Beschreibung

Henner Kotte rollt besondere Fälle aus den Anfangsjahren der DDR nochmals auf: Aussagen, Vernehmungsprotokolle, Tatortberichte und Zeitungsmeldungen sind einzigartige Dokumente, die das Handeln der Täter und die Reaktionen von Angehörigen und Ermittlern nachvollziehbar machen. Diesem authentischen Sog kann sich kein Leser entziehen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 226

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Henner KotteSchüsse im Finsteren Winkel

Henner Kotte

Schüsse imFinsteren Winkel

und sechs weitere Verbrechen

eISBN 978-3-86789-444-9

1. Auflage dieser Ausgabe

© 2013 BEBUG mbH /Bild und Heimat

Umschlaggestaltung: capa

Umschlagabbildung: Chris Keller / bobsairport

In Kooperation mit der SUPERillu

www.superillu-shop.de

Inhalt

Taxi!

Muhme in Schwarz

Die Grimmaer Massenvergiftung

Schüsse im Finsteren Winkel

Der Tod des Kannibalen

Todestag: 19. April 1952

Staustufe Mensch

Taxi!

Der Fall Hermann Beier, Leipzig 1955

»Der imperialistische Krieg zerstörte unsere Stadt, wir bauen sie aus eigener Kraft wieder auf!« Diese Losung ist in großen, weißen Lettern auf blauem Grunde unweit des Leipziger Hauptbahnhofes an eine Mauer geschrieben. Sie enthält eine für Leipzig charakteristische Aussage. Nicht Gaben, die Ruhmsucht und Huld der Herrschenden spenden, prägten in Jahrhunderten das Antlitz der Messe- und Buchstadt, sondern Vertrauen in die eigene Kraft, das ihren Bürgern eigen ist. Auf den Schuttfeldern, die der imperialistische Krieg zurückließ, scharte sich der wertvollste Teil der Leipziger Bevölkerung zu einer Notgemeinschaft unter Führung der Sozialistischen Einheitspartei, der Arbeiterklasse, zu tätiger Mithilfe beim Bau eines neuen, schöneren, demokratischen und friedliebenden Deutschlands. Heute sind bereits neue, moderne Industriehallen entstanden, ja ganz neue Großbetriebe … Die erneuerte Westhalle des Leipziger Hauptbahnhofes, die wiedererstandenen Messehäuser und der im Frühjahr 1950 vollendete erste Bauabschnitt des Messehofes in der Petersstraße, der vor einigen Wochen in Angriff genommene Erweiterungsbau des HO-Warenhauses, die anläßlich der Bachfeier des Jahres 1950 instandgesetzte Thomaskirche bezeugen im nahezu trümmerfreien Stadtzentrum den unbeugsamen Willen zu neuer, besserer Gestaltung. Am Wege zur Tagungsstätte des IV. Parlaments der FDJ werden der Neubauflügel des Fernmeldeamtes, der große Anbau an die Deutsche Wertpapierdruckerei und der richtreife Erweiterungsbau der Ingenieurhochschule für Polygraphie sichtbar. In der Straße der III. Weltfestspiele (Ranstädtischer Steinweg), die hinausführt zu den im Entstehen begriffenen Sportanlagen an der Stalinallee (Jahn-Allee), stehen die Wohnhausblöcke des ersten Planjahres 1951, zum größten Teil bereits vollendet und von Aktivisten und Bestarbeitern bezogen … Beispiele über Beispiele friedlicher Aufbauarbeit ließen sich aufzählen: Neu eingerichtete Polikliniken und Schulen, Lehrlingsheime, Kindergärten, Grünanlagen und Sportplätze. In allen Stadtteilen sind Arbeiter und freiwillige Helfer am Werk, ihren Beitrag zu leisten zu schönerer Wiedergeburt der Stadt Leipzig.« Wie das neue Deutschland gedeiht, so gedeiht die Messestadt, lassen die Schlagzeilen wissen.

Schattenseiten wie Raub und Mord und Totschlag besprach man selten offiziell, und wenn, dann als Symptom einer dem Untergang geweihten imperialistischen Klassengesellschaft. Ideologen verfochten in diesen Aufbaujahren die These, das Verbrechen stürbe in der sozialistischen Gesellschaft aus, ja, es sei ihr wesensfremd. So sind denn die Täter in den ostdeutschen Kriminalromanen jener Zeit auch untergetauchte Nazitäter oder westdeutsch indoktrinierte Agenten und Saboteure, die den Aufbau des Sozialismus mit allen Mitteln aufhalten wollen. Doch trotz solcher Verbrecher ist der sozialistische Aufbau nicht zu stoppen, glaubten die Funktionäre und künden ihre Parolen.

Dezent neben den großen Lettern der Propaganda liest der Bürger in den Zeitungen auch DDR-Realität. Am 19. Februar 1955 bittet die Deutsche Volkspolizei um Mithilfe: »In der Nacht vom 15. zum 16.2.1955 wurde in der Hermundurenstraße (Nähe Rathaus Waren) die Taxe 240 gefunden. Der Fahrer, der 62jährige Hermann Beier befand sich im Fahrzeug und war mit einer Leine erdrosselt. Aus der Brieftasche war ihm das Bargeld in Höhe von 360 DM graubt worden. In der Gustav-Esche-Straße wurde die leere Brieftasche am 16.2.1955 gefunden. Die Tat ist am 15.2.1955 zwischen 21.00 und 23.00 Uhr geschehen. Die Taxe wurde letztmalig in der Marthastraße gegen 21.00 Uhr gesehen. Wer hat nach dieser Zeit das Fahrzeug im Stadtgebiet beobachtet? Wer hat Personen in diese Taxe einsteigen sehen?

Die Taxe ist viertürig, von schwarzer Farbe und hat auffällig gelbe Räder. Der Innenraum ist mit rotbraunem Kunstleder ausgeschlagen, die Metallteile innen sind von auffällig roter Farbe. Zur Tatausführung wurde eine 14 m lange Küchenleine benutzt. Die Leine ist 6x3 mm im Durchmesser, aus gelblicher Kordseide und an den Enden mit einer 9 cm langen Schlinge versehen, und ist zuvor nicht in Gebrauch gewesen. Wer kennt Personen, die derartige Leinen in Besitz hatten und sich verdächtig gemacht haben? In welchem Geschäft wurde eine solche Küchenleine vor der Tat gekauft?

Sachdienliche Angaben werden von jeder Volkspolizeidienststelle entgegen genommen und auf Wunsch vertraulich behandelt. Für den Hinweis, der zum Erfolg führt, wird unter Ausschluß des Rechtsweges eine Belohnung von 1.000 DM in bar ausgezahlt.« 500 Plakate werden in allen Stadtbezirken sichtbar platziert und zeigen den Citroën, Baujahr 1936, und die 14 Meter Leine, neu. In einem Schaufenster des Centrum Warenhauses hing das Tatwerkzeug vor einer weißen Wand. Die ausgelobten 1.000 Mark Belohnung waren hoch bei durchschnittlich 1,30 DM Stundenlohn. Die vom Revierförster gefundene Brieftasche war leer. Hermann Beier hatte die Wocheneinnahmen bei sich. Nach Nachtschichtende wollte er sie beim Chef abrechnen. Raubmord, lassen die Indizien schließen.

Einmalig war der Tag für Hermann Beier gewesen. Denn er hatte nach dem Ende seiner Frühschicht am Dienstagmorgen auf seinen 62. Geburtstag einen ausgegeben. Kollegin Roswitha Gummich: »Ich hatte am 15.2. im HO-Café Lessing, Straße der III. Weltfestspiele, Ecke Lessingstraße (heute eine Filiale der Sparkasse Leipzig), Tagesdienst. Ich kenne den Hermann Beier und habe ihn am Tage seines Geburtstages bedient. Mit ihm zusammen haben der Tankwart von der Taxigenossenschaft, den Namen weiß ich nicht, der Chauffeur vom Direktor Paul und der Gemüsehändler Gantzler vom Laden gegenüber zusammengesessen. Außerdem kamen mehrere Taxichauffeure ins Café und tranken ihren Kaffee, was der Herr Beier bezahlte. Diese Chauffeure haben aber nicht mit gefeiert, und ich weiß auch nicht namentlich, wer das alles war. Der Hermann Beier hat mit den drei Personen bis etwa 13.00 Uhr gefeiert und dann sind sie alle gegangen. Beier, der ziemlich stark angetrunken war, wurde von dem Chauffeur des Herrn Paul nach Haus gefahren.« Dort angekommen wunderte sich die Gattin und: »habe ihm noch gesagt: Du kommst aber spät, worauf er erwidert hätte: Ich habe doch nur einmal Geburtstag. Sie habe ihm angemerkt, daß er angetrunken gewesen sei und aus diesem Grunde habe sie ihm beim Ausziehen der Kleidung geholfen. Er habe sich gleich hingelegt, als er gekommen sei, ohne etwas zuvor gegessen zu haben. Seine Brieftasche habe er stets in seiner Jackettasche, in der linken Innentasche getragen. Abends, bevor er zum Dienst ging, habe er diese Brieftasche zu Hause noch in der Hand gehabt und wieder eingesteckt.«

Dann ging Hermann Beier auf Arbeit, übernahm sein Taxi und fuhr. 72,90 DM betrugen seine Einnahmen. »Den letzten Auftrag von der Genossenschaft erhielt er am 15.2.1955, 21.02 Uhr, an der Anlaufstelle 05 Breite Straße Ecke Täubchenweg. Dieser Auftrag ging nach der Poliklinik Ost und von da aus in die Marthastraße 12, zu dem Bäcker Lehmann, Alfred.« Danach wurde kein Auftrag mehr an ihn vergeben. Gefunden wurde Hermann Beier gut drei Stunden später am anderen Ende der Stadt.

»Am 16.2.1955, gegen 3.00 Uhr wurde die MUK der BDVP Leipzig fernmündlich vom Operativstab der BDVP verständigt, daß in der Hermundurenstraße eine Taxe mit dem amtlichen Kennzeichen SV 80-59 aufgefunden worden sei. Der Fahrer dieses Kfzs sei tot.« Und es wurde berichtet, »daß der im Grundstück Hermundurenstraße 15 wohnende Kfz-Reparaturwerkstattinhaber Schmidt, Hans, gegen 1.30 Uhr die Taxe erstmalig gesehen habe und Schmidt habe auch veranlaßt, daß die VP verständigt wird. Veränderungen an der Fundstelle seien nicht vorgenommen worden … Bei Eintreffen der MUK war das Licht am Fahrzeug ausgeschaltet (die Beamten hatten es aufgrund der Belästigung beim Schlafen gelöscht). Das Taxo-meter lief. Hierzu wurde berichtet, daß um 2.35 Uhr das Taxometer auf 22.50 DM und um 4.25 Uhr auf 28 DM stand. Beim Ablesen des Taxometers durch die MUK um 5.00 Uhr stand dieses auf 30 DM. Die Türen des Fahrzeugs waren zugeklinkt, bis auf die hintere linke Tür, die nur angelehnt war … Der Fahrer des Wagens wurde als der Kraftfahrer Beier, Hermann, geb. am 15.2.1893 in Borschütz, Krs. Liebenwerda, wohnh. gew. Straße der DSF 124 II li, identifiziert. Er war tot und saß vom Fahrersitz seitlich hinübergerückt, so daß er mit der rechten Schulter an die rechte Wagentür gelehnt war. Seine Füße waren noch in Höhe der Gas- und Bremspedale. Der Tote war an unbekleideten Körperstellen ausgekühlt, Totenstarre war noch nicht eingetreten. Auffällige Totenfleckbildung konnte noch nicht erkannt werden. Um den Hals des Toten befand sich eine mehrfach geschlungene Leine, einer dünnen Wäscheleine bzw. einer starken Gardinenkordel entsprechend … In der linken Schläfengegend, etwa in Höhe des äußeren Augenwinkels, waren bis zur Wange führend, rote Druckstellen erkennbar, die vermutlich durch fremde Gewalteinwirkung (Faustschlag o.ä.) verursacht wurden. Die Augen des Toten waren geschlossen. Seine Brille war heruntergerutscht und lag unbeschädigt auf seiner Brust, lediglich der linke Bügel war nach oben verbogen. Die Hände waren leicht angewinkelt, bildeten eine offene Faust, ohne Fremdkörper oder andere Spuren fremder Gewalteinwirkung aufzuweisen … Die Bekleidung wies bei der Besichtigung an der Fundstelle keine Zeichen auf, die auf fremde Gewalteinwirkung schließen könnten … Neben dem Toten, auf dem Fahrersitz liegend, wurden verschiedene Papiere vorgefunden, die möglicherweise aus der Jackentasche herausgerissen waren, aus der noch das Fahrtennachweisheft herausragte. Der Tote saß auf einem Stadtplanbuch von Leipzig mit Straßenverzeichnis, das er möglicherweise kurz zuvor benützt hatte. Beim Toten wurden kein Personalausweis, keine Fahrerlaubnis vorgefunden, so daß den Umständen nach gefolgert werden muß, daß ihm diese Gegenstände, evtl. in einer Brieftasche befindlich, aus der beschriebenen Jackentasche entwendet wurden. Zur Fundzeit lag auf den Straßen Schnee, und aufgrund der vorhandenen Fahrzeugspuren muß gefolgert werden, daß das Fahrzeug bis zur Fundstelle ordentlich auf der Straße gefahren ist. In der Fundortumgebung wurden keine weiteren Spuren gefunden, die mit dem Fund des Pkws und des Toten in Verbindung stehen könnten.« An der offenen Autotür können die Kriminaltechniker drei Fingerabdrücke sichern, die nicht von Hermann Beier stammen.

Ohne Zweifel: Mord. Der Fahrgast zur Marthastraße war der Täter nicht, ein Unwohlsein der Bäckersgattin Lehmann. Doch gut beleumundet ist die Gegend um die Martha- und Ernst-Thälmann-Straße (Eisenbahnstraße) nicht. In zwielichtigen Restaurants wie dem Papser hockt zwielichtiges Gesindel. Nicht selten werden Polizisten zu ruhestörendem Lärm, Schlägereien oder anderen Tätlichkeiten gerufen. Stieg dort zu Hermann Beier der Mörder in das Taxi? Trotz aller Aufrufe an die Bevölkerung um Mithilfe, diese Frage bleibt ohne Antwort.

Andrerseits die Hermundurenstraße 15 – War sie dem Fahrer die als letztes Ziel angesagte Adresse? Hausbewohner Hans Schmidt verständigte die Polizei: »Ich bin gestern, Dienstag, dem 15.2.1955 gegen 20.15 Uhr aus meiner Wohnung weggegangen, und ich begab mich in das Lokal Zur Post in Stahmeln, um dort zu Kegeln … Als ich mein Wohnhaus verließ, habe ich noch nichts Auffälliges festgestellt. Erwähnen muß ich nur, daß bei uns im Hause eine Frau Großkopf mit ihrer Tochter Helga Timm wohnt. Diese beiden Frauen wechseln öfters ihre Männerbekanntschaften, und es ist mir schon wiederholt passiert, daß die Großkopf oder ihre Tochter mit einem Manne im Hausflur standen, wenn ich abends heimkam. Ich bin von meinem Kegelabend gegen 1.30 Uhr wieder an meinem Wohngrundstück gewesen. Ich bin von Stahmeln nach Hause gelaufen. Es ist nicht weit, und der Weg betrug etwa nur eine Viertelstunde. Ich bin kurz nach ein Uhr aus dem Lokal Zur Post in Stahmeln weggegangen. Beim Kegeln traf ich einen Bekannten, der mit seiner Ehefrau gekommen war. Er hatte sein Dreirad bei sich. Ich bat ihn, auf seiner Heimfahrt einen Sack für mich mitzunehmen, den ich vom Gastwirt erhalten hatte und in dem sich Futter für mein Viehzeug befand. Ich wartete an der Ecke Hermunduren- und Stahmelner Straße auf meinen Bekannten, der mit seinem Dreirad noch nicht da war. Nach ungefähr fünf Minuten kam er dann an und gab mir meinen Sack. Ich muß noch erwähnen, daß, als ich von der Stahmelnerin die Hermundurenstraße einbog, um auf ihn zu warten, ich gesehen habe, daß an der Hermundurenstraße auf der Höhe, wo sich mein Grundstück befindet, ein Kraftfahrzeug hielt. Es war ein Pkw. Das Auto stand in der Mitte der Straße. Ich wunderte mich noch, weil an beiden Seiten das Stadtlicht brannte. Ich konnte von dieser Entfernung nicht erkennen, ob sich jemand im Wagen befand. Während meiner gesamten Wartezeit von etwa fünf Minuten veränderte sich am Auto nichts. Es stieg niemand ein und auch niemand aus. Ich habe auch kein Motorengeräusch gehört. Dann beobachtete ich, wie mein Bekannter die Stahmelner Straße mit seinem Dreirad entlang kam … Er überholte mit seinem Dreirad den parkenden Pkw rechts und schimpfte, weil das Auto in der Mitte der Straße stand. Er hielt mit seinem Dreirad an der rechten Straßenseite, ca. zwei Meter vom Pkw entfernt. Ich ging ihm bis zu seinem Dreirad entgegen und dabei bemerkte ich das erste Mal eine Person im Wagen. Sie saß rechts neben dem Fahrersitz und war leicht in die rechte Wagenecke gelehnt. Ich dachte dabei, daß es sich wohl um den den Kraftfahrer handelt, der auf jemand wartet und dabei in der Ecke lehnt und schläft. Ich erhielt meinen Sack und begab mich an meine Haustür, die ich ordnungsgemäß verschlossen vorfand. Als ich an meiner Haustüre stand, schaute ich mich noch einmal nach dem Pkw um und dabei bemerkte ich, daß die linke hintere Wagentür leicht geöffnet war. Sie stand an ihrer weitesten Stelle etwa 10 cm offen. Ich wunderte mich, denn mir kam das alles komisch vor, vor allen Dingen, daß der Kraftfahrer die Stadtbeleuchtung eingeschaltet hatte, wenn er so lange auf der Straße steht und wartet. Der Pkw stand mit seiner Mitte direkt vor unserer Eingangstür. Irgendwelche Fußspuren, vom Wagen kommend auf unser Haus zu, habe ich nicht festgestellt, weil der Schnee breitgetreten war. Ich fand im Hause alles in normalem Zustand vor. Mir ist bei meinem Heimkommen niemand begegnet. Meine Ehefrau war durch mein Kommen wieder munter geworden. Ich erzählte ihr von dem Pkw, der vor unserem Hause stand. Sie sagte dazu, daß dieser Wagen schon um 0.30 Uhr vor dem Hause gestanden haben muß mit der gleichen großen Beleuchtung, denn sie sei um diese Zeit ins Schlafzimmer gegangen, um ins Bett zu gehen, und dabei habe sie durch die geschlossenen Holzfensterläden Licht reinschimmern sehen, das aber auf keinen Falle von der Straßenbeleuchtung hergerührt hat. Ich war schon ins Bett gegangen, als mir die Geschichte keine Ruhe ließ, und ich mich noch einmal anzog, um zu sehen, was mit dem Wagen vor unserem Hause los ist. Ich begab mich an den Pkw heran und stellte dabei noch fest, daß die linke Türscheibe neben dem Fahrersitz halb heruntergedreht war. Ich stellte mich etwas hinter die heruntergedrehte Scheibe und rief den Mann im Wagen mehrere Male an. Ich erhielt jedoch keine Antwort. Dabei sah ich, daß dem Manne die Brille auf die Nase gerutscht war und daß aus seiner Manteltasche Papiere heraushingen. Ferner sah ich eine helle Kordel um seinen Hals. Ich konnte mir nun denken, daß hier etwas passiert war …«

Helene Trommer ist elf Jahre und wohnt im selben Haus der Hermundurenstraße 15. Sie kann die Angaben präzisieren: »Ich bin gegen 20.45 Uhr ins Bett gegangen … Noch bevor ich einschlief, es wird nach meiner Schätzung 21.15 Uhr gewesen sein, hörte ich ein Auto kommen und sah den Lichtschein in meinem Zimmer. Demzufolge kam das Auto aus der Pferdnerstraße und bog in die Hermundurenstraße ein in Richtung Stahmelner Straße. Ich konnte dann nicht einschlafen und hörte gegen 21.30 Uhr meinen Vater ins Bett gehen. (Der Zeuge Trommer bestätigt, daß er gegen 21.30 Uhr zu Bett gegangen sei.) Kurz nachdem mein Vater ins Bett gegangen war, hörte ich ein Auto von der Stahmelner Straße her die Hermundurenstraße entlang kommen. Aus diesem Grunde bin ich aus dem Bett gestiegen und zum Fenster gegangen. Ich sah das Auto an mir vorbeifahren, bevor es 50 m weiter stehen blieb. Es hat dort etwa 3-4 Minuten gestanden, und ich war inzwischen wieder ins Bett gegangen, als ich das Auto zurückkommen hörte. Und ich hörte dann, wie es auf der Straße stehen blieb und der Motor ausgeschaltet wurde. Ich habe nicht mehr zum Fenster hinausgesehen … Es war ein dunkler Pkw. Personen habe ich darinnen nicht erkannt, doch sah ich im Auto ein rotes Licht glimmen, als wenn jemand eine Zigarette raucht … Ich habe keine Stimmen gehört und auch kein Zuschlagen der Wagentüren. Ich erinnere mich aber, in der Zwischenzeit, nachdem das erste Mal das Auto hinunter zur Stahmelner Straße gefahren war und von wo eine halbe Stunde später das von mir beobachtete Auto kam, Schritte gehört zu haben, die an unserem Haus vorbeigingen in Richtung Stahmelner Straße. Ich habe niemand in unser Haus hineinkommen gehört und auch nicht gesehen.« Spuren auf der Straße sind nicht sichtbar, Schnee fällt noch immer. Fährtenhund Betty nimmt keine Witterung auf.

Alle Mieter des Hauses Hermundurenstraße 15 verneinen die Frage, ob sie mit dem Taxi nach Hause fuhren. Auch bestellte das Auto niemand. Der Taxistand am Rathaus Wahren ist keine fünf Minuten des Fußwegs entfernt. Ob allerdings die Damen Großkopf und Timm die Wahrheit sagen, bedarf genauerer Recherche. Den Verdacht der Prostitution legte Kfz-Meister Schmidt den Ermittlern nah. Ein Strafvergehen.

Nach dem Aufruf in der Presse melden sich Zeugen, die in der Nacht verdächtige Personen beobachtet haben wollen. So auch Johannes Ungrad, Drogerist, jetzt Krankenpfleger. Er wohnt auf der Georg-Schumann-Straße, dort, wo die Hermundurenstraße als Fußweg in sie mündet. »Ich habe folgende Beobachtung gemacht: Am 15.2.1955 hatte ich bis gegen 23.00 Uhr Dienst. Ich fuhr mit der Straßenbahnlinie 29 nach Hause … Gegen 23.30 Uhr bin ich an der Haltestelle Pittlerstraße ausgestiegen. Ich mußte zu meinem Wohngrundstück von der Haltestelle aus etwas zurücklaufen. Auf diesem Wege konnte ich in den sogenannten Gartenweg hineinsehen. Dieser Weg ist eine Verlängerung der Auenseestraße (Parallelstraße zur Hermundurenstraße). In diesem Gartenweg sah ich einen Personenkraftwagen stehen, mit seinem Kühler in Richtung Pittlerfabrik. Mir fiel dieses Auto sofort auf, weil ich es noch nie erlebt habe, daß auf diesem Wege um diese Zeit ein Auto hält. In dieser Straße bzw. dem Gartenweg ist kein Zugang zu einem Wohngrundstück. Nur am Tage fahren ab und zu Autos diesen Weg entlang, die zur ehemaligen Pittlerfabrik wollen. Das Auto war unbeleuchtet. Das Auto selbst war vollkommen dunkel, es brannte auch kein Rücklicht. Der Wagen parkte scharf am Gartenzaun … Ich blieb an meiner Haustür stehen, die dem Gartenweg gegenüber liegt und beobachtete weiter. Ich sah dann, wie sich die hintere linke Wagentüre öffnete und ein Mann ausstieg. Er ließ die Wagentür offen stehen und blieb vor der Tür in wartender Haltung stehen. Er blieb ungefähr 4-5 Minuten vor der Wagentür stehen. Dann ging er zum Kühler des Wagens und lehnte sich an die linke Kühlerseite. Ich hatte den Eindruck, daß seine Aufmerksamkeit in Richtung Georg-Schumann-Straße mit seinen Nebenstraßen Auenseestraße, Hermundurenstraße, Pittlerstraße lag. Der Unbekannte lehnte mindestens 6-7 Minuten am Kühler. Während er noch am Wagenkühler lehnte, kam eine zweite männliche Person aus dem Wagen. Die zweite Person kam aus der vorderen linken Wagentür. Diese zweite Person ging hinter dem Wagen entlang an den Zaun und verrichtete dort ihre Notdurft. Dabei habe ich gehört, wie diese Person vom Gartenzaun aus den anderen, der am Kühler lehnte, mit dem Namen Hermann ansprach. Die Person ging dann vom Gartenzaun weg, wieder um den Wagen rum bis zu der anderen Person hin. Dabei hörte ich zum zweiten Male, wie der Mann vom Gartenzaun die andere männliche Person mit Hermann anredete … Dann sah ich, wie die Person vom Gartenzaun mit ihrer rechten Hand in den Mantelausschnitt griff und aus ihrer linken Brusttasche einen Gegenstand hervorzog. Ich konnte nicht sehen, was es war. Ich beobachtete aber, wie diese Person dem anderen Manne, der am Kühler lehnte und mit Hermann angesprochen worden war, diesen Gegenstand übergab. Vor dem Übergeben drehte sich der Mann vom Gartenzaun noch einmal um und schaute in Richtung Georg-Schumann-Straße, zwischen Hermundurenstraße und Auenseestraße. Die Person vom Kühler nahm den Gegenstand mit der rechten Hand und steckte ihn in die rechte Manteltasche … Wenn ich mir das jetzt überdenke, so möchte ich sagen, daß es sich bei dem Gegenstand um eine Schnur oder Leine gehandelt hat. Ich nehme das deshalb an, weil die Person, die den Gegenstand in Empfang nahm, die geöffnete Hand nach oben streckte und dieser Gegenstand so hin eingegeben wurde. Diese Schnur muß auch eine ganz schöne Länge gehabt haben, denn die Person, die den Gegenstand in Empfang nahm, mußte die Hand weit öffnen. Es war mindestens eine Hand voll. Als die Person den Gegenstand in die Manteltasche gesteckt hatte, griff sie noch zwei- bis dreimal in die Manteltasche hinein. Ich hatte den Eindruck, als wollte dieser Mann sich vergewissern, ob auch alles drin ist. Nach der Übergabe stieg der Mann vom Gartenzaun in den hinteren linken Wagenschlag. Dieser Mann trug eine Schirmmütze oder eine Schiemütze, ähnlich wie die Mützen bei der VP sind. Die Person, die noch am Kühler lehnte, trug einen sogenannten Blaser bzw. eine Sportmütze. Er stellte sich nach der Übernahme mit dem Gesicht zum Kühler, und ich hatte den Eindruck, als machte er sich etwas am Kühler zu schaffen. Ich bin in diesem Moment in meine Wohnung hochgegangen und wollte meine Frau wecken. Sie schlief aber, und ich unterließ es deshalb. Ich stellte nur meine Aktentasche auf den Vorsaal, verschloß die Wohnung und ging sofort wieder hinunter. Das hat alles zusammen höchstens 3-4 Minuten gedauert, bis ich dann wieder vor meinem Hause war. Als ich meine Haustür öffnete, sah ich, daß das Auto in Fahrt war. Es mußte in der Zwischenzeit gewendet haben, denn es kam mir entgegengefahren und befand sich schon an der Ecke Gartenweg und Georg-Schumann-Str. Ich glaube nicht, daß ich von den Männern im Gartenweg, als ich sie dort beobachtete, gesehen worden war.

Das Auto bog dann in die Georg-Schumann-Str. ein, fuhr in die Hermundurenstraße ein und war dadurch meinen Blicken entschwunden. In diesem Moment sah ich zum ersten Male die Frauensperson, die sich dann längere Zeit in der Georg-Schumann-Str. zwischen Hermunduren- und Auenseestraße aufhielt … Es können drei Minuten vergangen gewesen sein, als ich plötzlich das Auto wieder bemerkte. Es fuhr die Auenseestraße entlang, an mir vorbei, bog in die Georg-Schumann-Str. ein und fuhr wiederum in die Hermundurestraße ein. Ich hatte den Eindruck, als hätte das Auto nur eine Runde gefahren … Während dieser Zeit war die Frau zwischen Hermunduren- und Auenseestraße hin und her gependelt. Sie hatte sich in dieser Zeit an der Tankstelle, die ganz in meiner Nähe war, eine Zigarette angebrannt. Bei dieser Frau handelte es sich um eine etwa 40-Jährige. Sie trug ein dunkles Kopftuch, dünne Strümpfe und sie hatte blondes Haar. Sie trug einen dunklen Mantel. Sie war schlank und hatte ungefähr eine Größe von 1,60. Die Frau hatte ein verlebtes Gesicht. Sie hatte eine Tasche bei sich. Ich hatte den Eindruck, daß es eine schwarze Samttasche war, und eine Länge von 25 cm hatte. Gesprochen hat die Frau nichts. Es kann ungefähr die dreifache Zeit vom ersten Male vergangen gewesen sein, als das Auto wiederum aus der gleichen Richtung wie das erste Mal kommend an mir vorbeifuhr … Als der Wagen die beiden Male an mir vorbeigefahren war, sah ich im Wageninneren zwei Personen sitzen. Am Steuer saß der Mann mit der Schirmmütze und der mit dem Blaser saß auf dem Rücksitz, aber nicht hinter dem Fahrersitz, sondern rechts davon. Als der Wagen das zweite Mal an mir vorbeigefahren war, rauchte der Mann hinten wieder eine Zigarette.« Die Angaben des Zeugen Ungrad stimmen mit den Fakten überein, genau mit den Fakten, die in der Pressemitteilung veröffentlicht worden waren. Vom Zeugen Martinek wurde zur Veranschaulichung eine Skizze angefertigt. Es bleibt nicht die einzige Geschichte, die die Kriminalisten hören. Nach der Frau mit dem verlebten Gesicht und dem Mann mit Blaser wird gefahndet, identifiziert werden sie nie.

Die Sektion ergibt keine natürliche Todesursache. »Der Verstorbene erlitt zu Lebzeiten eine um den Hals horizontal zuschnürende Gewalteinwirkung, die letztlich den Tod durch Ersticken hervorrief. Des weiteren erlitt der Verstorbene zu Lebzeiten stumpfe Verletzungen im Bereich des Mundes, des Nasenrückens und der Schläfen-Jochbeingegend, die mit Haut- und Kratzdefekten einhergingen. Die Anordnung der Kratzer deutet auf ein gewaltsames Zuhalten des Mundes hin. Sie sind wahrscheinlich durch einen oder mehrmaligen Griff des Täters mit der linken Hand von hinten entstanden, wobei der Täter mit der rechten Hand die um den Hals geworfene Gardinenschnur zuzog. Weiterhin erlitt der Verstorbene zu Lebzeiten eine stumpfe Gewalteinwirkung im Bereich des rechten inneren Unterarmknöchels, die sehr wahrscheinlich bei der Abwehr entstanden ist (Faustschlag o.ä.). Sie ist oberflächlicher Art und nicht tödlich. Die weiterhin bei der Sektion festgestellten Hautabschürfungen und Druckmarken im Bereich der Unterschenkel können durch Anstoßen an den unteren Rand des Armaturenbrettes – entweder beim Anprall des Wagens oder bei den Erstickungskrämpfen – entstanden sein. Sie sind oberflächlicher Art … Nach dem Abkühlungsgrad der Leiche in Verbindung mit der kalten Jahreszeit (minus 10°) und der Bekleidung des Verstorbenen zu urteilen, ist der Tod sehr wahrscheinlich zwischen 23.00 Uhr und 2.00 Uhr eingetreten.«

Stünde im Kriminalroman, daß ein Mörder am Geburtstag des Opfers seine Tat beging, kämen dem Leser Zweifel. Solcher Zufall scheint kaum glaublich, außer die Tat wäre für diesen Tag geplant gewesen. Ums Geburtsdatum wissen die Familie, Eltern, Kinder, Enkelkinder, weitere Verwandte, Freunde und Kollegen. Das private Umfeld Hermann Beiers wird betrachtet, Auffälligkeiten werden nicht festgestellt. Die Ehe mit Martel hält fast vierzig Jahre. Fünf Kinder haben die beiden. Die verwitwete Tochter Anna wohnt im selben Haus, eine Etage unter ihren Eltern. Sohn Ralf arbeitet auf Montage in Cottbus. Das Verhältnis unter den Geschwistern ist gut. Mutter Martel kann sich Gründe für den Mord am Gatten gar nicht denken, außer Geld. 360 Mark für manchen mehr als Monatslohn. Aber ansonsten … nein, privat sei alles in Ordnung. Nachbarn sind derselben Meinung.