Beschreibung

Nicht ohne Grund wird das Erzgebirge als Erlebnisheimat bezeichnet. Aber nicht nur Wintersport und Wandertouren stehen hier hoch im Kurs, auch so manches geheimnisvolle Verbrechen ereignet sich zwischen Ahornberg und Sternmühlental. Ausgehend von wahren Mordfällen und jahrhundertealten Erzählungen spürt Henner Kotte in seinem neuesten Band ganz besonders schauerliche Geschichten aus dem Erzgebirge auf, und wenn er in »Tränen in Orange« der Frage nachgeht, was die Stasi mit dem Bernsteinzimmer zu tun hatte, und er in »Strump'husl« der Geschichte des Kannibalen aus dem Gimmlitztal nachgeht, fragt man sich unweigerlich: Ist es wirklich so gewesen oder war doch alles ganz anders? Nach Blutige Felsen widmet sich Henner Kotte in Blutiges Erz einem weiteren sagenumwobenen und nicht minder fabelhaften sächsischen Landstrich und offenbart uns dessen blutrünstigste Seiten. Wahrlich schaurig ist das, was die Leser hier erfahren, und so viel sei schon verraten: Auch Liebhaber der erzgebirgischen Mundart kommen auf ihre Kosten.

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Seitenzahl: 232

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Henner Kotte

Blutiges Erz

Kriminalgeschichten aus dem Erzgebirge

Bild und Heimat

eISBN 978-3-95958-715-0

1. Auflage

© 2015 by BEBUG mbH / Bild und Heimat, Berlin

Umschlaggestaltung: fuxbux, Berlin

Umschlagabbildung: © i-stock und © fotolia

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:

BEBUG mbH / Verlag Bild und Heimat

Alexanderstr. 1

10178 Berlin

Tel. 030 / 206 109 – 0

www.bild-und-heimat.de

Unter- und überirdisch: Blut

Das Erzgebirge ist ein sagenhafter Landstrich. Geschichten erzählt man märchenhafte, morbide oder mörderische. Wälder gibt es dunkle. Flüsse reißen mit. Höhlen bergen Geheimnisse, Böden Schätze, unsagbare. Gold und Silber, Edelstein und Zinn locken Sucher, Hehler, alle Art Verbrecher. Die Grenzlage lässt schmuggeln. Stoff für Schüsse, Mord und Totschlag, Erzählungen und Blut.

Monster, Geister, dunkle Gestalten sind Helden manch hiesiger und schauerlicher Mär. Bergmänner schürften Edelmetall und fanden den Tod. Deutschlands meistverkaufter Geschichtenerzähler stammt aus der Gegend: Karl May. Er wusste um Geldmarder, Giftheiner und Die Rose von Ernstthal. Ohne diese Berge, seine Armut und seine eigenen Verbrechen hätte es den Schriftsteller und Winnetou, Old Shatterhand und das Halbblut Apanatschi Uschi Glas niemals gegeben. Der Habicht heißt einer der Heimat­romane von Karl May. Der alte Kommissar Holscher erinnert bereits im Namen an den Superdetektiv und nimmt wie Sherlock Holmes beim »Sohn des Habichts« die tradierten Spuren auf. Letztlich klärt er mit Hilfe seiner grauen Zellen und der Krimiweltliteratur den vertrackten Fall eines geflügelten Revolvers.

Der großen Sagen und Verbrechen mehr und mehr. Stülpern nennen Heimische den größten Helden dieser Berge. Karl Stülpner schrieb wie Robin Hood liebenswert Legenden, belagerte alleinig die Burg Scharfenstein. Manfred Krug ließ ihn im TV lebendig werden. Ein Klassiker der Filmgeschichte. Sagen existieren hier hinter jedem Stein und jedem Baum. Ward das sagenhafte Bernsteinzimmer tatsächlich nahe Schlema im Poppenwald vergraben? Morde hat es tatsächlich unter diesen Bäumen gegeben. Eine junge Frau hing erdrosselt an einem Eichenstamm. Anhand von Akten und Recherche berichtet Magnus Grothum »Vom Raubzug der Genossen« und den »Tränen in Orange«. Ein neuer Blick auf Das Geheimnis des Bernsteinzimmers und gibt wohl, wo andere nur spekulierten, die einzig mögliche Erklärung des Geschehens.

Einzigartig und Kultur die Kirche George Bährs in Forchheim. Und vorm Altar stand seit je die mittelalterliche Gottesmutt. Doch diese fehlte Jahrzehnte auf ihrem angestammten Platz. Gerhard und seine Familie wissen um das wirkliche Verschwinden der Figur. Und gleichsam gibt die Erzählung einen Einblick in den Sprachschatz dieser Landschaft. Eine Belebung von Mundart und örtlichem Dialekt. Nicht einfach zu lesen, aber sehr authentisch.

Authentisch auch der Stückel-Killer. So nannte ihn der Boulevard. Der Kannibale vom Gimmlitztal machte schreckliche Schlagzeilen. »Strump’husl« erzählt seine Geschichte gleichsam nebenbei. Überhaupt bleibt fraglich, ob es ein gerichtsverwertbares Verbrechen ist. In Glauchau und Chemnitz gab es tatsächlich Kannibalen. Doch in Frauenstein? Der Fall erfährt in der Erzählung seine eigenwillige Deutung, die auf vorhandenen Aussagen und Protokollen fußt. So einfach, wie es sich die Offiziellen machen, ist Geschichte im Erzgebirge nie.

Nahe der Grenze zum tschechischen Nachbarland ist Sex leichter käuflich als in Sachsen. So fahren Männer in den kleinen Grenzverkehr. Manchmal bringen sie die Liebe mit und lösen Mord und Totschlag aus. »Gummi im Gebälk« erzählt von solch tragischer Geschichte und schafft Parallelen zu Vorkommnissen, die Wally Eichhorn-Nelson aus dem Thüringischen berichtete. Karl Marx schrieb bereits vor 150 Jahren: »Hegel bemerkte, daß alle großen geschichtlichen Tatsachen und Personen sich zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.«

Die größte Katastrophe brach im Sommer 2002 über Täler und Orte und traf alle im Osterzgebirge. »An der Station Zinnwald-Georgenfeld im Erzgebirge ist vom 12.08., 7:00 Uhr bis zum 13.08., 7:00 ein 24-Stundenwert der Niederschlagshöhe von 312 mm gemessen worden. Das ist der größte Tageswert der Niederschlagshöhe, der seit Beginn routinemäßiger Messungen in Deutschland registriert wurde. Er kommt – in einem Gebiet von bis zu 25 qkm – der vermutlich größten Niederschlagshöhe nahe, die dort physikalisch überhaupt möglich ist.« Die Stadt der Uhrmacher Glashütte und ihre Tradition versanken in den Fluten. »Der vor dem Regen kam« verschwand, und einige Bewohner hatten den Verbrecher gekannt. Die Polizei kann nichts mehr klären, der Leser muss sich seine eigne Meinung bilden. Und im Städtchen erzählen die Bewohner davon noch ganz andere Geschichten. Im französischen Film, behaupten sie, sei er als Der aus dem Regen kam schon aufgetaucht.

Von Bodenschätzen wissen wir. Man weiß auch, dass Künstler daraus Kunst und Geschmeide schaffen. E.T.A. Hoffmann beschrieb Die Bergwerke zu Falun. Das Fräulein von Scuderi erzählte vom Juwelier und Mörder Cardillac. Spuren August des Starken und des Cardillac-Syndroms finden ihren Niederschlag und »Ein geschmeidiges Grab« in Annaberg. Die Touristen laufen innerstädtisch über Leichen.

Es gibt manch mörderische Mär im Erzgebirge, die den traditionellen Gepflogenheiten der Kriminalerzählung widerspricht. Und grad darum sind diese Geschichten lesenswert. Vielleicht führen sie auch Sie neben die eingetretenen Wanderwege des Gebirgs oder ins Museum. Ich wünsche Ihnen starke Nerven, viel Vergnügen und gute Wanderschaft. Festes Schuhwerk nicht vergessen!

Ihr Henner Kotte

Strump’husl

Immoprint/mda, 12.1.2015/56/3/1: NEU! »Hutzenhaus« im Tourismusgebiet Frauenstein/Hermsdorf (Wintersport/Wanderurlaub), mit 6.000m² Grundstück (unbebaut), Herbergs-Wohnung 80m², Tageslichtbad, separater Eingang. Pension: 14 Zimmer mit eigener Dusche und WC und TV, 3x3 Betten, 6x2 Betten (Aufbettungen möglich), 2x2 Betten, 3x1 Bett, zzgl Frühstücksraum, große Küche, Terrasse, 7 Autostellplätze, öffentlicher Parkplatz 5 min, bereits als Baude genutzt, für Betreiber-Familie geeignet, Umbau für Kinderzimmer möglich. Kaufpreis 215.000 €, Matzukat-Immobilien, Ansprechpartner Denis Achtenbüttel.

Das Foto zeigte typische Erzgebirgsbebauung im Sonnenlicht: Erdgeschoss Rohputz, 1. Stock Holzverkleidung, Schiefer gedecktes Dach, Veranda mit großem Glasfenstern, im Hintergrund Wald, sanfte Berge, Sonne. Idylle. Man bot das Haus nun zum Kauf an. Ich war mir nicht sicher, ob es jemand erwerben würde. Zumindest nicht, wenn er um die Geschichte des Psycho-Hauses wusste, die lange Zeit Schlagzeilen bestimmte. Oder vielleicht gerade deshalb.

Ich kannte die Baude. Betreiber hatten sie Zum Wiesengrund genannt. Und wirklich stand das Gebäude an einem kleinen Flüss­chen, war als mittelalterliche Wassermühle gebaut worden. Das Bächlein plätscherte, wenn es auch schon lange kein Mühlrad mehr bewegte. Es hatte danach Weberfamilien Obdach geboten. Später wohnten darinnen Bauern. Im Sozialismus entdeckte es der FdGB und machte ein Ferienheim draus. Verwittert hatte ich diesen Schriftzug noch immer am Gemäuer lesen können. Das Urlaubskonzept versuchte man aufrechtzuerhalten. Wenn auch Herbergsvater Karl ab und zu seinen Traum kundtat, einmal hier wieder Mehl mahlen zu wollen. Un sei’s nur ä Säggl handvull. Die Haustür knarrte angenehm beim Eintritt. Menschen über 1 Meter 70 mussten den Kopf dabei einziehen. Ich habe mich mehrmals am Querbalken gestoßen.

Im heimeligen Empfang über den drei Sesseln einer kleinen Sitzecke zierten die Wand erwartbar ein Gemälde mit Waldtieren auf einer sonnenbeschienenen Lichtung und ein Rahmen mit Wilhelm Ganzhorns Text Im schönsten Wiesengrunde und dazu passende Applikationen. Man erfuhr, dass das Lied 1853 geschrieben wurde und in Gänze 13 Strophen besaß, von denen jedoch meist nur die ersten drei zum Vortrage kommen. Ich konnte mich nur an die allererste erinnern. Wenn überhaupt, aber irgendwie fühlte ich mich sofort angekommen und daheim. Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus.Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus. Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal. Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus. Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus. Und genau deshalb war ich gekommen: Urlaub. Ausspannen. Nichtstun. Das Gimmlitztal wurde als Perle, noch unentdeckt vom Touristenstrom beschrieben. Und so war es auch: Ruhe, Wald und Einsamkeit.

Gemeinsam mit Frau und Freund betrieb Karl Bäthe die kleine Pension. Manchmal halfen auch seine zwei Kinder beim Service. Hauptsächlich Stammgäste und Mund-zu-Mund-Propaganda. Beim Lachen zeigte er neben dem oberen rechten Eckzahn eine Goldkrone. Wir versuchen, unseren Gästen jeden Wunsch zu erfüllen! Der falsche Zahn glänzte bei jeder Mundöffnung. Sagen Sie einfach du, so halten wir’s hier im Gebirg. Äußerlich glich Karl in Figur und Kleidung dem Klischee jedes Holzfällers: Blonder Vollbart, kariertes Hemd, Jeans, Muskeln und goldenes Kettchen. Er trat aus der Tür hinterm Tresen, hatte wohl die Geräusche meiner Ankunft vernommen. »Herzlich willkommen in Bäth’s Hotel Zum Wiesengrund. Wir versuchen, unseren Gästen jeden Wunsch zu erfüllen!Welchen konkret haben Sie?« Er fragte mit offenem Lächeln. Seine kräftige Figur widersprach dem dünnen Stimmchen.

»Ich hatte mich angemeldet.«

Karl Bäthe nickte und öffnete im Computer die entsprechende Seite. »Sie kommen aus Feuerbach?« Ich nickte. »Zimmer 12, erster Stock, Blick zur Meierskuppe.Das mit den Papieren machen wir dann zum Abendbrot. Ich gebe Ihnen schon mal das Formular zum Ausfüllen mit. Ordnung muss sein, und ich will den Behörden nicht unangenehm auffallen.«Damit reichte mir Karl lächelnd einen hellblauen Vordruck über den Tresen. »Kuli und ein Wasser im Zimmer. Angenehmen Aufenthalt wünsche ich!«

Ich nickte wieder. Und wenn die Werbung nicht log, hatte ich soeben den perfekten Urlaub angetreten. Welchen Schrecken er mir verursachen würde, konnte ich damals nicht ahnen. Der Horror von Bäth’s Hotel war mir unvorstellbar und wird unvergesslich auch bleiben.

Ich war auf einer Holiday-Site des Internets auf die Wiesengrund-Baude gestoßen. Erlebnisheimat Erzgebirge. Ich brauchte nach einem Leben kurz vorm Out, zwischen Scheidung, Karriere und studierenden Kindern Ruhe, Entspannung und frische Luft. Die Bilder zeigten 5.000 km sonnige Wanderwegeim Gebiet unseres Gebirges und weißblauen Himmel. Die welterste Bergbahn brachte Touristen auf mehr als 1.214 m. Freiluftbäder warben mit Quellwasser und Naturbelassenheit, Jens Weißflog mit einem Hotel. Hier am Hotel hoch oben im Erzgebirge hat die Landschaft ihren ganz eigenen Reiz. Tiefe Wälder, weite Wiesen, verwunschene Fleckchen Erde. Bodenständige und herzliche Menschen – das ist meine Heimat, hier habe ich den größten Teil meines Lebens verbracht. Das sächsische Mittelgebirge schien ideal. Jetzt las ich das Inserat vom Immobilienverkauf. »Hutzenhaus« zu verkaufen. 14 Zimmer mit eigener Dusche und TV. Bäth’s Hotel existierte nicht mehr. Karls Frau war mit den Kindern verzogen und musste verkaufen. Ich jedenfalls hätte im Ort nicht mehr bleiben können. Das Psycho-Haus ließ sie und die Kinder nicht länger hier leben.Meine Fantasie machte mir Angst. Ich sah all die Schrecknisse vor mir, die ich glaubte, vergessen zu können. Unvorstellbar! Wer hätte gedacht, dass in einer der lieblichsten Landschaften sächsischer Erde …

Die Baude hatte in der Zeit vor der Vorsaison nicht sehr viele Gäste. Ein Ehepaar mit zwei Kleinkindern wohnte im 1. Stock. Ihr Geschrei hielt sich in Grenzen. Ich fragte mich, warum sie mit Kinderwagen und Tragetuch zum Urlaub in die Erlebnisheimat Erzgebirge zum Wandern fuhren. Aber augenscheinlich war die Liebe noch groß und half über Unwägbarkeiten hinweg. Ein älteres Paar schien zum Aktivurlaub hier. Wenn ich den Frühstücksraum betrat, starteten die beiden zu ausgedehnten Touren, ließen Kleidung und Ausrüstung vermuten. Hals- und Beinbruch wünschte Karl Bäthe, wenn die zwei das Hotel verließen.

Konstantin Vieweg und ich waren diejenigen, die in Einzelzimmern übernachteten. Er schien wie ich erholungssuchend und alleinreisend, denn er kam mit kleinem Gepäck. Er war ohne eigenes Fahrzeug. Karl hatte ihn von Bahnhof oder Bushaltestelle geholt, denn Vieweg stieg mit halbvoller zerknautschter Reisetasche aus seinem Kleinbus, als sie am Haus Zum Wiesengrund vorfuhren. Seit drei Tagen schlief ich mit dem neuen Gast Tür an Tür. Bislang hatten wir kaum ein Wort miteinander gewechselt. Ein Morgengruß am Frühstücksbuffet, ein Nicken bei einer Begegnung auf Wanderweg oder im Dorf.

Bei meinem Ausflug in die Stadt Frauenstein begegnete ich dem Gast aus Bäth’s Hotel im kleinen Museum. Vernehmter Silbermann, vergönne mir zu schreiben, was Du mit Recht verdienst: Dein Ruhm wird ewig bleiben, den Du durch Deine Kunst mit ganz geschickter Hand bereits erworben hast, in unsrem Sachsenland. Als ich Friedemann Bachs Zitat durchlas, hatte sich mein Zimmernachbar neben mich gestellt und gemeint: »Orgelspiel würde ich mir zum Begräbnis sehr wünschen. Vielleicht spielt er Bach.«

Ich wandte mich ihm zu: »Das wird Zeit haben«, sagte ich. Der Mann war keine vierzig, trug Anzug und machte keineswegs einen kränklichen Eindruck, der mich an den Tod denken ließ.

Er lüftete den Hut, seine wenigen Haare verrutschten. »Wenn ich mich vorstellen darf: Konstantin Vieweg, Kaufmann aus Hamburg.«

»Angenehm«, entgegnete ich, und es gab keinen Grund, das Gespräch fortzusetzen. Aber jener Vieweg folgte mir und blieb just auch an jenen Exponaten stehen, die ich mir betrachtete. »Sie suchen wohl auch Ruhe vom Alltag«, sagte ich, um überhaupt etwas zu sagen. Es war mir unerträglich, stumm nebeneinander zu stehen.

»Das Ziel meiner Reise hat sich durch Zufall ergeben«, lächelte er eher für sich, »und Musik hat mich stets interessiert. Meine CD-Sammlung kann sich durchaus sehen lassen. Dazu gehören auch die Bachwerke auf Silbermannorgeln. Ein bisschen ist es wie Nach-Hause-Kommen.«

»Ja, es ist erstaunlich, Kleinbobritzsch klingt nicht wie die Wiege eines Genies.«

»Zufall ist der Geburtsort, und Zufall wird auch der Ort der letzten Lebensstunde sein.«

Der Kaufmann aus Hamburg sprach mir eindeutig zu oft vom Tod. Wir hatten noch keine drei Sätze gewechselt, und er war bereits zum zweiten Mal Thema. Aber nicht meines. Ich kämpfte um den Fortbestand meiner Ehe oder wollte mir zumindest darüber klar werden, ob es Sinn hatte, mit Carola weiter zusammenzuleben. Sie hatte mich betrogen, mit dem besten Freund unseres Hauses: Johannes. Und ich vermochte nicht zu begreifen, was meine Frau an diesem Mann fand. Johannes fiel sein Bierbauch über den Gürtel, und er hatte Schlupflider, die ihm einen Schlafzimmerblick verliehen. Dass dies der Grund für Carolas Betrug sein könnte, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Unweigerlich sah ich die beiden in intimer Lage in meinem Bett und bekam Schüttelfrost vor Ekel. Ich sah mich noch immer an seiner Statt, oder betrachtete den Platz neben Carola als meinen und nur den von mir. Aber keine Woche zurück hatten die beiden um ein Gespräch gebeten und mich vor vollendete Tatsachen gestellt. Jetzt sind die Kinder raus. Wir möchten nunmehr endlich auch offiziell zusammenleben!

Ich verstand weder die Worte, noch das, was sie meinten. Offiziell zusammenleben? Nunmehr endlich? Mühsam begriff ich: Seit Jahren hatten Carola und Johannes ihr Liebesverhältnis gepflegt, hatten ganze Wochenenden beieinander gelegen, in denen ich Carola bei ihrer sterbenskranken Mutter vermutet hatte. Johannes hatte ich als besten meiner Freunde bezeichnet. Mein ganzes Leben der letzten Jahre erwies sich als Lüge. Meine Ehe – eine Farce. Mein Bekanntenkreis – ein Lügenhaufen. Denn wohl jeder meiner sogenannten guten Freunde hatte von ihrem Verhältnis gewusst. Der Gipfel: Aus Rücksichtnahme vor den Kindern hatte Carola mir nicht schon längst den Laufpass gegeben. Jetzt sind die Kinder raus. Ich fasste es nicht.

Der Schock ließ mich eine Auszeit nehmen. Mein Chef zeigte Verständnis. Überstunden musste ich ohnehin abfeiern. Also Urlaub und weg von allem, was mich bedrückte. Die Erlebnisheimat Erzgebirge versprach Ablenkung, Muße und Zeit, die Erlebnisheimat Erzgebirge bot verwunschene Fleckchen und freizeitliche Möglichkeiten von sportlicher Betätigung bis kulturell Wissenswertem: Bergbau, Schnitzkunst, Gottfried Silbermann.

»Leben ist Zufall. Planbar ist nichts.«

»Silbermann hat sich den Wunsch seines Lebens erfüllt.«

»Woher wollen Sie das denn wissen?« Ich wusste nicht wirklich, warum ich dieses Gespräch führte. Herr Vieweg tat mir irgendwie leid. Aber seines Glückes Schmied war man selbst, hatten Philosophen bewiesen.

»Solch Werk schafft man nicht ohne Liebe zu diesem Beruf. Die Orgel gehörte zu ihm wie die Sonne zur Erde.«

»Sie haben Ihr Glück noch nicht gefunden?«

»Wer weiß … vielleicht erwartet es mich genau hier.«

Kommentarlos schlenderte ich weiter. Vieweg folgte wie ein einsamer Hund, der sich Aufmerksamkeit und ein neues Herrchen verspricht. Ich konnte mir keine Vorstellung machen, was Vieweg sich von mir erhoffte. Ohne Absicht schien er nicht meine Nähe zu suchen. Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Im Nachhinein erklären sich mir diese Gespräche als sein letzter Versuch, sich vor sich selbst und seinen Fantasien zu schützen. Ich konnte die Worte nicht deuten, sah nicht den Abgrund, der sich hinter ihnen verbarg. Heute mache ich mir all das zum Vorwurf. Vielleicht, nein, wahrscheinlich hätte ich das weitere Geschehen verhindert. So nahm die Katastrophe ihren Lauf, genauso wie es Konstantin Vieweg geplant hatte. Genau so, wie es ihm seine Fantasien vorschrieben. Schrecklich. Psychologen würden mich von jeder Schuld freisprechen. Ich kann das nicht. Ich sehe Konstantin Vieweg noch neben mir stehen und im Programmheft blättern: Orgel im Silbermann-Museum mit Werken von Bach, Händel, Dietrich Buxtehude.

Im Gewölbe der alten Burg Frauenstein hatte man eine Silbermann-Orgel dem Original nachgebaut. Sie wurde gespielt. Ein Faltblatt versprach ein Konzert. Auch Konstantin Vieweg hatte nach der Ankündigung gegriffen. Durch Adams Fall ist ganz verderbt von Dieterich Buxtehude.

Konstantin Vieweg wusste: »Der Künstler muss nach dem In­strument suchen, das sein Werk zu voller Geltung bringt.«

»Es bedarf aber auch des begabten Interpreten. Sie könnten mich vor eine Silbermann-Orgel setzen, Kunst würde mein Spiel niemals werden.«

Er lachte. »Ein Mensch kann ohne den andern nicht sein.«

Jetzt ging mir der Herr Vieweg aus Hamburg doch mehr und mehr auf die Nerven. Dieses Schwadronieren von Tod und der Kunst und Aufeinanderangewiesensein aller Menschen klang denn doch gewaltig wie pseudointellektuelles Geschwätz. Hätte ich damals von der bevorstehenden Katastrophe auch nur geahnt … Sie war unvorstellbar. Sie ist es.

»Darf ich Sie auf ein Tässchen Kaffee einladen?«, fragte Kon­stantin Vieweg schüchtern.

Ich hatte weder Lust noch Laune, mich mit einem mir zufällig bekannt gewordenen Kaufmann weiter zu beschäftigen, aber wie der Herr Vieweg da so vor mir stand und treuherzig blickte, sagte ich »Ja. Kaffee wird auch in Frauenstein schmecken. Den Sachsen eilt ein Ruf für guten Kaffee auch in Schwaben voraus.«

Das Café versuchte es mit dem Charme des Biedermeiers. Die Karte versprach selbstgebackene Spezialitäten. Vieweg nahm Eierschecke, ich entschied mich für Quarkkuchen. Das Serviermädchen sprach heimisch: »Was derf’s denne sei?« und lächelte, als sie die Teller vor uns hinstellte. Als sie erneut zur Theke zurücklief, machte mich Vieweg auf die Laufmasche an ihrem rechten Bein aufmerksam. Ich begriff zunächst nichts, war eher peinlich berührt.

»Ich finde Strumpfhosen sehr erotisch.«

»Sie können Frauenbeine sehr gut zur Geltung bringen.«

»Ich meine das Material.«

Ich probierte den Quarkkuchen und musste erst überlegen, aus welcher Kunstfaser Strumpfhosen bestehen. Der Name lag mir auf der Zunge. Aber ich hatte in meinem Leben nie Strumpfhosen gekauft, geschweige denn mich fürs Material interessiert. Bei Carola lagen sie dutzendweise im Schrank. Ich erinnerte mich, dass Tante Hildegard zu Weihnachten stets welche in das Paket für die arme Verwandtschaft im Osten steckte. Man produzierte sie zwar hinter der Mauer, aber im sozialistischen Laden waren sie nicht erhältlich. Ich nippte am Kaffee. Er entsprach den Erwartungen. Nylon! Strumpfhosen bestanden aus Nylon. Ich erinnerte mich.

»Früher gab es Strumpfkliniken, da hat man die Laufmaschen wieder zusammengezogen. In meinem Heimatort haben Frauen hinter einem Fenster gesessen und reparierten die Dinger. Nach dem Krieg, hat mir meine Tante Hilde erzählt, hat man sich die Strumpfnaht auf die nackten Beine gemalt, um eleganter zu wirken.«

»Polyhexamethylenadipinsäureamid.«

Ich kannte weder das Wort noch den Zusammenhang seiner Verwendung. Vieweg dozierte, als wäre ich irgendein Schüler.

»Polyhexamethylenadipinsäureamid. Nylon ist chemisch Polyhexamethylenadipinsäureamid. Eine Kunstfaser. Man verwendet es auch allgemein für lineare aliphatische Polyamide.«

»Sie sind Chemiker?«

»Nein, ich handle mit Südfrüchten. Schon als Kind habe ich Mama ihre Strumpfhosen geklaut und heimlich getragen. Als sie mein geheimes Lager entdeckte, hat mir mein Vater dermaßen den Hintern versohlt …« Vieweg rührte still in seiner Tasse. »Schaut aus, als hätten sie Öl in den Kaffee gegossen.«

»Sachsen können Kaffee kochen. Stark.«

Von der Kuchentheke her lächelte die Bedienung. Sie war jung, Jeansrock, weißes Schürzchen mit Spitzenbesatz und baumelnde Ringe im Ohr. Wahrscheinlich die Tochter des Caféhaus-Betreibers oder eine Abiturientin, die sich etwas verdiente, denn für Disko und Studium braucht man halt’s Geld. Neben Strumpfhosen trug sie ein adrettes Diadem in den Haaren. Es glitzerte wie Schnee in der Sonne. Wahrscheinlich fand die Betreiberin, solch Outfit würde zum Biedermeier ihres Cafés passen und die Gäste an Liotards Schokoladenmädchen erinnern. Das tat es – keine Frage.

»Und genießen Sie hier auch Ruhe und die Natur?«

»Ich hoffe, mein Traum wird hier endlich wahr.«

Er lächelte und schien hinter einen ihn allein selig machenden Horizont zu blicken. Ich wagte nicht, ihn nach näherer Auskunft zu fragen. Konstantin Vieweg schien mir sehr glücklich. Ganz im Gegensatz zu meiner privaten Situation. Claudia hatte bereits ihre allernötigsten Sachen gepackt und war zu Johannes in dessen Junggesellenbude gezogen. Bislang hatte sie immer gemeint, so wie es dort aussieht, kann auch eine Frau nicht mehr helfen. Nun fanden Kleider, Schuhe, Fotoalben und ihr Teil der Bibliothek in Johannes Lumpenstampe noch Platz. Ich würde in eine halbgelehrte Wohnung heimkehren. Wahrscheinlich war ich überrascht, was Claudia als ihr Allernotwendigstes ansah. Grausam allein schon die Vorstellung an die geplünderte Wohnung. Den Kindern hatte die Mutter die Freudenbotschaft unserer Trennung sofort überbracht. Ich vermute, zumindest Benjamin wusste schon vorher Bescheid und hieß den Auszug seiner Mutter gut. Unser Vater-Sohn-Verhältnis war nie das Beste gewesen, aber Ödipus und anverwandte Komplexe schienen dafür ausreichende Begründung. Ich dachte über die Anzeichen nach, die mir Claudias Verrat hätten eher verdeutlichen können. Im Nachhinein entdeckte ich viele. Wie oft hatten beide auf dem Balkon nur noch eine Zigarette geraucht. All die Treffen Claudias mit ihren besten Freundinnen. Natürlich hatte ich bei Silke, Madeleine, Marie-Louise oder wie sie denn hießen nie nachgefragt. Ich hielt unsere Ehe für eine Vertrauenssache. Meine zwei Fehltritte habe ich bereut und gebeichtet. Und welch ein Fass hatte Claudia da aufgemacht: Lügner! Schwein! Arschloch! Drei Wochen übernachtete ich in einer Pension. Tagelang habe ich auf dem Sofa geschlafen. Auch die Erlebnisheimat Erzgebirge brachte mir keine Idee eines sinnvollen Weiterlebens. Es war zu Ende.

Während ich rekapitulierte, an welcher Stelle ich die nicht gutzumachenden Fehler begangen hatte, fiel mein Blick auf die Schuhe meines Begleiters. Konstantin Vieweg hatte sich mir zugewandt und seine Beine übereinander geschlagen. Slipper aus Rauleder mit kleinen Troddeln, die wippten. Er trug nicht die üblichen Männersocken. Es war Nylon, das ich an seinem Fußgelenk sah. Himmelblau glänzte es mir entgegen. Ich finde Strumpfhosen sehr erotisch. Unappetitlich die Vorstellung, dass er diese türkisfarbigen aliphatischen Polyamide bis zum Nabel gezogen hatte. Als ich wieder vom Quarkkuchen nahm, mied ich den Blick in Viewegs Gesicht.

»Schon ein schönes Fleckchen der Erde hier.« Ich seufzte und warf einen sehnsuchtsvollen Blick auf den Marktplatz, der sich wenig von dem in anderen kleinen Städten unterschied: Rathaus, historische Fassaden, Einzelhandel. Um Gotteswillen nicht wieder die Themen Nylon, Bach und der Traum vom Glück. Ich wollte nicht in Viewegs Abgründe schauen. Aber welches Gespräch konnte man führen?

»Wussten Sie, dass man in Bäth’s Hotel Wiesengrund früher Linnen webte?«

Stoffherstellung im Allgemeinen schien mir nicht weniger gefährlich, zu viel Gemeinsamkeiten gab es mit erotischen Strumpfhosen und ihrem Wirken. »Jahrhundertelang hat man im Erzgebirge Stoffe produziert. Karl May ist der Sohn eines Webers gewesen. Die Wende trieb viele Betriebe in den Ruin.«

»Unser Wirt überlegt, ob er ein kleines Museum im Wiesengrund einrichtet, das darüber erzählt. In Mühlen wurde nicht nur Mehl gemahlen. Ich überlege, ob ich morgen zur Weicheltmühle hinlaufen soll. Sie ist nicht weit weg von Bäth’s Hotel und Karl hat seine Konkurrenz wärmstens empfohlen. Es soll meine letzte Wanderung sein. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich begleiten.«

»Wahrscheinlich reise ich morgen schon ab.«

»Schade, wirklich schade. Ich glaube wir hätten zusammen viel zu erzählen gehabt. Aber was nicht ist, kann man selten erzwingen.« Vieweg blickte, als würde er eine Entscheidung treffen. »Dann ist heute der Tag.«

Heute weiß ich, welche Bedeutung seine Worte hatten. In meiner Macht hätte es gelegen, das Datum zu verschieben. ich tat es nicht. Ich log Vieweg an. Konstantin Viewegs Tod hätte ich wahrscheinlich nicht verhindert. Aber es war jene Minute, die über den Zeitpunkt entschied. Dann ist heute der Tag! Ich handelte falsch und sagte: »Für den Weg zur Weicheltmühle reicht heute die Zeit nicht mehr hin. Bis zum Buschhaus, das könnten wir schaffen.«

Ich wusste selbst nicht, was ich da redete. Und ich hatte keineswegs die Absicht gehabt, morgen bereits Bäth’s Hotel zu verlassen. Mir tat die Erlebnisheimat Erzgebirge durchaus wohl. Ich wollte nur keinen Augenblick länger mit Konstantin Vieweg zusammen an einem Tisch sitzen, geschweige denn gemeinsam mit ihm auf Wandertour gehen. Aber ich sagte Worte, die er als Vorschlag einer gemeinsamer Zeit interpretieren musste. Bis zum Buschhaus, das könnten wir schaffen.

»Sie haben mir eine Entscheidung abgenommen, die ich ohnehin treffen musste. Und Glück soll man nicht ohne Grund aufschieben. Man sollte es nutzen.«

Wiederum Worte, die mir unbegreifbar blieben. Die Kellnerin trat an unseren Tisch und unterbrach unser seltsames Gespräch. »Deerf’ch Ihn norwas brenge?«

»Danke, nein«, sagte ich.

Auch Vieweg schüttelte den Kopf. »Zahlen!«

»Sie wulln zohln?« Wir nickten. »Das Mädchen rechnete im Kopf. »6,70.« Dann zückte sie das Portemonnaie.

Konstantin Vieweg lud mich trotz meiner Intervention ein. »Beleidigen Sie mich nicht. Sie waren mir eine sehr angenehme Begegnung.« Damit griff er nach seinem Anorak, der an einem schmiedeeisernen Garderobenhaken hing. »Zum Laufen ist die Strecke ein wenig zu weit«, meinte er, »ich frage Karl, ob er uns abholt.«

»Vielleicht nehmen wir einfach ein Taxi. Man sollte seinen Hotel-Service nicht überstrapazieren.«

»Er wird’s tun. Ich zahle ihm Aufschlag.«

Vieweg telefonierte. Mich verwunderte, dass er als Tourist die Nummer von Bäth’s Hotel im Handy gespeichert hatte. Aber Vieweg hatte ja bereits bei seiner Ankunft den vom Wirt angebotenen Service genutzt. »Zehn Minuten sagt Karl.«

»Dann hätten wir ja doch laufen können.«

Als wir das Café verließen, sprach Vieweg nochmals die Kellnerin an. »Über ihre Wade läuft eine Masche.«

»Ieber ma Baa läuft ä Masch?« Sie blickte an sich hinab und entdeckte den Schaden. »Oh, Scheiße. Ich wullt nor na Dips.«

»Gehst schnell nor a Strump’husl kaafn. De Schlietern hadder nor uff.«

»Da husch’ch ma gurz …« Noch vor uns verließ die Bedienung das Café.

»Strump’husl klingt wenig erotisch«, sagte ich Vieweg meine Meinung.

»Für mich klingt’s eher wie ein gemütliches Häusl. Auch das hält schön warm. Man muss nicht frieren.«

Dann stand ich stand mit Konstantin Vieweg vor dem Café. Wir schwiegen. Am Himmel zogen Wolken, und es würde nicht lang dauern, da prasselte Regen. »Wohl doch eine gute Idee, den Herbergsvater hierher zu bestellen.«

»Für seine Gäste tut Karl fast alles«, sagte Vieweg. »Einen besseren Wirt wird man kaum finden.«

Wahrscheinlich war das übertrieben, aber ich stimmte meinem Begleiter zu. »Getreu seinem Leitspruch: Wir versuchen, unseren Gästen jeden Wunsch zu erfüllen!«

»Er bemüht sich auch wirklich. Oder können Sie klagen?«

»Natürlich nicht.«

Später wurde mir klar, dass Vieweg für seine Wünsche keinen Besseren hätte finden können. Karl Bäthe hat es genau so gemeint, und er erfüllte seinen Gästen sämtliche Wünsche, wie absurd sie auch seien. Und Karl hielt seine vorausgesagten zehn Minuten fast ein. Sein Kleinbus bremste, Vieweg und ich hatten die Straßenseite gewechselt und sahen, dass unsere Kellnerin an ihre Arbeitsstätte zurückeilte. Offensichtlich war ihr Einkauf erfolgreich. Sie winkte mit einem Tütchen. »Norma mei Dank, ich wär’s Strump’husl glei wechseln!« Das Spitzendeckchen hinterm Glas der Eingangstüre pendelte kurz, als sie dahinter verschwand.

Ich nahm auf dem Rücksitz des Kleinbusses Platz. Vieweg stieg neben dem Fahrer ein. »Danke«, sagte Vieweg zu Karl. »Ich habe mich entschlossen, es heute zu tun. Haben Sie etwas dagegen?«

»Wir versuchen, unseren Gästen jeden Wunsch zu erfüllen!«

»Ich verlass mich auf Sie!«

»Natürlich.«

Dann startete Karl den Wagen durch, dass er heulte.

Am Morgen dudelte im Frühstücksraum nicht irgendein Sender, sondern Karl spielte Johann Sebastian Bach. »Heute mal klassisch.«

»Wenn’s gewünscht wird, und man den Wunsch erfüllen kann«, sagte Karl.

Ich griff zu Schinken und weichem Käse und nahm am Fenster mit Blick zur Meierskuppe Platz. Ich hatte damit gerechnet, dass Konstantin Vieweg an meinem Frühstückstisch Platz nehmen würde. Aber der schlief wohl länger oder hatte seinen Weg zur Weicheltmühle schon angetreten. Gut so. Ich hätte wahrscheinlich nicht meine Augen von seinen Füßen abgewendet, bis ich einen Blick auf sein blaues Strump’husl hätte erhaschen können. Das blieb mir erspart. Überhaupt sah ich meinen Zimmernachbarn nicht wieder. Auf meine diesbezügliche Frage antwortete Karl: »Er hat uns verlassen. Der Herr kommt nicht wieder. Er wollt’ seine Ruhe.«

»Schade. Er war mir gestern ein sehr angenehmer Gesprächspartner gewesen«, sagte ich meinen Empfindungen widersprechend.

Klaus Bäthe war das Thema sichtlich unangenehm, er verschwand hinterm Frühstücksbuffet in seiner Küche. Konstantin Viewegs Schlüssel hing im Kasten der kleinen Rezeption. Seine halbgefüllte Reisetasche stand hinter der Theke. Ich wunderte mich, machte mir aber keine Gedanken.

Zu Hause fand ich meine Wohnung mit fast leeren Schränken vor. Claudia hatte bis hin zu den Stecknadeln alles säuberlich in zwei Hälften geteilt. Ich fand ihre präzise Auflistung auf dem Küchentisch liegend und stellte mir vor, dass Johannes sie abgenickt hatte.