Leipziger Mordsspuren - Henner Kotte - E-Book
Beschreibung

In übergroßen Lettern lässt die Polizei in der Leipziger Abendzeitung am 17. Dezember 1906 mitteilen: "Mordversuch und Raub – 500 Mark Belohnung! Heute – Montag – früh kurz vor 9 Uhr wurde der Geldbriefträger Rübner in dem Grundstücke Nr. 11/13 an der Nikolaistraße – Ecke des Schuhmachergäßchens – überfallen, schwer verletzt und beraubt." Leipzig 1925/26: Seit geraumer Zeit treibt eine Trickdieb-Bande ihr Unwesen in der Stadt, vor allem auf dem 1915 eröffneten Leipziger Hauptbahnhof. In einem über die Regionalgrenzen hinaus aufsehenerregenden Prozess sitzen schließlich neben gemeinen Taschendieben Leipziger Polizeibeamte auf der Anklagebank. Am 19. Februar 1955 bittet die Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Leipzig um Mithilfe: In der Nähe des Rathauses Wahren wurde das Taxi 240 aufgefunden. Der sich im Fahrzeug befindliche Fahrer war mit einer Leine erdrosselt worden … Krimi-Experte und Stadtführer Henner Kotte präsentiert sieben wahre Kriminalfälle des vergangenen Jahrhunderts aus Leipzig. Mit historischen Fotografien, Stadtplänen, Postkarten und Zeitungsausschnitten opulent bebildert, führt dieser Band an Orte und Stätten von Leipzig, die einst Schauplätze von Verbrechen und Straftaten waren. Ein Nervenkitzel der besonderen Art für alle, die Leipzigs dunkle Seite erkunden und sich auf Leipziger Mordsspuren begeben wollen.

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Seitenzahl:242

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Henner Kotte

Leipziger Mordsspuren

Ein kriminalistischerSpaziergang

Bild und Heimat

ISBN 978-3-95958-204-9

1. Auflage

© 2019 by BEBUG mbH / Bild und Heimat, Berlin

Umschlaggestaltung: fuxbux, Berlin

Umschlagabbildung: © SLUB / Deutsche Fotothek / Unbekannter Fotograf (oben);

© SLUB / Deutsche Fotothek / Kurt Beck (unten)

Druck und Bindung: CPI Moravia Books s. r. o.

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:

BEBUG mbH / Verlag Bild und Heimat

Alexanderstr. 1

10178 Berlin

Tel. 030 / 206 109 – 0

www.bild-und-heimat.de

Angebot: Mords-Memoiren

Ein Kriminalstück in dreizehn Briefen

I. Act

In übergroßen Lettern ließ die Polizei in der Leipziger Abendzeitung am 17. Dezember 1906 mitteilen:

»Mordversuch und Raub – 500 Mark Belohnung!

Heute (…) früh kurz vor 9 Uhr wurde der Geldbriefträger Rübner in dem Grundstücke Nr. 11/13 an der Nikolaistraße – Ecke des Schuhmachergäßchens – überfallen, schwer verletzt und beraubt. Der Täter kam dem Briefträger auf dem Treppenabsatz zwischen dem 1. und 2. Stockwerk (…) von oben entgegen, grüßte, ging an ihm vorbei, drehte sich dann um und versetzte dem Briefträger mehrere Schläge mit einem schweren scharfkantigem Instrument über den Kopf. Der Briefträger wurde durch die Schläge, deren einer einen Schädelbruch zur Folge hatte, zunächst betäubt, kam aber nach kurzer Zeit wieder zu sich und vermißte nun

• seine beiden Amtstaschen,• eine Umhängetasche von schwarzem Leder mit Bügel und• eine gewöhnliche größere Briefträgertasche zum Umschnallen von schwarzem Leder• nebst deren Inhalt.

Blick in die Nikolai­straße zur Nikolaikirche in Leipzig

Die Geldtasche enthielt, soweit sich bisher feststellen ließ, beim Abgange des Briefträgers von der Post, 10 Minuten nach 8 Uhr, gegen 7.000 Mk. in barem Gelde und zwar:

• 65 Einhundertmarknoten, 1.200 Mk. in Gold und 1.400 Mk.in Silber.

Die Briefträgertasche enthielt Briefe und Postanweisungen, darunter:

• 1 Geldbrief über 700 Mk. adressiert an Spediteur Freygang in der Nikolaistraße,• 1 Geldbrief über 500 Mk. adressiert an Rauchwarenhändler Holger,• 2 Postanweisungen über je 500 Mk. an Rechtsanwalt Gänzel und• 1 Postanweisung über 5 Mk. an Frau Scherber, beide in der Nikolai­straße 11/13.

Der Täter wird von dem Verletzten folgendermaßen beschrieben:

25 – 28 Jahre alt, von kleiner, untersetzter Gestalt, mit kleinem dunklen Schnurrbart, bekleidet mit dunklem Überzieher und einem schwarzen, steifen Filzhut. Der Täter trug eine schwarze Mappe unter seinem Arm und hat dem Verletzten nicht den Eindruck eines heruntergekommenen, sondern eines ordentlich gekleideten Menschen gemacht.

Von Seiten der kaiserlichen Oberpostdirektion wird auf die Ermittlung und Ergreifung des Täters und auf die Wiedererlangung der geraubten Gelder die obige Belohnung ausgesetzt. Alle auf die Sache Bezug habenden Wahrnehmungen bitten wir umgehend unserer Kriminal-Abteilung Wächterstraße 5, Erdgeschoß mitzuteilen.

Leipzig, den 17. Dezember 1906

Das Polizeiamt der Stadt Leipzig«

Postkarte mit Postanweisung aus der Zeit des Ersten Weltkriegs

Die Ermittlungen erweisen sich als schwierig. Wie üblich geht man vor: Vorbestrafte werden kontrolliert, Passanten und Händler befragt, Alibis von Hausbewohnern, Besuchern und Klienten überprüft. Heiße Spuren können die Ermittler nicht verfolgen. Ein Hinweis verspricht Erfolg, so bittet die Polizei im Überfall auf Rübner erneut um die Mithilfe der Bevölkerung.

»25. Dezember 1906

Unter Bezugnahme auf die am 17. Dezember 1906 seitens des Poli­zeiamtes der Stadt Leipzig erlassene Bekanntmachung Mordversuch und Raub an dem Geldbriefträger Rübner betr. wird weiter noch bekanntgegeben, daß der Auslieferer der an die verw. Sperber in Leipzig, Nikolaistraße 11/13 gerichteten Postanweisung, die am 17. Dezember 1906 vorm. zur Bestellung gelangen sollte, hat nicht ermittelt werden können. Es besteht daher dringender Verdacht, daß der Täter selbst die 5 Mark eingezahlt hat, um den Geldbriefträger auf jeden Fall zum Betreten des bezeichneten Grundstücks zu veranlassen. (…)

Links neben dem ehemaligen Reichsgericht verläuft die Wächterstraße.

Das Neue Rathaus um 1905 von der Wächterstraße aus

Alle Wahrnehmungen, die zur Ermittlung des Täters, der sich namentlich am Morgen des 14. und 17. Dezember 1906 in der Nähe des fraglichen Grundstücks aufgehalten haben dürfte, oder zur Ermittlung des Auslieferers oder des Schreibers der Postanweisungen dienen könnten, wollte man unverzüglich der Kriminalabteilung des Polizeiamtes oder der unterzeichneten Staatsanwaltschaft zu den Akten StA IV. 459/06 mitteilen.

Auf Ermittlung und Ergreifung des Täters und auf die Wiedererlangung des geraubten Geldes – etwa 8.050 Mark – hat die Kaiserliche Oberpostdirektion zu Leipzig obige Belohnung ausgesetzt.«

Die fraglichen, an Rechtsanwalt Gänzel sowie die Witwe Sperber gerichteten Postanweisungen sind handschriftlich bemerkenswert. Einige der Buchstaben sind im Schwunge äußerst individuell und wiedererkennbar, so dass sie dem Zeugenaufruf beigefügt werden. Und man tut noch mehr: Fortan werden in den Postämtern Karten und Briefe abgeglichen, um auf diese Weise den Schreiber zu ermitteln. Erfolg wäre Zufall und ausgesprochenes Glück. Die Nadel im Heuhaufen ist schwer zu finden.

1906 zeitigt diese Fahndungsmaßnahme keinen Erfolg. Deshalb lässt die Kaiserliche Ober-Postdirektion am 29. Dezember 1906 verlauten: »In der Strafsache, betr. Raubüberfall auf den Geldbriefträger Rübner, muß nach bisherigen Feststellungen angenommen werden, daß die Postanweisung über 5 M. an Frau Sperber Nikolaistr. 11/13 hier, entweder unter der Nr. 8025 am 15. 5 – 6 Uhr nachm. beim Postamt 9 hier, oder unter der Nr. 9960 am 16. Dezember 12 – 1 mittags beim Postamt in Leipzig-Lindenau ausgeliefert worden ist. Die betr. Schalterbeamten haben zweckdienliche Angaben über die Person des Auslieferers nicht machen können. (…)«

Alle erdenklichen Fahndungsmaßnahmen werden ergriffen. Gar im Internationalen Criminal-Polizeiblatt schaltet man eine Annonce: »Raubüberfall in Leipzig«. Doch keiner der Ermittlungsansätze führt zur Überführung des Täters.

Die Hauptpost/Ober-Postdirektion am Augustusplatz

II. Act

Der zweite Akt des Kriminalstücks ist ein Brief in der Weihnachtspost des Jahres 1908 fürs renommierte Verlagshaus J. J. Weber, Reudnitzer Straße 1–7:

Das ehemalige Gebäude des Verlages J. J. Weber in der Reudnitzer Straße 1– 7 (heute Grafischer Hof)

»Persönlich und vertraulich!

Sehr geehrter Herr!

Hiermit gestattet sich ein Mann, welcher es aufrichtig mit Ihnen meint, Sie auf eine Sache aufmerksam zu machen, welche für Sie von höchster Bedeutung und gewinnbringenden Nutzen ist. Andrerseits aber auch wieder bei Nichtbefolgung nachstehender Vorschläge die größte Gefahr für Ihr späteres Wohl bedeuten würde.

(…) Schreiber dieses Briefes bietet Ihnen ein Werk an, wie es die Welt bisher wohl noch nie gesehen (…) Ein Werk, welches das größte Aufsehen in der ganzen Welt erregen wird; jeder Staat, jede Behörde, jeder Sozialpolitiker und jeder Psychologe werden dieses Buch mit größtem Interesse verfolgen! Das Buch bringt in Form einer sehr packenden, fließenden, wahrheitsgetreuen Schilderung: eine große Anzahl vom Schreiber selbst begangener Verbrechen – darunter 20 Morde – 3 davon in Leipzig begangen.

Da ich nun meinen bisherigen Lebenswandel, welchen ich seit meiner Entlassung aus dem Gefängnis erst führe, (…) aufgeben will, und da ferner die Behörde nie und nimmer in die Lage kommen würde, Licht in diese Sachen zu bringen (…) so habe ich mich entschlossen, mein Leben u. Taten herauszugeben. Dieses Buch wird kein einziges Wort besitzen, welches für irgend wem beleidigend wäre, oder welches den Tatsachen nicht entspräche.

Es wird vor allem beweisen, das es sehr wohl möglich ist (…) die größte Anzahl der Verbrechen zu verhindern; es wird zeigen, das es der Behörde trotz aller größter Mühe nicht möglig ist, einem etwas intelligenten Verbrecher zu fangen, – es sei durch Zufall! – – Eine kleine Probe, wie naiv doch unsere Behörde manchmal ist, beweist allein mal wieder der ›Fall‹ in der Windmühlenstr. – (…) Zu meinem nicht geringen Erstaunen ist heute ein Bild von dem mutmaßlichen Mörder ausgestellt! Ich mus sagen, es ist sehr genau!! – (…) Glaubt denn die Behörde wirklich, das ich außerhalb des Hauses der Tat so aussah??! – Nun da hätten sie mich längst. Ferner die Post­anweisungen: Wie töricht zu glauben, ich hätte dieselben erst kurz vor der Aufgabe geschrieben? Und das die Schrift eine ›Originalschrift‹ ist? (…) Ferner: es sind neben einer Anzahl Sparkassenbücher, 2 Uhren geraubt! Über den Verbleib der Bücher kann die Polizei nichts wissen – sie sind verbrannt. Gründe: in meinem Werk! Aber die Uhren? Ich habe sie versetzt auf dem Leihamt. Zwischen 10 und 11 am 2. Nov. Und habe 27 M dafür erhalten. (…) Was den festgenommenen Hensing anbetrifft, so kann man denselben in dieser Sache ruhig laufen lassen mit solch armen Schäschern haben wir nichts zu tun. (…) Wir haben uns aber auch aus diesem Grund entschlossen, es grade dort zu tun, Weil wir wusten, das Hensing dort wohnte. Doch genug davon und zur Sache! (…)

Ich beabsichtige, alle meine Taten niederzuschreiben, dafür fehlen mir aber die dazu gehörigen Mittel jetzt. (…)

(…) Ich schlage Ihnen nun vor, und verlange 5.000 M. in Gold Vorschus. Sobald das Buch fertig ist, noch 5.000 M. in Gold weiter nichts. Auf Ehrenwort! (…) Wenn ich gerade dies Ihnen anbiete, so aus dem Grunde, weil mein Vater früher mit Ihnen in geschäftlichen Beziehungen stand.

Meine Eltern waren sehr wohlhabend, starben aber als ich im Gefängnis meinen Leichtsinn büste und enterbten mich. (…) Sollten Sie villeicht glauben, dies der Polizei zu übergeben, um mich unschädlich zu machen, so sind Sie von einem großen Wahn befangen. Ihr Todesurteil würden Sie sprechen. Ihre ganze Familie würde ich zerfleischen. (…)

In der Minute, wo Sie zur Polizei rufen würden, müsten wir dies auch bald und würden uns danach richten. Also: Sind Sie ein kluger Mann, so schicken Sie das verlangte an umstehende Adresse. Wollen Sie der Mörder Ihrer Familie werden, so tragen Sie es schleunigst zur Polizei!

(…)

Ich wiederhole nochmals, seien Sie klug!!

(…)

Senden Sie das Geld nach dem Zeitungskiosk

Altes Theater!! Ecke Fleischergasse!! …

Punkt 6 Uhr.

Also überlegen Sie beide es sich genau!

Sagen Sie dem Zeitungsmann, er möge das Paket nur demjenigen aushän­digen, welcher solch einen Zettel ausweist: Und so lange aufbewahren, bis jemand verlangt

J. J. Weber.

(…)

Wir wollen wieder ordentlich werden.

X. + O.«

Das Angebot der Mords-Memoiren, eigenhändig verfaßt vom Absender Argus, steckte nachmittags im Briefkasten des Medienhauses auf der Reud­nitzer Straße. Es war der Heilige Abend 1908. Geschäftsführer Siegfried Weber hatte angesichts des Weihnachtsfestes die Angestellten seiner Verlagsbuchhandlung bereits nach Hause entlassen. Argus’ Brief blieb an jenem Tage im Kasten und ungeöffnet.

Das Verlagshaus Weber hatte der Schreibermit Bedacht gewählt, gab J. J. Weber doch die vielgelesene Illustrirte Zeitung heraus, die erste ihrer Art in Deutschland. Ein Massenblatt, bestens für Schlagzeilen geeignet: … bringt in Form einer sehr packenden, fließenden, wahrheitsgetreuen Schilderung: eine große Anzahl vom Schreiber selbst begangener Verbrechen – darunter 20 Morde – 3 davon in Leipzig. Einen Vorschuß von 5.000 Mark zu zahlen sollte diesen Zeitungsmachern möglich sein.

Offensichtlich hegte der Verfasser an der Annahme des Angebots auch keinen Zweifel. Denn am Heiligen Abend gegen 18 bzw. 19 Uhr habe sich, so erinnerte sich später der Zeitungshändler vom Kiosk Altes Theater/Fleischergasse, ein Schuljunge zweimal erkundigt ob ein Päckchen von Herrn Weber bei ihm hinterlegt worden sei. Noch geraume Zeit habe sich der Knabe in der Nähe herumgetrieben, doch ein Päckchen von Herrn Weber sei auch später nicht abgegeben worden.

Trotz Erstem Feiertag begibt sich Siegfried Weber am Morgen des 25. Dezember in sein Büro und entleert den Briefkasten und öffnet den Umschlag. Absender: Argus. Siegfried Weber hat an Argus’ Memoiren kein verlegerisches Interesse und übergibt den Brief trotz Todesdrohung postwendend der Polizei. »Deshalb konnte zur Abfassung des Erpressers rechtzeitig nichts getan werden«, und Argus am Kiosk Altes Theater, Ecke Fleischergasse kein Hinterhalt gelegt werden. Aber die sofort angestellten Ermittlungen ergaben, daß der Täter tatsächlich am Heiligen Abend in der 7. Stunde einen Schulknaben zur Abholung des Geldes vom Kaufhaus Brühl aus nach dem Zeitungsstand geschickt hatte. Der Knabe und sein Onkel hatten mit den Täter gesprochen. Sie konnten ihn beschreiben. Doch zur Identifizierung reichten diese Angaben nicht aus.

Wie aufmerksam er aber die Vorgänge verfolgt hatte, beweist der nachstehende zweite Brief, der am 8. Januar einging.

»Sehr geehrter Herr!

In dem Ihnen von mir am Heiligen Abend angebotenen Geschäft (…) haben Sie sich eigentlich recht unglücklich benommen. Musten Sie denn die beiden Inserate so

S. u. H. Weber. Brief erst ersten Feiertag

erhalten. Antwort liegt beim Zeitungshändler wie erbeten.

Brief mit 500 Mark liegt an erbetener Stelle.

Holen Sie denselben ab und lassen Sie mich

und meine Familie in Ruhe. Wenn nicht

bis Montag abgeholt, übergebe ich die Sache der Polizei

Weber

(…) Mir entgeht nicht eine einzige Zeile sämtlicher hiesiger Zeitungen. Das Sie den Brief erst am I. Feiertag erhalten hätten, stimmt nicht! Sie haben denselben dann eben erst an betr. Tag gelesen. (…)

Sie fassen denn doch diese Sache zu leicht auf! (…) Sie sind also auch von dem Wahn befangen – wie fast alle Menschen – das es der Polizei, oder sonstigen Instituten in solchen Fällen unbedingt gelingt und gelingen müse, den oder die ›Täter‹ zu fassen, ›möge es kommen, wie es wolle – denn das wäre ja noch schöner‹.

(…) Wer ich bin, und was ich bin, wissen Sie bereits. Sollten Sie jedoch noch daran zweifeln, das Sie es mit einem Menschen zu tun haben, der es aufrichtig mit jedem meint, welcher es mit Ihm ehrlig meint, so will ich Ihnen hiermit noch einem Beweis (…) geben, das Sie es nicht etwa mit einem harmlosen Schwindler zu tun haben, sondern mit jemand, der in gewissen Fällen eine unglaubliche Rücksichtslosigkeit an den Tag legen kann. – Es sind in der Windmühlenstraße 5 Schlüssel mit abhanden gekommen! Dieselben sind bis heute noch nicht gefunden. Sie können sich das Vergnügen machen, und dieselben durch Zufall finden. In der Karl-Tauchnitz-Str. etwa in der Mitte liegen dieselben in einem Schleusengraben der Straßenrinne. (…)

Nun werden Sie ausrufen: es ist eine Schande das solche Kreaturen sich noch der Freiheit erfreuen! Nun Herr Weber! Diese werden wir auch trotz Ihrer werten Hilfe und dieselbe zu nehmen – nicht einbüsen, verlassen Sie sich darauf! (…)

Aber ich sehe nicht ein, warum ich einen Menschen umbringen soll, von dem ich noch nicht mal weis, ob er nicht freiwillig etwas von seinem überflüssigen Mammon (…) abzugeben bereit erklärt. In diesem Falle handelt es sich jedoch durchaus um keine Abgabe, sondern um einen zweifellos riesigen Verdienst für Ihnen!

(…)

Überlegen Sie es sich nochmals reiflich, ob Sie annehmen oder nicht. Sollten Sie glauben, das Ihnen der Verlag eines solchen Werkes Ihre gesellschaft­liche Stellung irgendwie Schaden zufügen könnte, (…) und daher auf mein Angebot nicht eingehen wollen, so würde ich schon einen Abnehmer finden.

In diesem Falle forder ich Sie jedoch auf, 1.000 M (Ein Tausend) in Gold als Abfindungssumme zu zahlen. Falls Sie sich dazu bereit erklären, gebe ich Ihnen mein unverbrüchliches Ehrenwort, das Sie ewige Ruhe vor mir haben. Meine Kompl. und Gehilfen wissen von dieser Sache nichts. Ich, Schreiber dieses Briefes, bin der Urheber aller dieser Verbrechen und das Haupt aller Veranstaltungen! Sollten Sie aus unverwüstlichen Vertrauen zur Polizei auf nichts eingehen, und dieses der Polizei melden, so werden wir an Ihnen eine ganz rabiate Rache nehmen. (…) Wählen Sie, was Sie für gut befinden.

Antwort erwarte ich im Laufe des Sonnabend Nachmittag am Zeitungsstand nähe Thomaskirche an der Dorotheenstraße gegenüber. Versehen Sie die Antwort mit folgender Aufschrift:

W 1.000 Nur dem Vorzeiger dieser Chiffre soll der Mann die Antwort geben.«

Auch diesen Brief übergab Siegfried Weber den ermittelnden Beamten. Die Polizei erkannte, die Behauptungen von Raub und Mord waren nicht erlogen. Der im Brief erwähnte Fall Windmühlenstraße beschäftigte seit Wochen Kriminalisten, die Journaille, die Bevölkerung.

Mit dem eingegangenen Schreiben nun gab der Verfasser erstmals weitere Ermittlungsansätze, denn zweifellos, die erwähnten Details ließen auf den Täter im Fall Windmühlenstraße schließen. Wenn sie sich bewahrheiten, steht fest: Argus ist ein Raub- und Doppelmörder!

Reichsbanknote im Wert von 50 Mark aus dem Jahr 1906

Man sammelt die Anhaltspunkte zur Person: Argus scheint des Deutschen nicht vollkommen mächtig: Das ß verwendet er so gut wie nie. Dativ und Akkusativ waren häufig in den Endungen verwechselt. Falsch auch die Nachsilben vieler Adjektive: ehrlig. Ein Italiener? Ein Mafioso? Vieles schien aus gängigen Sensationsromanen abgeschrieben. Dickens, Zola und E. W. Hornung waren übersetzt. ein heimischer Verbrecher hier gewaltig auf?

Es sind in der Windmühlenstraße 5 Schlüssel mit abhanden gekommen! Dieselben sind bis heute noch nicht gefunden. Sie können sich das Vergnügen machen, und dieselben durch Zufall finden. In der Karl-Tauchnitz-Str. etwa in der Mitte liegen dieselben in einem Schleusengraben der Straßenrinne. Tatsache: Die Schlüssel werden in einem Gully auf der Karl-Tauchnitz-Straße gefunden. Sie waren entwendet worden. Aus der Wohnung Windmühlenstraße 21, Etage IV, wo ein Untermieter seine Wirtsleute blutig erschlagen auffand. Die Täter nahmen auch die Schlüssel, hatten aber für diese keine Verwendung.

Der Fall Windmühlenstraße erschütterte Leipzig noch immer. Nahe des Stadtzentrums hatte man die Leichen der Eheleute Friedrich in ihrer eigenen Wohnung entdeckt: eingeschlagene Schädel, blutbespritzt die Wände und der Boden. Die Täter hatte man gesehen. Der geplante Raub war fehlgeschlagen. Nur der Zufall hatte einem weiteren Opfer das Leben gerettet. Die Mörder waren unerkannt geflohen. Verwertbare Hinweise keine. So druckte tags darauf die Zeitung Doppelraubmord und 500 Mark Belohnung und das Hilfe­ersuchen der Königl. Staatsanwaltschaft.

»Für die Ermittlung des Täters an den Schriftsetzerseheleuten Friedrich am 2. November 1908 (…) verübten Raubmords hat das Königl. Justizministerium eine Belohnung von 500 Mark ausgesetzt. (…)

Die Windmühlenstraße mündet von links kommend in den Bayrischen Platz. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erinnert nichts mehr an die alte Bebauung der Straße.

Die heutige Bebauung stammt aus den 1950er- und 1960er-Jahren

Als Täter kommen zwei besser gekleidete Männer in den zwanziger Jahren in Betracht, von denen sich der eine am 30. Oktober bei Friedrichs für den 2. November früh eingemietet hat. Während der Anwesenheit der Täter in der Friedrich’schen Wohnung am Morgen der Tat hat der eine von ihnen gegen ¾ 9 Uhr von dem Geldbriefträger unter dem Namen Paul Schlegel einen Postanweisungsbertrag von 8 Mark 25 Pfg. ausgezahlt erhalten. Die Postanweisung ist am 30. Oktober mittags zwischen 12 –1 Uhr, am Börsenpostamt jedenfalls von den Tätern selbst aufgegeben worden. Ein Täter wird beschrieben: etwa 23 Jahre alt, mittelgroß, mittelstark, rundes, nicht zu großes Gesicht, kleiner dunkler Schnurrbart, dunkles, vorn etwas aufrecht stehendes Haupthaar, dunkler Jackettanzug, hiesige Sprache.

Die Täter werden sich stark mit Blut besudelt haben und haben sich anscheinend nur oberflächlich gereinigt. Am Tatort ist die Mütze eines Täters – eine dunkelfarbig karierte runde Sportmütze von neuerer Form und modernem Stoff, 54 cm Kopfweite – vorgefunden worden. Die Täter müssen in Leipzig bekannt gewesen sein.

Geraubt sind insbesondere:

• ein Depositenrechnungsbuch des Dresdner Bankvereins, Filiale Leipzig, Nr. 2676 für Oskar Friedrich, angelegt am 15. Oktober 1908 über 1500 Mark,• sieben Sparkassenbücher der Sparkasse Leipzig Serie II,• eine goldene Herrenremontoirankeruhr Nr. 35569,• eine goldene Damenremontoiruhr Nr. 190932 mit Emaillekranz-Vergißmeinnicht,• ein goldenes Zugarmband, graviert G. J. Union.

Über den Verbleib der geraubten Sparbücher und Schmucksachen und über den hiesigen Aufenthalt der Mörder vor der Tat ist nichts bekannt geworden. Die von dem Täter zurückgelassene Mütze und Schriftproben der Täter liegen beim Polizeiamte Leipzig aus. Ein am Tatorte vorgefundener, von den Tätern herrührender Telegrammentwurf trägt anscheinend die Unterschrift Rennert und weist nach Berlin. Alle Wahrnehmungen, die zur Ermittlung der Täter führen können, sind sofort der Königl. Staatsanwaltschaft oder Kriminalabteilung des Polizeiamts Leipzig mitzuteilen.«

Historisches Sparkassenbuch

Scharlachrot mit schwarzer Schrift werden im Stadtzentrum und in Leipzigs Vorstädten DIN A3 Plakate dieses Wortlauts gehängt. Die Zeitungen berichten. Hinrichtung aus Habgier. Zufall verhindert den Tod. Doppelmord an Ehepaar.

Blick auf die Polizeidirektion Leipzig in der heutigen Dimitroffstraße

Mit dem zweiten Erpresserbrief entlarvte sich der Täter selbst. »Am 2. November wurden, wie unseren Lesern noch deutlich in Erinnerung sein wird, im Grundstück Nr. 21 in der Windmühlenstraße in den ersten Nachmittagsstunden der Schriftsetzer Georg Oskar Friedrich und seine Frau, ermordet aufgefunden. Beide Personen waren durch Schläge auf den Kopf mit einem schweren, stumpfen Werkzeug getötet worden. (…) Aus der Wohnung waren eine Reihe Sparkassenbücher, Uhren und ein kleiner Geldbetrag geraubt worden. Außerdem fehlten fünf zu den inneren Wohnungstüren gehörige Schlüssel. Als Täter kamen zwei jüngere Männer in Betracht, die folgendermaßen beschrieben werden:

Der eine: 23 bis 28 Jahre alt, etwa 1,65 bis 1,70 Meter groß, schlank, aber kräftig, breites, jedoch nicht dickes Gesicht, etwas vorstehende Backenknochen, blasse Gesichtsfarbe, dunkelblondes Kopfhaar, zur Zeit der Tat vorn etwas aufrecht stehend, hinten kurz geschnitten, dunkler, nicht sehr starker Schnurrbart, ohne besonders hervortretende Spitzen, der Bart kann in Wirklichkeit auch blond sein und vom Täter für besondere Zwecke dunkel gefärbt werden, gepflegte Hände, lange Finger, saubere Kleidung, meist schwarzer Überzieher und schwarzer, steifer Filzhut, hiesige Mundart, gewandte Redeweise, sehr sicheres Auftreten, hält auf sein Äußeres, ist eitel und selbstgefällig, heftig und rücksichtslos, dabei aber meist ruhig und kaltblütig im Auftreten, hat praktischen Verstand, ist aber oft unklar und phantastisch in seinem Denken.

Der andere: In den zwanziger Jahren, mittelgroß, schlank aber kräftig, heller, gelblich grauer Jackettanzug, graugrüne, runde, niedrige Lodensportmütze mit schwachen roten Streifen im Stoff, Kopfweite 54 Zentimeter.

Der erste Täter machte äußerlich einen besseren Eindruck, hat am Sonntag, den 1. November mittags zwischen 12½ und 1 Uhr auf dem Börsenpostamt zwei Postanweisungen geschrieben und aufgegeben, wobei er von mehreren Personen beobachtet worden ist. Er ist am Mordtage früh vor 8 Uhr zuerst in die Friedrich’sche Wohnung gekommen. Der zweite ist ihm nach kurzer Zeit dorthin gefolgt und hat dabei ein etwa 50 Zentimeter langes zylinderförmiges Paket von etwa 20 Zentimeter Durchmesser in der Hand getragen, das in rötliches Papier eingeschlagen war und jedenfalls das Mordwerkzeug enthielt.

Die beiden Mörder haben die Friedrich’schen Eheleute einzeln ermordet, um dann den durch Bestellung einer Postanweisung in die Wohnung gelockten Geldbriefträger Frohberg ebenfalls umzubringen und zu berauben. Das ist ihnen aber nicht gelungen, weil im selben Augenblick, als der Briefträger die Anweisung bestellen wollte, ein anderer Briefträger hinzukam. Nur durch diesen Zufall ist die weitere Greueltat der Mordbuben vereitelt worden.

Zunächst gaben die zurückgelassenen Spuren keinen genügenden Anhalt für die Behörde, woraus sie auf die Personen der Mörder bestimmte Schlüsse hätte ziehen können. Immerhin gelang es durch rastlose Bemühungen und Ermittelungen, die Persönlichkeit des einen oben an erster Stelle beschriebenen Täters derart festzustellen, daß man Mitte Dezember sein Bild veröffentlichen konnte. Das Bild, das man durch Abänderung anderer Photographien nach Angaben der Zeugen usw. konstruierte, stellte sich in der Folgezeit als durchaus zutreffend heraus. (…)«

Seit Argus’ zweitem Brief nun weiß man mehr und konnte gar ein Phantombild vom Täter fertigen. Dafür setzte man ein neues Identifikationsverfahren ein: die Photomontage. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts fahndete die Polizei bereits mit gezeichneten Täterbildern. Eines der ersten zeigte den Raubmörder Carl August Ebert, der die Witwe Friese gemeuchelt hatte und als letzter Verurteilter in Leipzig 1854 öffentlich hingerichtet wurde. Im Falle Windmühlenstraße schnitten die Ermittler Teile aus abphotographierten Köpfen und legten diese zu einem neuen Gesicht zusammen, für Leerstellen nutzte man weiterhin den Stift. Das Verfahren wurde später durch vorgefertigte Folien verfeinert, die man übereinanderlegte.

Der Schulknabe, der am Heilig Abend 1908 am Zeitungskiosk Altes Theater/Fleischergasse nach einem Päckchen von Herrn Weber fragte, und dessen Onkel, sie hatten beide mit dem Täter gesprochen. Sie erkannten ebenso wie andere Zeugen, »unter einer größeren Anzahl ihnen vorgelegten Bildern in der kombinierten Photographie die Person des Erpressers wieder«. Genauso sah auch der Täter im Fall Windmühlenstraße aus. Jetzt kennen die Ermittler das Gesicht des Mörders, doch seine Identität bleibt unbekannt.

Das Alte Theater am Fleischerplatz. Foto von Hermann Vogel aus dem Jahr 1895

Auf das im zweiten Erpresserbrief enthaltene Verlangen Antwort erwarte ich im Laufe des Sonnabend Nachmittag am Zeitungsstand nähe Thomaskirche an der Dorotheenstraße gegenüber gingen Adressat und die Ermittler ein. Herr Weber gab am beschriebenen Ort seinen Brief ab, »und auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde durch die Kriminalpolizei die Überwachung dieser neuen Stelle vorgenommen. Der Erpresser erschien am Zeitungskiosk im Laufe des Sonnabends und des Sonntags nicht, muß sich aber in unmittelbarer Nähe aufgehalten haben.« Denn am Montag, den 11. Januar, traf der dritte Brief bei Siegfried Weber ein.

»Ordnen Sie gefälligst Ihre Angelegenheiten so, wie man dies zu tun pflegt, wenn man mit Sicherheit weis, das man hier bald ausgespielt hat. (…)

(…)

Habe ich bisher fast in der größten Anzahl mein Mütchen im Auslande gekühlt, so werde ich von heute ab ausschließlich in Leipzig – dem ich es blos zu danken habe, was ich geworden bin – wüten. Was Leipzig an mir gesät hat, soll es jetzt, wo ich nun wieder eine Erfahrung reicher bin, in ausgiebigster Weise ernten.

In welcher Weise wir an Ihnen (beide!) unser Mütchen kühlen werden, sollen Sie nächster Woche erfahren. An einem ganz speziellen Freund von uns und großem Sünder wird der Anfang gemacht! Genau so wie es diesem Menschen ergehen wird, wird es unwiderruflich Ihnen ergehen! Sie alle Angehörigen des Bürgertums und Bureaukratie! (…)

Selbst meine beiden Gehilfen waren ja schon mal auf dem Wege das Feld vor Euch trauriger Gesellschaft zu räumen anstatt sich vorher erst mal gründlich an dieser Bagage – welche ihnen nicht einmal in einer entsetzlichen Kälte Obdach gab – zu rächen. Sie waren auf dem Wege Selbstmord zu verüben, aus Verzweiflung. Nun, ich hatte das Glück, das vereiteln zu können. (…)

Was wir aber tun können um möglichst etwas Gerechtigkeit mit Gewalt zu erzwingen – denn im guten wird leider keine geübt – tun wir mit fanatischer Lust und Liebe. (…)

11 Einbrüche haben wir bisher auf diese Weise in letzter Zeit gestört.

Ich schreibe dies Ihnen nur, um Ihnen vor Ihrer baldigen Abfahrt nur einen ganz kleinen Überblick tun zu lassen, mit wem Sie den Kampf aufgenommen haben, zu Ihrem endgültigem Unglück u. Ruin! Worauf wir jetzt unsere Gläser klingen lassen, in dem Lokal, wo Sie oft u. gern mit Ihren Freunden zechen.

Auf Wiedersehen, wo es auch sei!«

Erlesbar: Der Mörder lacht. Und er sieht seine Taten im gesellschaftlichen Zusammenhang. Er behauptet gar, die Arbeit solch unfähiger Schutzmacht als eine Art von Bürgerwehr erfolgreich übernommen zu haben, 11 Einbrüche haben wir bisher auf diese Weise in letzter Zeit verhindert. Und der Mörder droht: So werde ich von heute ab ausschließlich in Leipzig wüten.

Die Bemühungen der Staatsanwaltschaft gingen nunmehr dahin, den Täter glauben zu machen, daß die Herren Weber mit Rücksicht auf die erfolglose Tätigkeit der Polizei vom 11. und 12. Januar nunmehr gewillt seien, hinter dem Rücken der Behörde das geforderte Geld zu zahlen. Zu diesem Zweck erließ Staatsanwalt Mühle im Namen der Herren Weber Inserate in den Leipziger Neuesten Nachrichten. »Sehe ein, habe gefehlt!« Darunter Kürzel, die nur dem Erpresser verständlich: »Ja! sind bereit. Fam. W. Wohin?«

»Ach nee!« schreibt drauf der Mörder in seinem vierten Brief an Weber. »Sie dürfen nicht glauben, das alle Menschen so naiv sind, wie Sie und die Polizei es sind! Das machen Sie mir nicht weis, das Sie, Leiter eines so künstlerischen Unternehmens wie das Ihrige es ist, nicht mal soviel Intelligenz besitzen sollten, dann wenigstens, – wenn es wirklich mit Ihrem oben angezeigten Entschlusse seine reelle Bewandnis hätte –, selbstverständlich ist, – die Polizei auch nicht die geringste Ahnung bekommen dürfte, das sie damit nicht die geringste Beziehung hatten.

Das obige Inserat beweist das gerade Gegenteil! Ein Beweis, das Sie durchaus nicht daran denken, sich zu sichern und Ruhe zu verschaffen, sondern sich damit trösten, das es der Polizei schon gelingen wird, uns auf solche Art zu fassen.

(…) Sparen Sie, sowohl die Polizei sich von nun an irgend jedes inserieren, und ohnmächtiges Fallen stellen, es wird Ihnen nie den gewünschten Erfolg bringen, da wir leider noch nicht die ›Schlauheit‹ der Polizei besitzen, um auf solche Mätzchen zu reagieren. Meine Wege, die ich betreffs Ihrer Person zu gehen habe, sind durch Ihr bisheriges Verhalten gekennzeichnet. Durch die vielen Worte, die ich Ihrethalben nun getan habe, haben Sie den Glauben erlangt, einen Phraseologen vor sich zu haben. Das Sie einen Mann der Tat vor sich haben, werden Ihnen die nunmehrigen Ereignisse – welche Leipzig ganz aus der Fassung bringen werden, beweisen!

(…)

Indem ich erkläre, das sich so wohl die Polizei ruhig alle weitere Mühe ersparen kann, – da alle Versuche ohne Erfolg sein werden –, schliese ich hiermit endgültig jede weitere Behandlung mit Ihnen, rsptv. der Polizei. Fazit dieser Verhandlung folgt. R.«

Abbruch von Vertragsverhandlungen, auf die weder Siegfried Weber noch die Polizei je eingegangen waren. Und doch ließen die Ermittler weiter inserieren, mit dem Zweck, »eine Zusammenkunft Webers mit einer dritten Person vorzutäuschen, so hoffte man, der Briefschreiber würde aus Neugierde sich in der Nähe der Stelle zeigen. Dadurch sollte den Beamten zumindest Gelegenheit gegeben werden, ihn von Ferne zu Gesicht zu bekommen« und einen neuen Übergabeort für das erpresste Geld zu bestimmen. Dieser lag diesmal im Musikviertel. »Wie richtig dieses Vorgehen war, zeigte der am Sonntag den 24. Januar vom Mörder persönlich morgens in der achten Stunde in den Briefkasten der Weber’schen Wohnung geworfene fünfte Brief:

Zu den beigelegten Inseraten noch einige Worte. Schon diese einfältige Zumutung –, uns persönlich sprechen zu wollen –, sagt mehr als tausend Worte. Dieser Einfall stammt nicht von Ihnen, meine Herren! Für so bodenlos dumm halte ich Sie auf keinen Fall, dies bringt nur ein verblödetes Polizei und Detectiv Gehirn fertig.

Das ich mich zur festgesetzten Zeit an bewusten Orte eingefunden habe ist selbstverständlich – auch heute –. Nichts hindert mir, dies zu tun, da ich nicht die geringste Gefahr dabei laufe, irgendwie erkannt zu werden. Als Beweis möge Ihnen dafür dienen, das, als ich 5 Minuten nach vier Uhr von bewusten Ort die Schwägrichen Straße hinauf ging, nach dem Schleußiger Weg zu, und kurz vor der Arndtstr. war, kam zu meiner größten Freude, – der Geldbriefträger Frohberg, auf den ich es bekanntlich damals abgesehen hatte, mit seinen beiden Kindern, an jeder Hand eines, mir entgegen, und ich sah ihn mit Fleis scharf an, aber nicht einen Atom kam ich ihm bekannt vor, er sah mich an, wie man eben einen wildfremden Menschen ansieht. (…) Herr Frohberg wohnt Arndtstr. 3, III. Er hatte im November unerhörtes Glück, was er wohl auch noch gar nicht so recht begreift. Denn es war mein erster Fall, das mir etwas nicht so gelang, wie ich dies wollte.

Um nun solchen Leuten, die ihrem totsicheren Verderben durch solche unvorherzusehenden Zufalles entgehen, nicht später als lästige Zeugen noch vernichten zu müssen, habe ich bei allen meinen Untersuchungen in jeder Hinsicht gesorgt. (…)