Das Kestel Psychogramm - Jürgen Ruhr - E-Book

Das Kestel Psychogramm E-Book

Jürgen Ruhr

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Beschreibung

Tobias Kestel arbeitet in Köln als Immobilienmakler. Allerdings ziemlich erfolglos, doch das spielt für ihn kaum eine Rolle. Seine Frau und seine beiden Kinder sehen das naturgemäß anders, doch Tobias Kestel hat Wichtigeres im Sinn: Da gibt es einen Raum in einem halbverfallenen Bauernhof, den er zu seinem 'Atelier' umgebaut hat und in das er von Zeit zu Zeit kleine Kinder mitnimmt, die dann nie wieder auftauchen ... Eines Tages wird sein Arzt, der ihm bisher kommentarlos Psychopharmaka verschrieben hat, bei einem Kletterunfall schwer verletzt. Plötzlich steht Tobias Kestel ohne seine Medikamente da und der Drang, sein 'Atelier' zu nutzen, steigt ins Unermessliche. Allmählich eskaliert die Situation, da sich die Vertretungsärztin weigert, ihm seine Medikamente ohne umfassende Untersuchungen zu verschreiben. Die Lage wird für Tobias Kestel zunehmend dramatischer und er bedient sich der Drogenszene, um seine Tabletten auf dem Schwarzmarkt zu erstehen. Geld- und Medikamentenmangel verleiten ihn zu unüberlegten, drastischen Handlungen. Und dann ist da noch die kleine blonde Mia mit ihren sechs Jahren, die Tobias Kestel, zusammen mit ihrer Mutter, während einer Wohnungsbesichtigung kennengelernt hat. Fortan träumt er davon, sie zu etwas Besonderem zu machen - zu seinem goldenen Engel. Fast scheint sein Glück perfekt zu sein, als es ihm endlich gelingt, das Mädchen in seine Gewalt zu bringen ...

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Seitenzahl: 470

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Jürgen Ruhr

Das Kestel Psychogramm

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

-

Prolog

1. Ein Arbeitstag

2. Vor 35 Jahren

3. Die Wohnungsbesichtigung

4. Vor 32 Jahren

5. Der Spielplatz

6. Vor 28 Jahren

7. Ein Zufallsfund

8. Vor 26 Jahren

9. Mia

10. Vor 24 Jahren

11. Im Atelier

12. Vor 22 Jahren

13. Die Ärztin

14. Vor 21 Jahren

15. Der Unfall

16. Vor 19 Jahren

17. Der Kommissar

18. Vor 18 Jahren

19. In Bedrängnis

20. Vor 16 Jahren

21. Ermittlungen

22. Vor 15 Jahren

23. Das Kleid

24. Vor 14 Jahren

25. Die Spur

26. Vor 8 Jahren

27. Die Entführung

28. Vor 5 Jahren

29. Jetzt

Epilog

Über den Autor

Impressum neobooks

-

Das Kestel Psychogramm

Thriller

© by Jürgen H. Ruhr

Mönchengladbach

[email protected]

Homo homini lupus

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

Titus Maccius Plautus

Prolog

Das fahle Licht der Leuchtstofflampen ließ den Raum kalt und unpersönlich erscheinen und spiegelte sich matt in den silbrig glänzenden chirurgischen Instrumenten auf dem kleinen Metalltablett.

Der Mann lächelte und drückte den Knopf des MP3 Players. Aus dem Lautsprecher drang die Melodie von Richard Wagners Walkürenritt. Zufrieden lauschte er den ersten Takten, dann streifte er sich die Latexhandschuhe über, die er sorgfältig glattstrich. Er liebte diese Momente der Vorbereitung. Erneut prüfte er sorgfältig die Skalpelle, Scheren, Klemmen, Sonden und Wundhaken, die auf ihren Einsatz warteten. Ein wenig abseits lag sein liebstes Stück, ein Anglermesser mit einer spitzen Klinge und scharfen Zacken an einer Seite. Er seufzte leise bei dem Gedanken daran, dass ja doch nur ein kleiner Teil seines Equipments zur Anwendung kommen würde, doch auf die Vollständigkeit seines chirurgischen Bestecks legte er äußersten Wert.

Wie immer hatte er sich der Gelegenheit entsprechend gekleidet. Er trug eine weiße Jeans und ein weißes T-Shirt. Leider blieb es unausweichlich, dass er - auch wenn sie ebenfalls weiß war - diese Metzgerschürze aus PVC darüber anzog. Einmal, vor langer Zeit, verzichtete er auf diese Schürze und versaute sich auch prompt Jeans und Shirt, so dass er sich neue Wäsche kaufen musste.

Der Mann hob das Skalpell an und prüfte die Schärfe, indem er ein extra bereitliegendes Stück Papier damit in der Mitte durchschnitt. Wie nicht anders erwartet, funktionierte es tadellos. Er blickte auf seine Uhr, eine echte Lacroix Masterpiece, für deren Preis man durchaus einen Kleinwagen erwerben könnte. Stolz betrachtete er die filigrane Uhr, deren kleiner Zeiger auf der Drei stand, während sich der große Zeiger stetig der Zwölf näherte. Ein wenig Unmut schlich sich ein, als er daran dachte, dass er auf den Augenblick ja eigentlich schon seit einer halben Stunde wartete. Dann aber verscheuchte er den Gedanken; die schönste Freude war ja bekanntlich die Vorfreude.

In diesem Moment vernahm er ein Geräusch hinter sich und erneut spielte ein Lächeln um seine Mundwinkel. Jetzt endlich näherte sich der große Moment.

Der Mann drehte sich, immer noch lächelnd, langsam um.

„Wo, wo bin ich?“, erklang eine ängstliche Stimme leise und dünn, die ganz nahe bei einem Schluchzen lag.

Dem Mann lief ein wohliger Schauer den Rücken hinunter. „Keine Sorge, du bist in Sicherheit. In Kürze ist alles vorbei.“ Seine Worte sollten beruhigend klingen, erzielten aber nicht die gewünschte Wirkung. Große, blaue Augen, aus denen jetzt Tränen liefen, sahen ihn flehentlich an.

„Ich will nach Hause, zu meiner Mama.“

Der Mann nickte wohlwollend, sagte aber nichts. Der Junge, der vor ihm auf dem Tisch dermaßen an Händen, Beinen und Kopf festgeschnallt lag, dass er sich nicht rühren konnte, ließ jetzt ein Schluchzen vernehmen. Er hieß Timor und erst vor einer Woche hatte er seinen zehnten Geburtstag gefeiert. Der Mann wusste dies aus den Unterlagen in dessen Schulranzen. Auch dass Timor ein schlechter Rechenschüler war, hatte er herausgefunden.

„Bald ist alles gut, Timor“, krächzte der Mann. Vor lauter Vorfreude wollte seine Stimme versagen. Die tränennassen, blauen Augen sahen ihn unverwandt an. „Schließe die Augen, Timor.“

Doch der Junge sah ihn nur an. Statt die Augen zu schließen, flossen nun ganze Tränenbäche und der Weinkrampf schüttelte den kleinen Körper.

„Du schließt jetzt sofort die Augen!“, befahl der Mann. Die ihn klagend anstarrenden Augen nahmen der Situation einen Teil ihres Reizes. „Sofort!“, fügte er fast schreiend hinzu.

Timor starrte ihn weiter an. „Bitte lassen sie mich gehen, ich sage auch niemandem etwas!“ Die Worte waren vor Schluchzen kaum zu verstehen. Die blauen Augen schlossen sich nicht.

Der Mann wendete sich um und blickte sinnend auf seine Instrumente. Dann nahm er das Skalpell und wog es in der Hand. Wieder lief ihm dieses genüssliche Frösteln den Rücken herunter, während er sich langsam über den Jungen beugte. Das Skalpell zielte auf das linke blaue Auge und der Junge begann wie wild an seinen Fesseln zu zerren. Aber er schloss einfach nicht die Augen. Als sich das Skalpell in den Augapfel bohrte, begann Timor zu schreien. Der Mann hielt kurz inne, nickte und genoss für einen Moment das Gefühl, das sich in solchen Augenblicken immer einstellte. Das Schreien, untermalt von der volltönenden Musik, hinterließ in ihm eine große Zufriedenheit.

Dann stieß er das Skalpell noch ein wenig tiefer in die Augenhöhle.

Plötzlich erlahmten die Bewegungen des Kindes und das Schreien erstarb abrupt. Der Mann legte zwei Finger auf die Halsschlagader des Jungen und stellte beruhigt fest, dass Timor noch lebte. Sorgfältig reinigte er das Skalpell. Aus einer kleinen Sprühflasche benetzte er es sogar mit Desinfektionsmittel, wobei er mehr versprühte, als unbedingt erforderlich. Aber der Geruch erregte ihn und erneut kroch eine Gänsehaut seinen Rücken herunter. Zufrieden betrachtete der Mann das silberne Messer im Licht der Leuchtstoffröhren. Es war makellos rein.

Aus einem kleinen Gefäß goss er etwas Wasser in das Gesicht des Jungen. Leise wimmernd erwachte der und versuchte sich aus seinen Fesseln herauszuwinden. „Mama, Mama, bitte Mama hilf mir ...“, ließ er sich schluchzend und jammernd vernehmen.

Der Mann zögerte nicht lange. Jetzt war der vollkommene Augenblick gekommen! Mit einem gekonnten Schnitt öffnete er die Bauchdecke Timors. Gedärme quollen heraus und ein entsetzliches Kreischen entrang sich der Kehle des Kindes. Der Mann lächelte zufrieden und genoss den Anblick. Der vor Schmerz und Angst aufgerissene Mund, das Gurgeln, das aus der Kehle drang und die unnützen Versuche die Fesseln abzustreifen.

Schließlich erstarben die Schreie und der Mann nickte zufrieden. Mit einem weiteren, raschen Schnitt öffnete er den Brustkorb. Jetzt musste es schnell gehen und fast ein wenig angewidert langte er zu dem profanen Instrument, das ihm aber stets gute Dienste leistete. Mit einer silbrig glänzenden Hähnchenschere durchtrennte er einige Rippen und warf sie achtlos in eine bereitstehende Schale. Das Herz schlug noch, zwar unregelmäßig aber es schlug. Mit festem Griff legte er seine Hand um das warme, pulsierende Organ. Dann schnitt er es mit einem zufriedenen Seufzer heraus.

1. Ein Arbeitstag

Das schlechte Wetter konnte ihm seine gute Laune nicht vermiesen. Es goss in Strömen als er das Haus verließ und die kurze Strecke bis zu seinem Fahrzeug wäre er ohne seinen Regenschirm bis auf die Haut nass geworden. Mit heulender Sirene verließ ein Feuerwehrwagen die Betriebshalle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er warf nur einen kurzen, uninteressierten Blick auf das rote Auto mit den blinkenden Lichtern. Mittlerweile hatten sie sich an die Fahrzeuge gewöhnt, die sie auch oft nachts aus dem Schlaf rissen. Seine Frau war von Anfang an dagegen gewesen, das Haus hier zu kaufen, aber letztlich entschied der günstige Preis und sie konnten sich damals ohnehin nichts anderes leisten. Die Alternative wäre eine Mietwohnung gewesen.

Tobias Kestel warf den nassen Schirm auf den Boden der Beifahrerseite und rutschte rasch hinter das Steuer. Es goss wie aus Eimern und erneut bereute er, nicht wenigstens in einen Carport investiert zu haben. Auch ein neuer Wagen wäre schön, doch momentan reichte das Geld vorne und hinten kaum. Er konnte sich jetzt keine weiteren Schulden leisten und es war überhaupt fraglich, ob die Bank ihm einen weiteren Kredit geben würde. Also musste es der kleine rote Peugeot mit dem Baujahr Neunzehnhundertachtundneunzig noch eine Weile tun. Die Kinder kamen mittlerweile in ein Alter, in dem sie anfingen, Ansprüche zu stellen und auch seine Frau war eher nicht der Typ, der jeden Cent zweimal umdrehte. Tobias wollte schon seit einer geraumen Weile seinen Chef um eine Gehaltserhöhung bitten, doch - ehrlich gesagt - hatte er bisher nicht den Mut dazu aufbringen können. Er arbeitete nunmehr seit fünfzehn Jahren bei Bensmann Immobilien und trat mehr oder weniger auf der Stelle. Und seit es die neuen, restriktiven, Bestimmungen mit Sachkundenachweis und Fortbildungszwang gab, war der Job auch nicht einfacher geworden. Tobias musste damals noch die alte, harte Schule des ‚Learning by Doing‘ mitmachen und er war der Meinung, dass es ihm nicht geschadet hatte. Er schüttelte den Kopf und startete den Wagen. Eile war geboten, denn sein Chef legte größten Wert auf Pünktlichkeit und Tobias konnte sich jetzt keine Rüge mehr leisten. Nicht, wenn er auch noch die Gehaltserhöhung ansprechen wollte.

Während er sich durch den Berufsverkehr quälte, kreisten seine Gedanken noch einmal um das vergangene Wochenende. Lächelnd dachte er an den Samstag zurück, bevor seine Gedanken sich ein wenig verdüsterten und zum Sonntag sprangen. Wieder einmal ließ seine Frau Angelika ihre ständig schlechte Laune an ihm aus, indem sie alles, was er tat, kritisierte. Vorsorglich war er am Samstag, oder besser am Sonntag, spät in der Nacht heimgekehrt, so dass sie schon tief und fest schlief. Der säuerliche Geruch nach Rotwein und die drei leeren Flaschen im Wohnzimmer zeigten ihm, dass sie wieder einmal den Kampf gegen ihre Depressionen verloren hatte.

Am Sonntagvormittag dann stand sie erst gegen halb Zwölf auf und ihr erster Weg führte sie in den Keller, wo die Rotweinflaschen lagerten. Doch an diesem Wochenende konnte nichts und niemand Tobias die Laune verderben. Er ignorierte die Ausfälle seiner Frau und widmete sich größtenteils seinen Kindern. Die jedoch empfanden seine Nähe offensichtlich eher störend und schließlich hatte er sich achselzuckend vor den Fernseher zurückgezogen. Bei der momentanen Wetterlage blieb einem ja auch kaum etwas anderes übrig.

Tobias stoppte den Wagen mit kreischenden Bremsen an einer Ampel, die gerade auf Rot umsprang. Fluchend blickte er in den Rückspiegel, doch sein Hintermann hatte zum Glück rechtzeitig auf sein plötzliches Bremsmanöver reagiert. Ein Auffahrunfall wäre das Letzte, was er jetzt noch gebrauchen könnte. Wie meistens, nahm er die Route über die Autobahn einundfünfzig am Rhein entlang, um zu dem Büro in Köln Bayenthal zu gelangen. Die Suche nach einem Parkplatz nahm noch einmal fünf Minuten in Anspruch, doch er hatte Glück, diesmal müsste er nicht allzu weit laufen.

Leichtfüßig stieg er die Treppen zum zweiten Obergeschoss hinauf. Mit seinen achtunddreißig Jahren war er noch ziemlich beweglich. Und das, obwohl Tobias niemals Sport trieb. Dafür verzichtete er aber größtenteils darauf, einen Aufzug zu benutzen. Zumindest, wenn es nicht höher als in den dritten Stock hinaufging. Während er seine ein Meter neunundsiebzig über die Stufen bewegte, wanderten seine Gedanken wieder zurück zum vergangenen Wochenende. Lächelnd trat er durch die Glastür mit der Aufschrift ‚Bensmann Immobilien‘, die zu den Büros führte. Sein Chef, Herr Bensmann, hatte in dem Bürogebäude eine komplette Etage gemietet und neben dem Großraumbüro und dem Büro des Chefs befanden sich dort auch eine kleine Teeküche, sowie ein Konferenzraum, den sie auch für Kundengespräche nutzten.

Im Flur kam ihm sein Kollege Walther Warsers mit einem schiefen Grinsen auf dem Gesicht entgegen. Der Zweiundfünfzigjährige hielt in der Hand einen Becher mit Tee, er kam offensichtlich gerade aus der Küche. Tobias konnte den Mann nicht leiden, er fand den kaum ein Meter siebenundsechzig großen Mann einfach nur ‚schleimig‘. Warsers befasste sich ausschließlich mit der Vermittlung von Mietwohnungen und, ehrlich gesagt, blickte Tobias nicht nur im physischen Sinn auf den Mann herunter. Schließlich oblag ihm selbst die Vermittlung von Eigentumswohnungen. Mehr Gehalt bekam er deshalb aber auch nicht.

„Morgen Tobbi“, grinste ihn der Kleine jetzt auch an. „Du sollst zum Chef kommen. Sofort.“

Tobias hasste diese Kurzform seines Namens und er hatte dem Älteren schon oft erklärt, dass er nicht ‚Tobbi‘ genannt werden wollte. Der ignorierte das aber und nannte ihn weiter so. ‚Eines Tages breche ich dem Kerl die Nase‘, dachte Tobias und nickte lustlos: „Aha. Worum geht’s denn?“

„Keine Ahnung. Aber es ist nicht meine Schuld, das musst du mir glauben!“

„Was ist nicht deine Schuld?“, wollte Tobias wissen, aber sein Kollege verschwand schon im Großraumbüro. Achselzuckend wandte er sich dem Zimmer des Chefs zu.

„Kestel, kommen sie herein und schließen sie die Tür hinter sich“, begrüßte ihn Bensmann, der hinter seinem Schreibtisch saß und in einem Dossier blätterte. Wilhelm Bensmann zählte achtundfünfzig Jahre, seine Haare und der gepflegte Schnurrbart waren schlohweiß. In seinem feinen Maßanzug wirkte der Mann äußerst seriös.

Tobias war froh, heute ebenfalls einen Anzug zu tragen. Sein Chef legte Wert auf entsprechende Kleidung, doch Tobias bevorzugte eigentlich legere Hosen und vielleicht auch ein Jackett dazu. Den überholten Kleidervorschriften seines Chefs konnte er nichts abgewinnen.

„Setzen sie sich“, forderte Bensmann ihn auf und wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Wie geht es ihnen, Kestel?“

„Ausgezeichnet, Herr Bensmann, ausgezeichnet.“ Tobias konnte mit der Gesprächseinleitung seines Chefs nicht viel anfangen. Er spürte nur, dass nun wenig Gutes folgen würde.

„Nun, wie lange sind sie jetzt bei uns? Fünfzehn Jahre?“

Tobias nickte: „Fünfzehn Jahre, das ist richtig, Herr Bensmann.“

Bensmann sah ihn durchdringend an: „Nun, ich will es kurz machen: Ihre Bilanz ist in den letzten Jahren immer schlechter geworden, die Verkaufsvermittlungen stagnieren. Und das in einer Zeit, in der Eigentumswohnungen weggehen wie geschnitten Brot. Was ist mit der Wohnung in der Lothringer Straße? Wie ich festgestellt habe, versuchen sie seit fast einem Jahr das Objekt an dem Mann zu bringen. Erfolglos!“

Tobias rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. Die Wohnung war sein wunder Punkt. „Seit neun Monaten“, korrigierte er lahm. „Der Eigentümer verlangt einfach zu viel dafür und ist nicht bereit, von seinen Preisvorstellungen herunterzugehen. Selbst in diesen Zeiten ist es schwer, überteuerte Wohnungen zu verkaufen.“

Bensmann nickte: „Ich habe mit dem Eigentümer gesprochen. Er hat wirklich eine überzogene Preisvorstellung. Leider aber äußerte er auch, dass er mit ihren Leistungen nicht zufrieden ist. Er vertritt die Meinung, dass sie ihm die falsche Klientel zuführen. Nun, langer Rede, kurzer Sinn: Sie bekommen ein neues Aufgabengebiet. Ab sofort übernehmen sie die Wohnungsvermittlung von Herrn Warsers. Im Gegenzug wird er die Eigentumswohnungen übernehmen. Sie, Herr Kestel beginnen heute Nachmittag um sechzehn Uhr mit einer zweieinhalb Zimmer Wohnung in Ehrenfeld.“

Bensmann machte eine kurze Pause und schob Tobias die Akte hin, in der er gerade noch geblättert hatte. „Machen sie sich mit den Daten vertraut. Es werden ungefähr zwanzig Interessenten zur Besichtigung kommen, vielleicht auch ein paar mehr. Wer die Wohnung mieten möchte, soll einen Bewerbungsbogen ausfüllen. Erklären sie den Leuten, dass alle Angaben freiwillig sind.“

Bensmann lachte leise, dann fuhr er fort: „Natürlich sortieren wir die später aus, die mit ihren Daten zu sparsam umgehen. Das Ganze dürfte ein Kinderspiel sein, denn Wohnungen dieser Größe in der Lage sind begehrt. Sie nehmen dann eine Vorauswahl vor, wobei Studenten, Alleinerziehende oder Paare mit Kindern nicht erwünscht sind. Auch gleichgeschlechtliche ‚Lebensgemeinschaften‘ werden vom Vermieter abgelehnt. Und natürlich keine Hartz IV Kameraden. Was dann übrig bleibt, legen sie mir morgen vor. Insgesamt also keine allzu schwere Aufgabe, die sie spielend meistern dürften.“

Bensmann blickte Tobias Kestel lächelnd an: „Sehen sie es als Chance. Alles klar? Falls sie noch Fragen haben sollten, wenden sie sich an ihren Kollegen Warsers, der verfügt ja über eine Menge Erfahrung in solchen Dingen. Und falls Herr Warsers Fragen bezüglich der Vermittlung von Eigentumswohnungen hat, so erwarte ich, dass sie ihn vorbehaltlos in jeder Hinsicht unterstützen. Haben wir uns verstanden?“

Tobias nickte. Die Neuverteilung der Aufgaben kam einer Degradierung gleich. Andererseits konnte er aber froh sein, nicht direkt gefeuert worden zu sein.

Die Frage nach einer Gehaltserhöhung schluckte er herunter. Jetzt war sicher nicht der rechte Zeitpunkt dazu ...

2. Vor 35 Jahren

„Wenn du das jetzt nicht aufisst, dann hole ich Vater!“ Seine Mutter klang wirklich böse. Mit in die Hüften gestemmten Fäusten stand sie vor ihm. Tobias kannte diese Geste und wusste nur zu gut, was jetzt folgen würde. Es war ja nicht das erste Mal. „Mach doch nicht immer so ein Theater, Tobbi. Du isst das jetzt!“

Tobias blickte auf seinen Teller. Der Spinat, das Rührei und die Kartoffeln waren längst kalt. Er hasste Spinat und Ei mochte er auch nicht sonderlich gerne. Das letzte Mal, als er seinen Teller leeressen musste, hatte er sich auf den Küchenboden übergeben. Mit einem Wischlappen und einem Eimer Wasser musste er anschließend das stinkende Zeug aufwischen. Aber damit nicht genug. Als sein Vater in so auf dem Boden kniend vorfand, mit Tränen in den Augen, stieß er zornig hervor: „Du undankbare Brut!“ und drückte seinen Kopf tief in die schleimige Masse. Tobias bekam keine Luft mehr, zappelte und versuchte zu schreien. Doch sein Vater hielt seinen Kopf so fest, als wäre der in einem Schraubstock eingespannt. Als sich der Griff schließlich lockerte, befand sich ein Teil der Matsche aus Kartoffel, Ei und Spinat in seiner Nase. Tobias würgte erneut und leerte auch den letzten Rest seines Magens.

„Iss!“, befahl seine Mutter wieder mit zorniger Stimme. Tobias rührte sich nicht.

Klatschend traf die flache Hand sein Gesicht. Tobias spürte das Brennen auf der Wange und er schämte sich, dass er die Tränen nicht zurückhalten konnte. Trotzdem ließ er den Löffel, mit dem er essen sollte, unangetastet.

„Letzte Warnung!“, kreischte seine Mutter fast. „Ich hole jetzt den Vater.“ Als würde sie ihre Güte noch einmal beweisen wollen, füllte sie den Löffel mit dem verhassten Spinat und versuchte ihn in seinen Mund zu stecken. „Du isst das jetzt!“, forderte sie mit überschlagener Stimme.

Mit einer ungewollt harten Bewegung wischte Tobias ihre Hand fort. Der Spinat samt Löffel flog gegen die Wand hinter ihm. In diesem Moment trat sein Vater durch die Küchentür. Mit einem raschen Blick erfasste er die Situation, fragte aber dennoch: „Was ist denn hier los? Hat der Junge immer noch nicht aufgegessen? Wie lange hattest du jetzt Zeit?“ Er warf einen flüchtigen Blick auf die Küchenuhr. „Drei Stunden! Du bist eine Schande für die ganze Familie. Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester!“

Stefanie, von allen nur Steffi genannt, war gerade einmal ein Jahr alt und schien diesen Scheißspinat geradezu zu lieben. Vielleicht wollte sie ihm ja auch nur eins auswischen, indem sie so tat, als würde ihr das Zeug schmecken. Tobias vermutete fast so etwas.

Sein Vater ging zu der kleinen Truhe an der Wand und kramte einen Ledergürtel hervor. „Hosen runter!“, befahl er und Tobias wusste, was nun kam. Aber er nahm sich vor, diesmal hart zu bleiben. Nicht schon nach den ersten Schlägen einzuknicken und dies widerliche, kalte Zeug in sich hineinzustopfen, nur um es anschließend wieder auszubrechen. Flehentlich sah er seine Mutter an, wusste aber, dass er von ihr keine Hilfe erwarten konnte.

Mit heruntergelassener Hose musste er sich über das Knie seines Vaters legen. Schon klatschte der Riemen auf die empfindliche Haut. Tobias stieß einen Schmerzensschrei aus. Der erste Schlag war immer der schlimmste.

„Wirst du jetzt essen?“, keuchte sein Vater. Tobias reagierte nicht. Erneut sauste das Leder herab. Es brannte wie Feuer. „Wirst du jetzt essen?“

Für gewöhnlich gab Tobias nach drei Schlägen auf. Doch diesmal schlug sein Vater fünf Mal zu und jedes Mal wuchs sein Zorn. Beim sechsten Schlag verlor Tobias das Bewusstsein.

Er erwachte, als etwas Kaltes, Feuchtes in Mund und Nase drang. Er lag auf dem Küchenboden und seine Mutter hatte ihm ein Glas Wasser über das Gesicht geschüttet. „Wenn dir unser Essen nicht schmeckt, dann brauchst du es nicht zu essen“, stieß sie hervor. Sein Vater war zum Glück nicht mehr im Raum. „Du hast Stubenarrest und bekommst eine Woche nichts zu essen. Vielleicht hast du dann Hunger und bist nicht so wählerisch! Und jetzt wisch den Boden auf!“

Es war ein Sieg! Tobias hatte das eklige Zeug nicht essen müssen. Aber um welchen Preis! Er lag auf dem Bauch auf seinem Bett und weinte leise in das Kopfkissen. Die Schmerzen auf seinem Po und auch auf dem Rücken waren kaum auszuhalten.

Es war doch einmal alles anders gewesen ... Bevor seine Schwester auf die Welt kam. Niemals hatten ihn seine Eltern gezwungen, etwas zu essen, was er nicht mochte. Im Gegenteil: Oft gab es sein Leibgericht, Spaghetti mit Tomatenketchup. Seine Mutter nahm ihn liebevoll in den Arm, sang ihm Kinderlieder vor und selbst sein Vater legte ihm so manches Mal wohlwollend die Hand auf die Schulter.

All das endete mit der Geburt seiner Schwester. Fortan galt er als der ‚ältere Bruder‘, der ein Vorbild sein sollte. Tobias spürte mit seinen drei Jahren die Ungerechtigkeit, ohne sie beim Namen nennen zu können. Alles drehte sich fortan um die kleine Schwester.

Das musste sich wieder ändern! Während Träne für Träne in das Kissen floss, überlegte der kleine Junge, wie er sich seine Eltern - und insbesondere den Vater - wieder gewogen machen konnte. Ohne ein brauchbares Ergebnis schlief er schließlich ein.

Seine Eltern hatten ihn im Kindergarten wegen ‚Krankheit‘ entschuldigt und im Grunde genommen waren die Schmerzen ja auch fast wie eine Krankheit. Tobias konnte nicht sitzen, das Gehen bereitete ihm Schwierigkeiten und die Angst, erneut Prügel zu beziehen, lähmte seine Gedanken. Nach wenigen Tagen bohrte sich der Hunger in seine Eingeweide und verursachte ihm zusätzliche Übelkeit und ein Brennen im Magen. Die einzige Nahrung, die seine Eltern ihm zubilligten, war eine Flasche Mineralwasser am Tag. Doch er würde nie, niemals, selbst wenn er verhungerte, diese Pampe aus Kartoffeln, Spinat und Ei essen!

Die Woche verging nur schleppend und Tobias lag die meiste Zeit auf seinem Bett. Sein einziger Trost in dieser schweren Zeit war Friedrich der kleine Goldhamster, der sein Leid teilte. Denn Tobias versorgte das Tier lediglich mit Wasser, so wie er auch ohne Nahrung auskommen musste. Das hungrige Fiepen des Kleinen bedeutete ihm ein wenig Linderung seines Leids, wusste er doch, dass er in seinem Elend nicht allein war. Irgendwann wurde es um das kleine Tier still und Tobias beobachtete, wie der Hamster apathisch in einer Ecke seines Käfigs saß und ihn aus hungrigen, vorwurfsvollen Augen ansah.

Die erste feste Nahrung, die ihm sein Vater auf das Nachttischchen stellte, war ein Brot mit Leberwurst. Tobias hasste Leberwurst fast noch mehr als Spinat und trotz des Hungers verspürte er schon wieder ein Würgen in der Kehle. Der Vater zog sich den Stuhl von seinem Schreibtisch heran und setzte sich neben das Bett. „Du isst jetzt!“, befahl er und verschränkte die Arme vor der Brust. Er würde jetzt so lange hier sitzen bleiben, bis Tobias das Brot aufgegessen hatte. Und je länger das dauerte, desto wütender würde er werden.

Doch nur Minuten später erklang Mutters Stimme: „Manfred, komm schnell. Steffi hat gemacht! Ganz ohne Windel!“

Auf dem Gesicht seines Vaters spiegelte sich selige Freude wider. „Wirklich? Was hat sie gemacht? Groß?“

„Ja, einen ordentlichen Haufen.“

Tobias war vergessen. Sein Vater sprang auf und verließ den Raum. Draußen hörte der Junge die beiden Eltern tuscheln und lachen. Dann erklang ein freudiges Kichern seiner Schwester.

Tobias kratzte die Leberwurst von dem Brot und achtete streng darauf, dass auch ja nichts zurückblieb. Den ungeliebten Brotaufstrich verteilte er unter der Matratze, dann biss er hastig in die Schnitte. Nichts hatte je köstlicher geschmeckt!

Der Hunger und der Nahrungsentzug rächten sich kurze Zeit später, indem sein Magen das Brot nicht bei sich behielt. Würgend erbrach Tobias sich auf den Boden des kleinen Zimmers. Säuerlicher Geruch breitete sich aus und reizte ihn immer wieder zu erneutem Würgen. Aber Tobias wusste nun, wie er seine Eltern besänftigen und sie davon überzeugen konnte, dass er ihre Liebe wert war. Er musste nur daran denken, wie sehr sich seine Eltern eben über seine Schwester gefreut hatten ...

Die passende Gelegenheit ergab sich einige Tage später. Tobias Eltern spielten mit seiner Schwester im Wohnzimmer. Leise schlich sich der Junge in das Elternschlafzimmer und an das Bett seines Vaters. Das, was seine Schwester konnte, das konnte er schon lange. Schließlich kehrte er zufrieden in sein Zimmer zurück. Noch heute Abend würden Vater und Mutter ihn loben und sie wären endlich wieder eine komplette und zufriedene Familie!

Tobias lag auf seinem Bett und lauschte den Geräuschen im Haus. Es wurde Zeit für seine Eltern ins Bett zu gehen, heute war es etwas später als sonst, da die kleine Stefanie noch sehr unruhig gewesen war und ewig nicht einschlief. Doch Tobias zwang sich wach zu bleiben, er wollte miterleben, wie Mutter und Vater sich über ihn freuten.

Zunächst war es verdächtig ruhig, doch dann durchbrach ein fürchterlicher Schrei seines Vaters die Stille. Sofort fing Steffi, die im Schlafzimmer der Eltern lag, an zu weinen. Tobias hörte seinen Vater fluchen, konnte aber die Worte nicht verstehen. Warum freute er sich denn nicht? Hatte die Mutter ihn denn nicht extra gerufen, als Steffi einen ‚Haufen‘ gemacht hatte? Waren nicht beide überglücklich gewesen? Und jetzt? Tobias hatte doch nichts anderes getan, als seine Schwester auch. Er hatte sogar extra mit dem Toilettengang gewartet und einen ordentlichen ‚Haufen‘ vor das Bett seines Vaters gemacht.

Tobias wusste schon, was kam, bevor er hörte, wie sein Vater den Lederriemen zornig in die offene Hand klatschen ließ. Sekunden später stand der mit hochrotem Gesicht vor seinem Bett. „Los, die Hosen runter, du kleiner Mistkerl! Dir werde ich zeigen, mir vors Bett zu scheißen!“

Sein Vater prügelte auf ihn ein, bis der Zorn etwas nachließ. Doch davon merkte Tobias nichts mehr, eine erlösende Ohnmacht hatte ihn von seiner Pein befreit.

Am nächsten Tag teilte ihm seine Mutter lapidar mit, dass er wieder Stubenarrest habe. Im Kindergarten war er auch schon entschuldigt worden. Tobias rätselte, welchen Fehler er begangen haben konnte. Warum freuten sich seine Eltern, wenn seine Schwester ihr großes Geschäft machte, bei ihm dagegen reagierten sie mit Strafe und Prügel? Der Dreijährige verstand die Welt nicht. Er machte doch nur das, was seine Schwester auch getan hatte. Und die war dafür gelobt worden!

Tobias brannten Rücken und Po und als er sich mühsam aus dem Bett quälte, entdeckte er das Blut auf den Laken. Er suchte Trost und sein Blick fiel auf den kleinen Goldhamster, der in einer Ecke seines Käfigs schlief. Nachdem Tobias wieder Nahrung von seinen Eltern bekommen hatte, fütterte er auch den kleinen Friedrich wieder, was der ihm damit dankte, dass er sein kleines, weiches Köpfchen an seiner Hand rieb.

Tobias ließ sich auf die Knie nieder, was für ihn weniger Schmerzen in Rücken und Po bedeutete. Dann kroch er zu dem Käfig hinüber. Friedrich bewegte sich im Schlaf, seine kleinen Füßchen zuckten. In der Mitte des Körpers hob und senkte sich das samtweiche Fell mit jedem Atemzug. Tobias öffnete den Käfig und streckte die Hand nach dem Tier aus. Als er es ergriff, erwachte Friedrich und blickte ihn träge und vertrauensvoll an.

Er hielt den kleinen Hamster in der linken Hand und ging mit ihm zu seinem Schreibtisch herüber. Sein Griff war fest und jetzt begann das Tier zu zappeln. Der Junge griff nach der Bastelschere und betrachtete sie einen Augenblick. Ein wohliges Gefühl bemächtigte sich seiner und ohne die Schmerzen zu spüren, ließ er sich auf seinem Schreibtischstuhl nieder. Gedankenverloren betrachtete er den Goldhamster, das winzige Köpfchen und die Knopfaugen. Jetzt hielt er den kleinen Körper mit eiserner Hand fest und ein entrüstetes Fiepen erklang, während der kleine Kerl versuchte, sich aus dem unerbittlichen Griff zu befreien.

Tobias lächelte. So gut hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Alle Schmerzen, Schmach und Demütigungen waren vergessen. Es gab nur ihn und dieses kleine Wesen, über das er jetzt alle Macht der Welt ausüben konnte.

Immer noch lächelnd schnitt Tobias mit der Bastelschere dem gequält quiekenden Hamster die Beine ab. Es bedeutete einige Mühe, doch je länger er dem Leiden des Tieres zusah, desto besser fühlte er sich. Schließlich stach er mit der stumpfen Schere in beide Augen. Das Tier war längst verstummt und plötzlich endete auch das heftige Pochen unter dem weichen Fell. Tobias hielt das tote Tier in der Hand, sah das Blut, das über seine Finger floss und fühlte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder eine Zufriedenheit, die er schon für immer meinte verloren zu haben.

Nachdem er den Kadaver in eine Tüte gepackt und unauffällig im Mülleimer entsorgt hatte, legte er sich ins Bett und schlief mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht ein.

3. Die Wohnungsbesichtigung

Tobias Kestel blickte auf seine teure Armbanduhr und stellte befriedigt fest, dass ihm bis zu dem Besichtigungstermin noch etwas Zeit blieb.

Sein Kollege Walther Warsers, der jetzt seinen Job übernommen hatte, kam alle paar Minuten mit Fragen zu ihm. Anfänglich entschuldigte Warsers sich noch dafür, dass Bensmann von ihnen diesen Jobtausch verlangt hatte, doch als Tobias ihm klarmachte, dass es schon gut sei und er sich seine Entschuldigungen in den Arsch schieben solle, schwieg Warsers. Sofern er wegen seiner unsinnigen Fragen überhaupt noch zu ihm kam.

Tobias benötigte keine Erklärungen zu seinen neuen Aufgaben. Die Jobvorgaben waren eindeutig und eine Wohnung vermieten konnte jeder Praktikant. Die hohe Nachfrage nach Wohnraum erforderte lediglich ein Aussortieren derer, die für die Anmietung auf keinen Fall in Frage kämen. Die endgültige Entscheidung fällte später sowieso der Eigentümer. Verdammt, mit diesem Wechsel hatte Bensmann in wirklich degradiert. Aber der würde sich noch umschauen, denn Walther Warsers war mit Sicherheit nicht der Richtige für den Verkauf von Eigentumswohnungen.

Tobias suchte in seinen Jackentaschen nach der kleinen Dose mit den Pillen. Normalerweise benötigte er seine Dosis nach solch einem Wochenende erst wieder am Mittwoch, frühestens am Dienstag, aber nach diesem Rückschlag fühlte er sich einfach nur mies.

Als er die kleine Schachtel mit der Aufschrift ‚Orap‘ schließlich in seiner linken Tasche fand, atmete er erleichtert auf. Sein Hausarzt verschrieb ihm die Tabletten regelmäßig, nachdem sie ein längeres Gespräch geführt hatten. Der Arzt erwähnte dabei auch etwas von Psychotherapie und wies wiederholt auf die Dosierung hin, doch solche Dinge interessierten Tobias nicht. Die Pillen halfen und damit Schluss. Leider war die Wirkung begrenzt, doch das brauchte ja niemand zu wissen ... Wie immer schluckte er die kleine weiße Tablette ohne Wasser herunter und wartete sehnsüchtig auf die Wirkung. Plötzlich bemerkte er aus den Augenwinkeln jemanden neben sich stehen.

„Orap“, meinte Walther Warsers, der sich wohl lautlos angeschlichen hatte. „Ist das nicht ein Psychopharmakon?“

„Geht dich das was an? Kümmere dich gefälligst um deinen eigenen Kram.“ Tobias brauchte die Gegenwart des schleimigen Warsers jetzt weniger denn je.

„Schon gut, schon gut. Entschuldige. Ist ja deine eigene Angelegenheit.“

„Du sagst es!“

„Ich wollte ja auch nur fragen, ob es bei der Wohnung in der Lothringer Straße einen Spielraum für den Kaufpreis gibt.“

Tobias stöhnte auf: „Verdammt, Warsers, hast du das denn immer noch nicht kapiert? Der Verkäufer gibt uns keinen Spielraum und lässt auch bezüglich des Preises nicht mit sich reden. Du kannst es ja versuchen. Nur für das, was er verlangt, kriegst du die Bude nie verkauft!“

„Abwarten, abwarten“, murmelte Tobias Kollege. „Man muss nur den richtigen Käufer finden. Irgendeinen Dummen gibt es immer. Jeden Morgen stehen Dutzende davon auf!“

„Na dann viel Glück. Und jetzt lass mich in Ruhe, ich muss sowieso gleich los.“

Für die knapp acht Kilometer bis zu der Mietwohnung in Köln Ehrenfeld brauchte Tobias Kestel mehr als fünfundvierzig Minuten. Hohes Verkehrsaufkommen und ein Auffahrunfall mit leichtem Blechschaden sorgten immer wieder für Staus. Der Regen ließ einfach nicht nach und fiel aus dicken, dunklen Wolken als gäbe es eine neue Sintflut. Tobias verfluchte den Verkehr, die späte Uhrzeit der Besichtigung, die zweifellos den Berufstätigen gewidmet war, und seinen Chef, der ihm das hier eingebrockt hatte. Es kam selten vor, dass er sich schon am Montag das Wochenende herbeisehnte, aber heute war so ein Tag. Wütend drückte er auf die Hupe und erntete neben desinteressiertem Achselzucken auch erhobene Mittelfinger. Schneller voran ging es deswegen noch lange nicht.

Die Wohnung erreichte er schließlich mit zwanzig Minuten Verspätung und nach einem längeren Fußmarsch. Dafür waren seine Schuhe und Hosenbeine klatschnass. Tobias überlegte, ob er sich in den nächsten Tagen von seinem Arzt mit einer Erkältung krankschreiben lassen sollte. Ein paar Tage Ruhe würden ihm guttun.

Vor dem Haus wartete schon eine lange Schlange von Mietinteressenten, von denen er einige zur Seite schieben musste, um überhaupt an die Eingangstüre heranzukommen. Ein junger Mann begrüßte ihn mit den Worten „Sie sind aber verdammt spät dran, wo bleiben sie denn, Mann?“ und disqualifizierte sich damit im Vorfeld schon als potenzieller Mieter. Tobias merkte sich das Gesicht, sagte aber nichts. Die Meute stürmte hinter ihm in den Hausflur, folgte die Treppe hinauf und quoll in die Wohnung, sobald er die Tür öffnete. Tobias suchte sich seufzend eine ruhige Ecke.

Aus seiner Aktentasche kramte er die erforderlichen Unterlagen hervor und hielt die Vordrucke hoch: „Meine Damen und Herren. Falls sie Interesse an dieser Wohnung haben sollten, so füllen sie bitte diese Formulare aus. Alle Angaben sind freiwillig, allerdings muss ich sie bitten, mindestens ihre momentane Anschrift einzutragen, sonst können wir sie ja nicht kontaktieren ...“ Das sollte als kleiner Scherz und Auflockerung gemeint sein, doch niemand interessierte sich wirklich für das, was er sagte. Die Menschen rissen ihm die Vordrucke förmlich aus der Hand und fragten nach einem Kugelschreiber oder Stift. Tobias zuckte mit den Schultern, daran hatte er nun wirklich nicht gedacht.

Alle paar Minuten trat ein Interessent zu ihm und stellte irgendwelche Fragen zu der Wohnung, der Nachbarschaft und die ortsunkundigen sogar zu der Stadt Köln selbst. Tobias versuchte die Fragen bestmöglich zu beantworten, musste aber gerade in Bezug auf verwaltungstechnische Dinge passen. Warum erkundigten sich die Leute eigentlich nicht bei der Stadt selbst, die für Anmeldung, Ummeldung und ähnliche Dinge doch zuständig war. Tobias wurde zunehmend gereizter und als ein Blick aus dem Fenster zeigte, dass es zwar anfing zu dämmern, der Regen jedoch unvermindert vom Himmel prasselte, gelangte seine Laune beim Nullpunkt an.

„Entschuldigung, darf ich sie etwas fragen?“ Eine junge Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand sah ihn bittend an.

„Sie fragen ja schon“, brummte Tobias, nickte aber.

„Bist du der Vermietonkel?“, fragte jetzt das kleine Mädchen an Stelle ihrer Mutter und die lächelte entschuldigend. „Sei nicht so vorlaut, Kleines“, wies sie das Mädchen zurecht.

Doch Tobias winkte ab: „Schon gut“, wandte er sich an die Frau, dann beugte er sich zu dem Kind herunter. Er blickte in große, blaue Augen und ihren kleinen Kopf mit dem Puppengesicht umrahmten goldblonde Locken. „Nein, ich bin nur der Vermittleronkel“, lächelte er es an und überlegte, wie alt das Kind wohl sein mochte. „Und wer bist du, wie heißt du?“

„Mia“, krähte die Kleine und grinste ihn an.

Tobias kramte aus einer Anzugtasche einen Dauerlutscher hervor, von denen er für solche Fälle immer einige bei sich trug. Er verabscheute diese klebrigen Süßigkeiten, wusste aber über die Kinder, die Eltern für sich zu gewinnen. Ein wichtiger Schachzug beim Vertrauensaufbau im Vorfeld des Wohnungsverkaufs. Nur dass er hier leider keine Eigentumswohnung verkaufte. Er blickte die Mutter an: „Darf sie das?“ Tobias wusste aus Erfahrung, dass immer erst die Eltern - primär die Mutter - um Erlaubnis gefragt werden mussten, bevor er den Kleinen den Lutscher gab. Manche Eltern wollten einfach nicht, dass ihre Kinder etwas von Fremden geschenkt bekamen.

Die Mutter nickte. „Hensenbrugger, Charlotte und Mia. Wir sind neu in der Stadt und leben momentan bei meinem Vater. Aber die Wohnung ist sehr klein und eng und wir suchen dringend eine eigene Bleibe.“

Die Kleine war jetzt ausschließlich damit beschäftigt, die klebrige Süßigkeit aus der Verpackung zu schälen. Tobias betrachtete sie sinnend.

„Sie wollten mich etwas fragen“, wandte er sich dann wieder an die Mutter.

„Ja, entschuldigen sie. Ich wollte fragen, ob sie auch an alleinstehende Mütter mit Kind vermieten. Wir haben diesbezüglich schon sehr schlechte Erfahrungen gemacht und bevor ich jetzt all die Unterlagen ausfülle und ihre und meine Zeit verschwende, wollte ich nur wi...“

Tobias unterbrach sie: „Keine Sorge, Frau Hesenbrunner, wir verm...“

„Hensenbrugger“, warf sie ein und Tobias nickte automatisch. Was spielte der Name schon für eine Rolle?

„Ja, Frau Hensenbrugger, selbstverständlich vermieten wir auch an alleinstehende Elternteile mit Kind. Füllen sie getrost die Unterlagen aus und vergessen sie nicht, ihre aktuelle Anschrift anzugeben. Und vielleicht die Telefonnummer, unter der wir sie erreichen können.“

Die Frau nickte lächelnd und sah ihre Tochter streng an: „Und Mia, was hast du vergessen?“

„Dankeschön“, murmelte die selig mit dem Lutscher im Mund und streckte ihrer Mutter die Zunge heraus. „Guck mal, Mama, ein Zungenmaler!“

Die Mutter lachte und Tobias schloss sich ihr an. „Du bist aber schon ein großes Mädchen. Wie alt bist du denn?“

„Sechs Jahre.“

„Dann gehst du bestimmt schon in die Schule?“, fragte er.

„Ja, in die erste Klasse. Aber in meiner alten Schule hat es mir besser gefallen als hier, das war ...“ Mia suchte nach den richtigen Worten und ihre Mutter sprang ein: „Ein Schulwechsel, mitten im Jahr ist immer etwas problematisch. Neue Lehrer, eine neue Klasse und die ungewohnte Umgebung. Leider ließ sich der plötzliche Umzug aber nicht vermeiden. Und zum Glück haben wir ja auch den Opa, der sich um sie kümmert.“

„Ja“, krähte jetzt die Kleine, „Opa geht immer mit mir auf den Spielplatz, da wo wir jetzt wohnen. Opa ist lieb.“

Tobias sah der Mutter ins Gesicht und meinte: „Ich werde sehen, was ich für sie tun kann. Ich werde schon eine Lösung finden.“

Charlotte Hensenbrugger nickte dankbar.

Die ersten Interessenten reichten Tobias ihre ausgefüllten Unterlagen. Ein junger Mann trat an ihn heran und drückte ihm den ausgefüllten Vordruck und einen Umschlag in die Hand. Mit einem Augenzwinkern meinte er: „Meine Bewerbungsunterlagen für die Wohnung.“

Tobias blickte auf den Zettel und sah neben dem Namen ein dickes Kreuz. Verwundert wollte er den Mann fragen, was es damit auf sich haben sollte, als dieser sich schon entfernt hatte. Tobias konnte ihn zwischen den Menschen in der Wohnung nicht mehr ausmachen. Neugierig blickte er in das Kuvert und erkannte mehrere zwanzig Euro Scheine. Es mussten mindestens fünf an der Zahl sein.

Nach und nach leerte sich die Wohnung und schließlich blieb Tobias Kestel mit einem Stapel ausgefüllter Unterlagen und dem Umschlag alleine zurück. Unschlüssig betrachtete er das Geld, steckte es aber schließlich achselzuckend ein. Ein kleiner Nebenverdienst konnte ja nicht schaden ...

4. Vor 32 Jahren

Es war richtig heiß. Der ganze Monat August konnte mit herrlichem Sommerwetter aufwarten und Tobias Vater baute im Garten ein Planschbecken für Steffi, seine Schwester, auf, das Tobias auch mitbenutzen durfte. Sofern Steffi es erlaubte.

Stefanie erlaubte es immer und ausnahmslos. Jedenfalls so lange, wie Tobias sie mit Schokolade und anderen Süßigkeiten versorgte. Und da bahnte sich das eigentliche Problem an: Tobias verfügte über keinen Pfennig Taschengeld mehr und die letzten beiden Tafeln Schokolade, die er noch besaß, würden in zwei Tagen aufgebraucht sein. Er musste irgendwie an Süßigkeiten herankommen, wollte er den Rest des Monats nicht seiner Schwester beim Plantschen im kühlen Wasser zusehen.

Doch eine Lösung seines Problems war in Sicht, denn heute war sein großer Tag. Der Tag seiner Einschulung! Tobias träumte von einer großen Schultüte, randvoll mit den leckersten Süßigkeiten. Es wären so viele Bonbons, so viel Schokolade und Lutscher darin, dass er selbst auch ein klein wenig davon würde naschen können. So erhoffte er es sich jedenfalls.

Leider folgte seine Mutter momentan dem aktuellen Trend, dass alles ‚gesund‘ sein musste. Kekse aus irgendeiner Masse, die eher an trockenes Knäckebrot, denn an leckere Plätzchen erinnerten. Das Mittagessen mit durchweg ‚gesunden‘ Zutaten, aber wenig schmackhaft. Und Nudeln mit Tomatenketchup gab es ohnehin nicht mehr. Zum Glück verabscheute seine Schwester mit zunehmendem Alter den Spinat ebenso wie er und dieses Essen war stillschweigend vom Ernährungsplan verschwunden.

Aber heute war sein Tag! Am Nachmittag würden einige Verwandte, Oma und Opa und eine Tante zu Besuch kommen und die Einschulung zusammen mit ihnen feiern. Und natürlich dürfte ein jeder Geschenke, Süßigkeiten und vielleicht auch die ein oder andere D-Mark für ihn mitbringen. Es musste einfach so sein!

„Verdammt, Tobias, wo bleibst du?“ Seine Mutter rief nach ihm aus der Diele, in der sie mit seiner kleinen Schwester auf ihn wartete. Wie er wusste, begann der Tag mit einem Gottesdienst in der Kirche neben der Schule und erst danach ging es in den Klassenraum selbst. Tobias war aufgeregt und ängstlich zugleich. Ein neuer Abschnitt in seinem Leben begann. Oder wie sein Vater ihm oft genug eingebläut hatte: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!“ Tobias konnte sich nichts darunter vorstellen, nickte aber brav, um seinen Vater nicht zu verärgern. Der lächelte dann zufrieden und wenn er wirklich gute Laune hatte, dann legte er ihm sogar die Hand auf die Schulter.

Tobias rieb an dem Fleck an seinem Knie herum. Für den ersten Schultag hatte seine Mutter ihn extra ‚fein gemacht‘ und einen dunkelblauen Anzug besorgt. Er passte nicht so richtig und Tobias befürchtete, dass die Kleidung vom zwei Jahre älteren Nachbarjungen stammte. Auf jeden Fall war niemand mit ihm einkaufen gegangen und er musste den Anzug auch in keinem Geschäft anprobieren.

Jedenfalls war da jetzt der braune Schokoladenfleck, den er seiner Schwester verdankte. Sie hatte mit einem Stück Schokolade nach ihm geworfen, als er nicht direkt auf die Frage antwortete, wie sie in ihrem neuen Kleid aussah. Das Kleid kauften seine Mutter und Steffi in einem Geschäft für ausgesuchte Kindermoden schon Tage zuvor.

„Wenn du nicht sofort kommst, dann hole ich dich!“, drang die drohende Stimme an sein Ohr.

Um dem kommenden Ärger zu entgehen, rief er hastig „Ich komme“ und verdoppelte seine Bemühungen den Fleck zu entfernen. Doch durch die Wärme der Reibung vergrößerte er ihn nur noch mehr. Schließlich gab der Junge seufzend auf.

„Wie siehst du denn aus?“, schrie ihm seine Mutter entgegen, kaum dass sie ihn erblickte. Natürlich bemerkte sie den Fleck sofort. „Ausgerechnet jetzt musst du noch Schokolade in dich hineinstopfen? Du weißt doch, wie ungesund das ist! Was ist denn bloß los mit dir Junge? Da macht man und tut und schuftet und das ist dann die Dankbarkeit, die man erfährt.“ Während seine Mutter weiter vor sich hin schimpfte, rieb sie mit einem feuchten Lappen an seinem Knie herum. Die Hose war nun an der Stelle nass und der Fleck vergrößerte sich noch weiter. Es machte jetzt den Anschein, als hätte er in die Hose gemacht. Zum Glück befand sich der braune, feuchte Fleck nicht auf der Rückseite der Hose.

Nach ein paar Minuten gab sie es auf. „Dann musst du halt so an deinem ersten Schultag gehen“, meckerte sie. „Dann erhält die Lehrerin schon direkt den richtigen Eindruck von dir!“

Sie blickte an ihm herunter, wandte sich zum Gehen und stutze plötzlich. Wo sind denn dein Ranzen und die Schultüte? Los, geh und hol die Sachen und beeil dich, wir sind schon spät dran.“

Tobias wusste zwar, wo sich sein Ranzen befand, war sich aber nicht sicher, ob sie schon heute die Schulsachen mitnehmen sollten. Jedenfalls hatte niemand etwas in dieser Hinsicht erwähnt. Wo seine Mutter aber die Schultüte verwahrte, konnte er beim besten Willen nicht sagen. „Vielleicht brauchen wir den Ranzen heute noch nicht“, bemerkte er kleinlaut und fast flüsternd.

„Was hast du gesagt? Laut und deutlich und wohlartikuliert! Verdammt, wie oft muss ich das denn noch predigen?“

Tobias konnte zwar mit ‚laut und deutlich‘ etwas anfangen, was aber ‚wohlartikuliert‘ bedeutet, verschloss sich ihm. „Kann doch sein, dass wir den Ranzen heute nicht brauchen“, wiederholte er etwas lauter. „Und wo die Schultüte ist, weiß ich nicht.“

„So so, der Herr entscheidet jetzt, ob man in der Schule einen Ranzen braucht oder nicht“, stieß seine Mutter mit rotem Kopf hervor und Tobias senkte den Blick. Sie war nahe davor, die Geduld zu verlieren und das bedeutete mindestens eine Ohrfeige für ihn. „Du holst jetzt sofort deinen Ranzen und die Schultüte liegt in der Küche. Wärst du nicht so trödelig, wüsstest du das alles!“

Tobias drehte sich rasch um, um den drohenden Schlägen zu entgehen. So schnell ihn seine kleinen Beine trugen, holte er den Ranzen und die Schultüte. Darin klapperte es verführerisch und vor seinen Augen erschienen Schokoladen, Bonbons und andere Süßigkeiten. Leider hatte seine Mutter keine Zeit erübrigen können und war nicht zum gemeinsamen Basteln in die Schule gekommen, wie all die anderen Mütter. Irgendwann brachte sie diese fertige Tüte von einem Einkauf mit nach Hause. Tobias gefiel sie nicht sonderlich, denn es handelte sich eindeutig um eine Mädchenschultüte. Auf einem rosafarbenen Untergrund mit goldenen Sternen tanzte irgendeine Märchenfigur in einem scheußlichen Ballettkostüm. Doch es kam schließlich auf den Inhalt an und außerdem blieb ihm ja keine Wahl.

Die Kirche betraten sie als einige der Letzten und das brachte Tobias einen bösen Blick seiner Mutter ein. Die Messe begann gerade und alle Bänke waren belegt. Seine Mutter quetschte sich mit Mühe auf einen Platz und nötigte ihre Sitznachbarn dadurch enger zusammenzurücken. Dann nahm sie seine Schwester auf den Schoß. Tobias stand im Gang neben ihnen und ließ seinen Blick über die zukünftigen Mitschüler und ihre Familien schweifen. Viele berufstätige Väter und Mütter hatten sich diesen Tag frei genommen, um bei ihren Sprösslingen zu sein. Sein Vater wollte ‚für diesen Quatsch‘, wie er es ausdrückte, keinen freien Tag opfern und erstickte jede von Tobias Bitten sofort im Keim. Wenn Mutter dabei wäre, würde das schließlich reichen. Alle lauschten aufmerksam den Worten des Pfarrers und während Tobias sich so umschaute, konnte er kein einziges Kind mit einem Ranzen entdecken. Und keinen Jungen, der eine rosafarbene Schultüte auf dem Arm hielt.

Nach der Messe folgten sie dem Pulk zur Schule hinüber. Tobias taten die Beine vom langen Stehen weh und er hatte Mühe seiner Mutter zu folgen. Die ermahnte ihn ständig, nicht so langsam zu gehen, sie würden doch seinetwegen den Anschluss verpassen. Tobias bemühte sich schneller zu laufen und stolperte über einen Stein, wobei ihm die Schultüte aus der Hand fiel. Rasch bückte er sich danach, noch gingen Schwester und Mutter vor ihm und hatten nichts bemerkt. Irgendjemand stieß von hinten gegen ihn und brachte ihn endgültig ins Straucheln. Tobias fing sich mit einer Hand ab, wobei er sich auf die Schultüte stützte. Genau an der Stelle, an der die Tänzerin einen Fuß auf eine blassblaue Wolke setzte, verunstaltete plötzlich ein tiefer Knick die Tüte.

Ein Mann half ihm auf. „Junge, du musst aber besser aufpassen. Bist wohl eine kleiner Hans-guck-in-die-Luft, was?“ Die zerbeulte Schultüte landete wieder in seinen Händen und der Junge bemühte sich, seine Mutter einzuholen. Zum Glück hatten weder sie, noch die Schwester etwas gemerkt.

Auf dem Schulhof standen mehrere Lehrer und Lehrerinnen, die sich um die neuen Schüler und deren Eltern kümmerten. Sie hielten Listen in den Händen. Tobias‘ Mutter nannte einer kleingewachsenen Frau mit grellroten Haaren ihren Namen. Die zeigte auf eine Baracke am Rande des Schulhofes: „Klasse 1D, Frau Kestel. Gehen sie dort hinüber, Tobias‘ Klassenlehrerin sagt ihnen dann, wie es weitergeht.“

„Siehst du, Tobias, jetzt bist du schon fast ein Schüler“, meinte seine Mutter und betrachtete ihn. Den Fleck auf der Hose ignorierte sie geflissentlich, dann verharrte ihr Blick auf der demolierten Schultüte. „Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt?“, grollte sie böse. „Kannst du mit deinen Sachen nicht vernünftig umgehen? Es ist eine Schande, man muss sich ja für dich schämen!“

Während des gesamten Weges bis zu der kleinen Baracke, die in zwei Schulräume unterteilt war, hielt sich seine Mutter mit der Strafpredigt dran. Stefanie sah sich derweil mit großen Augen um. „Darf ich auch bald in die Schule?“, fragte sie und stoppte damit den Redefluss ihrer Mutter.

„Da musst du noch ein wenig warten, mein Schatz. Zwei Jahre. Aber die vergehen schnell und bis dahin gehst du schön weiter in den Kindergarten. Dort lernst du ja auch etwas.“

Steffi nickte: „Ich kann auch schon rechnen. Zwei mal zwei ist fünf.“

„Vier“, korrigierte Tobias, der zwar noch nicht gut rechnen konnte, doch so leichte Aufgaben bereiteten ihm keine Probleme.

„Sei nicht so vorlaut, Tobias“, rügte ihn seine Mutter. „Das wirst du dir in der Schule ganz schnell abgewöhnen müssen. Bevor du etwas sagst, musst du dich nämlich melden!“

Die Klassenlehrerin, eine ältere, magere Frau, nahm sie an der Tür in Empfang. Diesmal musste Tobias seinen Namen nennen. „Du hast aber eine schöne Schultüte“, lobte sie und Tobias wusste, dass die Frau log. „So ... so ... speziell. Und einen Ranzen hast du auch schon mitgebracht. Du bist ja ein ganz eifriger, was?“ Sie zeigte auf einen Tisch, hinter dem zwei Stühle standen. Auf dem einen saß ein dicker Junge mit roten Haaren. „Das ist dein Platz. Setz dich dort hin, der Unterricht beginnt gleich.“

„Hallo, ich bin Tobias.“ Er ließ sich auf dem Stuhl nieder, was wegen des Ranzens auf dem Rücken sehr unbequem war. Tobias saß vornübergebeugt und hielt seinem Tischnachbarn die Hand hin.

„Marvin“, erwiderte der kurz angebunden, ergriff aber nicht die dargebotene Hand. Dann blickte er ostentativ zur Tafel vorne. Tobias spürte, dass sie keine Freunde werden würden.

Irgendwann befanden sich alle Schüler im Klassenraum. Mütter und Väter standen an den Seiten des Raumes und betrachteten ihre Kinder stolz. Tobias warf einen Blick zu seiner Mutter, bemerkte aber, dass die sich mit seiner Schwester beschäftigte. Fotos wurden gemacht und als schließlich etwas Ruhe eintrat, begann die Lehrerin lustlos mit dem ‚Unterricht‘. Dabei handelte es sich aber mehr um Hinweise zum Schulalltag, Informationen über Bestimmungen und Verbote und schließlich erhielten sie eine Liste mit den Dingen, die sie in den nächsten Tagen mitzubringen hatten. Tobias langweilte sich schon nach kurzer Zeit, da er nur die Hälfte von dem verstand, was die magere Frau erzählte. Seine Gedanken schweiften ab und erst als der rothaarige Junge neben ihm, gegen seine Schulter schlug, blickte er auf.

„Hallo, da haben wir ja einen kleinen Träumer“, ließ sich die Lehrerin vernehmen und einige der Eltern lachten leise. Tobias spürte, wie er rot im Gesicht wurde. „Also Junge?“

Tobias blickte die Lehrerin fragend an. Dann schweifte sein Blick hilfesuchend zu seiner Mutter, die ihn aber lediglich böse ansah.

„Aufstehen, du bist an der Reihe“, zischte der Dicke neben ihm und Tobias erhob sich unsicher. Da er nicht aufgepasst hatte, wusste er auch nicht, was man von ihm erwartete.

„Nun, Träumer?“, hörte er die Lehrerin ungeduldig sagen. „Wie heißt du und was sind deine Hobbies?“

„Tobias“, stotterte er und überlegte, was für Hobbies er hatte. Eigentlich keine, aber das konnte er doch hier jetzt nicht sagen.

„Und weiter? Du musst schon deinen vollständigen Namen nennen!“ Die Lehrerin hielt in der Hand ein Holzlineal und ließ es nun auf ihre linke, offene Handfläche klatschen. Tobias fühlte sich an den Lederriemen seines Vaters erinnert und ein ungutes Angstgefühl breitete sich in seinem Körper aus.

„Tobias Kestel“, stammelte er schließlich, wurde aber von der Lehrerin sofort unterbrochen: „Wir bemühen uns hier um ganze Sätze, Tobias. Wir sind ja schließlich nicht im Kindergarten. Beginn noch einmal von vorne, Junge: Ich heiße ...“ Wieder lachten einige Eltern und Tobias spürte eine nie dagewesene Wärme im Gesicht und eine zunehmende Hilflosigkeit.

„Ich heiße Tobias Kestel.“

Es trat ein Augenblick der Stille ein. Schließlich schüttelte die Lehrerin den Kopf: „Ja und? Welche Hobbies hast du?“

Tobias fiel nichts ein und er überlegte angestrengt. Dann dachte er an das Planschbecken im Garten. „Schwimmen.“

„Mein Hobby ist Schwimmen“, wandelte die Lehrerin seine Aussage in einen ganzen Satz um. Sie klang ziemlich genervt. „Jetzt du, Tobias.“

„Mein Hobby ist Schwimmen.“

Unter dem erneuten Lachen einiger Eltern durfte er sich setzen. Seine Mutter blickte ihn immer noch böse an, wandte sich dann aber wieder Steffi zu.

Der ‚Unterricht‘ endete schließlich und Tobias atmete erleichtert auf. Die ganze Zeit hatte er befürchtet, erneut aufstehen und etwas sagen zu müssen. Doch die Lehrerin ignorierte ihn weitestgehend.

„Du blamierst die ganze Familie!“, schrie ihn seine Mutter an, kaum dass sie den Schulhof verlassen hatte. „Schwimmen! Herrgott, du kannst doch gar nicht schwimmen. Wie kommst du darauf, der Lehrerin solch eine Lüge aufzutischen? Warte nur ab, sie wird schon selbst herausfinden, dass du sie belogen hast, denn auf eurem Stundenplan steht auch Schwimmunterricht. Und dann Gnade dir Gott!“

Vor Tobias‘ innerem Auge wandelte sich das Holzlineal der Lehrerin in den Ledergürtel seines Vaters. Der Junge musste schwer schlucken, um die Tränen zu unterdrücken.

Zu Hause angekommen, durfte er endlich die Schultüte öffnen. Seine Schwester saß mit ihm am Küchentisch und beobachtete ihn ganz genau. Tobias überkam ein Gefühl der Überlegenheit. Er war eingeschult worden! Langsam und genussvoll räumte er seine Schultüte Stück für Stück aus. Dies gehörte allein ihm und Stefanie konnte nichts anderes tun, als ihm zuzusehen und die Geschenke und Süßigkeiten, die er gleich Zutage fördern würde, zu bewundern. Tobias ließ sich absichtlich Zeit. Er wollte den Moment so lange wie möglich genießen. Das Gefühl der Überlegenheit, des Besitzes und der Aufmerksamkeit.

Doch das Gefühl hielt genau bis zu dem Moment an, als seine Mutter lächelnd mit einer Miniaturschultüte in die Küche trat und sie seiner Schwester in die Hand drückte. „Du sollst doch nicht leer ausgehen, Steffi. Das ist eine Kindergartentüte.“

Stefanie sah ihre Mutter dankbar an. „Danke Mami, du bist die beste Mami der Welt.“ Sie sprang auf und küsste ihre Mutter auf die Wange. Dann goss sie den Inhalt der kleinen Tüte auf den Tisch. Schokoladenbonbons in lustig buntem Papier türmten sich zu einem kleinen Berg.

Tobias kramte jetzt schneller in seiner Schultüte und legte deren Inhalt nacheinander auf den Tisch: Ein kleines Mäppchen mit Bleistiften, eine Tüte mit Mutters selbstgebackenen und ungenießbaren Keksen, ein Apfel, eine Banane und eine Tafel Schokolade, die durch seinen Sturz stark in Mitleidenschaft gezogen worden war und mehrere Risse zeigte. Schokoladenkrümel rieselten auf den Tisch und Tobias standen die Tränen in den Augen.

„Nun mach doch nicht so eine Sauerei“, wies ihn seine Mutter auch gleich zurecht und wischte die Krümel mit einem Lappen fort. „Freust du dich denn gar nicht? Nimm dir mal ein Beispiel an deiner Schwester.“ Demonstrativ hielt sie ihm ihre Wange hin. Angewidert drückte Tobias ihr ein Küsschen darauf und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie sich seine Schwester gleich zwei der köstlichen Sahnebonbons in den Mund schob.

Am Nachmittag trudelten nach und nach die Verwandten ein. Tobias sah sich noch einmal im Mittelpunkt stehen, doch Oma und Opa, Tante und Onkel wandten sich Stefanie zu, als die ihnen stolz ihre ‚Kindergartentüte‘ präsentierte. Leider fehlte inzwischen der Inhalt, aber die ein oder andere Tafel Schokolade, die die Verwandten nun augenzwinkernd hineinlegten, änderte diesen Zustand. Auf Tobias machte es den Eindruck, als würden Süßigkeiten, die eigentlich ihm gegolten hatten, in der Tüte seiner Schwester verschwinden.

Der Onkel nahm ihn zur Seite und hielt ihm einen roten Gegenstand hin. „Hier Tobbi, das ist für dich. Schließlich bist du jetzt ein Mann und jeder Mann sollte so etwas besitzen. Aber erzähl niemandem, dass du es von mir hast.“ Er drückte es Tobias in die Hand, der ratlos darauf blickte und es in den Fingern drehte. So etwas hatte er noch nie gesehen. Auf einer Seite prangte ein kleines Kreuz in einem Rahmen. Sein Onkel nahm ihm das Teil wieder aus der Hand und schüttelte den Kopf: „Das ist ein Schweizer Taschenmesser“, erklärte er und klappte etwas aus dem Ding aus. „So etwas braucht ein jeder Mann. Das ist ein Messer und das hier“, er klappte wieder etwas heraus, „ein Flaschenöffner. Hier ist sogar ein Korkenzieher.“ Der Onkel lachte: „All das, was ein ganzer Mann so braucht! Geh sorgsam damit um und nutze es sinnvoll!“

Schließlich wurde Tobias genötigt, seine Schultüte vorzuführen. Das demolierte Aussehen ließ seine Verwandten grinsen, doch sie nickten ernst mit dem Kopf und meinten: „Sehr schön Tobbi, das ist aber eine schöne Schultüte.“ Dann wandten sie sich wieder Kaffee und Kuchen zu und sprachen über Krankheiten, das neue Auto von Opa und der Arbeit des Onkels. Stefanie saß auf Opas Schoß und spielte mit dessen Vollbart, was ihm hin und wieder ein Lachen entlockte.

Da Tobias keine Beachtung mehr fand, schlüpfte er durch die Hintertür in den Garten. Die Sonne brannte heiß vom Himmel und das Wasser im Planschbecken glitzerte verführerisch. Doch er traute sich nicht, seine Badehose anzuziehen und hineinzusteigen. Einerseits musste er zuvor Stefanie um Erlaubnis fragen und andererseits hatte ihm seine Mutter befohlen, den Anzug den ganzen Tag anzubehalten. „Der festliche Rahmen, mein Junge. Der festliche Rahmen!“, hatte sie ihm erklärt und Tobias verstand kein Wort. Spielte es wirklich so eine große Rolle, dass er in diesem dämlichen Anzug herumlief, noch dazu, da es so heiß war? Keiner der Verwandten trug ähnlich festliche Kleidung. Selbst seine Mutter hatte sich nach ihrer Rückkehr etwas Bequemes angezogen. Nur Stefanie trug stolz ihr neues Kleid, sah sie darin doch wie eine kleine Prinzessin aus.