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Die Fortsetzung des Romans 'Das Kestel Psychogramm'. Tobias Kestel ist wieder zurück. Sein behandelnder Arzt in der Psychiatrie ging in den verdienten Ruhestand und wurde von einem jungen und ambitioniertem Arzt, Dr. Barters, abgelöst. Für Barters bedeutete Kestel die Chance, sich einen internationalen Ruf zu erarbeiten und es dauerte nicht lange, dann erklärte er Tobias Kestel für geheilt. Der muss sich lediglich dazu bereiterklären, bei Kongressen als Beispiel für die einzigartige Leistung Dr. Barters zur Verfügung zu stehen. Nach neun Jahren in der Psychiatrie wird Kestel aus dem Gewahrsam entlassen. Auf einem Kongress, zu dem Dr. Barters seinen 'geheilten' Patienten mitnimmt, lernt Kestel einen russischen Diplomaten kennen, der ihn fortan unterstützt und fördert. Aber ist Tobias Kestel wirklich geheilt?
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Seitenzahl: 482
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Jürgen Ruhr
Die Kestel Regression
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Inhaltsverzeichnis
Titel
-
Prolog
1. Die Anhörung
2. In Freiheit
3. Der neue Job
4. Die Kriminalpolizei
5. Ein Kongress in Belgien
6. Endlich frei
7. Das Video
8. Das Speisezimmer
9. Das Messerset
10. Ein Mordopfer
11. Der Lehrgang
12. Der Schlachthof
13. Das Festessen
14. Ein neues Leben
15. Ermittlungsergebnisse
16. Das Gespräch
17. Der Kongress in Stuttgart
18. Observation
19. Das letzte Festessen
20. Die neue Mia
21. Undercover
22. Das besondere Wochenende
Epilog
Über den Autor
Impressum neobooks
Die Kestel Regression
Thriller
© by Jürgen H. Ruhr
Mönchengladbach
Lupus pilum mutat,
non mentem
Der Wolf ändert den Pelz,
nicht den Sinn
Sueton
Der Mann in dem dunkelblauen Maßanzug schob seinen Nachtischteller von sich und wischte noch einmal sorgfältig mit der Serviette über den Mund. Wie immer war das Essen in dem gehobenen Privatclub ausgezeichnet gewesen, doch er hatte es heute nicht richtig genießen können.
Heute nicht.
Dafür brannte er zu sehr darauf, seinen Kollegen die sensationelle Neuigkeit endlich verkünden zu können. Eine Neuigkeit, auf die er nun seit über einem Jahr hinarbeitete. Eine Sensation, die ihn endlich zu den Koryphäen der Psychiatrie werden lassen würde und die ihm - hoffentlich früher als später - endlich die wohlverdiente Leitung der Klinik übernehmen ließe. Das, was er seinen Kollegen heute verkünden würde, dürfte einmalig in der Geschichte der Psychiatrie sein. Jedenfalls war ihm kein ähnlicher Fall bekannt.
Während er den Nachtischlöffel hob, um damit an sein Weinglas zu klopfen, blickte er sich in der Runde der Kollegen um. Normalerweise saßen sie hier zu zehnt an dem großen runden Tisch, doch heute fehlte ein Arzt, der als einziger von ihnen eine Praxis unterhielt und nicht in einer der psychiatrischen Kliniken arbeitete. Er dachte kurz an den Mann, doch der war nicht wirklich wichtig. Die wichtigen Ärzte saßen hier und würden jeden Augenblick staunend seine Neuigkeit zu hören bekommen. Sie trafen sich hier zweimal im Monat, um bei einem opulenten Mahl Gedanken auszutauschen und über Fortschritte in den Behandlungsmethoden zu sprechen.
Und heute war endlich sein Tag!
Während der Arzt sich langsam erhob, klopfte er mit dem Löffel gegen das Kristallglas. Augenblicklich wurde es still am Tisch und seine Kollegen schauten ihn fragend an. Er konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Dann wurde sein Blick ernst und wichtig, während er dazu ansetzte, die Neuigkeit zu verbreiten.
„Liebe Kollegen“, begann er seine zuvor einstudierte Rede und blickte lächelnd in die Runde. „Es ist mir eine Ehre, mit ihnen hier am Tisch sitzen zu dürfen. Und das schon seit meinem Eintritt in die Klinik vor einem Jahr.“
„Ein Jahr und zwei Monate“, unterbrach ihn ein Kollege und fügte hinzu: „Wir wollen doch bei genauen Angaben bleiben.“
Ein leises Schmunzeln ging um den Tisch und der Arzt klopfte noch einmal an sein Glas. „Ich glaube nicht, dass das wirklich eine Rolle spielt, Herr Kollege“, fuhr er fort und hielt den Blick auf den Mann gerichtet. Der Arzt, der ihn so rüde unterbrochen hatte, war bekannt dafür, ein Witzbold zu sein. Ein Franzose namens Mathéo Meunier, der vor zahlreichen Jahren von Frankreich an eine Privatklinik in Köln Hürth gewechselt war. Gerüchten zufolge kam der Mann einst nach Deutschland, als er hier die Liebe seines Lebens gefunden hatte. Meunier maß vielleicht einen Meter achtundsechzig und war ziemlich korpulent. Jetzt klopften die ‚Wurstfinger‘ des Kollegen einen imaginären Takt auf der Tischdecke und er blickte sehnsüchtig auf die Nachspeise, von der er kaum etwas gegessen hatte. Zweifelsohne war er von dem Arzt beim Essen gestört worden.
„Aber es ist natürlich korrekt: ein Jahr und zwei Monate“, seufzte der Arzt schließlich, um endlich zum Thema zu kommen: „Ich habe ihnen heute eine kleine Sensation zu berichten und bitte sie, mir ohne Unterbrechungen zuzuhören.“ Wieder blickte er Meunier an, während der schuldbewusst seinen Blick senkte.
„Wie sie ja alle wissen, habe ich die Behandlung des Patienten Tobias Kestel vor einem Jahr über...“, er unterbrach sich, blickte lächelnd auf den Kollegen Meunier und korrigierte seine Worte, „vor einem Jahr und zwei Monaten übernommen, als der geschätzte Kollege Fiemrer in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist. Ich hatte die Gelegenheit, mich umfassend einzuarbeiten und damals erkannte ich schon das Potenzial, das eine hochwertige Behandlung des Patienten bieten würde: nämlich die vollständige Heilung. Und nun endlich ist es soweit, ich bin stolz und glücklich, ihnen verkünden zu dürfen, dass es mir gelungen ist: Tobias Kestel kann als vollständig geheilt betrachtet werden. Damit wird in absehbarer Zeit seine Rückführung in das zivilisierte Leben stattfinden. Die Klinikleitung hat nach sorgfältiger Betrachtung meiner Therapieergebnisse dem uneingeschränkt zugestimmt. In wenigen Tagen werden zu diesem Thema einige von mir verfasste aussagekräftige Artikel in den führenden Arztmagazinen erscheinen. Ich pla...“
In diesem Moment wurde er durch Mathéo Meunier unterbrochen, der ihn entsetzt ansah. Auch die anderen Kollegen blickten skeptisch und so mancher schüttelte sorgenvoll den Kopf. „Herr Dr. Barters, das wird doch wohl nicht ihr Ernst sein? Ich habe die Geschichte des Tobias Kestel von Anfang an verfolgt und mich oft mit dem Kollegen Fiemrer besprochen. Eine Heilung, so wie sie sie erreicht haben wollen, ist einfach unmöglich.“
Dr. Barters schüttelte den Kopf: „Sie sehen das zu schwarz, Herr Kollege.“ Er betonte das ‚Herr Kollege‘ absichtlich abfällig, um zum Ausdruck zu bringen, was er von dem älteren Arzt hielt. Nämlich eigentlich nichts. „Meine Diagnose basiert auf zahlreichen Beobachtungen, Versuchen und Untersuchungen. Wie ich schon früh in meiner Praxisarbeit feststellen konnte, sind Menschen sehr wohl heilbar. Man muss an das Gute in ihnen glauben, ihnen Mut und Hoffnung geben und sie da...“
„Geschwafel“, unterbrach ihn Meunier erneut. „Auf was für Erfahrungen aus ihrer Praxisarbeit wollen sie sich stützen? Die Behandlung von Alkoholsüchtigen und hysterischen Hausfrauen? Das waren doch ihre Hauptaufgaben in der kleinen Praxis, oder irre ich mich? Und die Stelle in der Psychiatrie haben sie doch nur bekommen, weil ihr Herr Vater der Klinik eine größere Summe gespendet hat. Das können doch selbst sie nicht bestreiten.“
Barters spürte, wie sein Gesicht rot anlief und das machte ihn wütend. „Das tut hier nichts zur Sache, Herr Meunier“, wies er den Alten zurecht. „Die Stelle war vakant und ich der geeignetste Bewerber. Von etwaigen Spenden war mir nichts bekannt.“
„Natürlich nicht, Herr Kollege“, erwiderte Meunier süffisant. Dann aber fuhr er eindringlich und ernst fort: „Tobias Kestel ist eine tickende Zeitbombe. Eine Regression, also der Rückfall in alte Gewohnheiten, ist nahezu vorprogrammiert. Wie wollen sie das verhindern? Mit was für einer Therapie? Oder haben sie ihm das halbe Gehirn weggeschnitten und ihn auf diese Weise geheilt? Wenn sie den Mann auf die Menschheit loslassen, wird er in seine frühere Entwicklungsstufe zurückfallen und das wäre dann die Regression.“ Meunier schmunzelte trotz des Ernstes der Situation und fuhr fort: „Das wäre de facto ein GAR.“
„GAR?“ Barters sah den Kollegen fragend an.
„Eine größte anzunehmende Regression“, erklärte Meunier.
„Sie verkennen die Situation, Herr Meunier. Und sie reden Blödsinn, wenn sie von ‚GAR‘ reden. Meine Therapiemethode ist sicher und es wird keinen Rückfall Tobias Kestels geben.“
Meunier schüttelte den Kopf: „Nein, Herr Dr. Barters, sie verkennen die Situation. Sie verrennen sich da in etwas, das nicht kontrollierbar sein wird. Tobias Kestel ist nicht geheilt, er kann gar nicht geheilt sein. Sie sollten wenigstens noch die Meinung von mehreren Experten einholen, bevor sie solch einen schwerwiegenden Schritt tun und Kestel entlassen.“
Barters stellte das Weinglas abrupt auf den Tisch und warf den kleinen Löffel daneben. Dann richtete er seinen Zeigefinger auf Meunier. „Und einer dieser ‚Experten‘ wollen sie sein, richtig? Nein, nein mein Lieber. Meine Versuche und Beobachtungen sind abgeschlossen, Tobias Kestel ist geheilt. Das können selbst sie mit ihrem angeborenen Pessimismus nicht ins Negative wenden. Kann es nicht einfach nur sein, dass sie mir den Erfolg neiden? Selbst ein Stück vom Kuchen abhaben wollen? Dar...“
Wieder unterbrach ihn der ältere Kollege. Kopfschüttelnd meinte er: „Darüber sollten sie sich keine Sorgen machen, Herr Dr. Barters. Aber bedenken sie bitte auch, dass eine Regression des Patienten ihnen angelastet wird. Wollen sie solch ein Risiko eingehen? Wollen sie riskieren, dass Tobias Kestel erneut mordet? Erneut kleine Kinder zu Tode quält? Denken sie darüber einmal nach!“
„Tobias Kestel ist geheilt. In dieser Hinsicht brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Dies ist ein Fall, den sie nicht beurteilen können, denn ich habe den Patienten nun über ein Jahr therapiert. Ja, ich weiß: Ein Jahr und zwei Monate. Aber das war ich und nicht sie!“
Jetzt meldete sich ein anderer Kollege zu Wort und Barters überlegte, wie der Mann hieß. Es war unwichtig und der Name fiel ihm auch nicht ein. Unwichtig.
„Herr Dr. Barters“, begann der Arzt, dessen Namen mit ‚H‘ anfangen musste. Barters hörte ihm kaum zu. Wie kam es, dass sich plötzlich alle gegen ihn wandten? War es wirklich der pure Neid? Gönnte ihm denn niemand diesen bahnbrechenden Erfolg?
„Herr Dr. Barters. Ich glaube im Namen aller Kollegen hier zu sprechen, wenn ich sie dringend bitten muss, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken. Lassen sie Tobias Kestel wenigstens von einer unabhängigen Kommission begutachten. Alle unsere Patienten sind Schauspieler. Der eine besser, der andere schlechter. Aber es gibt zahlreiche Methoden ihnen auf den Zahn zu fühlen. Eine so schwerwiegende Entscheidung, wie die Entlassung des Patienten Kestel, sollte nicht ein einziger Arzt treffen.“
Barters wurde zusehends wütender. Was bildeten diese Leute sich eigentlich ein? Wieso maßten sie sich an, seine Entscheidungen in Frage zu stellen und zu kritisieren? „Herr Kollege“, fuhr er den Mann scharf an, „die Entscheidung ist getroffen. Die Klinikleitung hat meiner Empfehlung zugestimmt und mein Assistent, der Tobias Kestel auf seinen Freigängen beobachtet und analysiert hat, geht mit meiner Meinung konform. Sie alle kennen den Fall Tobias Kestel höchstens vom Hörensagen oder von Gerüchten her und können sich daher kein neutrales Urteil bilden. Glauben sie mir, ich weiß was ich tue!“
Meunier meldete sich wieder zu Wort und seine Stimme klang pessimistisch und resigniert: „Hat ihr Herr Vater wieder an die Klinikleitung gespendet? Kein vernünftiger Mensch würde den Patienten Tobias Kestel nur auf das Wort seines behandelnden Arztes entlassen.“
„Was fällt ihnen ein, Herr Meunier!“, brüllte Barters. „Sie deuten damit an, dass die Klinikleitung bestechlich wäre. Ich hätte mir eine sachlichere Diskussion gewünscht, aber nicht diese haltlosen Anschuldigungen! Guten Tag, meine Herren!“
Barters hieb mit der Faust auf den Tisch, so dass sein Weinglas umfiel und einen roten Fleck auf der weißen Tischdecke hinterließ. Dann stürmte er wutentbrannt aus dem Raum.
Dr. med. Bernard Christian Barters betrachtete sich in dem kleinen Wandspiegel im Badezimmer seines Büros. Was er sah gefiel ihm: Ein Achtunddreißigjähriger mit einem gepflegten Drei-Tage-Bart, einer zurzeit äußerst angesagten, modischen Brille und dem vollen Haarschopf, der ihn bei den Frauen so begehrt machte. Der Maßanzug kleidete ihn ausgezeichnet und die sechstausend Euro waren gut angelegt. Barters fragte sich kurz, ob er mit dem Anzug nicht übertrieben hatte, doch das war sein Markenzeichen: gute und teure Kleidung. Die Lederschuhe kamen auf gut und gerne noch einmal sechshundert Euro, doch auch sie waren Maßanfertigung und er fühlte sich äußerst wohl darin. Ein guter Schneider, ein guter Schuster und natürlich ein guter Coiffeur waren schließlich mit das Wichtigste im Leben. Und gutes Essen, aber das verstand sich ja von selbst.
Barters kontrollierte den Sitz seiner Krawatte, dann blickte er auf die sündhaft teure Uhr an seinem Handgelenk. Noch zwanzig Minuten bis zu der Sitzung, die ihm dieser dämliche Franzose eingebrockt hatte. Barters verdrängte absichtlich, dass Dr. Meunier schon einen Großteil seines Lebens in Deutschland verbrachte und auch die deutsche Staatsangehörigkeit besaß. Für ihn war der Mann nur der ‚kleine dicke Franzose‘. Und der hatte es schließlich doch noch geschafft, dass eine erneute Anhörung des Patienten Tobias Kestel erfolgen sollte. Ursprünglich war auch die Anwesenheit eines neutralen Kollegen geplant gewesen, doch eine weitere ‚Spende‘ seines Vaters hatte dies in letzter Sekunde abwenden können. Barters hasste den Kollegen Meunier umso mehr und dachte jetzt schon darüber nach, wie er es ihm heimzahlen konnte. Aber zunächst galt es, die Anhörung zu seinen - und Tobias Kestels - Gunsten zu überstehen. Trotz der großzügigen Spende war sich Bernard Barters über den Ausgang der Befragung nicht mehr so sicher.
Und zu allem Überdruss hatte ihm sein Vater klargemacht, dass er nicht ewig die Karriere seines Sohnes mit ‚Spenden‘ unterstützen würde. „Bernard“, hatte er gesagt und dabei sehr ernst geblickt, „einmal muss Schluss sein. Ich habe deinen Abschluss als Arzt mit Unsummen unterstützt und dafür gesorgt, dass du eine Anstellung in der psychiatrischen Praxis bekamst. Für die ‚Spende‘ hätte ich dir fast auch eine eigene Praxis einrichten können. Und dann der Wechsel zur Klinik. Ebenfalls eine unverschämt hohe Summe. Und nun dies hier. Was liegt dir eigentlich daran, diesen Tobias Kestel wieder in Freiheit zu sehen? Bist du wirklich sicher, dass der Mann zukünftig seine Finger von kleinen Kindern lassen wird?“
„Vater“, Barters gab sich reumütig. Er wusste, dass er so am meisten bei seinem alten Herrn erreichen konnte. „Es ist meine Berufung. Ich will doch dir und der Familie Ehre machen, aber leider zeigen sich die Menschen allzu verbohrt. Tobias Kestel wurde durch meine Therapie geheilt und die Anerkennung der Fachwelt wird nicht nur mein Image, nein unser Image, steigern und in unermessliche Höhen befördern, sondern mir auch eine Menge Geld einbringen. Du wirst sehen, dass ich dir deine Auslagen doppelt und dreifach zurückzahlen kann.“
Sein Vater schüttelte den Kopf, so als wollte er sagen: ‚Na, wer’s glaubt‘ und knurrte: „Das werden wir noch sehen. Bisher hast du mich lediglich eine Menge Geld gekostet und kaum etwas erreicht. Beweise mir, dass du meine Mühen auch wert bist!“
Barters wischte einige imaginäre Stäubchen von seiner Schulter. Seine Arbeit in der Praxis war seiner Meinung nach sehr gut gewesen. Leider dachten die Kollegen dort anders und als er in die Klinik wechselte, sah Bernard Barters manch erleichtertes Gesicht. Aber auch Tränen, denn als die Sprechstundenhilfe ihn fragte, ob sie sich weiter treffen würden, schüttelte er damals nur stumm den Kopf. Dass er des Mädchens überdrüssig war und der Sex mit ihr langsam fad wurde, hatte er verschwiegen. Er wollte die Kleine ja nicht vor den Kopf stoßen und vielleicht würde er sie ja noch einmal brauchen. Jedenfalls konnte ihm niemand schlechte Arbeit vorwerfen. Zahlreiche Alkoholiker waren innerhalb kürzester Zeit von ihm geheilt worden und kamen lediglich noch regelmäßig zu ihm, um sich Tabletten verschreiben zu lassen. Besonders bewährte sich dabei in der Therapie das Mittel Fentanyl, das er als Pflaster verabreichte. Es dauerte nie lange, bis die Patienten auf ihren Alkoholkonsum verzichten konnten oder diesen wenigstens reduzierten. Eine hervorragende Therapie, die er auch bei Tobias Kestel angewendet hatte. Und der Erfolg gab ihm schließlich Recht!
Er blickte erneut auf seine Uhr, die er günstig gekauft hatte. Eine original Chopard Imperiale, die er für zweihunderttausend Euro und damit gut fünfzigtausend günstiger, als normal, erworben hatte. Der Kampf mit seinem Vater, um das Geld zu erhalten, kostete ihn allerdings einige Nerven. Schließlich durfte er sich die Uhr zu seinem dreißigsten Geburtstag kaufen und sein Vater verlor auch nie wieder ein Wort darüber.
Jetzt wurde es allerdings Zeit, sich der Auseinandersetzung mit der Klinikleitung zu stellen. Als er am Dienstag - direkt nach dem Pfingstwochenende - von der Eingabe dieses Dr. Meunier und seiner Kollegen erfahren hatte, musste er Tobias Kestel auf die neuerliche Befragung vorbereiten. Das war ihm in den letzten beiden Tagen gut gelungen und würde Kestel heute keinen Fehler machen und war die Spende seines Vaters entsprechend großzügig ausgefallen, dann dürfte Kestel schon Anfang der kommenden Woche in Freiheit sein. Schließlich war alles schon vorbereitet: Barters Assistent hatte eine kleine Wohnung gemietet, Zivilkleidung in Kestels Größe besorgt und sogar für einen Job in einem Altenheim gesorgt. Kestel konnte dort als Aushilfe arbeiten und würde ihm bei Bedarf zur Verfügung stehen.
Heute war Donnerstag und der große Zeiger seiner Uhr rückte unentwegt auf die Sechs vor. Zehn Uhr dreißig und Barters durfte auf keinen Fall unpünktlich sein.
„Guten Morgen, meine Dame und Herren“, begrüßte er die Anwesenden, während er bewusst gutgelaunt zu seinem Stuhl trat. Sie befanden sich hier in einem kleinen Besprechungsraum, in dem um einen ovalen Tisch herum mehrere Stühle gruppiert waren. Der Klinikleiter saß mit seiner Sekretärin und einem jüngeren Kollegen an der Stirnseite des Tisches, hinter der sich auch die Leinwand für Bildprojektionen befand. Allerdings würden sie sie heute nicht benötigen und daher befand sie sich noch in dem Kasten an der Decke.
Barters stellte mit Genugtuung fest, dass der für den neutralen, externen Arzt vorgesehene Stuhl leer war. Eins zu null für Vaters ‚Spende‘. Er verbeugte sich leicht in Richtung der drei Personen und nahm auf seinem Stuhl Platz. Der Klinikleiter, Dr. Osslinger, sah ihn prüfend an, sagte aber nichts. Seine Sekretärin spielte an dem Laptop herum, auf dem sie wohl das Protokoll führen würde. Dem anderen Arzt war die ganze Sache anscheinend recht peinlich, denn er betrachtete angelegentlich die Tischplatte und schien sich in der Situation auch nicht recht wohlzufühlen. Barters wusste, dass der Kollege erst seit kurzer Zeit im Klinikum war. Dessen Anwesenheit konnte er gut akzeptieren, denn der Mann würde mit Sicherheit keinerlei Aussage entgegen den Wünschen der Klinikleitung äußern. Sie alle wussten, dass dies mehr oder weniger eine Farce darstellte, die ein Dr. Meunier unnötigerweise initiiert hatte. Barters wurde sich seiner Sache zunehmend sicherer.
Osslinger sah ungehalten auf seine Uhr, die nicht annähernd der Klasse von Barters Imperiale nahekam. Allerdings wurde es allmählich Zeit, dass Barters Assistent, Dr. Holger Friesgart, mit ihrem Patienten eintraf. Barters hatte beiden zuvor mehrere Male eingebläut, unbedingt pünktlich zu sein und jetzt war es schon fünf Minuten über der Zeit. Er nahm sich vor, seinen Assistenten später gehörig zusammenzuscheißen.
Plötzlich öffnete sich die Tür und Tobias Kestel, gefolgt von Dr. Friesgart, betrat den Raum. Kestel verbeugte sich - so wie es Barters ihm eingetrichtert hatte - und blieb demütig neben der Tür stehen.
„Guten Morgen“, begrüßte sie Dr. Friesgart, der neben Kestel stand. „Bitte entschuldigen sie unsere Verspätung, aber es gab in Abteilung fünf C einen Notfall. Es ist meine Schuld, dass wir nicht früher hier sein konnten.“
Dr. Osslinger hob wohlwollend die Hand und winkte die beiden zu sich heran. Dann zeigte er auf zwei freie Stühle. „Nun, das entschuldigt sie natürlich“, nickte er. „Bitte nehmen sie Platz und lassen sie uns beginnen.“ Er nickte der Sekretärin zu, die sich ihrem Laptop widmete und auf der Tastatur herumhämmerte.
„Ich gehe davon aus, dass sie alle wissen, warum wir uns heute hier zu einer außerplanmäßigen Anhörung eingefunden haben. Ich muss auf die Beweggründe trotzdem wegen des Protokolls eingehen. Zunächst einmal stelle ich die Anwesenheit fest: Im Raum befinden sich Herr Dr. Bernard Barters, sein Assistent Herr Dr. Friesgart, ferner Dr. Reinhard Gelsmann in seiner Eigenschaft als neutraler Beobachter, Frau Sabine Vornau die Sekretärin und Schriftführerin, sowie meine Wenigkeit, Dr. Dr. med. Osslinger, der Leiter der Klinik. Und zu guter Letzt befindet sich der Patient Tobias Kestel in dem Konferenzraum.“
Osslinger machte eine kurze Pause und wartete, bis die Sekretärin alles in ihren Computer getippt hatte. Dann fuhr er fort: „Auf Anliegen des Arztes Dr. Meunier und einiger anderer Kollegen treffen wir hier heute zu einer Anhörung des Patienten Tobias Kestel in der Angelegenheit seiner durch Dr. Barters diagnostizierten Heilung und der damit einhergehenden Entlassung aus der psychiatrischen Klinik. Dr. Meunier und seine Kollegen drängen in einem durch Boten zugestellten Schreiben darauf, die geplante Entlassung zu revidieren und Herrn Tobias Kestel in der Obhut und Behandlung der Klinik zu belassen. In den angeführten Argumenten bezweifelt Dr. Meunier den Erfolg der Therapie des Herrn Dr. Barters.“
Wieder folgte eine Pause. Barters hielt seinen Blick auf die Tischplatte gesenkt, beobachtete aber aus den Augenwinkeln abwechselnd seinen Patienten Tobias Kestel, sowie den Klinikleiter. Die Frage, die ihn beschäftigte, lautete, ob Osslinger gegen die Entlassung Kestels ebenfalls Bedenken hegte. Dr. Meunier konnte durch seinen Brief zweifellos in Osslinger eine gewisse Angst in Bezug auf das zukünftige Verhalten des Patienten geweckt haben. Dr. Osslinger befand sich in einer Zwickmühle, auf deren einen Seite das gute Geld von Barters Vater und auf der anderen Seite die Unsicherheit in Bezug auf die Person Kestel steckten. Wie würde Osslinger entscheiden?
Der Klinikleiter zog einen Aktenordner, der vor ihm auf dem Tisch lag, zu sich heran und blätterte darin. „Herr Kestel“, wandte er sich an den Patienten, der sofort von seinem Stuhl aufsprang und so etwas wie eine militärische Haltung annahm. ‚Übertreibe es nicht‘, warnte Barters ihn mit den Augen, doch Kestel blickte stoisch zu Boden.
„Herr Tobias Kestel, wie geht es ihnen, wie fühlen sie sich?“
„Gut, danke Herr Klinikleiter. Ich fühle mich ruhig und zufrieden, allerdings ein wenig unterfordert. Ich möchte arbeiten, etwas schaffen und mir meinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Dank der Therapie meines wundervollen Arztes bin ich ein vollkommen neuer Mensch geworden. Den alten Tobias Kestel gibt es nicht mehr.“
Osslinger nickte mit dem Kopf und Barters atmete ein wenig auf. Sie hatten Kestels Antwort zum Glück lange genug einstudiert.
„Sehr schön, Herr Kestel.“ Dr. Osslinger wandte sich an die Sekretärin: „Bitte nehmen sie ins Protokoll auf, dass wir jetzt hier nicht alle von Dr. Barters durchgeführten Therapien und Maßnahmen erläutern wollen, sondern dem Protokoll die Therapieunterlagen anheften werden. Ich fahre nunmehr mit der Befragung fort.“
Er wandte sich wieder dem Patienten zu, lächelte und meinte: „Herr Kestel, bitte erläutern sie mir, was sie denken, wenn sie ein Kind oder eine Gruppe Kinder sehen.“
Kestel schwieg einen Moment, so als würde er über die Frage angestrengt nachdenken. Doch auch diese Thematik hatten Barters und er eingehend besprochen. „Herr Vorsitzender, ich habe selbst zwei Kinder und meine Gedanken kreisen lediglich darum, dass es den Kindern - allen Kindern - gut gehen möge und ich hoffe, meine eigenen eines Tages einmal wiedersehen zu können. Falls sie darauf ansprechen, ob ich jemals wieder diese falschen Sachen machen möchte, so kann ich mit einem klaren ‚Nein‘ antworten. Das war ein anderer Tobias Kestel. Ein kranker Mensch, der ich heute nicht mehr bin. Dr. Barters hat mich geheilt.“
Wieder nickte der Klinikchef und wieder atmete Barters ein wenig auf. Kestel musste lediglich noch ein paar Fragen weiter durchhalten. Barters Reputation in Fachkreisen rückte wieder in greifbare Nähe.
„Ich nenne ihnen jetzt einige Begriffe, auf die sie mir spontan und ohne langes Nachdenken antworten werden. Antworten sie möglichst mit nur einem Wort. Haben sie verstanden, worum es geht, Herr Kestel?“
Der Patient Tobias Kestel nickte und Dr. Barters rieb sich im Geiste die Hände. Dieses Frage- und Antwortspiel hatten sie bis zum Erbrechen geübt. Schließlich war es Teil der Therapie und eine Möglichkeit, den Geisteszustand des Patienten zu erforschen.
Kestel nickte.
„Gut, beginnen wir: Fahrrad.“
Kestel blickte unbefangen auf: „Fortbewegung.“
„Kinderspielplatz.“
„Sand.“
„Messer.“
„Brote.“
„Skalpell.“
„Ärzte.“
„Schmerzen.“
„Linderung.“
Barters hielt die Luft an. Alle Antworten entsprachen seinen Befragungen, lediglich die auf ‚Schmerzen‘ hatte Kestel bisher mit ‚Tabletten‘ beantwortet. ‚Linderung‘ war sehr mehrdeutig, zumal in allen Polizeiprotokollen stand, dass Kestel seinen jungen Opfern damals ‚Linderung‘ verschaffen wollte.
Aber Dr. Osslinger ging auf die letzte Antwort nicht ein. Vielleicht hatte er nicht richtig zugehört oder er akzeptierte die Antwort einfach nur so. Jedenfalls beendete er mit einem zufriedenen Nicken die Befragung und wandte sich wieder seiner Sekretärin zu: „Bitte vermerken sie: keine Auffälligkeiten.“
Als das leise Klappern der Tasten verklang, wandte sich der Klinikchef erneut an den immer noch stehenden Tobias Kestel: „Herr Kestel, bitte machen sie jetzt zehn Kniebeugen.“
Kestel tat wie ihm geheißen.
Barters musste sich stark zusammenreißen, um ein Lachen zu unterdrücken, während Tobias Kestel pflichtgemäß in die Knie ging. Wollte Osslinger das Ganze jetzt ins Lächerliche ziehen? Aber vielleicht war dies ja eine kleine Retourkutsche an Dr. Meunier. Etwas, das ihm zeigte, wie unsinnig sein Ansinnen gewesen war.
„Sie können sich wieder setzen, Herr Kestel.“ Dr. Osslinger wandte sich an Dr. Barters: „Herr Kollege bitte schildern sie uns, wie sich Herr Kestel auf seinen Freigängen verhalten hat.“
„Gerne Herr Direktor.“ Barters erhob sich und blickte zu dem Klinikleiter und seiner Sekretärin, die sich dienstbeflissen über den Laptop beugte. „Der Patient Tobias Kestel erhielt regelmäßig kontrollierten Freigang, um ihn an das Leben außerhalb dieser Klinik zu gewöhnen und seine Reaktionen auf fremde Menschen, insbesondere kleine Kinder, zu verifizieren. Tobias Kestel wurde von meinem Assistenten Herrn Dr. Friesgart begleitet. Dr. Friesgart hat über jeden Freigang einen detaillierten Bericht erstellt. Diese Berichte können dem Protokoll ebenfalls angehängt werden. Ich möchte mich jetzt lediglich darauf beschränken, dass Herr Tobias Kestel sich tadellos benommen hat und selbst in Augenblicken, in denen er sich unbeobachtet fühlte, keine Unregelmäßigkeiten erkennen ließ.“ Dr. Barters verbeugte sich kurz und setzte sich mit langsamen Bewegungen auf seinen Stuhl zurück.
Dr. Osslinger nickte allen Anwesenden freundlich zu. „Meine Herrschaften, wir kommen jetzt zu der Beschlussfassung. Um eine Pattsituation zu vermeiden, also ein eindeutiges Ergebnis zu bekommen - und dies frei jeglicher Beeinflussung - veranlasse ich, dass es zu einer Abstimmung kommt. Ich werde den Raum verlassen, um zu vermeiden, dass sich jemand von ihnen durch mich zu einem ihm nicht genehmen Entschluss gedrängt fühlt. Sobald ich durch die Tür dort verschwunden bin, stimmen sie, Dr. Barters, Dr. Friesgart und Dr. Gelsmann darüber ab, ob Herr Tobias Kestel weiter in der Klinik verbleiben soll oder auf freien Fuß gesetzt wird. Schreiben sie ihre Wahl auf einen Zettel, den ihnen Frau Vornau noch geben wird und reichen sie ihr den Zettel anschließend zusammengefaltet zurück. Enthaltungen werden nicht akzeptiert. Sie wissen also, worauf es ankommt, meine Herren. Ich erwarte eine zügige Entscheidung!“
Osslinger stand auf und verließ den Raum, während die Sekretärin kleine Zettel an sie verteilte. Barters grinste. ‚Du alte Drecksau‘, dachte er und musste zugeben, dass er den Klinikchef doch ein wenig bewunderte. Osslinger hatte das alles im Voraus geplant und würde so jeglicher Verantwortung entgehen. Ein Fehlverhalten Tobias Kestels könnte niemand ihm, dem Klinikchef, ankreiden. Zumindest theoretisch nicht.
Dr. Barters blickte seinen Assistenten scharf an. Der Mann würde doch jetzt keinen Fehler begehen? Dann wäre Dr. Friesgart die längste Zeit ein Teil des Teams dieser Klinik gewesen sein. Und er, Dr. Barters, wollte höchsteigen dafür sorgen, dass der Mann nur noch als Hilfskraft einen Job finden würde.
Die kleinen Zettel waren schnell ausgefüllt und der Sekretärin zurückgegeben. Dr. Barters bedeutete seinem Assistenten, den Klinikchef wieder in den Raum zu holen.
„Das ging ja flott, meine Herren“, sprach Dr. Osslinger während er die gefalteten Zettel von der Sekretärin entgegennahm. Er faltete den ersten auseinander. „Entlassen“, las er vor. Auch auf dem nächsten Stand ‚Entlassen‘ und damit stand das Abstimmungsergebnis fest. Trotzdem faltete er den letzten Zettel noch auseinander. „Weiter behandeln“, gab er den Text auf dem Blättchen wieder.
„Meine Herren, sie haben entschieden: Herr Tobias Kestel wird aus unserer Klinik als geheilt entlassen. Ich bitte Herrn Dr. Barters alles Erforderliche in die Wege zu leiten. Die Anhörung ist beendet. Meine Dame, meine Herren ich danke Ihnen. Und ihnen Herr Kestel: meinen Glückwunsch. Lassen sie die sich ihnen bietende Chance nicht verstreichen!“
Während Dr. Osslinger den Raum zufrieden lächelnd verließ, besah sich Dr. Barters die auf dem Tisch liegenden Zettel. Die Schrift, die besagte ‚weiter behandeln‘ war eindeutig nicht die seines Assistenten. Der hatte mit ‚entlassen‘ gestimmt. Barters atmete erleichtert auf. Also war ihm Gelsmann, der Neue, in den Rücken gefallen! Dr. Barters lächelte bei dem Gedanken daran, dass er schon dafür sorgen würde, dass dieser Gelsmann bald wieder aus der Klinik verschwinden würde.
Dr. Barters saß in seinem Büro und sah noch einmal die vor ihm liegenden Papiere durch. Alles war korrekt und unterschrieben, lediglich die Unterschriften des Patienten Tobias Kestel fehlten noch. Somit stand dessen Entlassung aus der Klinik nichts mehr im Weg. Barters blickte auf die Wanduhr über der Tür. In wenigen Minuten würde Dr. Friesgart den Patienten zu ihm bringen.
Der Klinikchef, Dr. Osslinger befand sich schon seit gestern außer Haus. Angeblich musste er dringend zu einer Sitzung und würde erst nächste Woche wieder an seinem Arbeitsplatz erscheinen. Barters bewunderte einmal mehr, wie geschickt der Chef sich aus der Affäre zog. Erst die Sache mit der Abstimmung - etwas, das es noch nie gegeben hatte - und nun die angebliche ‚Sitzung‘, die die alleinige Verantwortung von Kestels Entlassung auf ihn, Dr. Barters, verlagerte. ‚Aber was soll’s‘, dachte er. ‚Die Verantwortung liegt ohnehin bei mir und was kann schon schiefgehen?‘ Kestels Therapie war ein voller Erfolg gewesen und der ewige Pessimismus, der ihm entgegenschlug, deutete lediglich auf den Kleingeist dieser Querulanten hin.
Der Arzt ging in Gedanken die kommenden Wochen und Monate noch einmal durch. Er würde an mehreren Wochenenden mit Kestel zu verschiedenen Kongressen reisen, um dort als einer der Redner seinen durchschlagenden Therapieerfolg zu demonstrieren. Kestel hatte eigentlich bei der ganzen Sache keine große Rolle zu spielen, doch Barters erhoffte sich eine gesteigerte Aufmerksamkeit, wenn er den geheilten Patienten persönlich vorstellen konnte.
Auch seine Artikel über die Therapie Tobias Kestels würden in Kürze in verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Dr. Bernard Barters war mit sich zufrieden.
Es klopfte dezent an der Tür. „Herein!“, rief der Arzt und blickte seinem Assistenten, gefolgt von Tobias Kestel entgegen.
„Ah, sie sind pünktlich. Prima, bitte setzen sie sich.“ Friesgart und Kestel setzen sich auf die zwei vor dem Schreibtisch stehenden Stühle. „Lieber Herr Kestel“, wandte Barters sich an seinen Patienten, der bald sein Ex-Patient wäre. „Heute endlich ist der große Tag gekommen. Nachdem die Entscheidung gestern eindeutig ausfiel, steht ihrer Entlassung nichts mehr im Weg.“ Er lachte leise. „Sie müssen jetzt nur noch einige Unterschriften leisten, dann sind sie wieder frei. Eine kleine Unterschrift für einen Mann und ein gewaltiger Schritt in die Freiheit.“
Er schob Tobias Kestel mehrere dicht bedruckte Seiten, sowie einen Kugelschreiber hin. „Wir haben ja alles schon besprochen, trotzdem hier noch einmal in Kurzform, was sie da unterschreiben: Diese Seite hier“, er zeigte auf ein engbeschriebenes Blatt, „betrifft Ihre Entlassung aus der Klinik. Das dort ist ein Arbeitsvertrag mit dem Altenheim, in dem sie ab Montag als Aushilfe arbeiten werden. Sie melden sich dort um halb Sieben bei einer Schwester Rosi.“ Barters hob mehrere zusammengeheftete Seiten hoch, die er Tobias Kestel bisher noch nicht hingeschoben hatte. „Und das hier ist unser spezieller Vertrag. Danach stehen sie mir an bestimmten, noch näher zu bezeichnenden, Wochenenden zur Verfügung und reisen mit mir zu Kongressen. Dort halte ich zu dem Thema Ihrer Therapie Vorträge und werde sie quasi als ‚objectum demonstrationem‘ präsentieren. Sie erhalten für ihre Mühen eine Entschädigung, deren Höhe in diesem Vertrag festgelegt ist. Aber auch das wissen sie ja schon, wir haben ja all das ausführlich besprochen. Jetzt fehlen nur noch ihre Unterschriften.“
Tobias Kestel las sich die Formulare und den Vertrag nicht erst durch, sondern unterschrieb schwungvoll. Seine Miene ließ nicht erkennen, was er dabei dachte. Dr. Barters und Dr. Friesgart beobachteten ihn genau und als Tobias Kestel dem Arzt die Schriftstücke zurückgab, lächelten sie beide.
„Danke, Herr Kestel“, strahlte Dr. Barters. „Sie haben heute Gelegenheit, ihre persönlichen Sachen zusammenzupacken. Herr Dr. Friesgart bringt sie dann morgen Vormittag zu ihrer Wohnung.“ Dr. Friesgart hatte vor zwei Wochen zusammen mit Tobias Kestel eine kleine Wohnung angemietet. Während der Freigänge nutzten sie dann die Zeit und richteten die Räume schon ein wenig wohnlich ein. Die Wohnung bestand aus einem Wohnzimmer, einer Küche, sowie einem Schlafzimmer und dem kleinen Bad. Nicht viel, aber ein Anfang. Dr. Friesgart erklärte sich - nach entsprechendem Drängen Dr. Barters - bereit, in der ersten Woche Tag und Nacht bei Kestel zu bleiben, um ihm die Wiedereingliederung in die Gesellschaft so leicht wie möglich zu machen. Nur während der Arbeitszeiten von Kestel würde er zu seinem Chef in die Klinik kommen und ihm haarklein von den Fortschritten ihren Ex-Patienten berichten. Außerdem hatte Barters ihm aufgetragen, detaillierte Berichte über Tobias Kestel zu verfassen.
Dr. Barters nickte dem jungen Assistenten zu. „Unterstützen sie bitte Herrn Kestel beim Packen. Bringen sie ihn dann morgen bitte zu seiner Wohnung und leisten sie ihm dort Gesellschaft, so wie wir es besprochen haben. Ich selbst bin am Wochenende nicht im Haus, aber sie wissen ja, was zu tun ist.“
„Selbstverständlich Herr Dr. Barters“, entgegnete Friesgart und erhob sich.
Kestel folgte seinem Beispiel, doch bevor die beiden zur Tür gingen, blickte Tobias Kestel seinen Arzt noch einmal ins Gesicht. „Ich danke ihnen, Herr Doktor. Sie wissen gar nicht, was mir das bedeutet. Sie haben eine grandiose Leistung mit ihrer Therapie vollbracht.“
Barters nickte. „Eine Leistung, die auch immer nur mit der Zusammenarbeit und des Verständnisses der Patienten möglich ist. Sie finden bei mir, beziehungsweise Herrn Dr. Friesgart, immer ein offenes Ohr. Scheuen sie sich nicht, uns im Zweifelsfall anzusprechen. Und außerdem werden wir uns ...“, Barters blätterte in seinem Kalender, dann blickt er wieder zu Tobias Kestel auf, „in zwei Wochen, also am fünften Mai, wiedersehen. An dem Wochenende halte ich nämlich meinen ersten Vortrag bei einem Kongress in Ostende und wir reisen Samstag dort hin. Ostende liegt übrigens in Belgien, an der Nordseeküste. Einmal frische Seeluft schnuppern, Herr Kestel. Das ist doch was.“
„Danke Herr Doktor. Für alles. Ich stehe ihnen gerne zur Verfügung.“ Kestel wandte sich ab und wollte zur Tür gehen, als Dr. Friesgart seinen Chef fragend anblickte: „Herr Dr. Barters, darf ich fragen, ob sie bezüglich meiner Person schon eine Entscheidung getroffen haben? Wird es mir gestattet sein, ebenfalls an dem Kongress teilnehmen zu dürfen? Ich möchte zu bedenken geben, dass ich ja nicht unerheblich in die Sache involviert bin.“
„Nun, Herr Dr. Friesgart“, Barters spielte mit dem Kugelschreiber zwischen seinen Fingern herum und klopfte dann damit leicht auf die Schreibtischplatte. „Noch habe ich keine Entscheidung getroffen. Zu gegebener Zeit werde ich sie aber über meinen Entschluss unterrichten.“ Er nickte seinem Assistenten noch einmal aufmunternd zu und widmete sich dann den von Kestel unterschriebenen Papieren.
Dr. Friesgart und Tobias Kestel verließen leise den Raum und schlossen ebenso leise die Tür hinter sich.
Dr. Barters hatte in der Tat schon darüber nachgedacht, seinen Assistenten zu den Kongressen mitzunehmen. Doch bisher war er zu keinem Entschluss gelangt. Einerseits würde ihn die Anwesenheit Dr. Friesgarts davon entlasten, Tobias Kestel ständig um sich zu haben, andererseits aber bedeutete die Anwesenheit des Kollegen auch eine Menge Mehrkosten. Hotelzimmer, Essen und - wenn sie nicht gerade mit seinem Auto fahren konnten - auch noch Reisekosten. Dass Friesgart nicht mit einer Vergütung irgendwelcher Höhe rechnen dürfte, hatte Dr. Barters ihm schon frühzeitig klargemacht.
Er nahm ein leeres Blatt zur Hand. Diese Entscheidung würde er auf klassische Art und Weise lösen, indem er alle Vor- und Nachteile akribisch notieren würde. Mit dem Kugelschreiber zog er eine senkrechte Linie in der Mitte der Seite. Dann notierte er links ‚Vorteile‘ und rechts ‚Nachteile‘.
Fünfzehn Minuten später stand auf der linken Blattseite lediglich ‚Kestel betreuen‘ und dahinter auch noch ein dickes Fragezeichen, denn Tobias Kestel könnte doch auch ohne Aufsicht bleiben. Er war ja schließlich kein Patient von ihm mehr, sondern ein freier Mann. Aber Friesgart hatte ihm bisher immer ohne zu zögern und ohne dumme Fragen zu stellen zur Seite gestanden. Und damit das auch so bliebe, musste er ihm hin und wieder schon ein kleines Bonbon zuwerfen. Eine Belohnung für die geleisteten Dienste. Barters schrieb auf der ‚Vorteilen‘ Seite ‚Belohnung an Friesgart‘ hin. Der Mann war nur ein mittelmäßiger Arzt - nein, nicht mittelmäßig, überlegte Barters, Friesgart war schlechter als mittelmäßig - aber dafür ein loyaler Mitarbeiter. Nicht so, wie dieser junge Schnösel Gelsmann.
Der Gedanke an seine Bewertung der Leistungen Dr. Friesgart wanderte in seinem Gehirn hin und her und bot ihm schließlich die Lösung seines Problems: Was Dr. Friesgart brauchte, das waren Lehrgänge. Eine Erweiterung seines Wissens. Und was käme da besser in Frage, als der Besuch von Fachkongressen? Natürlich auf Kosten der Klinik, denn hier ging es ja um die Weiterbildung eines Arztes mit unbestreitbarem Nutzen für die Psychiatrie. Er, als Vorgesetzter seines Assistenten, müsste lediglich den oder die Anträge entsprechend formulieren. Wer sollte dem jungen Arzt dann eigentlich die so dringend erforderlichen Fortbildungen verwehren? Dr. Barters machte sich auf seinem Zettel ein paar Notizen und rieb sich vergnügt die Hände.
Dr. Friesgart lehnte sich in dem bequemen Bürosessel zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Sein Blick schweifte durch das große Büro. Hier war alles nur vom Feinsten, Dr. Barters hatte sich bei der Einrichtung nicht lumpen lassen. Aber das zahlte ja ohnehin alles die Klinik. Eines Tages würde er, Dr. Friesgart, hier auf diesem Sessel sitzen. Und zwar nicht nur, wenn der Chef in Urlaub war oder wie jetzt das Wochenende zu Hause genoss. Er warf einen kurzen Blick auf die Wanduhr. Noch blieb ihm ein wenig Zeit, bis er mit diesem Tobias Kestel zu dessen neuer Wohnung fahren musste. Der Mann ging ihm gehörig auf die Nerven und Friesgart graute schon vor den kommenden Tagen, wenn er den Aufpasser spielen sollte. Aber auch die Zeit würde vergehen und sein Ziel waren dieser Chefsessel und dieses Büro. Was bedeuteten da schon einige Tage, die er mit diesem Kestel verbringen musste?
Aber zunächst beschäftigte ihn hauptsächlich die Frage, ob Barters ihn nun zu den Kongressen mitnehmen würde, oder nicht. Vorsichtig, um ja nichts auf dem Schreibtisch zu verändern, blätterte er in dem Terminkalender. Die ersten Kongresstermine waren schon eingetragen, jedoch fehlte irgendein Hinweis darauf, ob er dabei sein würde. Er blätterte wieder zurück und sorgte dafür, dass der Kalender wieder exakt wie zuvor dalag. Dr. Friesgart zog an der obersten Schreibtischschublade, die bewegte sich allerdings keinen Millimeter. Abgeschlossen. Auch die anderen Schubladen ließen sich nicht öffnen. Friesgart seufzte laut auf. Hier würde er nicht weiterkommen. Dann fiel sein Blick auf Tobias Kestels Unterlagen. Lustlos blätterte er sie durch, ohne Hoffnung etwas Relevantes zu finden. Doch diesmal war ihm das Glück holt. Unter den Seiten fand er Barters handgeschriebenen Zettel mit den zwei Spalten. Friesgart grinste. Hatte der Alte sich ja doch schon Gedanken gemacht! Allerdings befanden sich unter der Überschrift ‚Nachteile‘ mehrere Eintragungen, wogegen bei ‚Vorteilen‘ nur der durchgestrichene Satz stand.
Und dann entdeckte Dr. Friesgart die Notiz, ihn auf Klinikkosten zu den Kongressen mitzunehmen. Barters hatte sogar ein Wort mehrere Male unterstrichen und mit drei Ausrufezeichen versehen: ‚Fahrtkostenerstattung!!!‘. Der alte Fuchs wollte sich offensichtlich einen Teil der Kosten von der Klinik zurückholen.
Dr. Friesgart war es egal. Hauptsache er konnte dabei sein! So ein Kongress ließ sich immer mit einem netten Kurzurlaub verbinden, wenn man es verstand, die Situation auszunutzen. Mit ein wenig Geschick fiel es niemanden auf, wenn er diese uninteressanten Vorträge schwänzen und anderen Interessen nachgehen würde. Er musste lediglich zusehen, nicht zu weit vorne zu sitzen. Und wer wusste denn schon, welche Gelegenheiten sich noch ergeben würden? Da waren die Kolleginnen nicht besser als die Männer: Kaum von zu Hause fort und ohne störenden Anhang suchten auch sie amouröse Abenteuer.
Und dieser Tobias Kestel würde schon auf sich selbst aufpassen können. Schließlich war der Mann geheilt, was sollte also schon passieren?
Ein Blick auf die Uhr sagte Dr. Friesgart, dass er schon seit zehn Minuten bei Kestel sein sollte. Hastig, aber sorgfältig, legte er die Papiere wieder auf den Schreibtisch. Nichts würde Dr. Barters verraten, dass er hier gewesen war. Dann erhob er sich wohlgelaunt und begab sich zu Tobias Kestel.
„Herr Doktor, ich dachte schon, sie hätten mich vergessen“, begrüßte ihn Tobias Kestel, der fertig angezogen neben einem kleinen Koffer stand. Friesgart konnte sich gut vorstellen, dass der Mann ungeduldig auf ihn gewartet hatte.
„Keine Sorge, ich habe sie nicht vergessen. Ich musste nur noch ein paar dringende Dinge erledigen. Sind sie fertig, können wir gehen?“
„Ja, Herr Doktor.“ Kestel nahm seinen Koffer auf und folgte dem Arzt durch die Klinikgänge in die Freiheit.
Dr. Friesgart beobachtete den Mann auf dem Beifahrersitz aus den Augenwinkeln. Sie hatten ihr Ziel, Tobias Kestels kleine Wohnung, fast erreicht und fuhren in langsamem Tempo gerade an einem Kinderspielplatz vorbei, auf dem zahlreiche Jungen und Mädchen ausgelassen tobten. Doch Kestel schien sich für das Treiben dort nicht zu interessieren. Er blickte stoisch durch die Windschutzscheibe und sein Gesicht zeigte keine Regung. ‚Prima‘, dachte Friesgart, ‚das kann doch nur ein positives Zeichen sein‘. Sie brauchten für die kurze Strecke von der Klinik nach Köln Chorweiler wegen des Verkehrs nahezu zwanzig Minuten und Kestel hatte während der Fahrt bisher noch kein Wort gesprochen. Aber das kannte Friesgart schon, ihr Patient war noch nie besonders gesprächig gewesen. Sie ließen den Spielplatz hinter sich und der Arzt bog in die Straße, in der Kestel ab heute wohnen würde, ab. Bei den Häusern handelte es sich um eine ganze Ansammlung von Hochhäusern, die auch schon bessere Zeiten erlebt hatten. Kestels Wohnung befand sich in der sechsten Etage, doch es gab zum Glück einen Aufzug. Die Gegend gehörte nicht zu einer der Bevorzugteren, wer hier wohnte konnte sich nichts anderes leisten oder lebte auf Staatskosten. Ein erster Eindruck, der sich auch bestätigt hatte, ließ Friesgart erkennen, dass hier vorwiegend Ausländer lebten. Oder Deutsche mit Migrationshintergrund, was für Friesgart aber dasselbe darstellte. Doch die Mietkosten waren nicht sehr hoch und Tobias Kestel würde sie aus seinen Einkünften im Altersheim bezahlen können.
Dr. Friesgart hatte Glück und er fand auf Anhieb einen Parkplatz. „So, da sind wir Herr Kestel“, bemerkte er überflüssigerweise, löste seinen Sicherheitsgurt und stieg aus dem Wagen. Ein paar Jugendliche spielten ein Stück weiter auf der Straße Fußball und nutzten eine Hauswand als Tor. Immer wenn der schwere Lederball gegen die Wand flog, gab es ein dumpfes Geräusch, das an das Schlagen einer Trommel erinnerte. Friesgart hoffte nur, dass sein Wagen nicht beschädigt oder zerkratzt wurde. Dies war keine Gegend, in der er sich wohlfühlte.
Tobias Kestel nahm sein Gepäck aus dem Kofferraum und wandte sich der Eingangstür zu. Sie besaßen beide einen Schlüssel zu dem Haus und der Wohnung. Sobald seine Aufgabe hier erfüllt sein würde, bekäme Kestel seinen Schlüssel ebenfalls. Damit wäre Friesgart die Bürde dieser Betreuung los. Der Arzt freute sich schon auf den Tag, wenn es soweit war.
Sie fuhren schweigend mit einem Aufzug, in dem es penetrant nach Urin stank, bis in die sechste Etage. Jedes Mal, wenn er hier gewesen war - ob mit Kestel zusammen oder alleine - hatte der Aufzug gestunken. Und jedes Mal wunderte Friesgart sich, unter welchen Bedingungen die Menschen leben konnten. Oder leben mussten.
Es begegnete ihnen niemand und mit weiterhin reglosem Gesichtsausdruck schloss Kestel die Wohnungstür auf. Sie traten in die Räume und der Arzt öffnete als erstes eines der Fenster im Wohnzimmer. Das monotone Klatschen des Balls gegen die Wand drang lautstark zu ihnen herauf. Doch die Luft in der Wohnung roch muffig und abgestanden, so dass er das Fenster nicht einfach wieder schließen konnte. Tobias Kestel hatte mittlerweile seine Jacke abgelegt und es sich auf einem Ohrensessel bequem gemacht. Sie waren übereingekommen, dass er Friesgart die Couch überlassen und mit dem Sessel vorliebnehmen würde, zumal der Arzt ja auch auf dieser Couch die Nächte zubringen musste. Kestel saß in seinem Sessel und starrte reglos die Wand an. So hatte er in der Klinik stundenlang, ja teilweise auch den ganzen Tag über, dagesessen und sich nur dann geregt, wenn er oder Dr. Barters ihm Fragen stellten. Friesgart führte diese Antriebslosigkeit auf die Opiumpflaster zurück, die Dr. Barters dem Patienten regelmäßig verabreichte. Einige der Wirkungen von Fentanyl waren neben einer euphorisierenden auch schmerzstillende und sedierende. Dr. Friesgart zuckte unbewusst mit den Schultern. Was soll’s, Kestel war schließlich Dr. Barters Patient und es war dessen Therapie.
Friesgart sehnte sich nach seiner Wohnung zurück, die selbstverständlich in einer wesentlich besseren Wohngegend lag und auch nicht so beengt war. Aber nicht jeder konnte sich vier Zimmer auf einhundertundzwanzig Quadratmetern leisten. Und wenn es mit seiner Karriere weiter aufwärts ging, dann würde er sich ein großes Haus auf einem großen Grundstück vor den Toren Kölns bauen. Einen Bungalow vielleicht. Ungefähr so, wie Dr. Barters.
Der Arzt ging in die Küche und befüllte die Kaffeemaschine. Es würden langweilige, lange Tage werden. Und Nächte, dessen war er sich bewusst.
Tobias Kestel blickte dem davonfahrenden Wagen hinterher. Dieser dämliche Dr. Friesgart hatte ihn das ganze Wochenende nicht aus den Augen gelassen. Doch das konnte Tobias Kestel ertragen. Alles konnte er ertragen, wenn es um seine Freiheit ging. Und eine kurze Zeit der Überwachung noch, dann war er diesen Aufpasser auch wieder los. So hatte Dr. Barters es ihm erklärt.
Auch so ein Idiot. Ein eingebildeter Schnösel, der nur dank des Geldes seines Vaters den Posten in der Klinik bekommen hatte. Durch Zufall hörte Tobias Kestel das Gespräch zwischen einem Arzt und einer Schwester mit und es entsprach in etwa seinen Einschätzungen, was er da vernahm. Diese angebliche Therapie war schlechthin ein Witz gewesen. Schon nach kurzer Zeit wurde Tobias klar, dass es diese unsäglichen Pflaster waren, die ihn so müde und antriebslos machten. Anfangs konnte er keinen klaren Gedanken fassen.
Dr. Barters klebte ihm die Pflaster - nein, er klebte nicht selbst, er ließ durch seinen Assistenten kleben - zunächst auf den Rücken. Die Stellen wechselten, um die Haut nicht zu sehr zu reizen, wie ihm Barters erklärte. Und das brachte Tobias Kestel auf eine Idee. Er rieb seinen Rücken so lange am Türrahmen, bis sich eine leichte Rötung zeigte. Dann beklagte er sich beim Arzt über eine allergische Reaktion. Nach einiger Zeit erreichte er, dass das Pflaster schließlich auf seiner Brust aufgeklebt wurde. Zwar rasierte ihm der Assistent Dr. Friesgart die Haare dort ab, doch das störte Tobias nicht. Jetzt war er in der Lage, das Pflaster selbst zu entfernen und nur wieder aufzukleben, wenn durch die Ärzte Kontrollen oder Wechsel stattfanden. Leider hielten die einmal entfernten Pflaster nur noch schlecht, doch Dr. Friesgart zuckte lediglich mit den Achseln und fixierte sie mit weiteren Klebepflastern. Die ewige Benommenheit und Antriebslosigkeit verschwanden nach und nach und auch das Denken fiel Tobias wieder leichter.
Und so weilten seine Gedanken schon seit einiger Zeit bei den Kindern, die er auf dem Spielplatz in der Nähe seiner neuen Wohnung gesehen hatte. Als wenn er nicht gemerkt hätte, wie Friesgart ihn beobachtete, als sie an den Kindern vorbeifuhren!
Kestel warf einen Blick auf die Armbanduhr. Es war noch ein wenig Zeit, bevor er sich bei dieser Schwester Rosi melden musste und er hatte nicht vor, dies auch nur eine Sekunde früher, als unbedingt erforderlich, zu tun. Wäre es nach ihm gegangen, dann hätte er wieder in einem Schlachthof zu arbeiten begonnen. Tobias Kestel sog die morgendliche Luft tief ein und vermeinte fast den metallischen Geruch des Blutes vom Schlachthof zu spüren. All die Jahre in der Klinik hatte er davon geträumt. Und von seinem ‚Atelier‘ in dem alten Bauernhof. Die Gedanken gaben ihm Mut und ließen die lange Gefangenschaft erträglicher werden. Und als dann dieser Dr. Barters ihm gegenüber von ‚Heilung‘ und einer möglichen Entlassung aus der Klinik gesprochen hatte, wurden Kestels Phantasien gewagter. Manchmal vermeinte er, die Stimmen und das Jammern der Kinder zu vernehmen und wohlige Schauer krochen über seinen Rücken.
Zunächst stand er den Aussagen Barters skeptisch gegenüber. Hatten ihn die Richter doch für den Rest seines Lebens in diese Klinik verbannt. Doch letztlich hielt der Arzt sein Wort und entließ ihn, den Patienten, in die Freiheit. Schließlich stand Tobias Kestel ja jetzt hier.
Es wurde Zeit, zu dieser Schwester Rosi zu gehen. Friesgart wollte ihn zunächst eigentlich bis auf die Station begleiten, doch Tobias konnte dem Arzt klarmachen, dass er lieber alleine dort hineingehen würde. Schließlich war er ein Mann von mittlerweile siebenundvierzig Jahren und kein kleines Kind mehr. Immerhin neun Jahre älter, als zu dem Zeitpunkt, da man ihn eingesperrt hatte. Aber immer noch in bester Verfassung. Gut, die Haare gingen ständig weiter zurück und in absehbarer Zeit dürfte er eine Glatze bekommen, doch sein Körper war immer noch schlank und einigermaßen fit.
Tobias Kestel stieg die Treppe im Gebäude hoch. Die Anmeldung gegenüber der Eingangstüre war nicht besetzt, aber er wusste ja, wohin er musste. Das Dienstzimmer lag im ersten Stock links im Gang, er würde es nicht verfehlen können. Er hätte den Raum auch mit verbundenen Augen gefunden, denn von dort schallte ihm eine Reibeisenstimme entgegen. Er konnte nicht genau verstehen, worum es ging, lediglich die Begriffe ‚dreckige Wäsche‘, ‚Boden‘ und ‚Schweinerei im Zimmer‘ verstand er. Dann brach das Geschrei plötzlich ab und eine junge Pflegerin mit Tränen in den Augen stürmte aus dem Dienstzimmer. Fast hätte sie ihn umgerannt und sprang erschrocken zur Seite. Sie entschuldigte sich leise und kaum verständlich, wobei sie den Blick fest auf den Boden gerichtet hielt.
Tobias klopfte an die offenstehende Tür und trat in den Raum. Eine dicke Frau, vielleicht um die fünfzig Jahre alt, mit einem verlebten Gesicht und eindeutig blond gefärbten, extrem kurzen Haaren, blickte ihn feindselig an.
„Zu wem wollen sie? So früh ist noch keine Besuchszeit, die Bewohner schlafen noch alle“, fuhr sie Tobias ohne irgendeine Begrüßung an.
Kestel blickte zu Boden und gab sich bescheiden: „Guten Morgen. Mein Name ist Tobias Kestel und ich soll mich bei Schwester Rosi melden.“
„Ach, du bist das! Sag das doch gleich. Ich bin die Rosi, das kommt von Roswitha. Wie sagt man zu dir? Tobi?“
Tobias hätte am liebsten geantwortet: ‚Herr Kestel‘, doch er schluckte die Antwort herunter und meinte stattdessen kleinlaut: „Tobias, einfach nur Tobias.“
„Na gut, Tobias“, krakeelte die Blonde mit ihrer unangenehmen Stimme. „Du musst allerdings hier etwas lauter sprechen. Die meisten Leute sind schwerhörig oder tragen Hörgeräte. Aber glaube mir, damit können die auch nicht besser hören. Oder sie wollen nicht, was aber auf das Gleiche hinauskommt.“
Sie watschelte zu einer Kaffeemaschine und goss sich einen Becher ein. Dann kramte sie ein Brötchen hervor und biss herzhaft hinein. „Die Arbeit für Hilfskräfte beginnt um sieben Uhr und endet um fünfzehn Uhr. Fünfundvierzig Minuten Pause, keine Raucherpausen zwischendurch. Oder du gehst dreimal fünfzehn Minuten, dann kannste rauchen. Aber nicht einfach abhauen, sondern mich vorher fragen“, nuschelte sie mit vollem Mund und nahm einen tiefen Schluck Kaffee. „Du warst im Knast, nicht?“
Tobias schüttelte den Kopf: „Nein, ich war in einer Klinik. Aber jetzt bin ich geheilt und entlassen.“
„Klinik?“ Rosi sah ihn fragend an. „Doch nicht etwa inner Klapse?“
„Psychiatrische Klinik. Ich bin - oder war - nicht verrückt.“
„Na hoffentlich. Psychos können wir hier nicht gebrauchen. Aber das war ja auch wieder irgend so eine ‚Unter-der-Hand-Sache‘ zwischen den Chefs. Na mir soll’s recht sein, wir können hier jede helfende Hand gebrauchen. Ich sage nur ‚Pflegenotstand‘. Den Job will ja kaum noch jemand machen und die Politik kümmert sich um nichts. Die versauen alles nur immer mehr, wenn du weißt was ich meine.“
Tobias nickte: „Ja.“
Doch Rosi schien gar keine Antwort erwartet zu haben, denn sie fuhr, ohne sich unterbrechen zu lassen, einfach fort: „Nur noch Ausländer, aber ich habe ja nichts gegen Ausländer. Polen, Russen, sogar Asiaten. Und kein Schwein spricht vernünftig Deutsch. Ist doch richtig schön, dann mal wieder einen Deutschen hier zu sehen. Wenn auch nur als Aushilfe.“ Sie trank erneut, verschluckte sich und hustete ausgiebig. Dann musterte sie Tobias eingehend. „Du bist doch Deutscher, oder? Nicht, dass ich was gegen Ausländer hätte, aber ...“
Tobias nickte erneut: „Ja.“
„Na umso besser. Dann verstehste wenigstens, was ich sage.“
Tobias hätte ihr am liebsten erklärt, dass er nicht alles verstanden hatte, als sie mit vollem Mund zu ihm sprach, doch er dachte an das junge Mädchen von eben und hütete sich davor, etwas Falsches zu sagen. Mit der Frau wollte er lieber keinen Ärger bekommen.
Wieder blickte sie ihn an und schüttelte leicht den Kopf: „In den Klamotten kannste aber hier nicht arbeiten. Da biste ein bisschen overdressed!“
Tobias sah an sich herunter. Er hatte heute Morgen extra einen dunkelblauen Anzug angezogen, um einen möglichst guten Eindruck zu machen. „Was muss ich denn hier tragen?“, fragte er.
„Normale Kleidung. Jeans, T-Shirt und feste Schuhe. Aber sauber müssen die Sachen sein. Für heute kannste aber in deinem Anzug hier rumrennen. Ich zeige dir gleich erst mal alles, dann bekommst du einen Eindruck von der Station und den Bewohnern. Und in die Pflege brauchst du ohnehin nicht. Und wenn doch, dann nur als Hilfe für eine Fachkraft. Aber das lernst du noch alles. Learning by doing, kapiert?“
Rosi stellte die Tasse neben die Kaffeemaschine und blickte auf ihre Uhr am Handgelenk. „So, Arbeitsbeginn“, stellte sie fest. „Für dich, ich muss immer etwas früher anfangen. Dann komm mal mit, Tobias Kechel!“
„Kestel, Tobias Kestel“, korrigierte er sie. Doch das hörte Rosi nicht mehr, da sie bereits auf dem Flur unterwegs war. Tobias hatte Mühe, sie wieder einzuholen.
„Du musst schon etwas zügiger gehen“, beschied sie ihm. „Wir haben keine Zeit zu vertrödeln, dafür gibt es zu viel Arbeit. Nicht rennen, aber zügig gehen.“ Sie zeigte auf eine Tür: „Hier ist die Toilette für die Angestellten. Dort drin gilt absolutes Rauchverbot! Wehe ich erwische jemanden, der dort raucht. Das wird mächtig Ärger geben.“
„Ich bin Nichtraucher“, erklärte Tobias und folgte Rosi in einen Raum, der unschwer als Küche zu erkennen war.
„Umso besser, das sind mir die liebsten. Das hier ist die Küche.“ Rosi kicherte. „Unschwer zu erkennen, was? Eine deiner Hauptaufgaben wird sein, bei der Zubereitung der Mahlzeiten zu helfen, Brote für die Bewohner zu schmieren, Kaffee zu kochen und dabei zu helfen, alles zu verteilen. Und hier herrscht absolutes Rauchverbot. Aber du bist ja Nichtraucher. Und es wird nichts gegessen. Wenn ich jemanden beim Essen erwische, dann gibt es Ärger. Mächtigen Ärger. Verstanden?“
Tobias nickte: „Ja.“
„Na hoffentlich. Dann komm weiter, ich zeige dir jetzt, wie du in den Keller gelangst. Dort hat der Hausmeister sein Büro und es kann durchaus sein, dass du ihm hin und wieder auch helfen musst. Wie steht es mit deinem handwerklichen Geschick? Kannst du so etwas? Ich meine, Sachen reparieren oder so?“
„Ja.“
„Gut.“ Schwester Rosi drückte den Rufknopf für den Aufzug, dessen Türen sich Sekunden später öffneten. Tobias ließ ihr den Vortritt, dann beeilte er sich in die kleine Kabine zu gelangen, bevor die Türen sich schlossen.
„Der Hausmeister ist diese Woche in Urlaub. Irgendeine Sache mit einer Tante. Aber ich kann dir ja schon mal zeigen, wo das Büro ist.“ Der Aufzug hielt und sie betraten einen schmalen, düsteren Gang. Hier unten roch es feucht und modrig. Und ein wenig nach Motorenöl oder etwas Ähnlichem. Tobias konnte nicht ganz ausmachen, was das war.
Rosi marschierte derweil zügig durch die Gänge und erklärte, was sich hinter den einzelnen Türen befand. Dabei beschränkte sie sich auf kürzeste Kommentare. „Hier ist die Wäschekammer, dort lagern Vorräte für die Pflege und da ist das Büro des Hausmeisters. Und weiter hinten befindet sich ein großer Raum mit Betten, Nachtstühlen und so weiter. Da lagern alle die Dinge, die wir nicht oben auf Station direkt brauchen.“
Sie schwenkte herum und ging wieder in Richtung Aufzug. „Du lernst jetzt noch den Frühstücksraum oben auf Station kennen und dann kannst du auch schon mit der Arbeit beginnen. Zunächst musst du dich um’s Frühstück kümmern. Aber das wird dir Schwester Mila alles noch erklären.“
Als sie in den Frühstücksraum kamen, saßen schon mehrere alte Leute an den Tischen. Die junge Frau, die Tobias fast umgerannt hatte, schenkte Kaffee aus und stellte Körbchen mit Brot und Brötchen auf die Tische.
„Mila, komm mal her“, befahl Rosi in einem Ton, der unmittelbaren Gehorsam forderte. Die Angesprochene ließ alles liegen und stehen und eilte zu ihnen. „Das hier ist Tobias Kechel“, erklärte sie und zeigte unnötigerweise auf Tobias. Er wird dir in der Küche helfen, also erkläre ihm, was er zu machen hat. Und trödelt nicht herum, es gibt viel zu tun.“ Rosi nickte Tobias noch einmal kurz zu, drehte sich um und verließ den Raum. Bei einigen der alten Leute machte sich Unmut breit, da Mila nicht weiter aufdeckte.
„Hallo Tobias“, meinte die junge Frau und hielt ihm die Hand hin. „Ich bin Milena Palasz, aber alle nennen mich nur Mila.“
„Geht’s hier bald weiter? Wir haben Hunger“, wurden sie unterbrochen und Mila wandte sich um: „Sofort. Ich habe auch nur zwei Hände.“
„Ja, um da herumzustehen und zu quatschen“, kam es gehässig zurück.
Mila zuckte mit den Schultern und sah Tobias an: „Weißt du, wo die Küche ist? Ich muss hier weitermachen.“ Als Tobias nickte, fuhr sie erleichtert fort: „Morgens ist hier immer Stress, weil jeder als Erster sein Essen bekommen möchte. Siehst du die Teller dort? Davon brauchen wir für jeden Tisch zwei. Wurst und Käse findest du im Kühlschrank. Meinst du, du kannst ein paar Teller fertigmachen und herbringen?“
Tobias nickte erneut: „Ja.“
„Gut, ich verteile hier kurz noch Brot, Tee, Kakao und Kaffee und dann komme ich auch in die Küche.“
Tobias nickte, prägte sich kurz ein, was an Wurst und Käse auf den schon fertigen Tellern war und ging in die Küche. Dort blickte er zunächst in die Schränke und den großen Kühlschrank, um sich einen Überblick zu verschaffen. Kurze Zeit später trat Mila zu ihm.
„Die Bewohner sind heute wieder furchtbar. Weißt du, ob wir vielleicht Vollmond haben?“, fragte sie, ohne wirklich eine Antwort zu verlangen. „Tobi, wir brauchen noch vier Teller. Kannst du sie schnell in den Frühstücksraum bringen?“
„Ja, mache ich. Aber nenne mich bitte nicht ‚Tobi‘. Ich hasse diese Kurzform. Tobias ist völlig okay.“
Mila sah ihn von der Seite an und nickte. „Ja gut, wenn du das so möchtest. Du warst in der Klapse, stimmt‘s?“
„Psychiatrische Klinik. Aber ich bin wieder vollständig geheilt, sagt mein behandelnder Arzt. Und der muss es ja schließlich wissen.“ Tobias stellte die Teller auf ein Tablet und verließ damit die Küche. Die Kleine ging ihm jetzt schon mächtig auf die Nerven mit ihrem Gequatsche. Und was ging das die Leute an, wo er gewesen war?
Die Stunden vergingen recht schnell, doch da die Arbeit für Tobias ungewohnt war und das ständige Herumlaufen schon bald schmerzende Füße verursachte, sehnte er den Feierabend herbei. Oft dachte er an seine Tätigkeit in der Schlachterei. Ob er - wenn Dr. Friesgart ihn nicht mehr so intensiv kontrollierte - den Job wechseln konnte? Es ging ja niemanden etwas an, wo er arbeitete, oder?
Dr. Friesgart erwartete ihn schon in seinem Wagen vor der Tür des Altenheims. „Na, wie geht es Ihnen, Herr Kestel?“, begrüßte er seinen ehemaligen Patienten jovial, als dieser sich in den Beifahrersitz fallen ließ.
„Gut, nur ein wenig müde. Das viele Laufen bin ich ja nicht mehr gewohnt.“
