Rache-Feldzug - Jürgen Ruhr - E-Book

Rache-Feldzug E-Book

Jürgen Ruhr

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Beschreibung

Völlig unerwartet verschwindet Akeno Duval, die Freundin von Jonathan Lärpers, nach einem Waldlauf um Schloss Wickrath. Akeno kehrt vom Brötchenkauf nicht zurück und schon nach kurzer Zeit steht fest, dass die hübsche Eurasierin entführt wurde. Noch am gleichen Tag machen sich mehrere Mitarbeiter der Gruppe Heisters auf die Suche nach Akeno und einem Motiv für deren Entführung. Doch Akeno bleibt verschwunden. Jonathan durchforstet seine alten Fälle, verfolgt verschiedene Spuren und allmählich kristallisiert sich ein möglicher Entführer heraus. Bei den Ermittlungen steht ihm seine Kollegin Birgit Zickler zur Seite, die den Privatdetektiv mit ihrer allzu forschen Art oft in die Verzweiflung treibt. Als sich der Oberstaatsanwalt Eberson in die Ermittlungen einschaltet und mitteilt, dass er und seine Leute ebenfalls Opfer von Anschlägen wurden, stellt sich heraus, dass ein alter Bekannter nach mehr als zehn Jahren Rache an der Gruppe Heisters und der Staatsanwaltschaft nehmen will. Jonathan und Birgit machen sich auf die Jagd nach dem Verbrecher.

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Seitenzahl: 590

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jürgen Ruhr

Rache-Feldzug

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

-

-

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXIV.

Epilog

Über den Autor

Impressum neobooks

-

Rache-Feldzug

Thriller

Buch 13 der JL Reihe

© by Jürgen H. Ruhr

Mönchengladbach

Bisher in der JL Reihe erschienene Titel (alle Bücher sind auch als Taschenbuch erhältlich):

(01) Kokain-Hotel

(02) Personen-Schutz

(03) Undercover-Auftrag

(04) Reise-Begleitung

(05) Gefahren-Abwehr

(06) Final-Tanz

(07) Austausch-Programm

(08) Spür-Nase

(09) Kaffee-Fahrt

(10) Feuerwehr-Challenge

(11) Himmelfahrts-Kommando

(12) Terror-Anschlag

-

 Die Personen dieser Geschichte

     sind frei erfunden.

    Irgendwelche Bezüge

           zu

     irgendeiner Realität

     wären rein zufällig!

I.

„Ein herrlicher Morgen“, freute sich meine kleine ‚Morgenröte‘, denn genau dies bedeutet ihr Vorname in der japanischen Sprache. Akeno - die Morgenröte.

Vor beinahe zwei Jahren hatte ich das große Glück, diese wunderschöne Frau im Rahmen eines Auftrags unserer Detektei kennen- und lieben lernen zu dürfen. Ein noch größeres Wunder für mich war, dass diese Liebe auf Gegenseitigkeit beruhte und sich im Laufe der Jahre noch weiter verfestigte.

Akeno Duval.

Tochter der Japanerin Misaki Duval und des Franzosen Jean Duval. Aufgewachsen in Düsseldorf, dort an der Heinrich-Heine-Universität studiert und hochintelligent, sowie wunderschön. Trotz aller ihr offenstehenden Möglichkeiten hatte sie dann - eher aus Abenteuerlust - in einer Düsseldorfer Detektei gearbeitet.

Diese Detektei mit dem Namen ‚Friedrich Sorgmann Erben‘ kam in finanzielle Schwierigkeiten und so übernahm mein Chef und Freund Bernd Heisters den Betrieb und meine große Liebe Akeno Duval wurde meine Kollegin.

Bernd Heisters lernte ich zu einer Zeit kennen, da ich als selbständiger Privatdetektiv tätig war und mir ein paar kriminelle Chinesen nach dem Leben trachteten. Er war es auch, der mir damals aus der Patsche half. Mir und meiner damaligen Mitarbeiterin Christine Weru, die heute in dem gleichen Haus in Wickrath wohnt, wie ich. Wir wurden nach dem Fiasko mit der chinesischen Triade von Bernd als feste Mitarbeiter eingestellt und bilden nunmehr einen Teil des ‚harten Kerns‘ seiner Unternehmen hier in Mönchengladbach. Genauer gesagt in Mönchengladbach-Güdderath, denn dort befindet sich Bernds Zentrale in seinem Krav Maga Studio und eine Straße weiter unsere Detektei, die aber eigentlich als ein Tarnunternehmen für ‚spezielle‘ Aufträge dient.

Denn mehr oder weniger regelmäßig erhalten wir von dem Oberstaatsanwalt Herrmann Eberson Aufträge, die sich stark am Rand der Legalität befinden. Aufträge, die von den offiziellen Stellen nicht mit der erforderlichen Effektivität durchgeführt werden können. Eine Effektivität, die wir zu leisten im Stande sind.

Wir - die Gruppe Heisters - sind hochmotivierte, bestens ausgebildete und kampferprobte Adrenalinjunkies, die von unserem Kampfsportausbilder Thomas Friedrich - von allen kurz ‚Dozer‘ genannt - kontinuierlich trainiert und fit gehalten werden.

Bernd selbst ist Doktor der Medizin. Und der gerade einmal einen Meter und achtundsechzig Zentimeter große Asiate Samuel L. Terbarrus - von allen nur Sam genannt - ist seine rechte Hand und besitzt ebenfalls einen Doktortitel, den ich mir beim besten Willen nicht merken kann. Irgendetwas mit ‚Dr. nat. med. der molekularen Medizin‘.

Da wird es bei Jennifer Enssel, unserem Mädchen für alles, schon einfacher. Jennifer ist meistens im Empfang des Krav Maga Studios zu finden und quasi die Seele des Unternehmens.

Weniger die Seele, als mehr der Psychopath des Unternehmens ist dagegen Birgit Zickler. Die Frau trägt durchweg unmögliche Kleidung, deren Farben sich mit der bunten Vielfalt auf ihrem Kopf beißen. Birgit hat vor Jahren einen Lehrgang bei dem israelischen Geheimdienst, dem Mossad, absolviert und ist seitdem noch durchgeknallter, als sie zuvor schon war. Anfangs hatte ich mich noch getraut, sie ‚Zicke‘ zu nennen, doch mittlerweile halte ich lieber meinen Mund. Das ist meiner Gesundheit auf jeden Fall zuträglicher.

Neben dem festen Personal in Bernds Unternehmen gibt es noch eine Reihe von freien Mitarbeitern, sowie mehrere Krav Maga Studios in verschiedenen Städten.

Aber eines haben alle Mitarbeiter gemeinsam: Wir sind adrenalinsüchtig und haben uns dem Kampf gegen das Böse verschrieben.

„Was ist los, Jonathan? Du bist so still?“, lachte Akeno und drehte sich beim Laufen zu mir, um im Rückwärtsgang fortzufahren. Dabei verminderte sie nicht einmal ihre Geschwindigkeit.

„Nichts, nichts. Ein herrlicher Morgen“, bestätigte ich und ärgerte mich darüber, dass meine Stimme ein wenig außer Atem klang.

Ein Stückchen abseits lief unser bester Freund, Bingo, und schnupperte so ganz nebenbei an dem ein oder anderen Busch. Bingo ist ein Malinois, ein Belgischer Schäferhund, den mir vor einigen Jahren die größte Nervensäge, die ich kenne, aufs Auge gedrückt hatte. Der Mann war und ist unmöglich und heißt Herr Weser. Wenn es jemandem möglich ist, meine Lebenszeit zu verkürzen, dann ihm.

Zunächst konnte ich mich mit dem Gedanken, für einen Hund sorgen zu müssen, nicht anfreunden, doch jetzt sind wir die besten Freunde.

„Du bist trotzdem ziemlich wortkarg“, beharrte mein Liebling und zeigte zum Himmel. „Heute ist der wirklich erste schöne Tag im Jahr, das sollten wir ausnutzen.“

Ich nickte. „Und wie?“

„Wie wäre es, wenn wir den Tag mit einem fulminanten Frühstück beginnen?“

„Fulminant?“

„Ja“, Akeno stöhnte leicht und lachte dann. „Fulminant. Das heißt prächtig, großartig, kraf...“

„Ich weiß, was fulminant heißt“, unterbrach ich sie. „Was also stellst du dir vor?“

„Nun, ich könnte uns Brötchen und frische Croissants besorgen. Die Bäckerei in Wickrath hat bis zwölf Uhr geöffnet. Und nach dem Frühstück machen wir einen Ausflug und gehen mittags irgendwo lecker essen. Wir sollten den Tag genießen.“ Akeno drehte sich erneut, so dass sie wieder vorwärtslief und rannte nun direkt neben mir her. „Was hältst du davon?“

„Prima Idee. Ich könnte nachher schnell mit dem Wagen die Brötchen holen, denn zunächst müssen wir nach Hause. Ich habe kein Geld bei mir.“

Akeno lachte. „Ich aber. Während du gleich mit Bingo zurückläufst, mache ich einen kleinen Abstecher zur Bäckerei. Dann kannst du schon duschen, bis ich zurück bin.“

„Wir können die Brötchen auch zusammen holen“, schlug ich vor, doch Akeno schüttelte den Kopf.

„Du duschst und kümmerst dich ums Frühstück, während ich mich dann frisch mache. Brötchen holen kann ich auch alleine.“

„Meinetwegen“, erklärte ich mich einverstanden. „Vielleicht bekommst du ja sogar ein Mohnbrötchen für mich.“ Langsam lief mir das Wasser im Mund zusammen und mein Magen meldete sich plötzlich auch. Ein gutes Frühstück war jetzt genau das, was ich brauchen konnte.

Wir trennten uns am Eingang zu dem Schlosskomplex, winkten uns noch einmal kurz zu und Akeno schlug einen leichten Trab in Richtung Wickrath Innenstadt an. „Komm Bingo“, forderte ich meinen kleinen Hundefreund auf, der Akeno bedauernd hinterher sah und vermutlich überlegte, ob er nicht lieber ihr folgen sollte. Dann aber setzte er sich an meine Seite.

Das Duschen steigerte meinen Appetit auf ein großzügiges Frühstück nur noch mehr und nachdem ich bequeme Kleidung übergeworfen hatte, machte ich mich in der Küche direkt daran, die Kaffeemaschine vorzubereiten. Akeno hätte eigentlich schon zurück sein müssen, aber vielleicht war es in der Bäckerei ja ziemlich voll gewesen. Ich rechnete jeden Moment mit ihrer Rückkehr und meinte schon fast den leckeren Duft von frischen Brötchen zu riechen.

Bingo schlich ein paar Mal um mich herum, dann verschwand er im Wohnzimmer.

Die Zeit verging und Akeno war immer noch nicht zurück. Ich blickte jetzt alle paar Minuten auf die Wanduhr über der Küchentür und wurde zusehends nervöser. Was, wenn ihr etwas passiert war? Vielleicht war sie beim Laufen mit einem Fuß umgeknickt oder es hatte einen Unfall gegeben. Oder sogar beides. Gut, dass ich die Kaffeemaschine noch nicht angeschaltet hatte.

Ich wusste, dass Akeno ihr Handy nicht bei sich trug. Die Dinger ließen wir beim Joggen immer zu Hause, um so wenig Ballast wie möglich mit uns herumzuschleppen. Jetzt wünschte ich, dass sie ihres bei sich tragen würde. Leider wusste ich auch nicht, wie die Bäckerei hieß, in der sie die Brötchen kaufen wollte. Aber vermutlich würde es ohnehin nicht viel Sinn machen, dort anzurufen und nach meiner Liebsten zu fragen.

Dreißig Minuten später legte ich einen Zettel mit der Notiz, dass ich sie suchen würde, auf den Küchentisch und schnappte mir den Malinois. Als ich die Treppe im Hausflur hinabging, kam mir meine Kollegin Christine Weru lächelnd entgegen. Sie trug eine Brötchentüte in der einen Hand und in der anderen den Haustürschlüssel, mit dem sie gerade die Tür hatte aufschließen wollen.

„Morgen Jonathan. Gehst du joggen? Du bist spät dran.“ Sie kniete sich vor Bingo und streichelte den Hund, der jetzt wohlig auf dem Rücken lag und sich von meiner Kollegin den Bauch streicheln ließ.

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Joggen waren wir schon, ich wollte Akeno suchen gehen.“ Dann fiel mir etwas ein. „Hast du die Brötchen in Wickrath geholt?“

Christine erhob sich. „Klar, wo denn sonst? Es gibt nur eine Bäckerei, die sonntags geöffnet hat.“

„Du hast nicht zufällig Akeno gesehen? Sie wollte auch Brötchen kaufen. Und das ist leider schon eine ganze Weile her. Ich mache mir wirklich Sorgen.“

Chrissi schüttelte den Kopf. „Nein, in der Bäckerei war sie nicht.“

„Und im Park? Hast du sie zufällig dort gesehen? Vielleicht hatte sie ja einen Unfall.“

Erneut schüttelte meine Kollegin den Kopf. „Ich war mit dem Wagen dort und musste nicht durch den Park gehen.“ Dann sah sie mich ernst an. „Soll ich dir suchen helfen?“

„Nein, das ist nicht notwendig. Es gibt ja nicht viele Möglichkeiten, wo Akeno abgeblieben sein könnte.“ Ich seufzte. „Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Wo befindet sich eigentlich diese Bäckerei?“

„Direkt gegenüber dem Marktplatz neben der Straße zum Schloss. Du kannst sie eigentlich nicht verfehlen. Hast du dein Handy dabei?“

Ich nickte.

„Dann ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst.“ Christine überlegte einen Moment und meinte dann: „Ruf mich auf jeden Fall an, auch wenn du sie findest. Dann brauche ich mir keine Sorgen zu machen.“

„Mach ich“, versprach ich. „Vielleicht ist es ja nichts und Akeno hat einen Bekannten getroffen und sich nur verquatscht.“ Daran glaubte ich selber nicht, doch es hörte sich sehr beruhigend an. Rasch verabschiedete ich mich und schlug mit Bingo einen leichten Trab in Richtung Schlosspark an.

Es gab viele Möglichkeiten, durch den Park zu gelangen, doch ich setzte darauf, dass Akeno den kürzesten Weg wählen würde und auf dem liefen Bingo und ich jetzt in Richtung Wickrath. Sollte ich Akeno nicht im Park finden, so wollte ich zunächst in der Bäckerei nach ihr fragen.

Je weiter ich mich dem Schloss näherte, desto größer wurden meine Sorgen. Wo, verdammt, war Akeno abgeblieben? Im Park befanden sich jetzt schon mehrere Menschen, die mit ihren Partnern die frühe Sonne bei einem Spaziergang genossen oder ihre Hunde an der Leine ausführten. So mancher unwillige Blick eines Hundebesitzers traf mich, als sie entdeckten, dass Bingo ohne Leine neben mir herlief. Einer nahm sogar seinen kleinen weißen Hund auf den Arm und rief mir hinterher: „Sie müssen ihren Hund an der Leine führen! Leinenpflicht!“

Ich ignorierte ihn. Bingo ignorierte ihn und seinen kleinen Schoßhund ebenfalls.

Als ich die Straße zur Bäckerei entlanglief - und immer noch keine Akeno gefunden hatte - stieg meine Nervosität zusehends. Meine ‚Morgenröte‘ würde bestimmt nichts unternehmen, ohne mir Bescheid zu sagen, dass sie später käme. Und, egal wie lang die Käuferschlange in der Bäckerei gewesen war, inzwischen müsste sie eigentlich längst schon daheim sein. Rasch betrat ich den Laden, in dem es verführerisch nach Backwaren roch. Um diese Zeit befanden sich in dem kleinen Geschäft nur noch wenige Kunden und ich wandte mich direkt an die Verkäuferin, die gerade ein paar Kuchenstücke auf ein Papptablett lud. „Entschuldigung, ich hab...“

„Hinten anstellen“, raunzte eine Stimme hinter mir. „Es ist eine Unverschämtheit, sich einfach vorzudrängeln!“

„Ich habe nur eine Frage“, erklärte ich und wollte mich wieder an die Verkäuferin wenden.

„Die haben wir alle. Jetzt bin ich dran, also warte hinten, bis du an der Reihe bist.“

Ich wandte mich zu dem Kerl um und sah ihn mir genauer an. Der Mann war klein, dick und trug trotz der angenehmen Wärme draußen einen dicken Anorak und eine Schirmmütze. Kurz schoss mir der Gedanke durch den Kopf, ihn mit einem leichten, gezielten Schlag außer Gefecht zu setzen, doch das würde mir vermutlich nur Ärger einbringen und am Ende die Polizei auf den Plan rufen. Achselzucken stellte ich mich ans Ende der Schlange und ärgerte mich über das zufriedene Grinsen des Alten.

„Was kann ich für sie tun?“

Endlich war ich an der Reihe. Hinter mir standen inzwischen wieder ein paar Kunden und ich wollte mich kurzfassen. „Ich suche eine Frau“, erklärte ich und vernahm ein glucksendes Lachen.

„Wir haben hier nur Brötchen, Brot und Kuchen“, antwortete die Verkäuferin völlig ernsthaft, was weitere Heiterkeitsausbrüche bei den Kunden zur Folge hatte.

„Nein, nein“, korrigierte ich mich. „Ich suche meine Frau. Sie wollte hier Brötchen kaufen und ist bisher noch nicht nach Hause zurückgekehrt.“ Ich beschrieb der Verkäuferin Akenos Aussehen und die nickte.

„Ja, ich erinnere mich. Ihre Frau hat Brötchen gekauft und ist dann gegangen. Alles ganz normal.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Tut mir leid, wenn ich ihnen nicht mehr sagen kann.“ Dann wandte sie sich an die Frau hinter mir. „Was kann ich für sie tun?“

Draußen vor der Bäckerei zog ich mein Handy hervor und wählte Akenos Nummer. Vielleicht war mein Schatz ja inzwischen zu Hause und wartete dort auf mich.

Doch Akeno meldete sich nicht. „Scheiße“, murmelte ich und nickte Bingo zu. „Laufen wir noch einmal durch den Park, vielleicht finden wir sie dort irgendwo ...“ Allerdings glaubte ich selber nicht an meine Worte und in Gedanken malte ich mir alle möglichen Ursachen für ihr Verschwinden aus. Die Naheliegendste davon war noch ein schwerer Verkehrsunfall. Den Gedanken, dass Akeno von Außerirdischen in einem tellerförmigen UFO entführt worden war, verwarf ich dagegen sofort wieder.

Bingo und ich durchstreiften den gesamten Schlosspark und diesmal zögerte ich auch nicht, die Spaziergänger und Hundeausführer nach einer jungen, asiatischen Schönheit zu fragen. Aber niemand konnte mir weiterhelfen, Akeno war nicht gesehen worden. Schließlich kehrten wir einigermaßen ratlos zu der Straße zurück, die vom Schloss Wickrath in die Stadt und zur Bäckerei führte. „Und was nun?“, fragte ich meinen treuen Freund, doch Bingo hob lediglich an einem Busch ein Bein und hinterließ dort seine Markierung. Erneut wählte ich auf meinem Handy Akenos Nummer, doch wieder meldete sich lediglich die Mailbox. „Akeno bitte ruf mich sofort zurück“, hinterließ ich schließlich eine Nachricht und wandte mich dann an den Hund: „Komm, Bingo, kehren wir zur Wohnung zurück. Ich werde von dort die Krankenhäuser in der Nähe anrufen. Und wenn das nichts bringt, vielleicht auch die Polizei ...“

Der Malinois sah mich kurz an, dann schnüffelte er weiter an den Büschen. „Nun komm schon“, forderte ich ihn auf und wollte mich abwenden, als Bingos leises Knurren mich zurückhielt. „Was ist los?“, fragte ich und trat an der Stelle, an der mein Hund stand, zwischen das Gestrüpp. Den Atem anhaltend befürchtete ich, dort Akeno am Boden liegend zu finden, doch was ich dann sah, ließ mein Blut stocken. Zwischen den Zweigen eines Brombeerbusches steckte eine Papiertüte der Bäckerei, in der ich vorhin nach Akeno gefragt hatte. Vorsichtig angelte ich danach, zerkratzte mir bei der Bergung des Fundstückes aber den rechten Arm. Tatsächlich handelte es sich um eine Tüte mit Brötchen, die offensichtlich vom Weg her in hohem Bogen in das Gebüsch geworfen worden war. Neben vier normalen Brötchen und zwei Croissants befanden sich auch ein Sesam- und ein Mohnbrötchen darin.

„Das ist zweifellos Akenos Tüte“, keuchte ich und warf Bingo einen ängstlichen Blick zu. „Aber warum hat sie die Tüte in die Büsche geschmissen?“ Dann meldete sich ein Teil meines Gehirns und flüsterte: ‚Und wenn sie es nicht selber war, die die Tüte fortgeworfen hat?‘ Mir wurde fast übel vor Angst. Natürlich hatte meine Akeno die Tüte nicht selber in die Büsche befördert. Und wer immer das getan haben musste, der konnte nichts Gutes im Schilde geführt haben. Kein Rettungssanitäter würde eine Brötchentüte, die einer Verunglückten gehörte, in das Gebüsch werfen. Oder doch?

Ich stand eine Weile ratlos da, während mir alle möglichen Unglücksszenarien durch den Kopf geisterten. Schließlich hatte ich eine Idee und hielt Bingo die Tüte hin. „Such“, forderte ich ihn auf, „Bingo, such Akeno.“

Der Malinois wollte nach den Brötchen schnappen, doch ich zog sie rechtzeitig zurück. „Du sollst suchen, nicht fressen“, wies ich ihn zurecht und wiederholte meine Aufforderung: „Such, Bingo, such Akeno.“

Nach einem bedauernden Blick auf die Backwaren senkte Bingo seine Schnauze auf den Boden und schnüffelte intensiv herum. Dann setzte er sich in Bewegung und ich folgte ihm. „Brav Bingo“, ermunterte ich meinen kleinen Freund. „Such.“ Neben der Straße führte ein unbefestigter Weg zu einem kleinen Parkplatz, auf dem ein paar Fahrzeuge standen. Bingo führte mich zielstrebig über den Schotterboden. Es ging vorbei an einigen Wagen, bis er schließlich vor einem leeren Platz stehenblieb. „Weiter Bingo, weiter“, murmelte ich, doch der Hund hob bedauernd den Kopf und gab einen kurzen, jaulenden Ton von sich. Ich verstand: „Hier endet die Spur?“

Mir wurde sofort klar, was das zu bedeuten hatte: An dieser Stelle war Akeno in einen Wagen gestiegen oder gezwungen worden, einzusteigen. Da es keinen Sinn machte, dass meine kleine ‚Morgenröte‘ unser Frühstück ins Gebüsch warf und dann in einen Wagen hier einstieg, konnte das nur bedeuten, dass irgendjemand sie entführt hatte.

Aber warum? Und wer? Meine Gedanken jagten sich und Panik stieg in mir auf. Waren es Mädchenhändler, die Kinder und junge Frauen entführten und anschließend verkauften? Wohl eher nicht, dafür war Akeno zu alt. Auch wusste mein Schatz sich zu verteidigen, denn Dank der Kampfsportausbildung würde sie es einem Gegner nicht leicht machen, sie zu überwältigen. Nur: Gegen eine Überzahl von Bewaffneten konnte auch das beste Krav Maga nichts ausrichten. Für mich stand schließlich fest, dass Akeno von mehreren bewaffneten Männern - oder auch Frauen - entführt worden war. Aber warum um alles in der Welt? Die kleine, süße Akeno hatte doch niemandem etwas getan ...

Ich stand da, mit der Brötchentüte in der Hand und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Dann zwang ich mich zur Ruhe. ‚Du musst jetzt einen klaren Kopf behalten‘, sagte ich mir. Was leichter gesagt, als getan war. Hektisch blickte ich mich um. Der Wagen, in den man Akeno gezwungen hatte einzusteigen, war fort. Natürlich, ich stand ja auf dem leeren Parkplatz. Die Polizei! Ich musste die Polizei anrufen! Als ich die Notrufnummer auf meinem Handy eintippen wollte, fiel mir ein, dass dies wenig Sinn machte. Erwachsene, die weniger als vierundzwanzig Stunden verschwunden waren, wurden von der Polizei nicht gesucht. Aber galt das auch bei Entführungen? Nachdem ich die Nummer eingetippt hatte, kam mir eine bessere Idee und ich drückte die Kurzwahl meines Freundes Bernd Heisters. Wenn es jemanden gab, der wusste, was zu tun war, dann Bernd!

„Jonathan, guten Morgen“, meldete sich der Hüne mit dem markanten Vollbart. „Was gibt es so Dringendes, dass du am Sonntagmorgen anrufst?“ Bernd war für uns zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar. Ich erinnerte mich an den Beginn unserer Freundschaft, die auf den Tag - oder besser die Nacht - meines dreißigsten Geburtstags fiel. An dem Abend wurde ich zum Tequila - König gekürt und Bernd rettete mich, als ich volltrunken vom Tisch fiel. Am nächsten Morgen wachte ich im Bett neben ihm auf und Bernd dachte, einen neuen Freund und Liebhaber gefunden zu haben. Freund ja - Liebhaber eher nicht, da ich mich zum männlichen Geschlecht nicht hingezogen fühle. Es sprach für Bernd, dass er aber weiterhin zu mir hielt und wir wirklich dicke Freunde wurden.

Freunde - mehr nicht.

„Jonathan, bist du noch dran? Was ist los?“

„Akeno, Bernd, Akeno ...“, stammelte ich und versuchte nicht in Tränen auszubrechen.

„Was ist mit Akeno, Jonathan? Versuch ruhig zu bleiben und erzähl mir genau, was passiert ist.“

Ich schluckte. „Also, ja ... Heute ist doch so schönes Wetter und da sind Akeno und ich joggen gegangen. Im Schlosspark, du weiss...“

Bernd unterbrach mich: „Die Kurzfassung, Jonathan. Nicht den ganzen Roman.“

„Akeno ist verschwunden. Entführt. Sie hat Brötchen geholt und hier“, ich raschelte mit der Brötchentüte, „ist die Tüte, aber Akeno ist verschwunden. Sie hat sogar ein Mohnbrötchen für mich geholt ...“

Bernd räusperte sich vernehmlich. „Langsam, Jonathan. Wie kommst du darauf, dass Akeno entführt wurde? Und wo soll das passiert sein?“

Ich riss mich zusammen. „Beim Schloss Wickrath. Wir waren joggen und Akeno wollte noch Brötchen holen. Als sie aber nicht nach Hause kam, habe ich sie gesucht und Bingo fand die Tüte mit den Brötchen im Gebüsch. Er führte mich dann zu dem Parkplatz hier, wo Akeno vermutlich in einen Wagen einsteigen musste.“

„Okay. Du denkst also, Akeno ist entführt worden? Hast du versucht, sie auf ihrem Handy zu erreichen?“

„Das liegt zu Hause. Und ich denke nicht nur, dass Akeno entführt wurde, ich weiß es. Warum sollte die Brötchentüte dann im Gebüsch liegen?“

Bernd dachte einen Moment nach. „Bist du denn sicher, dass es die Brötchen sind, die Akeno gekauft hat? Ich meine ... da wird ja kaum ein Name draufstehen.“

„In der Tüte ist ein Mohnbrötchen, das sollte sie mir mitbringen. Bernd, welchen Grund könnte es geben, dass Akeno nicht nach Hause zurückkehrte? Ich bin mir sicher, dass sie entführt wurde.“

Mein Freund machte mehrere Male ‚Hmm, hmm‘, dann fasste er einen Entschluss. „Okay, da kann natürlich was dran sein. Akeno würde nicht einfach so verschwinden. Hast du schon die Polizei informiert?“

„Nein.“

„Das würde auch nicht viel Sinn ergeben. Hör zu, Jonathan: Bleib per Handy erreichbar, falls Akeno doch noch anruft. Ich mache mich sofort auf den Weg zu dir. Erklär mir nur genau, wo ich dich finden kann. Und bleib ruhig, keine Panik. Du musst jetzt einen klaren Kopf bewahren. Vielleicht stellt sich ja alles noch als Irrtum heraus. Ich bin in einer halben Stunde bei dir.“

„Klar Bernd, mach ich.“ Ich erklärte ihm noch genau, wie er mich finden würde und wir unterbrachen das Gespräch. „Es wird alles gut“, erklärte ich Bingo, „Bernd kommt her.“ Anstatt jetzt untätig auf Bernd zu warten, fotografierte ich den Parkplatz und die darauf stehenden Autos, so dass die Kennzeichen gut zu erkennen waren. Vielleicht würde uns einer der Fahrer später mit Informationen helfen können.

Ein junges Pärchen in Trainingsanzügen lief zu einem alten Opel und ich eilte zu ihnen. „Entschuldigung“, riss ich die beiden aus ihren Gedanken. „Darf ich sie etwas fragen?“

Der Mann sah mich misstrauisch an. „Wollen sie uns was verkaufen?“

„Nein, nein. Ich habe nur eine Frage.“

„Hmm“, brummte der Mann, war aber weiter misstrauisch. Dann bemerkte er Bingo. „Sie dürfen ihren Hund hier nicht so laufen lassen. Hunde sind an der Leine zu führen.“

„Ja, ja. Beantworten sie mir nur eine Frage: Können sie sich an einen Wagen erinnern, der dort vorne gestanden haben muss?“

„Nein, kann ich nicht. Warum wollen sie das wissen?“

„Nur so. Bitte denken sie noch einmal scharf nach. Stand dort ein Wagen, als sie hier ankamen?“

„Kann sein oder auch nicht. Woher soll ich das wissen? Ich schau mir doch nicht den gesamten Parkplatz an, wenn ich hier parke. Und nehmen sie den Hund an die Leine, der sieht ja richtig gefährlich aus.“

Ich nickte resigniert. „Trotzdem, vielen Dank. Und keine Sorge, der Hund ist nur gefährlich, wenn ich es ihm sage.“

Ich wandte mich um und wollte zurück zu dem leeren Platz gehen, als die Frau plötzlich bemerkte: „Doch da stand ein Wagen. Ich glaube, ich erinnere mich.“

Schnell drehte ich mich wieder zu ihr: „Sie haben den Wagen bemerkt?“

Die Frau nickte. „Der ist mir aufgefallen, weil der so komisch aussah. Ein schwarzer Minivan mit getönten Scheiben. Sah irgendwie amerikanisch aus.“

„Haben sie sich zufällig auch das Kennzeichen merken können?“

„Nein, warum sollte ich? Ich weiß nur, dass der schwarz war und man nicht durch die Scheiben sehen konnte. Mehr nicht. Warum wollen sie das eigentlich alles wissen?“

Ich überlegte mir schnell eine Ausrede und sagte: „Ich wollte nur wissen, ob ein Bekannter von mir schon hier war. Wir hatten uns zum Joggen verabredet. Aber vielen Dank, Ihre Information hilft mir schon.“ Dann schlurfte ich mit Bingo im Schlepptau zurück zu dem freien Platz und wartete dort auf Bernd.

Nach exakt dreißig Minuten rollte ein froschgrüner Mini, der eindeutig schon älteren Datums war, auf den Parkplatz und parkte dort, wo ich vorher mit dem Pärchen gesprochen hatte. Unter Ächzen quälte Bernd sich aus dem Fahrzeug. „Morgen Jonathan.“ Mein Freund nahm mich kurz in die Arme, dann ging er in die Hocke und streichelte Bingo, der sich wohlig grunzend wieder auf den Rücken rollte. Nach ein paar Minuten erhob sich Bernd und deutete auf den Mini. „Meine neueste Errungenschaft. Leider ist die Blechkiste ein wenig zu klein für mich.“ Der einen Meter fünfundneunzig große Mann reckte sich und bog das Kreuz durch. Dann lachte er gequält: „Ich sollte doch lieber bei meinem Porsche bleiben.“ Sofort wurde er wieder ernst: „Also, Jonathan, jetzt erzähl‘ mal: Was ist denn eigentlich los? Akeno wurde entführt?“

Ich nickte. „Wir waren heute Morgen hier im Park joggen und Akeno wollte noch Brötchen für unser Frühstück holen. Ich bin dann mit Bingo zurück in unsere Wohnung, habe geduscht und alles fürs Frühstück vorbereitet. Als Akeno nach mehr als einer halben Stunde noch nicht zurück war, habe ich sie gesucht. In der Bäckerei konnte man sich an sie erinnern und später hat Bingo das hier im Gebüsch nahe der Straße gefunden.“ Ich hob die Brötchentüte hoch.

„Und du bist sicher, dass das die Tüte ist, die Akeno aus der Bäckerei mitgenommen hat?“

Ich nickte ernst. „Ich hatte sie gebeten, mir ein Mohnbrötchen mitzubringen und siehe hier.“ Rasch kramte ich das Brötchen aus der Tüte. „Mohn.“

„Okay, gehen wir also einmal davon aus, dass dies Akenos Brötchentüte ist. Die wird sie kaum freiwillig fortgeworfen haben. Wie ging’s dann weiter?“

„Bingo hat mich zu dem Platz geführt und inzwischen habe ich erfahren, dass hier ein schwarzer Minivan amerikanischer Bauart mit getönten Scheiben gestanden hat. Offensichtlich zwang man Akeno, hier in den Wagen zu steigen.“

Bernd tätschelte Bingos Kopf. „Braver Hund. Hast du irgendeine Idee, warum jemand Akeno entführen sollte? Das kann ja kaum etwas mit einem eurer aktuellen Fälle zu tun haben, denn Akeno war die letzten Wochen nur im Büro am Computer und ist diesen Industriespionen hinterhergejagt. Bist du vielleicht jemandem auf den Schlips getreten?“

Ich schüttelte den Kopf und dachte an meinen letzten Auftrag. „Nein, eigentlich nicht. Dieser untreue Kerl, den ich in flagranti fotografiert habe, wusste nichts von meinem Einsatz und ist ohnehin nicht der Typ, der jemanden entführen würde. Wie du weißt, hatten wir ja nur Kontakt mit seiner Ehefrau.“

Bernd überlegte einen Moment. „Gut, gehen wir die Sache noch einmal genauestens durch und rekonstruieren wir, was passiert sein könnte. Am besten wäre es, wenn wir damit beginnen, wo Akeno die Bäckerei verlässt.“

Wir gingen die Straße entlang und ich zeigte Bernd den kleinen Laden. Dann begaben wir uns zu der Stelle, an der Bingo die Tüte im Gebüsch gefunden hatte. Bernd suchte den Boden sorgfältig nach Spuren ab, musste aber schließlich resigniert aufgeben. „Also hier gibt es nichts Verwertbares“, resümierte er schließlich und blickte zu dem Parkplatz herüber, der von hier aus kaum zu sehen war. „Es sieht so aus, als wenn Akeno sich nicht gewehrt hätte. Keine Spuren von Blut oder“, er lachte bitter, „ausgeschlagenen Zähne. Vermutlich hat man sie mit vorgehaltener Waffe gezwungen, in den Wagen zu steigen.“

Ich nickte ernst: „Das dachte ich mir auch schon. Der oder die Typen müssen genügend Abstand zu ihr gehalten haben, so dass sie keine Chance hatte, sich zu wehren.“

Bernd suchte mit den Augen den Boden ab. „So sieht es aus, ja. Und da auf dem Schotter des Parkplatzes keine Schleifspuren zu sehen sind, wird man sie auch nicht betäubt oder k.o. geschlagen haben.“ Bernd überlegte. „Vielleicht hat sie die Tüte mit den Brötchen ja sogar selber ins Gebüsch geworfen, um dir einen Hinweis zu hinterlassen.“

„Aber was nützt uns das?“, fragte ich und sah meinen Freund hilflos an. „Und was jetzt?“

„Abwarten“, meinte Bernd stoisch. „Vielleicht lassen die Entführer ja von sich hören und vielleicht werden sie ja ein Lösegeld oder etwas Ähnliches fordern.“

„Und das ist alles, was wir tun können? Abwarten?“

Mein Freund schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Ich werde Jennifer auf die Sache ansetzen. Der schwarze Minivan ist momentan der einzige Anhaltspunkt, den wir haben. Jennifer soll herausfinden, ob es Aufnahmen von Überwachungskameras hier in der Nähe gibt, auf denen der Wagen zu sehen ist. Und du solltest deine und Akenos aktuellen und kürzlich abgeschlossenen Fälle durchgehen, ob es da einen Zusammenhang geben könnte.“

Bernd zog sein Handy hervor und sprach kurz darauf mit Jennifer. Seinen Worten entnahm ich, dass die Blonde schnellstmöglich ins Krav Maga Studio kommen und dort mit den Recherchen beginnen würde.

Ich nahm mir vor, mich kurz umzuziehen und dann ebenfalls in mein Büro, das in dem Gebäude der Detektei lag, zu begeben. Vielleicht gab es ja einen Fall in den letzten Wochen oder Monaten, der mit der Entführung in Zusammenhang stehen könnte.

„Soll ich dich mitnehmen, Jonathan?“, bot mir mein Chef an und ich dachte an den grünen Mini. Mit meinen Einmeterachtzig wäre es kein großes Vergnügen, mich in die kleine Kiste zu quetschen.

„Danke, aber ich jogge mit Bingo schnell nach Hause, ziehe mich um und gehe dann in mein Büro, um die alten Fälle durchzuarbeiten. Vielleicht finde ich ja einen Hinweis.“

„Okay. Wenn du etwas findest, informiere umgehend Jenny, bei ihr werden alle Ermittlungen zusammenlaufen. Und komme bitte noch kurz ins Studio, bevor du wieder nach Hause fährst. Für morgen früh um neun Uhr ist ja ohnehin ein Meeting im Planungsraum angesetzt, so dass wir dann unser weiteres Vorgehen besprechen werden.“ Bernd seufzte leise. „Allerdings kann ich nicht alle unsere Leute auf die Sache ansetzen, da wir noch jede Menge andere Aufträge haben. Aber bis zur Klärung der Angelegenheit mit Akeno bist du auf jeden Fall freigestellt.“

„Danke Bernd. Dafür und für deine Hilfe. Ich weiß das zu schätzen.“

„Danke mir nicht zu früh, Jonathan, noch haben wir sie nicht gefunden. Außerdem“, Bernd zwinkerte mir verschmitzt zu, „brauche ich Akeno im Büro wegen der Industriespionage.“ Er legte mir eine Hand auf die Schulter, sah mir in die Augen und meinte ernst: „Du musst jetzt einen klaren Kopf behalten, Jonathan. Wir werden alles unternehmen, um Akeno zu finden.“

Ich nickte und unterdrückte ein Schluchzen. Daran, dass wir auch lediglich die Leiche von Akeno finden konnte, wollte ich gar nicht erst denken.

Wir verabschiedeten uns und ich rannte so schnell wie möglich, gefolgt von Bingo, durch den Park zu meiner Wohnung zurück. Als ich die Treppe zu meiner Wohnung hinaufeilte, erinnerte ich mich an Christine und rasch klingelte ich an ihrer Türe. Keine zwei Sekunden später öffnete sie mir.

„Jonathan, hast du Akeno gefunden? Du bist ja ganz außer Atem.“

„Akeno wurde entführt“, keuchte ich. „Ich habe das hier im Gebüsch gefunden.“ Auch ihr zeigte ich die Tüte mit den Brötchen. „Bernd habe ich schon informiert und der kam zum Glück auch direkt zum Schlossparkplatz. Wir sind alles noch einmal durchgegangen und es gibt keinen Zweifel: Akeno wurde entführt.“

Christine sah mich entsetzt an. „Aber wieso? Und von wem?“

„Das wollen wir herausfinden. Bernd hat Jennifer schon angerufen und ich fahre jetzt ins Büro, um meine alten Fälle durchzugehen. Vielleicht gibt es da irgendeinen Zusammenhang.“

„Ich komme mit dir“, bestimmte meine Kollegin. „Wenn ich irgendwie helfen kann ...“

Ich nickte. Je mehr Personen jetzt an dem Fall arbeiteten, desto eher fanden wir vielleicht entscheidende Hinweise. „Das wäre schön, Chrissi. Ich gehe mich nur kurz umziehen, dann kann ich dich zum Büro mitnehmen.“ Rasch rannte ich die restlichen Stufen zu meiner Wohnung hoch.

Dort zog ich in Windeseile andere Kleidung an, denn jetzt galt es, keine Zeit zu verlieren.

II.

Christine wartete schon vor ihrer Tür auf mich, unter dem Arm trug sie eine kleine Tasche. Als sie meinen Blick bemerkte, lächelte die Frau mit den dunkelbraunen Haaren. „Ich habe noch ein paar Brötchen übriggehabt, die kannst du im Büro essen. Ich nehme an, du hast bis jetzt noch nichts in den Magen bekommen. Ich koche uns dann auch einen Kaffee.“

„Du bist ein Schatz, Chrissi“, bedankte ich mich und eilte zur Treppe.

„Eine Sache noch, Jonathan“, hielt mich Christine zurück. „Wir fahren mit meinem Wagen. In deinem Zustand möchte ich nicht unbedingt deinen Beifahrer spielen müssen.“

„Gut, wenn du willst. Aber ich bin in Ordnung, vollkommen ruhig.“ Rasch versteckte ich meine zitternden Hände.

Wenige Minuten später hielten wir vor dem Gebäude unserer Detektei. Bernd hatte den Komplex vor einigen Jahren günstig von einer Firma erworben, die hauptsächlich irgendwelche Dokumente digitalisierte, doch mit diesem Geschäftsmodell in die Pleite geschlittert war. Jetzt befanden sich hier in dem Gebäude die Büros von Christine, Birgit und mir, sowie der Planungsraum, in dem wir unsere Meetings abhielten. Und natürlich gab es neben den erforderlichen sanitären Einrichtungen auch eine großzügige Kaffeeküche.

In der Eingangshalle trennten sich Chrissis und meine Wege und jeder strebte seinem Büro zu. Ein wenig ärgerte es mich ja schon, dass Bingo sich meiner Kollegin anschloss, doch für solche Befindlichkeiten hatte ich jetzt keine Zeit. „Ich werde Bernd informieren, dass wir hier sind“, rief mir Christine im Weggehen zu. „Danach koche ich uns einen guten Kaffee.“

„Klasse Idee. Ich mache mich schon mal daran, Akenos und meine alten Fälle hervorzukramen.“

Ich fuhr gerade meinen Computer hoch, als Chrissi mit einem Becher Kaffee und einem Teller, auf dem mehrere belegte Brötchen lagen, in mein Büro trat. Jetzt erst merkte ich, wie sehr mein Magen knurrte und ich griff dankbar zu.

„So ist es recht“, erklang eine Stimme von der Tür her. „Der Herr muss sich erst einmal den Bauch vollschlagen, bevor er auf die Suche nach seiner Liebsten geht. Typisch Jonathan Lärpers!“

Ich blickte auf und der Bissen blieb mir im Hals stecken. Mit ihren bunten Haaren, einem Flickenrock bei dem jedes Stück Stoff eine andere grelle Farbe hatte, und einer pinkfarbenen Bluse stand dort - die Hände in die Hüften gestützt - meine Kollegin Birgit Zickler und zeigte mir ein breites Grinsen.

Christine lächelte zuckersüß. „Ich habe Birgit angerufen. Wir können schließlich jede Hilfe gebrauchen.“

Ich nickte, schluckte schwer und überwand mich schließlich, den Teller mit den Brötchen anzuheben. „Guten Morgen, Birgit. Auch eins?“

„Wow, Jonathan Lärpers ist bereit, etwas von seinem Essen abzugeben?“, ätzte Birgit, doch sie schüttelte den Kopf. „Danke, ich hatte schon.“

„Dann nimm dir wenigstens einen Kaffee“, schlug ich vor und stellte rasch den Teller zurück.

„Komm Birgit“, meinte Chrissi und zog die Bunthaarige aus meinem Büro. „Ich erkläre dir, worum es geht.“

„Na dann sind wir ja fast vollständig“, rief ich den beiden hinterher und fügte hinzu: „Danke Birgit, für deine Hilfe.“

„Sam ist auch da. Drüben bei Bernd im Krav Maga Studio“, erklärte Christine noch, bevor die beiden im Gang verschwanden und fügte hinzu: „Wir nehmen uns Akenos Fälle vor, insbesondere den aktuellen Auftrag mit der Industriespionage. Wer zuerst etwas findet, informiert die anderen!“

Ich widmete mich meinen Unterlagen.

Die Aufträge der vergangenen Wochen und Monate waren durchweg wenig spektakulär gewesen. Keine ‚Spezialaufträge‘ vom Oberstaatsanwalt Eberson, keine wirklich schweren Jungs, die wir aus dem Verkehr gezogen hatten und vor allen Dingen niemand, dem ich eine Entführung zutrauen würde. Vielleicht lag der Schlüssel ja wirklich bei Akenos Aufträgen, obwohl es eher unlogisch war, dass meine kleine ‚Morgenröte‘ bei ihren Computerrecherchen persönlich bekannt werden könnte.

Ich zermarterte mir das Hirn und ging in den Fällen immer weiter zurück. Teilweise saßen die Täter, die wir überführt hatten, noch im Gefängnis und würden von dort aus kaum den Aufwand einer Entführung betreiben. Andere waren tot und schieden somit komplett aus. Natürlich könnten auch Angehörige, Freunde oder Bekannte dieser Gangster in Frage kommen, doch meines Erachtens verfügte niemand über die Kaltblütigkeit oder den Hintergrund, um so eine Entführung am helllichten Tag durchzuführen.

Trotzdem notierte ich mir die Namen einer Reihe von Personen, die ich später einer näheren Überprüfung unterziehen wollte.

Der Fall des Terror-Anschlags auf das Europäische Parlament bot für mein Dafürhalten noch das meiste Potential für die heutige Entführungsaktion, doch die Sache lag jetzt fast ein Jahr zurück. Damals versuchte eine Splittergruppe der französischen Grünen Partei ‚Ècologie Les Verts‘, die EFLV - Égalité Francé Les Verts - unter Leitung der Möchtegern - Politikern

Jacqueline Galmiché führende Köpfe der Opposition im Europaparlament durch einen Bombenanschlag im Parlamentsgebäude zu eliminieren und so die Macht an sich zu reißen. Dank Akeno, der Gruppe Heisters und meiner Wenigkeit misslang der Anschlag und inzwischen gibt es weder diese Splittergruppe der Grünen in Frankreich, noch die Grüne Partei selbst.

Waren die verbliebenen Leute dieser Grünen Spinner, beziehungsweise deren Sympathisanten für Akenos Entführung verantwortlich? Jacqueline Galmiché und ihre ‚Ehefrau‘, die Tochter eines brasilianischen Drogenbosses, töteten wir damals in Notwehr - also mehr oder weniger in Notwehr - um den Anschlag zu verhindern. Steckten diese Leute oder sogar die Gangster des Drogenbosses hinter einer verspäteten Racheaktion?

Ich unterstrich den Namen ‚Rafael Tecelao Preto‘ - der Drogenboss, der hauptsächlich unter dem Pseudonym ‚Morte Drogas‘ bekannt war - zweimal. Der Schlüssel musste meiner Meinung nach bei dieser Drogenbande, die sich ‚Comando Vermelho‘ nannte, liegen.

Zwei Minuten später betrat ich Chrissis Büro. „Ich glaube, ich habe eine Spur gefunden“, verkündete ich und schwenkte meine Notizen in der Luft herum. „Du erinnerst dich doch an diesen Fall vom letzten Jahr? Der Terror-Anschlag auf das Europäische Parlament?“

Christine nickte. „Natürlich erinnere ich mich. Allerdings sind doch alle relevanten Personen damals umgekommen, beziehungsweise von Birgit liquidiert worden ...“

„Ja. Aber dieser Drogenboss Tecelao Preto ist uns damals entkommen.“

„Und du denkst, der steckt hinter der Entführung von Akeno? Als Rache dafür, dass ihr seine Tochter erschossen habt?“

Ich nickte.

Sie überlegte einen Moment. „Sicher, da könnte etwas dran sein. Morte Drogas verfügt über die entsprechenden Mittel, um so etwas durchzuführen. Aber warum dann so spät? Nach fast einem Jahr?“ Christine konnte sich sogar an den Spitznamen des Gangsters erinnern.

„Ich weiß es nicht“, gab ich zu. „Vielleicht war der Mann ja bisher zu sehr mit seiner Trauer um die Tochter beschäftigt ... Ich habe auf jeden Fall eine ziemlich umfassende Liste zusammengestellt, wer für die Entführung alles in Frage kommen könnte und ganz oben steht dieser Tecelao Preto. Auf jeden Fall werde ich mir die Kandidaten alle näher ansehen.“ Ich warf einen Blick auf meine Uhr. „Für heute mache ich Schluss und schaue mir noch einmal den Tatort und den Parkplatz beim Schloss an. Zunächst aber werde ich Bernd noch von meinen Recherchen berichten.“

„Kannst du mir eine Kopie deiner Notizen machen, bevor du rüber ins Krav Maga Studio gehst?“ Chrissi überlegt einen Moment und fügte dann hinzu: „Vielleicht gibst du Birgit ja auch eine Kopie.“

„Natürlich. Und ... danke nochmal, dass du - also ihr - direkt hierhergekommen seid.“ Ich wollte noch etwas hinzufügen, doch bei dem Gedanken an Akeno, die sich momentan in der Gewalt der Verbrecher befand, versagte mir die Stimme.

Christine kam um ihren Schreibtisch herum und nahm mich in die Arme. „Wir werden sie finden, Jonathan. Das kann ich dir versprechen.“

Beklommen nickte ich bei dem Gedanken, dass wir meine kleine ‚Morgenröte‘ nicht mehr lebend finden könnten. Aber ich schwieg und wandte mich rasch ab, damit meine Kollegin nicht merkte, wie mir die Tränen in die Augen schossen.

Jennifer tippte auf ihrer Computertastatur hinter dem Empfangstresen herum, als ich durch die Eingangstüren in das Krav Maga Studio trat. Sie blickte auf und lächelte mir aufmunternd zu. „Ich habe eine Spur des schwarzen Minivans gefunden“, erklärte die Blonde. „Was ich jetzt schon mit Sicherheit sagen kann, ist, dass es sich um einen Chevrolet Venture handelt. Leider habe ich bisher das Kennzeichen noch nicht herausgefunden. Aber ich bleibe dran.“

„Danke. Ist Bernd in seinem Büro?“ Ich reichte Jennifer eine Kopie meiner Notizen. „Hier, das sind die Namen derer, die für eine Entführung in Frage kommen könnten.“

Jennifer warf einen Blick auf die Liste. „Tecelao Preto? Der Drogenboss? Denkst du, er will Rache für den Tod seiner Tochter nehmen?“

„Möglich wäre es.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Aber natürlich kommen auch alle anderen auf der Liste in Frage, einschließlich irgendwelcher Mitglieder dieser ehemaligen Grünen Partei. Ich habe vor, sie nach und nach zu überprüfen.“

„Gut, ich schaue mal, was ich herausfinden kann. Sobald ich etwas in Erfahrung bringe, melde ich mich bei dir.“

„Danke Jennifer. Ich denke, die beste Spur ist momentan der schwarze Van. Wenn wir das Kennzeichen herausfinden könnten, wären wir vielleicht schon einen Schritt weiter.“

Jenny nickte. „Auf jeden Fall kann ich jetzt schon sagen, dass der Wagen nicht als gestohlen gemeldet wurde.“

Bernd saß in seinem kleinen fensterlosen Büro, das kaum Platz für den Schreibtisch und zwei Stühle bot. Aber der Raum war abhörsicher und genügte Bernds Anforderungen vollauf. Auch ihm reichte ich eine Kopie meiner Notizen und erklärte, warum ich den Drogenboss als primären Täter in Betracht zog.

„Danke Jonathan“, lächelte er gequält. „Hast du schon mit Jenny gesprochen?“

Ich nickte. „Sie will versuchen, etwas über die Namen auf meiner Liste herauszufinden und bleibt auch an dem Van dran. Ich gehe jetzt noch einmal in den Park und schaue, ob wir etwas übersehen haben könnten.“

Bernd schüttelte den Kopf. „Wir haben nichts übersehen, Jonathan. Sieh lieber zu, dass du ein paar Stunden Schlaf bekommst, damit du morgen fit bist. Es macht keinen Sinn, die ganze Nacht herumzulaufen und nach Akeno zu suchen. Mach dich nicht verrückt, du brauchst einen klaren Kopf.“ Dann sah er mir in die Augen. „Wir alle brauchen jetzt einen klaren Kopf. Sobald es Neuigkeiten gibt, wird Jennifer dich informieren. Wir sehen uns dann morgen beim Meeting. Wie gesagt: Versuche ein paar Stunden Schlaf zu finden.“

„Ich glaube nicht, dass ich überhaupt Schlaf finden kann, Bernd. Wer weiß, was die Typen mit Akeno anstellen. Wir müssen sie so schnell wie möglich finden, sonst ...“

Bernd seufzte. „Wir setzen doch schon alles Mögliche daran, sie zu finden, Jonathan. Kopfloses in der Gegend herumrennen wird Akeno nicht zurückbringen. Du hast ja noch nicht einmal eine Ahnung, wo du suchen könntest. Man kann deine Freundin inzwischen überall hingebracht haben. Nur eine gezielte Suche wird uns da weiterbringen, also vertrauen wir doch darauf, dass Jennifer eine Spur des Wagens findet. Oder die Entführer sich früher oder später bei dir melden werden.“

„Ich werde trotzdem noch einmal zu dem Parkplatz beim Schloss fahren“, entgegnete ich trotzig und Bernd nickte wissend.

„Versprich mir nur, dass du nicht die ganze Nacht in der Gegend herumfährst und sie suchst, sondern versuchst ein paar Stunden zu schlafen.“

„Okay, okay. Wenn ich keine neuen Hinweise finde, dann werde ich brav schlafen gehen.“

Bernd erhob sich und legte mir eine Hand auf die Schulter. „Sei morgen wenigstens halbwegs fit. Die Suche nach Akeno hat oberste Priorität und ich werde heute noch Oberstaatsanwalt Eberson informieren. Ich kann dir garantieren, dass jeder Polizist im Land die Augen offenhalten und jeden noch so geringen Hinweis melden wird.“ Er verstärkte den Druck auf meine Schulter und meinte: „Vergiss nicht, Jonathan, du stehst nicht alleine da.“

„Das weiß ich, Bernd. Danke.“

Da ich mit Christine zusammen zum Büro gefahren war, ließ ich mir von Jennifer ein Taxi rufen. In der Zeit, die ich auf den Wagen warten musste, lief ich unruhig in der Eingangshalle des Krav Maga Studios hin und her. Mein treuer Freund Bingo folgte mir einige Zeit lang, bis Jennifer ihn zu sich rief und mit ein paar Leckereien und Streicheleinheiten verwöhnte. „Mit diesem Herumrennen erreichst du überhaupt nichts, Jonathan“, tadelte sie mich und schüttelte den Kopf.

Ich war froh, als das Taxi endlich vor dem Eingang hielt.

Der Fahrer war ein dürres Männchen, das sich als äußerst redselig herausstellte. „Na Meister, so spät noch am Trainieren? Kung Fu, was?“ Er fuchtelte mit den Armen vor dem Lenkrad herum, machte ‚Uh, ah‘ und fragte dann: „Wo soll’s denn hingehen, Meister?“

Ich nannte ihm mein Fahrtziel und lehnte mich im Sitz zurück. In Gedanken ging ich alle Details der Entführung noch einmal durch, so gut ich mir den Ablauf vorstellen konnte.

„Ich hab‘ ja auch schon mal Kung Fu gemacht“, redete der Mann ungerührt meines Schweigens auf mich ein, während er vom Parkplatz auf die Straße bog. „Aber nur einmal, dabei hab‘ ich mir die Hand gebrochen. Scheiße war das. Kung Fu schau ich mir seitdem lieber in Filmen an. Kennen se Bruce Lee? Der konnte wirklich gut kämpfen. Uh, ah und bumms - schon lagen die Gegner am Boden.“

„Krav Maga“, brummte ich. „Und Judo. Kung Fu bezeichnet auch lediglich die verschiedenen chinesischen Kampfkunststile. Und Krav Maga ist ein modernes, aus Israel stammendes Selbstverteidigungssystem, das bevorzugt Schlag- und Tritttechniken nutzt.“

„Oh Mann, was sie alles wissen.“ Er lachte. „Na ja, ich halte mich da lieber an BHS!“

„BHS? Nie gehört.“ Ich blickte den Fahrer desinteressiert an.

„Bierhumpenstemmen“, grinste der und lachte, als hätte er den Witz des Jahrhunderts gemacht. Zum Glück hatten wir unser Fahrtziel fast erreicht.

Ich gab dem Mann ein reichlich bemessenes Trinkgeld, dann fiel mir noch etwas ein: „Sagen sie mal ... So als Taxifahrer, da kommen sie doch bestimmt viel herum und kennen auch so den ein oder anderen?“

„Ja sicher, Meister. Ich könnt ihnen Geschichten erzählen, da wür...“

„Haben sie vielleicht einen schwarzen Van gesehen?“, unterbrach ich ihn. „So ein amerikanisches Modell, ein Chevrolet, mit getönten Scheiben. Kennen sie jemanden, der hier in der Gegend so einen Wagen fährt?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nee, Meister, da kann ich ihnen nicht helfen. Hier gurken ja viele Exoten herum, aber so ne Kiste hab‘ ich noch nicht gesehen. Ich kenn aber einen Typ, der besitzt ne Stretchlimo. Weiß. Die kann man für Hochzeiten mieten. Mit ihm als Fahrer. Hier“, er hielt mir eine schmuddelige Visitenkarte hin. „Sagen sie ihm, dass sie die von Herbert haben, wenn sie den Wagen mieten.“

Ich nahm die Karte mehr aus einem Reflex heraus und steckte sie in die Tasche. Dann ging ich zu der Stelle, an der Bingo die Brötchentüte gefunden hatte, während das Taxi auf die Straße zurückfuhr und zum Abschied noch einmal laut hupte. Der Malinois trottet neben mir her, schnupperte hier und dort und hob an einem Baumstamm das Bein.

Leider konnte ich keine weiteren Hinweise entdecken und auch meine Aufforderung ‚such, such‘ an Bingo zeigte keinen Erfolg. Frustriert ging ich schließlich durch den Park zurück nach Hause.

III.

Die Nacht war ein einziger Alptraum. Mehrere Male befand ich mich kurz davor, aufzustehen, mich anzuziehen und in meinen Wagen zu steigen, um Akeno zu suchen. So eine Aktion wäre aber völlig sinnlos - was ich natürlich von vornherein wusste - und so zwang ich mich, im Bett zu bleiben. Irgendwann schlief ich dann doch ein, wachte aber schon nach kurzer Zeit schweißgebadet wieder auf. Egal was ich auch träumte, alles endete mit dem Fund von Akenos Leiche. Ich war froh, als die ersten Sonnenstrahlen endlich in mein Schlafzimmer drangen und ich mich aus dem Bett quälte. Rasch zog ich meinen Trainingsanzug an und machte mich mit Bingo auf zu unserer morgendlichen Joggingrunde durch den Schlosspark. Im Unterbewusstsein hoffte ich dabei, auf Hinweise zu Akenos Verschwinden zu stoßen, jedoch sagte mir mein Verstand, dass dies ein völlig sinnloses Vorhaben war.

Meine ganze Hoffnung setzte ich nun darauf, dass Jennifer etwas zu dem schwarzen Van herausfinden konnte, was uns auf die Spur der Gangster bringen würde.

Schließlich befand ich mich viel zu früh in der Detektei, doch ich war nicht der erste dort. Christine kam mir entgegen, als ich in das Gebäude trat. „Morgen Jonathan. Du siehst ja fürchterlich aus.“

„Ja, danke. Dir auch einen schönen guten Morgen. Hast du hier übernachtet, Chrissi?“

Christine lachte leise. „Nein, das nicht. Aber ich konnte einfach nicht mehr schlafen. Und so, wie du aussiehst, hast du auch nicht viel Schlaf bekommen.“

Ich nickte. „Gibt es denn Neuigkeiten?“

„Von meiner Seite leider nicht. Ich bin ja auch noch nicht so lange hier und habe weder mit Bernd, noch mit Jenny gesprochen. Lassen wir uns überraschen, was bei dem Meeting gleich herauskommt. Wie wäre es mit einem Kaffee? Soll ich ihn dir ins Büro bringen?“

„Gerne. Einen starken, heißen Kaffee könnte ich jetzt vertragen.“ Ich ging in mein Büro, während Bingo sich Christine anschloss. Auf dem Schreibtisch lag immer noch die Liste mit meinen Verdächtigen und ich ging sie erneut Namen für Namen durch. Weiterhin war der Drogenboss Rafael Tecelao Preto mein Hauptverdächtiger für die Entführung und ich überlegte, wie ich an den Mann herankommen könnte.

Wie ich wusste, agierte die Drogenbande für gewöhnlich in Brasilien. Die Tochter hatte in Versailles in dem riesigen Haus der Politikern Jacqueline Galmiché gewohnt und von dort die Drogengeschäfte getätigt, doch das Wissen brachte mich nicht wirklich weiter. ‚Morte Drogas‘, wie der Drogenboss mit Spitznamen hieß, würde sich kaum die Mühe machen und Akeno nach Brasilien entführen. Was aber wollte der Mann eigentlich erreichen? Es wäre doch viel einfacher gewesen, ein paar Killer auf mich - oder uns - anzusetzen und uns gezielt zu töten. Warum dann also die Entführung? Ging es im Endeffekt doch ‚nur‘ um Lösegeld?

„Jonathan, was ist? Bist du eingeschlafen?“ Christine stand in der Tür und sah mich forschend an. „Wir warten auf dich. Der Oberstaatsanwalt Eberson wird ebenfalls zum Meeting kommen, also beeil dich.“ Und lächelnd fügte sie hinzu: „Jennifer hat ein paar Brötchen besorgt. Nur für den Fall, dass du noch nichts gegessen hast.“

Ich erhob mich rasch und ging um den Schreibtisch herum. „Sorry, ich habe die Zeit vergessen. Ist Bernd auch schon da?“

Chrissis lächelte. „Bernd, Sam und Birgit. Und natürlich Jennifer.“

Ich beeilte mich, ihr in den Planungsraum zu folgen.

„Hallo Jonathan“, begrüßte mich Bernd und auch die anderen nickten mir zu.

„Guten Morgen zusammen“, entgegnete ich. „Tschuldigung, dass ich zu spät bin, ich war mit dem Fall vom letzten Jahr zu sehr beschäftigt.“

„Ist schon in Ordnung, Jonathan.“ Mein Freund deutete auf den Teller mit den belegten Brötchen und die Thermoskanne mit Kaffee. „Bedien dich erst einmal, ich kann mir vorstellen, dass du noch nichts gegessen hast.“

Das stimmte zwar, doch momentan brachte ich keinen Bissen herunter. Entsprechend griff ich auch lediglich beim Kaffee zu.

„Über die Entführung von Akeno wisst ihr ja Bescheid“, begann Bernd, „deswegen muss ich dazu wohl nichts mehr sagen.“ Er nickte Jennifer zu. „Dank Jennys Recherchen konnten wir inzwischen in Erfahrung bringen, dass der Minivan mit achtzigprozentiger Sicherheit nach Duisburg gefahren ist. Jennifer konnte die Spur bis ins Stadtzentrum verfolgen, dann leider tauchte der Wagen auf keiner Überwachungskamera mehr auf.“

„Also wurde Akeno nach Duisburg gebracht?“, fragte ich und sah Bernd scharf an.

„Das ist möglich. Oder auch nicht. Da wir das Kennzeichen des Vans nicht kennen, besteht lediglich eine achtzigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass Jennifer den richtigen Wagen ausgemacht hat. Leider nützt uns das Wissen momentan noch nicht so viel, denn ob die Entführer in Duisburg geblieben sind oder sich dort lediglich die Spur verloren hat, ist noch nicht gewiss. Aber Jenny sucht weiter, insbesondere die Verkehrsüberwachung der Ausfahrtstraßen fassen wir dabei ins Auge.“ Er lächelte verlegen, räusperte sich und fuhr fort: „Wir hoffen immer noch, das Kennzeichen des Vans in Erfahrung zu bringen. Damit wären wir einen gewaltigen Schritt weiter.“ Mein Freund sah mich an. „Ich gehe davon aus, dass sich die Entführer auch nicht bei dir gemeldet haben, sonst hättest du uns ja inzwischen informiert ...“

Ich nickte traurig. „Bisher habe ich noch kein Sterbenswörtchen gehört. Hoffentlich ... hoffentlich lebt Akeno überhaupt noch.“

„Davon ist auszugehen“, versuchte Bernd mich aufzumuntern. „Wollte man sie umbringen, so wäre das schon im Schlosspark geschehen.“

„Also gehen wir davon aus, dass es dieser Drogenboss Tecelao Preto, beziehungsweise seine Leute waren?“, wollte ich Bernds Meinung wissen.

„Im Augenblick sollten wir uns in dieser Hinsicht noch nicht festlegen. Es besteht für den Mann zwar eine hohe Motivation, doch so recht erschließt sich mir noch nicht der Sinn einer Entführung. Einerseits ist die Zeitspanne von einem Jahr für eine Racheaktion ziemlich lang, andererseits wäre es doch ein Leichtes gewesen, Akeno und dich - und die anderen Beteiligten, die vergangenes Jahr den Terroranschlag vereitelt haben - zu ermorden.“

Ich wollte etwas sagen, doch Bernd hob die Hand. „Gleiches gilt meines Erachtens auch für diese politischen Spinner der Grünen Splitterpartei. Die Organisation wurde zerschlagen, indem der politische Anführer, beziehungsweise die Anführerin Jacqueline Galmiché, ausgeschaltet wurde und der französische Geheimdienst alle Mitläufer dingfest machen konnte.“

„Also wissen wir im Grunde genommen garnichts?“, stellte ich bitter fest.

Bernd schwieg. Dann kramte er eine dünne Mappe hervor und blickte auf seine Uhr. „In knapp einer halben Stunde wird Oberstaatsanwalt Eberson hierhin kommen und uns in einer anderen Sache informieren, die unter Umständen mit der Entführung in Zusammenhang stehen könnte.“

„Eine andere Sache?“, fragte ich perplex. „Die mit der Entführung in Zusammenhang steht? Und worum geht es?“

„Genaue Details sind mir momentan noch nicht bekannt. Es scheint sich um einige Anschläge auf Mitglieder der Staatsanwaltschaft zu handeln, doch Eberson hat sich ziemlich bedeckt gehalten, was die Informationen angeht. Auf jeden Fall wird es sich um einen Auftrag für uns handeln.“

„Und was ist mit Akeno? Sei mir nicht böse, Bernd, aber für mich hat Akeno höchste Priorität.“

„Keine Sorge, wir bleiben auf jeden Fall an der Entführung dran. Du wirst dich mit Christine weiterhin darum kümmern. Die Sache des Oberstaatsanwaltes übernehmen Sam, Birgit und ich. Und wie gewohnt laufen alle Fäden bei Jennifer zusammen.“

Jennifer meldete sich zu Wort: „Momentan läuft eine Suchroutine, die automatisch alle Aufzeichnungen der Überwachungskameras in und um Duisburg nach dem Van absucht.“ Sie sah mich an und lächelte. „Ich bin nicht untätig, Jonathan, mach dir deswegen also keine Sorgen.“

„Danke, aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr Sorgen mache ich mir“, meinte ich gequält.

Birgit schob mir den Teller mit den Brötchen hin. „Hier, nimm eines davon. Du isst doch so gerne Mettbrötchen.“

„Ich habe keinen Hunger“, wehrte ich ab, was aber nicht ganz stimmte. Ich hatte lediglich keinen Appetit. Dann aber griff ich schließlich doch zu.

Oberstaatsanwalt Eberson betrat pünktlich um zehn Uhr den Planungsraum, nachdem Jennifer ihn auf sein Klingeln hin in das Gebäude gelassen hatte. Er nahm Bernds Platz am Kopfende des Tisches ein und begrüßte uns kurz. „Sie können sich vorstellen, dass ich nicht persönlich hier erscheinen würde, wenn es nicht entsprechend wichtig wäre“, begann er und nickte mir zu. „Das mit Akeno Duval tut mir leid, jedoch ist sie nicht das einzige Entführungsopfer, das wir in den letzten fünf Tagen zu beklagen haben. Und das ist auch der Grund, warum ich jetzt vor ihnen stehe: Es gab drei Entführungen von Ehefrauen meiner Mitarbeiter in der Staatsanwaltschaft und bisher nahm keiner der Entführer Kontakt zu uns auf. Wer dahintersteckt und was mit den Entführungen bezweckt wird, konnten wir bisher nicht ermitteln. Es gibt eine Parallele zu der Entführung von Frau Duval und das ist der Wagen. Es handelt sich ebenfalls um einen schwarzen Minivan der Marke Chevrolet.“

„Haben sie das Kennzeichen ermitteln können?“, fragte ich, als der Oberstaatsanwalt kurz Luft holte.

Eberson schüttelte den Kopf. „Leider nicht komplett. Es ist aber bekannt, dass es sich um ein Duisburger Kennzeichen handelt, das mit den Buchstaben DU-D beginnt. Wir überprüfen zurzeit sämtliche Halter, deren Fahrzeugkennzeichen mit dieser Kombination beginnen, doch die Anzahl geht in die Tausende. Aber da ist noch eine Sache: In der letzten Woche erfolgten mehrere Anschläge auf Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft. Zum Glück gab es dabei lediglich Verletzte und keine Toten. Alle Details finden sie in diesen Unterlagen.“ Eberson kramte eine Mappe aus seiner Aktentasche und gab sie Bernd. Ich möchte, dass die Gruppe Heisters sich der Sache annimmt und möglichst herausfindet, wer hinter den Anschlägen der Entführungen steckt und welche Gründe es dafür gibt. Und ...“ Der Oberstaatsanwalt schwieg einen Moment und sah jedem von uns direkt ins Gesicht. „Und ich möchte, dass sie ihre Ermittlungen mit aller gebotenen Diskretion durchführen. Es darf nichts an die Presse und die Öffentlichkeit durchsickern und bitte“, jetzt blickte er Birgit direkt an, „halten sie die Kollateralschäden so gering wie möglich.“

Bernd blätterte den Hefter durch, dann nickte er Eberson zu: „Ist das ein offizieller Auftrag?“

„So offiziell wie alle Aufträge, die sie von mir bisher erhalten haben.“Bernd lächelte: „Heißt also, die Staatsanwaltschaft weiß im Zweifelsfall wieder von nichts?“

„Sie bringen es auf den Punkt, Herr Heisters. Wie gewohnt können sie auf alle erforderlichen Mittel zurückgreifen und wie immer wird auch nur direkt an mich berichtet. An niemanden sonst, haben wir uns verstanden?“

„Klar und deutlich.“

„Dann danke ich ihnen für ihre Aufmerksamkeit. Sobald es neue Erkenntnisse gibt, werden sie von mir hören. Bitte setzen sie alles daran, diese Gangster zu fassen - oder auszuschalten.“

Eberson reichte Bernd die Hand, nickte uns zu und verließ den Raum.

„Wenigstens kennen wir jetzt einen Teil des Kennzeichens“, meinte ich in die Stille, die sich nach Ebersons Abschied eingestellt hatte.

Bernd nickte. „Ein Duisburger Wagen.“

„Der außerdem nicht als gestohlen gemeldet wurde“, fügte Jennifer hinzu, doch Christine ergänzte:

„Wobei es durchaus möglich ist, dass der eigentliche Besitzer den Diebstahl nicht melden konnte.“

Ich sah Chrissi fragend an: „Wieso das denn?“

„Weil er entweder ebenfalls entführt und - wie die Frauen auch - irgendwo gefangen gehalten wird - oder weil er ermordet wurde.“

„Warum aber betreibt jemand diesen Aufwand? Was will er - oder wollen sie - damit bezwecken?“ Ich hatte automatisch zu einem Brötchen mit gekochtem Schinken gegriffen und biss herzhaft hinein. Mein Appetit war zwar nicht zurückgekehrt, aber vor Hunger knurrte mein Magen.

„Das, Jonathan, ist die Schlüsselfrage“, meinte Bernd ernst. „Was ist das Motiv?“ Er schob Jennifer Ebersons Mappe hin. „Bitte fertige doch für jeden hier eine Kopie der Unterlagen an, damit wir alle auf dem gleichen Stand sind.“

Jennifer nickte und erhob sich. „Gibt es noch etwas, das wir wissen müssen? Ich würde gerne zu meiner Arbeit zurückkehren.“

Bernd schüttelte den Kopf. „Das war’s zunächst. Macht euch bitte Gedanken über ein mögliches Motiv. Vielleicht steckt ja wirklich dieser brasilianische Drogenboss dahinter, allerdings sagt mir mein Gefühl, dass das eigentlich kaum sein kann. Eberson und die Staatsanwaltschaft waren damals nicht oder nur peripher in den Terrorfall involviert, warum dann diese Anschläge auf seine Männer, sowie die Entführungen der Frauen?“ Er packte seine Unterlagen zusammen und ging zur Tür. Sam erhob sich ebenfalls und folgte ihm. Bernd sah sich um und fragte: „Wo ist eigentlich mein Freund Bingo?“

Christine lachte. Der liegt in meinem Büro und kämpft mit einem übergroßen Rinderknochen, den ich ihm besorgt habe. Bingo hat, seitdem er mit dem Ding beschäftigt ist, an nichts anderem mehr Interesse.“

Bernd lachte und hob die Hand: „Dann kraul ihn mit Grüßen von mir. Jenny, kommst du?“

Nachdem die drei den Planungsraum verlassen hatten, saßen Birgit, Christine und ich ratlos am Konferenztisch. „Und jetzt? Wie gehen wir weiter vor?“, fragte ich und sah die beiden an. Am liebsten wäre ich direkt nach Duisburg gefahren und hätte dort nach dem Minivan Ausschau gehalten. Dass dies aber ein aussichtsloses Unterfangen würde, war mir durchaus bewusst.

„Suchen wir weiter nach möglichen Tatverdächtigen“, meinte Christine. „Und konzentrieren wir uns auf den Wagen. Vielleicht hat Jennys Suche ja doch Erfolg.“

„Ja und dann fahren wir nach Duisburg und mischen die Dreckskerle dort auf“, grummelte Birgit und plötzlich hielt sie ihr übergroßes Kampfmesser in der Hand.

Auch wenn ich selten mit der kleinen Frau mit den bunten Haaren übereinstimmte, diesmal sprach sie mir aus dem Herzen.

IV.

Nach dem Meeting kehrte ich in mein Büro zurück. Wer kam in Frage für die Entführung, wenn nicht der Drogenboss Rafael Tecelao Preto? Waren es doch vielleicht einige dieser fanatischen Spinner des Ablegers der Grünen Partei? Ich zerbrach mir den Kopf, fand aber keine Lösung.

Irgendwann schickte Jennifer mir Ebersons Liste und Unterlagen per E-Mail, doch auch diese Notizen brachten keine neuen Erkenntnisse. Drei Frauen von wichtigen Mitarbeitern der Staatsanwaltschaft waren entführt worden und die Abläufe glichen sich und stimmten auch mit Akenos Entführung überein. Und definitiv war immer ein schwarzer Van beteiligt.