Bootstour mit Hindernissen - Helen Hoffmann - E-Book

Bootstour mit Hindernissen E-Book

Helen Hoffmann

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Beschreibung

Pfingsten machen meine drei Freunde und ich immer einen Ausflug. Wir wollen das machen, was wir noch nie getan haben. Leider haben wir in diesem Jahr vergessen, frühzeitig Ideen zu sammeln, sodass uns erst zehn Tage vorher einfällt, wir müssen bestimmen, was wir an Pfingsten machen wollen. So fällt die Wahl auf eine Bootspartie von der leider nicht alle Beteiligten begeistert sind. Endlich sitzen wir im Ruderboot und haben trotz Trockenübungen keine Ahnung, wie wir uns von der Stelle fortbewegen sollen. Das bleibt nicht das einzige Problem. Tim hat ein paar Bierflaschen mit an Bord geschmuggelt. Diese besondere Abfüllung hat nur leider den fürchterlichen Geschmack nach Sojasauce und Lakritz anstelle eines nussigen Schmelzes und einem Hauch von Schokolade. Und dann sind wir auch noch zu weit rausgefahren und müssen fürchten, nicht vor Schließung des Bootsverleihs wieder anzukommen. Werden wir es noch rechtzeitig schaffen oder werden wir wieder durch irgendetwas aufgehalten werden?

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Helen Hoffmann

Bootstour mit Hindernissen

Die Erlebnisse einer Großstädterin

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

Verschiedenes

Impressum neobooks

1. Kapitel

Auf Pfingsten freue ich mich jedes Jahr. Nein, es liegt nicht daran, dass es einen freien Tag gibt. Wenn es so wäre, würde ich auch Ostern und Christi Himmelfahrt bevorzugen. Das tue ich aber nicht. Ostern ist mir mit zu viel Schnickschnack verbunden wie es auch bei Weihnachten ist. Und Christi Himmelfahrt liegt zu sehr in der Woche. Außerdem müssen wir an diesem Tag immer aufpassen, dass Tim keinen neuen Weltrekord im Bier trinken aufstellt. Deshalb ist dieser Feiertag einfach nur lästig.

Pfingsten hingegen ist toll. Draußen ist es weder zu warm noch zu kalt, im Vorfeld brauche ich meine Wohnung nicht zu dekorieren und ich muss außerdem nicht fürchten, dass meine beste Freundin wieder mit einer ihrer tollen Ideen kommt, womit sie nur das größte Chaos anrichtet und ich nachher wieder alles richten muss.

An Pfingsten machen wir einen Ausflug, nach dem Motto, was wir immer schon mal machen wollten. Solange es sich nicht um Fallschirmspringen, Bergsteigen oder Bungee jumping handelt, ist alles erlaubt. Fast alles, denn Schwimmbadbesuche sind ebenfalls tabu, selbst wenn es das tollste Erlebnisbad der Welt sein sollte. Ach ja, Achterbahnen nicht zu vergessen. In die bekommen mich keine zehn Pferde, weil ich den Rausch der Geschwindigkeit nicht vertrage. Da fühle ich mich immer ganz seltsam. Schlecht für die Wirbelsäule ist es obendrein, wenn man so hin und her geschleudert wird.

Kathrin und ich haben diese Tradition während unserer Schulzeit begonnen. Seit meinem Studium sind auch mein Mitbewohner und sein bester Kumpel Tim dabei. Letzterer beschwert sich gerne, dass wir Dinge aussuchen, wo er sich zu Tode langweilen würde. Auf die Kartbahn wollen wir eben nicht. Kathrin hat gar keine Ahnung, wie sie so ein Fahrzeug bedienen soll und ich habe die Befürchtung, dass Tim versuchen wird uns alle zu rammen. - Er kann so schlecht verlieren. - Am Ende hat jeder ein Schleudertrauma, aber Tim hat es unglaublichen Spaß gemacht. Das ist nicht der Sinn eines Ausflugs. Es soll uns allen Spaß machen, nicht nur einer einzigen Person.

Meist läuft es so ab, dass ein paar Vorschläge gemacht werden und aus all diesen entscheiden wir uns schließlich für einen. Aus unerfindlichen Gründen ist es uns in diesem Jahr im Vorfeld nicht gelungen, Ideen zu entwickeln, was wir am Pfingstmontag unternehmen könnten. Anscheinend hatten wir in diesem Jahr Besseres im Kopf, als auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.

Es ist gerade mal eine Woche und ein paar Tage bis Pfingsten, als mein Großonkel mich zufällig darauf aufmerksam macht Und ich aus allen Wolken falle.

"Falls du an Pfingsten auf die Idee kommen solltest, mich besuchen zu wollen, wirst du ein leeres Haus vorfinden. Ich befinde mich auf Kur", teilt er mir mit.

Ungläubig sehe ich meinen Großonkel an. Seit wann geht er freiwillig auf Kur? Nur von alten Leuten umgeben zu sein, war ihm immer ein Graus. Da muss man sich fragen als was er sich selbst sieht. Als Jungspund? Das trifft eigentlich nur auf Elefant Frechsack zu, der man ihre fast fünfzig Jahre nicht anmerkt - von ein paar Falten mal abgesehen.

"Hat mir die Kasse bezahlt. Na ja, einen großen Teil davon, den Rest trage ich, aber das ist es mir wert, damit ich Gerhard nicht sehen muss."

Gerhard ist sein missratener Sprössling. Soweit ich weiß, haben die beiden sich noch nie leiden können. Jedenfalls behauptet Heinrich, sein Sohn hätte schon als kleiner Junge nur Fisimatenten gemacht, wenn er mal was von ihm wollte. Inzwischen ist der Graben zwischen ihnen so tief, dass der eine dem anderen irgendwelche Unterstellungen macht. Angeblich würde Gerhard versuchen, seinen Vater in ein Altenheim abschieben zu wollen, damit er an das Haus käme, welches Heinrich mit eigenen Händen innerhalb weniger Wochen selbst gebaut hat. Das Problem hierbei ist, dass mein Großonkel gar nicht einsieht, warum er in ein Altenheim ziehen soll. Die Wehwehchen anderer hätten ihn noch nie interessiert, außerdem wären dort nur alte Leute um ihn herum. Das ist natürlich das Schlimmste, was ihm passieren kann. Andauernd wird er daran erinnert, auch nicht mehr der Jüngste zu sein. Da ist der Weg ins Grab nicht mehr weit.

Heute mag es für mich vielleicht lächerlich klingen, aber vielleicht will man im Alter tatsächlich nichts mehr von Krankheiten hören, weil man dann selbst krank wird oder schon daran leidet. Nur was werde ich in fünfzig oder sechzig Jahren selber darüber denken?

"Wann ist denn Pfingsten?", will ich wissen, weil das für mich noch ewig hin zu sein scheint. Wir hatten gerade erst Ostern.

"Fünfzig Tage nach Ostern. Emil, also dein Großvater, wäre sehr enttäuscht von dir, wenn er wüsste, dass du das nicht weißt."

Der ist auch so enttäuscht von mir. Mein Großvater hält nicht viel von mir, weil man sich angeblich mit mir nicht unterhalten könne. Erstens lasse ich mich nicht aushorchen und zweitens schaltet man irgendwann ab, wenn man bei jedem Besuch irgendwelche Schlagballspiele aus der Schulzeit erzählt bekommt. Da ist Cousin Schleimscheißer ausnahmsweise geschickter als ich. Im Heucheln kann ihm niemand das Wasser reichen, von seiner Mutter, der dicken Schlange, einmal abgesehen. Meine Tante habe ich so nicht genannt, die Bezeichnung stammt von Heinrich, der sie ihr verpasst hat aufgrund ihrer Körperfülle, obwohl sie sich angeblich nur von Salatblättern ernähren würde. Wissen wir, in welchem Dressing diese Salatblätter schwimmen?

"Ich wollte wissen, in wie viel Wochen Pfingsten ist", formuliere ich die Frage um.

"Das die heutige Jugend sich so unpräzise ausdrücken muss", brummelt mein Großonkel. Dabei hatte er die Frage absichtlich falsch verstanden, um sich einen Scherz mit mir zu erlauben. Ich kenne ihn. "In anderthalb Wochen."

"Schon?", sage ich geschockt und kann nicht glauben, dass mir tatsächlich entgangen ist, wann Pfingsten ist. Das ist kaum möglich, wo ich doch alle Feiertage im Kopf habe. Was ist mir gedanklich nur dazwischen gekommen?

"Hast du einen Urlaub geplant und dein Pass ist abgelaufen? Dafür musst du tief in die Tasche greifen. Expresspässe kosten ein Heidengeld, falls du es überhaupt schaffst einen zu beantragen. Die Ämter sind chronisch unterbesetzt oder das System funktioniert nicht."

"Ich hab' eben nichts an Pfingsten geplant, weil ich dachte, das wäre noch lange hin."

"Fünfzig Tage nach Ostern. Beim heutigen Rasen der Zeit wäre das bereits übermorgen."

Übermorgen? Großonkel Heinrich scheint mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs zu sein. Wie kann ein Tag schneller vergehen wie eine Sekunde? Will er sich wieder einen Scherz mit mir erlauben? Das kann ich auf den Schock nicht vertragen.

"Wo soll ich denn jetzt eine Idee hernehmen?", jammere ich laut vor mich hin, als könnte mein Großonkel mir helfen und einen passenden Vorschlag machen.

"Sollst du für Pfingsten was basteln? Das macht doch immer deine Freundin. Wie heißt die Überdrehte noch gleich?"

Selbst mein Großonkel hat bereits bemerkt, dass meine beste Freundin nicht ganz normal ist. Überdreht ist nur eine Stufe von verrückt entfernt.

"Kathrin", erwidere ich.

"Genau, die immer so schöne Osterdekoration macht, auch wenn sie immer noch keine Eier behäkelt."

Kommt noch, wenn sie endlich versteht, wie man nicht nur lange Schnüre häkelt. Glücklicherweise dürfte das noch etwas dauern. Momentan liegt ihr Augenmerk auf Pailletten und Perlen. Solange das anhält, bleibe ich vor extremen Staubfängern und Milbennestern verschont.

"Es geht nicht ums Basteln, sondern darum, dass ich keine Idee habe, was wir für einen Ausflug machen sollen. Jedes Jahr an Pfingsten unternehmen wir etwas gemeinsam. Nur dieses Mal hat noch keiner von uns einen Vorschlag gemacht."

"Geht doch in den Zoo, da ist immer was los. Tauziehen gegen Elefanten, Eselsrennen und Kaninchen streicheln."

Kaninchen streicheln? Wie alt bin ich denn? Na gut, Kathrin kommt aus diesem Alter nie raus. Aber wann war mein Großonkel das letzte Mal im Zoo? Vor dem Krieg oder nach dem Krieg? Ich habe noch nie gehört, dass Frechsack in jungen Jahren Tauziehen gemacht hat. Besonders lang ist ihr Rüssel nicht. Ob sie dazu überhaupt Lust hat? Wenn man ihr einen Berg Äpfel in einiger Entfernung auftürmt, macht sie es bestimmt.

"Ich gehe nie zu Pfingsten in den Zoo. An Feiertagen ist es dort viel zu voll."

"Ja, sich in einer riesigen Masse fortzubewegen ist nicht schön. Wenn vorn einer steht, geht gar nichts mehr. Für was interessiert man sich denn in euren Alter? Bildende Kunst und Architektur eher weniger. Jedenfalls macht der Freund deines Mitbewohners nicht den Eindruck, als ob er etwas davon verstehen würde. Als ich den beiden was von Gaudi erzählte, glaubte der, da sei im Park von Barcelona viel losgewesen und alle hätten ihren Spaß gehabt."

"Tim kennt sich nur mit Bier aus. Da kann ihm niemand etwas vormachen."

"Ach, jetzt ein schönes Glas Gerstensaft wäre nicht schlecht", sagt mein Großonkel und schließt träumerisch die Augen. Fehlt nur noch, dass er sich über die Lippen leckt. "Du hast nicht zufälligerweise irgendwo eine Flasche in deinem abstinenten Haushalt herumstehen?"

"Ich nicht, aber mein Mitbewohner", erwidere ich. "Der hat gestern ein paar Flaschen von einer neuen Sorte mitgebracht."

"Er wird mir immer sympathischer, wenn er nur nicht so seltsam wäre. Man könnte glauben, der wäre vom anderen Ufer."

Lass das bloß nicht meinen Mitbewohner hören, geht es mir durch den Kopf.

Stumm sehe ich Heinrich an, ob er tatsächlich ernst meint, was er sagt. Schließlich wende ich mich ab, denn ich kann mich nicht mehr zusammenreißen, so sehr ich mir auch auf die Unterlippe beiße.

Mein Mitbewohner und schwul. Ein Glück, dass er das nicht gehört hat. Der würde auf der Stelle in Ohnmacht fallen, denn dieser Schmach wäre er nicht gewachsen. Es gibt nämlich nichts Schlimmeres für ihn, als wenn jemand annimmt, er sei schwul. Außer jemand behauptet, er habe eine Mädchenhandschrift, aber das ist Tatsache.

In der Küche angekommen, grinse ich immer noch übers ganze Gesicht wie jemand, der irgendwelche verbotenen Substanzen zu sich genommen hat. Das ist auch zu komisch, wie jeder annimmt, mein Mitbewohner sei schwul, wo dieser alles Mögliche probiert, damit genau das nicht angenommen wird. So ganz unter uns: Er ist wirklich nicht schwul, nur leicht paranoid-homophob veranlagt. Völlig harmlos. Sollte man nicht weiter beachten.

Im Kühlschrank steht kein Bier. Wo hat mein Mitbewohner nur seine neuesten Errungenschaften hingestellt? Unter der Spüle vielleicht? Auch nicht. Wo soll ich jetzt nur suchen? Und mein Großonkel wartet auf sein Bier. Dass mein Mitbewohner die Flaschen auch nicht dort hingestellt hat, wo jeder normale Mensch sie vermuten würde.

Was gehe ich eigentlich davon aus, dass er normal wäre? Richtig, also muss ich nun dort suchen, wo ich sie garantiert nicht vermuten würde. Das Klo klammere ich dennoch aus. So verrückt wird er wohl nicht sein. Oder doch? Ich schwanke zwischen ja und nein. Schließlich entscheide ich, das Badezimmer ganz zum Schluss aufzusuchen, falls ich nirgendwo sonst fündig werden sollte. Könnte möglich sein, dass er die Flaschen in der Badewanne kühlt. So etwas darf man ihm durchaus zutrauen.

Wo fange ich am besten an, wenn es keinen Anfang gibt? Nein, das Zimmer meines Mitbewohners wird auch erst ganz zum Schluss durchsucht, kommt genau vor der Toilette. In dem Zimmer riecht das immer so komisch - nach ungewaschenen Socken und Raumspray. Eine ganz schlimme Mischung. Besonders wenn das Raumspray so ähnlich wie ein Toilettenstein riecht. Wo er das wieder her hat, will ich gar nicht wissen.

Wenn ich jetzt ins Wohnzimmer gehe, treffe ich auf Heinrich, also bleibe ich lieber im Flur. Fange ich mit der Vorratskammer an. Dort werden normalerweise die Getränke gelagert, damit man in der Küche nicht andauernd über die Kisten stolpert. Ich würde dort die Bierflaschen lagern, allerdings denke ich auch logisch, selbst wenn ich es mit dem abstrakten Denken ein wenig hapert.

Unauffällig werfe ich einen Blick ins Wohnzimmer. Von meinem Großonkel geht derzeit keine Gefahr aus. Ruhig sitzt er im Sessel und schläft. Aber ich wecke ihn lieber nicht auf, bevor ich ein Bier für ihn gefunden habe. Lieber die Flasche in der Hand, dass ich gleich jegliche Diskussion, warum das so gedauert hat, im Keim ersticken kann.

Noch bevor ich ganz in der Speisekammer bin, sehe ich mehrere Bierflaschen in der obersten Kiste Mineralwasser stehen. Hat er es endlich verstanden, wo die Flaschen hingehören. Hat lange genug gedauert. Hoffentlich bleibt das so, allein mir fehlt der Glaube. Dass sie nicht in der dafür vorgesehenen Kiste stehen, will ich großzügig übersehen. Allein der Wille zählt und das muss man meinem Mitbewohner bereits hoch anrechnen.

Ohne einen Blick auf das Etikett zu werfen, nehme ich eine Flasche. Tim und mein Mitbewohner haben genug vorrätig, können durchaus eine fehlende Bierflasche verschmerzen.

Mein Großonkel schläft immer noch, als ich ins Wohnzimmer zurückkehre. Sein Schnarchen ist wahrscheinlich noch in der Nachbarwohnung zu hören. Na ja, spätestens wenn dort geklopft wird, weiß ich, dass sie sich einbilden, gestört zu werden. Ich könnte es verstehen, wenn ich klassische Musik in einer ohrenbetäubenden Lautstärke laufen hätte. Da fühlt man sich natürlich gestört, wenn man nur Volksmusik hört.

"Wir melden uns zurück zur zweiten Halbzeit. Das Spiel war bisher durchwachsen. Beide Mannschaften bemühen sich, stehen sich nur leider selbst auf den Füßen, als dass sie den Weg in den gegnerischen Strafraum finden", beginne ich wie ein Radioreporter, der ein Fußballspiel moderiert. Zufrieden stelle ich fest, dass es funktioniert. Als ehemaliger Jugendtrainer unseres, über die Ländergrenzen hinaus bekannten, städtischen Vereins, springt mein Großonkel auf alles an, was nur im Entferntesten mit einem Fußballspiel zu tun haben könnte.

"Haben die wieder vergessen, dass bei einem Einwurf das Abseits aufgehoben ist? Kein Wunder, dass sie auf der Stelle treten."

"Ausgeschlafen?", will ich wissen. Am besten ist es, wenn man nun nicht weiter auf das Thema Fußball eingeht, sonst hält mir Heinrich einen Vortrag, der heute Abend noch nicht vorbei ist. Wenn er so ein Trainergenie gewesen ist, wie er immer behauptet, warum hat er es nie auf den Chefsessel der Profimannschaft geschafft? Wahrscheinlich nicht die richtige Trainingslizenz gehabt, aber heutzutage soll man angeblich sogar den kompletten Lösungsbogen vorab bekommen, wenn man nicht so gut in der Theorie ist. Behauptet Tim jedenfalls hartnäckig und lässt sich auch von nichts anderem überzeugen. Mein Großonkel unterstützt in kräftig bei seiner These, weil einer seiner früheren Spieler als Jahrgangsbester den Fußballlehrer-Kurs abgeschlossen hat. Dabei würde dessen Intelligenz für so etwas nicht ausreichen.

Ich erinnere mich an eine Anekdote, wo ich meinen Großonkel mal zu einem Training der Profis begleitet habe. Als der Cheftrainer Heinrich erblickte, verschwand er auf unerklärliche Weise und ließ seinen Assistenten das Training leiten. Heinrich war sehr enttäuscht, wo er mit seinem ehemaligen Schützling gerne ein paar Takte gesprochen hätte. Vor allem wollte er ihm einige Ratschläge erteilen, wie er es besser machen könnte. Nur will die nie jemand hören. Kein Wunder, dass der Verein eher in der unteren Tabellenhälfte sein Dasein fristet, als oben oder international mitzuspielen.

Aber hochinteressant, wie versucht wird, meinem Großonkel aus dem Weg zu gehen, geradezu wie der Teufel das Weihwasser meidet. Wenn es um sein Wissen geht, war er schon immer ein wenig pedantisch. Man erträgt es oder ergreift rechtzeitig die Flucht. Als seiner Verwandten bleibt mir hingegen nur die erste Möglichkeit, um ihn nicht zu verprellen.

"Geschlafen? Ich habe nur meine Augen ein wenig ausgeruht. Schlafen kann ich, wenn ich tot bin oder alt", ereifert sich mein Großonkel.

Ich merke mir für alle Zeiten: Themen, die Heinrich alt erscheinen lassen könnten, bleiben lieber unerwähnt. Nur soll ich ihn jetzt immer schlafen lassen bis er von selbst aufwacht? Muss ich immer mit Lärmschutzohrhörern herumlaufen, damit ich sein Schnarchen nicht hören muss? Dann werde ich nicht einmal mitkriegen, wie meine Nachbarn einen Durchbruch in die Mauer schlagen, weil sie das Wald abholzen nervt. Erst wenn es staubt, durch das zusammenbrechen der Wand, werde ich darauf aufmerksam werden. Da wird es zu spät sein. Lärmschutzkopfhörer können nicht die Lösung sein.

Am besten lasse ich Heinrich nicht mehr im Sessel sitzen. Über die Unbequemlichkeit des Sessels hat er sich bereits mehrfach beschwert. Folglich dürfte er nicht einschlafen, wenn er darauf sitzt. Problem gelöst, Wohnung gerettet. Sehr schön. Aber gab es überhaupt ein Problem?

"Hast du tatsächlich etwas gefunden?", will mein Großonkel wissen, obwohl ihm die Flasche Antwort genug sein dürfte. "Das hat auch lange genug gedauert. Meine Kehle ist schon ganz ausgedörrt."

Dafür muss man Heinrich einfach mögen, immer ein nettes Wort auf den Lippen.

"Was hast du denn da? Zeig mal her!" Fordernd streckt er die Hand aus. "Bürgerbock - nie gehört."

"Wahrscheinlich irgendeine neue Sorte. Tim und mein Mitbewohner probieren gern neue Sorten aus."

"Solange es nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut wurde, kann es mir egal sein. Mach schon auf!"

Nein, ich werde nicht fragen, wie das Wort mit den zwei t heißt. Am Ende kommt da noch so etwas wie flott oder hurtig raus. Ach nein, das letzte Wort hat nur ein t und fällt damit raus.

Beim Eingießen bekomme ich kluge Ratschläge, wie man die Blume oder einfacher gesagt, den Schaum, möglichst gering halte. Wenn es nach Heinrich ginge, müsste ich den Krug dermaßen schräg halten, dass nach wenigen Schlucken die Flüssigkeit aus dem Glas laufen würde. Das wäre allerdings eine unnütze Verschwendung des guten Gerstensaftes.

Mit meiner Methode funktioniert es auch ganz gut. Das wird natürlich nicht gesehen.

"Sehr schön gemacht", lobt mich Großonkel Heinrich. "Auf meine jahrzehntelange Erfahrung kann man sich verlassen."

Dann wundere ich mich, dass er bisher nicht verdurstet ist.

Mein Großonkel nimmt einen großen Schluck, will sich seine Oberlippe abwischen, als er angewidert das Gesicht verzieht. Beinahe erwarte ich, dass er das Bier zurück in den Krug spuckt.

"Igitt, was hast du mir da angedreht? Das ist doch eines dieser selbstgebrauten Gesöffe. Wieso willst du mich vergiften? Hast du dich mit Gerhard zusammengetan? Hätte ich nie gedacht, dass du mich hintergehst. Aber beim Geld hört eben die Freundschaft auf und vor allem die Verwandtschaft", überschüttet er mich mit Vorwürfen.

Das ist doch die Höhe! Ich soll mit seinem missratenen Sohn unter einer Decke stecken? Ist Heinrich jetzt völlig übergeschnappt? Ich weiß, dass er paranoid ist, nur bisher blieb ich davon verschont. Jetzt bin ich beleidigt. Man kann mir viel unterstellen, aber das geht zu weit! Ich habe es nicht auf sein Erbe abgesehen.

"War wirklich nett, dass du mich besucht hast, aber jetzt habe ich zu tun. Würdest du also aufstehen und gehen", fordere ich ihn mit zusammengepressten Zähnen auf.

"Darf ich mir nicht einmal einen Scherz erlauben? Du bist noch dünnhäutiger als dein Mitbewohner."

Wenn das ein Scherz war, da lachen ja die Hühner. Ich weiß genau, wann Heinrich einen Witz macht und dies war todernst gemeint.

"Komm mir nie wieder damit, ich hätte mich mit Gerhard verbündet. Deinen netten Herrn Sohn habe ich bereits als Kleinkind nicht gemocht."

Wenn wir uns auf Familienfeiern getroffen haben, hat er uns Kinder mit solch einer Menge Schokolade beschenkt, dass wir daran hätten ersticken können. Nur ich habe seine Geschenke immer verschmäht. Was musste er auch immer diese elende Kinderschokolade mitbringen? Deren Geschmack war damals wie heute abartig, jedenfalls für meinen verwöhnten Gaumen. Kein Wunder, dass ich für Heinrichs Sohn ein rotes Tuch bin. Ich bin die einzige gewesen, die ihm nie aus der Hand gefressen hat, sondern ihn immer skeptisch beäugte, von mir aus auch misstrauisch oder ich weiß nicht was. Jedenfalls war das wohl auch ein Grund, warum Großonkel Heinrich große Stücke auf mich hält. Ich habe mich nie von jemandem bestechen lassen, um ihn zu mögen. Die es versucht haben, sind einfach daran gescheitert, dass sie mit Dingen gekommen sind, die ich entweder nicht mag, für die ich mich nicht interessiere oder mit denen ich nichts anfangen kann. Ja gut, die letzten beiden Punkte überschneiden sich, ich gebe es zu.

Aber so habe ich meine Großeltern vergrault, dass sie heute noch glauben, ich sei nicht normal. Was kann ich denn dafür, wenn ich Pferde langweilig finde und Schlager mit Roy Black mir nicht anhöre? Die Filme mit ihm waren ganz in Ordnung, aber deshalb muss ich mir noch lange nicht seine Musik anhören.

Egal, ich habe schließlich noch ein zweites Paar Großeltern und Heinrich, meinen Großonkel. Das reicht mir vollkommen, weshalb ich auf Heinrichs Bruder verzichten kann.

"Wer bei normalem Menschenverstand ist, kann meinen Sohn auch nicht mögen." Klare Aussage. Das sagt der Vater über den eigenen Sohn. Zwischen den beiden muss wirklich allerhand Porzellan zerschlagen worden sein. Wenn ich bloß wüsste, was zwischen denen passiert ist. Angeblich ist Heinrich davon überzeugt, Gerhard sei nicht sein eigen Fleisch und Blut. "Das war nur der Schock, weil das Bier so gruselig geschmeckt hat. Das ist schlimmer als eines dieser widerlichen Pinkelbiere."

Heinrich schnuppert kurz an dem Glas und verzieht die Nase. Angewidert hält er mir den Krug hin. "Das kann ich nicht trinken, lieber verdurste ich oder trinke eines dieser Pinkelbiere. Wobei, lieber an Durst zugrunde gehen, als sich vergiften lassen."

Vorsichtig nippe ich an dem Glas, natürlich an einer Stelle, wo mein Großonkel nicht mit seinem Mund dran war. Ich möchte den Geschmack des Bieres nicht mit irgendeiner Minzpaste seiner Zähne verfälschen. Wobei man das nicht noch weiter verunstalten kann, wie ich nach dem ersten kleinen Schluck feststelle. Das erinnert an kein Bier, vor allem kein Bockbier. Es gibt absolut nichts Bitteres, nur Würze, exotische Würze.

"Es schmeckt mehr nach Sojasauce mit Lakritzgeschmack", sage ich.

"Lakritz?" Panik steigt in meinem Großonkel auf.

Herrje, hoffentlich verursacht Lakritz keine Unverträglichkeit oder Wechselwirkung mit einem Medikament. Wenn Heinrich mir umkippt, habe ich gleich seinen Sohn am Hals, der mir unterstellen wird, ich wolle seinen Vater vergiften, um ans Erbe zu kommen. Einer reicht mir von der Sorte, der mich grundlos verdächtigt, da brauche ich keinen Zweiten. Außerdem weiß ich überhaupt nicht, was in Heinrichs Testament überhaupt steht, auch wenn ich es mir denken kann.

"Lakritz, das ist doch schlecht für..." Er sieht an sich runter und bleibt mit seinem Blick bei seinen Oberschenkeln hängen.

"Keine Angst", beruhige ich ihn. "Du wirst die Treppen auch weiterhin zu mir hochschaffen. Zur Not wird dich mein Mitbewohner tragen oder ich versuche, die Nachbarn zu überreden, dass wir unbedingt einen Treppenlift brauchen, bevor jemand darauf angewiesen ist."

Letzteres wird sehr wahrscheinlich nicht funktionieren. Eher bauen die einen Kran ins Treppenhaus, als das hier jemals ein Treppenlift Einzug hält. Kann mein Mitbewohner eigentlich das Gewicht meines Großonkels tragen? Wie gesagt, ich will keinen Ärger mit Gerhard haben. Da sind mir meine Stasi-Nachbarn noch lieber. Bei denen weiß ich wenigstens vorher, wie sie reagieren werden und was sie tun, um ihre vermeintlich Verbündeten auf ihre Seite zu ziehen. Da ist Heinrichs Sohn nicht so gut durchschaubar. Habe ihn zu lange nicht gesehen, um genau sagen zu können, wie er tickt.

"Laufen kann man davon auch nicht mehr? Das wird ja immer schlimmer."

Anstatt ihn zu beruhigen, habe ich Heinrich nur weiter verschreckt. Ich wollte ihm nur seine Angst nehmen, sie nicht weiter anfachen.

"Du hast doch auf deine Beine gezeigt", sage ich und bin ratlos. Hat mein Großonkel vielleicht etwas anderes gemeint? Und wenn ja, was?

"Bist du blind? Ich habe auf ganz etwas anderes gedeutet. Auf etwas, das du gar nicht besitzt."

"Hä?"

Jetzt weiß ich überhaupt nicht mehr, wovon er eigentlich spricht. Was soll denn das sein, was er hat, ich aber nicht? Gicht? Rheuma? Arthrose? Ein künstliches Kniegelenk? Wobei ich gar nicht weiß, ob Heinrich so was überhaupt hat. Was könnte er denn sonst gemeint haben? Er hat auf seine Beine gedeutet, wo er mit den Fingern auf eine bestimmte Stelle zeigte, wie ich mich erinnere. In meinem Kopf beginnen sich ein paar Zahnrädchen zu bewegen.

"Von Lakritz wird man impotent, das weiß doch jedes Kind", sagt mein Großonkel zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Stimmt, auf die Stelle hatte er gezeigt, jetzt erinnere ich mich wieder. Und ich denke stattdessen, er hätte die Befürchtung, er komme die Treppenstufen nicht mehr hoch. Dabei geht es Heinrich einzig und allein um seine Libido. Wieso eigentlich? Meine Großtante ist seit Jahren tot, was interessiert ihn da, ob er impotent werden könnte oder nicht? Hat er was am Laufen, wovon ich nichts weiß? Nee, mein Großonkel mag kein Kind von Traurigkeit sein, aber das hätte er mir nicht verheimlichen können. Wieso ist es schlimm, dass Lakritz in dem Bier sein könnte? Es wäre nicht nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut, aber das gibt es offiziell sowieso nicht mehr. Dagegen hatte die EU etwas, aber die übertreibt es auch mit ihren Verboten.

Natürlich, wie konnte ich das ausblenden? Heinrich will auf Kur und was lacht man sich dort zwangsläufig an? Ganz genau, einen Kurschatten. Offensichtlich ist auch mein Großonkel auf ein amouröses Abenteuer aus.

Von der Seite sehe ich meinen Großonkel nachdenklich an. Wer würde jemals auf die Idee kommen mit diesem tattrigen Männchen etwas anfangen zu wollen? Da müsste schon sehr große Verzweiflung herrschen.

Nein, daran will ich gar nicht weiterdenken, sonst werde ich rot - nicht aus Scham, sondern vor lauter Peinlichkeit.

"Du brauchst gar nicht so gucken. Bloß weil ich laut meinem Personalausweis alt bin, heißt das nicht, dass ich mit einem ganz speziellen Bein bereits im Grab stehe."

Das wird mir nun wirklich zu viel. Mit meinem Großonkel möchte ich solche Gespräche garantiert nicht führen.

"Hier ist Gerste, Hopfen, Malz und Wasser drin", lenke ich ab. "Von Lakritz steht nichts in den Zutaten. Das Bier wurde nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut."

"Glaubst du? Das steht da bestimmt nur so drauf, damit es auch in Bayern verkauft werden darf. Das ist kein Bockbier, selbst die Chinesen kriegen so was besser hin."

"Dort gab es auch eine deutsche Kolonie. Was sich positiv bewährt hat, haben die Chinesen schon immer gern nachgemacht."

"Von Qualität kannst du da nicht sprechen. Das ist alles ein Riesenmüll, was da herkommt."

"Nicht mehr. Made in Germany war früher auch eine Warnung, heute gilt es als Qualitätssiegel."

"Nur deutsche Autos sind davon ausgeschlossen. Die Technik, die dort drinsteckt, verwirrt nicht nur die Autofahrer, sondern auch die Autobauer und die Mechaniker."

"Aus dem Grund fahre ich auch deine alte Kiste."

"Tipptopp in Schuss. Bei mir würde es nur vor sich hinrosten. Gerhard hat mal nach dem Auto gefragt. Ich glaube, er wollte es für einen seiner missratenen Sprösslinge zur bestandenen Führerscheinprüfung haben. Als ob ich denen was schenken würde. Dafür sollten sie nicht nach der Pfeife ihres Vaters tanzen, sondern ihren eigenen Verstand gebrauchen. Wie der Vater, so die Söhne. Ich weiß überhaupt nicht, von wem Gerhard das eigentlich hat. Von mir jedenfalls nicht, soviel steht fest. Ich habe schon immer gemacht, was ich für richtig hielt, auch wenn es der falsche Weg gewesen ist. Denn aus Fehlern wird man klug."

Wenn Gerhard tatsächlich so dumm wäre, wie mein Großonkel immer behauptet, wieso hat er dann sein Studium erfolgreich absolviert und wurde Lehrer? Ihm winkt eine hübsche Beamtenpension, wenn er in wenigen Jahren in den Ruhestand treten wird. So was muss man sich erarbeiten. Na gut, früher wurde nicht so stark auf die Noten gesehen, wenn jemand eingestellt werden sollte. Im heutigen Wettbewerb ist das natürlich etwas anderes. Da kann man froh sein, wenn man wenigstens für ein Praktikum ausgewählt wird und ohne Bezahlung schuften darf.

Wieso fällt mir dabei gerade Cousin Schleimscheißer ein? In wie vielen Unternehmen winkt ihm angeblich eine Festanstellung? Waren es drei oder sogar fünf? Ich persönlich glaube eher an die Zahl null. Vielleicht ist es auch nur eine einzige Firma und alles andere sind Tochterunternehmen. Da kann man die Anzahl Festanstellungen natürlich beliebig hochschrauben, um zu zeigen, wie begehrt man angeblich sei.

Wenn ich alles glauben würde, was mein Großvater erzählt, würde mein Cousin kurz davor stehen als Bundeskanzler zu kandidieren. Weiß mein Opa eigentlich, dass sein Lieblingsenkel Mitglied einer Konkurrenzpartei ist? Wäre zu schön, meinem Großvater diesen Verrat unter die Nase zu reiben. Es ist nur nicht mein Stil andere in die Pfanne zu hauen, dass können diejenigen auch ganz gut alleine.

"Willst du noch etwas von dem Bier trinken?", will ich wissen, denn von dem Krug schmerzt mir inzwischen das Handgelenk.

"Nein, von dem Gesöff will ich bestimmt nichts mehr. Am besten füllst du es in die Flasche zurück und drückst den Kronkorken wieder auf die Öffnung. Dein Mitbewohner wird gar nicht merken, dass es vor ihm bereits jemand geöffnet hat."

Bevor der das Bier endlich getrunken hat, wird die Kohlensäure verflogen sein. Der Mangel wird den Geschmack garantiert überwiegen.

"Was ist bloß aus dem deutschen Reinheitsgebot geworden? Wahrscheinlich ist daran auch die EU schuld", klagt mein Großonkel. "Bisher hat die uns nur Scherereien gebracht."

"Man kann EU-weit arbeiten, braucht keinen Pass bei einem Grenzübertritt", zähle ich auf.

"Muss Bananen mit einem bestimmten Krümmungsgrad kaufen und weiterer Schwachsinn, den die Politiker sich in Brüssel ausdenken, weil sie sich langweilen. Dabei denken sie nicht daran, dass wir darunter leiden müssen. Selbst ein Malztrunk darf sich ungestraft Bier nennen."

"Da steht auch nicht drauf, dass es nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut wurde."

"Nicht? Na gut, aber der Inhalt dieser Flasche in deinen Händen ist auch nur zusammengemixte Aromabrühe."

"Hier steht, es wäre aus vier verschiedenen Malzsorten gebraut, sodass am Ende ein formvollendeter Genuss von Schokolade entsteht, der durch einen milden Geschmack von Walnüssen abgerundet wird."

"Haben die den Text eines Weinetiketts übernommen und Trauben durch Malz ersetzt? Ich vermisse noch den Satz, dass man einen Hauch von Pfirsich wahrnehmen kann. Weine können genauso wenig nach Früchten schmecken, außer sie wurden daraus hergestellt oder standen direkt neben einem Obstbaum. Bier soll nach Schokolade schmecken. Wer hat sich diese gemeine Körperverletzung ausgedacht? Das waren bestimmt irgendwelche Laien, die keine Ahnung von einem guten Glas Gerstensaft haben. Lass mich raten, das Bier wurde in Berlin hergestellt. Deren Plörre ist nicht einmal mit Sirup genießbar, sondern verklebt einem den Hals."

Mein Großonkel und die Berliner werden niemals Freunde werden. Denen hat er bis heute nicht vergessen und verziehen, dass sie ihn am Tag des Mauerbaus nicht gehen lassen wollten. Angeblich hätte man ihn für einen DDR-Bürger gehalten. Bleibt auch die Frage, was er ohne Papiere in der Deutschen Demokratischen Republik zu suchen hatte.

"Das Bier kommt aus Flensburg."

"Was? Das glaube ich nicht. Die können gar nicht so ein Spülwasser brauen, außer wenn sie Pils herstellen. Den Hamburgern kannst du so was durchaus zutrauen, vor allem seitdem die den Dänen gehören. Aber das Bier war schon vorher schlecht. Die könnten so was durchaus herstellen. Ja, denen traue ich das zu. Die haben auch einen Bürgermeister, der der Stadt seinen Stempel aufdrücken will. Dort wurde noch nie so viel abgerissen wie jetzt. Nicht mal in den 70ern war das so schlimm und da wurde Hamburg als Abrissstadt anstelle von Hansestadt bezeichnet. Da bauten sie auch wie verrückt in die Höhe, wie bei den Trabantenstädten. Genauso soll es jetzt auch wieder werden. Grauenhaft! In Flensburg gebraut, sagst du? Ich bin wirklich enttäuscht."

"Vielleicht ist bei der Abfüllung etwas schiefgegangen. Ich könnte das mal überprüfen, wenn du willst", biete ich an.

Etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht ist die eine Malzsorte nicht gut gewesen oder sie ist gleich ganz verwechselt worden. Nur hätte man das nicht bemerken müssen, bevor man die Flaschen in den Handel gegeben hat? Gibt es keine Testtrinker? Heutzutage wird alles getestet, wieso nicht auch Bier, ob es schmeckt?

"Nee, lass mal oder hast du auch noch Schimmel herausgeschmeckt? Die wollen wohl ganz sicher gehen, dass man den Konsum ihres Produktes nicht lange überlebt. Wenn sie einen nicht vergiften können, versuchen sie einen innerlich verschimmeln zu lassen. Wie wollen sie so Kunden gewinnen?"

Gute Frage auf die ich jedenfalls keine Antwort weiß.

"Ist das tatsächlich in Flensburg hergestellt worden? Nicht, dass da irgendwelche Terroristen eine gepanschte Brühe abgefüllt haben, um die Bevölkerung auszurotten."

"Welches Ziel sollten die haben?"

"Die Zukunft unseres Staates ausradieren", kommt es prompt.

"Na, da haben sie mit Tim und meinem Mitbewohner allerdings die falsche Zielgruppe erwischt."

"Kollateralschäden muss man einplanen. Frauenfußball wird schließlich auch nicht nur von Frauen geguckt. Wenn man eine Zielgruppe mit einem Produkt anzusprechen versucht, sind immer einige dabei, die nicht dazugehören. Das sind die Kollateralschäden."

Mit dieser abstrusen These kann mein Großonkel meiner besten Freundin die Hand reichen. Selten habe ich so etwas Seltsames gehört und den Sinn nicht verstanden.

"Wenigstens ist kein Lakritz drin. Muss ich mir während meiner Kur keine Sorgen machen, dass nichts läuft."

"Kannst du auch noch an etwas anderes denken als an deinen persönlichen Vorteil?", frage ich genervt. Der Krug in meiner Hand fühlt sich inzwischen wie zentnerschweres Blei an. Mein Arm schmerzt dermaßen, dass er sich taub anfühlt. Wenn ich das Gefäß nicht endlich abstellen kann, wird es in den nächsten Minuten fallen und sein klebriger Inhalt wird sich auf dem gesamten Fußboden verteilen. Die Schweinerei will ich nicht wegmachen und mein Großonkel wird es auch nicht tun. Seine lädierten alten Knochen lassen es nicht zu, dass er sich bückt und in die Knie geht.

"Was kann der Heinrich denn dafür, dass er so begehrt ist?", meint mein Großonkel achselzuckend und verballhornt ein Lied aus der Operette Im weißen Rössl. "Wenn du nicht weißt, was ihr an Pfingsten machen sollt, könnt ihr mich auch gerne in der Kur besuchen kommen. Über Abwechslung und ein wenig Erholung freut man sich immer."

Ja, natürlich, damit wir ihn vor seinen Kurschatten retten, weil die alle herausgefunden haben, dass er auf jeder Bank eine andere von ihnen sitzen hat. Nein, das muss wirklich nicht sein. Aus dem Schlamassel soll er sich selbst wieder hinausbefördern.

"Ich glaube kaum, dass Tim und meinem Mitbewohner dieser Ausflug gefallen würde", erwidere ich stattdessen. Die ganze Wahrheit muss Heinrich nicht erfahren, also hilft nur eine Notlüge.

"Du bist nur neidisch, die weiblichen Kurgäste könnten sich auf das Frischfleisch stürzen, während du und deine Freundin allein zurückbleibt."

Da mache ich mir keine Sorgen, dass die beiden sich vor älteren Damen nicht retten können. Die alten Tanten muss man eher vor Tim schützen, weil er sie um den Finger wickeln wird und sie ausnimmt wie eine Weihnachtsgans. Am Ende wird er noch für einen Heiratsschwindler gehalten, dabei hat er nur jeder einzeln Honig ums Maul geschmiert.

"Ich möchte nur vermeiden, dass sich auf einmal niemand mehr für dich interessiert."

Wenn Heinrich schon so anfängt, muss ich ebenfalls in die gleiche Kerbe hauen. Offensichtlich habe ich mein Ziel nicht verfehlt und das Gift sorgsam in sein Ohr hineingeträufelt, denn nachdenklich furcht er die Stirn.

"Ich glaube", sagt er mit sorgsam gewählten Worten, "du könntest recht haben, dass so ein Besuch bei mir nichts wäre. Was sollt ihr jungen Leute unter einem Haufen gebrechlicher Alter? Mich natürlich ausgeschlossen. Ihr müsst was unternehmen, dass euch Spaß macht. Durch die Wälder wandern und in einem schönen Gasthaus einkehren, wo ihr euch anschließend stärken könnt."

So sieht also Heinrichs Vorstellung von einem gelungenen Ausflug aus - zumindest als er jung war.

Es mag eine tolle Idee sein, aber ich würde das nie durchbekommen, selbst wenn wir mit Fahrrädern anstelle zu Fuß unterwegs wären. Denn es wäre viel zu anstrengend, da es nur Gegenwind gibt und es nahezu ständig bergauf geht. Außerdem bietet die Landschaft rund um die Stadt nichts Besonderes, dass es sich lohnt, diese Ödnis freiwillig aufzusuchen. Das einzige Abenteuer, auf das wir uns einlassen würden, wäre, nicht von einem Auto erfasst zu werden.

"Wir werden schon etwas Passendes finden", antworte ich ausweichend.

"Ich bin jedenfalls nicht da", sagt mein Großonkel zum wiederholen Male, dass ich mich frage, wie oft er mir das noch mitteilen will. Vergesslich bin ich noch lange nicht, auch wenn Kathrins Aufträge schneller aus meinem Gedächtnis verschwunden sind, als sie diese sagen konnte. Der Unterschied besteht darin, dass ich ihre Sachen vergessen will.

Mein Großonkel steht aus dem Sessel auf. Glücklicherweise hat er nicht versucht, die Knöpfe des Sessels auszuprobieren, um diesen in eine angeblich bequemere Position zu bringen. Ich hätte ihn da allein nie wieder rausbekommen. Aber was musste er auch an den Knöpfen rumspielen? Man lässt fremde Sessel so, wie man sie vorgefunden hat und verstellt sie nicht. Glücklicherweise ist er vorher eingeschlafen, bevor er auf die Idee kommen und etwas passieren konnte.

"Muss dringend diesen abartigen Geschmack loswerden. Mach's mal gut und schütt' diese Plörre weg, wenn du der Menschheit einen Gefallen tun willst."

Bloß weil meinem Großonkel das Bier nicht schmeckt, soll ich es vernichten? Könnte sein, dass Tim und mein Mitbewohner sich die Finger danach lecken werden. Wenn sie es nicht mögen, müssen sie dennoch in den sauren Apfel beißen und ihre sechs Flaschen leeren. Das wird ihnen eine Lehre sein, nicht gleich so eine Masse zu kaufen, wenn man ein Produkt nicht kennt. Ich werde ihnen dabei nicht helfen, das Bockbier zu trinken, obwohl ich nicht finde, dass es schlecht schmeckt. Aber ich mag auch Sojasauce ganz gern. Insofern bin ich in meinem Urteil nicht ganz neutral.

Als ich das Bier in die Flasche zurückschütte, fällt mir ein, dass es nur noch anderthalb Wochen bis Pfingsten sind. Herrje, was mache ich nur? Nein, was werden wir dann machen?

In meinen düstersten Vorstellungen sehe ich uns auf dem Balkon stehen und grillen. Tim fungiert als Grillmeister: in der einen Hand die Grillzange, in der anderen eine Flasche Bier, die er im hohen Bogen über das Grillgut schüttet. Dadurch fabriziert er einen Kurzschluss, sodass uns der Sicherungskasten um die Ohren fliegt und gar nichts mehr funktioniert. Allerdings nicht nur bei mir, sondern gleich im ganzen Haus. So habe ich mir das nicht vorgestellt.

Dieses Horrorszenario muss unbedingt verhindert werden. Grillen auf dem Balkon ist absolut die letzte Option. Wird auch wieder nur meine Nachbarn rebellisch machen. Die können einen Smoker benutzen, stinken mit ihrem Grillgut alles voll und lassen Nebel aus Kohle entstehen, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sehen kann. Aber wenn ich mal etwas auf meinen Elektrogrill lege, ist das der größte Frevel, den es gibt. Wahrscheinlich sind die bloß neidisch, weil bei mir nichts verbrennt und man keine gesundheitlichen Schäden in Kauf nehmen muss. Nur sich deshalb über imaginäre Geruchsbelästungen aufregen? Einbildung wird mitunter auch als Bildung angesehen.

Als mein Mitbewohner am frühen Abend nach Hause kommt, habe ich die leidige Episode mit dem Bier längst vergessen. Deshalb erntet er von mir auch nur ratlose Blicke, als er in mein Zimmer gestürzt kommt. Von Anklopfen hat er wohl noch nichts gehört, auch wenn meine Tür offenstehen mag. Ich könnte mich von der plötzlichen Anwesenheit einer fremden Person in meinem Zimmer zu Tode erschrecken. Glücklicherweise habe ich ein starkes Herz und bin nicht furchtsam. Solange ich nachts nicht über einen Friedhof muss... Aber lassen wir das.

"Wieso öffnest du ungefragt eine meiner Bierflaschen? Du trinkst so was nicht. War Kathrin da und wollte Pfannkuchen backen? Hast du die alle allein gegessen? So was muss geteilt werden. Wenn du dich ungefragt an meinem Vorrat vergreifst, will ich wenigstens etwas vom Endergebnis haben."

Jetzt fällt mir wieder ein, wovon mein Mitbewohner spricht. Von diesem Bürgerbock mit dem komischen Geschmack.

Mit einem Trichter hatte ich den Inhalt des Kruges zurück in die Flasche gefüllt, diese verschlossen und in den Kühlschrank gestellt. Wenn das Bier schon seltsam schmeckte, musste es nicht auch noch schal werden, was den Geschmack sehr wahrscheinlich noch verschlimmert hätte.

Wie es aussieht, hat mein Mitbewohner nun ebendiese Flasche im Kühlschrank gefunden. Aber sich gleich so aufzuregen? Bis auf zwei Schlucke ist noch alles drin! Das muss ich ihm nicht auf die Nase binden, dass etwas fehlt, sonst fängt er noch an, mir einen Vortrag über Mundraub in einer Wohngemeinschaft zu halten. Als Einschlafhilfe kann ich mir etwas Besseres vorstellen. Da wirkt die 4-7-8-Regel besser.

"Mein Großonkel wollte ein Bier haben. Woher sollte ich ahnen, dass dir diese Bockbierplörre so wichtig ist? Hättest einen Zettel dazulegen können, wenn davon niemand etwas nehmen darf."

"Bisher hat sich noch niemand an meinen Sachen vergriffen." Er hält inne, als würde ihm erst jetzt etwas einfallen. "Wieso nennst du das Bier eine Plörre? Weißt du eigentlich, was das gekostet hat?"

Aha, wir nähern uns dem wahren Grund, warum ich keine der Bierflaschen hätte nehmen sollen. Es geht ums Geld. Seit wann ist mein Mitbewohner ein Geizkragen? Ich kenne ihn immer nur als recht großzügig. Wobei, wenn ich es recht bedenke, ist er immer nur dann spendabel, wenn er etwas loswerden will. Also alles nur Schleim.

"Mehr als das Zeug vom Discounter?", frage ich unschuldig. Dabei ist das klar, sonst würde mein Mitbewohner nicht so sehr auf dem Preis herumhacken.

"Das ist eine Sonderabfüllung, die nur alle zwanzig Jahre gebraut wird. Dementsprechend begehrt sind die Flaschen."

"Was macht das Besondere aus? Die begrenzte Stückzahl?", will ich wissen. "Oder wird zwanzig Jahre altes Getreide verwendet?"

"Nein, natürlich nicht. Wie kommst du denn auf diesen Schwachsinn?"

"Mein Großonkel sagt, das Bier würde nicht schmecken."

"Pah, in seinem Alter schmeckt man sowieso nichts mehr, weil die Geschmacksnerven abgestorben sind." Der Kopf meines Mitbewohners richtet sich, kaum hat er den Satz ausgesprochen, abrupt auf die Flasche. Anscheinend betrachtet er den Inhalt. Viel ist nicht weg von dem kostbaren Gut. Das dürfte ihm gar nicht auffallen. "Hat er etwa davon getrunken? Aus der Flasche?"

Er versucht mich streng anzusehen und fixiert seinen Blick direkt auf meine Augen. Falls er mir damit Angst einjagen will, bezweckt er damit nur das Gegenteil. Es sieht zu komisch aus und ich muss mich zusammenreißen, um nicht laut loszuprusten.

"Beruhig dich, mein Großonkel ist viel zu kultiviert, um aus einer Flasche zu trinken", erwidere ich wahrheitsgemäß. "Ich habe ihm ein wenig in ein Glas gegossen, damit er es probieren kann. Den Geschmack fand er so abstoßend, dass er es grundlegend ablehnte, weiterzutrinken."

"Der weiß Qualität überhaupt nicht zu schätzen. Weißt du, was der für Bier zuhause stehen hat?" Nein, aber ich werde es bestimmt gleich erfahren. "Das billigste Zeug, das es gibt."

"Ach, mein Großonkel trinkt neuerdings Discounterware?", frage ich verwundert. Wenn er das tatsächlich tun sollte, hätte er wirklich seinen Geschmackssinn verloren. Nur wie lässt sich erklären, dass er sofort den seltsamen Geschmack erkannt hat? Zufall?

"Nee, aber gleich die Preisklasse darüber."

"Wenn's nur das ist", sage ich und winke ab, denn das ist nun wirklich keine Neuigkeit für mich. "Schließt du jetzt daraus, mein Großonkel hätte keine Ahnung, wenn es um gutes Bier geht? Kann doch sein, dass ihm das besser schmeckt als ein hochpreisiges Bier. Die meisten Sorten sind völlig überbewertet, weil sie so viel Werbung machen oder irgendwelche Ereignisse sponsern. Und um noch mal auf die Flasche in deiner Hand zu kommen. Wie normales Bier schmeckt das wirklich nicht, sondern wie eine Mischung aus Saucen und Süßigkeiten."

"Hast du etwa auch davon getrunken?"

Noch einmal betrachtet er ausgiebig den Inhalt der Flasche, als wolle er überprüfen, ob es nicht mit Wasser aufgefüllt wurde.

"Irgendjemand musste den Rest des Glases trinken. Ich hätte es auch wegschütten können, aber dann hätte ich diese wertvolle Flüssigkeit nutzlos verschwendet. Damit wärest du sicherlich nicht einverstanden gewesen."

"Ja, natürlich, bei dem Preis", stimmt er mir zu. Offensichtlich war es richtig, als ich ihn auf die Kosten pro Flasche angesprochen habe.

"Ach, übrigens, bevor du davon trinkst und tot umfällst, möchte ich wissen, was Montag übernächste Woche für ein Tag ist."