Blutlinien - J. R. Ward - E-Book
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Blutlinien E-Book

J. R. Ward

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Beschreibung

BLACK DAGGER macht süchtig!

Vampirkrieger Phury hat es nach Jahrhunderten des Zölibats auf sich genommen, der Primal der Vampire zu werden. Hin- und hergerissen zwischen Pflicht und der Leidenschaft zu Bella, der Frau seines Zwillingsbruders, bringt er sich in immer größere Gefahr …

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Seitenzahl: 456

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Das Buch

Der Vampirkrieger Phury hat es nach Jahrhunderten des Zölibats auf sich genommen, der Primal der Vampire zu werden. Als solcher ist er verantwortlich dafür, mit den sogenannten Auserwählten, besonderen Vampir-Priesterinnen, möglichst viele Nachkommen zu zeugen und so den Erhalt ihrer Art zu gewährleisten. Seit der Primalzeremonie lebt die Auserwählte Cormia auf dem Anwesen der Bruderschaft in Caldwell, New York. Doch obwohl Phury sich zu ihr hingezogen fühlt, kann er nicht vergessen, dass seine Liebe eigentlich Bella gilt, der Frau seines Zwillingsbruders Zsadist. Hin-und hergerissen zwischen Pflicht und Leidenschaft, bringt Phury sich im Krieg gegen die unbarmherzige Gesellschaft der Lesser in immer größere Gefahr und steuert so unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu …

Die Autorin

J. R. Ward begann bereits während ihres Studiums mit dem Schreiben. Nach ihrem Hochschulabschluss veröffentlichte sie die BLACK DAGGER-Serie, die in kürzester Zeit die amerikanischen Bestseller-Listen eroberte. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Golden Retriever in Kentucky und gilt seit dem überragenden Erfolg der Serie als neuer Star der romantischen Mystery.

 

Besuchen Sie J. R. Ward unter: www.jrward.com

Inhaltsverzeichnis

Die AutorinDANKSAGUNGGLOSSAR DER BEGRIFFE UND EIGENNAMENPROLOGKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Copyright

Gewidmet: Dir. Du warst der perfekte Gentleman und eine Wohltat. Und ich glaube, dass Freude dir gut bekommt – du hast sie definitiv verdient.

DANKSAGUNG

Mit unendlicher Dankbarkeit den Lesern der Bruderschaft der Black Dagger und ein Hoch auf die Cellies!

 

Ich danke euch so sehr: Karen Solem, Kara Cesare, Claire Zion, Kara Welsh.

 

Danke S-Byte und Ventrue und Loop und Opal für alles, was ihr aus der Güte eures Herzens tut!

 

Wie immer Dank an meinen Exekutivausschuss: Sue Grafton, Dr.Jessica Andersen und Betsey Vaughan. Und meinen größten Respekt für die unvergleichliche Suzanne Brockmann.

 

DLB – RESPEKT. Ich hab dich lieb ××× Mami

NTM – wie immer in Liebe und Dankbarkeit. Du bist wahrhaftig der Prinz unter den Männern.

P. S. – gibt es irgendetwas, was du nicht findest?

 

An LeElla Scott – Haben wir’s geschafft? Haben wir’s geschafft? Haben wir’s geschafft?

Remmy: der Tempomat ist unser Freund, und ohne LeSunshine sind wir nichts. Alles Liebe, mein Herzblatt.

 

An Kaylie – herzlich willkommen in der Welt, kleines Mädchen. Du hast eine sensationelle Mutter – sie ist mein absolutes Idol, und das nicht nur, weil sie mich mit Haarpflegeprodukten versorgt.

 

An Bub – danke für schwasted!

 

Nichts von alldem wäre möglich ohne: meinen liebenden Mann, der mir mit Rat und Tat zur Seite steht, sich um mich kümmert und mich an seinen Visionen teilhaben lässt; meine wunderbare Mutter, die mir mehr Liebe geschenkt hat, als ich ihr je zurückgeben kann; meine Familie (die blutsverwandte wie auch die frei gewählte); und meine liebsten Freunde.

Ach ja, und die bessere Hälfte von WriterDog natürlich.

GLOSSAR DER BEGRIFFE UND EIGENNAMEN

Ahstrux nohtrum – Persönlicher Leibwächter, der vom König ernannt wird.

Attendhente – Auserwählte, die der Jungfrau der Schrift aufwartet.

Die Auserwählten – Vampirinnen, deren Aufgabe es ist, der Jungfrau der Schrift zu dienen. Sie werden als Angehörige der Aristokratie betrachtet, obwohl sie eher spirituell als weltlich orientiert sind. Normalerweise pflegen sie wenig bis gar keinen Kontakt zu männlichen Vampiren; auf Weisung der Jungfrau der Schrift können sie sich aber mit einem Krieger vereinigen, um den Fortbestand ihres Standes zu sichern. Sie besitzen die Fähigkeit zur Prophezeiung.

In der Vergangenheit dienten sie alleinstehenden Brüdern zum Stillen ihres Blutbedürfnisses, aber diese Praxis wurde von den Brüdern aufgegeben.

Bannung – Status, der einer Vampirin der Aristokratie auf Gesuch ihrer Familie durch den König auferlegt werden kann. Unterstellt die Vampirin der alleinigen Aufsicht ihres Hüters, üblicherweise der älteste Mann des Haushalts. Ihr Hüter besitzt damit das gesetzlich verbriefte Recht, sämtliche Aspekte ihres Lebens zu bestimmen und nach eigenem Gutdünken jeglichen Umgang zwischen ihr und der Außenwelt zu regulieren.

Die Bruderschaft der Black Dagger – Die Brüder des Schwarzen Dolches. Speziell ausgebildete Vampirkrieger, die ihre Spezies vor der Gesellschaft der Lesser beschützen. Infolge selektiver Züchtung innerhalb der Rasse besitzen die Brüder ungeheure physische und mentale Stärke sowie die Fähigkeit zur extrem raschen Heilung. Die meisten von ihnen sind keine leiblichen Geschwister; neue Anwärter werden von den anderen Brüdern vorgeschlagen und daraufhin in die Bruderschaft aufgenommen. Die Mitglieder der Bruderschaft sind Einzelgänger, aggressiv und verschlossen. Sie pflegen wenig Kontakt zu Menschen und anderen Vampiren, außer um Blut zu trinken. Viele Legenden ranken sich um diese Krieger, und sie werden von ihresgleichen mit höchster Ehrfurcht behandelt. Sie können getötet werden, aber nur durch sehr schwere Wunden wie zum Beispiel eine Kugel oder einen Messerstich ins Herz.

Blutsklave – Männlicher oder weiblicher Vampir, der unterworfen wurde, um das Blutbedürfnis eines anderen zu stillen. Die Haltung von Blutsklaven ist heute zwar nicht mehr üblich, aber nicht ungesetzlich.

Chrih – Symbol des ehrenhaften Todes in der Alten Sprache.

Doggen – Angehörige(r)der Dienerklasse innerhalb der Vampirwelt. Doggen pflegen im Dienst an ihrer Herrschaft altertümliche, konservative Sitten und folgen einem formellen Bekleidungs- und Verhaltenskodex. Sie können tagsüber aus dem Haus gehen, altern aber relativ rasch. Die Lebenserwartung liegt bei etwa fünfhundert Jahren.

Ehros – Eine Auserwählte, die speziell zur Liebeskunst ausgebildet wurde.

Exhile Dhoble – Der böse oder verfluchte Zwilling; derjenige, der als Zweiter geboren wird.

Gesellschaft der Lesser– Orden von Vampirjägern, der von Omega zum Zwecke der Auslöschung der Vampirspezies gegründet wurde.

Glymera – Das soziale Herzstück der Aristokratie, sozusagen die »oberen Zehntausend« unter den Vampiren.

Gruft – Heiliges Gewölbe der Bruderschaft der Black Dagger. Sowohl Ort für zeremonielle Handlungen wie auch Aufbewahrungsort für die erbeuteten Kanopen der Lesser. Hier werden unter anderem Aufnahmerituale, Begräbnisse und Disziplinarmaßnahmen gegen Brüder durchgeführt. Niemand außer Angehörigen der Bruderschaft, der Jungfrau der Schrift und Aspiranten hat Zutritt zur Gruft.

Hellren – Männlicher Vampir, der eine Partnerschaft mit einer Vampirin eingegangen ist. Männliche Vampire können mehr als eine Vampirin als Partnerin nehmen.

Hohe Familie – König und Königin der Vampire sowie all ihre Kinder.

Hüter – Vormund eines Vampirs oder einer Vampirin. Hüter können unterschiedlich viel Autorität besitzen, die größte Macht übt der Hüter einer gebannten Vampirin aus.

Jungfrau der Schrift – Mystische Macht, die dem König als Beraterin dient sowie die Vampirarchive hütet und Privilegien erteilt. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und besitzt umfangreiche Kräfte. Hatte die Befähigung zu einem einzigen Schöpfungsakt, den sie zur Erschaffung der Vampire nutzte.

Leahdyre – Eine mächtige und einflussreiche Person.

Lesser – Ein seiner Seele beraubter Mensch, der als Mitglied der Gesellschaft der Lesser Jagd auf Vampire macht, um sie auszurotten. Die Lesser müssen durch einen Stich in die Brust getötet werden. Sie altern nicht, essen und trinken nicht und sind impotent. Im Laufe der Jahre verlieren ihre Haare, Haut und Iris ihre Pigmentierung, bis sie blond, bleich und weißäugig sind. Sie riechen nach Talkum. Aufgenommen in die Gesellschaft werden sie durch Omega. Daraufhin erhalten sie ihre Kanope, ein Keramikgefäß, in dem sie ihr aus der Brust entferntes Herz aufbewahren.

Lewlhen – Geschenk.

Lheage – Respektsbezeichnung einer sexuell devoten Person gegenüber einem dominanten Partner.

Lielan – Ein Kosewort, frei übersetzt in etwa »mein

Liebstes«.

Mahmen – Mutter. Dient sowohl als Bezeichnung als auch als Anrede und Kosewort.

Mhis – Die Verhüllung eines Ortes oder einer Gegend; die Schaffung einer Illusion.

Nalla – Kosewort. In etwa »Geliebte«.

Novizin – Eine Jungfrau.

Omega – Unheilvolle, mystische Gestalt, die sich aus Groll gegen die Jungfrau der Schrift die Ausrottung der Vampire zum Ziel gesetzt hat. Existiert in einer jenseitigen Sphäre und hat weitreichende Kräfte, wenn auch nicht die Kraft zur Schöpfung.

Phearsom – Begriff, der sich auf die Funktionstüchtigkeit der männlichen Geschlechtsorgane bezieht. Die wörtliche Übersetzung lautet in etwa »würdig, in eine Frau einzudringen«.

Princeps – Höchste Stufe der Vampiraristokratie, untergeben nur den Mitgliedern der Hohen Familie und den Auserwählten der Jungfrau der Schrift. Dieser Titel wird vererbt; er kann nicht verliehen werden.

Pyrokant – Bezeichnet die entscheidende Schwachstelle eines Individuums, sozusagen seine Achillesverse. Diese Schwachstelle kann innerlich sein, wie zum Beispiel eine Sucht, oder äußerlich, wie ein geliebter Mensch.

Rahlman – Retter.

Rythos – Rituelle Prozedur, um verlorene Ehre wiederherzustellen. Der Rythos wird von dem Vampir gewährt, der einen anderen beleidigt hat. Wird er angenommen, wählt der Gekränkte eine Waffe und tritt damit dem unbewaffneten Beleidiger entgegen.

Schleier – Jenseitige Sphäre, in der die Toten wieder mit ihrer Familie und ihren Freunden zusammentreffen und die Ewigkeit verbringen.

Shellan – Vampirin, die eine Partnerschaft mit einem Vampir eingegangen ist. Vampirinnen nehmen sich in der Regel nicht mehr als einen Partner, da gebundene männliche Vampire ein ausgeprägtes Revierverhalten zeigen.

Symphath – Eigene Spezies innerhalb der Vampirrasse, deren Merkmale die Fähigkeit und das Verlangen sind, Gefühle in anderen zu manipulieren (zum Zwecke eines Energieaustauschs). Historisch wurden die Symphathen oft mit Misstrauen betrachtet und in bestimmten Epochen auch von den Vampiren gejagt. Sind heute nahezu ausgestorben.

Tahlly – Kosewort. Entspricht in etwa »Süße«.

Transition – Entscheidender Moment im Leben eines Vampirs, wenn er oder sie ins Erwachsenenleben eintritt. Ab diesem Punkt müssen sie das Blut des jeweils anderen Geschlechts trinken, um zu überleben und vertragen kein Sonnenlicht mehr. Findet normalerweise mit etwa Mitte Zwanzig statt. Manche Vampire überleben ihre Transition nicht, vor allem männliche Vampire. Vor ihrer Transition sind Vampire von schwächlicher Konstitution und sexuell unreif und desinteressiert. Außerdem können sie sich noch nicht dematerialisieren.

Triebigkeit – Fruchtbare Phase einer Vampirin. Üblicherweise dauert sie zwei Tage und wird von heftigem sexuellem Verlangen begleitet. Zum ersten Mal tritt sie etwa fünf Jahre nach der Transition eines weiblichen Vampirs auf, danach im Abstand von etwa zehn Jahren. Alle männlichen Vampire reagieren bis zu einem gewissen Grad auf eine triebige Vampirin, deshalb ist dies eine gefährliche Zeit. Zwischen konkurrierenden männlichen Vampiren können Konflikte und Kämpfe ausbrechen, besonders wenn die Vampirin keinen Partner hat.

Vampir – Angehöriger einer gesonderten Spezies neben dem Homo sapiens. Vampire sind darauf angewiesen, das Blut des jeweils anderen Geschlechts zu trinken. Menschliches Blut kann ihnen zwar auch das Überleben sichern, aber die daraus gewonnene Kraft hält nicht lange vor. Nach ihrer Transition, die üblicherweise etwa mit Mitte Zwanzig stattfindet, dürfen sie sich nicht mehr dem Sonnenlicht aussetzen und müssen sich in regelmäßigen Abständen aus der Vene ernähren. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme können Vampire Menschen nicht durch einen Biss oder eine Blutübertragung »verwandeln«; in seltenen Fällen aber können sich die beiden Spezies zusammen fortpflanzen. Vampire können sich nach Belieben dematerialisieren, dazu müssen sie aber ganz ruhig werden und sich konzentrieren; außerdem dürfen sie nichts Schweres bei sich tragen. Sie können Menschen ihre Erinnerung nehmen, allerdings nur, solange diese Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert sind. Manche Vampire können auch Gedanken lesen. Die Lebenserwartung liegt bei über eintausend Jahren, in manchen Fällen auch höher.

Vergeltung – Akt tödlicher Rache, typischerweise ausgeführt von einem Mann im Dienste seiner Liebe.

Wanderer – Ein Verstorbener, der aus dem Schleier zu den Lebenden zurückgekehrt ist. Wanderern wird großer Respekt entgegengebracht und sie werden für das, was sie durchmachen mussten, verehrt.

Zwiestreit – Konflikt zwischen zwei männlichen Vampiren, die Rivalen um die Gunst einer Vampirin sind.

PROLOG

Vor fünfundzwanzig Jahren, drei Monaten, vier Tagen, elf Stunden, acht Minuten und vierunddreißig Sekunden …

 

In Wahrheit versickerte die Zeit nicht unwiederbringlich in der Unendlichkeit. Bis unmittelbar zur jeweiligen Sekunde in der Gegenwart war sie formbar, nicht starr. Lehm, nicht Beton.

Wofür Omega dankbar war. Denn wäre die Zeit starr, dann hielte er jetzt nicht seinen neugeborenen Sohn in den Armen.

Kinder zu haben, war eigentlich nie sein Ziel gewesen. Und doch vollzog sich in diesem Augenblick eine Wandlung in ihm.

»Ist die Mutter tot?«, fragte er, als sein Haupt-Lesser die Treppe herunterkam. Komisch, hätte man den Vampirjäger gefragt, was für ein Jahr es seiner Einschätzung nach war, hätte er gesagt: 1983. Und damit hätte er auf gewisse Weise Recht gehabt.

Der Haupt-Lesser nickte. »Sie hat die Geburt nicht überlebt. «

»Das tun Vampire selten. Eine ihrer wenigen Tugenden.« Und in diesem Fall besonders rücksichtsvoll von ihr. Die Mutter zu töten, nachdem sie ihm einen solch guten Dienst erwiesen hatte, wäre ihm etwas rüde erschienen.

»Was soll ich mit ihrer Leiche machen?«

Omega sah seinem Sohn dabei zu, wie er ein Händchen ausstreckte und seinen Daumen umschloss. Der Griff war kräftig. »Wie eigenartig.«

»Was denn?«

Was er empfand, war schwer in Worte zu fassen. Oder vielleicht war das genau der Punkt: Er hatte nicht erwartet, überhaupt etwas zu empfinden.

Sein Sohn war als Verteidigungsmaßnahme gegen die Prophezeiung des Zerstörers geplant gewesen, ein sorgsam kalkuliertes Manöver im Krieg gegen die Vampire, eine Strategie, um Omegas Überleben zu sichern. Sein Sohn würde seine Schlachten auf eine völlig neue Weise schlagen und diese Wilden ausrotten, bevor der Zerstörer Stück für Stück Omegas Wesen vernichtete, bis nichts mehr von ihm übrig war.

Und bis zu eben diesem Moment hatte der Plan fehlerfrei funktioniert – angefangen mit der Entführung einer Vampirin, die Omega besamt hatte, bis hin zu diesem Neuankömmling in der Welt.

Der Säugling sah ihn an, das kleine Mündchen bewegte sich lautlos. Er roch süß, aber nicht, weil er ein Lesser war.

Plötzlich wollte Omega ihn nicht mehr loslassen. Dieser Junge in seinen Armen war ein Wunder, ein lebendiges, atmendes Schlupfloch. Omega war – im Gegensatz zu seiner Schwester – kein Akt der Schöpfung gewährt worden, doch die Fortpflanzung war ihm auch nicht verwehrt geblieben. Zwar war er nicht imstande, eine völlig neue Spezies zu erschaffen; doch er konnte einen Teil von sich selbst in den Genpool einbringen.

Und das hatte er getan.

»Meister?«, sagte der Haupt-Lesser.

Er wollte dieses Baby wirklich nicht abgeben, aber damit sein Plan funktionierte, musste sein Sohn bei seinen Feinden leben, musste als einer von ihnen aufgezogen werden. Er musste ihre Sprache und ihre Kultur und ihre Gebräuche kennen lernen.

Sein Sohn musste wissen, wo sie lebten, damit er sie finden und abschlachten konnte.

Omega zwang sich, den Säugling seinem Haupt-Lesser auszuhändigen. »Leg ihn an dem Sammelplatz ab, den zu zerstören ich dir verboten habe. Wickle ihn in Windeln und lass ihn dort, und wenn du zurückkehrst, werde ich dich zu mir emporziehen.«

Woraufhin du sterben wirst, da dies mein Wille ist, beendete Omega den Satz im Stillen.

Es durfte keine undichten Stellen geben. Keine Fehler.

Während der Haupt-Lesser diensteifrig katzbuckelte, was Omega zu jedem anderen Zeitpunkt durchaus amüsiert hätte, ging die Sonne über den Äckern von Caldwell, New York, auf. Von oben steigerte sich ein leises Zischen zum Fauchen eines ausgewachsenen Feuers. Der Brandgeruch kündete von der Einäscherung der weiblichen Leiche, die mitsamt dem ganzen Blut auf dem Bett verbrannte.

Was doch ganz wunderbar war. Reinlichkeit war wichtig, und dieses Bauernhaus war nagelneu, war extra für die Geburt seines Sohnes errichtet worden.

»Geh«, befahl Omega. »Geh und tu deine Pflicht.«

Der Haupt-Lesser ging mit dem Säugling davon, und als Omega die Tür ins Schloss fallen sah, sehnte er sich nach seinem Sprössling. Verspürte ein geradezu körperliches Verlangen nach ihm.

Die Lösung für seine Beklemmung lag allerdings auf der Hand. Omega erhob sich kraft seines Willens in die Luft und katapultierte das, was er an körperlicher Gestalt besaß, in die »Gegenwart«, in exakt das Wohnzimmer, in dem er sich gerade befand.

Der Zeitenwandel manifestierte sich in einem rapiden Alterungsprozess des Hauses um ihn herum. Tapeten verblassten und lösten sich in trägen Streifen von der Wand ab. Möbel verschlissen und wiesen mehr und mehr Spuren von über zwanzig Jahren Gebrauch auf. Die Decke trübte sich von einem hellen Weiß zu einem schmutzigen Gelb, als hätten Raucher hier jahrelang ihrem Laster gefrönt. Holzdielen bogen sich im Flur an den Kanten auf.

Im hinteren Teil des Hauses hörte er zwei Menschen miteinander streiten.

Omega schwebte in die dreckige, abgenutzte Küche, die noch vor wenigen Sekunden blitzblank und nagelneu gewesen war.

Als er in den Raum kam, hörten der Mann und die Frau auf zu schimpfen und erstarrten vor Schreck. Und er setzte die ermüdende Arbeit fort, das Bauernhaus von neugierigen Augen zu reinigen.

Sein Sohn kehrte zu seinem Ursprung zurück. Und Omegas Bedürfnis, ihn zu sehen, war beinahe noch stärker als das, ihn seinem Zweck zuzuführen.

Als das Böse ihn mitten auf der Brust berührte, fühlte er sich leer und musste an seine Schwester denken. Sie hatte eine völlig neue Spezies hervorgebracht – eine Spezies, die sie durch eine Kombination ihres Willens und der verfügbaren Biologie geschaffen hatte. Sie war so stolz auf sich gewesen.

Genau wie ihr gemeinsamer Vater.

Omega hatte eigentlich nur begonnen, die Vampire zu töten, um die beiden zu ärgern, doch schnell hatte er gelernt, dass er sich von seinen Untaten nährte. Ihr Vater konnte ihn nicht aufhalten, wie sich herausstellte, denn Omegas Taten – vielmehr seine Existenz selbst – waren notwendig, um die Güte seiner Schwester auszugleichen.

Das Gleichgewicht musste aufrechterhalten werden. Das war das Grundprinzip seiner Schwester, die Existenzberechtigung Omegas und der Auftrag, den ihr Vater von seinem Vater erhalten hatte. Das Fundament der Welt.

Und so kam es, dass die Jungfrau der Schrift litt, und Omega daraus Genugtuung zog. Jeder Tod, den er ihrem Volk zufügte, schmerzte sie, und das war ihm wohl bewusst. Der Bruder war immer in der Lage gewesen, sich in die Schwester einzufühlen.

Jetzt war das allerdings mehr denn je der Fall.

Als Omega sich seinen Sohn draußen in der Welt vorstellte, machte er sich Sorgen um den Jungen. Aber so waren Eltern nun mal, oder nicht? Es gehörte sich für einen Vater, für seinen Nachwuchs zu sorgen, sich um ihn zu kümmern und ihn zu beschützen. Was auch immer sein innerstes Wesen war – ob Tugend oder Sünde –, man wollte das Beste für diejenigen, die man in die Welt gesetzt hatte.

Es war verblüffend festzustellen, dass er trotz allem doch etwas mit seiner Schwester gemeinsam hatte … ein Schock, zu erkennen, dass sie beide sich wünschten, die von ihnen gezeugten Kinder mögen überleben und gedeihen.

Omega betrachtete die menschlichen Körper, die er gerade zerstört hatte.

1

Der Zauberer war zurück.

Phury schloss die Augen und ließ sich gegen das Kopfteil des Bettes sinken. Ach, Quatsch, was erzählte er denn da. Der Zauberer war nie weg gewesen.

Mein Freund, manchmal willst du mich verarschen, spöttelte die dunkle Stimme in seinem Kopf. Aber mal ehrlich – nach allem, was wir zusammen erlebt haben? Alles, was sie zusammen erlebt hatten … wo er Recht hatte, hatte er Recht.

Der Zauberer war die Ursache für Phurys drängendes Bedürfnis nach dem roten Rauch; er spukte nonstop in seinem Kopf herum, hackte darauf rum, was Phury hätte tun sollen, nicht getan hatte, hätte besser machen können.

Sollte. Würde. Könnte.

Hübscher Refrain. Die Wahrheit war, dass einer, der aussah wie ein Nazgûl aus dem Herrn der Ringe, ihn dem roten Rauch so unerbittlich in die Arme trieb, als hätte ihn der Dreckskerl an Händen und Füßen gefesselt und ihn in den Kofferraum eines Wagens geworfen.

In Wirklichkeit, mein Freund, wärst du die vordere Stoßstange an dem Wagen.

Genau so war es.

Vor seinem geistigen Auge erschien der Zauberer in Gestalt eines Ringgeists inmitten einer ausgedehnten, grauen Ödnis aus Schädeln und Knochen. Mit seinem vornehmen englischen Akzent sorgte der Mistkerl dafür, dass Phury niemals seine Misserfolge vergaß. Die hämmernde Litanei war schuld daran, dass er sich einen Joint nach dem anderen ansteckte, nur um nicht in seinen Waffenschrank zu steigen und am Lauf einer Vierziger zu knabbern.

Du hast ihn nicht gerettet. Du hast sie nicht gerettet. Den Fluch hast du allein auf sie alle heraufbeschworen. Die Schuld liegt bei dir … bei dir …

Phury griff nach der nächsten Tüte und zündete sie mit seinem goldenen Feuerzeug an.

Er war das, was man im Alten Land einen Exhile Dhoble nannte.

Der zweite Zwilling. Der böse Zwilling.

Dadurch, dass er drei Minuten nach Zsadist lebendig auf die Welt gekommen war, hatte Phury den Fluch des Ungleichgewichts über die Familie gebracht. Zwei adelige Söhne – beide gesund geboren – bedeuteten zu viel Glück; und tatsächlich war schon bald die Balance wiederhergestellt worden: Bereits nach wenigen Monaten war sein Zwilling entführt, in die Sklaverei verkauft und ein Jahrhundert lang auf jede erdenkliche Art und Weise missbraucht worden.

Dank seiner kranken, boshaften Herrin trug Zsadist Narben im Gesicht und auf seinem Rücken, an seinen Handgelenken und am Hals. Und noch viel schlimmere Narben trug er im Inneren.

Phury schlug die Augen wieder auf. Den Körper seines Zwillings zu befreien, hatte nicht ausgereicht; erst das Wunder von Bellas Liebe hatte Zs Seele gerettet. Und nun war sie selbst in Gefahr. Wenn sie Bella verlören …

Dann ist alles, wie es sein soll, und das Gleichgewicht bleibt über die kommende Generation hinweg intakt, sagte der Zauberer. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass dein Zwilling den Segen einer gesunden Geburt erleben wird? Du wirst Kinder ohne Zahl bekommen. Er wird keine haben. So ist das eben mit der Balance.

Ach ja – und seine Shellan werde ich mir auch nehmen, hatte ich das schon erwähnt?

Phury nahm die Fernbedienung und drehte »Che Gelida Manina« auf.

Hatte keinen Zweck. Der Zauberer mochte Puccini. Die Musik hatte nur das Ergebnis, dass der Ringgeist begann, auf dem Skelettfeld im Kreis zu tanzen. Seine Stiefel zermalmten alles, was ihm unter die Füße kam, der schwarze Fetzenumhang wirbelte durch die Luft wie die Mähne eines Hengstes, der das majestätische Haupt zurückwirft. Vor dem endlosen, grauen Horizont tanzte und lachte der Zauberer.

So was von nicht richtig im Kopf.

Ohne hinsehen zu müssen, griff Phury auf dem Nachttisch nach seiner Tüte Rauch und dem Drehpapier. Den Abstand hatte er im Gefühl.

Während der Zauberer sich blendend mit La Bohème amüsierte, drehte Phury sich zwei dicke Prügel, um seine Kette nicht unterbrechen zu müssen, und er rauchte ununterbrochen weiter, solange er seinen Nachschub vorbereitete. Was er ausatmete, roch nach Kaffee und Schokolade, aber um den Zauberer zum Schweigen zu bringen, hätte er das Zeug auch genommen, wenn es in der Nase beißen würde wie brennende Autoreifen.

Zum Henker – inzwischen war er so weit, dass er eine ganze verdammte Müllkippe angezündet hätte, wenn ihm das ein bisschen Frieden verschaffen würde.

Ich kann nicht fassen, dass dir unsere Freundschaft nicht mehr wert ist, sagte der Zauberer.

Phury konzentrierte sich wieder auf die Zeichnung in seinem Schoß, an der er in der letzten halben Stunde gearbeitet hatte. Er tauchte die Feder in das Sterlingsilberfass, das an seiner Hüfte lehnte. Mit ihrem schweren, öligen Glanz sah die Tusche darin aus wie das Blut seiner Feinde. Auf dem Papier jedoch war sie von einem tiefen Rötlichbraun. Kein niederträchtiges Schwarz.

Niemals würde er Schwarz für jemanden benutzen, den er liebte. So etwas zu tun, brachte Unglück.

Außerdem entsprach die blutfarbene Tusche exakt der Farbe der helleren Strähnen in Bellas Mahagonihaar. Passend zum Thema.

Sorgfältig schattierte Phury den Schwung ihrer perfekten Nase, die feinen Linien der Feder überkreuzten einander, bis genau die richtige Dichte erreicht war.

Tuschezeichnen hatte viel Ähnlichkeit mit dem Leben: Ein Fehler, und die ganze Sache war ruiniert.

Mist. Bellas Auge war noch nicht gut genug.

Den Unterarm erhoben, um nicht mit dem Handgelenk die frische Tusche zu verschmieren, versuchte er, den Fehler zu korrigieren, und formte das untere Lid so, dass die Wölbung schräger ausfiel. Sicher strich seine Feder über das kostbare Papier. Aber das Auge war immer noch nicht richtig.

Ja, und das sollte ihn eigentlich nicht überraschen, wenn man bedachte, wie viel Zeit er in den vergangenen acht Monaten damit verbracht hatte, sie zu zeichnen.

Der Zauberer verharrte mitten im Plié und wies Phury darauf hin, dass diese Feder-Tusche-Nummer an sich keine so tolle Idee war. Die schwangere Shellan seines Zwillingsbruders zu zeichnen. Mit Verlaub.

Nur ein wirklich erbärmlicher Vollidiot würde eine Frau anschmachten, die seinem eigenen Zwilling gehört. Und trotzdem machst du das. Du musst ja so stolz auf dich sein, mein Freund.

O ja, aus irgendeinem Grund sprach der Zauberer immer mit englischem Akzent.

Phury nahm noch einen Zug und legte den Kopf schief, um zu probieren, ob ein neuer Blickwinkel ihm weiterhelfen würde. Leider nein. Immer noch falsch. Genau wie übrigens auch die Frisur. Wie er auf die Idee gekommen war, Bellas langes, dunkles Haar zu einem Knoten im Nacken geschlungen – mit zarten, losen Strähnen, die ihre Wangen umspielten – zu zeichnen, wusste er selbst nicht mehr. Sie trug es stets offen.

Egal. Sie war sowieso mehr als schön, und der Rest ihres Gesichts war so, wie er ihn immer darstellte: Ihr liebevoller Blick war nach rechts gerichtet, die Wimpern zeichneten sich als Silhouette ab, ihre Miene drückte eine Mischung aus Wärme und Hingabe aus.

Zsadist saß bei den Mahlzeiten rechts von ihr. Um die Kampfhand frei zu haben.

Phury zeichnete sie nie mit den Augen auf sich gerichtet. Was logisch war. Denn im echten Leben zog er ebenfalls nie ihren Blick auf sich. Sie liebte seinen Zwillingsbruder, und er hätte niemals etwas unternommen, das diese Tatsache ändern könnte, ganz gleich, wie sehr er sich nach ihr sehnte.

Der Bildausschnitt reichte von ihrem Scheitel bis hinab zum Schulteransatz. Nie zeichnete er ihren Schwangerschaftsbauch. Das machte man nicht – schwangere Vampirinnen vom Brustbein abwärts darzustellen. Auch das brachte Unglück. Außerdem würde es ihn an das erinnern, was er am meisten fürchtete.

Todesfälle bei der Geburt waren sehr häufig.

Phury strich mit den Fingerspitzen über ihr Gesicht, wobei er die Nase mied, wo die Tusche noch nicht trocken war. Sie war wundervoll, selbst mit dem nicht ganz richtigen Auge und der falschen Frisur und den Lippen, die weniger voll aussahen als in Wirklichkeit.

Dieses Bild war fertig. Zeit für ein neues.

Er setzte unten auf dem Blatt auf ihrer Schulterwölbung mit dem ersten Efeukringel an. Erst ein Blatt, dann ein wachsender Stängel … mehr Laub, das sich wand und dicker wurde, ihren Hals bedeckte, von unten gegen ihren Kiefer drängte, zu ihrem Mund emporleckte, sich über ihre Wangen ausbreitete.

Hin und her zum Tintenfass. Efeu umrankte sie. Efeu verwischte die Spuren seiner Feder, verhüllte sein Herz und die Sünde, die darin lebte.

Das Schwierigste für ihn war, ihre Nase zu übermalen. Das machte er immer zuletzt, wenn es nicht länger zu vermeiden war, und dann brannten seine Lungen, als wäre er selbst es, der im dichten Laub keine Luft mehr bekam.

Als der Efeu sich über das ganze Bild ausgebreitet hatte, zerknüllte Phury das Blatt und warf es in den Messingpapierkorb in der anderen Zimmerecke.

Was für ein Monat war inzwischen … August? Genau, August. Was bedeutete … Ihre Schwangerschaft würde noch ein gutes Jahr dauern, vorausgesetzt, sie konnte das Kleine halten. Wie viele Vampirinnen musste sie jetzt schon das Bett hüten, weil vorzeitige Wehen eine häufige Komplikation darstellten.

Im gleichen Zug, in dem er einen Joint ausdrückte, griff er nach einem der beiden neuen, die er gerade gedreht hatte, und stellte fest, dass er sie bereits geraucht hatte.

Er streckte das vollständige Bein aus, legte die kleine Staffelei zur Seite und holte sich seine Überlebensausrüstung vom Nachttisch: ein Beutel roter Rauch, Drehpapier und sein massives goldenes Feuerzeug. Sich eine neue Tüte zu drehen dauerte nur Sekunden, und als er den ersten Zug nahm, überprüfte er seine Vorratssituation.

Shit, nicht gut. Gar nicht gut.

Die Stahlrollläden, die automatisch nach oben gezogen wurden, beruhigten ihn etwas. Die Nacht mit ihrer sonnenlosen Pracht war hereingebrochen; ihr Eintreffen gewährte ihm Freiheit vom Anwesen der Bruderschaft … und die Möglichkeit, seinen Dealer Rehvenge zu kontaktieren.

Er schob das Bein ohne Fuß und Wade zuerst vom Bett, tastete nach seiner Prothese und schnallte sie unter das rechte Knie, bevor er aufstand. Er war so bedröhnt, dass die Luft um ihn herum sich anfühlte wie etwas, durch das man waten musste, und das Fenster, auf das er zusteuerte, schien kilometerweit entfernt. Aber alles war gut. Der vertraute Dunst war tröstlich, das Gefühl, zu schweben, während er nackt durch den Raum lief, wohltuend.

Der Garten unter ihm sah traumhaft aus, durch die Flügeltür erleuchtet vom Schein der Bibliothek.

So musste ein Ausblick sein, dachte er. All die Blumen in blühender Pracht, die Obstbäume voller Birnen und Äpfel, die Pfade ordentlich, die Buchsbäume gestutzt.

Dieser Blick aus dem Fenster war ein gänzlich anderer als der, mit dem er aufgewachsen war. Vollkommen anders.

Unmittelbar unterhalb seines Fensters standen Teerosen in voller Blüte. Die Rosen lenkten seinen Gedankenfluss auf eine andere Frau. Während er erneut inhalierte, stellte er sich seine Frau vor – diejenige, die er eigentlich zeichnen sollte … diejenige, mit der er gemäß Gesetz noch einiges mehr anstellen sollte, als sie nur zu malen.

Die Auserwählte Cormia. Seine Erste Partnerin.

Von insgesamt vierzig.

Mannomann, wie zum Henker war er eigentlich zum Primal der Auserwählten geworden?

Ich hab’s dir doch gesagt, versetzte der Zauberer. Du wirst zahllose Kinder zeugen, die alle auf Dauer das große Vergnügen haben werden, zu einem Vater aufzuschauen, dessen einzige Errungenschaft im Leben es war, jeden um sich herum im Stich zu lassen.

Okay, so ätzend der miese Sack auch war – dem konnte Phury schwerlich widersprechen. Er hatte sich noch nicht mit Cormia vereinigt, wie das Ritual es erforderte. Er war noch nicht wieder auf der Anderen Seite gewesen, um sich mit der Directrix zu treffen. Er hatte die anderen neununddreißig Vampirinnen, bei denen er liegen und die er schwängern sollte, noch nicht einmal kennengelernt.

Phury sog noch heftiger an seinem Joint, das ganze Gewicht dieser dicken, fetten Nullen landete auf seinem Kopf wie Felsbrocken, die der Zauberer geschleudert hatte.

Der Zauberer war extrem zielsicher. Andererseits hatte er ja inzwischen auch genug Übung.

Tja, mein Freund, du bist aber auch ein leichtes Ziel. Das ist doch die Hauptsache dabei.

Wenigstens beklagte sich Cormia nicht über die Vernachlässigung seiner Pflichten. Sie war nicht freiwillig seine Erste Partnerin geworden, sondern in diese Rolle gezwungen worden: Am Tag des Rituals hatte man sie auf dem zeremoniellen Bett festbinden müssen; mit ausgebreiteten Armen und Beinen – bereit für ihn – hatte sie dort gelegen wie ein zu Tode verängstigtes Tier.

Sobald er sie erblickt hatte, war sein System auf Voreinstellung zurückgesprungen: der Retter der hilflosen Jungfrau. Er hatte sie hierher ins Haus der Bruderschaft der Black Dagger gebracht und sie im Zimmer neben seinem eigenen einquartiert. Tradition hin oder her, er würde sich auf gar keinen Fall dieser Frau aufzwingen, und wenn sie ein bisschen Zeit und Raum hätten, um einander kennenzulernen, wäre es bestimmt einfacher.

Ja sicher … wohl eher nicht. Cormia hielt Abstand, während er seiner üblichen Alltagsbeschäftigung nachging: nach Möglichkeit nicht zu implodieren. Innerhalb der letzten fünf Monate waren sie einander – oder auch einem Bett – keinen Zentimeter nähergekommen. Cormia sprach nur selten und zeigte sich ausschließlich bei den Mahlzeiten. Wenn sie ihr Zimmer verließ, dann nur, um sich Bücher aus der Bibliothek zu holen.

In ihrer langen, weißen Robe kam sie ihm mehr wie ein nach Jasmin duftender Schatten vor denn wie ein Wesen aus Fleisch und Blut.

Die traurige Wahrheit jedoch war, dass das für ihn absolut in Ordnung war. Er hatte geglaubt, sich der sexuellen Verbindlichkeiten vollkommen bewusst zu sein, als er Vishous’ Platz als Primal einnahm; doch die Realität war sehr viel einschüchternder, als es die Vorstellung gewesen war. Vierzig Frauen. Vierzig.

In Worten: vier null.

Er musste den Verstand verloren haben, als er V dieses Angebot machte. Sein einziger Versuch, seine Unschuld zu verlieren, war ja weiß Gott schon kein Kinderspiel gewesen – und er hatte es mit einer Professionellen versucht. Wobei es vielleicht genau das Problem gewesen war, dass er sich ausgerechnet eine Hure für den Versuch ausgesucht hatte.

Aber an wen sonst hätte er sich denn wenden sollen? Er war ein zweihundert Jahre alter Zölibatär. Wie, bitte schön, sollte er auf die wunderschöne, zarte Cormia klettern, in sie hineinhämmern, bis er kam, und dann gleich weiterflitzen in das Heiligtum der Auserwählten, einen auf Bill Paxton in Big Love machen und sich um seinen Harem kümmern?

Was zum Teufel hatte er sich nur dabei gedacht?

Phury steckte sich den Joint zwischen die Lippen und zog das Fenster hoch. Während das üppige Aroma der Sommernacht in sein Zimmer waberte, wandte er sich wieder den Rosen zu. Vor einigen Tagen hatte er Cormia mit einer ertappt, die sie offenbar aus dem Strauß gezogen hatte, den Fritz im Wohnzimmer im ersten Stock aufgestellt hatte. Sie hatte neben der Vase gestanden, die blasslila Rose zwischen zwei langen Fingern, den Kopfüber die Blume gebeugt, die Nase über der prallen Blüte schwebend. Ihr blondes Haar, das sie immer im Nacken zu einem Knoten geschlungen trug, hatte sich in duftigen Strähnen gelöst, die nach vorne fielen und sich in einer Naturwelle kräuselten. Genau wie die Blütenblätter der Rose. Als sie bemerkt hatte, dass er sie anstarrte, hatte sie sich erschrocken. Sie hatte die Blume zurück in die Vase gestellt und schnell den Raum verlassen. Die Tür war lautlos ins Schloss gefallen.

Er wusste, dass er sie nicht ewig hier festhalten konnte, fern von allem, was sie kannte, und allem, was sie war. Und sie beide mussten die sexuelle Zeremonie vollziehen. Das war der Deal gewesen, und das war die Rolle, die sie – egal wie viel Angst sie anfangs gehabt hatte – auch bereit war, zu erfüllen. Das hatte sie ihm mitgeteilt.

Er wandte sich zu seinem Sekretär um, auf dem ein schweres goldenes Amulett in der Größe eines Füllers lag. Graviert in einer Urform der Alten Sprache stellte es das Symbol des Primals dar: nicht nur den Schlüssel zu sämtlichen Gebäuden auf der Anderen Seite, sondern auch die Visitenkarte des Vampirs, der über die Auserwählten herrschte.

Die Kraft ihres Volkes, wie der Primal auch genannt wurde.

Das Amulett hatte sich heute wieder gemeldet, wie schon früher. Wann immer die Directrix etwas von ihm wollte, vibrierte das Ding. Theoretisch wurde von ihm erwartet, sich postwendend dorthin zu verpuffen, wo eigentlich sein Zuhause hätte sein sollen – ins Heiligtum. Er hatte die Aufforderung ignoriert. Wie schon die beiden anderen.

Er wollte nicht hören, was er längst wusste: Fünf Monate lang die Primalszeremonie nicht endgültig zum Abschluss zu bringen, ging allmählich zu weit.

Er dachte an Cormia, die sich ganz allein in dem Zimmer nebenan verkroch. Die niemanden hatte, mit dem sie reden konnte. Weit weg von ihren Schwestern war. Er hatte versucht, auf sie zuzugehen, doch das hatte sie nur wahnsinnig nervös gemacht. Verständlicherweise.

Mein Gott, er hatte keine Ahnung, wie sie all diese Stunden überstand, ohne verrückt zu werden. Sie brauchte einen Freund. Jeder brauchte Freunde.

Nicht jeder verdient sie allerdings, meldete sich der Zauberer ungefragt zu Wort.

Phury drehte sich um und machte sich auf den Weg in die Dusche. Im Vorbeigehen blieb er neben dem Papierkorb stehen. Seine Zeichnung hatte sich aus dem Ball, zu dem er sie zerknüllt hatte, wieder etwas auseinandergefaltet, und unter den Knittern und Falten konnte er den Efeu erkennen, mit dem er das Bild darunter überzogen hatte. Kurz blitzte die Erinnerung an das, was darunter war, in ihm auf – das zum Knoten geschlungene Haar und die gelösten Strähnen auf einer glatten Wange. Strähnen, die sich genau so kräuselten wie die Blütenblätter einer Rose.

Kopfschüttelnd ging er weiter. Cormia war wundervoll, aber –

Sie zu begehren wäre absolut passend, beendete der Zauberer seinen Satz. Also warum um alles in der Welt solltest du so etwas empfinden? Könnte ja dein perfektes Register von herausragenden Leistungen ruinieren.

Nein, warte, das muss ja heißen »von Fiaskos«, mein Freund. Oder etwa nicht?

2

Als die Rollläden für die Nacht hochgezogen wurden, war Cormia schwer beschäftigt.

Sie saß im Schneidersitz auf dem Orientteppich in ihrem Zimmer und fischte aus einer mit Wasser gefüllten Kristallschale Erbsen heraus. Die Hülsenfrüchte waren so hart wie Murmeln gewesen, als Fritz sie ihr gebracht hatte, doch nachdem sie eine Weile eingeweicht worden waren, wurden sie weich genug für ihre Zwecke.

Sie erwischte eine und zog mit der anderen Hand einen Zahnstocher aus einer kleinen weißen Schachtel, auf der in roter englischer Schrift stand: SIMMON’S ZAHNSTOCHER, 500 STÜCK.

Sie spießte die Erbse auf den Zahnstocher auf und bohrte dann einen weiteren Stocher seitlich so in die Erbse, dass sich ein rechter Winkel ergab. Daraufhin fischte sie eine weitere grüne Frucht aus dem Wasser, steckte sie auf das freie Ende des einen Zahnstochers und so weiter, bis sie zunächst ein Quadrat erhielt und dann einen Würfel. Zufrieden beugte sie sich nach vorn und setzte ihren neuen filigranen Erbsen-Zahnstocher-Bauklotz als Abschlussstein in die letzte Ecke eines vierseitigen Fundaments mit einer eins fünfzig Diagonale auf den Fußboden. Nun würde sie die Wände hochziehen, würde ein mehrstöckiges Gittergebäude aufbauen.

Die Zahnstocher waren alle exakt gleich, identische Holzstäbchen, und die Erbsen waren ebenfalls alle exakt gleich, rund und grün. Beides erinnerte sie an den Ort, von dem sie stammte. Gleichheit war im zeitlosen Heiligtum der Auserwählten von großer Bedeutung. Gleichheit war das Wichtigste überhaupt.

Hier auf dieser Seite glich sich nur wenig.

Zum ersten Mal hatte sie die Zahnstocher unten im Erdgeschoss nach einer Mahlzeit entdeckt, als Bruder Rhage und Bruder Butch sie beim Verlassen des Speiseraums aus einer schmalen Schachtel zogen. Ohne besonderen Grund hatte sie eines Abends einige mit nach oben in ihr Zimmer genommen. Sie hatte sich einen in den Mund gesteckt, doch der trockene, hölzerne Geschmack hatte ihr nicht zugesagt. Da sie nicht recht wusste, was sie sonst damit anfangen sollte, hatte sie die Stocher auf ihrem Nachttisch ausgebreitet und Umrisse damit gebildet.

Fritz, der Butler, war zum Staubwischen in ihr Zimmer gekommen, hatte ihre Bemühungen entdeckt und war kurze Zeit später mit einer Schüssel Erbsen zurückgekehrt, die in einer Schüssel mit lauwarmem Wasser einweichten. Er hatte ihr gezeigt, wie man daraus Figuren bastelte: Erbse zwischen zwei Zahnstochern, oder auch Zahnstocher zwischen zwei Erbsen. Man steckte sie so lange ineinander, bis man etwas Schönes, Neues in Händen hielt.

Seit ihre Entwürfe immer größer und ehrgeiziger wurden, war sie dazu übergegangen, all die Winkel und die Erhebungen im Voraus zu planen, um Fehler zu vermeiden. Außerdem hatte sie sich angewöhnt, auf dem Fußboden zu arbeiten, um mehr Raum zur Verfügung zu haben.

Sie neigte sich zur Seite, um sich die Zeichnung anzusehen, die sie zu Beginn angefertigt hatte, und die ihr als Anleitung diente. Die nächste Schicht würde etwas kleiner werden, genau wie die darauf folgende. Dann würde sie einen Turm hinzufügen.

Farbe wäre schön, dachte sie. Aber wie sollte man sie in den Bau einbetten?

Ach, Farbe! Die Befreiung des Auges.

Auf dieser Seite zu sein, war nicht immer ganz leicht – doch was sie wirklich liebte, waren die ganzen Farben. Im Heiligtum der Auserwählten war alles weiß: vom Gras über die Bäume und die Tempel bis hin zu Speisen, Getränken und den frommen Büchern.

Schuldbewusst zog sie den Kopf ein und schielte zu ihren heiligen Texten hinüber. Sie konnte schwerlich behaupten, mit ihrer kleinen Kathedrale aus Erbsen und Zahnstochern die Jungfrau der Schrift preisen zu wollen.

Sich mit dem eigenen Ich zu befassen, gehörte nicht zu den Zielen der Auserwählten. Es war ein Sakrileg.

Und der Besuch der Directrix der Auserwählten früher am Tag hätte sie daran erinnern sollen.

Gütigste Jungfrau der Schrift, sie wollte gar nicht daran denken.

Sie stand auf, wartete, bis der Schwindel sich gelegt hatte, und trat dann an eines der Fenster. Darunter standen die Teerosen, und Cormia musterte jeden einzelnen Strauch, suchte nach neuen Knospen und abgefallenen Blütenblättern, nach frischem Laub.

Die Zeit verstrich. Sie erkannte es an der Art und Weise, wie die Pflanzen sich veränderten; ein Knospenzyklus dauerte drei bis vier Tage pro Blüte.

Noch etwas, an das sie sich gewöhnen musste. Auf der Anderen Seite gab es keine Zeit. Es gab die Rhythmen der Rituale und des Essens und Badens, aber keinen Wechsel von Tag und Nacht, kein Stundenmaß, keine Jahreszeiten. Zeit und Dasein waren so unveränderlich wie die Luft, wie das Licht, wie die Landschaft.

Auf dieser Seite hatte sie lernen müssen, dass es Minuten und Stunden gab, Tage und Wochen und Monate und Jahre. Uhren und Kalender wurden dazu benutzt, das Verstreichen der Zeit zu messen, und Cormia hatte herausgefunden, wie man sie las. Genau wie sie gelernt hatte, die Zyklen dieser Welt und der Leute darin zu deuten.

Draußen auf der Terrasse tauchte ein Doggen auf. Er hatte eine große Schere in der einen Hand und einen großen roten Eimer in der anderen und lief an den Sträuchern und Büschen vorbei und beschnitt sie.

Sie dachte an die sanft gewellten weißen Wiesen des Heiligtums. Und die unbewegten weißen Bäume. Und die weißen Blumen, die immer in Blüte standen. Auf der Anderen Seite war alles in seiner gebührenden Form erstarrt, so dass keine weitere Pflege erforderlich war. Es gab keinen Wandel.

Jene, die die reglose Luft einatmeten, waren ebenfalls erstarrt, selbst wenn sie sich bewegten – sie lebten und lebten doch nicht.

Obwohl die Auserwählten durchaus alterten. Und sie starben auch.

Cormia blickte über die Schulter zu einem Sekretär mit leeren Schubladen. Die Schriftrolle, die zu überbringen die Directrix gekommen war, lag auf der glänzenden Oberfläche. Die Auserwählte Amalya stellte solche Geburtsanerkennungen als Directrix aus und war hier gewesen, um ihre Pflicht zu erfüllen.

Wäre Cormia auf der Anderen Seite gewesen, dann hätte es auch eine Zeremonie gegeben. Wenn auch selbstverständlich nicht für sie. Die Einzelne, um deren Geburt es ging, erhielt keine besondere Aufmerksamkeit, da es auf der Anderen Seite kein Ich gab. Nur das Ganze.

Selbst zu denken, an sich selbst zu denken, war Blasphemie.

Cormia war schon immer eine heimliche Sünderin gewesen. Sie hatte schon immer schändliche Gedanken und Ablenkungen und Triebe gehabt. Die allesamt nirgendwohin führten.

Sie legte die Hand auf die Fensterscheibe. Das Glas, durch das sie blickte, war dünner als ihr kleiner Finger, so klar wie die Luft, kaum ein Hindernis. Sie wollte schon seit geraumer Zeit hinunter zu den Blumen gehen, wartete aber auf … auf was, wusste sie selbst nicht zu sagen.

Als sie neu an diesen Ort gekommen war, hatte sie die Reizüberflutung geplagt. Es gab lauter Dinge, die sie nicht kannte, wie Fackeln, die in die Wand gesteckt waren, so dass man sie anschalten musste, um Licht zu haben. Maschinen, die Dinge für einen erledigten, wie das Geschirr zu spülen oder das Essen zu kühlen oder Bilder auf einem kleinen Bildschirm zu erzeugen. Es gab Kästen, die jede Stunde schlugen, und Metallvehikel, in denen man herumfahren konnte. Laut dröhnende Geräte, mit Hilfe derer man die Fußböden reinigen konnte.

Es gab hier mehr Farben als in sämtlichen Edelsteinen in der Schatzkammer des Heiligtums. Auch Gerüche – gute und schlechte.

Alles war so anders, genau wie die Bewohner. Wo sie herkam, gab es keine Männer, und ihre Schwestern waren austauschbar: Alle Auserwählten trugen dieselben weißen Roben und schlangen ihr Haar auf dieselbe Weise zu einem Knoten im Nacken und trugen eine einzelne Perle in Tropfenform um den Hals. Sie alle gingen und sprachen auf die exakt gleiche, stille Art und taten dieselben Dinge zur selben Zeit. Hier dagegen? Alles war ein Riesendurcheinander. Die Brüder und ihre Shellans trugen alle unterschiedliche Kleidung, jeder redete und lachte auf seine ganz eigene, unverwechselbare Weise. Einige mochten bestimmte Nahrungsmittel, andere jedoch nicht, und manche schliefen lang und andere gar nicht. Manche waren lustig, manche grimmig, manche … schön.

Eine war jedenfalls schön.

Bella war schön.

Besonders in den Augen des Primals.

Als die Uhr zu schlagen begann, schlang sie die Arme fest um ihren Körper. Die Mahlzeiten waren eine einzige Folter – ein Vorgeschmack darauf, wie es sein würde, wenn sie und der Primal ins Heiligtum zurückkehrten.

Und er dort ihre Schwestern mit ähnlicher Bewunderung und Lust betrachten würde.

Apropos Veränderung: Anfangs hatte sie schreckliche Angst vor dem Primal gehabt. Nun, nach fünf Monaten, wollte sie ihn nicht mehr teilen.

Mit seinen prächtigen, mehrfarbigen Haaren und seinen gelben Augen, seiner seidigen, tiefen Stimme war er überwältigend, und darüber hinaus in seinen besten Mannesjahren. Doch das war es nicht, was sie für ihn einnahm. Er war der Inbegriff all dessen, was sie als wertvoll erachtete: Er war immer auf andere bedacht, nie auf sich selbst. Bei Tisch war er derjenige, der sich nach dem Befinden jedes einzelnen der Anwesenden erkundigte, der nachforschte, was aus Verletzungen und verdorbenen Mägen und großen und kleinen Sorgen geworden war. Er forderte nie Aufmerksamkeit für sich selbst ein. Zog nie das Gespräch auf sich. Half jedem.

Wenn eine schwierige Aufgabe anstand, meldete er sich freiwillig. Wenn es etwas zu erledigen gab, kümmerte er sich darum. Wenn Fritz unter der Last eines Tabletts schwankte, sprang der Primal als Erster auf und eilte ihm zu Hilfe. Den Gesprächen bei Tisch zufolge kämpfte er für ihr Volk und unterrichtete den Nachwuchs und war jedem ein guter, aufrichtiger Freund.

Er war wahrlich das Musterbeispiel der selbstlosen Tugenden der Auserwählten, der vollkommene Primal. Und irgendwann während der Sekunden und Stunden und Tage und Monate ihres Aufenthaltes hier war sie vom Pfad der Pflichterfüllung abgekommen und in den verworrenen Wald des freien Willens gelangt. Nun wollte sie bei ihm sein. Es gab kein musste, sollte, brauchte.

Doch sie wollte ihn für sich allein.

Was sie zur Ketzerin machte.

Nebenan verstummte die herrliche Musik, die der Primal immer hörte, wenn er in seinem Zimmer war. Was bedeutete, er machte sich auf den Weg hinunter zum Ersten Mahl.

Ein Klopfen an ihrer Tür ließ sie aufspringen und herumwirbeln. Während ihre Robe sanft um ihre Beine schwang, schnappte sie den Duft von rotem Rauch auf, der in ihr Zimmer wehte.

Der Primal stattete ihr einen Besuch ab?

Rasch überprüfte sie den Sitz ihres Haarknotens und strich sich einige lose Strähnen hinter die Ohren. Als sie die Tür einen Spalt öffnete, erhaschte sie einen kurzen Blick in sein Gesicht, bevor sie sich verneigte.

O du gütige Jungfrau der Schrift … der Primal war einfach zu wunderbar, um ihn länger anzusehen. Seine Augen waren so gelb wie Zitrine, seine Haut hatte einen goldbraunen Ton, sein langes Haar war ein leuchtendes Meer von Farbe – vom hellsten Blond über warmes Kupfer bis hin zu tiefem Mahagoni.

Er verbeugte sich knapp und steif. Sie wusste, dass er diese Förmlichkeit verabscheute. Doch er tat es für sie, denn gleich wie häufig er sie aufforderte, auf die Konventionen zu verzichten, kam sie doch nicht dagegen an.

»Hör mal, ich habe mir etwas überlegt«, sagte er.

In der darauf folgenden, zögerlichen Stille befürchtete sie, die Directrix hätte ihn vielleicht aufgesucht. Jeder im Heiligtum wartete ungeduldig darauf, dass die Zeremonie endlich vollendet wurde, und alle wussten genau, dass das noch nicht geschehen war. Mehr und mehr spürte Cormias eine Bedrängnis, die nichts mit seiner Anziehungskraft auf sie zu tun hatte. Die Last der Tradition wog mit jedem Tag schwerer.

Nun räusperte er sich. »Wir sind nun schon eine ganze Weile hier, und ich weiß, dass die Umstellung hart für dich war. Ich dachte mir, du bist bestimmt ein bisschen einsam und hättest möglicherweise gern Gesellschaft.«

Cormia legte sich die Hand auf den Hals. Das war gut. Es wurde Zeit für sie beide, endlich zusammen zu sein. Am Anfang war sie nicht bereit für ihn gewesen. Jetzt war sie es.

»Ich glaube wirklich, dass es gut für dich wäre«, fuhr er mit seiner wunderschönen Stimme fort, »wenn du etwas Gesellschaft hättest.«

Sie verneigte sich tief. »Danke, Euer Gnaden. Ihr habt gewiss Recht.«

»Super. Ich hätte da schon jemanden im Sinn.«

Langsam richtete Cormia sich wieder auf. Jemanden?

 

John Matthew schlief immer nackt.

Zumindest seit seiner Transition tat er das.

Sparte Schmutzwäsche.

Mit einem Aufstöhnen legte er sich die Hand zwischen die Beine und umschloss seine eisenharte Erektion. Das Gerät hatte ihn wie üblich aus dem Schlaf gerissen, ein Wecker, der so steil aufragte wie Big Ben.

Er hatte sogar eine Schlummertaste. Wenn er sich um das Ding kümmerte, konnte er nochmal zwanzig Minuten schlafen, bevor es sich wieder lautstark zu Wort meldete. Im Normalfall absolvierte er drei Runden, bevor er aus dem Bett stieg, und noch eine unter der Dusche.

Kaum zu fassen, dass er sich das früher immer gewünscht hatte.

An unschöne Sachen zu denken, half auch nichts, und er hegte zwar den Verdacht, dass das Wichsen den Trieb sogar noch verschlimmerte, aber sich seinem Schwanz zu verweigern, stand nicht zur Debatte: Als er sich vor ein paar Monaten versuchsweise mal zurückgehalten hatte, war er innerhalb von zwölf Stunden so weit gewesen, dass er vor lauter Geilheit auch einen Baum gevögelt hätte.

Gab es so was wie Anti-Viagra? Cialis Reversalis? Schlaffizillin?

Er drehte sich auf den Rücken, stellte ein Bein seitlich aus, schob die Decke weg und begann, sich zu streicheln. Das war seine bevorzugte Position, wenn er sich auch in besonders heftigen Fällen mitten im Orgasmus auf der Seite zusammenrollte.

Als Prätrans hatte er sich immer eine Erektion gewünscht, weil er geglaubt hatte, ein Ständer würde ihn zum Mann machen. Die Wirklichkeit sah leider etwas anders aus. Klar, mit seinem hünenhaften Körper, seiner angeborenen Geschicklichkeit im Kampf, und dieser Dauerlatte segelte er für Außenstehende definitiv unter der Testosteronflagge.

Innerlich aber fühlte er sich noch genauso winzig wie eh und je.

Er bog den Rücken durch und stieß mit den Hüften heftig in seine Hand. Gott … es fühlte sich gut an. Jedes Mal fühlte es sich gut an … solange es seine eigene Handfläche war, die die Pumpe bediente. Das eine und einzige Mal, als eine Frau ihn berührt hatte, war seine Erektion noch schneller geschrumpft als sein Ego.

Im Prinzip hatte er also sein Anti-Viagra: andere Leute.

Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, um seine schlimme Vergangenheit aufzuwärmen. Sein Schwanz stand kurz davor, abzuspritzen; er merkte es an dieser bestimmten Taubheit. Unmittelbar bevor er kam, spürte er immer ein paar Stöße lang gar nichts, und genau das passierte jetzt gerade, während seine Hand sich auf dem feuchten Schaft auf und ab bewegte.

O ja … es kommt, es kommt … Seine Eier waren straff wie gespannte Drahtseile und seine Hüften rotierten unkontrolliert. Seine Lippen teilten sich, damit er besser keuchen konnte … und als wäre das alles noch nicht genug, schaltete sich auch noch sein Kopf ein. Nein … Scheiße … nicht sie wieder, bitte nicht –

Zu spät. Mitten im hemmungslosen Masturbieren klammerte sich sein Gehirn an die eine Fantasie, die das Ganze unter Garantie noch intensiver machen würde: eine von Kopf bis Fuß in Leder gekleidete Frau mit Männerhaarschnitt und Schultern, so breit wie ein Preisboxer.

Xhex.

Mit einem lautlosen Brüllen klappte John zur Seite und begann, zu kommen. Der Orgasmus dauerte und dauerte, während er sich vorstellte, mit ihr in einer der Toiletten in dem Club, in dem sie als Sicherheitschefin arbeitete, Sex zu haben. Und so lange diese Bilder in seinem Kopf herumrasten, würde sein Körper nicht aufhören, zu kommen. Er konnte das buchstäblich zehn Minuten lang aufrechterhalten, bis das Zeug aus seinem Schwanz überall auf ihm klebte und das Laken völlig durchweicht war.

Er versuchte, seine Gedanken unter Kontrolle zu bringen, die Bremse zu ziehen … und scheiterte. Der Orgasmus hörte einfach nicht auf, seine Hand bewegte sich immer weiter, sein Herz hämmerte, sein Atem ging keuchend, während er seinen Fantasien frönte. Nur gut, dass er ohne Kehlkopf auf die Welt gekommen war, sonst wüsste das ganze Haus Bescheid, was er da ständig trieb.

Erst nachdem er mit Gewalt seine Hand von seinem Schwanz entfernt hatte, beruhigte sich die Lage allmählich. Das Zucken ließ nach, er lag ermattet auf der Matratze und atmete ins Kissen. Schweiß und andere Körperflüssigkeit trockneten auf seiner Haut.

Netter Weckruf. Nette kleine Sportsession. Netter Zeitvertreib. Aber letzten Endes hohl.

Ohne speziellen Grund wanderte sein Blick herum und blieb am Nachttisch hängen. Wenn er die Schublade öffnen würde – was er nie tat –, würde er zwei Dinge finden: eine blutrote Schachtel, ungefähr in der Größe einer Faust; und ein altes, ledernes Tagebuch. In der Schachtel befand sich ein schwerer goldener Siegelring mit dem Wappen seiner Abstammungslinie als Sohn des Black-Dagger-Kriegers Darius, Sohn des Marklon. Das uralte Tagebuch enthielt die persönlichen Gedanken seines Vaters über einen Zeitraum von zwei Jahren seines Lebens. Ebenfalls ein Geschenk.

John hatte den Ring nie angezogen und die Einträge nie gelesen.

Dafür gab es diverse Gründe, aber der Hauptgrund, diese Gegenstände wegzuschließen, war, dass der Mann, den er als seinen Vater betrachtete, nicht Darius war. Es war ein anderer Bruder. Ein Bruder, der seit inzwischen acht Monaten spurlos verschwunden war.

Wenn er überhaupt einen Ring tragen würde, dann wäre es der mit dem Wappen des Tohrment, Sohn des Hharm. Um den Vampir zu ehren, der ihm in so kurzer Zeit so viel bedeutet hatte.

Doch das würde nicht geschehen. Tohr war sehr wahrscheinlich tot, egal, was Wrath sagte, und außerdem war er nie sein echter Vater gewesen.

Um nicht schlecht drauf zu kommen, stand John auf und schlurfte ins Badezimmer. Die Dusche half ihm, sich wieder zu fangen, und das Anziehen tat ein Übriges.

Heute Abend war kein Unterricht, deshalb würde er sich noch ein paar Stunden unten im Büro herumtreiben und sich später mit Qhuinn und Blay treffen. Er hoffte, dass viel Papierkram zu erledigen war. Heute Nacht freute er sich nicht besonders auf seine besten Freunde.

Sie würden zu dritt in die Stadt fahren zum … o Gott, zum Shoppen.

Es war Qhuinns Idee gewesen. Wie meistens. Seiner Meinung nach musste Johns Garderobe dringend aufpoliert werden. John sah an seiner Levi’s-Jeans und seinem weißen T-Shirt herab. Das einzig Lässige an ihm waren seine Turnschuhe: Nike Air Max, in Schwarz. Und selbst die waren nicht gerade premiumlässig.

Vielleicht hatte Qhuinn nicht ganz Unrecht damit, dass John in modischer Hinsicht ein totaler Amateur war, aber mal im Ernst: Wen musste er denn beeindrucken?

Bei dem Wort, das ihm spontan in den Kopf kam, fluchte er und schüttelte sich. Xhex.

Es klopfte an seiner Tür. »John? Bist du da?«

Schnell stopfte sich John das Shirt in die Hose und überlegte, was Phury wohl von ihm wollen konnte. Er lernte immer fleißig und machte gute Fortschritte im Nahkampf. Vielleicht ging es um seine Arbeit im Büro?

John machte die Tür auf. Hallo, grüßte er in Gebärdensprache.

»Hey, wie geht’s dir?« John nickte und runzelte dann die Stirn, als der Bruder ebenfalls in die Gebärdensprache wechselte. Ich wollte dich um einen Gefallen bitten.

Aber sicher doch.