Einstaubpinsel oder Zerstäuber aufgebracht. Dabei ist möglichst wenig Pulver gleichmäßig zu verteilen. Argentorat eignet sich gut für Spuren mit geringer Substanz und für ältere Spuren, weniger gut für frische und/oder feuchte Spuren. Die Beimischung von Eisenpulver oder Kupferpulver bewirkt eine Farbveränderung in bräunlich bzw. rötlich. Bei Benutzung einer schwarzen Klebefolie erscheint die Spur seitenverkehrt, sie muss deshalb fotografisch umkopiert werden.‹] und durch Vergrößern konnten keine weiteren Spuren infolge des rauhen Holzes festgestellt werden. An besonderen Merkmalen wurden am Hammer ein Monogramm, welches die Buchstaben F.W. eingeschlagen zeigt, festgestellt.

Briefe, Personalausweis, Ausweishülle sowie noch von der Ermordeten mitgeführte Schriftstücke: An den Schriftstücken konnten keine Spuren festgestellt werden. Um eventl. Spuren, die für das Auge unersichtlich waren, sich aber darin hätten befinden können, zu entdecken, wurden diese Papiere in das Jodbad gesteckt, aber es konnten auch daran keine Spuren festgestellt werden. Die Ausweishülle wurde mit Argentorat eingestaubt, jedoch der rauhen Flächen zufolge war die Spurensuche ohne Erfolg.

Die Negative der Tatortbilder sowie die technischen Aufnahmen (Hammer) verbleiben weiterhin im Erkennungsdienst und werden unter der Nummer 35 bis 42/49/13x18 (Tatort) verwahrt.«

Die Bevölkerung diskutiert nicht nur in Crimmitschau. Mord widerspricht der Propaganda und dem sozialistischem Menschenbild. Die Partei und die Staatsmacht fühlen sich herausgefordert. Das Landeskriminalpolizeiamt Sachsen ist dem Partei- und Staatsapparat rechenschaftspflichtig. Die Ermittler in Crimmitschau müssen die Leitungsebene über die Tat und ihre Ermittlungsergebnisse informieren. Kriminalrat Wittig schreibt zusammenfassend per

»Fernschreiben, 5. April 1949, an das L.K.P.A. Sachsen, Dezernat C1

Betr.: Mord in Crimmitschau, im sog. Zöffelpark

Bezug: Ohne

Am 5.4.49, gegen 6.20 Uhr wurde die ledige Näherin Christa Ruick im Zöffelpark auf dem großen Parkweg, ca. 200 m vom Sportlerheim am Zöffelpark entfernt, ermordet aufgefunden.

Die Tote lag quer über dem Weg. Der Unterkörper war vollständig entblößt, die Strümpfe nach unten gezogen. Die Füße waren oberhalb des Knöchels mittels einer Hanfschnur zusammengebunden, desgleichen die Hände auf dem Rücken. Das Gesicht der Toten war vollkommen verschmutzt und fast unkenntlich.

Ca. 6 m von der Auffindungsstelle entfernt befand sich auf dem Waldboden eine größere Blutlache; Schuhe, Handtasche, Kopftuch, Geldbörse, Personalausweis und ein wollener Schal lagen verstreut umher. Inmitten dieser Gegenstände lag ein gewöhnlicher Schlosserhammer mit der eingehauenen Nummer: ›1000‹, der auf dem Boden zugekehrten Seite stark mit Blut besudelt war.

Festgestellt werden konnte folgendes: Die Ruick hat am 4.4.49 gegen 21.45 Uhr, die Wohnung ihrer Tante, bei der sie kurz zu Besuch weilte, verlassen, um sich in die elterliche Wohnung zu begeben.

Kurz vor 22.00 Uhr wurde vom Wirt des Sportlerheimes am Zöffelpark in der Nähe des Sportlerheimes zweimal von den Wirtsleuten ein seltsamer, röchelnder Laut gehört. Die Nachforschungen des Wirtes, indem er nach draußen ging und nachsah, waren ergebnislos. Da der Tatort etwa 200 m von dieser Stelle entfernt liegt, wird angenommen, daß die Ruick sich bedroht fühlte, in ihrer Angst den Weg zurück lief, wobei sie von dem Täter verfolgt wurde, im Zöffelpark von diesem eingeholt und mit dem am Tatort gefundenen Hammer niedergeschlagen worden ist. Vermutlich wurde sie dann im besinnungslosen Zustand gefesselt und vergewaltigt.

Bemerkt sei, daß es sich bei der Ruick um eine Taubstumme handelt, die nach Aussagen der bisher vernommenen Zeugen einen durchaus soliden Lebenswandel führte.

Infolge eines in der Nacht einsetzenden starken Regens konnten weder am Tatort noch am Auffindungsort Spuren gesichert werden. Das heißt also, daß die Spuren durch den Regen vollständig vernichtet wurden. Vom Täter fehlt z. Zt. jede Spur. Die Ermittlungen sind im vollen Gange, nach Abschluß derselben wird eine Berichtsdurchschrift übersandt.«

Es folgen die Vernehmungen der Zeugen.

»Bestellt erscheint der Gerberei-Arbeiter

Bittner, Alwin,

geb. am 2.5.1902 Irnkofen, Krs. Regensburg

wohnh.: Crimmitschau, Oswald-Anger-Sdl. 50,

verh., 1 Kind im Alter von 21 Jahren,

und gibt an: