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Im Rahmen eines Austauschprogramms für Polizisten darf Christine Weru nach Südafrika reisen. Jonathan muss sich um einen Polizisten aus Kapstadt kümmern und ihm die Polizeiarbeit in Mönchengladbach nahebringen. Bei einem Banküberfall, bei dem Christine zufällig anwesend ist, wird Jonathans Kollegin und Freundin von Terroristen entführt. Jonathan und sein neuer Freund aus Kapstadt, ein Major der South African Police namens Kyle Maangj, reisen umgehend nach Südafrika, um helfend tätig zu werden. Doch trotz der Unterstützung durch das Außenministerium und das Deutsche Generalkonsulat, sind Jonathan - und sogar der dortigen Polizei - die Hände gebunden. Kyle Maangj wird vom Dienst freigestellt, damit er sich um Jonathan kümmern kann, womit man versucht, die beiden kaltzustellen. Allerdings sorgt sich Jonathan Lärpers um seine Kollegin und akzeptiert nicht, dass er von dem Ermittlungen ausgeschlossen wird. Schließlich entwerfen er und Kyle Maangj einen Plan, um Christine aus den Klauen der Terroristen zu befreien.
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Seitenzahl: 538
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Jürgen Ruhr
Austausch - Programm
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
-
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.
XVIII.
XIX.
XX.
XXI.
XXII.
Epilog
Über den Autor
Impressum neobooks
Austausch - Programm
Thriller
Buch 7 der JL Reihe
© by Jürgen H. Ruhr
Mönchengladbach
Bisher in der JL Reihe erschienene Titel:
(1) Kokain - Hotel (auch als Taschenbuch erhältlich)
(2) Personen - Schutz (auch als Taschenbuch erhältlich)
(3) Undercover - Auftrag (auch als Taschenbuch erhältlich)
(4) Reise - Begleitung (auch als Taschenbuch erhältlich)
(5) Gefahren - Abwehr (auch als Taschenbuch erhältlich)
(6) Final - Tanz (auch als Taschenbuch erhältlich)
(7) Austausch - Programm (auch als Taschenbuch erhältlich)
Die Personen dieser Geschichte
sind frei erfunden.
Irgendwelche Bezüge
zu
irgendeiner Realität
wären rein zufällig!
„So Jonathan, jetzt will ich aber endlich Leistung sehen!“ Dozer stand mit der Stoppuhr neben mir und nickte Bernd zu, der mein Sicherungsseil hielt. Ich hatte keine Ahnung, wer von unserer Truppe auf die glorreiche Idee gekommen war, ausgerechnet heute, am Tag der Arbeit, einen Ausflug in die Kletterhalle zu unternehmen.
Aber die Kollegen waren begeistert gewesen, lediglich ich dachte sehnsüchtig an einen gemütlichen Feiertag auf der Couch vor dem Fernseher. Doch ausschließen konnte ich mich auch nicht und so hatte ich zähneknirschend so getan, als wäre es das Größte auf der Welt den freien Tag mit seinen Arbeitskollegen beim mühseligen Klettern an einer Wand zu verbringen.
Wobei ich durchaus gerne mit Jennifer etwas unternommen hätte. Alleine versteht sich. Jennifer, die blonde Maus vom Empfang in Bernds Krav Maga Studio, übte jetzt mit Christine an der Wand neben uns. Christine Weru war einst, vor langer Zeit, meine Sekretärin gewesen, als ich mich als selbständiger Privatdetektiv versucht hatte. Eine chinesische Triade, die mein Büro abfackelte, beendete jäh meine Selbständigkeit. Bernd, den ich kurz zuvor kennengelernt hatte, half mir nicht nur gegen die Verbrecher und rettete mir das Leben, sondern er nahm Christine und mich schließlich sogar in seinem Unternehmen auf. Bernd Heisters betreibt in ganz Deutschland Krav Maga Studios und ist im Personenschutz tätig. Außerdem hat er vor einiger Zeit die Detektei ‚Argus‘ gegründet, über die wir Aufträge für den Oberstaatsanwalt Herrmann Eberson abwickeln. Die Aktivitäten sind nicht immer ganz legal oder aber bestenfalls stark am Rande der Legalität. Eberson setzt uns immer dann ein, wenn der Polizei die Hände gebunden sind, oder sie nicht mehr weiter weiß. Dann kommen wir ins Spiel: Bernd, Christine, Monika, Birgit, Sam, Frank und noch einige andere. Und natürlich ich, Jonathan Lärpers. Privatdetektiv, Bodyguard, Krav Maga E...
„Jonathan, was ist los? Bist du eingeschlafen?“ Dozer tippte mir auf die Schulter. Eigentlich hieß er mit bürgerlichem Namen Thomas Friedlich, doch der Mann war einen Meter achtzig groß und wog garantiert seine einhundertfünfzig Kilogramm, weswegen ihn jeder nur ‚Dozer‘ rief. Christine und ich hatten ihn einst in Rendsburg auf einem Lehrgang kennengelernt. Dozer war dort damals Ausbilder für Kampfsport, wechselte dann aber später in Bernds Unternehmen. Jetzt ist er für die Ausbildung in Krav Maga, Jiu Jitsu, Judo und allen möglichen Kampfsportarten verantwortlich. Seine Idee war es auch gewesen, neben den Erwachsenenlehrgängen und der Spezialausbildung für Polizisten auch ein Programm für Kinder anzubieten. Nun ja, Dozer schien mit Kindern sehr gut zurecht zu kommen.
An einer Kletterwand ein Stück links von uns, stieg jetzt Birgit wieselflink nach oben. Birgit mit vollem Namen Birgit Zickler war zunächst als Sekretärin für die Detektei zu uns gestoßen und hatte mir von Anfang an das Leben schwer gemacht. Deswegen bekam sie auch den Spitznamen ‚Zicke‘ von mir. Doch mittlerweile komme ich mit der Bunthaarigen ganz gut aus. Wenn sie nur nicht immer so ausgefallene Kleidung und so bunt gefärbte Haare tragen würde!
Birgit wurde durch Monika gesichert, die ebenfalls begeistert bei der Sache war. Monika, mit Nachnamen Salders, arbeitet für Bernd mehr nebenbei und ist meistens zur Stelle, wenn es brenzlig wird. Da sie aber oft mit ihrem Mann, einem Neurochirurgen durch die Welt reist und auch noch als freiberufliche Übersetzerin arbeitet, bleibt uns leider nicht so oft das Vergnügen, die kleine, quirlige Monika bei uns zu haben.
Aber wie wir alle, ist Monika auch so eine Art Adrenalinjunkie. Wir lieben das Abenteuer und die Gefahr. Keiner von uns wollte einem ‚bürgerlichen‘ Beruf mehr nachgehen. So wie Sam, der als bestes Beispiel dafür dienen konnte. Mit vollem Namen Samuel L. Terbarrus hatte er an der Uni Köln promoviert und seinen Doktor der Naturwissenschaften in Molekularer Medizin gemacht. Der kleine Asiate könnte ein hervorragend ruhiges Leben als hochbezahlter Wissenschaftler führen, aber stattdessen stand er jetzt mit der Stoppuhr neben der Kletterwand, an der Birgit gerade wieder langsam herabstieg. Sam war mir ein guter und verlässlicher Freund geworden, ebenso wie Bernd.
Eigentlich sind wir ja alle gute Freunde, eine große Familie, die ha...
„Jonathan“, vernahm ich jetzt Bernds Stimme hinter mir. „Du musst schneller werden! Kann es sein, dass du etwas Fett angesetzt hast? Ich glaube, ich sollte dir mehr Training verordnen. Dozer, du musst ihn beim Krav Maga Training mehr fordern.“
Der nickte und grinste mich an: „Das kriegen wir schon wieder hin. Also, Jonathan. Du solltest noch mindestens zwanzig Sekunden schneller werden.“
Ich stöhnte. Diese Quälerei hier ging schon den ganzen Vormittag so und noch war kein Ende abzusehen. Bernd hatte ja Recht, das musste ich im Stillen zugeben. Der Sport war in letzter Zeit ein wenig zu kurz gekommen, was aber daran lag, dass ich wegen der vielen Aufträge einfach nicht mehr dazu kam, genügend zu trainieren. Und mich morgens in aller Frühe aus dem Bett zu quälen, so wie es Christine tat, die in dem Mietshaus in Wickrath eine Etage unter mir wohnte, und um das Schloss dort herum zu joggen, war auch nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung.
„Du solltest mal wieder mit Christine joggen gehen“, vernahm ich jetzt Bernds Stimme. Konnte der Mann eigentlich Gedankenlesen?
„Drei - zwo - eins - los“, kommandierte Dozer und ich hechtete wie ein Verrückter los. In Windeseile ergriff ich die bunten Klettersteine. Voller Schwung und Elan überwand ich Meter für Meter, meine Bewegungen erfolgten fließend und mit einer gewissen künstlerischen Eleganz. Und dann war ich endlich oben. Schweiß floss mir über das Gesicht, meine Hände waren klebrig und meine Knie schmerzten. Doch ich war mir sicher, dass ich es geschafft hatte! Ein Blick nach unten schien meine Gedanken zu bestätigen. Dozer hielt gerade Bernd grinsend die Stoppuhr hin und der nickte ernst. Ja, Freunde, auch wenn Jonathan Lärpers einige Kilo zu viel auf die Waage brachte, hier stand der neue Bezwinger der Kletterwand vor euch!
Langsam stieg ich wieder herab und dachte daran, dass meine Zeit vermutlich sogar besser war, als die von Birgit Zickler. Ein Blick zeigte mir, dass sie an ihrer Wand schon wieder auf dem Weg nach oben kletterte. Ein unermüdliches Auf und Ab. Vielleicht sollte ich sie demnächst ‚Bergzicke‘ nennen. Bei dem Gedanken daran musste ich lachen und immer noch fröhlich lächelnd stand ich schließlich Bernd und Dozer gegenüber. Ich musste ein Keuchen unterdrücken, doch es war auch extrem warm in dieser dämlichen Kletterhalle!
„Was grinst du denn so blöd?“, empfing mich mein Freund und deutete mit dem Kopf auf die Stoppuhr. „Dazu gibt es nun wirklich keinen Grund! Ich hatte doch gesagt, du musst schneller werden, Jonathan, nicht langsamer. Du warst diesmal fünfzehn Sekunden langsamer, als bei deinem letzten Versuch. Ab morgen gehst du mit Chrissi joggen. Keine Widerworte“, fügte er hinzu, als ich protestieren wollte, „das ist ein Befehl.“
Nun, Bernd konnte mir ja eigentlich keine Befehle geben, wir waren ja schließlich nicht beim Militär. Auch wenn unsere Einsätze durchaus mit militärischer Exaktheit durchgeführt wurden. „Vielleicht stimmt etwas nicht mit der Stoppuhr“, gab ich vorsichtig zu bedenken, doch Dozer winkte nur ab.
Bernd reichte mir das Sicherungsseil und legte sich den Klettergurt um. „Wehe, du lässt das Seil los“, warnte er mich, doch ich wusste, dass Bernd keine Sicherung brauchte. Niemand von uns brauchte so etwas, doch die Vorschriften der Kletterhalle waren in diesem Punkt eindeutig. Ich nickte nur.
Mein Freund gab Dozer ein Zeichen und kurz darauf erklomm er auch schon die Wand. Mir kam es so vor, als wäre er langsamer als ich, doch als Bernd endlich wieder neben uns stand, lächelte Dozer ihn an: „Neue Bestzeit, Chef. Und ganze vierzig Sekunden besser als Jonathan.“
Entweder war diese dämliche Stoppuhr wirklich defekt oder Dozer wollte sich bei Bernd nur einschleimen.
Gott-sei-Dank endete der Klettertag auch irgendwann und Bernd lud uns zu Säften und Obst in das kleine Bistro der Kletterhalle ein. Mit wäre ein ordentliches Steak in meinem Lieblingsrestaurant, dem ‚Chez Duedo‘ zwar lieber gewesen, doch nach meiner Kletterleistung hielt ich besser den Mund. Ich musste ja nicht noch mehr negativ auffallen.
„Das sollten wir bald einmal wiederholen“, gab Brigit, die ‚Bergziege‘, Zickler von sich.
„Was, hier im Bistro essen und trinken?“, scherzte ich und sah mich Beifall heischend um. Doch niemand lachte.
„Eure Ergebnisse sind durchaus zufriedenstellend“, fasste Bernd zusammen und blickte auf die Zahlen, die in Tabellenform auf einem Blatt standen. „Lediglich Jonathan muss etwas mehr an sich tun. Christine, wenn du nichts dagegen hast, wird Jonathan dich morgens bei deinem Joggingtraining begleiten. Vielleicht kannst du ja auch mit ihm etwas öfter zu Dozer ins Dojo gehen. Jonathan scheint mir ein wenig eingerostet zu sein.“
Christine nickte und zeigte ein Lächeln, das mir äußerst boshaft vorkam. Es war kein Geheimnis, dass wir beiden beim Kampfsporttraining nicht sonderlich zurückhaltend miteinander umgingen, doch merkwürdigerweise war immer ich es, der mit zahlreichen blauen Flecken die Trainingshalle verließ.
Aber insgesamt wurde es noch ein schöner Nachmittag, auch wenn ich öfter zum Nachbartisch herüberschielte, an dem ein junges Pärchen riesige Hamburger mit Pommes verdrückte. Vielleicht konnte ich ja nachher noch zu Curry-Erwin gehen und dort, in meinem Lieblingsimbiss, etwas zu mir nehmen.
Aber wieder schien Bernd meine Gedanken zu lesen oder er hatte meine Blicke gesehen, denn er bemerkte jetzt zu mir: „Und ab heute Diät, Jonathan. Keine ungesunde Currywurst in dieser komischen Frittenbude, keine Hamburger und keine Pommes Frites. Ernähr dich vernünftig. Zumindest, bis du wieder einigermaßen fit bist“, fügte er dann hinzu.
„Das ist keine komische Frittenbude“, protestierte ich. „Und Curry-Erwin ist mein Freund.“
„Eine Schmuddelbude ist das“, ließ sich die Bergzicke vernehmen. Dass die aber auch überall ihren Senf dazu geben musste!
Und jetzt keuchte ich schon die zweite Runde um das Schloss Wickrath hinter Christine her, deren Füße federleicht über die Wege flogen. Meine dagegen waren schwer wie Blei und der Schweiß lief mir die Stirn herunter und in die Augen. „Was ist, Jonathan?“ Christine lief jetzt rückwärts und tänzelte fast wie eines dieser Turnierpferde. „Schon müde?“
„Wie viel noch?“, fragte ich und mein Atem kam stoßweise.
„Wie viele Runden? Also ich laufe immer mindestens fünf. Doch bei deiner Geschwindigkeit werden wir das kaum schaffen, da wir sonst zu spät ins Büro kommen. Komm, streng dich an! Wenigstens eine noch.“
Im Büro - Bernd hatte vor Jahren das Gebäude eines Unternehmens gekauft, das in Konkurs gegangen war und wir nutzen es nun als Stützpunkt unserer Detektei - wartete ein Stapel von Aufträgen auf mich. Durch den Feiertag war einiges liegengeblieben und ich sortierte ein paar der Aufträge aus, die für mich als Fachkraft uninteressant waren. Schnell trug ich die Unterlagen in Birgits Büro und legte sie ihr dort auf den Schreibtisch. Sollte sie sich doch entlaufenen Hunden oder untreuen Ehemännern herumärgern. Für einen Jonathan Lärpers gab es auf jeden Fall weniger profane Einsätze.
Doch leider waren die Dinge, die für mich übrigblieben nicht weniger langweilig. Ein Nachbarschaftsstreit, bei dem im Garten des einen Kontrahenten regelmäßig Müll landete, er dem Nachbarn aber nichts nachweisen konnte. Nun sollte die Detektei Argus das Problem lösen und Beweise beschaffen. Ich nahm mir vor, an entsprechenden Positionen Kameras mit Bewegungsmelder und Nachtsichtfunktion aufzustellen. Auf keinen Fall würde ich mir die Nächte um die Ohren schlagen.
Da erschien der Fall, bei dem uns die Versicherung eines Autohauses um Hilfe bat, doch schon ein wenig interessanter: Des Öfteren waren auf dem Gelände der Firma hochwertige Fahrzeuge in Brand gesteckt worden, doch die Polizei schien machtlos zu sein. Es wurden weder Spuren, geschweige denn ein oder mehrere Täter gefunden. Nun, wenn jemand diesen Fall lösen konnte, dann ein Jonathan Lärpers. Ich nahm mir vor, gleich für heute Nachmittag einen Termin mit dem Chef des Autohauses zu vereinbaren. Leider bedeutete der Auftrag auch wieder Nachtarbeit und ich stöhnte gequält auf. Wieso landeten solche Angelegenheiten eigentlich immer bei mir?
Nach und nach trudelten auch die Kollegen ein, wobei diese lediglich aus Christine und Birgit bestanden. Da Christine und ich ja in dem gleichen Mietshaus wohnten, dachten wir einmal kurz darüber nach, eine Fahrgemeinschaft zu gründen. Doch den Gedanken hatten wir schnell wieder verworfen, da wir ja flexibel bleiben mussten und bei Außeneinsätzen nie pünktlich Feierabend machen konnten. So fuhr ich mit meinem neuen postgelben Kia Venga zum Büro. Nachdem ich des Öfteren Briefe auf dem Fahrersitz gefunden, hatte, vergewisserte ich mich vor jedem Einsteigen, dass der Sitz auch frei war. Irgendwelche Witzbolde schienen meinen Wagen für einen Briefkasten zu halten. Auch überlegte ich, mir einen anderen Wagen zu kaufen, da wir von unserem letzten Auftraggeber eine nicht unerhebliche Belohnung erhalten hatten. Jetzt ruhte das Geld auf meinem Konto und es juckte mich in den Fingern, mir einen anständigen Wagen zuzulegen. Doch zunächst einmal musste ich meinen Job tun ...
Seufzend wählte ich die Rufnummer des Autohauses. „Internationales Autozentrum Wolpensky“, meldete sich eine Stimme, der ein übermäßiger Zigarettenkonsum anzuhören war.
„Guten Tag, mei...“
„Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an“, unterbrach mich die Stimme und ich begriff, dass es sich um einen Anrufbeantworter handelte. „Sie erreichen uns montags bis freitags von zehn bis zwölf Uhr und von vierzehn bis achtzehn Uhr, sowie samstags von zehn bis zwölf Uhr“, fuhr die Stimme fort und ich vermeinte zwischendurch kurz ein röchelndes Husten zu vernehmen. Achselzuckend legte ich auf und warf einen Blick auf die Wanduhr über der Bürotür. Drei Minuten nach zehn Uhr, stellte ich fest.
Eine Viertelstunde später versuchte ich mein Glück erneut, doch wieder meldete sich diese Stimme. „Internationales Autozentrum Wolpensky.“
Es war jetzt exakt neunzehn Minuten nach zehn Uhr und in dem verflixten Autohaus lief immer noch der Anrufbeantworter. „Ja Kruzitürk“, schimpfte ich und wollte gerade auflegen, als die Reibeisenstimme wieder erklang: „Hallo, hallo? Ist da jemand?“
Ich nahm grinsend den Hörer an das Ohr und wollte mich melden. Doch dann vernahm ich nur noch das Klicken, als die Verbindung unterbrochen wurde.
Meinen dritten Versuch startete ich, als ich spürte, wie mein Herz wieder ruhiger schlug und die Wärme aus meinem Gesicht gewichen war. „Internationales Autozentrum Wolpensky.“
„Ja guten Tag, hier ist Jonathan Lärpers. Ich möchte einen Termin mit dem Inhaber des Autohauses machen.“
„Mit Herrn Wolpensky?“, fragte die Stimme.
Ich nickte. „Wenn das der Inhaber ist.“
„Und warum? Wollen sie einen Wagen kaufen? Dafür brauchen sie keinen Termin. Kommen sie doch einfach während unserer Geschäftszeiten in das Autohaus. Unsere Geschäftszeiten sind montags bis freitags von zehn bis zwölf Uhr und von vierzehn bis achtzehn Uhr, sowie samstags von zehn bis zwölf Uhr.“
„Nein, nein“, erklärte ich. „Ich möchte kein Auto kaufen. Ich bin von der Detektei Argus und ich möchte mit Herrn Wolpenky wegen der Brände sprechen. Passt es ihnen heute Nachmittag um vierzehn Uhr?“
„Wolpensky“, korrigierte mich die Frau. „Wegen was für Brände denn?“ Sie lachte leise und hustete anschließend keuchend in den Apparat. „Meinen sie Weinbrände oder so etwas?“
„Nein“, gab ich von mir und merkte, dass meine Stimme leicht gereizt klang. „Wegen der Autos, die bei ihnen brennen.“
Die Frau schrie erschreckt auf und der Hörer polterte auf den Tisch. Dann hörte ich, wie sie zurückkam. „Was erzählen sie denn?“, krächzte sie. „Hier brennen keine Autos!“
„Nein, jetzt doch nicht!“ Ich spürte, wie mir wieder wärmer im Gesicht wurde. „Nachts. Nachts brennen doch immer die Autos bei ihnen.“
„Nicht immer“, beharrte die Frau und ich hörte, wie sie sich eine Zigarette ansteckte. War das überhaupt noch erlaubt in einem Gebäude? „Die meisten Tage brennt es hier nämlich nachts nicht.“
„Gut, kann ich dann einen Termin bei Herrn Wolpensky bekommen? Vierzehn Uhr heute?“
„Und letzte Nacht hat es auch nicht gebrannt.“ Hörte die Frau mir überhaupt zu?
„Der Termin, geht das heute?“
„Das weiß ich nicht, da muss ich erst Herrn Wolpensky fragen.“ Der Hörer landete wieder grob auf dem Tisch und ich konnte hören, wie sie hustend davonschlurfte. Eine ganze Weile war es ruhig und ich beobachtete den großen Zeiger der Uhr dabei, wie er über die dreißig hinauswanderte.
„Hallo? Sind sie noch dran?“
„Ja. Was ist jetzt mit meinem Termin?“
„Herr Wolpensky sagt: ‚Meinetwegen, soll er doch kommen‘.“
Ich atmete auf. „Gut, prima. Ich bin dann um vierzehn Uhr bei ihnen.“
Die Frau hustete, dann meinte sie: „Nach vierzehn Uhr. Unsere Geschäftszeiten sind montags bis freitags von zehn bis zwölf Uhr und von vierzehn bis achtzehn Uhr, sowie samstags von zehn bis zwölf Uhr. Also von vierzehn Uhr und nicht um vierzehn Uhr.“
Ich bedankte mich noch einmal und legte mit schweißnasser Stirn den Hörer auf den Apparat. Das konnte heute Nachmittag ja lustig werden!
Keine fünf Minuten später trat Birgit in mein Büro. „Na, fleißig Jonathan? Der Big Boss hat für elf Uhr ein Meeting im Planungsraum anberaumt. Sei pünktlich!“
Als Birgit sich umdrehen wollte, um zu gehen, meinte ich rasch: „Warum ruft er dich an und nicht mich?“ Schließlich war ich ja eigentlich der Verantwortliche hier in der Detektei und nicht Birgit. Auch wenn niemand es offiziell erwähnt hatte, so war ich doch wegen meiner Erfahrung und des Alters eigentlich prädestiniert, so eine Art Chef hier zur sein.
Die ‚Bergzicke‘ verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf mit den bunten Haaren. „Jonathan“, stöhnte sie schließlich, „du warst nicht erreichbar. Hattest du wieder einmal den Hörer neben dem Telefon liegen?“
„Nein, Fräulein Schlaumeier“, wies ich sie zurecht. „Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber ich habe wirklich telefoniert. Schließlich fange ich schon früh morgens an und mache meine Termine.“
Birgit zuckte mit den Schultern und wandte sich zur Tür. „Elf Uhr! Und sei pünktlich. Ich hab’s dir ausgerichtet und wenn du zu spät kommst, ist es nicht meine Schuld.“
Ich streckte ihrem Rücken die Zunge heraus und dachte etwas Hässliches, weil ich mich immer noch daran erinnerte, wie flink sie die Wand hinaufgeklettert war und deswegen ein dickes Lob von Bernd eingeheimst hatte.
Der Planungsraum war bei der Vorgängerfirma für Schulungen benutzt worden und besaß alle Annehmlichkeiten, die man sich wünschen konnte: Eine Leinwand, die von der Decke herabgelassen werden konnte, einen großen Tisch, auf dem ein Beamer auf seinen Einsatz wartete und mit einer Außenjalousie vor dem Fenster, die bei Bedarf elektrisch ausgefahren werden konnte.
Christine und Birgit saßen schon auf ihren Plätzen und Bernd blickte mir entgegen, als ich den Raum betrat. Zu meiner Enttäuschung standen in der Mitte des Tisches lediglich mehrere Flaschen mit Säften, sowie eine Schüssel mit frischem Obst. Bisher hatte uns Jennifer zu den Meetings immer mit frischen belegten Brötchen und Kaffee versorgt, doch die Äpfel, Birnen, Nektarinen und Bananen hatte so gar nichts gemein mit den Brötchenhälften mit Mett, Schinken oder Käse. Bernd musste mein enttäuschtes Gesicht aufgefallen sein, denn er lachte leise und meinte: „Ja, Jonathan. Wir haben beschlossen, gesünder zu leben. Was auch deiner Figur gut tun wird.“
„Dir auch einen schönen guten Morgen, Bernd“, entgegnete ich, ohne auf seine Anspielung einzugehen. Ich nahm mir vor, meine Mittagspause bei Curry-Erwin zu verbringen und von dort aus nach einem reichlichen Mahl direkt zu dem Autohaus zu fahren.
„Zunächst noch einmal ‚Guten Morgen‘“, begann Bernd. „Ich muss mich für dieses plötzliche Meeting entschuldigen, doch es war unumgänglich, dass wir uns so kurzfristig hier treffen. Ich musste einige Planungen über den Haufen werfen, denn Oberstaatsanwalt Eberson rief mich heute Morgen überraschend an.“
Ich lächelte zufrieden. Wenn Eberson ‚überraschend‘ anrief, dann war Not am Manne, wie man so schön sagte. Auf jeden Fall bedeutete es, dass auf die Gruppe Heisters wieder ein Spezialauftrag wartete. Und wen konnte Bernd besser damit betrauen, als Jonathan Lärpers? Und meinetwegen Christine - wir waren schließlich ein gutes Team. Den dämlichen Auftrag mit dem Autohaus müsste dann Birgit übernehmen. ‚Sorry‘, würde ich lächelnd zu ihr sagen, ‚aber Jonathan Lärpers muss sich jetzt mit wichtigeren Dingen beschäftigen. Und vergiss nicht: Um vierzehn Uhr hast du den Termin bei diesem Autohändler ...‘.
„Jonathan, was gibt es da so dämlich zu grinsen?“, unterbrach Bernd sich bei seinen Ausführungen. „Du weißt doch noch nicht einmal, worum es geht.“ Dann winkte er ab und fuhr fort: „Auf jeden Fall bat mich der Oberstaatsanwalt um einen Gefallen und wie könnte ich ihm den abschlagen?“
Bernd nahm eine Flasche Orangensaft und goss sich ein Glas voll. Ich sehnte mich nach einem Kaffee, nutzte aber die Gelegenheit nach einem Fläschchen mit interessantem, rotem Inhalt zu greifen. Ebenso wie Bernd goss ich mir den kühlen Saft in das Glas und nahm einen tiefen Schluck. Und spuckte das Zeug umgehend in das Glas zurück. Dann drehte ich die Flasche, las das Etikett und stellte fest, dass es sich um Tomatensaft handelte. Wollte Jenny mich vergiften? Ekelhafter, säuerlich schmeckender Tomatensaft!
Bernd sah mich strafend an. „Deine Manieren waren aber auch schon einmal besser, Jonathan“, bemerkte er. Du solltest erst schauen, was du dir da einschenkst, bevor du so gierig trinkst!“
Birgit, die ‚Bergzicke‘ kicherte leise.
Bernd sollte doch eigentlich froh sein, dass ich die ekelhafte Brühe nicht über den ganzen Tisch gespuckt hatte!
„Kann ich jetzt endlich fortfahren? Danke. Es handelt sich um ein Austauschprogramm der Polizei, das der Oberstaatsanwalt persönlich ins Leben gerufen hat. Dabei geht es darum, Polizisten aus aller Welt im Austausch mit unseren Beamten in partnerschaftlicher Weise die Arbeitsmethoden der jeweiligen Kollegen nahezubringen.“
Ich verstand kein Wort. Was ging uns die Polizei und deren Austauschprogramm an? Schüleraustausch kannte ich, auch wenn ich selbst niemals an so etwas teilgenommen hatte.
Bernd fuhr fort: „Konkret geht es darum, dass ein Kollege aus Kapstadt bei der Kriminalpolizei in Düsseldorf an den Ermittlungen teilnehmen und so Erfahrungen sammeln sollte. Im Gegenzug wäre ein Beamter von dort nach Kapstadt gereist. Leider haben sich aber durch Krankheit und plötzliche Einsätze Engpässe ergeben und auch das Ausweichen nach Köln war nicht möglich. Eberson will den feststehenden Termin aber nicht absagen und bittet uns für die Kollegen einzuspringen. Wir sollen uns des Polizisten aus Kapstadt annehmen und ihm sowohl die Detektivarbeit hier, als auch die Polizeiarbeit näherbringen.“
Mein Herz machte einen Sprung, als ich daran dachte, nach Kapstadt zu reisen. Wo immer das auch liegen mochte. In bester Schülermanier hob ich die Hand: „Ich melde mich freiwillig“, verkündete ich und setzte mein gewinnendstes Lächeln auf.
„Das ist sehr löblich, Jonathan“, entgegnete Bernd. „Auch wenn du das blöde Grinsen sein lassen solltest. Ich hatte sowieso schon an dich gedacht.“
„Au fein“, gab ich zufrieden von mir und sah mich schon in einem gewissen Sonderurlaub. „Wo liegt denn dieses Kapstadt?“
Birgit stöhnte vernehmlich und Bernd sagte nur: „Südafrika. Jonathan, was ist mit deinen Geographiekenntnissen los? Ich glaube, du solltest ein paar Nachhilfestunden nehmen.
Ich kicherte und es hörte sich fast so an, wie Birgit eben noch: „Ich kenne Karstadt, reicht das nicht?“
Keiner lachte.
Bernd seufzte leise. „Gut, kommen wir zur Aufgabenverteilung und zum Ablauf. Birgit, du wirst einige Aufträge mehr übernehmen müssen. Aber momentan haben wir ja in Bezug auf die Detektei ohnehin nicht allzu viel zu tun.“ Birgit nickte und Bernd sah mich prüfend an. „Jonathan, auf dir wird die Hauptlast unserer Aufgabe liegen. Ich erwarte, dass du dich einwandfrei benimmst. Hier geht es um das Ansehen der deutschen Polizei und natürlich unseres Hauses. Der Oberstaatsanwalt Eberson wird später mit Sicherheit einen Bericht erhalten und ich möchte nicht, dass unsere Gruppe darin negativ erwähnt wird. Hast du das verstanden?“
Ich sprang von meinem Stuhl auf und legte die Hand an die Stirn. „Qui, mon General“, brüllte ich und musste selbst über meine hervorragenden Französischkenntnisse lächeln. Welche Sprache wurde eigentlich in diesem Südafrika gesprochen? Ich würde mir einige Sätze einprägen müssen. Es machte immer einen guten Eindruck, in der Landessprache grüßen zu können. Oder beim Ober ein Bier auf Suaheli zu bestellen.
„Jonathan, was soll der Scheiß?“, raunzte Bernd mich an. „Du benimmst dich wie ein Zehnjähriger. Und außerdem spricht man in Kapstadt kein Französisch, sondern hauptsächlich Englisch, Afrikaans oder isiXhosa. Aber du wirst kaum in die Verlegenheit kommen, deine Sprachkenntnisse zu bemühen, denn der Kollege aus Kapstadt spricht sehr gut Deutsch, wie mir Eberson versicherte. Also benimm dich nicht so kindisch, sonst lass ich Birgit die Aufgabe übernehmen.“
„Nein, nein bloß nicht“, gab ich erschreckt von mir und rutschte auf meinen Stuhl zurück. Auch wenn die in Kapstadt keinen Spaß verstanden, so würde ich mich dort bestimmt gut amüsieren.
Bernd blickte auf ein Blatt, das vor ihm lag und fuhr fort: „Du musst um fünfzehn Uhr am Flughafen Düsseldorf sein, Jonathan. Ich möchte, dass du mit dem Hundertsiebzehner aus unserem Fahrzeugpool dort hinfährst. Ein bisschen Repräsentieren schadet ja nicht.“
Ich hob wieder die Hand, da mir einiges unklar war. Bernd nickte ergeben. „Also, du meinst doch den Mercedes C117“, stellte ich fest und Bernd nickte. „Mir ist nur nicht ganz klar, wo ich den Wagen parken soll. Wäre es nicht sinnvoller, wenn Christine mich zum Flughafen fährt?“
Bernd sah mich fragend an: „Den Wagen parkst du im Parkhaus, wo sonst? Ich weiß ja nicht, was für Überlegungen in dir vorgehen, doch vielleicht lässt du mich einfach einmal ausreden und stellst dann erst deine Fragen.“
Ich nickte. Jetzt durfte ich es mir auf keinen Fall mit Bernd verderben, sonst fuhr am Ende doch noch Birgit, die Bergzicke, nach Kapstadt.
„So, jetzt bitte ohne Unterbrechungen, Jonathan: Du bist um fünfzehn Uhr am Flughafen in Düsseldorf. Fünfzehn Uhr zweiundzwanzig landet die Maschine aus Kapstadt. Der Mann, den du in Empfang nehmen wirst, heißt Kyle Maangj und ist Major der SAPS, des South African Police Service. In den nächsten drei Wochen wirst du dich intensiv um den Mann kümmern. Bind ihn in deine Ermittlungen mit ein, zeige ihm die hiesige Polizei und auch ein wenig die Umgegend. Du hast doch Beziehungen zur Kripo, Freunde dort, da dürfte dir das doch nicht schwerfallen. Das war übrigens auch ein Grund, warum ich dich für den Job ausgesucht habe ...“
Beziehungen zur Polizei? Gut, ich war mit Kriminalkommissar Albert Pöting Junior vor einer langen Ewigkeit hier in Mönchengladbach zu Schule gegangen, doch Freunde waren wir nie geworden. Die Wahrheit war, dass ich Albert Junior nie ausstehen konnte und sich das bis heute nicht geändert hat. „Heißt das, ich fliege gar nicht nach Kapstadt?“
„Sehr gut kombiniert, Jonathan“, gab Bernd nicht ohne ein Fünkchen Spott in der Stimme von sich. „Deine Aufgabe besteht darin, sich um Kyle Maangj intensiv zu kümmern. Jennifer wird dir später noch ein Informationsblatt mit den wichtigsten Daten, wie Ankunftszeit, Hotel und so weiter, geben.“
Bernd machte eine kurze Pause und trank einen Schluck des goldgelben, eiskalten Orangensaftes. „Und damit komme ich zum zweiten Teil der Aufgabe: Da das Ganze ja ‚Austauschprogramm‘ heißt, muss natürlich jemand aus unserer Truppe nach Kapstadt reisen. Ich dachte dabei an dich, Christine. Natürlich nur, wenn du einverstanden bist. Dein Flug geht nämlich schon heute Nachmittag und Jonathan kann dich mit zum Flughafen nehmen.“
Christine nickte begeistert und vermied es, mir ins Gesicht zu schauen.
„Ich kann diesen Manga gar nicht abholen“, trumpfte ich auf. „Ich habe heute Nachmittag einen Termin in dem Autohaus Wolpensky. Wegen der abgebrannten Autos.“
Bernd lächelte. „Das trifft sich doch prima, Jonathan. Du legst deinen Termin auf morgen Nachmittag und nimmst Kyle Maangj mit. Und merke dir den Namen: Maangj und nicht Manga. Denk immer daran, dass diese Austauschgeschichte unserem Oberstaatsanwalt sehr am Herzen liegt. Versau es also nicht!“
Ich nickte ergeben. Wieder einmal blieb die unerfreuliche Arbeit an mir hängen. Ich würde mich drei Wochen mit einem Polizisten irgendeines Hinterwäldlerlandes, der vermutlich nicht einmal richtig unserer Sprache mächtig war, herumquälen dürfen. War das nicht eher eine Aufgabe für Birgit? Aber ich nickte nur stumm und fügte mich in mein Schicksal. Wenn ich doch wenigstens an eine der leckeren Fläschchen mit dem Orangensaft herankommen könnte ...
„Gut, wenn ihr noch Fragen habt, dann fragt jetzt. Ansonsten erhaltet ihr weitere Informationen von Jennifer.“
Birgit meldete sich zu Wort: „Soll ich alle Aufträge von Christine übernehmen?“
„Nein, nur einen Teil. Ich denke so an zwei Drittel, den Rest kann Jonathan mitmachen. Und die unwichtigen Sachen schieben wir erst einmal nach hinten. Du, Christine, übergibst am besten gleich deine Aufträge an Birgit, fährst dann nach Hause und packst einige Sachen für die Reise ein. Bedenke bitte, dass in Südafrika momentan Herbst ist, die Temperaturen dort durchaus zwischen zehn und zwanzig Grad Celsius liegen können. Plus minus einige Grade natürlich. Und jetzt ran an die Arbeit!“
Missmutig ließ ich mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen und griff zum Telefonhörer. Die Sache schmeckte mir überhaupt nicht. Ermittlungen mit einem Klotz am Bein! Was für ein Mensch würde der Kollege aus Kapstadt sein? Arrogant, ein Besserwisser? Oder vielleicht doch eher ein verträglicher Typ? Als ich den Hörer des Telefons in die Hand nahm, betrat Birgit ohne anzuklopfen mein Büro und legte mir einen Stapel Akten auf den Tisch. Ich erkannte auf Anhieb, dass es sich größtenteils um die Fälle handelte, die ich ihr heute Morgen untergeschoben hatte.
„Das ist ungefähr ein Drittel der Aufträge“, lächelte Birgit mich an. „Da hast du mit deinem Gast genug zu tun.“
Der Stapel machte auf mich eher den Eindruck, als hätte sie die Hälfte aller Aufträge an mich weitergegeben. Wie bösartig die Kleine doch sein konnte!
Seufzend wählte ich die Nummer des Autohauses. „Internationales Autozentrum Wolpensky.“
„Ja, Jonathan Lärpers noch einm...“
„Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an. Sie erreichen uns montags bis freitags von zehn bis zwölf Uhr und von vierzehn bis achtzehn Uhr, sowie samstags von zehn bis zwölf Uhr.“ Wieder nur der Anrufbeantworter, dabei zeigte die Wanduhr gerade einmal fünfzehn Minuten vor Zwölf an. Vermutlich gab es im Internationalen Autohaus Wolpensky eine andere Zeitrechnung, als allgemein üblich. Achselzuckend warf ich den Hörer auf die Gabel. Meine Laune war auf dem Nullpunkt, doch ich wusste, wie ich die Stimmung wieder etwas heben konnte: Ich würde meine Mittagspause bei Curry-Erwin verbringen.
Ich lehnte mich in meinem Bürosessel zurück, schloss die Augen und dachte an die kulinarischen Spezialitäten, die Curry-Erwin zu meiner Freude immer wieder auftischte. Er war ein Meister darin, neue Gerichte zu erfinden und besonders der ‚Lärpers Spezial‘ Teller, den er seinen eigenen Worten zufolge nach dem berühmten Privatdetektiven benannt hatte, war ihm mit einer einzigartigen Mischung aus Wurst, Pommes, Soße, Mayonnaise und Senf hervorragend gelungen. Mir blieb zwar nicht verborgen, dass ich der Einzige war, der so etwas kaufte, doch irgendwie machte mich allein schon die Bezeichnung dieser leckeren Kreation mächtig stolz.
Bei einer weiteren Erfindung meines Freundes handelte es sich um das Schaschlik ‚Eiffelturm‘, das er nach meiner Rückkehr aus Paris servierte. Problematisch war allerdings noch, dass sich wegen des Schaschlikspießes im Boden der Pappschachtel ein Loch befand, da er den Spieß senkrecht aufstellen musste. Die herausfließende Soße hatte mir schon meine Schuhe versaut, doch Curry-Erwin arbeitete an einer Verbesserung des Essens.
Heute war ich gespannt, was er mir Besonderes servieren würde. Nach dem Fiasko heute Morgen mit dem Obst und den Säften war ich richtig hungrig und vor meiner Fahrt zum Flughafen Düsseldorf würde ich es mir bei Curry-Erwin so richtig schmecken lassen.
Ein lautes Klopfen auf meinen Schreibtisch ließ mich aufschrecken und die Augen öffnen. „Jonathan, sag nicht, dass du geschlafen hast“, bemerkte Christine grinsend. Sie stand mit einem Packen Unterlagen vor mir und hielt mir schließlich eine dünne Mappe hin. „Hier, das soll ich dir von Jennifer geben. Darin findest du alles in Zusammenhang mit Kyle Maangj.“
Ich blätterte die Unterlagen kurz durch und murrte: „Da ist ja gar kein Foto dabei. Wie soll ich den Mann denn erkennen?“
„Tja, das ist so eine Eigenart der Polizei dort: Die Beamten lassen sich nicht gerne fotografieren. Soll wohl dem Selbstschutz dienen. Aber Maangj hat ein Foto von dir bekommen und wird am Flughafen auf dich zukommen. Du musst lediglich in Ankunftshalle auf ihn warten.“
„Na schön, sonst noch was?“
„Lies dir die Unterlagen durch“, riet mir Chrissi. „Du bringst ihn heute Nachmittag direkt zum Hotel. Morgen geht’s dann richtig los.“
Ich nickte. Dieser Austauschmist hatte noch nicht richtig begonnen und ging mir jetzt schon gründlich auf den Wecker! Es wurde Zeit, dass ich es mir bei Curry-Erwin gutgehen ließ.
„Da ist noch etwas, Jonathan“, meinte Chrissi und ihre Stimme klang reumütig. „Ich hatte vorhin den Eindruck, dass du fest damit gerechnet hattest, nach Kapstadt fliegen zu dürfen. Irgendwie fühle ich mich schuldig und da dachte ich ...“
Sie stockte und irgendwie kam sie mir jetzt vor, wie ein kleines Mädchen, das wieder etwas gutzumachen hatte. „Was dachtest du, Chrissi? Sprich es ruhig aus, egal was es ist.“
„Nun, vielleicht kann ich dich zum Essen einladen und damit wieder einen Teil gutmachen.“
Ach die gute Chrissi! Wollte mich zum Essen einladen, um die Fehler von Bernd auszubügeln. Mir kamen fast die Tränen, doch dann schweiften meine Gedanken zum ‚Chez Duedo‘, meinem Lieblingssteakhaus. Christine lud mich ein, da wollte ich mich natürlich nicht lumpen lassen. Ein riesiges Filetsteak, mindestens aber zwei kleine mit einem großen Berg goldgelber Pommes erschienen vor meinem hungrigen Auge. Ich würde in mich hineinstopfen, was immer hineinpasste!
„Chrissi, jetzt weiß ich nicht so recht, was ich sagen soll“, beeilte ich mich zu antworten und gab meiner Stimme einen tiefen, sonoren Klang. „Dass du, also ich ...“
„Heißt das ja?“, strahlte sie plötzlich und ich nickte anhaltend.
„Ja, das heißt natürlich ja!“
Chrissi drehte sich um, winkte mir mit ihrer freien Hand kurz zu und meinte im Hinausgehen: „Gut, dann sei in einer halben Stunde bei mir. Und nach dem Essen kannst du mir beim Packen helfen.“
Sie ließ mich einigermaßen perplex zurück, denn ich konnte mir jetzt nicht vorstellen, wie sie alles zeitlich in Einklang bringen wollte. Nun gut, ich würde sie zu Hause abholen, wir aßen dann im Chez Duedo und danach sollte ich ihr noch beim Packen helfen? Hatte Christine vergessen, dass wir schon um fünfzehn Uhr am Flughafen sein mussten? Ich würde noch einmal mit ihr reden müssen ...
Aber zunächst war Eile geboten, denn der Mercedes stand drüben in einer Tiefgarage unter dem Krav Maga Studio. In den Kellerräumen dort befand sich neben einem kleinen Schwimmbad, einem Schießstand, einem Labor und sogenannten Gästezimmern auch darunter eine Tiefgarage, in der Bernds zahlreiche Fahrzeuge parkten. Der Zugang zu Fuß erfolgte vom Krav Maga Studio und mit dem Auto fuhr man in einer Nebenstraße über eine unscheinbare Garage in die Zufahrt.
„Hallo Jonathan“, begrüßte mich Jennifer, die wie immer hinter dem Empfangstresen im Krav Maga Studio stand. Sie war die gute Fee des Hauses und kümmerte sich um die Belange der Kunden. Und natürlich um unsere.
„Hallo Jenny“, grüßte ich zurück und schob gleich die Frage nach, die mir auf der Seele brannte: „Wieso gab es heute beim Meeting keine Brötchen und keinen Kaffee? Nur dieses schlabbrige Obst und dann sogar Tomatensäfte!“
„Wenn du einmal in den Spiegel oder auf die Waage schaust, dann weißt du warum“, entgegnete sie. „Wir haben beschlossen, alle etwas gesünder zu leben. Obst, Fruchtsäfte, Tee und so weiter. Du wirst sehen, in einigen Wochen fühlst du dich wie ein neuer Mensch.“
„Na, wer’s glaubt“, brummte ich. „Wer ist denn wir? Mich hat niemand gefragt.“
Jennifer lachte und warf die blonden Haare zurück. „Du wärst sowieso überstimmt worden.“ Dann reichte sie mir die Schlüssel für den Mercedes C117. „Ich nehme an, dass du deswegen hier bist.“
„Und natürlich wegen dir“, schmeichelte ich. Leider war es mir noch nicht gelungen, die blonde Schönheit einmal zu einem Date mit mir zu überreden.
Jenny hob drohend den Zeigefinger, lächelte dabei aber. „Du kannst den Wagen so lange fahren, wie Kyle Maangj unser Gast ist. Wir wollen ihm ja nicht zumuten, mit deiner gelben Postkutsche herumfahren zu müssen.“
Der Wagen stand an seinem gewohnten Platz und befand sich in einwandfreien Zustand. Wie alle Fahrzeuge hier. Bernd beschäftigte eigens einen Mechaniker, der sich um nichts anderes als die Autos kümmerte. Allerdings hatte ich den Mann bisher noch nicht zu Gesicht bekommen. Der Motor sprang sofort an und kurze Zeit später parkte ich ihn sorgfältig vor dem Haus, in dem meine Kollegin und ich wohnten. Christine hatte mir damals die Wohnung über der ihren vermittelt und dafür war ich ihr immer noch dankbar.
„Da bist du ja, Jonathan“, grüßte sie und führte mich direkt in die Küche. Auf dem Tisch standen zwei Gedecke und es roch verdächtig nach Essen. „Das ist lieb von dir, dass du mit mir isst. Das Essen ist auch schon fertig. Weißt du, ich hatte für mehrere Tage vorgekocht und durch die plötzliche Reise nach Kapstadt müsste ich das schöne Essen sonst wegwerfen.“
„Kein Chez Duedo?“, entfuhr es mir.
„Chez Duedo? Wie kommst du denn darauf? Ich glaube nicht, dass wir das zeitlich schaffen dürften. Ich muss doch auch noch packen. Reich mir doch mal bitte deinen Teller.“
Kein Chez Duedo und auch kein Curry-Erwin. Wenn Christine jetzt nicht ein riesiges Steak mit Pommes Frites herbeizauberte, dann würde für mich eine Welt zusammenbrechen. „Was gibt es denn?“, fragte ich vorsichtig.
„Reis mit Pilzen. Lässt sich prima in der Mikrowelle aufwärmen.“ Sie schaufelte derweil dampfenden Reis aus einer Schüssel auf meinen Teller.
„Pilze aufwärmen? Meinst du, das wäre gesund?“ Irgendwie schwebte mir vor, dass Pilze nicht mehrere Male erhitzt werden sollten. Ich überlegte, wie ich mich diesem ‚Mahl‘ entziehen könnte. Weder mochte ich Reis, noch Pilze besonders gern. Und aufgewärmte Pilze schon gar nicht.
„Keine Sorge“, beruhigte sie mich. „Die Pilze sind frisch aus der Dose. Nicht aufgewärmt.“
Ich beobachtete, wie sie geschnittene Pilze auf meinen Reis schüttete. Dann füllte Chrissi ihren Teller und stellte alles auf den Tisch. „Guten Appetit“, meinte sie lächelnd und schaufelte sich das Zeug in den Mund.
Ich kostete vorsichtig. Der Reis schmeckte nach nichts. Das ganze Essen war nicht ein bisschen gewürzt. „Die Pilze sind ja kalt“, übte ich vorsichtig Kritik. Worauf hatte ich mich da eingelassen? Zunächst keine leckeren Brötchen beim Meeting, dann weder Curry-Erwin, noch das Chez Duedo und nun dieser pappige Reis mit kalten Pilzen. Plötzlich sehnte ich mich nach einer doppelten Currywurst mit Pommes Frites und ordentlich Mayonnaise darauf.
„Natürlich sind die Pilze kalt“, hörte ich Chrissi mit vollem Mund sagen, „sie kommen ja auch direkt aus der Dose. Ich finde, so ist ihr Geschmack noch intensiver, als wenn man sie aufwärmt. Schmeckt’s?“
„Hervorragend“, log ich und stopfte mir eine Gabel Reis mit kalten Pilzen in den Mund. Es kostete mich ein wenig Überwindung das Zeug zu kauen, ohne dabei würgen zu müssen. Am liebsten hätte ich alles wieder auf den Teller zurückgespuckt.
Inzwischen hatte Christine aufgegessen und stellte ihren Teller in die Spüle. Sie warf einen Blick auf mich und meinte: „Du solltest nicht so trödeln beim Essen. Die Zeit wird knapp. Ich gehe jetzt meine Sachen packen. Kannst du kurz abspülen, wenn du fertig bist?“
Ich nickte nur, denn mit vollem Mund soll man ja nicht sprechen. Kaum war sie aus dem Raum, spuckte ich die Pampe zurück auf den Teller. Dann sah ich mich suchend um. In den kleinen Küchenmülleimer konnte ich den Reis mit den Pilzen nicht geben, das würde sie merken. Leise öffnete ich das Küchenfenster und schüttete das Essen hinaus.
Als Christine zurück in die Küche kam, trocknete ich gerade den letzten Teller ab. „Du hast ja doch alles aufgegessen“, stellte sie fest. „Das war wirklich lecker, nicht wahr? Und hat kaum Kalorien. Wenn du möchtest, kann ich dir einige meiner Diätrezepte geben. Du wirst dich wundern, wie lecker das alles schmeckt.“
„Ja gerne“, gab ich vor mich zu freuen. Nach ihrem Aufenthalt in Kapstadt hätte sie dieses Angebot ohnehin wieder vergessen. Und wenn nicht, dann würden ihre ‚Rezepte‘ halt die Altpapiersammlung bereichern.
Nach einem letzten Rundgang durch die Räume nickte Christine zufrieden. „Alles in Ordnung. Kannst du während meiner Abwesenheit hin und wieder einen Blick in die Wohnung werfen und meine Post reinholen?“
„Selbstverständlich.“ Sie bräuchte sich auch keine Sorgen zu machen, dass ich mich an ihrem Reis bedienen würde. Aber das sagte ich ihr natürlich nicht.
Chrissi drückte mir ihren Koffer in die Hand, nahm selbst eine Reisetasche und meinte: „Na dann los. Wo hast du geparkt?“
„Vor dem Haus, ein Stück weiter unten.“ Ob ich heute Abend Gelegenheit hätte, mich nach den Strapazen des Tages im Chez Duedo zu belohnen?
In dem Moment als wir auf den Gehweg traten und zum Wagen gehen wollten, sprach uns eine alte Frau an. Mit ihrem Krückstock zeigte sie auf das Blumenbeet vor dem Haus und krähte: „Jetzt schauen sie sich das einmal an. Da hat doch irgend so ein Schwein mitten in die Blumen gekotzt. Mein Gott, mein Gott, die Zeiten werden immer schlimmer.“
Ich zog Christine rasch weiter, bevor sie mit ihrem Blick dem Krückstock folgen konnte. Das Blumenbeet lag direkt unter ihrem Küchenfenster.
In Düsseldorf fuhr ich den Wagen souverän in das Parkhaus am Flughafen. „Hast du alles dabei?“, fragte ich Christine.
„Das hättest du mich in Mönchengladbach fragen sollen“, entgegnete sie und lächelte. „Aber keine Sorge, Jennifer hat alle Unterlagen für mich zusammengestellt und einen gültigen Reisepass habe ich ebenfalls.“
Den hatten wir alle, denn Bernd legte Wert darauf, dass wir ständig einen gültigen Reisepass besaßen. Immerhin war nie vorherzusehen, wann wir einmal ins Ausland reisen mussten. So wie jetzt Christine - und nicht ich.
Wir stiegen aus dem Auto und ich holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum. „Dann bleibt mir nur noch, dir einen guten Flug zu wünschen. Melde dich, wenn du angekommen bist.“
Chrissi nickte: „Das sowieso. Bernd möchte, dass ich ihm täglich Bericht erstatte. Wenigstens gibt es zwischen Südafrika und Europa keine Zeitunterschiede, so kann ich ihn abends nach Dienstschluss problemlos anrufen.“
Mittlerweile überquerten wir die Straße zum Terminal und ich reichte Christine ihren Rollkoffer, den ich bis jetzt hinter mir hergezogen hatte. „Hier trennen sich unsere Wege“, seufzte ich bei dem Gedanken daran, dass doch lieber ich es wäre, der jetzt zur Ebene eins, der Abflugebene, gehen würde. Mir allerdings blieb die Ebene null vorbehalten.
„Ein wenig Wehmut, Jonathan?“, interpretierte Chrissi mein Seufzen falsch. „In ein paar Wochen bin ich doch wieder bei dir.“ Sie lachte: „So lange wirst du es doch ohne mich aushalten können ...“
Christine nahm mich zum Abschied kurz in den Arm, dann war sie auch schon verschwunden. Ich blickte auf meine Uhr und stellte fest, dass mir noch etwas Zeit blieb, bis die Maschine mit dem Afrikaner landen würde. Ein kurzer Blick auf das Infoblatt, das Jennifer zusammengestellt hatte, zeigte mir, dass der Polizist mit KLM von Amsterdam aus einschweben würde. Nun gut, es dürfte ihm keine Schwierigkeiten bereiten, mich zu finden, wenn ich mich nur günstig positionierte. Man hätte mir wenigstens ein Bild von ihm geben können. Vielleicht sollte ich ein Schild anfertigen mit seinem Namen, dann würde er mich ganz bestimmt finden.
Da mir noch genügend Zeit blieb und es nun weit nach vierzehn Uhr war, beschloss ich den Autohändler anzurufen und für morgen einen neuen Termin zu machen. Die Rufnummer hatte ich - sorgfältig und gewissenhaft wie ich war - in mein Handy eingespeichert.
„Internationales Autozentrum Wolpensky.“ Diesmal wurde der Satz von einem kontinuierlichen Husten begleitet und ich wusste sofort, dass ich nicht mit dem Anrufbeantworter verbunden war.
„Guten Tag. Jonathan Lärpers hier“, meldete ich mich und unterdrückte grinsend den Wunsch, ihr Husten nachzuahmen.
„Ja bitte, was kann ich für sie tun?“
„Es geht um den Termin mit Herrn Wolpensky“, erklärte ich, wurde aber sofort unterbrochen.
„Herr Wolpensky hat jetzt keine Zeit. Er nimmt seit vierzehn Uhr einen Termin wahr und ist beschäftigt. Das geht jetzt gar nicht. Ein Herr Lämpers von der Versicherungsgesellschaft ist bei ihm, der hat nämlich heute Morgen wegen der brennenden Autos angerufen.“
Ich stöhnte leise, erklärte dann aber mit ruhiger Stimme: „Der Termin bei Herrn Wolpensky sollte eigentlich mit mir stattfinden. Lärpers, Jonathan Lärpers.“ Ich buchstabierte meinen Namen langsam: „L ä r p e r s“ und fügte dann hinzu: „Und ich bin von der Detektei Argus, nicht von der Versicherung.“
„Ja“, hörte ich lediglich, dann war es still.
„Kann ich für morgen vierzehn Uhr einen neuen Termin bekommen?“
Wieder blieb es eine Weile still und ich dachte, die Frau hätte den Hörer einfach liegengelassen und wäre fortgegangen. Doch ein röchelndes Husten überzeugte mich, dass sie immer noch da war.
„Der Termin“, erinnerte ich. „Morgen um vierzehn Uhr, geht das?“
„Das weiß ich nicht, das muss ich erst Herrn Wolpensky fragen. Ich schaue einmal, ob ich ihn stören darf. Wissen sie, er ist in einem wichtigen Gespräch mit diesem Herrn von der Versicherung.“
Ich nickte. „Gut, aber machen sie schnell, ich bin am Flughafen und gleich landet die Maschine aus Kapstadt.“ Wieder vernahm ich, wie der Hörer polternd auf den Tisch fiel und ich fragte mich, ob das Teil noch in Ordnung oder an allen Ecken und Enden beschädigt und gesplittert war. Es dauerte diesmal eine ganze Weile, doch dann hörte ich die Frau heranschnaufen.
„Der Chef sagt: ‚Meinetwegen, soll er doch kommen‘. Allerdings war er ziemlich sauer, weil der Mann von der Versicherung wohl doch nicht da ist. Ich habe Herrn Wolpensky aber gesagt, dass sie aus Kapstadt kommen und da fragte er ‚welche Stadt‘ und vielleicht ist ja auch die Innenstadt gemeint.“
Erneut musste ich kurz aufstöhnen, hatte aber nicht mehr die Zeit, noch irgendwelche Erklärungen abzugeben. Unser Gast musste jede Minute landen. „Gut, dann bin ich morgen um vierzehn Uhr bei ihnen.“
„Nach vierzehn Uhr. Unsere Geschäftszeiten sind montags bis freitags von zehn bis zwölf Uhr und von vierzehn bis achtzehn Uhr, sowie samstags von zehn bis zwölf Uhr. Also von vierzehn Uhr und nicht um vierzehn Uhr. Herr Wolpensky lässt noch fragen, worum es denn überhaupt geht. Warum wollen sie mit Herrn Wolpensky sprechen?“
„Wegen der Autos. Die in einigen Nächten abgebrannten Wagen. Ich bin von der Detektei Argu...“
„Am besten sie sagen ihm das morgen selber“, unterbrach sie mich und hustete lautstark. „Ich denke, es reicht, wenn ich ‚wegen der brennenden Autos‘ sage. Merkwürdig“, fügte sie dann hinzu, „dass sich so viele Leute dafür interessieren.“
Ich unterbrach das Gespräch und hastete in die Ankunftshalle. Mittlerweile musste der Flieger gelandet sein und zahlreiche Menschen strömten dem Ausgang entgegen. Hoffentlich erkannte Herr Maangj mich auch. Oder sollte ich ihn direkt ausrufen lassen? Ich schaute mir die Menschen an, die mir entgegenkamen, doch keiner von denen ähnelte einem Polizisten aus Kapstadt oder trug eine Uniform.
Dann endlich entdeckte ich einen Mann in Uniform. Das musste Maangj sein, denn sein Gang erinnerte mich ein wenig an die Polizisten in amerikanischen Spielfilmen. Ich lächelte: Die Uniform sah gelinde gesagt merkwürdig aus. Aber was erwartet man auch von Afrikanern? Jedenfalls sah der Mann in seiner Kleidung eher aus wie ein Pilot, als ein Polizist. Aber andere Länder, andere Sitten. Ich stürmte auf den Uniformierten zu und schob einen großen Neger im dunklen Anzug mit Krawatte, der sich mir plötzlich in den Weg stellte, zur Seite. Fast wäre ich über seinen Rollkoffer gestolpert und wütend versetzte ich dem Ding einen Tritt. Dass die Leute aber auch nicht aufpassten, wohin sie gingen ...
Maangj bewegte sich in die völlig falsche Richtung und wenn ich mich nicht beeilte, dann würde er im Bereich einer Airline verschwinden. Ich konnte mir vorstellen, dass es für einen Afrikaner nicht leicht war, sich in einem europäischen Flughafen zurechtzufinden. Endlich kam ich nahe genug an ihn heran und legte dem Polizisten aus Kapstadt die Hand auf die Schulter. „Moment, Herr Polizist“, sprach ich ihn freundlich an und hoffte, er würde mich verstehen. Um die Kommunikation zu vereinfachen, drückte ich mich jetzt verständlicher aus: „Du Polizei? Südamerika? Kapstadt? Hier gut in Deutschland?“
Der Polizist Maangj drehte sich zu mir um und blickte mir ins Gesicht. Er sah ein wenig besorgt aus und trat einen Schritt zurück. Ich war mir sicher, dass er mich nicht verstanden hatte. „Entschuldigen sie“, sprach er dann in einem einwandfreien Deutsch. Obwohl ich vermeinte, einen leichten holländischen Akzent zu vernehmen. „Ich bin weder Polizist, noch komme ich aus Kapstadt. Ich bin Flugkapitän der KLM und wir sind gerade aus Amsterdam hier angekommen. Brauchen sie Hilfe, soll ich den Sicherheitsdienst rufen?“
Ich schüttelte den Kopf. Wenn das wirklich Maangj war, dann spielte er eine verdammt gute Rolle. Als der Mann sich umdrehte und durch eine Tür schritt, auf der ‚KLM Services‘ stand, war ich allerdings geneigt, ihm zu glauben, dass er eher Pilot als Polizist sei.
Also zurück zur Ankunftshalle! Hoffentlich befand sich Maangj noch dort. Wieder musste ich den Neger im Anzug zur Seite schieben, der sich vor mir aufbaute. Was lief der Kerl eigentlich hinter mir her? Ich kontrollierte kurz meine Taschen, doch alles befand sich an seinem Platz. Achselzuckend eilte ich in die Ankunftshalle zurück und bemerkte aus den Augenwinkeln, dass der Schwarze mich schon wieder verfolgte. Sollte der Kerl zu aufdringlich werden, so würde er meine Krav Maga Kenntnisse zu spüren bekommen.
„Herr Lärpers“, hörte ich eine tiefe Stimme hinter mir. „Nun laufen sie doch nicht immer weg!“
Ich blieb stehen und sah mich um. Der Neger stand vor mir, stellte seinen Rollkoffer ab, der einen deutlichen Schuhabdruck trug und streckte mir die Hand hin. Ich sah ihn verständnislos an. Woher kannte der Kerl meinen Namen?
„Sie sind doch Herr Lärpers?“
Ich nickte.
„Kyle Maangj. Wir sollten uns hier treffen.“
„Sie sind der Polizist aus Kapstadt?“, fragte ich entgeistert und ergriff die Hand, die er mir immer noch hinhielt. Bernd hätte mich ja vorwarnen können, dass es sich bei Maangj um einen Schwarzen handelte. Oder Maximalpigmentierten, wie es so schön neudeutsch hieß. Und ich sollte mich jetzt drei Wochen mit einem Neger herumquälen?
„Entspreche ich nicht ihrem Bild, das sie von einem Südafrikaner haben? Es tut mir leid, wenn wir ihnen kein Foto schicken konnten, doch die meisten Daten wurden mit den Kollegen in Düsseldorf ausgetauscht. Und dann mussten wir plötzlich umdisponieren, wie uns der Oberstaatsanwalt Eberson mitteilte.“
Ich nickte. Der Mann sprach ja wirklich unsere Sprache. „Sie sprechen deutsch?“
Maangj lächelte und in dem dunklen Gesicht blitzten seine Zähne weiß wie Elfenbein. „Warum nicht? Ich habe in Hamburg studiert und spreche vier Sprachen. Deutsch ist nicht so schwer, wie viele meinen.“
„Ja wenn das so ist, Herr Maangj.“ Mehr fiel mir dazu nicht ein.
„Nennen sie mich Kyle“, lächelte er. Inzwischen strömten wieder Menschen an uns vorbei, die wohl gerade ihrem Flugzeug entstiegen waren. Die landeten hier ja im Minutentakt.
„Kyle, ja. Ich heiße Jonathan.“
„Ich weiß. Ein schöner Vorname. Wussten sie, dass es einen Film mit dem Titel ‚Die Möwe Jonathan‘ gibt? Oder wie es im Original heißt: Jonathan Livingston Seagull.“
Ich stöhnte. Dies war das allerletzte Thema über das ich sprechen wollte. Warum musste ausgerechnet ein schwarzer Neger aus Kapstadt, Südafrika, am Flughafen Düsseldorf in der Ankunftshalle darauf herumkauen? „Gehen wir zu...“ Zum Wagen, wollte ich sagen, doch Maangj unterbrach mich, indem er tief einatmete und mit lauter Tenorstimme sang:
„Skybird - Make your sail - And every heart will know - Of the tale. Songbird - Make you tune - For none may sing it - Just as you do. Look at the way I glide - Caught on the win...“
„Wunderbar“, unterbrach ich seine Gesangsdarbietung. Um uns herum hatte sie eine kleine Menschentraube gebildet und einige Leute applaudierten. Die ganze Sache war oberpeinlich. Da stand Jonathan Lärpers, der Personenschützer und Privatdetektiv mit einem Neger, der - zugegebenermaßen mit guter Gesangsstimme - irgend so ein dämliches Lied zum Besten gab.
„Aber wir sollten jetzt endlich zum Wagen gehen. Es liegt ja auch noch die Fahrt nach Mönchengladbach vor uns.“
Der Schwarze nahm seinen Rollkoffer und unter dem Applaus der gaffenden Menschen strebten wir dem Ausgang zu.
„Ich liebe den Film“, ritt Kyle Maangj weiter auf dem Thema herum. „Das war übrigens das Stück ‚Sky Bird‘ aus dem Film. Wissen sie, wer das gesungen hat, beziehungsweise die Musik schrieb?“
Ich schüttelte den Kopf. In mir keimte Panik auf, wenn ich daran dachte, die nächsten drei Wochen mit diesem singenden Polizisten durch Mönchengladbach ziehen zu müssen. Gab es denn nicht irgendeine Möglichkeit, den Auftrag auf Birgit abzuwälzen? Ich könnte vielleicht krank werden oder ...“
„Neil Diamond“, hörte ich ihn sagen. „Ich liebe seine Musik.“
„Da sind wir ja schon zu zweit“, gab ich besseren Wissens von mir. Ich hatte keine Ahnung, bei wem es sich um diesen Neil Diamond handelte, nahm mir aber vor, im Internet einmal nach dem Namen zu suchen.
„Das kann ich verstehen“, nickte der Neger. „Bei dem Vornamen sind sie ja auch dazu prädestiniert. Vielleicht können wir uns den Film einmal gemeinsam anschauen.“
Ich stellte mir vor, wie es wäre, mit ihm nach Feierabend bei mir in der Wohnung auf dem Sofa zu sitzen, Chips zu knabbern und ‚Die Möwe Jonathan‘ ansehen zu müssen. Eine Gänsehaut lief mir den Rücken herunter und ich war sicher, mich morgen bei Bernd krank zu melden. Zum Glück waren wir inzwischen bei dem Mercedes angekommen.
„Einen schönen Wagen haben sie“, bemerkte er mit Kennerblick auf den Hundertsiebzehner.
„Das ist nicht meiner, der gehört dem Unternehmen Heisters.“ Ich wollte Maangj jetzt nicht erklären, dass ich einen postgelben Kia Venga fuhr. Rasch verstaute ich seinen Koffer im Wagen und ließ ihn auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. „Ich bringe sie jetzt direkt zum Hotel“, erklärte ich. „Nach über fünfzehn Stunden Flug sind sie doch bestimmt froh, sich ausruhen zu können.“ Auch die Flugdauer war eine der Informationen, die Jennifer auf dem Blatt erfasst hatte.
Maangj winkte ab: „Kein Problem. Ich habe im Flugzeug geschlafen und fühle mich topfit. Fahren sie mich, wohin immer sie wollen, Jonathan.“
„Jon“, bemerkte ich. „Meine Freunde nennen mich Jon.“ Leider nannte mich niemand wirklich so und ständig musste ich mir dieses dämliche ‚Jonathan‘ anhören. Vielleicht hatte der Schwarze ein Einsehen.
„Alles klar, Jonathan“, gab er von sich und ich wusste, dass auch er mich nicht ‚Jon‘ rufen würde.
Während der Fahrt quetschte Maangj mich über Mönchengladbach, Bernd Heisters und die Arbeit der Polizei aus. Ganz nebenbei erzählte er mir von seinem Studium der Kriminologie in Hamburg, wo er auch seinen Master of Arts gemacht hatte und einst Internationale Kriminologie studierte. Direkt nach dem Studium war er dann ein paar Jahre in den Vereinigten Staaten gewesen, bevor es ihn nach Kapstadt zurück und zur dortigen Polizei gezogen hatte. Maangj erzählte mir stolz, dass er vor kurzem zum Major des South African Police Service befördert worden war. Für das Austauschprogramm hatte man ihn ausgewählt, da er sehr gut deutsch sprechen konnte.
„Ja“, nickte ich. „Ich habe auch studiert. In Regensburg.“
„Das ist doch wunderbar“, freute sich der Schwarze. „Auch Kriminologie? Aber zur Polizei sind sie nicht gegangen?“
„Ich habe Philosophie studiert.“ Als er mich von der Seite ansah, fügte ich schnell hinzu: „Aber ich fühlte mich immer schon zu der Kriminologie hingezogen. Das ist meine Berufung.“ Er würde ihm aber jetzt nicht davon erzählen, dass mich mein Vater quasi in die Selbständigkeit als Privatdetektiv gezwungen und ich mit meinem kleinen Unternehmen eine furiose Bruchlandung hingelegt hatte. Nur Bernd war es damals zu verdanken gewesen, dass ich aus der ganzen Sache doch noch heil herauskam.
Schließlich hielt ich vor dem Hotel in der Nähe des Schlosses Wickrath. Jennifer hatte wie immer alles perfekt organisiert. Die Kosten trug die Staatsanwaltschaft und von Bernd ausgelegte Beträge würden später erstattet. Ich reichte Maangj seinen Koffer. „Soll ich noch mit hineinkommen?“
Der Neger lachte und wieder blitzten seine Zähne auf. „Danke, aber das werde ich schon alleine schaffen. Wie geht es dann weiter?“
Ich fragte mich, was er meinte. „Sie gehen die Treppe zu ihrem Zimmer hoch?“, versuchte ich zu erklären. „Oder sie nehmen den Aufzug, wenn es einen gibt.“
Wieder lachte er: „Nein, das meine ich nicht. Wie geht es morgen weiter? Soll ich zu ihrem Büro kommen oder wie haben sie das geplant?“
Ich hatte nichts geplant und meinetwegen konnte er den ganzen Tag auf seinem Hotelzimmer verbringen, doch eine entsprechende Bemerkung verkniff ich mir. Ein Blick auf das Infoblatt bestätigte meine Befürchtungen. „Ich hole sie morgen früh um acht Uhr hier ab. Wir fahren dann zum Büro und zum Krav Maga Studio und ich werde ihnen erst einmal alles zeigen. Am Nachmittag habe ich einen Termin, den wir gemeinsam wahrnehmen können. Wir sprechen morgen über den Fall, es geht dabei darum, dass auf dem Hof eines Autohauses des Öfteren nachts Autos in Brand gesteckt werden. Aber wie gesagt: Die näheren Details erfahren sie morgen.“
„Das hört sich interessant an“, strahlte Maangj. „Dann bis morgen früh, ich werde pünktlich sein.“
Kurz nach acht Uhr morgens fuhr ich vor dem Hotel vor. Maangj wartete schon neben dem Eingang auf mich. Diesmal trug er einen dunkelblauen Anzug, wieder mit passender Krawatte. Seine schwarzen Haare waren sehr kurz geschnitten und ein wenig erinnerte er mich an Barack Obama, allerdings in einer dunkleren Version.
„Guten Morgen, Jonathan“, grüßte er und glitt auf den Beifahrersitz. „Sie haben ein sehr gutes Hotel ausgesucht mit einem hervorragenden Restaurant. Ich liebe gutes Essen.“
„Das war Jennifer. Sie werden sie später noch kennenlernen. Aber ihnen auch einen guten Morgen.“ Während ich den Wagen in das Gewerbegebiet Güdderath lenkte, kam mir eine hervorragende Idee. Wenn Maangj so sehr gutes Essen liebte, dann könnte ich ihn doch zu Curry-Erwin einladen. Wie sehr würde mein Freund staunen, wenn ich seinen Imbiss mit einem Schwarzen betrat. Das wäre doch sicherlich eine Sensation! Und so ganz nebenbei könnte der Südafrikaner einmal die hervorragende Mönchengladbacher Küche kennenlernen. Und vielleicht den ‚Lärpers Spezial‘ Teller.
Ich parkte den Wagen direkt vor dem Eingang der Detektei. „Das hier ist das Gebäude, in dem sich unsere Detektei Argus befindet“, erklärte ich in bester Fremdenführermanier. „Hier haben Christine Weru, Birgit Zickler und ich unsere Büros. Sie werden später noch Birgit Zickler kennenlernen. Christine befindet sich jetzt allerdings in Kapstadt.“
„Ah, ich verstehe. Sie ist Teil des Austauschprogramms. Das ist sehr interessant, Jonathan.“
‚Ja‘, dachte ich, ‚eigentlich hätte mir ja die Reise zugestanden‘.
Ich führte Maangj in mein Büro. „Das hier ist mein Reich. Einfach und funktionell. So wie wir Männer es lieben.“ Ich erwähnte nicht, dass Bernd mir damals lediglich den einfachen Schreibtisch genehmigt hatte und nicht das Designerstück, das ich mir eigentlich aussuchte. Aber letztlich hätte ich es selbst bezahlen müssen, was ich dann auch wieder nicht einsah.
Zwei Minuten später betrat Birgit den Raum. Wie immer vergaß sie auch diesmal anzuklopfen, doch ich konnte sie nicht zurechtweisen und musste mich mit einem bösen Gesicht begnügen. Maangj erhob sich prompt von dem Besucherstuhl und wandte sich ihr zu. Der Neger mochte gut und gerne mehr als zwei Köpfe größer sein als Birgit und beugte sich jetzt lächelnd zu ihr herunter. „Miss Zickler“, gab er von sich, ergriff ihre Hand und deutete einen Handkuss an. Birgit kicherte wie ein Backfisch.
„Herr Maangj aus Kapstadt?“ Als Kyle nickte, fuhr sie fort. „Ich freue mich, sie kennenzulernen. Schön, eine solche Persönlichkeit aus einem so fernen Land bei uns zu Gast zu haben.“
Im Geiste schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen. Was sülzte die ‚Bergzicke‘ denn jetzt so herum? Wenn sie wollte, würde ich ihr die Betreuung des Mannes gerne überlassen. Ob Bernd damit einverstanden wäre?
„Sie können mich Kyle nennen, das ist mein Vorname“, bot Maangj an und lächelte immer noch. Wieso hatte der Kerl so weiße Zähne und ich nicht? Ich rauchte nicht und putzte sie mir regelmäßig und sehr intensiv, doch so weiß wurden sie nie.
Birgit blickte mir in mein missmutig verzogenes Gesicht und lächelte. „Jonathan, träumst du? Bernd lässt dir mitteilen, dass du so schnell wie möglich mit unserem Gast ins Studio kommen sollst. Er hat einen kleinen Empfang im Atrium vorbereitet. Und leg deinen Telefonhörer richtig auf, dass er dich auch erreichen kann! Ich habe noch einen Moment hier zu tun, dann folge ich euch.“ Sie blickte Maangj an: „Es gibt doch bestimmt viel zu erzählen und ich bin gespannt, wie die Polizeiarbeit in Kapstadt so aussieht.“
„Ich war sowieso schon fast auf dem Weg“, murrte ich. „Also, Kyle, dann wollen wir mal ...“ Der Hörer lag wirklich nicht richtig auf der Gabel, doch das war nie und nimmer mein Fehler gewesen. Vielleicht hatte Birgit daran manipuliert.
