Bonnie & Clyde vom Sachsenplatz - Henner Kotte - E-Book
Beschreibung

Bis 1990 hängt im Deutschen Hygiene-Museum ein Skelett – die Knochen einer hingerichteten Doppelmörderin, die 1946 eine Mutter mit Kind auf furchtbare Weise tötete, die Leichen zerstückelte und das Fleisch für ein paar Pfennige an ihre Nachbarinnen verkaufte. Auf einem Gartengrundstück wird 1949 die Leiche der Kindergärtnerin Anita G. gefunden. Welcher der Männer, die um die attraktive junge Frau scharwenzelten, hat sie missbraucht und dann zu Tode gebracht? Inspiriert von klassenfeindlichen Heftromanen, begeht 1955 ein junges Pärchen einen skupellosen Raubmord am Sachsenplatz, um mit der Beute in den Westen zu fliehen. Virtuos nimmt Henner Kotte die Spur der Täter und Ermittler auf und rekonstruiert aus Vernehmungsprotokollen, Tatortberichten und Presseartikeln drei aufsehenerregende Verbrechen aus den Anfangsjahren der DDR – packend und authentisch!

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Seitenzahl:257

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Henner Kotte

Bonnie & Clyde

vom Sachsenplatz

und zwei weitere authentische Kriminalfälle aus Dresden

Bild und Heimat

Von Henne Kotte liegen bei Bild und Heimat außerdem vor:

Schüsse im Finsteren Winkel und sechs weitere Verbrechen (Blutiger Osten, 2013)

Um Kopf und Kragen. Unbekannte Fälle aus dem Kuriositätenkabinett der Kriminalistik (2014)

Leipzig mit blutiger Hand und fünf weitere Verbrechen (Blutiger Osten, 2015)

Blutige Felsen. Kriminalstories aus der Sächsischen Schweiz (2015)

Blutiges Erz. Kriminalgeschichten aus dem Erzgebirge (2016)

Raubsache Leipzig und vier weitere Verbrechen (Blutiger Osten, 2016)

Leipziger Heimsuchung und vier weitere Verbrechen (Blutiger Osten, 2016)

eISBN 978-3-95958-724-2

1. Auflage

© 2016 by BEBUG mbH / Bild und Heimat, Berlin

Umschlaggestaltung: fuxbux, Berlin

Umschlagabbildung: © ddrbildarchiv.de/Klaus Morgenstern

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:

BEBUG mbH / Verlag Bild und Heimat

Alexanderstr. 1

10178 Berlin

Tel. 030 / 206 109 - 0

www.bild-und-heimat.de

Museumsknochen

Eine Weihnachtsgeschichte aus dem Jahre 1946

Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes definiert: »Hygiene ist die vorbeugende Medizin, d. h. die Gesamtheit aller Bestrebungen und Maßnahmen zur Verhütung von Krankheiten und Gesundheitsschäden beim Einzelnen und bei der Allgemeinheit, besonders hinsichtlich der durch das Zusammenleben der Menschen und durch den Beruf entstehenden bzw. drohenden Erkrankungen. Teilgebiete der Hygiene sind die öffentliche Gesundheitspflege der staat­lichen Organe, Seuchenhygiene, Schulhygiene, die Volksaufklärung über gesundheitliche Fragen.«

Auf Initiative und unter Mitwirkung des Mundwasser-Odol-Erfinders und Philanthropen Karl August Lingner wurde in Dresden bereits 1912 eine Volksbildungsstätte für Gesundheitspflege, aus der später das Deutsche Hygiene-Museum hervorging, gegründet. Seit je war das eine »Stätte der Belehrung für die ganze Bevölkerung, in der jedermann sich durch Anschauung Kenntnisse erwerben kann, die ihn zu einer vernünftigen und gesundheitsfördernden Lebensführung befähigen«. Augenmerk legte man besonders auf die Anatomie des Menschen, zeigte Präparate, fertigte Modelle und Moulagen, die Körper und Funktion und deren Krankheiten verdeutlichten. Anlässlich der II. Internationalen Hygiene-Ausstellungarchitektierte Wilhelm Kreis der Sammlung einen Museumsneubau am Lingner Platz 1. 1930 eröffnet, war des Hauses größte Attraktion wohl der Gläserne Mensch. Bis heute hat das lebensgroße dreidimensionale Modell seine Faszination nicht eingebüßt.

1949 berichtete der Defa-Augenzeuge von Konzeption und Aufbau des neuen Museumsrundgangs. Man sah die Phasen der Geburt, das Modell einer Poliklinik, die Röntgenaufnahme einer Rippe, erklärte den Zusammenhang zwischen Schmerz und Körper. Die Kamera schwenkte über die 223 Knochen eines menschlichen Skeletts. Mit Gummizügen war es an einer Pappwand befestigt. Es waren die konservierten Gebeine eines Menschen, nach den neuesten Kenntnissen der Wissenschaft gefertigt. Bis 1990 sah man diese Knochen im Deutschen Hygiene-Museum. Seitdem sind sie verschwunden, und sie blieben es bis heute.

Jedes Museum besitzt ein Geheimnis

Die alten Dresdner wussten damals (und wissen es heute immer noch): Die Knochen, die dort im Museum hingen, waren die Knochen einer Doppelmörderin. Sie war der Stadt monatelang Gespräch gewesen. Brutal ihre Tat. Die Tatsachen unvorstellbarer als die Gerüchte. Der Prozess Spektakel. Die Gerichtssäle am Münchner Platz, sie reichten nicht aus. Man verlegte das Prozedere in den öffentlichen Raum mit den meisten Plätzen. »Das große Interesse, das der grausige Doppelmord in der Talstraße in der Dresdner Bevölkerung hervorgerufen hat, kam auch in den ungewöhnlich starken Andrang des Publikums zu der Schwurgerichtsverhandlung zum Ausdruck, die am Freitag im Saal des Hygiene-Museums gegen die Täterin, die 1912 in Schlesien geborene Arbeiterin Frieda Lehmann, geb. Weigelt, geführt wurde.« Der Richter sprach nach Verhandlung und Gesetz das Todesurteil. Es wurde vollstreckt. Großeltern erzählten ihren Enkelkindern von der grausigen Menschenschlachtung in der Dresdner Neustadt, von den Leichenteilen, die herumlagen, von den Krähen, die sie freilegten. Sie erzählten von der grünen Tinte, die die Mörderin verriet, sie erzählten vom Fallbeil am Münchner Platz, sie erzählten von den Knochen Frieda Lehmanns in der Ausstellung für die »Aufklärung über gesundheitliche Fragen«.

Mitarbeiter des Hygiene-Museums bestreiten heute die Existenz dieses Skeletts. Offiziell kann man weder Auskunft über den Verbleib der Knochen, noch über deren Identität erhalten. Aber könnte dieses Schweigen nicht beredter Beweis sein, dass die Knochen die eines Menschen waren? Vielleicht von Frieda Lehmann? Ein Aktenvermerk legt die Wahrheit der Gerüchte nah: »Es wird gebeten, Tag und Ort der Urteilsvollstreckung so rechtzeitig bekannt zu geben, damit das Anatomische Institut der Universität Leipzig, dem die Leiche zu Unterrichts- und Forschungszwecken überlassen werden soll, die entsprechenden Vorbereitungen treffen kann.« Augenscheinlich hatte man die Vorbereitungen getroffen. Das Skelett wurde für Unterrichts- und Forschungszwecke präpariert und ausgestellt. Die Knochen der Schlächterin von der Talstraßesind in Dresden Legende.

O, du fröhliche, o, du seelige, gnadenbringende Weihnachtszeit.Trotz Trümmern, Nachkrieg, materiellen und menschlichem Verlust, auch 1946 feiert man das Weihnachtsfest. Christbäume werden aufgestellt. Lametta auf den Tannenzweigen. Kerzen brennen in den Zimmern. Geschenke werden eingekauft. Vorfreude in Kinderaugen. Süßer die Glocken nie klingen / als zu der Weihnachtszeit: / S’ist als ob Engelein singen / wieder von Frieden und Freud’.

Das Stadtzentrum der Elbmetropole haben die anglo-amerikanischen Bomben des 13. Februar 1945 gänzlich zerstört. Erich Kästner sieht erschüttert auf seine Heimatstadt: »Das, was man früher unter Dresden verstand, existiert nicht mehr. Man geht hindurch, als liefe man im Traum durch Sodom und Gomorrha. Durch den Traum fahren mitunter klingelnde Straßenbahnen. In dieser Steinwüste hat kein Mensch etwas zu suchen, er muss sie höchstens durchqueren. Von einem Ufer des Lebens zum andern. Vom Nürnberger Platz weit hinter dem Hauptbahnhof bis zum Albertplatz in der Neustadt steht kein Haus mehr. Das ist ein Fußmarsch von etwa vierzig Minuten. Rechtwinklig zu dieser Strecke, parallel zur Elbe, dauert die Wüstenwanderung fast das Doppelte. Fünfzehn Quadratkilometer Stadt sind abgemäht und fortgeweht. Eine verstaubte Ziegellandschaft. Gleich vereinzelten, in der Steppe verstreuten Bäumen stechen hier und dort bizarre Hausecken und dünne Kamine in die Luft. Wie von einem Zyklon an Land geschleuderte Wracks riesenhafter Dampfer liegen zerborstene Kirchen umher. Was sonst ganze geologische Zeitalter braucht, nämlich Gestein zu verwandeln – das hat hier eine einzige Nacht zuwege gebracht.« Menschen in ihr sind entwurzelt: Ausgebombte, Flüchtlinge, Soldaten, Waisenkinder. Die Bewohner versuchen, Weiterleben zu gestalten. Fort mit den Trümmern, und was Neues hingebaut! In der Neustadt waren manche Häuser vom Bombenhagel verschont geblieben. Straßenzüge sind trümmerfrei. Dazwischen Ruinen, Schutthalden, Müllplätze. Vorm nördlichen Elbhang der Alaunplatz. An dessen Rand stehen Wagen, in denen Wohnungslose für kurze Nächte Obdach finden. Einst übten auf der freien Fläche die sächsischen Truppen das Marschieren. Von ihrer Exerzierhalle stehen noch Mauern. Davor Schutt und Gerümpel, in dem man Verwertbares sucht.

»Auf Grund telef. Meldung begab sich die Mordkommission am 17.12.1946 an den Tatort, wo sie gegen 14.15 Uhr eintraf. Der Fundort ist der Alaunplatz in unmittelbarer Nähe der ehemaligen, jetzt ausgebrannten Exerzierhalle. Das Gelände vor diesem Gebäude ist teils durch Bombentrichter, teils durch angefahrene Asche uneben geworden. Die Kuhle, in welcher die Beine liegen, ist c. 40 m von dem Bischofsweg und zugleich 10 m von dem vorher erwähnten Gebäude entfernt. Der Boden der Kuhle ist ungefähr in der gleichen Höhe des Alaunplatzes. Durch, wie schon erwähnt, aufgeworfene Asche- und Hausratreste sind um die eigentliche Fundstelle bis zu 2 m hohe Hügel entstanden. Der mit anwesende Schtzm. Braun vom 18. Pol.-Revier erklärt, daß eine Frau Walther, Görlitzer Str. 32 III wohnhaft, beim Suchen eines Ofenknies durch Krähen auf diese Stelle aufmerksam gemacht worden ist. Sie zog zwei Männer mit an die Fundstelle heran, welche auf dem 18. Pol.-Revier Meldung erstatteten.

Der Schnee ist im weiten Umkreis durch Fußabdrücke der Krähen zerwühlt. Die Beine selbst sind zum Teil noch mit Zeitungspapier umwickelt. Das Papier ist nur an ganz wenig Stellen mit Blut durchtränkt. Die Zeitung Tägliche Rundschau hat als Datum den 9.8.1946, außerdem wird noch auf einem anderen Stück der 20.9.1946 festgestellt. An Hand der Zeitungsfetzen, welche um die Gebeine liegen, ist ersichtlich, daß dieselben vollständig in Papier eingewickelt waren, welches die Krähen jedoch durch ihr Hacken entfernt haben.« Auffällig ist neben dem Blut auf Zeitungszeiten grüne Tinte oder eine andre Flüssigkeit der Farbe. Vielleicht eine Spur, wenn die Körperteile keinen Hinweis zur Identifizierung bieten.

»Allem Anschein nach handelt es sich um Frauenbeine. Beim Heben der Beine wird festgestellt, daß sich unter demselben kein Schnee befindet. Demzufolge ist anzunehmen, daß, indem es am Freitag, den 13.12.1946 das erste Mal schneite, sie nach hier schon vorher gebracht worden sind. Die Füße liegen in sich aneinandergelegt, d. h. die Fußspitzen dort, wo die Füße von den Gelenken abgetrennt worden sind. Längs dieser beiden Beine liegen je ein Oberschenkelknochen. Die Beine selbst sind dann von normaler Form und scheinen von einer mittelgroßen Person zu stammen. Die Länge des Fußes vom Absatz bis zur Schnittstelle beträgt beim linken Bein bis zur Kniekehle 41 cm, und von dem Fersenansatz bis zur Knieschnittstelle 47 cm rechten Bein des desgleichen bis auf 1 cm Unterschied. Die Fußlänge von der Ferse bis zur großen Zehenspitze 23,5 cm. Auffallend ist, daß die Füße, nachdem sie vom Unterschenkel abgetrennt worden sind, wahrscheinlich abgewaschen wurden, indem an beiden Beinen sehr wenig Blut zu sehen ist. Die Beine haben ein beigefarbenes Aussehen und sind wahrscheinlich durch die Kälte, dort, wo der Knochen der Haut nahe liegt, blaß-blau unterlaufen. Auf den Zehen sind auf der 2. auf dem 1. Glied und auf der 4. und 5. Zehe auf dem 2. Glied je ein Hühnerauge zu sehen. Sonst sind an den Füßen weiter keine Merkmale festzustellen. Bemerkenswert ist, daß die beiden Unterschenkelknochen fachgerecht von den Kniegelenken abgetrennt worden sind. Ob die Beine abgehackt oder abgeschnitten worden sind, ist infolge des Krähenfraßes nicht mehr festzustellen. Die Beschreibung der beiden Oberschenkelknochen ist folgende:

Rein äußerlich gesehen scheinen diese Knochen von einer Person mittleren Alter zu stammen. Die Gebeine sind an beiden Enden mit den Kugelgelenken, welche vollständig unversehrt sind, begrenzt. Das Zeitungspapier, welches sich noch zum Teil daran befindet, ist infolge von Blut und Kälte fest an die Knochen angebacken. Beide Oberschenkelknochen sind durch Schnabelhiebe von Vögeln zerhackt. Vor allem ist zu erwähnen, daß das Fleisch von beiden Oberschenkeln abgeschnitten worden ist und die wenigen Fleischreste von den Vögeln zerhackt wurden. Bei genauerer Besichtigung mit der Lupe werden an den Kugelenden vereinzelte aschblonde Haare, welche sichergestellt werden, festgestellt. Die Länge dieser beiden Schenkelknochen beträgt 45 cm.

Trotz eifrigen Absuchens des Geländes können keine Anhaltspunkte, welche mit den Beinen in Zusammenhang zu bringen sind, wahrgenommen werden. Die Beine werden dem pathologischen Institut Dresden-Friedrichstadt übergeben.

Wie aus der vorhergehenden Niederschrift hervorgeht, müssen diese Beine mit dem Oberschenkelknochen bereits vor dem 1. Schneefall an die Fundstelle gebracht worden sein. Durch einen Krähenschwarm ist eine Frau auf diese Stelle aufmerksam gemacht worden. Das Zeitungspapier, in welches die Beine eingewickelt waren, sowie die Haare wurden sichergestellt. Trotz genauer Tatortbesichtigung konnte nichts festgestellt werden, was mit dem Fund identisch sein könnte. Es ist mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß das Fleisch der Toten auf den Markt gebracht wird. Aus diesem Grunde sind alle Polizeireviere in Dresden, sowie die Kriminalämter im Land Sachsen diesbezüglich verständigt worden. Es sei hier gleichzeitig mit erwähnt, daß dies bereits der 2. Fund innerhalb eines halben Jahres in Dresden ist. Bei dem 1. Fund waren die Beine vollständig mit Schuhen und Strümpfen bekleidet, eingewickelt in einen Teppich an dem Elbufer gefunden worden. Auffallend ist, daß diese damals gefundenen Beine genauso fachgerecht an den Gelenken abgetrennt bzw. abgeschnitten worden sind, wie auf dem Alaunplatz. Es ist erwähnenswert, daß die Beine, welche auf dem Elbufer gefunden wurden, genauso, wie die am Ala­unplatz, der Länge lang verpackt lagen und die jeweiligen Fußspannen an den Schnittstellen anlagen. Es ist von unbedingter Notwendigkeit, daß die Mordkommission Dresden insofern verständigt wird, ob parallel laufende Fälle in den anderen Kriminalämtern, bzw. in der russischen Zone aufgetreten sind. Diese Ausführungen sind dahingehend zurückzuführen, da vor ca. einem halben Jahr das Gerücht auftauchte, daß in Berlin Menschenfleisch im Handel sei. In letzter Zeit ist bei dem Kriminalamt Dresden nur eine Vermißtmeldung über eine weibliche Person eingegangen. Da an der Fundstelle keinerlei Anhaltspunkte gefunden werden konnten, wird versucht, die Ermittlungen in dieser Richtung anzusetzen. Die Angehörigen der Johanne Sperling, welche seit dem 8.12.1946 vermißt wird, wurden vorgeladen. Die Ermittlungen verzögerten sich, indem die Angehörigen der Vermißten z. Zt. abwesend waren. Die Ermittlungen werden aufs Intensivste von der Mordkommission fortgeführt. Über die weiteren Erörterungen wird nachberichtet.«

Unter Trümmern und Neuschnee: Frauenbeine

Von Kannibalismus und unsagbaren Verbrechen wird in Nachkriegszeiten oft erzählt. Und sie haben stattgefunden. Menschen wirren durcheinander. Viele fliehen, siedeln um. Manche finden vor Ort neue Heimstatt, kommen bei Verwandten unter. Andere bleiben verschwunden – Opfer von Krieg oder marodierenden Banden und anderen Verbrechern. In Berlin wütet Frauenmörder Willi Kimmritz. In Frauenstein wirft man die Leiche eines unbekannten Soldaten in eine Fäkaliengrube. In Riesa liegt Roswitha, kaum 17 Jahre, gefesselt und missbraucht im Wald. Mangel an allem. Schwarzmarkt. Razzien. Schiebergeschäfte. Hunger peinigt. Lebensmittel sind knapp, Hamsterfahrten üblich.

Fakt: Kannibalen existierten. Noch ist im Ohr der Gassenhauer: Warte, warte nur ein Weilchen, / bald kommt Haarmann auch zu dir, / mit dem kleinen Hackebeilchen, / macht er Schabefleisch aus dir. / Aus den Augen macht er Sülze, / aus dem Hintern macht er Speck, / aus den Därmen macht er Würste / und den Rest, den schmeißt er weg. Abwegig ist der Gedanke, dass ein Mörder zum Verkauf Menschen schlachtet, keineswegs. Neben Fritz Haarmann in Hannover bewegen die Massenmörder Papa Denke aus Breslau und der Berliner Würstelmacher Karl Großmann die Gemüter. Jetzt fand man zum zweiten Male verpackte Leichenteile in Dresden. Und zunächst die Frage: Zu wem gehören diese Beine? Welche Frau wird in der Stadt vermisst?

Alaunplatz: heute Ort der Naherholung

Die Suche beginnt sofort am Ort des Fundes: »Heute Morgen 10 Uhr wurden sämtliche Wohnwagen, die auf dem Alaunplatz stehen, kontrolliert und die einzelnen Personalien der Besitzer und Arbeiter festgehalten. In den Wagen konnte nichts Verdächtiges gefunden werden, was auf ein Verbrechen hätte schließen lassen können. Es wurde ebenfalls nichts besonderes festgestellt, daß Personen aus den Wagen verschwunden sind. Der größte Teil der Wohnwagenbesitzer bewohnen nicht mehr nachts ihre Wohnwagen, sondern möblierte Zimmer.« Man fragt in der Szene, sucht in der zwielichtig bekannten Kneipe der Neustadt, dem Sybillenort. Doch die ersten Ermittlungen zeitigen kein Ergebnis.

Ohne an einen Zusammenhang mit den Körperteilen vom Alaunplatz zu denken, vermisst Bertha Hallwachs, geboren am 14.5.1913 in Dresden, ihre drei Jahre jüngere Schwester Käthe, verehelichte Stiehler, und deren Sohn, den kleinen Heinz. Am 10. Dezember 1946 »besuchte mich Käthe letztmalig in meiner Wohnung«. Bertha Hallwachs macht sich Sorgen und hat bereits bei Bekannten nachgefragt. Am 11. Dezember war Käthe Stiehler noch in ihrem Wohnhaus, Großenhainer Straße 106, gesehen worden. Danach fehlt von ihr und dem kleinen Heinz jede Spur. Routinemäßig hatte Bertha Hallwachs mit dem Reserveschlüssel die Wohnung ihrer Schwester aufgeschlossen, als niemand auf ihr Klingeln öffnete. Das war schon öfter so gewesen. Nicht ungewöhnlich. Keineswegs. Bertha Hallwachs bringt Schwester und Neffen all­wöchentlich die Einkäufe, da sie im Handel arbeitet. Es sah nicht aus, als hätten Heinz und Käthe ihre Zimmer verlassen, um auf Weihnachtsurlaub oder kurz mal weg zu fahren. Tagelang waren Mutter und Heinz von niemand mehr gesehen worden. »Ich habe keinen Anhaltspunkt, wo sich meine Schwester und ihr Sohn hinbegeben haben. Nachdem ich die Wohnung meiner Schwester gesehen habe, möchte ich behaupten, daß sie nicht verreist sein kann, da die Tür nicht verschlossen, sondern nur zugeklemmt war. Da meine Schwester arbeitete, und ich in einem Lebensmittelgeschäft tätig bin, besorgte ich ihr diese, außer Brot und Fleisch, was sie sich selbst kaufte. Die Einkäufe wurden im Konsum, Trachenberger Platz, getätigt.« Seitdem ist mehr als eine Woche vergangen. Bertha Hallwachs beschleichen schlimme Ahnungen. Gründe dafür gibt es, weil ein Nachbar am 12.12.1946 in den Abendstunden Schritte in der Wohnung der Käthe Stiehler gehört haben will. Und so schaut Bertha Hallwachs mit dem Zeugen genauer in die Zimmer. »In der Wohnung war alles, wie es meine Schwester hinterlassen hat. Zunächst stellten wir auch nichts Auffälliges fest. Bei genauerer Durchsuchung der Behältnisse wurde mir gewiß, daß hier ein Dieb mittels Nachschlüssels in die Wohnung gekommen sein muß. Es könnte auch der reguläre Schlüsselbund meiner Schwester gewesen sein.« Denn Spuren von Gewalt sind am Schloss nicht zu finden. Jetzt berichtet Bertha Hallwachs von ihren Vermutungen und Ängsten auf dem Revier der Volkspolizei. Diese teilen die Ermittler und befragen zunächst die Nachbarn im einzeln stehenden Mehrfamilienhaus an der Ausfallstraße Richtung Norden zur Autobahn A4 und Schloss Moritzburg, Großenhainer Straße 106.

Die Prokop, Erna, geborene Tappert, ist Nachbarin und fast im gleichen Alter wie die Stiehler, Jahrgang 1911. Man versteht sich, man unterhält sich, man hilft einander. »Die Käthe Stiehler ist eine grundsolide Frau. Gepflegt.« Sie achtet auf ihr Äußeres. Sieht gut aus, und sie hofft, sie hofft so sehr auf die Heimkehr ihres Mannes aus der Kriegsgefangenschaft. »Ihr Manfred soll in Italien sein«. Nun wird es wohl auch dieses Weihnachtsfest mit dem Wiedersehen nichts werden. Aber zumindest hat diese Frau Gewissheit: Ihr Mann lebt. Wieviele Frauen, die noch keine Gewissheit über den Verbleib ihrer Männer haben, wohnen in der Stadt?

Zur Sache befragt, sagt Erna Prokop: »Die Frau Stiehler habe ich letztmalig am Tage vor ihrem Verschwinden, also am 10.12.1946 im Hofe des Grundstücks Großenhainer Straße 106 gesehen. Dabei hatte ich beobachtet, daß sie einen großen Reisekorb auf einen Rollfix geladen hat. Zu welchem Zweck ist mir nicht bekannt. Ich habe sie auch mit diesem Korbe nicht wieder zurückkommen sehen. Am Freitag, den 13.12.1946 erschienen bei mir zwei Arbeitskolleginnen der Stiehler, die bei der Firma Fleischhacker, Großenhainer Straße Nr. 7, beschäftigt sind und übergaben mir einen Christbaum für die Stiehler. Am Montag, den 16.12.1946, ich möchte mich aber nicht festlegen, erschienen in meiner Abwesenheit wiederum zwei Frauen, den Baum abzuholen, um ihn, wie sie sagen, anderweitig zu verkaufen. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um dieselben Personen, die den Baum gebracht haben.« Und die Polizei fügt noch dazu: »Die Tochter Christa der Familie Petzold hat gesehen, daß eine der beiden Abholenden ein Augenleiden hatte«. Der Christbaum steht noch immer in der Wohnung. Ein weiteres Indiz, dass die Umstände des Verschwindens merkwürdig sind.

Der Nachbar sagt, »Frauenschritte sind’s gewesen«, die er hörte und er fügt hinzu, »die Frau Stiehler war allzu zu vertrauensselig zu den Leuten«. Aber jemanden gesehen, der fremd im Hause und an der Tür der Stiehler schloss, hat niemand. Bertha Hallwachs listet auf, was offensichtlich ihrer Schwester gestohlen wurde, allzuviel materiellen Wert hat’s nicht gehabt. Aber wenn’s ums Überleben geht, verschieben sich Wertigkeiten: »Erst das Fressen, dann die Moral.« Überlebenswichtiges ist teuer. Zu Geld lässt sich in Nachkriegszeiten alles machen. Sicherlich auch das:

»1 blau-weiß geblümtes Kleid mit weißen Röschen, 1 schwarz-weiß reinseidenes Kleid, ca. 20 cm am unteren Teil mit Falten versehen und am Halsausschnitt schwarz-weißes Schnürchen umrandet und bestickt,

1 rostrotes Seidenkleid, auch Rockkleid oder Kasack genannt,

2 – 3 Sportblusen, welche ich jedoch nicht genau beschreiben kann,

1 Maulwurfcape,

1 goldener Siegelring mit großem blauem Stein, ca. 1,5 cm im Quadrat gest. 585, ohne Monogramm,

1 goldenes Armband mit einem in sich verflochtenem Ornament,

1 goldener Damenring mit rostrotem Stein, rechteckige Form, 0,5 cm im Quadrat,

1 goldener Uhranhänger, ca. 8 cm lang und 2 cm breit. Der Uhranhänger war in Längs- und Seitengliedern gefertigt und am Ende befand sich ein spitzauslaufendes Dreieck.«

Und so, meint die Schwester, fehlt aus dem Stubenbuffet Silberzeug, Besteck und noch so einiges, was sie nicht genau beschreiben kann. Die Polizei sichert eine Teilfingerspur und entscheidet sich für eine öffentliche Fahndung. Alle Dresdner Zeitungen melden am 21. Dezember: »Seit dem 11.12.1946 wird die Frau Stiehler, Käthe, und ihr 7-jähriger Sohn Heinz vermißt. Frau Stiehler hat mit ihrem Sohn am 11.12.1946 gegen 16 Uhr ihre Wohnung auf der Großenhainer Straße 106 verlassen. Wer kann Angaben machen, wo Frau Stiehler nach 16 Uhr gesehen worden ist. Um zweckdienliche Angaben bittet das Kriminalamt Dresden, Fachabteilung I.« Darunter ein Foto der Mutter, die eng neben ihrem Heinz sitzt. Beide lächeln in die Kamera. Käthe Stiehlers Haare sind zurückgekämmt und offen. Heinz trägt die modische Sprungdeckelfrisur der Jungen. Ein Bild der Lieben von zuhause, das den Vater sicher durch den Krieg begleitet hat. Manfred Stiehler sieht Frau und Kind nie wieder. Als er aus der Gefangenschaft entlassen wird, kehrt er gerade rechtzeitig zum Prozessbeginn nach Dresden heim.

Vermisstenanzeige vom 28.12.1946

Folgerichtig gleichen die Ermittler mögliche Zusammenhänge der vermissten Käthe Stiehler mit den gefundenen Körperteilen vom Alaunplatz ab. Sie zeigen Bertha Hallwachs Fotos der abgetrennten Beine, Füße und der Oberschenkelknochen. Die Situation ist für die Zeugin sehr belastend. Wer erkennt auf Fotografien diverser Körperteile seine Verwandtschaft?

»Wenn mir ein Bild vorgelegt wurde, so kann ich nicht mit Bestimmtheit angeben, ob dieses der Fuß meiner Schwester ist. Meine Schwester hat schlanke, kleine Füße, Schuhgröße 38. Ich kann mich entsinnen, daß meine Schwester vor ca. ½ Jahr den Arzt aufgesucht hatte, weil sie an der Ferse, rechts oder links kann ich nicht angeben, eine Verletzung hatte. Wie groß die Verletzung war, kann ich auch nicht genau angeben. Später hatte meine Schwester Verletzungen auf dem Schienenbein. Hier kann ich ebenfalls keine Größe angeben. Die Haare, die mir vorgelegt wurden, könnten meiner Schwester sein, was ich aber nicht mit Bestimmtheit angeben kann. Daß meine Schwester Hühneraugen auf den Zehen hatte, ist mir bekannt. Ich kann aber nicht angeben, wo dieselben waren. Weitere Angaben kann ich nicht machen. Ich verpflichte mich, sobald mir irgendetwas bekannt wird über den Aufenthalt meiner Schwester, dieses der Kriminalpolizei zu melden.« Bertha Hallwachs wird mit schweren Gedanken das Polizeipräsidium, Schießgasse 7, verlassen haben.

Auch die Ermittler stehen unter Druck. »Nach der Kapitulation des nationalsozialistischen Regimes am 8. Mai 1945 lagen nicht nur das Land, sondern auch alle staatlichen Organe, insbesondere die Sicherheitseinrichtungen, darnieder. Aus diesem Grund erteilten schon wenige Wochen später führende Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands mit Zustimmung der Sowjetischen Militäradministration für Deutschland erste Anweisungen für den Aufbau von Polizeikräften in der Sowjetischen Besatzungszone, die dann ab 1. Juli 1945 offiziell als Deutsche Volkspolizei (DVP) zusammengefasst wurden. Für die Einstellung von neuen Sicherheitskräften war vorgegeben, dass keine alten Polizeibeamten mehr zu verwenden seien. Daher wurden vor allem Antifaschisten in leitende Funktionen in den Polizeidienststellen eingesetzt. Beim Wiederaufbau der Polizeibehörden griff man auf Strukturen der Weimarer Republik zurück. Dadurch entstanden auf örtlicher Ebene Einzel- und Gruppenposten, Reviere sowie Orts- und Kreisbehörden. Im Zuge der Länderbildung entstanden dann auch Landespolizeibehörden. Auf sowjetische Weisung bildete man im Jahre 1946 die Deutsche Verwaltung des Inneren, die sich im Laufe der Zeit gegenüber den Polizeibehörden der fünf Länder zum zentralen länderübergreifenden Führungsorgan entwickelte und zum DDR-Ministerium des Innern wurde.

Bei diesen Antifaschisten in der Volkspolizei hatten »berufserfahrene Experten aus der faschistischen Polizei, Gestapo, Feldgendarmerie, Wehrmacht und SS keine Möglichkeiten, der Polizei des Volkes beizutreten. In den westlichen Besatzungszonen dagegen standen ihnen, wie neueste Eingeständnisse von BND und Verfassungsschutz belegen, Tür und Tor offen. Es war deshalb eine gigantische Leistung, die Polizei eines neuen Staates aus berufsfremden Personen aufzubauen und zu einem wirkungsvollen Organ der öffentlichen Sicherheit zu entwickeln. Eingestellt wurden vor allem junge Arbeiter und Bauern. Das Volk schickte seine Söhne und Töchter zur Volkspolizei und unterstützte aktiv deren Arbeit. 1949 kamen 83 % aller Volkspolizisten aus der Arbeiterklasse. Die ersten zehn Jahre waren für alle Dienstzweige der DVP die schwersten. Es mangelte ja nicht nur an berufserfahrenem Personal, sondern auch an Ausrüstung und einer kriminalpolizeilich wissenschaftlichen Basis.«

Die entlassenen Altkader staatlicher Ermittlungsorgane legten großes Augenmerk auf die, die nunmehr ihre Dienstpflichten in der DVP versahen. Kritik ob Dilettantismus und Unerfahrenheit gab es nicht nur am Stammtisch, sie wurde auch öffentlich geäußert. Die abgetrennten Beine vom Alaunplatz boten nicht nur Anlass für Gerüchte von Menschenfresserei und Serienmord, sie forderten die schnelle Erklärung für den Leichenteilfund. Die Kriminalisten standen unter enormen Erfolgszwang und in der medialen Aufmerksamkeit. Bislang hatte sich kein erfolgversprechender Ermittlungsansatz ergeben.

Das Polizeipräsidium in der Schießgasse 7

Die Volkspolizisten recherchieren an der Arbeitsstelle der Vermissten: Fleischhacker Lampen-Compagnie. »Die Firma wurde 1893 in Pasing bei München gegründet und siedelte 1894 nach Dresden über. Die Firma produzierte v. a. Kohlefadenlampen, ab 1940 auch wieder Metalldrahtlampen verschiedener Typen. Die Fleischhacker Lampen-Compagnie unterhielt zeitweise Filialen in New York, London und Rotterdam. Eine Zweigniederlassung bestand in Berlin. Während des ersten und zweiten Weltkrieges übernahm die Firma kleinere Aufträge für die Rüstungsindustrie. Durch den Volksentscheid in Sachsen am 30.06.1946 wurde die Firma enteignet und in Volkseigentum überführt. Das Unternehmen firmierte nach der Enteignung als VEB Glühlampe Dresden. 1953 ging das Glühlampenwerk im VEB Funkwerk Dresden auf.«

Am 27.12.1946 wurden die Ermittlungen in der Firma Fleischhacker Lampen-Co. fortgesetzt. »Hier bereits wurde der Verdacht in verstärktem Maße auf die Frieda Lehmann konzentriert. Weiterhin wurde festgestellt, daß in diesem Betrieb mit grüner Tusche gearbeitet wird, die wir auf dem Zeitungspapier, in dem die gefundenen Beine verpackt waren, ebenfalls schon festgestellt hatten. Nach weiteren Ermittlungen bei den Hausbewohnern wurde festgestellt, daß diese Frieda Lehmann ihre Arbeitskollegin Stiehler oft besucht hatte und sogar einmal bei ihr genächtigt hatte. Daraufhin wurde bei der in Dresden-N., auf der Talstraße 9, 2. Hinterhaus I., wohnenden Frieda Lehmann eine Haussuchung vorgenommen.«

Weihnachtlich geschmückt sind die Zimmer Frieda Lehmanns. Kerzen, Tannengrün, Engelsfiguren. Ausdruck von Sehnsucht, Hoffnung, kaputten Familienleben. Vom Gatten hat sie keine Nachricht, er wird im Osten kriegsvermisst. Macht hoch die Tür’, die Tor’ macht weit! / Es kommt der Herr der Herrlichkeit, / ein König aller Königreich’, / ein Heiland aller Welt zugleich, / der Heil und Leben mit sich bringt, / derhalben jauchzt, mit Freuden singt.

Es »wurden die Lehmann schwer belastende Gegenstände vorgefunden und sichergestellt. So fand man in ihrer Wohnung grüne Tinte (wahrscheinlich verdünnte Tusche) aus der Firma. Obwohl nun die Lehmann angab, vor ungefähr einem ¾ Jahr diese Tinte letztmalig benutzt zu haben, wurden Zeitungen neueren Datums mit grünen Tintenflecken vorgefunden. Desgleichen ein Almanach, auf dem derartige Flecke ebenfalls zu sehen waren. Darüber hinaus hatte die Lehmann unterm 11.12.1946 mit grüner Tinte ein »S« auf den Almanach geschrieben, was auf den Namen Stiehler deuten könnte. Bei weiterem Suchen wurde eine braune Lederhandtasche mit ein paar schwarz-weiß gemusterten wollenen Stulpenhandschuhen gefunden. Nach Beschreibung der Hausbewohner konnte es sich hierbei um die noch am letzten Tage bei der Stiehler gesehene Handtasche handeln. Die Lehmann wurde daraufhin vorläufig festgenommen und dem Polizeigefängnis Dresden zugeführt.

Eine Befragung der Prokop, Elsa, und anderer Hausbewohner auf der Großenhainer Straße ergab, daß diese Tasche wahrscheinlich der Stiehler gehöre. Da sich aber die Hausbewohner nicht festlegen konnten, wurde die Schwester der Stiehler, Frau Bertha Hallwachs, nochmals aufgesucht und von ihr wurde einwandfrei bestätigt, daß es sich bei den vorgefundenen Handschuhen um die ihrigen handelt, die sie ihrer Schwester, der Frau Stiehler, vor einiger Zeit geschenkt hatte. Desgleichen erkannte Frau Hallwachs die Handtasche als die ihrer Schwester gehörige.« Und Bertha Hallwachs kennt die Handschuhe »aus dem Grunde so gut, weil sie eigentlich mein Eigentum sind. Ich habe sie fertig gekauft und trug sie ziemlich 8 bis 9 Jahre. Ich habe diese Handschuhe meiner Schwester vor drei Jahren, als ihr Kind gestorben war, geschenkt und weiß daher genau, daß sie dieselben bis zuletzt getragen hat.«

Der Verdacht lastet schwer auf Kollegin Frieda Lehmann: grüne Tinte an der Arbeitsstätte, grüne Tinte auf den Zeitungsseiten um die abgehackten Beine, grüne Tinte bei ihr zu Hause. Handtasche und die Handschuhe von Käthe Stiehler fand man in Frieda Lehmanns Besitz. Aber ist sie die Täterin?

Frieda Lehmann wird am selben Tag offiziell verhaftet und kann die Verdachtsmomente nicht entkräften. Sie erzählt: »Mitte November 1946 habe ich einen gewissen Krüger erstmalig in der Wohnung der Frau Stiehler gesehen«. Der sagte, dass er mit Käthe Stiehlers Mann im Kriege war. »Ende November habe ich diese Person einmal in meine Wohnung eingeladen. Der Grund zu dieser Einladung war, daß ich dem Krüger etwas zu essen geben wollte, da er selbst nicht im Besitze von Lebensmitteln war. Ich habe die Arbeiterkarte und erhielt vor Weihnachten von meiner Schwester, Elsbeth Sarnow, wh. in Albersried/Oberpfalz, ein Paket. Ich habe ihm das Essen nur aus Mitleid gegeben. Außerdem hat mich Krüger noch dreimal in meiner Wohnung aufgesucht. Etwa am 7.12.1946 hat mir Krüger auf dem Trachenberger Platze erzählt, daß er die Frau Stiehler ermorden will, weil sie ihm keine Kleidungsstücke, die er sich von ihr ausgebeten hatte, aushändigte. Dies war am 7.12.1946 gegen 16.15 Uhr. Ich konnte ihm daraufhin zunächst gar keine Antwort geben, da ich ganz benommen war. Ich wüßte nicht mehr, was ich ihm daraufhin gesagt habe, weil ich, wie schon gesagt, ganz benommen war. Auf Vorhalt gebe ich an, daß ich eine Anzeige bei der Polizei nicht erstattet habe, weil ich Angst hatte. Am 21.12.1946 erschien dann der Krüger wieder in meiner Wohnung und erklärte mir, daß er die Tat vollbracht hätte. Er erzählte, daß er sich nun warme Sachen verschafft hätte und das ausgeführt hätte, wovon er mir schon vorher erzählt hatte. Er sagte mir, ich habe die Frau Stiehler umgebracht. Am gleichen Tage erhielt ich von dem Krüger auch die Handtasche und ein Paar Handschuhe. Er sagte mir, daß er diese Sachen von der Frau Stiehler mitgebracht hätte. Ich wollte diese Tasche erst gar nicht annehmen, da mir ja bekannt war, daß es das Eigentum der ermordeten Frau Stiehler war. Krüger sagte mir auch noch, daß er die Stiehler fortgeschafft hätte. Ich habe den Krüger gefragt, wo er denn die Frau Stiehler ermordet hätte. Daraufhin gab er mir keine Antwort. Er äußerte dann nur noch: ›Die findet schon keiner.‹ « Fakten, die die Polizei zur Kenntnis nimmt und auf ihren Wahrheitsgehalt hin untersucht. Kaum etwas, was sie bestätigt findet:

Frage: »Alle Leute, die sich bei Frau Stiehler vorstellten, daß sie von ihrem Manne kommen würden, sind uns bekannt. Frau Stiehler hat ihren Hausbewohnern in jedem Falle gesagt, wer bei ihr gewesen ist. Ein Krüger ist vollständig unbekannt. Sie behaupten, daß Krüger in der Wohnung der Frau Stiehler gewesen ist, wo sie ihn selbst getroffen haben.«

Antwort: »Ich kann auf diese Frage keine Antwort geben.«

Frage: »Warum können Sie diese Frage nicht beantworten?«

Antwort: »Ich kann mir nicht erklären, aus welchem Grunde die Frau Stiehler von einem Besuch des Krüger bei ihr im Hause nichts erzählt hat.«

Frage: »Der angebliche Krüger hat Ihnen etwa am 7.12.1946 erklärt, daß er Frau Stiehler ermorden will. Warum haben Sie Frau Stiehler nicht gewarnt oder der Polizei gemeldet?«

Antwort: »Ich glaubte doch nicht, daß er diese Tat ausführen wird.«

Frage: »Am 21.12.1946 erklärte Ihnen Krüger, daß er Frau Stiehler ermordet hat. Warum meldeten Sie dieses nicht der Polizei?«

Antwort: »Weil ich doch Angst hatte und in dem Glauben war, daß mich die Polizei als Mörderin ansehen würde.«

Frage: »Warum nahmen Sie trotzdem, daß Ihnen bekannt war, daß Krüger Frau Stiehler ermordet hatte, ihre Tasche sowie die Handschuhe von Krüger an?«

Antwort: »Da habe ich ganz unbewußt gehandelt. Die Tasche wollte ich nicht nehmen.«

Frage: »Warum leugneten Sie heute erst uns und dann der Schwester der Frau Stiehler gegenüber, die die Handschuhe als ihr Eigentum erkannte, ab und erwiderten, Sie wären schon jahrelang im Besitz derselben?«

Antwort: »Das war Angst heute nur.«

Frage: »Sie können doch keine Angst haben, weil Sie angeblich mit dem Mord nichts gemein hatten.«

Antwort: »Ich habe dies nur wegen der Tasche nicht gesagt, damit ich nicht in den Verdacht kam.«

Frage: »Wo hat Ihnen der Krüger erstmalig von seinem Vorhaben wegen der Ermordung der Frau Stiehler erzählt?«

Antwort: »Davon hat er mir zum ersten Male in meiner Wohnung beim Essen erzählt.«

Frage: »Frau Lehmann, sagen Sie doch die Wahrheit!«