Das Haus im Nebel - V.C. Andrews - E-Book
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Das Haus im Nebel E-Book

V.C. Andrews

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Beschreibung

V.C. Andrews – eine der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Welt. Und eine Meisterin der romantischen Spannung! Misty, Star, Jade und Cat – vier junge Mädchen, die eines eines gemeinsam haben: Sie kommen aus zerrütteten Familien und werden von entsetzlichen Erinnerungen gequält, über die sie mit niemandem sprechen können. Jede erfundene Geschichte ist vermutlich besser als die grauenvolle Wahrheit. Doch in der Therapiegruppe ihres Psychiaters Dr. Marlowe lernen die vier, sich einander zu öffnen, und erfahren das Wunder, dass es Menschen gibt, die für ihre Gefühle größtes Verständnis zeigen ... Liebe, Hass und dunkle Geheimnisse – V.C. Andrews´ bewegende Wildflower-Saga!

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Seitenzahl: 782

Veröffentlichungsjahr: 2015

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 V.C. Andrews – eine der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Welt. Und eine Meisterin der romantischen Spannung!
 Der Sammelband aus Misty, Star, Jade und Cat
 Misty, Star, Jade und Cat – vier junge Mädchen, die eines eines gemeinsam haben: Sie kommen aus zerrütteten Familien und werden von entsetzlichen Erinnerungen gequält, über die sie mit niemandem  sprechen können. Jede erfundene Geschichte ist vermutlich besser als die grauenvolle Wahrheit. Doch in der Therapiegruppe ihres Psychiaters Dr. Marlowe lernen die vier, sich einander zu öffnen, und  erfahren das Wunder, dass es Menschen gibt, die für ihre Gefühle größtes Verständnis zeigen ...
 Liebe, Hass und dunkle Geheimnisse – V.C. Andrews´ bewegende Wildflower-Saga!
Inhaltsverzeichnis
Kurzbeschreibung
Titelei
Impressum
Misty
PROLOG
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
EPILOG
Star
PROLOG
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
Jade
PROLOG
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
Cat
PROLOG
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Unfinished Symphony"         Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2015 Edel Germany GmbH
Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright der Originalausgabe © 1999 by the Vanda General Partnership
All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form. This edition published by arrangement with the original publisher, Pocket Books, a division of Simon & Schuster, Inc., New York.“
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2001 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH.
Ins Deutsche übertragen von Susanne Althoetmar-Smarczyk
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Jouve
V. C. Andrews
Misty
Roman 
PROLOG
Wir wurden getrennt zu Dr. Marlowes Haus gebracht. Meine Mutter fuhr mich selbst hin, denn sie war auf dem Weg zu ihrem wöchentlichen Schaufensterbummel mit ihrer Freundin Tammy, der gekrönt wurde von einem Mittagessen mit einigen Freundinnen in einem der teuren Restaurants Santa Monicas in Strandnähe.
Meine Mutter glaubte immer noch, sie hätte eine Chance, entdeckt zu werden und auf dem Titelblatt einer Zeitschrift zu landen. Erst gestern hielt sie ein Zeitschriftencover neben ihr Gesicht und fragte: »Findest du nicht auch, dass ich genauso hübsch bin wie sie, Misty? Dabei bin ich mindestens zehn Jahre älter.«
Zwanzig Jahre älter stimmt wohl eher, dachte ich, wagte es aber nicht zu sagen. Alt zu werden wird bei uns zu Hause definitiv als eine Krankheit betrachtet. Minuten hält man für Krankheitserreger, Tage, Monate und Jahre für Seuchen. Meine Mutter machte Ponce de Leons Suche nach der sagenumwobenen Quelle der Jugend zu einem bloßen Sonntagsschulausflug. Es gibt nichts, was sie nicht kaufen würde, keinen Ort, an den sie nicht gehen würde, wenn auch nur die geringste Möglichkeit bestünde, den Lauf der Zeit dadurch aufzuhalten. Die meisten ihrer Freundinnen sind genauso und hegen ähnliche Befürchtungen. Ich frage mich nur, ob ich eines Tages auch so werde und in panischer Angst vor grauen Haaren, Falten und Kalziummangel lebe.
Wenn meine Mutter heute nicht nach Santa Monica gefahren wäre, hätte sie wie üblich ein Taxi für mich bestellt und meinem Vater die Rechnung geschickt. Sie schickt ihm liebend gerne Rechnungen. Jedes Mal, wenn sie einen Umschlag beleckt und schließt, klopft sie mit der geschlossenen Faust darauf und sagt: »Da hast du’s.« Wenn Daddy so einen Umschlag in seiner Post sieht, schneidet er sicher eine Grimasse und sein Portemonnaie schreit »Autsch«.
Ich bin wie ein Dart-Pfeil, mit dem sie jetzt nach ihm wirft. »Sie braucht neue dies; sie braucht neue das. Der Zahnarzt sagt, sie braucht eine Klammer. Sie braucht neue Schulkleidung. Hier ist die Rechnung von ihrem Besuch beim Hautarzt, die Rechnung, die deine Versicherung nicht bezahlt.«
Mom landet immer weitere Volltreffer, sie bestraft meinen Vater mit meinen Bedürfnissen, haut ihm die Kosten für Designerjeans, gepflegte Zähne und alles andere, was sie für Geld kaufen kann, um die Ohren. Sie stürzt sich auf jede neue Rechnung, addiert dann schleunigst und schickt sie ihm so bald als möglich. Einmal ließ sie ihm eine Rechnung durch Kurier ins Büro zustellen, obwohl er noch Tage Zeit hatte, sie zu begleichen.
Daddy bemüht sich, die Ausgaben niedrig zu halten, fragt deshalb manchmal warum und versucht Alternativen zu finden, aber immer wenn er das tut, führt Mommy mir seine Ansichten vor Augen wie ein Torero dem Stier das rote Tuch und schreit: »Siehst du, wie viel du ihm wert bist? Immer ist er auf der Suche nach einem Sonderangebot. Wenn er für alles, was du brauchst, billigere Angebote finden will, soll er doch die ganzen Einkäufe erledigen.«
Daddy sagt, er will nur sichergehen, dass die Sachen auch ihr Geld wert sind.
Ich bin ja so froh, solch besorgte Eltern zu haben. Für alles, was mir beschert wurde, muss ich von Herzen dankbar sein. Wünscht sich nicht jeder, seine Eltern wären geschieden? Ich fragte mich, ob die anderen Mädchen, die heute zu Dr. Marlowe kommen, auch in Peitschen verwandelt worden waren, mit denen ihre Eltern aufeinander einschlugen.
Jade wurde vom Chauffeur ihres Vaters gefahren, weil es zufällig ihr Wochenende bei ihrem Vater war und dieser noch einen Termin hatte. Alle Mitglieder der WME, Waisen mit Eltern, sind einfach entzückt, wenn sie von einem »wichtigen Termin« hören. Was unsere Eltern normalerweise damit sagen wollen ist: »Ich habe etwas Wichtigeres zu tun, als mich um dich zu kümmern. Wenn ich nicht geschieden wäre, könnte dein Vater einspringen, aber das ist nun mal nicht möglich. Bei uns ist das anders. Du bist wie eine wilde Blume, die außerhalb des Gartens wächst, ohne Pflege, meistens auf sich selbst angewiesen, die für die richtige Menge Regen und Sonnenschein beten muss, weil niemand da ist, um sie zu gießen und zu nähren.«
»Ich muss Scheuklappen angehabt haben, als ich deine Mutter heiratete«, sagt Daddy. Mommy sagt: »Ich muss völlig besoffen gewesen sein. Es gibt keine andere denkbare Erklärung für solch eine Dummheit.«
Sagten die Eltern der anderen Mädchen auch so etwas in ihrer Gegenwart? Manchmal fühlte ich mich wie unsichtbar, als würden meine Eltern einfach vergessen, dass ich anwesend war, wenn sie tobten und schrien. Mit einer Sache hatte Dr. Marlowe Recht: Ich war wirklich gespannt, etwas über die Erfahrungen der anderen Mädchen zu hören. Das trieb mich mehr als alles andere heute hierher. Oh, ich kenne andere Waisen mit Eltern in der Schule, aber ohne die Therapie, ohne eine Dr. Marlowe, die Licht in die dunklen Ecken bringt, vertrauen sie dir nicht an, was in ihnen vorgeht. Sie sind verschlossen, haben Angst oder schämen sich, dass jemand entdecken könnte, wie verloren und allein sie wirklich sind.
Stars Großmutter brachte sie zu Dr. Marlowes Haus. Star erzählte uns später, dass ihre Großmutter achtundsechzig war und die Verantwortung für sie und ihren kleinen Bruder zu einer Zeit übernommen hatte, als sie eigentlich im Schaukelstuhl auf der Veranda sitzen und Pullover für ihre Enkel stricken sollte. Und plötzlich – war sie wieder Mutter.
Cathys Mutter hatte sie hergebracht, aber um ihr diese Information zu entlocken benötigte man beinahe eine Brechstange. Vielleicht hatte sie Angst davor, ihre eigene Stimme zu hören und sich selbst einzugestehen, dass es sie gab. Sehr schnell erinnerte sie uns an ein verängstigtes Kätzchen, das sich zu einem Fellknäuel zusammengerollt hatte. Ich war diejenige, die sie Cat statt Cathy nannte, und ratet mal, was nach einer Weile passierte? Es gefiel ihr selbst auch besser.
An einem warmen Frühsommermorgen wurde ich in Brentwood vor dem Haus, das Wohnung und Praxis der Ärztin beherbergte, ausgeladen. Der dunkelblaue Morgennebel hob sich gerade und gab den Blick frei auf einen kalifornischen Himmel in der Farbe verwaschener Jeans. Es würde einer dieser vollkommenen Tage werden, die für uns alle in Los Angeles so selbstverständlich sind. Am Nachmittag würden duftige, an Baisers erinnernde Wolken aufziehen. Die Brise fühlte sich dann wie sanfte Finger auf deiner Wange und in deinem Haar an, und die Autoscheiben wurden zu funkelnden Spiegeln.
Wir lebten in einer so vollkommenen Welt. Warum waren wir so unvollkommen? Bei uns allen lauerten Schatten in den Ecken und Getuschel hinter den Türen, ganz gleich wie hell und strahlend es draußen war. Ich stellte mir immer vor, dass alle anderen friedlich lebten, nur wir waren Schachfiguren in lautlosen Kriegen. Es wurde nicht geschossen, aber wir fragten uns alle, ob es nicht noch dazu kommen würde. Die Verwundeten und Toten waren nur Hoffnungen und Wünsche, die Bomben waren nur Worte, gemeine Worte in kaltes Lächeln verpackt oder auf offizielle Dokumente gedruckt, die zusammen mit der Asche der Feuer, in denen unsere Familien verbrannten, in unser Leben trieben.
Man konnte leicht erkennen, dass Dr. Marlowe eine erfolgreiche Praxis führte. Ihr riesiges Haus im Tudorstil stand auf einem Grundstück von beachtlicher Größe in einer erstklassigen Gegend. Dort wohnten nur sie und ihre ältere Schwester Emma; daher war reichlich Platz für ihre Praxisräume vorhanden.
Warum sollte sie keine profitable Praxis haben, fragte ich mich. Schließlich werden ihr nie die Klienten ausgehen. Selbst die Kinder, die nicht aus zerbrochenen Familien kamen, hatten Probleme, und viele von ihnen waren entweder privat oder beim Schulpsychologen in Therapie.
Vielleicht war es eine Epidemie. Arthur Pols, einer der Jungen aus meinem Schuljahrgang, behauptete, diese ganzen gestörten Familienverhältnisse seien eine Folge der Sonnenflecken. Er war ein Computercrack und ein Wissenschaftsfreak, daher glaubten einige meiner Freundinnen, er könnte vielleicht Recht haben. Mir kam es so vor, als hätte er den Kopf voller Bienen, von denen jede in eine andere Richtung summte, während sie aufeinander einstachen. Immer wenn ich ihn anschaute und er es bemerkte, rollte er die Augen wie Murmeln in einem Glas.
»Ruf mich an, und sag mir, wann du abgeholt werden sollst, Misty«, forderte mich meine Mutter auf, als ich die Autotür öffnete und ausstieg. »Ich habe dir doch bereits gesagt, wann du hier sein sollst«, erwiderte ich.
»Ja schon, aber du weißt doch, dass ich kein Zeitgefühl habe. Denk daran, wenn ich nicht zu Hause bin, leitet der Antwortdienst das Gespräch an mein Handy weiter, okay, Honey?«
»In Ordnung«, antwortete ich und knallte die Tür ein wenig fester als nötig zu. Sie hasste das. Angeblich erschütterte das ihr Nervensystem. Alles erschütterte heutzutage ihr Nervensystem dermaßen, dass sie an einen Flipperautomaten erinnerte, der »tilt« anzeigte, wenn man ihn zu heftig anstieß. Ihre Augen nahmen dann diese graue glasige Farbe kaputter Glühbirnen an, und sie bekam eine Kiefersperre.
Ich drehte mich um und steuerte auf den von einem Bogen überwölbten Eingang zu, in der Hoffnung, nicht die Erste zu sein. Dann müsste ich einige Zeit mit Emma verbringen, deren Lächeln so falsch war wie eine Plastikfrucht. Ich konnte spüren, dass sie mein Gesicht die ganze Zeit, während sie sprach, nach Anzeichen irgendeiner Geisteskrankheit absuchte. Sie redete mit mir, als sei ich neun Jahre alt, schlich auf Zehenspitzen um mich herum, während sie mich mit Fragen bombardierte, und lachte nervös nach allem, was ich sagte oder sie fragte. Sie brauchte eine Therapie, fand ich, nicht eine von uns.
Vielleicht lebte sie deshalb bei ihrer Schwester. Sie war mindestens fünfzig und seit Jahren geschieden. Danach hatte sie nie wieder geheiratet, und nach allem, was ich mitbekam, lebte sie wie eine Einsiedlerin. Vielleicht hatte ihr Mann ihr etwas Schreckliches angetan. Jade, die gerne alle außer sich selbst analysierte, kam zu der Diagnose, dass Emma an einer so genannten Agoraphobie litt, weil sie Angst vor öffentlichen Plätzen hatte. Vielleicht hatte Jade Recht. Mir war aufgefallen, dass Emma bereits eine Panikattacke bekam, wenn sie nur vor die Haustür trat.
Weder sie noch Dr. Marlowe hatten Kinder. Dr. Marlowe war Anfang vierzig und hatte nie geheiratet. War das einer dieser berühmten Fälle eines Schuhmachers mit Löchern in den Schuhen? Schließlich galt sie als Expertin für Eltern-Kind-Beziehungen, obwohl sie selbst gar kein Kind hatte. Dabei war sie nicht so unattraktiv, dass kein Mann sie anschauen würde. Vielleicht analysierte sie jeden Mann, mit dem sie sich verabredete, und das konnten sie nicht ertragen. Ich lachte, als ich mir vorstellte, wie sie erst miteinander schliefen und sie dann jedes Stöhnen und jeden Seufzer erklärte.
Konnte ein Psychiater je romantisch sein? Ich wollte unbedingt in Erfahrung bringen, ob eine der anderen sich ähnliche Gedanken über sie machte. Ja, vielleicht würde es doch Spaß machen, zusammen zu sein, überlegte ich, als ich klingelte. Mein Herz schlug kleine Purzelbäume. Wir alle waren vorher schon mal hier gewesen, aber bis heute noch nie zu einer besonderen Gruppentherapie, wie Dr. Marlowe sie bezeichnete. Sie hatte entschieden, dass wir alle das Stadium erreicht hatten, in dem das von Vorteil sein könne. Mich interessierte nur, dass wir einander alle nicht kannten. Dr. Marlowes Technik bestand darin, uns sehr wenig voneinander zu erzählen, damit wir nicht mit vorgefassten Meinungen zu den Sitzungen kamen. Sie wollte uns nur mitteilen, wie jedes Mädchen hieß und bei wem es lebte, seit seine Eltern geschieden waren oder sich getrennt hatten oder deren Ehe auseinander gebröckelt war. Das scheint besser zu passen. So fühle ich mich … als würde ich auseinander bröckeln, Arme und Beine treiben davon, und ich bleibe zurück mit diesem sechzehn Jahre alten Torso, der nach einem Ausweg aus diesem Alptraumhaus ohne Türen und Fenster sucht.
Wie auch immer, eine Gruppe von Mädchen, die noch nie miteinander gesprochen hatten, sollten sich jetzt in einem Zimmer versammeln und ihren Schmerz, ihre Wut und ihre Furcht miteinander teilen, und das sollte, laut Dr. Marlowe, Wunder wirken. Ich bin mir sicher, dass die anderen sich genauso fühlten wie ich: sehr skeptisch und sehr ängstlich. All the king’s horses and all the king’s men couldn’t put Humpty together again. An dieses Lied fühlte ich mich erinnert.
Na los, Dr. Marlowe, forderte ich sie heraus, als ich mich der Tür näherte. Setzen Sie uns wieder zusammen.
KAPITEL EINS
Guten Morgen, Misty«, rief Dr. Marlowes Schwester die Wendeltreppe hinab, nachdem ihr Hausmädchen Sophie die Tür geöffnet hatte.
Emma trug eines ihrer Blumenkleider in Übergröße. Ihr Haar war rund um die Ohrmuscheln mit rasiermessergenauer Präzision geschnitten, der Pony wirkte wie auf die Stirn gemalt und Strähne für Strähne festgeklebt. Es war kohlrabenschwarz gefärbt, vermutlich um das geringste Anzeichen von Grau im Keime zu ersticken. Der Kontrast zu ihrem blassen Teint ließ die Haut ihres runden Gesichtes wie Seidenpapier aussehen. Wie erstarrt blieb sie auf der Treppe stehen und wartete, bis ich hereinkam, als hätte sie Angst, ich könnte meine Meinung ändern.
Sophie schloss hinter mir die Tür. Tief aus dem Inneren des Hauses drang Mozarts Symphonie Nr. 40 in g-Moll. Ich bin keine Expertin für klassische Musik; ich erkannte das Stück nur, weil wir es gerade mit dem Schulorchester einübten. Ich spiele Klarinette. Meine Mutter befürchtete, meine Zahnkorrektur könnte dadurch Schaden leiden, aber Mr LaRuffa, unser Orchesterleiter, unterschrieb praktisch eine eidesstattliche Erklärung, dass dies nicht passieren würde. Schließlich setzte meine Mutter ihre Unterschrift auf die Teilnahmegenehmigung.
Mein Vater vergaß dieses Jahr, unser großes Konzert zu besuchen, obwohl ich Klarinette geübt hatte, als ich das Wochenende zuvor in seinem neuen Heim verbracht hatte. Ariel, seine Freundin, hatte versprochen, ihn daran zu erinnern, was ich an sich schon sehr erstaunlich fand. Sie sah aus wie jemand, der kleine Spiegel im Gehirn hatte, die Gedanken reflektierten, sie hin- und herprallen ließen, begleitet von Gekicher, das mich an winzige Seifenblasen erinnerte.
Ganz gleich wie offensichtlich mein Sarkasmus war, Ariel lächelte. Ich vermute, Daddy fühlte sich wohl bei ihr, weil sie wie ein Revlon-Model aussah und nie irgendetwas, das er sagte, in Frage stellte. Was immer er von sich gab, sie nickte und riss die Augen weit auf, als hätte er gerade einen bahnbrechenden Kommentar abgegeben. Sie war das genaue Gegenteil meiner Mutter, die es heute schon in Frage stellen würde, wenn er guten Morgen sagte.
Vor allem bekam er von Ariel Sex. Nach Ansicht meiner Mutter und ihrer Freundinnen ist dies das Einzige, aus dem sich Männer wirklich etwas machen.
»Die Frau Doktor ist in ein oder zwei Minuten bei dir«, sagte Emma, während sie die mit Teppichboden ausgelegte Treppe mit der gleichen Behutsamkeit hinunterschritt wie jemand, der sich den Weg über eine matschige Straße suchte: kleine vorsichtige Schritte, bei denen sie das Geländer fest umklammerte. Ich fragte mich, ob sie eine Alkoholikerin war. Sie benutzte so viel Parfüm, dass es ausgereicht hätte, um den Gestank eines Müllwagens zu übertönen, daher konnte man nur schwer sagen, ob sie trank oder nicht. Aber seit ich zum ersten Mal zu Dr. Marlowe gekommen war, hatte sie fast zwanzig Kilo zugenommen. Als ich das Mommy erzählte, meinte sie: »Vielleicht trinkt sie ja heimlich.«
»Wie geht es dir heute, Liebes?«, fragte Emma, als sie endlich vor mir stand. Sie war nicht viel größer als ich, vielleicht einen Meter fünfundfünfzig, aber sie schien auseinander zu gehen wie ein Hefekuchen. Ihr schwerer Busen, jede Brust in Größe und Form eines Fußballs, hielt das blumige Zelt von ihrem Körper ab.
Ich trug meine übliche Kleidung für diese geistigen Spielchen mit Dr. Marlowe: Jeans, Turnschuhe, weiße Socken und eins von einem Dutzend T-Shirts, über die meine Mutter sich ärgerte. Auf dem heutigen war ein gestrandeter Wal abgebildet, dem ein Strom schwarzer Flüssigkeit aus dem Maul quoll. Darunter stand: Hoppla, schon wieder eine Öllache.
Emma beachtete anscheinend nie, was ich trug. Sie war so nervös wie immer in meiner Gegenwart und presste ihre dicken Lippen aufeinander, während sie lächelte, so dass es aussah wie ein zerschmettertes kleines Lachen.
»Die Frau Doktor möchte, dass du direkt in ihren Behandlungsraum kommst«, sagte sie mit einer so dünnen und hohen Stimme, als wäre sie kurz davor zu schreien.
Welche Erleichterung für uns beide, dachte ich.
»Sonst schon jemand da?«, erkundigte ich mich. Bevor sie antworten konnte, klingelte die Türglocke und Sophie, die wie ein Stehaufmännchen bereitstand, trat in Aktion. Sie öffnete die Tür, und wir alle sahen ein großes, attraktives schwarze Mädchen mit geflochtenem Haar. Es trug einen hellblauen Baumwollpullover und einen dunkelblauen Rock. Sofort schoss mir durch den Sinn, dass ich eines Tages einmal solch eine Figur haben wollte, wenn meine blöden Hormone endlich aufwachten.
»Oh, Star«, begrüßte Emma Marlowe sie und wandte sich in Richtung auf die Musik um, als hoffte sie, gerettet zu werden. »Komm herein, komm doch herein«, fügte sie rasch hinzu. Star? Ich dachte, Dr. Marlowe hätte den Nachnamen gemeint, als sie mir erzählte, dass eines der Mädchen so heißt. Misty war schon eine schwere Bürde, aber Star? Eine weitere Kleinigkeit hatte Dr. Marlowe noch zu erwähnen vergessen, nämlich dass sie schwarz war.
Star lächelte affektiert. Es war ganz klar ein Ausdruck der Verachtung, die Mundwinkel heruntergezogen und die ebenholzschwarzen Augen zusammengekniffen. Sie starrte mich an. Einen Augenblick lang hatten wir das Gefühl, Revolverhelden in einem Western zu sein, die darauf warteten, dass der andere sich zuerst bewegte. Was keine von uns tat.
»Bestimmt wollte die Frau Doktor euch einander vorstellen. Also, das ist Misty«, übernahm Emma Marlowe diese Aufgabe.
»Hi«, sagte ich.
»Hi.« Sie wandte rasch den Blick ab und forderte Dr. Marlowes Schwester praktisch heraus, Smalltalk zu machen.
Stattdessen wedelte Emma dramatisch mit den Armen, deutete in Richtung auf die Praxisräume und stotterte:
»Ihr beide könnt … direkt … weitergehen … hinein.«
Wir gingen in die Praxis. Weder Star noch ich brauchten irgendwelche Anweisungen. Wir waren schon oft genug hier gewesen.
Für ein Konsultationszimmer war der Raum groß. Eine Seite wirkte fast wie ein kleines Wohnzimmer mit zwei großen braunen Ledersofas, einigen dazu passenden Sesseln, Beistelltischchen und einem großen runden Glastisch in der Mitte. Die Wände waren mit Eichenpaneelen vertäfelt, Terrassentüren an der Rückseite des Hauses führten zum Garten und zum Swimmingpool. Diese Seite des Hauses lag nach Westen; daher war der Raum, wenn man einen Nachmittagstermin hatte, hell erleuchtet wie eine Broadway-Bühne. Bei Morgenterminen fehlte nicht nur das direkte Sonnenlicht, wenn der Himmel bewölkt war, mussten auch mehr Lampen eingeschaltet werden.
Außerdem war bei schönerem Wetter auch unsere Stimmung in diesen Praxisräumen eine andere. Man schleppte seine Depressionen und Ängste wie Koffer mit Übergewicht in diesen Raum hinein und hoffte, dass Dr. Marlowe einem helfen würde, sie auszupacken. An dunklen Tagen fiel das schwerer, die Depressionen saßen tiefer.
Ich stellte mir immer vor, dass die schlimmen Erinnerungen in meinem Gehirn mit Kontaktkleber festgeklebt waren, und wenn Dr. Marlowe eine davon ablöste, blieb ein Stück von mir daran hängen.
Manchmal saß Dr. Marlowe an ihrem Schreibtisch und sprach mit mir, während ich auf einem der Sofas saß. Vermutlich glaubte sie, ich wäre offener, wenn sie weiter entfernt war. Sie machte viele kleine Experimente mit mir, und ich konnte es kaum abwarten zu erfahren, was meine Leidensgenossinnen über sie dachten.
Als ich direkt auf mein übliches Sofa zusteuerte, hielt Star inne. Ich sah ihr an, was sie dachte.
»Wo sitzt du normalerweise, wenn du hier bist?«, fragte ich sie. Sie warf einen Blick auf das andere Sofa und schaute mich dann scharf an.
»Was macht das schon aus?«, erwiderte sie. Ich zuckte die Achseln. Sie blieb stehen.
»Ich schlafe immer auf der rechten Seite meines Bettes. Und du?«
»Hm?« Sie schnitt eine Grimasse, dabei zogen sich ihre Augenbrauen in die Höhe und ihre Ohren wackelten. Ich lachte.
»Was ist denn so verdammt komisch?«
»Deine Ohren haben sich bewegt«, sagte ich.
Sie starrte mich einen Augenblick an, dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem schwarzen Porzellangesicht aus. Ihr Teint war so glatt und klar, als hätte ein Bildhauer ihr Gesicht erst vor einer Stunde in seinem Atelier poliert. Bei mir sprossen dagegen trotz meines teuren Hautspezialisten fast täglich überall auf der Stirn und am Kinn Ausschlag und Pickel hervor. Mommy gab den Dingen, die ich aß, wenn sie nicht dabei war, die Schuld. Dr. Marlowe meinte, so etwas könnte auch durch Stress verursacht werden. Wenn das allerdings der Fall wäre, müsste mein Kopf ein einziger, riesiger Pickel sein.
»Ich weiß«, sagte Star. »Jeder erzählt mir das, aber ich merke es nicht einmal. Ich schlafe übrigens auch auf der rechten Seite«, vertraute sie mir einen Augenblick später an.
»Und wenn du aus irgendeinem Grund auf der anderen Seite schlafen musst, ist das ein Problem, stimmt’s?«
»Ja«, gab sie zu und beschloss, sich auf dasselbe Sofa zu setzen wie ich.
»Wie lange kommst du schon her?«, fragte sie mich.
Ich überlegte einen Augenblick.
»Ich glaube, etwa zwei Jahre«, sagte ich. »Und du?«
»Fast ein Jahr. Ich sage meiner Oma ständig, ich sollte aufhören damit, aber das will sie nicht.«
Ich erinnerte mich daran, dass Dr. Marlowe erzählt hatte, eines der Mädchen lebte bei seiner Großmutter.
»Du lebst nur bei deiner Großmutter?«
»Stimmt«, bestätigte sie kurz angebunden. Sie sah aus, als wollte sie mir an die Kehle gehen, wenn ich irgendeinen negativen Kommentar dazu abgab. Das lag mir völlig fern. Tatsächlich war ich eifersüchtig.
»Ich habe die Eltern meines Vaters nie kennen gelernt. Seine Mutter starb, als er noch sehr jung war, und sein Vater starb, als ich noch ein Baby war. Die Eltern meiner Mutter leben in Palm Springs, aber ich sehe sie nicht oft. Sie sind golfsüchtig. Wenn ich ein Caddy wäre, würde ich sie öfter sehen.«
»Ein Caddy?«
»Derjenige, der die Schläger und das ganze Zeug schleppt.«
»Oh.«
»Vor ein paar Jahren schenkte ich ihnen Golfbälle mit meinem Bild, damit sie mich wenigstens hin und wieder anschauen konnten«, erzählte ich ihr, »aber sie haben sie nicht benutzt, weil sie mir nicht ins Gesicht schlagen wollten.«
Die Augenbrauen fuhren wieder in die Höhe und die Ohren wackelten.
»Machst du Witze?«
»Juhu«, sagte ich. »Ich lüge viel.«
Sie starrte mich einen Augenblick an und brach dann in ein freundliches Gelächter aus.
»O ja«, meinte sie. »Darauf könnte ich wetten.«
»Heißt du wirklich Star? Ist das kein Spitzname oder so was?« Sie hörte auf zu lachen; ihre ebenholzschwarzen Augen funkelten wie zwei glühende Kohlen.
»Du heißt wirklich Misty?«, schleuderte sie mir entgegen und kehrte mir, während sie sprach, die Schulter zu.
»Ja«, versicherte ich. »Meine Mutter nannte mich nach einem Filmstar, weil sie und mein Vater sich nicht auf einen Namen oder einen Verwandten, nach dem sie mich benennen konnten, einigen konnten. Wie bist du zu deinem Namen gekommen? Aber erzähl mir nicht, deine Mutter brachte dich eines Nachts im Freien zur Welt und benannte dich nach dem erstbesten Ding, das sie sah.«
Bevor sie antworten konnte, betrat einer der hübschesten, elegantesten Mädchen, die ich je gesehen hatte, den Raum. Sie hatte langes, üppiges, braunes Haar mit metallischem Glanz, das ihr sanft über die Schultern floss. Die Augen waren grün und mandelförmig. Die hohen Wangenknochen verliehen ihrem Gesicht eine eindrucksvolle kantige Linie, die sich anmutig zu ihrem Kiefer und den vollkommen geformten Lippen hinabschwang. Die Nase war ein wenig klein und ein bisschen nach oben gebogen. Natürlich hegte ich den Verdacht, dass dies das Ergebnis plastischer Chirurgie war. Sie trug viel mehr Make-up als ich. Warum sollte man für einen Besuch bei der Therapeutin Lidschatten und Eyeliner auftragen? Tatsächlich erinnerte sie mich an meine Mutter, die Königin des Overdress, die im Alleingang dafür sorgte, dass die Kosmetikindustrie Profite erzielte.
Das neue Mädchen trug eine Designerhose und sah aus, als sei sie auf dem Weg zu einem stilvollen Lunch. Ich warf Star, die sehr missbilligend dreinschaute, einen Blick zu.
»Ich bin Jade«, verkündete das neue Mädchen. »Wer seid ihr beide? Misty, Star oder Cathy?«
»Misty. Das ist Star«, sagte ich mit einem Kopfnicken zu Star herüber. »Wir sprachen gerade darüber, wie wir unsere Namen bekommen haben. Deine Eltern sind wohl im Juwelengeschäft?«
Jade starrte mich einen Augenblick an und warf dann Star einen Blick zu, um festzustellen, ob wir sie zum Besten hielten. Sie entschied wohl, dass dies nicht der Fall war. »Meine Eltern haben mich wegen meiner Augen Jade genannt. Wo ist denn die gute Frau Doktor?«, erkundigte sie sich mit einem ungeduldigen Blick auf den leeren Schreibtisch.
»Bereitet sich vor«, vermutete ich.
»Bereitet sich vor?«
»Na du weißt schon, ihre Therapeutenmaske anziehen, die Fingernägel schärfen.«
Star lachte. Jade zog eine Augenbraue hoch, presste die Lippen zusammen und setzte sich dann anmutig auf das andere Sofa, die Beine gekreuzt und hoch erhobenen Hauptes zurückgelehnt.
»Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist«, bemerkte sie einen Augenblick später.
»Warum bist du dann gekommen?«, fuhr Star sie an.
Jade wandte sich ihr überrascht zu. Ihr Gesichtsausdruck vermittelte mir das Gefühl, dass sie sie vorher noch gar nicht richtig angeschaut hatte und ihr erst jetzt klar wurde, dass ein schwarzes Mädchen in der Gruppe war.
»Ich habe gezögert, aber Dr. Marlowe hat mich überredet«, gab sie zu.
»Sie hat uns alle dazu überredet«, verkündete Star das Offensichtliche. »Glaubst du etwa, wir hätten nur darauf gewartet, hier hereinzuspazieren und vor einem Haufen Fremder über uns zu reden?«
Jade wand sich unbehaglich, warf einen Blick auf ihre Uhr und schaute in Richtung Tür. Wir hörten Schritte, und wenige Augenblicke, später erschien Dr. Marlowe mit einem stämmigen Mädchen etwa meiner Größe, das jedoch älter wirkte. Ihr stumpfes braunes Haar hing ihr strähnig um Hals und Schultern, als wäre jemand mit einer Harke hindurchgefahren. Der weite graue Pullover trug wenig dazu bei, von ihrem wirklich üppigen Busen abzulenken. Ihre Brüste konkurrierten beinahe schon mit Emmas. Es trug einen Rock, dessen Saum ihre Fußgelenke streifte. Ihr Gesicht war unscheinbar; sie hatte nicht einmal Lippenstift aufgetragen, um den wässrigen haselnussbraunen Augen, dem blassen Teint und den faden, ungleichmäßigen Lippen etwas Farbe zu verleihen. Ihr Mund zuckte nervös.
»Hallo. Da sind wir. Das ist Cathy. Cathy, darf ich dir Misty, Star und Jade vorstellen«, fügte Dr. Marlowe hinzu und nickte dabei jeder von uns zu. Cathy hob den Blick nur ein wenig, um uns anzuschauen, bevor sie ihn wieder zu Boden senkte. »Cathy, warum setzt du dich nicht dort drüben neben Jade«, schlug Dr. Marlowe vor.
Cathy sah aus, als würde sie das nicht tun. Eine ganze Weile zögerte sie und starrte auf den Sitz, als würde er sie verschlingen, bevor sie sich schließlich dort niederließ.
Dr. Marlowe, die einen dunkelblauen Hosenanzug trug, setzte sich in einen der zentral platzierten Sessel, so dass sie uns alle im Auge behalten konnte. Normalerweise zog sie vor Ende einer Sitzung ihr Jackett aus und wanderte mit auf dem Rücken verschränkten Händen hin und her. Jetzt presste sie die Spitzen ihrer langen dünnen Finger gegeneinander und lächelte. Meiner Mutter würde auffallen, dass sie keine teuren Ringe und eine preiswerte Uhr trug. Vor allen Dingen würde ihr auffallen, dass ihre Fingernägel nicht lackiert waren.
Dr. Marlowes Lächeln war schwer zu deuten. Manchmal nach einer meiner Äußerungen strahlten ihre Augen wirklich vor Interesse und Vergnügen, aber ihre Mimik war manchmal so mechanisch, dass ich vermutete, alles, was sie tat, selbst die kleinste Geste, war geplant, um ein bestimmtes psychologisches Ergebnis zu erzielen. Das schmutzig-blonde Haar trug sie akkurat geschnitten; silberne Ohrklipps, aber keine Halskette; die blütenweiße Seidenbluse mit Perlenknöpfen bis zum Hals geschlossen.
Unsere Therapeutin war nicht besonders hübsch, die Nase ein bisschen zu lang, die Lippen zu schmal. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester war sie schlank, aber für eine Frau sehr groß, mindestens einen Meter fünfundachtzig. Weil sie so lange Beine hatte, standen ihre Knie amüsant hoch. Ich glaube, ihr Körper von der Taille aufwärts machte nur ein Drittel ihrer Größe aus; sie hatte jedoch lange Arme, so dass sie sich zurücklehnen und dennoch die Handflächen auf die Knie legen konnte. Vielleicht hatte die Tatsache, dass sie so linkisch wirkte, dazu geführt, dass sie sich stärker darauf konzentrierte, ein kluger Kopf als eine Schönheit zu sein.
Meine Mutter gab oft Kommentare über Dr. Marlowes Frisur und Kleidung ab und behauptete, sie könnte Wunder an ihr vollbringen, wenn sie eine Chance dazu hätte. Meine Mutter glaubte an die wundersamen Kräfte von Haarstylisten und Schönheitschirurgen. Ihrer Meinung nach könnten sie sogar für den Weltfrieden sorgen. Einfach nur alle hässlichen Menschen loswerden, und niemand würde sich mehr über irgendetwas streiten.
»Ich vermute, ihr drei hattet bereits Gelegenheit, euch miteinander bekannt zu machen«, begann Dr. Marlowe.
»Kaum«, erwiderte Jade.
»Gut. Ich möchte, dass alle Gespräche und Enthüllungen hier gemeinsam stattfinden.«
»Ich begreife immer noch nicht, was wir hier eigentlich tun«, fauchte Star. »Uns ist nicht viel gesagt worden, und manche von uns«, fügte sie hinzu und starrte Jade dabei an, »sind darüber nicht besonders glücklich.«
»Ich weiß, Star, aber viel von dem hat mit Vertrauen zu tun. Wenn wir nicht zumindest ein kleines Risiko eingehen, werden wir nie Fortschritte machen und weiterkommen.« »Wo sollen wir denn hinkommen?«, wollte sie wissen.
Ich lachte.
Jades schöne Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln, und Cathy hob beinahe den Blick vom Boden.
»Nach Hause«, erwiderte Dr. Marlowe, deren Augen sich mit einer beinahe spitzbübischen Fröhlichkeit erfüllten, als sie sich dieser Herausforderung stellte. »Zurück zu dir selbst, Star. Zurück zu der, die du sein sollst, die du sein willst. Zurück ins gute Wetter, heraus aus den Stürmen, heraus aus dem kalten peitschenden Regen, den dunklen Wolken«, fuhr sie fort.
Wenn sie so mit ihrer sanften, melodischen Therapeutinnenstimme sprach, klang das so gut, dass keine von uns weghören konnte. Selbst Cathy schaute zu ihr auf, als hielte sie die Aussicht auf Leben und Glück in Händen und Cathy müsste nur noch zugreifen.
»Weg vom Schmerz«, fuhr Dr. Marlowe fort. »Dahin wollen wir gehen. Bist du dazu bereit, Star?«
Sie warf mir einen Blick zu und nickte nur.
»Gut.«
»Es ist ganz einfach, Mädchen. Ihr werdet den Großteil des Redens übernehmen. Ich bin wirklich nur Zuhörerin; und wenn eine von euch spricht, werden die anderen mit mir zuhören.«
»Sie meinen, wir sitzen hier nur wie Blumentöpfe herum? Wir dürfen keine Fragen stellen?«, erkundigte Jade sich.
»Was meinen die anderen? Ihr legt die Regeln fest. Dürft ihr einander Fragen stellen?«, gab sie die Frage an uns zurück.
»Ja«, antwortete ich. »Warum nicht?«
Dr. Marlowe sah Star und Cathy an. Star nickte, aber Cathy wich ihrem Blick aus.
»Also, vielleicht sollten wir einfach anfangen und sehen, wie es läuft«, entschied Dr. Marlowe.
»Was genau sollen wir erzählen?«, fragte Jade.
»In jeder Sitzung wird eine von euch ihre Geschichte erzählen«, erklärte sie mit einem kleinen Achselzucken. »Ich habe vier aufeinander folgende Sitzungen dafür eingeplant.«
»Unsere Geschichte? Ich habe keine Geschichte«, protestierte Star.
»Du weißt, dass es so ist, Star. Jede von euch kann einfach dort anfangen, wo sie möchte. Heute seid ihr hier. Wie seid ihr hierher gekommen?«
»Mein Chauffeur brachte mich her«, sagte Jade.
»Komm schon, Jade. Du weißt doch, was ich meine«, ermahnte Dr. Marlowe sie.
Jade lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und wirkte plötzlich unangreifbar, als würde sie sich unserer guten Frau Doktor widersetzen, ihre Geheimnisse zu enthüllen. »Wer fängt an?«, fragte Star.
Dr. Marlowe schaute Cathy an, die noch bleicher wurde. Sie warf Jade einen Blick zu, ließ ihn dann über Star gleiten und auf mir ruhen.
»Ich möchte, dass Misty anfängt«, bestimmte sie. »Sie ist schon am längsten bei mir. Ist das für dich in Ordnung, Misty?«
KAPITEL ZWEI
Ich kann meine Geschichte wirklich mit ›Es war einmal‹ anfangen, weil es einmal eine Zeit gab, in der ich wirklich glaubte, eine kleine Prinzessin in einem Märchen zu sein. Meine Mutter und ich leben immer noch in dieser Villa in Beverly Hills, in der ich aufwuchs. Manche Leute würden sie ein Schloss nennen, weil sie diesen runden Turm mit dem hohen, spitzen Dach hat. Dort befindet sich auch die Haupteingangstür.
Es ist ein großes Haus. Wenn es kein Haustelefon gäbe, bekäme meine Mutter von dem Versuch, mich zu rufen, jeden Tag Halsschmerzen. Und wenn ich nicht ans Haustelefon gehe, ruft sie mich auf meinem Telefon an. Ich habe Anklopffunktion, und wenn ich gerade mit jemandem telefoniere, ruft sie mich an und sagt: ›Misty, ich brauche dich unten. Hör auf zu telefonieren. Ich weiß, dass du gerade wieder telefoniert hast.‹
Natürlich hat sie Recht. Ich telefoniere normalerweise auch. Als wir noch eine glückliche kleine Familie waren und Lächeln wie Ballons durch das Haus schwebten, erzählte mein Daddy immer, dass ich mit einem Telefonhörer am Ohr auf die Welt kam und deshalb die Geburt für meine Mutter so schwierig war.
Ich hielt inne und schaute Dr. Marlowe an.
»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen je erzählt habe, wie viel Schwierigkeiten ich meiner Mutter gemacht habe, als es so weit war, mein Gesicht zu zeigen. Sie lag über zwanzig Stunden in den Wehen. Manchmal, wenn sie mich an meine schwierige Geburt erinnert, werden es vierundzwanzig Stunden; einmal waren es sogar achtundzwanzig Stunden.« Ich sah die anderen Mädchen an. »Ich sagte ihr, das beweise nur, dass ich nicht hier sein wollte.«
Ich warf die Hände hoch und hopste auf dem Sofa.
»›Nein, nein‹, schrie ich im Mutterleib. ›Ihr Ärzte, lasst eure Pfoten von mir.‹«
Jade und Star lachten. Selbst Cathy ließ sich zu einem kleinen Lächeln hinreißen.
»Das hattest du mir bereits erzählt, allerdings nicht so farbenfroh«, sagte Dr. Marlowe.
»Ja, also das stimmt. Sie musste hinterher auch genäht werden. Also, sie liebt es, diese Geschichte in allen grausigen Einzelheiten zu schildern, das Erbrechen, das Blut, die Schmerzen, alles.«
»Warum, glaubst du, tut sie das?«, fragte Dr. Marlowe.
»Aha, wir stellen also Fragen«, feuerte ich zurück. Sie lachte.
»Eine berufsmäßige Angewohnheit«, erklärte sie.
»Sie will, dass ich mich schuldig fühle und sie mir Leid tut, damit ich für sie gegen meinen Vater Partei ergreife«, sagte ich. »Ständig erzählt sie mir, wie viel einfacher Männer es haben, besonders in der Ehe. Nun? Das ist doch der Grund, oder?«
Dr. Marlowes Gesicht blieb ausdruckslos wie eine leere Schiefertafel. Es war aber gar nicht nötig, dass sie zustimmte. Ich wusste, dass es stimmte.
»Auf jeden Fall glaubte ich früher einmal, ich sei eine Prinzessin, weil ich alles haben konnte, was ich wollte. Ich bekomme immer noch alles, was ich haben will, seit ihrer Scheidung vielleicht sogar noch mehr. Meine Mutter beklagt sich immer über die Höhe der Unterhaltszahlungen, die sie bekommt. Nie ist es genug, und wenn mein Daddy mir etwas schenkt, stöhnt sie, dass er dafür genug Geld hat, aber nicht genug, um ihr einen anständigen Unterhalt zu gewähren. Die Wahrheit ist, dass ich es hasse, irgendetwas geschenkt zu bekommen. Das führt nur zu noch mehr Klagen. Manchmal ist es so schlimm, dass ich mir die Ohren zuhalten muss!«, rief ich.
Ich tat das auch in dem Augenblick, und alle starrten mich an. Nach einem Augenblick verging dieses Gefühl. Ich holte tief Luft und fuhr fort.
»Manchmal stelle ich mir mein Leben in Farben vor.«
Ich sah, wie Jade eine Augenbraue hochzog. Vielleicht machte sie das auch, überlegte ich.
»Als ich noch klein war und wir eine perfekte Familie darstellten, war alles leuchtend rosa oder strahlend gelb. Nach ihrer Trennung und dem ganzen Ärger wurde die Welt grau, alles verblasste. Ich kam mir vor wie Dornröschen, als die Uhr Mitternacht schlug. Ich hörte einen Glockenschlag, einen Knall und war nicht länger eine Prinzessin. Ich war eine … eine …«
»Eine was?«, fragte Dr. Marlowe.
Ich schaute die anderen an. »Eine Waise mit Eltern.«
Jade nickte, ihre Augen leuchteten jetzt stärker. Star wirkte sehr ernst, und Cathy hob plötzlich den Kopf, als hätte ich etwas gesagt, das ihr sehr sinnvoll erschien.
»Mein Vater arbeitet für eine Risikokapitalfirma und reist viel. Es fiel mir immer schwer zu erklären, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente. Andere Kinder meines Alters konnten mit einem oder zwei Worten sagen, was ihre Eltern taten: Anwalt, Arzt, Zahnarzt, Apotheker, Einkäufer, Krankenschwester.
Mein Vater analysiert Investitionen, steckt Geld in Geschäfte und schafft es irgendwie, diese Firmen zu übernehmen und sie dann Profit bringend wieder zu verkaufen. So jedenfalls erklärte er es mir. Ich erinnere mich daran, dass ich das nicht fair fand. Die Firma eines anderen zu übernehmen und wieder zu verkaufen hörte sich an, als sei es nicht richtig. Ich fragte ihn einmal danach, und er antwortete: ›So darfst du das nicht sehen. Es ist ein Geschäft.‹
Alles ist für ihn auf die eine oder andere Weise ein Geschäft. Mit diesem Begriff kann er alles, was auf der Welt passiert, erklären. Vielleicht ist sogar Liebe für ihn ein Geschäft«, überlegte ich. »Dass die ganze Scheidung für ihn eine geschäftliche Angelegenheit ist, weiß ich. Meine Mutter ruft ständig den Steuerberater oder den Anwalt an.
Mommy war fürchterlich dahinter her, alle Spuren von Daddy aus dem Haus zu tilgen. Tagelang, nachdem er gegangen war, suchte sie die Zimmer nach Hinweisen dafür ab, dass er jemals dort gelebt hatte. Fotos, auf denen sie ihrer Meinung nach gut aussah, schnitt sie sogar entzwei. Sie verschenkte oder verkaufte viele schöne Sachen, weil er sie gemocht oder benutzt hatte, sogar das teure Werkzeug in der Garage. Ich sagte ihr, dass sie das ersetzen müsste, aber sie erwiderte: ›Zumindest hat das nicht sein Stigma.‹
Sein Stigma?, überlegte ich. Was war denn stärker von ihm gebrandmarkt als ich? Bis zu einem gewissen Grad glich ich ihm doch, oder? Manchmal erwischte ich sie tatsächlich dabei, wie sie mich anstarrte. Dann fragte ich mich, ob sie nicht überlegte, dass ich ihm zu ähnlich sehe. Wie konnte sie das ändern? Vielleicht würde sie mich zu ihrem plastischen Chirurgen schicken und ihn bitten, die Spuren meines Vaters aus meinem Gesicht zu tilgen.
Im Wohnzimmer hatten wir einen großen kuscheligen Sessel, so einen mit einer Fußstütze, die hochklappt, dass man praktisch liegen kann. Daddy liebte diesen Sessel und verbrachte darin die meiste Zeit, wenn er im Wohnzimmer war. Ich weiß, es hört sich seltsam an, aber in den ersten Tagen der Trennung, bevor meine Mutter das Haus von allem reinigte, das an ihn erinnerte, rollte ich mich in diesem Sessel zusammen und schmiegte mein Gesicht daran, um seinen Geruch zu spüren und so zu tun, als sei er noch da und wir wären noch eine kleine glückliche Familie.
Dann verkaufte sie den Sessel eines Nachmittags, als ich in der Schule war, einem Secondhandgeschäft. Eine Zeit lang stand nichts an dieser Stelle, nur ein leerer Fleck. Empfindet ihr nicht alle manchmal diesen leeren Fleck, wenn ihr neben eurem Vater oder eurer Mutter geht und auf der anderen Seite ist niemand? Ich schon!«, sagte ich, bevor sie antworten konnten. Plötzlich war mein Kopf erfüllt von schrillen Klagen. Einen Augenblick lang schloss ich die Augen, bis es vorüberging, dann holte ich noch einmal tief Luft.
»Nachdem ich geboren worden war, hatte ich lange Zeit eine Nanny. Meine Mutter musste sich von meiner schrecklichen Geburt erholen, und die Kinderschwester, die mit uns nach Hause kam, verwandelte sich in eine Vollzeitbetreuerin. Sie hieß Mary Williams.«
Ich warf Star einen Blick zu.
»Sie war eine Schwarze. Als sie bei uns wohnte und sich um mich kümmerte, war sie Mitte dreißig, aber wenn ich mich jetzt an sie erinnere, kam sie mir viel älter vor. Sie war bei uns, bis ich vier wurde und in die Vorschule kam.«
Ich lachte.
»Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter ein großes Theater darum machte, dass sie nicht zu viel Sonne abbekam, weil das Falten verursacht. Ich dachte, Marys braune Haut käme von der Sonne.«
Star schüttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf.
»Ich glaube, ich stellte ständig Fragen. Meine Mutter erzählte mir, dass ich sie, als ich klein war, mit meinem ›warum dies‹ und ›warum das‹ völlig erschöpfte. Sie versuchte im wahrsten Sinne des Wortes vor mir davonzulaufen, aber ich kam immer hinter ihr her, nur machte ich immer warum, warum, warum statt quak, quak, quak!«
Cathys Lächeln wurde breiter, aber es war nur ein halbes Lächeln, nur ihr Mund war beteiligt. Ihre Augen blieben dunkel, misstrauisch, ja ängstlich. Sie war wirklich wie eine Katze, dachte ich. Cathy, die Katze.
»Wenn mein Vater nicht auf Reisen war, veranstalteten wir großartige Familienessen. Manchmal glaube ich, dass ich das am meisten vermisse. Wir haben in unserem Haus dieses ewig lang gestreckte Esszimmer. An einem Ende des Tisches sitzt man an dieser Küste und am andere an der Ostküste.«
Dr. Marlowes ausdrucksloser Blick erhellte sich ein wenig, ein winziges Lächeln spielte um ihre Lippen.
»Mir wurde natürlich die beste Etikette beigebracht, und meine Mutter rechtfertigte diesen Aufwand damit, dass ich eine schöne junge Frau sei und mich in den besten Kreisen bewegen würde, also sollte ich mich auch entsprechend benehmen. Schöne junge Frau. In was für einer Welt lebt sie eigentlich?« Ich warf Jade, die nickte, einen Blick zu.
»Auf jeden Fall konnte man sich kein höflicheres Kind denken. Ich sagte immer bitte und danke und unterbrach nie einen Erwachsenen.
Normalerweise brachte Daddy mir von jeder Reise eine Puppe mit, manche von ihnen aus anderen Ländern. Ich hatte genug Spielzeug, um damit einen Laden zu füllen. Meine Schränke waren voll gestopft mit modischer Kleidung, Dutzenden Paaren Schuhe, und ich besitze einen Schminktisch mit einem ovalen Elfenbeinspiegel. Ich habe die besten Föhns, die neuesten Hautlotionen und Pflanzenpräparate. Bei mir zu Hause ist es sehr wichtig, schön zu sein.«
Ich hielt inne und stierte einen Moment zu den Terrassentüren hinaus.
Mein Daddy ist ein sehr gut aussehender Mann. Er achtet auch sehr auf sich. Er ist Mitglied in einem dieser schicken Fitnessstudios. Dort hat er auch Ariel kennen gelernt, seine lebende Barbiepuppe.
Daddy hat einen gleichmäßig gebräunten Teint und dichtes flachsblondes Haar. In letzter Zeit trägt er es länger. Meine Mutter behauptet, er versuche zwanzig Jahre jünger auszusehen, um sich so seinem Reifegrad anzupassen. Ständig kritisieren sie einander auf solche Weise, und ich soll daneben sitzen oder stehen und so tun, als wäre es mir egal, oder dem einen oder anderen zustimmen.«
Ich merkte, wie ich die Augen wütend zusammenkniff.
»Ich kann gar nicht glauben, dass ich meine Eltern früher für so vollkommen hielt. Ich fand, meine Mutter sei so schön wie ein Filmstar. Auf jeden Fall verbrachte sie so viel Zeit mit Make-up und Garderobe wie ein Filmstar. Bis zum heutigen Tag setzt sie keinen Fuß vor die Tür, ohne perfekt geschminkt und frisiert zu sein und zueinander passende Kleidung, Schuhe und Schmuck zu tragen. Sie beschwert sich darüber, dass mein Daddy versucht, jung auszusehen und zu bleiben, aber wenn sie auch nur ein graues Haar sieht oder eine Falte ahnt, fällt sie ins Koma. Sie hat sich von einem plastischen Chirurgen oder, wie sie es nennt, von einem Schönheitschirurgen operieren lassen, um die Haut unter ihrem Kinn und unter ihren Augen straffen zu lassen. Ich soll das natürlich niemandem erzählen. Sie lebt dafür, dass jemand ihr ein Kompliment darüber macht, wie jung sie aussieht. Dann zieht sie diese Show ab, wie streng sie ihre Diät einhält, nur pflanzliche Medizin benutzt, diese spezielle Hautcreme verwendet und regelmäßig Gymnastik betreibt. Die Wahrheit sagt sie nie.
Es ist seltsam, wenn du klein bist, entgehen dir all diese kleinen Lügen. Sie treiben direkt an dir vorbei, aber du wunderst dich nicht darüber. Lange Zeit glaubst du, das sei etwas, was Erwachsene auch noch tun, wenn sie keine Kinder mehr sind – so tun, als ob. Eines Tages wirst du dann wach und dir ist klar, dass der Großteil deiner Welt auf falschem Schein aufgebaut ist. Meine Eltern haben einander jahrelang angelogen, bevor sie sich endlich entschieden, dies zuzugeben, und sich scheiden ließen.
Als ich etwa zwölf Jahre alt war, fand meine Mutter heraus, dass mein Vater eine Affäre mit einer Frau aus seiner Firma hatte, die mit ihm eine Geschäftsreise nach Texas unternommen hatte. Er hatte irgendeinen dummen Fehler mit den Rechnungen gemacht, und sie wartete auf ihn, als er nach Hause kam. Mit dem Beweisstück auf dem Schoß wie eine Pistole, die sie gegen ihn richten wollte, saß sie im Flur.
Ich war in meinem Zimmer und telefonierte mit meiner besten Freundin Darlene Stratton, als ich unten etwas gegen die Wand krachen und zerschmettern hörte. Sie hatte ihm eine wertvolle chinesische Vase entgegengeschleudert. Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann begann das Geschrei. Ich musste auflegen, um zu sehen, was los war. Auf Zehenspitzen schlich ich mich oben an die Treppe und hörte, wie meine Mutter losbrüllte über diese Frau und meinen Vater und seinen Betrug. Er machte ein paar schwache Versuche, es abzustreiten, aber als sie ihn mit dem Beweismaterial konfrontierte, gab er ihr die Schuld.«
»Wie konnte er ihr denn die Schuld geben?«, fragte Star, die plötzlich viel interessierter wirkte.
»Damals erfuhr ich zum ersten Mal, dass sie sexuelle Probleme hatten. Er sagte, sie sei frigide, und wenn sie miteinander schliefen, würde sie sich ständig über die Schmerzen beklagen. ›Das ist doch nicht normal‹, sagte er. ›Du musst deshalb zum Arzt gehen.‹
›Ich bin bei meinem Gynäkologen gewesen, und der sagte, mit mir sei alles in Ordnung. Du suchst nur nach einer Entschuldigung. ‹
›So einen Arzt meine ich doch nicht. Du solltest zum Psychiater gehen‹, empfahl er ihr. ›Jedes Mal, wenn ich mit dir schlafe, gibst du mir das Gefühl, ich würde dich vergewaltigen.‹
Sie fing an zu weinen, er entschuldigte sich für die Affäre und behauptete, es sei in einem schwachen Moment passiert, nachdem er zu viel getrunken hatte.
Ich saß regungslos auf der Treppe und lauschte. Er sagte, er sei einfach einsam gewesen.
›Ich schwöre dir, dass ich sie nicht liebe. Es hätte jede sein können‹, sagte er, aber das machte meine Mutter nur noch wütender.
›Was meinst du, wie ich mich fühle‹, schrie sie, ›wenn ich weiß, dass du mit jeder x-Beliebigen schlafen würdest und dann zu mir ins Bett kriechst?‹
Er entschuldigte sich immer wieder und versprach auch, dass es nie wieder passieren würde, aber er bat sie auch, einen Psychiater aufzusuchen.
›Du versuchst doch nur, dich aus der Verantwortung zu stehlen‹, beschuldigte sie ihn erneut. ›Du versuchst mich zum Bösewicht zu machen. Also, das läuft nicht! Das läuft nicht!‹ Sie kam die Treppe hoch, und ich verzog mich wieder in mein Zimmer.
Noch tagelang hinterher war es, als seien beide stumm geworden. Wenn ich beim gemeinsamen Essen nicht redete, tat es niemand. Beide benutzten das Schweigen wie ein Messer, mit dem sie dem anderen ins Herz schnitten, bis meine Mutter sich eines Tages ein teures Kleid für irgendein gesellschaftliches Ereignis, an dem sie teilnehmen mussten, kaufte und mein Vater ihr sagte, wie fantastisch sie darin aussehe.
Plötzlich waren die Schleusentore der Vergebung geöffnet, und beide taten so, als hätten sie nie gestritten. Es gab mir das Gefühl, als lebte ich in einem Traum, in dem Menschen, Worte und Ereignisse einfach zerplatzten und niemand wusste, ob es je geschehen war. Natürlich wusste ich nicht, wie ernst das Problem wirklich war.
Ich hielt inne.
Emma Marlowe balancierte ein Tablett durch die Tür, auf dem ein Krug mit Limonade und einige Gläser standen. Auch ein Teller mit Chocolate-Chip-Keksen war dabei.
»Ich dachte, das wäre Ihnen vielleicht angenehm, Dr. Marlowe«, meinte sie. In unserer Gegenwart nannte sie ihre Schwester immer Dr. Marlowe. Ich fragte mich, ob sie es auch noch tat, wenn wir weg waren.
»Danke, Emma«, sagte Dr. Marlowe.
Sie stellte das Tablett auf den Tisch, warf uns allen einen Blick zu und lächelte, bevor sie wieder hinausmarschierte. »Bedient euch«, forderte Dr. Marlowe uns auf.
Ich nahm ein Glas Limonade, weil meine Kehle vom vielen Reden trocken war. Auch Star goss sich ein Glas ein, Jade und Cathy jedoch nicht. Dr. Marlowe bediente sich und trank, den Blick auf mich gerichtet. Ich dachte einen Moment nach. Durch das Reden über meine Eltern waren Schubladen, voll gestopft mit Erinnerungen, die ich etikettiert und abgelegt hatte, wieder geöffnet worden, Erinnerungen, die ich für immer begraben glaubte.
»Ich erinnere mich an die Karten, so viele Karten, Karten für jede Gelegenheit. Keiner von ihnen vergaß je den Geburtstag des anderen oder ihre Jahrestage.«
»Jahrestage?«, fragte Jade. »Wie oft waren sie denn miteinander verheiratet?«
»Nicht nur den Hochzeitstag. Sie feierten Jahrestage von allem und jedem … das erste Rendezvous, die Verlobung, so was. Viele von ihnen waren geheim, aber ich konnte mir leicht vorstellen, um was es ging«, sagte ich mit einem Blick auf Cathy. »Dass sie zum ersten Mal miteinander geschlafen haben.« Cathy lief rot an.
»Außerdem haben sie, glaube ich, tatsächlich zweimal geheiratet«, fügte ich an Jade gewandt hinzu. »Beim ersten Mal taten sie es nur für sich, beim zweiten Mal war es für die Verwandten. Sie sprachen immer davon, dass sie ihr Eheversprechen erneuern wollten, wenn sie zwanzig Jahre verheiratet waren. Es klang so romantisch und wunderbar, dass ich mich sogar darauf freute. Ich sollte die Brautjungfer sein und Blumen tragen. Vielleicht gehe ich an dem Tag zu irgendeiner anderen Hochzeit.«
»Wie meinst du das?«, fragte Star mit einem verwirrten Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht. »Zu wessen Hochzeit gehst du denn dann?«
»Das ist mir egal. Zu irgendeiner. Ich schaue in der Zeitung nach, gehe dahin und sehe zu, wie sie heiraten. Dabei stelle ich mir vor, die beiden Menschen wären meine Eltern und alles wäre so wunderschön, wie sie immer gesagt hatten.«
»Aber …«, widersprach Jade mit einem verwirrten Gesichtsausdruck.
»So wunderschön, wie sie immer gesagt hatten!«, schrie ich sie an. Sie starrte mich nur an. Alle waren still. Unter meinen Augenlidern brannten Tränen.
»Trink noch einen Schluck Limonade«, forderte Dr. Marlowe mich sanft auf. »Nur zu, Misty.«
Ich hielt die Luft an und tat, was sie sagte. Alle schauten mich an. Ich schloss einen Moment die Augen, zählte bis fünf und machte sie wieder auf. Dr. Marlowe nickte leicht.
»Möchtest du aufhören?«, fragte sie.
»Nein«, fauchte ich und trank noch etwas Limonade.
»Meine Mutter hat diese Karten immer noch«, fuhr ich fort.
»Sie will nicht, dass ich das weiß, aber ich habe sie gesehen, in einer Schachtel hinten in ihrem Schrank. Eine Menge lustiger Karten, Karten, die ihr mein Daddy einfach nur geschickt hatte, um ihr zu sagen, wie sehr er sie liebte oder wie schön er sie fand und was er für ein Glück hatte, sie zu haben.«
Ich richtete den Blick auf Dr. Marlowe.
»Ich habe Sie das schon einmal gefragt«, sagte ich mit zornerfüllter Stimme, »aber wie können Menschen so etwas zueinander sagen und es zu dem Zeitpunkt auch so meinen und dann einfach vergessen, dass sie jemals so etwas gesagt haben?«
Als ich sah, dass sie mir keine Antwort geben würde, schaute ich weg und fuhr fort, bevor sie wie üblich »Was meinst du denn?« fragen konnte.
»Als ich ein kleines Mädchen war, glaubte ich, dass ich eines Tages so schön würde wie meine Mutter. Die Leute sagten immer, ich sähe genau aus wie sie. Wir hatten die gleiche Nase und den gleichen Mund. Aber ich habe Daddys Augen. Ich weiß das, aber das ist in Ordnung, weil er schöne Augen hat. Mommy gibt das selbst heute noch zögernd zu. Schließlich will sie nicht, dass jemand glauben könnte, eine so gut aussehende Frau wie sie hätte einen hässlichen Mann geheiratet. Das ist so eine Art … na, wie nennt man das noch …«
»Paradox?«, schlug Star vor.
»Ja, genau. Danke. Auf jeden Fall machte es Mommy nichts aus, dass ich sie nachäffte, mit Make-up herumexperimentierte und versuchte, mir die gleiche Frisur zu machen wie sie. Sie fasste das als Kompliment auf. Ich versuchte zu gehen wie sie, essen wie sie, reden wie sie, weil ich glaubte, dass mein Vater sich deshalb in sie verliebt hatte, und ich wollte doch, dass mein Vater mich auch immer liebte«, sagte ich.
»Ich fragte meine Mutter, warum ich keinen größeren Busen habe, und sie erwiderte, mit mir sei doch alles in Ordnung, weil ich selbstbewusst sei. Selbstbewusst und clever, so bin ich nun mal. Dabei fühle ich mich wie eine Zwölf jährige«, gestand ich.
Als ich Cathy einen Blick zuwarf, schaute sie schuldbewusst drein und verschränkte die Arme vor ihrem üppigen Busen. Als könnte sie ihn je verbergen. Ich seufzte und redete weiter. Plötzlich holte Cathy so tief Luft, dass wir alle erstarrten und sie ansahen. Den Blick zur Decke gerichtet, presste sie die Hände gegen den Busen, als spräche sie ein Gebet. Ich schaute Star an, die die Achseln zuckte. Dr. Marlowe trank einen Schluck Limonade und wartete ab. Ich hasste ihre Geduld, ihre verdammte Toleranz und ihr Verständnis. Wo waren ihre verborgenen Verletzungen, ihre Schmerzen und Enttäuschungen? Ich war kurz davor, meinen Zorn gegen sie zu richten. Da sah sie den wütenden Ausdruck in meinen Augen.
»Wir machen eine Pause, damit ihr euch frisch machen könnt«, sagte sie.
KAPITEL DREI
Als Jade zurückkam, nahm sie sich einen Keks vom Tablett und setzte sich. Nachdem sie einen Moment überlegt hatte, beugte sie sich vor, nahm den Teller und bot Cathy einen Keks an, die sie anstarrte, als seien es verbotene Früchte.
»Es ist nur ein Keks«, sagte Jade. »Betrachte das nicht als lebensbedrohliche Entscheidung.«
Behutsam nahm Cathy einen vom Teller und führte ihn langsam zum Mund, wobei sie kaum die Lippen öffnete.
»Mädel, das ist doch kein Gift«, sagte Star heftig und biss in den Keks in ihrer Hand, als wollte sie es beweisen.
Ich schaute Dr. Marlowe an und sah an ihrem Blick, dass sie sehr daran interessiert war, wie wir uns den anderen gegenüber verhielten. Vielleicht war das für sie ein genauso großes Experiment wie für uns.
Sie wandte sich wieder mir zu und nickte. Ich schaute zum Fenster hinaus und ließ sie alle warten. Schließlich hatten sie mich unterbrochen, oder?
»Ich weiß, dass mein Vater sich noch mehr Kinder wünschte. Das war übrigens der Anlass zum ersten großen Streit, an den ich mich erinnern kann«, begann ich, immer noch mit Blick aus dem Fenster. Langsam wandte ich mich wieder ihnen zu. »Das war wohl, bevor meine Mutter Probleme mit dem Sex bekam. Mein Vater wusste nicht, dass meine Mutter Empfängnisverhütung betrieb. Die ganze Zeit tat sie so, als wollte sie schwanger werden. Eines Abends fand er ihre Pillen und bekam einen Wutanfall, aber nicht sofort. Er kam nicht brüllend die Treppe heruntergestürmt oder so was.
Meine Mutter und ich waren unten und schauten fern. Sie machte sich gerne die Fußnägel, während eine ihrer Lieblingsshows lief. Wie üblich äffte ich sie nach und lackierte auch gerade meine Fußnägel.
Plötzlich tauchte Daddy in der Tür auf. Er hatte seine Krawatte abgenommen und sein Hemd aufgeknöpft. Sein Haar sah aus, als sei er den ganzen Tag mit den Fingern hindurchgefahren.
Er stand da und starrte uns einige Augenblicke schweigend an. Mommy sah zu ihm hoch und arbeitete dann weiter an ihren Nägeln.
›Stell dir mal vor, was ich gerade gefunden haben, Gloria‹, sagte Daddy mit zuckersüßer Stimme, so süß, dass ich dachte, es sei etwas, das beide schon lange vermisst hatten.
Ohne ihn anzuschauen, fragte Mommy: ›Was denn?‹
›Ich war auf der Suche nach diesem Designergürtel, den ich dir voriges Jahr geschenkt habe, weil ich mich daran erinnerte, dass du den gleichen in einer anderen Farbe haben möchtest. Also öffnete ich die unterste Schublade deines Kleiderschranks, um mir den Namen einzuprägen, und siehe da …‹, sagte er immer noch ganz ruhig.
›Was ist es denn, Jeffrey?‹, fragte sie ungeduldig und hob zögernd den Blick.
Er öffnete die Hand und hielt ihr eine Schachtel mit Antibabypillen entgegen. Einige fehlten. Ich wusste immer noch nicht, was das war, und glaubte immer noch, es sei etwas, das sie gesucht hatten, eine wichtige Medizin oder so was.
Eine Weile starrte sie schweigend vor sich hin.
›Du hattest kein Recht, meine Sachen zu durchwühlen, Jeffrey.‹
›Du willst also den Spieß umdrehen? Mich zum Sündenbock machen?‹ Er wartete einen Augenblick. Obwohl ich so jung war, spürte ich, dass dieses Schweigen zwischen ihnen die Ruhe vor dem Sturm bedeutete. Ich erinnere mich daran, dass ich die Luft anhielt und mein kleines Herz klopfte, als versuchte ein Specht daraus auszubrechen.
›Was ist denn mit deiner Lüge?‹, fragte er kopfschüttelnd.
›Mich so zu hintergehen? So zu tun, als wolltest du genauso gerne wie ich ein weiteres Baby haben, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam, weil du nicht schwanger wurdest, und tatsächlich mein Sperma untersuchen ließ? Das ist nicht schlimm? Antibabypillen! Du hast die ganze Zeit heimlich die Pille genommen?‹«
›Mach doch daraus kein Drama‹, wollte sie nonchalant darüber hinweggehen, aber ich hörte das leise Zittern in ihrer Stimme, eine Spur von Angst.
Er nickte und wollte sich schon abwenden und hinausgehen, wirbelte aber plötzlich herum und schleuderte die kleine rosa Packung so vehement quer durch das Wohnzimmer, dass sie gegen einen nummerierten Druck krachte, den meine Mutter erst eine Woche zuvor in einer Galerie am Rodeo Drive gekauft hatte, und das Glas zerschmetterte. Die Pillen flogen überall umher.
›Du Idiot!‹, kreischte meine Mutter.
Ich war fast unter das Sofa gekrochen.
›Wie konntest du mich bei so etwas belügen? Wie konntest du nur?‹, rief mein Vater.
Mommy machte ungerührt mit ihren Fußnägeln weiter, während er vor Wut schäumend zur Tür stürmte mit einem so hochroten Gesicht, dass ich befürchtete, das Blut würde ihm aus dem Kopf schießen.