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Der Beginn einer neuen Ära - ein neuer Jonathan Lärpers: Jonathan erhält den Auftrag, einen Politiker bei Verhandlungen im Oman zu schützen. Zusammen mit der wunderhübschen Akeno Duval absolviert er als Einsatzvorbereitung eine 'Ausbildung' in einem CIA Lager. Schon bald kommen die beiden sich näher und dank Akeno Duval ändert Jonathan sich vollkommen. Doch der Auftrag im Oman läuft nicht wie geplant und anstatt, dass die Verhandlungen in einem Hotel stattfinden, müssen die beiden Bodyguards plötzlich mit dem Politiker in die Wüste im Süden des Landes reisen. Als dort ihr Lager angegriffen wird, können sie nur mit Mühe und Not entkommen. Jonathan muss um seine gerade gewonnene Liebe und ihrer aller Leben fürchten, als man sie mit einer Kampfdrohne angreift. Eine wilde Verfolgungsjagd durch die Wüste folgt, die das Trio schließlich sogar nach Indien führt. Aber noch haben sie es nicht geschafft, noch sind die Verfolger nicht abgehängt. Die abenteuerliche Flucht geht weiter ...
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Seitenzahl: 626
Veröffentlichungsjahr: 2023
Jürgen Ruhr
Himmelfahrts - Kommando
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Inhaltsverzeichnis
Titel
-
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.
XVIII.
XIX.
XX.
XXI.
XXII.
XXIII.
XXIV.
XXV.
XXVI.
XXVII.
XXVIII.
XXIX.
Epilog
Über den Autor
Über den Autor
Impressum neobooks
Himmelfahrts-Kommando
Thriller
Buch 11 der JL Reihe
© by Jürgen H. Ruhr
Mönchengladbach
Bisher in der JL Reihe erschienene Titel (alle Bücher sind auch als Taschenbuch erhältlich):
(01) Kokain - Hotel
(02) Personen - Schutz
(03) Undercover - Auftrag
(04) Reise - Begleitung
(05) Gefahren - Abwehr
(06) Final - Tanz
(07) Austausch - Programm
(08) Spür - Nase
(09) Kaffee - Fahrt
(10) Feuerwehr-Challenge
-
Die Personen dieser Geschichte
sind frei erfunden.
Irgendwelche Bezüge
zu
irgendeiner Realität
wären rein zufällig!
„Verdammt“, rief ich und schlug mit meiner Faust auf das Lenkrad. „Verdammt!“
Auf dem Rücksitz fuhr Bingo erschrocken hoch und starrte mich entsetzt an. Soweit ein Malinois entsetzt starren kann.
„Das ist das erste Mal, dass diese sch... schöne Karre nicht anspringt“, erklärte ich meinem Freund und Partner entschuldigend. Der gab ein leises Grunzen von sich und sank zurück auf den Sitz.
Erneut drehte ich den Zündschlüssel meines postgelben Kia Venga, doch der Wagen gab lediglich ein Röcheln von sich. Ich rieb mir die Hände und pustete etwas warme Luft hinein. Ausgerechnet jetzt, mitten im Februar bei dieser lausigen Kälte musste mein ungeliebtes Fahrzeug den Geist aufgeben.
Mir lag eine ganze Reihe von Schimpfwörtern auf der Zunge, schwieg dann aber, als ich mich an Bingo erinnerte. In Gegenwart des Hundes mäßigte ich normalerweise meine Ausdrucksweise. Dann fiel mein Blick auf die Uhr und ich unterdrückte erneut einen saftigen Fluch.
Bernd - mein Chef und Freund - hatte mich am Freitag zum Dienstschluss noch einmal extra darauf hingewiesen, dass ich heute auch ja pünktlich in der Detektei erscheinen sollte.
Bernd Heisters führte eine Reihe von Krav Maga Sportstudios in verschiedenen Städten und hier in Mönchengladbach - Güdderath befand sich die Zentrale. Und neben den Aktivitäten im Kampfsport waren wir auch im Personenschutz tätig, ebenso wie er hier eine Detektei unterhielt. Das Gebäude konnte Bernd vor einiger Zeit günstig von einer insolventen Firma erstehen und die Detektei benutzten wir als offizielles Aushängeschild, um für den Oberstaatsanwalt Eberson Aufträge durchzuführen, die sich oftmals am Rand der Legalität befanden.
Neben den Aktivitäten für Oberstaatsanwalt Eberson bestand Bernd leider auch darauf, dass wir Detektivaufträge übernehmen sollten, die sich oftmals als Suche nach verschwundenen Hunden oder Überwachung von untreuen Ehemännern erwiesen. ‚Wir müssen auch unsere Brötchen verdienen‘, wusste mein Freund zu argumentieren und würgte damit jegliche Diskussion ab.
Allerdings schien mir, dass ich der Einzige war, der über den Sinn und Wert dieser ‚Detektivaufträge‘ nachdachte, denn meine beiden Kolleginnen Christine Weru und Birgit Zickler waren immer mit Feuereifer bei ihren Aufgaben.
Erneut warf ich einen Blick auf die Uhr. In wenigen Minuten sollte ich bei Bernd im Büro erscheinen, wobei er mir vermutlich von einem neuen Auftrag erzählen wollte. Seufzend startete ich einen weiteren Versuch, den Motor meines Wagens zum Leben zu erwecken.
Erneut verlief der Versuch negativ.
Seufzend kramte ich schließlich mit kalten Fingern mein Handy hervor und drückte die Kurzwahltaste, um Bernd anzurufen.
„Jonathan, gut dass du anrufst ...“, meldete sich mein Freund schon nach kurzem Klingeln. „Wo steckst du?“ Dann machte er eine kurze Pause und fügte hinzu: „Und einen guten Morgen wünsche ich dir.“
„Ich dir auch, Bernd“, erwiderte ich, obwohl dieser Februarmorgen alles andere als gut begann. „Ich sitze hier in diesem verd... Wagen, der ums Verrecken nicht anspringen will. Es tut mir leid, doch es wird wohl etwas später werden.“
„Das ist kein Problem, Jonathan“, erwiderte mein Freund leichthin. „Wir werden unser Treffen heute Morgen ohnehin verschieben müssen. Du kannst direkt in dein Büro in der Detektei fahren. Melde dich von dort, wenn du da bist.“
„Alles klar“, erklärte ich erleichtert, „weißt du, ich werde vermutlich den Absch...“ Am Piepsen im Telefon erkannte ich, dass Bernd schon wieder aufgelegt hatte.
„Na, dann werde ich mal den Abschleppdienst anrufen“, informierte ich meinen Partner auf dem Rücksitz, den das aber nicht sonderlich zu interessieren schien. Achselzuckend startete ich einen letzten Versuch, meinen Wagen anzulassen und diesmal hätte ich am liebsten laut gejubelt: Die Karre sprang doch tatsächlich an!
Keine zehn Minuten später parkte ich den Kia neben dem Eingang zu unserer Detektei. Bingo sprang aus dem Fahrzeug, kaum dass ich die Tür geöffnet hatte und hob am nächsten Baum sein Bein. „Nun komm schon“, rief ich dem Malinois zu. „Wir sind spät dran.“
Das Gebäude der Detektei gehörte einst einer Firma, die irgendwelche Dokumente digitalisiert hatte, was aber offensichtlich nicht zu deren Überleben reichte. Jetzt befanden sich dort Christines, Birgits und mein Büro, sowie ein mit allen Schikanen ausgerüsteter Schulungsraum, den wir in ‚Planungsraum‘ umbenannt hatten. Schulungen fanden dort schon lange nicht mehr statt.
Überraschenderweise war die Eingangstüre des Gebäudes nicht abgeschlossen, aber vermutlich befand sich Christine schon in ihrem Büro. Birgit kam in der Regel immer etwas später zur Arbeit und als ich sie einmal darauf ansprach, antwortete sie mir lediglich mit dem erhobenen Mittelfinger. Seit die Kleine mit den bunten Haaren und der flippigen Kleidung einen Lehrgang beim Mossad absolviert hatte, war sie ziemlich schräg drauf und ich unterließ es lieber, sie ein zweites Mal auf ihr Zuspätkommen anzusprechen.
Bingo begab sich schnurstracks in mein Büro und kuschelte sich dort in sein Hundekörbchen. Träge beobachtete er, wie ich meine Jacke ablegte. Dann machte ich mich erst einmal auf den Weg zu der kleinen Kaffeeküche. Auch wollte ich Christine - oder Birgit, falls sie sich doch schon im Büro befand - einen guten Morgen wünschen.
Aber beide Büros waren leer, lediglich aus dem Planungsraum hörte ich leise Stimmen. Gab es hier ein Meeting, von dem ich nichts wusste? Die Tür stand einen Spalt offen und gerade, als ich anklopfen wollte, vernahm ich eine mir unbekannte, weibliche Stimme. Ich hielt den Atem an und lauschte angestrengt.
„Bernd, ich bin verzweifelt. Du weißt, dass ich dich nicht um Hilfe bitten würde, wenn es nicht unbedingt erforderlich wäre ...“
„Das weiß ich, Chantal. Aber was du mir da erzählst, klingt ein wenig ... merkwürdig. Ist dir denn nie in den Sinn gekommen, dass die Sache eine Nummer zu groß für dich sein könnte?“
„Es ist ein einfacher Job, Bernd. Personenschutz, mehr nicht. Und das Land ist sicher. Außerdem habe ich Rückendeckung vom BND und von der CIA.“ Die Stimme der Frau wurde eine Spur kleinlauter, als sie hinzufügte: „Außerdem ... Es geht um die Existenz der Detektei. Wir brauchen diesen Auftrag, sonst kann ich den Laden dichtmachen.“ Die Frau seufzte vernehmlich. „Ich werde dich auch bezahlen. Den üblichen Tarif. Plus Auslandszuschläge. Du verfügst doch über genügend Leute, Bernd. Nur einen Mann, mehr brauche ich nicht. Komm, lass mich nicht hängen. Du hast doch meinen Vater gekannt, hättest du ihn hängen lassen?“
„Dein Vater hätte solch einen Job nie angenommen“, knurrte Bernd. „Ihm wäre bewusst gewesen, dass die Sache für eine kleine Detektei ohne Erfahrung im Personenschutz zu brisant ist.“
„Deswegen würde doch jemand mit Erfahrung meine Mitarbeiterin perfekt ergänzen. Bernd, ich kann das Mädel nicht alleine dahin schicken.“
Wieder knurrte Bernd leise. „Ja, eine Mitarbeiterin, die keinerlei Erfahrung in solchen Dingen hat, wie du eben sagtest. Personenschutz ist nie ungefährlich. Und schon gar nicht, wenn es um den von dir geschilderten Fall geht. Blas die Sache ab, du riskierst nur das Leben deiner Leute.“
„Das kann ich nicht. Wenn ich jetzt aussteige, dann bin ich gezwungen, eine hohe Konventionalstrafe zu zahlen.“ Die Frau seufzte erneut und sie klang weinerlich, als sie jetzt weitersprach: „Das wäre mein Ruin. Und das Lebenswerk meines Vaters zerstört! Außerdem ist das Land sicher. Im Grunde kann nichts passieren. Und jemand mit eurer Erfahrung wird schon alle Hürden meistern - sagt man doch so, oder?“
Bernd klang sehr ernst und sprach langsam, als er jetzt erwiderte: „Chantal, hör mir zu. Die Detektei deines Vaters beruhte nur auf seiner Person. Mit seinem Tod ist auch die Detektei Sorgmann gestorben. Er hat immer alles alleine gemacht, sämtliche Aufträge und dabei handelte es sich doch hauptsächlich um Observierungen oder die Suche nach verschwundenen Personen oder Haustieren. Friedrich kannte seine Grenzen genau. Und du wirst leicht einen anderen Job finden.“
„Die Detektei heißt jetzt ‚Friedrich Sorgmann Erben‘ und ich werde sie nicht so leicht aufgeben und mir irgendeinen x-beliebigen Job suchen“, erklärte die Frau trotzig. „Wenn du mir nicht helfen willst, dann finde ich schon jemanden, der einspringen wird.“ Es folgte eine kurze Pause und ich vermeinte, so etwas wie ein Schluchzen zu vernehmen. „Bernd, die Zeit ist knapp - zu knapp, um jemanden zu finden, der ausreichend qualifiziert ist - und meine Angestellte hat bisher ihre Zeit hauptsächlich hinter dem Computer verbracht. Eine wirklich fähige Person, wenn es um Computer und Internet geht. Wir haben auch einige Erfolge aufzuweisen.“
„Ich weiß, davon habe ich erfahren. Es ging um Industriespionage, nicht wahr?“
„Genau. Und unsere Detektei hat den Fall aufgeklärt, an dem sich zahlreiche ‚Spezialisten‘ die Zähne ausgebissen hatten.“
„Nur, dass Industriespionage oder das Internet ganz andere Kategorien als der Personenschutz sind. Wenn deine Leute keine Felderfahrung haben, sind sie da draußen hoffnungslos verloren. Hat deine Mitarbeiterin überhaupt Kenntnisse von Waffen?“
Die Frau druckste ein wenig herum, dann gestand sie: „Wenig. Also ... eigentlich keine. Aber der BND hat mir zugesagt, dass meine Leute eine Ausbildung von Spezialisten der CIA bekommen. Komm, Bernd, lass mich nicht hängen!“
In diesem Moment stürmte Bingo an mir vorbei und lief direkt in den Planungsraum. Die Frau kreischte erschrocken auf, doch Bernd lachte beruhigend. „Das ist Bingo, der Hund von Jonathan Lärpers. Seit einiger Zeit sind die zwei ein unzertrennliches Paar. Vermutlich hat Jonathan seinen Wagen doch schneller wieder zum Laufen gebracht, als gedacht.“
Da es keinen Sinn machte, noch länger auf dem Flur zu stehen, klopfte ich an die Tür des Planungsraums und trat ein. Bernd und eine Frau in einem dunkelblauen Hosenanzug schauten mich abwartend an, wobei mein Freund vor Bingo kniete und dem Malinois hingebungsvoll den Bauch streichelte. Ich hörte Bingo leise wohlig grunzen.
„Morgen Bernd.“ Dann ging ich auf die Frau mit den schulterlangen, braunen Haaren zu, nahm ihre Hand und drückte - ganz nach Kavaliersmanier - einen kräftigen Kuss darauf. „Guten Morgen“, lächelte ich sie an, während die Frau sich so ganz undamenhaft die Hand an ihrer Hose abwischte.
Bernd hatte sich inzwischen erhoben. „Darf ich dir Jonathan Lärpers vorstellen? Jonathan ist ein langjähriger Mitarbeiter und Freund von mir.“ Dann sah er mich an. „Und das ist Chantal Sorgmann von der Detektei Sorgmann aus Düsseldorf.“
„Detektei Friedrich Sorgmann Erben“, korrigierte ihn die schlanke Frau. Aber Düsseldorf stimmt.“ Dann taxierte sie mich ungeniert. Lächelnd meinte sie schließlich: „Herr Lärpers, Jonathan Lärpers? Arbeiten sie auch als Personenschützer?“
Ich nickte und zeigte ihr mein schönstes Lächeln. „Personenschützer, Bodyguard, Detektiv, Kam...“
Leider unterbrach mich Bernd an dieser Stelle. „Und so weiter und so weiter. Das ist aber noch lange kein Grund so dämlich zu grinsen, Jonathan. Es wäre nett, wenn du kurz in deinem Büro warten würdest, ich habe noch etwas mit Frau Sorgmann zu besprechen.“
Ich nickte der Frau zu und wandte mich ab. „Es war nett, sie kennengelernt zu haben“, verabschiedete ich mich und wollte den Raum verlassen, als die Braunhaarige mich zurückhielt.
„Bitte warten sie, Herr Lärpers.“ Dann sah sie Bernd an: „Bernd, was ist mit Herrn Lärpers? Er ist Personenschützer und versteht sich mit Sicherheit auch auf die Handhabung von Waffen. Er wäre doch der ideale Mann für den Job.“
Bernd schüttelte den Kopf. „Jonathan - also Herr Lärpers - ist leider unabkömmlich. Er wird heute eine vierzehntägige Vertretung für den Kaufhausdetektiv bei Jümmermann und Schenke antreten müssen. Es tut mir leid, Chantal.“
Ich blieb neben der Tür stehen. ‚Jümmermann und Schenke‘ sagte mir nichts, doch eine vierzehntägige Aufgabe als Kaufhausdetektiv hörte sich glatt nach einer Strafversetzung an. Gab es denn auf der Erde einen noch langweiligeren Job? Vermutlich nicht.
Gerade, als ich mich wieder in Bewegung setzen wollte, hörte ich Frau Sorgmann sagen: „Kann das nicht jemand anderes übernehmen, Bernd?“
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie Bernd die Hand auf den Arm legte. „Ich mache dir einen Vorschlag: Ich übernehme diesen Kaufhaus - Job. Kostenlos. Dann verdienst du doppelt. Einmal von mir für die Dienste deines Mitarbeiters und das Geld vom Kaufhaus. Komm Bernd, so einen Kaufhausdetektiv kann ich auch mimen. Das kann doch jeder Idiot.“
Wo sie Recht hatte, da hatte sie Recht. Doch das behielt ich für mich.
„Hmm“, brummte mein Chef und Freund und ich sah, dass er angestrengt überlegte. „Dir muss ja wirklich daran gelegen sein. Du hast doch noch nie als Detektiv gearbeitet, oder Chantal?“
„Nein, das nicht. Aber was kann da schon so schwer sein? Und ... du hättest bei mir wirklich etwas gut.“
„Ich könnte Christine für den Kaufhausjob einteilen“, überlegte Bernd laut. „Trotzdem gefällt mir die ganze Sache nicht. Es ist zu kurzfristig. Wir hätten kaum Zeit, uns vorzubereiten und ich hasse es, meine Mitarbeiter ins Ungewisse laufen zu lassen.“
Jetzt war es an mir, für mich selbst in die Bresche zu springen. Alles lieber als ein langweiliger Kaufhausjob. „Ich würde jede Sekunde nutzen, um mich vorzubereiten, Bernd. Außerdem ist das Land sicher ...“ Erschrocken hielt ich inne.
Doch mein Freund folgerte messerscharf: „Du hast gelauscht, Jonathan!“ Dann lächelte er mich an. „Um welches ‚sichere‘ Land geht es denn?“
Ich schüttelte den Kopf. „Das habe ich nicht mitbekommen. Nur, dass das Land sicher ist.“
Bernd lächelte mich an: „Oman, Jonathan, Oman.“
„Oh-Mann?“
„Es handelt sich um einen Einsatz im Oman“, erklärte mein Freund und blickte weiter lächelnd in mein ratloses Gesicht. „Aber du hast keine Ahnung, wovon ich rede, richtig?“
„Wenn das Oh-Mann sicher ist ...“, gab ich lasch von mir und überlegte, wo ein Land mit dem malerischen Namen ‚Oh-Mann‘ liegen würde. China vielleicht.
Bernd unterbrach meine Gedanken: „Oman, Jonathan. Der Oman und weniger ‚Oh Mann‘, wie du es aussprichst. Der Oman - oder das Sultanat Oman - ist ein Land auf der Arabischen Halbinsel, direkt am Persischen Golf. Es liegt mehr oder weniger süd-östlich von Saudi - Arabien.“
„Aha“, machte ich und versuchte ein wissendes Gesicht aufzusetzen. „Jetzt, da du es sagst ...“
„Allerdings wäre es schon hilfreich, wenn du zumindest ein wenig der englischen Sprache mächtig wärst“, fügte Bernd hinzu und sah mich streng an. „Und da hapert es doch bei dir, oder nicht?“
Ich fühlte mich etwas gekränkt, denn immerhin prangte in meinem Büro das Diplom der Volkshochschule an der Wand. Ich sah Frau Sorgmann entschuldigend an. „Dat is kein Problem for me, I have English learned with the Volkshighschuul.“
Chantal Sorgmann schüttelte leicht den Kopf und blickte an mir vorbei auf Bernd: „Die Delegation bekommt in Maskat einen Dolmetscher, der sowohl Englisch, als auch Arabisch spricht. Eventuell sogar Deutsch. Der Mann wird auch als Fahrer der Gruppe fungieren. Die Verständigung dürfte also kein Problem darstellen. Außerdem spricht meine Mitarbeiterin mehrere Sprachen. Und ...“, sie machte eine kurze Pause und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, „... ich finde, so schlecht ist doch Herrn Lärpers Englisch gar nicht.“
Bernd hob die Arme und wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment klopfte es an die Tür und Chrissi trat ein. Christine Weru, von allen kurz ‚Chrissi‘ genannt, kannte ich schon eine kleine Ewigkeit. Die schlanke, hübsche Frau mit den dunkelbraunen Haaren hatte einst bei mir in meiner eigenen Detektei als Sekretärin gearbeitet. Die kurze Zeit meiner Selbständigkeit endete allerdings abrupt, als ein paar Chinesen kurzerhand mein Büro mitsamt dem kompletten Haus in der Rheydter Innenstadt abfackelten. Kurze Zeit später begannen Chrissi und ich als Mitarbeiter bei Bernd.
„Guten Morgen allerseits“, begrüßte sie uns. „Habe ich etwas verpasst? Ich wusste nicht, dass heute Morgen ein Meeting stattfinden sollte.“ Sobald Bingo ihre Stimme hörte, stürmte er auch schon auf Chrissi zu und ließ sich von ihr streicheln. Ich beobachtete, wie der Malinois sich wohlig auf dem Rücken wälzte, während Christine seinen Bauch kraulte und ich beschloss, im nächsten Leben auch als Hund zur Welt zu kommen.
„Morgen Christine“, grüßte Bernd lächelnd. Frau Sorgmann sah meine Kollegin abschätzend an und nickte ihr dann zu. Bernd schüttelte den Kopf. „Nein, hier findet kein Meeting statt. Aber ich würde gerne mit dir in deinem Büro sprechen.“
„Morgen Chrissi“, schloss ich mich an und überlegte, was Bernd mit ihr so Wichtiges zu besprechen hatte, dass er dies in ihrem Büro durchführen wollte. Aber vielleicht sollte nur Chantal Sorgmann nichts von dem Gespräch mitbekommen.
„Natürlich“, antwortete Christine und drehte sich zur Tür. „Soll ich uns einen Kaffee kochen?“
Bernd schüttelte erneut den Kopf. „Das ist nicht notwendig. Die Zeit ist ohnehin sehr knapp. Komm, gehen wir direkt in dein Büro.“ Er wandte sich an Frau Sorgmann und mich: „Ich bin gleich wieder da, dann setzen wir unser Gespräch fort. Vielleicht kannst du uns einen Kaffee kochen, Jonathan? Und bringe Chrissi einen Becher in ihr Büro.“
Ich nickte. Zum Kaffeekochen war ich gut genug. „Sicher Bernd, alles was du wünschst.“
Bernd und Christine verließen den Planungsraum und ich sah Chantal Sorgmann fragend an. „Trinken sie auch einen Kaffee mit?“
„Gerne. Schwarz, ohne Milch und Zucker.“
Bevor ich ebenfalls den Raum verließ, wandte ich mich noch einmal an die Frau: „Frau Sorgmann, würden sie mir verraten, worum es bei dieser Sache in Oh-Ma... Oman geht?“
„Gerne, wenn ich es dürfte. Aber so viel kann ich ihnen verraten: Es geht lediglich darum, eine Person bei einer Aufgabe im Oman zu beschützen. Nähere Details kann ich allerdings erst verraten, wenn ich sicher sein kann, dass sie mit von der Partie sind.“ Sie überlegte einen Moment und fügte dann hinzu: „Naja - und dass BND und CIA in die Sache involviert sind. Mehr konnte und durfte ich aber auch Bernd - also Herrn Heisters - nicht verraten. Ich bin eigentlich nur zu ihm gekommen, weil sich mein Mitarbeiter, der ursprünglich für den Auftrag vorgesehen war, ein Bein gebrochen hat und nun für einige Zeit ausfällt. Aber - wie gesagt - Näheres werden sie gegebenenfalls noch erfahren.“ Sie seufzte und hob beide Hände. „Ich hoffe, Bernd wird mich nicht hängenlassen.“
„Ja, das hoffe ich auch“, meinte ich mitfühlend, dachte aber eher daran, diesen langweiligen Kaufhausjob nicht antreten zu müssen. „Ich gehe dann mal Kaffee kochen.“
Nachdem ich die Kaffeemaschine befüllt und angestellt hatte, trat ich leise auf den Flur und näherte mich Chrissis Büro. Leider war die Tür geschlossen, so dass ich nichts hören konnte und selbst, als ich mein Ohr an die Tür legte, war lediglich undeutliches Stimmgemurmel zu vernehmen. Achselzuckend ging ich wieder in die kleine Kaffeeküche und füllte einen Becher für Christine auf.
Dann klopfte ich leise an ihre Tür und betrat sofort das Büro. Bernd und Christine unterhielten sich intensiv und im ersten Moment bemerkten sie mich nicht.
„Du weißt, wie viel mir an der Sache gelegen ist, Bernd“, hörte ich Chrissi sagen. „Das können wir jetzt nicht so einfach absagen.“
„Werden wir auch nicht“, antwortete Bernd ernst. „Jonathan könnte die Aufgabe übernehmen. Zumindest so lange, bis diese Sache für Frau Sorgmann aktuell wird.“
„Jonathan?“ Christine schüttelte sich, dann fiel ihr Blick auf mich. „Wenn man vom Teufel spricht ...“
„D... dein Kaffee. Bernd meinte, ich sollte dir einen Becher bringen.“
„Ja, das ist aber nett. Nur warum schleichst du dich hier so hinein? Noch nie etwas von ‚anklopfen‘ gehört?“
„Ich habe geklopft“, erklärte ich. „Ihr wart aber so ins Gespräch vertieft, dass es wohl nicht gehört wurde. Hier.“ Ich stellte den Becher vor sie hin. „Dann will ich euch mal wieder alleine lassen ...“
„Nein, nein, Jonathan. Bleib ruhig hier.“ Bernd winke mich zu sich heran. „Ich bin geneigt, Chantals Wunsch nachzugeben, auch wenn ich diesen ‚Personenschutzauftrag‘ für ziemlich bedenklich halte. Sofern man das bei den kargen Informationen, die sie mir gegeben hat, beurteilen kann. Wenn Frau Sorgmann die Sache allerdings durchziehen will, dann wäre es natürlich sinnvoll, jemanden mit Erfahrung einzubringen. Und Chantals Vater war ein guter Freund von mir.“
„Also habe ich den Job?“, fragte ich erleichtert. Alles, bloß nicht Kaufhausdetektiv spielen müssen.
„Langsam, Jonathan“, wies Bernd mich zurecht. „Da ist nämlich noch Christines Aufgabe, die sie ab morgen wahrnehmen soll. Die Sache müsstest du so lange übernehmen, bis Frau Sorgmann dich braucht. Das besprechen wir aber gleich noch mit ihr. Ich muss wissen, ob du mit diesem ‚Tausch‘ einverstanden bist?“
„Und wer führt die Sache weiter durch, wenn Jonathan nicht mehr da ist?“, mischte sich Christine ein.
Bernd nickte: „Dozer. Der versteht sich sehr gut mit Kindern. Und so lange Dozer abwesend ist, werde ich das Training der Kampfkurse übernehmen.“
Dozer, mit bürgerlichem Namen Thomas Friedlich, war ein einen Meter achtzig großes Kraftpaket von mindestens einhundertfünfzig Kilogramm Lebendgewicht. Bernd hatte ihn einst von der Schule für Personenschutz in Rendsburg abwerben können. Aber nur, weil ‚Dozer‘ an Christine einen Narren gefressen hatte. Die beiden wurden noch im Lehrgang beste Freunde, nachdem Chrissi ihn beim Kampftraining schmerzhaft auf die Matte geschickt hatte. Jetzt war Dozer für das Kampftraining im Krav Maga Studio verantwortlich.
„Äh, was für eine Aufgabe ist das denn, die ich da übernehmen soll?“, fragte ich vorsichtig nach. Aber vielleicht hatte ich ja auch ein wenig Glück und Frau Sorgmann würde mich direkt ab morgen benötigen ...
Chrissi reichte Bernd eine Akte, die er mir hinhielt: „Christine hat ein Programm zur Drogenprävention entwickelt, dass sie in verschiedenen Schulklassen vorstellen wird. Es geht darum, die Kinder und Jugendlichen aufzuklären und ihnen zu zeigen, wie Drogendealer vorgehen, um neue Kunden zu finden. Hier, darin stehen alle Informationen. Du müsstest dich bis morgen damit vertraut machen, der erste Termin ist an einer Gesamtschule in Rheydt um zehn Uhr. Punkt neun Uhr findet zunächst ein Gespräch mit dem Schulleiter statt, danach geht es in die Klasse.“
„Drogenpräsentation?“, fragte ich und es klang sicherlich nicht besonders begeistert. „Und dann auch noch bei Kindern oder Jugendlichen?“ Ob Dozer nicht lieber die Sache von Anfang an übernehmen sollte? Doch die Frage verkniff ich mir.
„Ja, natürlich bei Kindern“, antwortete Bernd. „Bei wem würdest du denn mit der Aufklärungsarbeit anfangen? Bei Rentnern im Altenheim? Aber es geht nicht um ‚Drogenpräsentation‘, sondern um Drogenprävention. Das ist ein gravierender Unterschied, Jonathan.“
„Ich wusste, dass es keine gute Idee ist, Jonathan zu fragen“, stichelte Christine und sah mich lauernd an. „Vielleicht sollten wir die ganze Sache einfach vergessen und wir machen unsere Jobs wie geplant.“
„Nein, nein. Ich finde Drogenprävention bei Kindern schon wichtig“, beschwichtigte ich. „Man kann nie früh genug vor Zigaretten und Bier warnen.“
„Lies dir die Unterlagen durch, Jonathan. Es geht dabei um ein wenig mehr, als Bier und Zigaretten. Schaffst du das bis morgen?“ Bernd tippte mit dem Zeigefinger auf die Mappe, die mir ziemlich dick erschien.
„Kein Problem“, erklärte ich mit einem anzüglichen Grinsen und fügte einen lustigen Scherz an: „Ich habe schon mit Drogen gedealt, da habt ihr noch in die Windeln gepupert ...“
„Oh mein Gott“, entfuhr es Christine. „Bernd, lass uns die ganze Sache doch einfach vergessen!“
„Jonathan wird das schon schaffen, nicht wahr Jonathan?“
Ich nickte voller Überzeugung. Hoffentlich brauchte mich Frau Sorgmann direkt, am besten schon morgen früh.
Na ja, am späten Vormittag vielleicht ...
„Also sind wir uns einig?“, fragte Bernd und sah Christine dabei forschend an.
„Ja“, antwortete die, „auch wenn ich dabei kein gutes Gefühl habe. Was ist mit der Kaufhaussache? Gibt es Unterlagen dazu?“
Bernd nickte. „Die kann ich dir direkt geben. Ich habe sie im Planungsraum. Du übernimmst die Schicht eines erkrankten Mitarbeiters als Aushilfe. An sich keine große Sache. Monitorüberwachung der Verkaufsräume, das Aufspüren von Ladendieben und so weiter. Ein an sich ruhiger Job.“
„Dann ist das doch eigentlich genau das Richtige für Jonathan“, stichelte Chrissi erneut und folgte uns in den Planungsraum.
Chantal Sorgmann saß inzwischen auf einem der Stühle und sah uns gespannt entgegen. Ich schleppte - nach einem kurzen Abstecher in die Kaffeeküche - ein Tablett mit Kaffeetassen und der Kanne herein und stellte alles auf den Tisch. Frau Sorgmann bediente sich umgehend und schüttete auch Bernd und mir Kaffee ein. Chrissi ließ sich die Akte ‚Kaufhaus Jümmermann und Schenke‘ geben, nickte uns kurz zu und verschwand in Richtung ihres Büros.
„Okay, Chantal. Du bekommst Herrn Lärpers für den Job. Unter einer Bedingung allerdings: Ich werde ständig informiert. Außerdem behalte ich mir vor, den Auftrag abzubrechen, falls es für meinen Mitarbeiter zu gefährlich wird. Aber das dürfte ja auch in deinem Sinne sein.“
Frau Sorgmann nickte, neigte dann aber ein wenig den Kopf und sah Bernd fest an: „Wenn es irgend geht, wirst du natürlich informiert, Bernd. Aber die Operation ist eine Sache von BND und CIA. Und die haben zu entscheiden. Mein Kontaktmann beim BND möchte zunächst ein Einführungsgespräch mit uns führen, bei dem auch die näheren Details erwähnt werden sollen. Ich könn...“ Chantal Sorgmann unterbrach sich und sah Bernd bittend an: „Also, ich würde gerne ...“
„Ja? Raus mit der Sprache“, forderte Bernd sie auf.
„Es wäre mir etwas peinlich, wenn der BND erfährt, dass ich jemanden engagieren musste, verstehst du? Ich würde versuchen, dich als mein Berater zu dem Gespräch hinzuzuziehen. Aber ich kann nicht garantieren, dass der BND sich damit einverstanden erklärt.“
Bernd seufzte vernehmlich. „Okay, okay. Das kann ich verstehen. Aber die Sache gefällt mir deswegen umso weniger. Du weißt, wie ich Geheimniskrämerei hasse. Und die der Geheimdienste umso mehr. Egal mit wem du es da zu tun hast; keiner von denen spielt ein ehrliches Spiel!“
„Naja, das würde ich so nicht sagen“, protestierte Chantal Sorgmann. „Ich habe mich schließlich zuvor informiert und die Seiten von BND und CIA im Internet machen durchaus einen sehr guten und seriösen Eindruck.“
Bernd grunzte lediglich und sah mich nachdenklich an. Dann wandte er sich wieder an Frau Sorgmann: „Und wie geht es jetzt weiter? Ich bräuchte Herrn Lärpers noch einige Tage für einen Job. Wie sieht dein Zeitplan aus?“
Die Frau mit den schulterlangen, braunen Haaren kramte in ihrer Handtasche herum und zog ein Notizbuch hervor. Nach einigem Blättern las sie vor: „Mein Kontaktmann beim BND heißt Sebastian Jemmers. Ich werde ein Treffen mit ihm in meiner Detektei in Düsseldorf vereinbaren. Nach meinen ersten Informationen sollen meine Leute - also nun Herr Lärpers und meine Mitarbeiterin - einen Einführungslehrgang von der CIA erhalten. Das wird im März sein. Die genauen Daten und den Ablauf erhalte ich aber noch. Danach fliegen die Leute in den Oman. Aber frag mich nicht, Bernd, nähere Informationen habe ich auch nicht.“
Ich war ein wenig enttäuscht. Zog sich die Sache wirklich noch so lange hin? Also musste ich wirklich diesen be... schönen Job mit den Drogendingern in den Schulen durchziehen? Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie Bernd mich lauernd ansah und sich schließlich ein Lächeln auf sein Gesicht schlich. Vermutlich konnte er anhand meines Ausdrucks erkennen, was ich dachte. Oder Bernd war wirklich in der Lage, Gedanken zu lesen.
Eine Tatsache, die mir nicht zum ersten Mal zu denken gab.
„Gut, dann vereinbare aber bitte einen Termin am Nachmittag“, nickte Bernd, „damit Jonathan vormittags seine Präsentationen in den Schulen durchführen kann.“
Frau Sorgmann machte sich ein paar Notizen, dann steckte sie das Büchlein wieder ein. „Wenn sich Herr Jemmers darauf einlässt, gerne.“
„Und vergiss nicht, dass ich bei dem Treffen dabei sein möchte“, beharrte mein Freund.
„Natürlich nicht. Du weißt gar nicht, wie dankbar ich dir bin, Bernd“, säuselte Chantal Sorgmann. „Und keine Sorge, der Oman ist ein sicheres Land. Das hat mir der Mann vom BND extra bestätigt.“
„Aber worum es nun im Endeffekt geht, weißt du auch nicht?“
Chantal schüttelte den Kopf. „Nur darum, dass es um Personenschutz für jemanden handelt, der im Auftrag des BND, beziehungsweise der CIA unterwegs ist. Herr Jemmers wird uns aber die Einzelheiten garantiert bei unserem Treffen verraten. Da bin ich mir sicher!“
Ich arbeitete mich den ganzen Vormittag durch Chrissis Unterlagen und kurz vor der Mittagspause brummte mir der Kopf. Ohne Zweifel hatte meine liebe Kollegin das Thema sehr gut ausgearbeitet. Für meinen Geschmack fehlte aber ein gewisser Praxisteil. Das, womit die Kids auch im wahren Leben etwas anfangen konnten. Ich legte den Hefter zur Seite und begann, mir eigene Notizen zu machen. Heute Nachmittag wollte ich einige Unterrichtsmaterialien besorgen, so dass die Schüler auch einmal praktisch etwas erleben würden. Zunächst dachte ich daran, echte Drogen zu besorgen, doch leider war mir nicht bekannt, woher ich die bekommen sollte. Dann aber kam mir ein bombastischer Gedanke.
Bis zur Mittagspause stand mein Konzept. Meinen Freund und Partner, den Malinois Bingo, ließ ich bei Christine zurück, die sich um ihn kümmern wollte und sich schon darauf freute, mit dem Hund zusammen den Detektivjob im Kaufhaus antreten zu können.
Schließlich machte ich mich auf den Weg zu meinem guten Freund Curry-Erwin, der in der Nähe des Rheydter Bahnhofs einen kleinen, aber feinen Imbiss betrieb. Curry-Erwin wusste mich mit den feinsten kulinarischen Kreationen zu verwöhnen und überraschte mich jedes Mal aufs Neue. Doch heute stand mir der Sinn lediglich nach einer einfachen Currywurst mit Pommes Frites und ordentlich Mayonnaise.
Meinen Wagen stellte ich im nahegelegenen Parkhaus ab und achtete peinlich genau darauf, dass alle Fenster fest geschlossen waren. Wegen der postgelben Farbe meines Kias fühlten sich irgendwelche Witzbolde immer wieder dazu animiert, mir Briefe in den Wagen zu werfen. Als wäre mein Auto ein Briefkasten.
Curry-Erwin werkelte hinter seiner Verkaufstheke und blickte auf, als die kleine Glocke an der Tür anschlug. Ein breites Grinsen überzog sein Gesicht und Erwin wischte sich die mit Mayonnaise und Ketchup verschmierten Hände an seiner Schürze ab. Dann kam er auf mich zu, breitete die Arme aus und gab mir zwei saftige Küsschen auf die Wangen. „Jonathan, schön dich wiederzusehen“, lächelte mein Freund und legte beide Hände auf meine Schultern. Die Flecken, die er hinterließ, ignorierte Erwin großzügig.
„Hallo Erwin. Du weißt doch, dass ich ohne dein ausgezeichnetes Essen nicht mehr leben kann“, schmeichelte ich und wollte hinzufügen ‚heute nehme ich nur eine einfache Currywurst‘, als Erwin mich unterbrach.
„Jonathan, das weiß ich doch. Und ich habe speziell für dich auch wieder eine besondere Leckerei. Aber zunächst: Was möchtest du trinken, ein Bier?“
„Eine Cola reicht, Erwin. Ich muss noch fahren und mich heute Nachmittag auf einen wichtigen Job vorbereiten. Da brauche ich einen klaren Kopf.“ Ich sah mich in dem kleinen Stehimbiss um und wunderte mich, dass an einem der Tische lediglich zwei Rentner standen, die schweigend ihre Suppe löffelten. „Nicht viel los heute, was? Wo sind die ganzen Schüler, die sonst hier ihr Mittagsbier trinken? Und die Bauarbeiter?“
Erwin wuselte zurück hinter seine Theke und sammelte einige Pommes auf, die auf der Anrichte lagen. Mit Schwung warf er sie in das heiße Öl und schaufelte auch noch frische Kartoffelstäbchen dazu. Dann sah er mich prüfend an: „Kommen mit Sicherheit gleich, Jonathan. Es ist ja noch ziemlich früh. Aber erzähl, was für einen wichtigen Job hat man dir jetzt wieder aufs Auge gedrückt? Verbrecher fangen, Terroristen jagen?“
Ich winkte lächelnd ab. „Nicht ganz so dramatisch. Ich muss an Schulen Vorträge über Drogenprävention halten. Und da will ich mich bestmöglich vorbereiten.“
Erwin nickte. „Das ist ein wichtiges Thema, Jonathan. Sag mir Bescheid, wenn du Anschauungsmaterial brauchst.“
Ich sah meinen Freund fragend an. „Anschauungsmaterial? Du meinst Broschüren oder so?“
Erwin beugte sich über die Theke, wobei er ein Schälchen mit dunkelbrauner Soße umstieß. „Nein, das meine ich nicht unbedingt“, flüsterte er. „Ich denke da eher an Schnee, Goggi oder Koks, wenn du weißt, was ich meine. Oder auch Shit, meinetwegen. Bei Acid und Aetsch wird es zwar etwas schwieriger, doch möglich ist schließlich alles.“ Erwin lachte leise und fügte hinzu: „Ist natürlich alles eine Frage des Preises.“
Ich sah den Imbissbesitzer entsetzt an. „Erwin, du handelst doch nicht etwa mit Drogen?“
Curry Erwin hob beide Hände, von denen die dunkelbraune Soße tropfte. „Jonathan, wo denkst du hin? Natürlich nicht! Aber für dich und deine wissenschaftlichen Vorträge würde ich natürlich meine Beziehungen spielen lassen.“
Ich fühlte mich geschmeichelt. Auf meinen Freund war halt Verlass, doch ich schüttelte den Kopf. „Nein danke. Das ist lieb gemeint, doch ich habe mein eigenes Konzept.“
In diesem Moment wurde die Eingangstür aufgerissen und mehrere Schüler, gefolgt von zwei dicken Bauarbeitern, stürmten in den Raum.
„Okay, wie du willst, Jonathan“, lächelte Erwin und deutete auf den Tisch mit den Rentnern. „Stell dich zu den beiden dort, ich bringe dir gleich dein Essen. Du wirst freudig überrascht sein.“
Ich nickte und trat zu den beiden älteren Männern. „Entschuldigen sie, darf ich mich zu ihnen gesellen?“
„Wenn et sein muss“, grunzte einer der beiden, ohne mit dem Suppelöffeln innezuhalten oder überhaupt aufzublicken. Derweil ging es an Erwins Theke ziemlich turbulent zu und mein Freund hatte alle Hände voll zu tun. Trotzdem trat er wenige Minuten später zu mir und stellte eine Art runden Kuchen - oder war es eher eine Pizza? - vor mich hin.
„Was ist das, Erwin?“, fragte ich entgeistert, denn außer dem Teigrand, einer dicken Füllung mit Mayonnaise und die Spitzen der ein- oder anderen Pommes war nicht viel zu erkennen.
Erwin grinste: „Meine neueste Geschäftsidee, Jonathan. Umweltfreundlich und nachhaltig! Und du bist der erste, der es probieren darf.“
Ich drehte entgeistert den Fladen hin und her. „Und was ist das nun? Eine Pizza mit Mayonnaise?“
Mein Freund lachte. „Nein, keine Pizza. Das ist ein Teigteller, gefüllt mit einer Chili-Currywurst, knackigen Pommes Frites und der Mayonnaise, die du so liebst.“
Ich gab nur ein ‚Aha‘ von mir und suchte nach dem obligatorischen kleinen Esspiekser. „Und wo ist die Gabel?“
„Brauchst du nicht“, erklärte der Imbissbesitzer. „Das isst man so wie eine Pita, direkt aus der Hand.“ Er warf einen Blick zur Theke, wo sich jetzt ein lautstarker Tumult erhob. „Guten Appetit, Jonathan. Ich muss - die Leute warten auf ihre Currywurst und Pommes.“
Ich nahm den Teigfladen mit beiden Händen hoch und wollte ihn zum Mund führen, doch in diesem Moment riss der Boden entzwei und hellrote Soße mit Bratwurststücken, sowie Pommes mit Mayonnaise, ergossen sich auf den Tisch und über meine Jacke. Resigniert legte ich den ‚Teigteller‘ fort und wischte mir die Finger mit einem Papiertaschentuch sauber.
Die beiden Rentner aßen ungerührt weiter und ich war froh, dass sie mein Missgeschick offensichtlich nicht bemerkt hatten.
Zurück bei meinem Wagen reinigte ich meine Jacke - so gut es ging - von der Soße und der Mayonnaise. Wenigstens hatte ich ein paar der Wurststückchen und Kartoffelstäbchen, die auf dem Tisch gelandet waren, noch essen können.
Am nächsten Morgen stand ich pünktlich vor der Gesamtschule in Rheydt und bewunderte die unterschiedlichsten Graffitis, die an den Wänden prangten. Das Schulgebäude machte einen heruntergekommenen Eindruck, doch ich wusste, dass der erste Eindruck oftmals täuschen konnte.
Oder auch nicht, wer weiß das schon.
Zielstrebig folgte ich meiner Spürnase und den Schildern, die Richtung Sekretariat zeigten. Irgendwo dort würde ich den Schulleiter, einen gewissen Herrn Karmzmek, schon finden. „Guten Morgen“, begrüßte ich die junge Frau hinter dem Empfangstresen, die gerade herzhaft von einem Schinkenbrötchen abbiss. Ich dachte an die Tüte aus der Bäckerei, die sich in meiner Tasche, direkt neben den Utensilien für den Unterricht, befand. Ein Brötchen mit Mett, eines mit gekochtem Schinken und eines mit Käse mussten für meine Frühstückspause reichen. Ich hoffte, dass man mir zum Frühstück auch einen Kaffee anbieten würde.
„Guten Morgen“, erwiderte die Frau, deren Haar schon langsam grau wurde. Ich schätzte die etwas dickliche, gemütlich wirkende Dame auf Ende vierzig. „Was kann ich für sie tun?“
„Ich möchte etwas für sie tun“, lächelte ich die Frau freundlich an. „Mein Name ist Jonathan Lärpers.“
Sie sah mich misstrauisch an. „Ja - und?“
„Von der Detektei Argus.“
„Aha. Würden sie mir auch verraten, was sie wollen?“
„Ich bin der Ersatz für Christine Weru.“ Ich beugte mich leicht über den Tresen und fügte vertraulich hinzu: „Sie müssen wissen, Frau Weru ist meine Kollegin.“
„Ach“, gab sie von sich und sah mich durchdringend an. „Wenn das so ist. Sie sind also der Ersatz für Frau Weru. Und Frau Weru ist ihre Kollegin. Aber wer ist Frau Weru?“
„Meine Kollegin ist diejenige, die heute die Drogenprävention durchführen sollte“, erklärte ich bereitwillig. Eigentlich müsste man unsere Namen hier kennen.
„Warum sagen sie das nicht gleich, Herr ...“
„Lärpers. Jonathan Lärpers. Ich soll mich zunächst bei dem Herrn Direktor ...“ Ich kramte meinen Zettel hervor, da mir der Name inzwischen wieder entfallen war und las vor: „... Direktor Arthur Karmzmek melden.“
Die Dame schüttelte den Kopf. „Das ist jetzt aber ganz, ganz schlecht. Der Herr Direktor ist außer Haus. In einem Meeting. Wissen sie denn, für welche Klasse sie vorgesehen waren?“
So allmählich wurde die Sache schwierig. Eine dermaßen schlechte Organisation, wie in dieser Schule, hatte ich noch nie erlebt. Ich überlegte gerade, ob ich so etwas wirklich noch nie erlebt hatte, als die Frau mich aus meinen Gedanken riss.
„Also, was ist nun? Sind sie eingeschlafen?“
Ich blickte auf. „Eine Schulklasse. Mit Schülern, wenn sie wissen, was ich meine.“
Die Grauhaarige schüttelte den Kopf, hob den Telefonhörer ans Ohr und wählte eine Nummer. „Egon? Ja, Egon hör mal zu“, vernahm ich. „Ja, ich weiß, dass du immer zuhörst. Also hör mal: Hier ist so ein Herr Lärpers, der eine Frau Weru vertritt und deren Kollege ist. Die beiden wollen heute eine Drogenpräsentation durchführen.“
„Prävention“, warf ich ein und sie sah mich unwillig an.
„Zwei Personen? Wieso Egon? Hier ist nur eine Person. Ein Mann. Johann Lärpers. Weißt du etwas davon?“
Wenigstens sprach sie den Nachnamen richtig aus.
„Nein, Arthur ist nicht im Haus, der ist doch beim Schulamt heute Vormittag. Du kommst rüber? Gut, beeil dich.“ Sie legte den Hörer auf und sah mich an. „Der Kollege kommt gleich. Setzen sie sich doch so lange auf einen der Stühle da vorne!“
Kaum, dass ich es mir auf dem Stuhl einigermaßen bequem gemacht hatte, ging die Tür auf und ein vielleicht einen Meter fünfundsechzig großer, dicker Mann mit einem ungepflegten, grauen Haarkranz betrat das Sekretariat. Er trug eine dicke Hornbrille und ging schnurstracks auf den Empfangstresen zu. „Und? Wo ist der Drogenberater?“
Die Frau nickte zu mir herüber und ich erhob mich.
Der Lehrer drehte sich um, fixiertem mich mit kleinen Schweinsäuglein und schlurfte schließlich heran. Dann hielt er mir seine dicken Wurstfinger hin und meinte: „Guten Morgen. Ich bin Egon Rundsaal. Der Lehrer.“
Lächelnd drückte ich die Hand mit den Wurstfingern. „Jonathan Lärpers. Ich vertrete meine Kollegin Christine Weru. Ich soll heute den Vortrag über Drogenprävention halten.“ Ich klopfte auf meine Tasche: „Natürlich habe ich mich entsprechend vorbereitet.“
„Tja ...“ Der Dicke kratzte sich an der kahlen Stirn. „Davon ist mir leider nichts bekannt. Aber das trifft sich eigentlich ganz gut, denn ich habe gleich Gesellschaftslehre in der Fünften. Da Direktor Karmzmek noch außer Haus ist, können sie gerne mit mir kommen.“ Er blickte auf seine Uhr. Der Unterricht beginnt in einer halben Stunde.“
Ich warf einen Blick auf die Sekretärin und bemerkte extra laut: „Na prima, dann ist ja noch Zeit für einen Kaffee ...“
Allerdings schien die Frau meine Anspielung nicht zu hören oder hören zu wollen. Dafür antwortete der dicke Lehrer: „Tja, leider hat unsere Cafeteria geschlossen. Aber es gibt in der Nähe eine Pizzeria. Die öffnet allerdings erst heute Mittag. Kommen sie, Herr Lärpers, ich zeige ihnen stattdessen schon einmal den Klassenraum. Dann können sie sich in aller Ruhe auf ihren Vortrag vorbereiten. Ich sage immer: Gute Vorbereitung ist schon die halbe Miete ...“
Ich knurrte und grummelte leise: „Ja, und ein Kaffee ersetzt die Nebenkosten.“
„Was sagten sie?“
„Nichts, ich habe nur laut gedacht. Gibt es hier denn keinen Kaffeeautomaten oder so etwas?“
Lehrer Rundsaal schüttelte den Kopf. „Nein, wir machen uns unseren Kaffee immer selber.“ Er schob mich zur Tür und winkte der Sekretärin zum Abschied kurz zu. „Bis später, ich komme in der Pause noch mal rüber.“
Der Klassenraum roch muffig und Herr Rundsaal riss direkt mehrere Fenster auf. „Richten sie sich ruhig schon einmal häuslich ein, Herr Lärpers“, ermunterte er mich und zeigte auf einen Tisch vor der Klasse. „Sie haben doch bestimmt Unterlagen mitgebracht.“
Ich sah den Mann fragend an. „Unterlagen?“
„Na, Flyer, Aufklärungsbroschüren und so. Irgendetwas, das sie an die Kinder verteilen können. Was man in Händen hält, kann man getrost nach Hause tragen, sage ich immer.“
Ich nickte und lächelte. Natürlich hatte ich etwas mitgebracht. Doch keine Broschüren. Ein Jonathan Lärpers gab sich doch nicht mit profaner Theorie zufrieden. „Ja, ich habe da etwas ... Doch das kommt später. Als Überraschung sozusagen. Der Knalleffekt meines Vortrages.“
Der Dicke nickte und blickte auf seine Armbanduhr. „Sehr gut, Herr Lärpers. Das lieben die Kinder. Wenn’s zischt und kracht, hat’s Spaß gemacht. Sag ich immer.“
Ich nahm meine Unterlagen aus der Tasche und legte sie auf den Tisch, auf dem sich zahlreiche Kaffeeränder befanden. Im Grunde würde ich die Unterlagen nicht brauchen, denn der Ablauf meiner Präsentation war fest in meinem Kopf verankert. Zunächst würde ich die Kinder begrüßen, mich vorstellen und dann direkt ins Thema einsteigen. Nur keine Zeit verlieren und bloß nicht langatmig werden. Die kleinen Gehirne der jungen Menschen waren ja bei Weitem nicht so aufnahmefähig, wie die der voll ausgewachsen und entwickelten Menschen. Hier galt es, meine vollen pädagogischen Kenntnisse zur Geltung kommen zu lassen.
Wenige Minuten später betrat auch schon der erste Schüler den Klassenraum. Ein schmächtiges Kerlchen von vielleicht gerade einmal elf oder zwölf Jahren. Die dicken Brillengläser wiesen ihn direkt als den Streber der Klasse aus. Er blickte uns fragend an, grüßte dann mit einem ‚Morgen‘ und begab sich zu einem der Plätze.
Nach und nach folgten die anderen Schüler. Ich sah mir jeden einzelnen genau an und dank meiner pädagogischen Kenntnisse konnte ich sie einigermaßen einordnen. In jedem Jahrgang befand sich ein Klassenclown, ein Streber und ein Wichtigtuer oder Störenfried. Den Streber hatte ich ja schon erkannt, auch den Clown fand ich allzu bald, doch den Krawallmacher suchte ich noch vergebens.
Gerade, als der Lehrer Rundsaal sich neben mir aufbaute und die Klasse begrüßen wollte, ging noch einmal die Tür auf und ein Junge trat großspurig in den Raum. Er trug eine Baseballkappe und sah sich grinsend um. Dann tippte er mit einem Finger an den Rand der Mütze und ging auf einen freien Stuhl zu.
Ich wusste, was ich zu tun hatte. Dieses Bürschchen musste ich sofort unter Kontrolle bekommen, denn ansonsten würden mir innerhalb kürzester Zeit alle Kinder auf der Nase herumtanzen. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, sagte ich und sah den Jungen scharf an. „Du könntest etwas verpassen, wenn du nie pünktlich anwesend bist.“
„Ja, Entschuldigung“, erwiderte das Kind. „Wird nicht wieder vorkommen.“
Der dicke Lehrer trat rasch vor mich und nickte der Klasse zu. „Guten Morgen, Kinder. Das hier ist Herr Lärpers, der heute einen Vortrag zur Drogenprävention halten wird.“ Er sah mich an und lächelte: „Bitte, Herr Lärpers.“
„Ja, danke. Guten Morgen, liebe Kinder“, sprach jetzt auch ich zur Klasse und nahm in Gedanken den Störenfried von meinem ‚liebe Kinder‘ aus. „Mein Name ist Jonathan Lärpers und ich werde euch jetzt etwas über die Gefahren der Drogen erzählen. Aber zunächst muss ich euch bitten, alle eure Handys auszuschalten, denn mein Vortrag soll ja ungestört stattfinden.“
Die Kinder sahen mich fragend an und der Lehrer raunte mir zu: „Hier im Unterricht trägt niemand ein Handy bei sich ...“
Ich nickte verstehend, fragte mich aber, wie diese Kids es ohne Handy aushalten konnten. Aber das war ja auch direkt schon ein willkommener Aufhänger für meinen Vortrag. „Nun denn“, lächelte ich. „Gehen wir also direkt in merdia ress.“
Irgendwo in der Klasse murmelte jemand ‚medias res‘ und ich sah mich hektisch um, wer nun in meinen Unterricht hineinquatschte. Leider konnte ich den Störenfried nicht ausmachen, also fuhr ich fort: „Ein Handy kann auch eine Sucht sein und süchtig machen. Deswegen ist es gut, auch einmal ohne so ein Ding auskommen zu müssen. Niemand stirbt daran, wenn er nicht ständig auf das Display schauen kann.“
Ein leises Stöhnen ging durch den Raum und zeigte mir, dass ich mit meiner Eröffnungsrede genau richtig lag. Diese Kinder litten offensichtlich schon darunter, dass sie ohne ihre Handys auskommen mussten. „Aber darüber will ich heute nicht mit euch sprechen. Vielmehr geht es um wirkliche, echte Drogen. Wer kann mir denn einige nennen?“ Mein Blick fiel auf den Klassenstreber, doch der sah nur angelegentlich nach unten. Ob er eingeschlafen war? Ein Mädchen mit schwarzem Kopftuch meldete sich und ich nickte ihr zu.
„Alkohol, Bier und Schnaps und so“, sagte sie und ich wunderte mich, dass das Kind so gut deutsch sprach.
„Genau“, griff ich das Thema auf. „Das sind legale Drogen, die aber nichtsdestotrotz äußerst gefährlich und tückisch sind. Einmal an der Flasche gehangen, immer an der Flasche gehangen.“ Ich nickte der Kopftuchträgerin zu: „Bier und Schnaps. Alkohol und Nikotin rafft die halbe Menschheit hin. Kennst du denn auch verschiedene Biersorten?“ Das Mädchen sah mich an, als würde sie lediglich Bahnhof verstehen. „Du kennen noch Bier? Pils, Kölsch und Dunkelbier?“, fügte ich für sie hoffentlich verständlicher hinzu.
Das Mädchen schwieg und ich wechselte das Thema, zumal mir Herr Rundsaal einen merkwürdigen Blick zuwarf. „Kennt ihr denn noch andere Drogen?“
„Cannabis“, rief jemand in die Klasse und ich hob tadelnd den Finger.
„Erst melden, dann erteile ich euch das Wort.“ Dann kam mir eine gute Idee, wie der erste Lehrsatz an die Kinder zu bringen wäre: „Jetzt sprecht mir alle einmal nach: Ich soll mich erst melden, dann erteilt der Herr Lehrer mir das Wort.“
Schweigen. Ich wartete.
Lehrer Rundsaal erhob sich umständlich von seinem Stuhl und trat zu mir. Er legte eine Hand auf meine Schulter und raunte: „Herr Lärpers, es wäre schön, wenn sie sich auf das Wesentliche konzentrieren würden. Drogenprävention ...“
Ich nickte. Kein Wunder, dass in dieser Klasse alles drunter und drüber ging. „Gut, also, wo waren wir stehengeblieben?“
„Cannabis“, rief die gleiche Stimme wie zuvor in die Klasse.
Ich sparte mir eine Zurechtweisung, da mir der dicke Lehrer vermutlich wieder in den Rücken fallen würde. „Genau, Cannabis“, sagte ich stattdessen und blätterte in meinen Unterlagen. Leider fand ich dort nichts zu dieser Art von Drogen, dafür erinnerte ich mich, dass Christine ausführliche Informationen in ihrer Ausarbeitung aufgeführt hatte. Leider lagen ihre Unterlagen auf meinem Schreibtisch im Büro. „Cannabis ...“ Ich musste improvisieren. „Eine gefährliche Droge, von der man auf jeden Fall die Finger lassen sollte. Ebenso, wie von Kokain. Auch sehr gefährlich. Also ebenfalls: Finger weg.“
Erneut meldete sich das Mädchen mit dem Kopftuch. Ich nickte ihr wohlwollend zu. Auch wenn die Kleine kaum etwas von dem verstand, was ich sagte, so war sie doch fleißig beim Thema dabei. „Dunkelbier - oder Malzbier - enthält normalerweise keinen oder kaum Alkohol. Es kann zwar bis zu einem Volumenprozent Alkohol enthalten, doch viele Hersteller weisen darauf hin, dass ihr Bier null Prozent Alkohol enthält. Damit entfällt aber die Grundlage für ein gewisses Suchtpotenzial.“„Klugschei... Sehr klug, sehr klug. Und doch kann man nach diesem süßen, dunklen Bier süchtig werden. Also: Obacht. Überall lauern Gefahren. Gefahren, derer man sich oftmals nicht bewusst ist.“ Die kleine Klugscheißerin hatte mich aus dem Konzept gebracht und ich überlegte, ob es jetzt nicht sinnvoller wäre, direkt zum Praxisteil überzugehen. „Gut, kommen wir also zum Praxiste...“
In diesem Moment unterbrachen die ersten Takte eines mir nur zu bekannten Liedes meinen Vortrag: Es handelte sich um den Song ‚Hurra, hurra, die Schule brennt. Wenn ich mich noch recht an meine Jugend erinnerte, so hatte eine Musikgruppe mit dem merkwürdigen Namen ‚Extrabreit‘ dieses Stück geschrieben. Ich blickte strafend in die Klasse. Von wegen ‚niemand hat hier ein Handy dabei‘. Wieder erklangen die ersten Takte des Liedes und der Lehrer Rundsaal erhob sich.
Jetzt würde endlich durchgegriffen werden!
Doch der Mann sah mich nur entschuldigend an und zog ein übergroßes Smartphone aus seiner Tasche. „Entschuldigung, das ist der Rektor. Da muss ich rangehen.“ Während er sich meldete, verließ Rundsaal die Klasse.
Ich brauchte einen Moment, um mich zu sammeln. „Praxis. Genau, jetzt kommen wir zum Praxisteil. Ich legte mehrere Tütchen auf den Tisch und reichte einem der Kinder in der ersten Reihe eine Plastiktüte mit kleinen, herzförmigen Dauerlutschern in den verschiedensten Farben. „Verteile das doch bitte an deine Kameraden. Du darfst auch selber einen nehmen.“ Es entstand eine gewisse Unruhe, als der Junge die Lutscher verteilte, Papier knisterte und bald schon lutschte jedes Kind an seiner Süßigkeit.
Ich schüttete derweil den Inhalt der Tütchen auf den Tisch und zeigte auf das weiße Pulver. „Wisst ihr, was das ist?“
Mehrere Kinder meldeten sich. Jetzt kam endlich Fahrt in meinen Unterricht. „Heroin?“, vermutete ein Mädchen. „Kokain?“, ein anderes. Ich nickte wissend und zeigte auf das grüne Häufchen. „Cannabis?“, vermutete ein Junge und erneut nickte ich.
Ein wenig stolz auf meine hervorragende Idee, Mehl, Backpulver und Rasen als Anschauungsobjekte mitgebracht zu haben, lächelte ich in die Runde: „Hier lauern die Gefahren. Nur allzu schnell ist man süchtig und kommt von den Drogen nicht mehr los. Hier ist Vorsicht geboten!“ Dann sah ich mir die ihre Lutscher zufrieden genießenden Kinder an und fügte hinzu: „Und Vorsicht ist auch geboten, wenn euch fremde Menschen etwas schenken. Allzu oft handelt es sich um Drogen und schon seid ihr süchtig. Alle, die einen gelben Lutscher haben, heben jetzt einmal bitte die Hand.“
Es meldeten sich acht Kinder. „Die gelben Lutscher sind mit Heroin versetzt. Jetzt seid ihr alle süchtig. So schnell geht das ... Nehmt niemals etwas von Fremden an!“
Die Reaktion der Kinder überraschte mich dann doch ein bisschen. Alle redeten plötzlich durcheinander, ein Kind rief weinerlich: „Aber sie sind doch kein Fremder ...“ und ein kleiner Junge erbrach sich über den Tisch. Zwei brachen zusammen und krümmten sich zuckend am Boden.
In diesem Moment trat der dicke Rundsaal wieder durch die Tür. Überrascht blickte er auf die Kinder, dann auf mein Anschauungsmaterial auf dem Tisch. „Was ist denn hier los?“, fragte er mit strenger Stimme und kam drohend auf mich zu. Rundsaal zeigte auf die kleinen Häufchen: „Sind das etwa Drogen?“
Ich wollte entgegnen, dass es sich um ganz harmlose Anschauungsbeispiele handelte, doch der Streber der Klasse schien endlich aufgewacht und rief: „Drogen, das sind Drogen. Heroin, Kokain und Cannabis. Und die gelben Lutscher sind mit Heroin verseucht!“
„Das stimmt nicht, das stimmt nicht“, protestierte ich, doch Egon Rundsaal sprach schon hektisch in sein Handy.
Dann wandte er sich an die Klasse. „So, alle ganz ruhig bleiben. Die Krankenwagen sind in wenigen Minuten hier.“
Ich hörte schon die Sirenen in der Ferne und ließ mich auf meinen Stuhl fallen. „Das ist doch alles ganz harmlos“, stöhnte ich. Doch niemand hörte mich, da der Tumult in der Klasse immer schlimmer wurde.
Während sich Sanitäter um die Kinder mit den gelben Lutschern kümmerten, führte Lehrer Rundsaal mich - fast wie einen Schwerverbrecher - zum Rektor.
„Das war absolute Scheiße, Jonathan“, raunzte Bernd mich an. Keine Stunde später stand ich kleinlaut in seinem Büro vor dem Schreibtisch. Bernd hatte mir keinen Platz angeboten. „Was hast du dir denn dabei bloß gedacht? Bringst Drogen mit in die Schule und gibst den Kindern verseuchte Dauerlutscher?“
„Keine Drogen, Bernd. Das war der Praxisteil, in dem ich die Kids für die Gefahren sensibilisieren wollte.“
„Was dir auch gelungen ist!“ Bernd war richtig sauer. Es klopfte an der Tür und Jennifer steckte kurz darauf den Kopf herein.
„Bernd, da sind zwei Herren der Polizei, die Jonathan noch vernehmen wollen.“
Mein Freund und Chef nickte. „Gib ihnen einen Kaffee und lass sie in der Bibliothek warten. Wir kommen in wenigen Minuten.“ Er sah mich wieder an. „Sobald ich mit Jonathan hier fertig bin!“
Jennifer Enssel, die blonde Maus vom Empfang, sah mich noch einmal kurz an, schüttelte merklich den Kopf und verschwand wieder.
„Praxisteil“, stöhnte Bernd. „Warum hast du dich denn nicht an die Ausarbeitung von Christine gehalten? Stattdessen häufst du seelenruhig Kokain, Heroin und Gras auf einem Schultisch auf und gibst den Kindern Heroinlutscher! Bist du denn von allen guten Geistern verlassen, Jonathan?“
„Das war doch der Praxisteil, Bernd“, erklärte ich mit weinerlicher Stimme. Mir war aber auch wirklich zu Heulen zumute. „Das sollte dem Unterricht einfach nur ein wenig mehr Pepp geben. Außerdem handelte es sich nicht wirklich um Drogen, sondern Mehl, Backpulver und Gras. Echtes Gras.“
Bernd stöhnte. „Jonathan, ich mache mir ehrlich Gedanken darüber, ob du dem Job hier gewachsen bist.“ Er erhob sich. „Na, vielleicht werden die auf dich zukommenden Kosten für den Polizei- und Feuerwehreinsatz und die Strafe nach dem Gesetz über den Verkehr mit Betäubungsmitteln nach dem Betäubungsmittelgesetz eine Lehre für dich sein. Denn die Vorschriften gelten auch für Stoffe, die nicht Betäubungsmittel sind, aber als solche ausgegeben werden. Dafür kannst du bis zu fünf Jahre in den Knast gehen.“
Mir wurde schwindelig. „Da... das habe ich nicht gewusst. Ich wollte den Kindern doch nur etwas beibringen.“
Bernd schob mich durch die Tür. „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, Jonathan. Jedenfalls hast du dich und uns in eine ziemlich prekäre Situation gebracht. Die Drogenprävention an dieser Schule ist für uns jedenfalls beendet. Und ab jetzt übernimmt Dozer die Sache. Sollte die Polizei dich gleich nicht direkt mitnehmen, dann führst du Dozers Kurse fort. Und Gnade dir Gott, wenn du dir noch einmal so einen Mist einfallen lässt ...“
Die Polizisten zeigten sich äußerst wortkarg und unfreundlich, nahmen mich aber zum Glück nicht fest. Als die beiden sich verabschiedeten, zwinkerte mir einer von ihnen, ein dürrer, langer Kerl, sogar zu. „Ich denke, sie werden mit einem blauen Auge davonkommen, Herr Lärpers“, erklärte er mir leise. Vermutlich sollten diese Informationen nicht an mich weitergegeben werden. „Aber im Zuge der Befragung mehrerer Kinder konnten wir einen Schüler aus einer höheren Klassenstufe des Drogenhandels an der Schule überführen. Im Grunde haben sie der Polizei unwissentlich sogar einen Gefallen getan. Wenn sie mich fragen, wird man sie vermutlich lediglich zu einer Geldspende an einen caritativen Verein verdonnern!“
Nachdem die Männer die Bibliothek verlassen hatten, sah ich Bernd grinsend an. „Da siehst du es“, feixte ich, „man hat sogar noch einen echten Drogendealer fassen können.“
„Das war lediglich Glückssache, Jonathan“, grummelte Bernd. „Und gewöhn‘ dir endlich dieses dämliche Grinsen ab!“
Die nächsten Wochen verbrachte ich damit, Krav Maga - und Judokurse zu leiten. Die Judokurse fanden ausschließlich für Kindergruppen statt und ich konzentrierte mich voll und ganz auf den Kampfsport. Kein Wort über Drogen oder Süchte kam mehr über meine Lippen.
Dafür hatte sich meine Schlappe in der Schule bei den Kollegen in Windeseile herumgesprochen und die gehässige Birgit Zickler, die ich heimlich weiterhin lediglich ‚die Zicke‘ nannte, überreichte mir vor den Augen der blonden Jennifer eine Tüte Mehl. „Jetzt rate doch einmal, was da drin ist“, forderte sie mich grinsend auf und ließ mich mit der Tüte in der Hand einfach stehen.
Sehnsüchtig erwartete ich den Tag, wann endlich das Treffen in der Detektei in Düsseldorf stattfinden würde.
An einem Freitag gegen Ende März nahm mich Bernd dann endlich kurz zur Seite. Ich befürchtete, dass nun der Ärger wegen meines Auftrittes in der Schule wieder auf mich zukommen würde, doch mein Freund und Chef überraschte mich.
„Montag haben wir den Termin in Düsseldorf“, erklärte er mir. „Bei Friedrich Sorgmann Erben. Der BND - Mann, dieser Jemmers, wird um vierzehn Uhr in der Detektei sein. Man hat zugestimmt, dass ich als Berater anwesend sein kann. Wir zwei werden so gegen halb Zwei dort sein, so dass wir noch kurz etwas mit Frau Sorgmann besprechen können. Du fährst. Wichtig ist, dass du kein Wort darüber verlierst, dass wir keine Mitarbeiter der Detektei Sorgmann Erben sind, beziehungsweise, dass ich nicht wirklich der Berater bin. Ich hoffe, du hast das verstanden!“
Ich nickte und unterdrückte ein Grinsen. „Alles klärchen, Bernd. Fahren wir mit dem Porsche, dem Cayenne?“ Unter dem Krav Maga Studio befand sich eine Tiefgarage mit einem versteckten Zugang in einer Nebenstraße. In der Garage parkten zahlreiche Fahrzeuge des Unternehmens Heisters, die wir für unsere Einsätze nutzen konnten. Darunter befanden sich auch zwei hochwertige Porsche, einige Mercedes, zwei Jeeps und so weiter. Leider war es mir bisher nicht vergönnt gewesen, mit einem der Porsche Sportwagen zu fahren. Warum auch immer.
„Ja sicher, Jonathan. Träum weiter“, erwiderte mein Freund. „Hast du denn noch nicht genug Porsche geschrottet? Ich denke dabei an den Wagen, den du rückwärts in die Glasfassade des Autohauses gefahren hast ... Also, wir werden den BMW nehmen. Damit kommst du eher klar. Sei auf jeden Fall Montagmittag hier im Studio.“
Dass mir Bernd diese alte Sache aber auch immer noch vorhielt! Dabei kamen die Probleme mit dem Wagen doch lediglich von der hakeligen Schaltung dieses hochgezüchteten Sportwagens. Eigentlich wollte ich mich noch erkundigen, wie es denn dann mit meiner Mittagspause stünde, nickte dann aber lediglich. Bernd würde kaum verstehen, dass ich mich vor so einem wichtigen Treffen noch vorher gerne kurz bei Curry-Erwin gestärkt hätte. Und noch weniger würde er mich vermutlich dorthin begleiten - man könnte ja schließlich ein ‚Geschäftsessen‘ daraus machen - doch im allgemeinen Sprachgebrauch hieß Erwin hier nur ‚Schmuddel-Erwin‘. Eine Bezeichnung, die ich absolut nicht verstehen konnte.
Montagmittag wartete ich nach meinem Training geduscht und umgezogen in der Bibliothek. Wie mir Jennifer mitgeteilt hatte, befand sich Bernd noch in seinem Büro und führte ein wichtiges Gespräch, doch ich war mir sicher, dass er mich nicht lange warten ließ. Bernd hasste es, zu einem Termin zu spät zu kommen und es war auf ihn Verlass wie auf ein Uhrwerk. Ein Schweizer oder so. Bei dem Gedanken, dass in Bernds Kopf winzig kleine Zahnrädchen ineinandergriffen und ebenso kleine Zeigerchen einer Uhr antrieben, ließ mich schmunzeln.
„Was grinst du so vor dich hin, Jonathan?“, vernahm ich plötzlich Bernds Stimme. „Du freust dich wohl schon auf deinen Einsatz? Einfach einmal Abstand gewinnen - nachdem du die Sache mit der Drogenprävention schon dermaßen vergeigt hast.“
Ich blickte zu Boden, erwiderte aber nichts.
„Du kannst von Glück sagen, dass Oberstaatsanwalt Eberson auf unserer Seite ist“, fuhr Bernd fort. „Und dass der Drogendealer wirklich gefasst wurde. Jedenfalls wurden die Anklagepunkte gegen dich fallengelassen. Du hast wieder einmal richtig Glück gehabt!“ Bernd schaute auf seine Armbanduhr und nickte mir zu. „Jetzt sollten wir uns aber auf den Weg machen. Wer weiß, wieviel Verkehr auf der Autobahn herrscht. Holst du den Schlüssel bei Jennifer? Wir treffen uns dann in der Tiefgarage.“
Ich nickte, konnte mir aber die Frage ‚den für den Cayenne?‘ nicht verkneifen.
Bernd stöhnte unwillig und schüttelte den Kopf. „Das haben wir doch am Freitag schon besprochen, Jonathan. Wir nehmen den BMW. Und jetzt los, sonst kommen wir im Endeffekt wirklich noch zu spät.“
Mein Chef wartete schon neben dem dunkelblauen 3er BMW und ließ sich rasch auf dem Beifahrersitz nieder, als ich die Türen entriegelte. „Du hältst dich mit Kommentaren möglichst zurück, wenn wir mit dem BND - Mann sprechen“, wies er mich an, kaum dass ich in den Wagen gestiegen war.
Ich sah zur Seite und verdrehte die Augen, so dass Bernd es nicht sehen konnte. Als wenn wir das nicht alles schon am Freitag besprochen hätten!
„Das habe ich gesehen, Jonathan“, grollte mein Freund. „Du solltest die Angelegenheit sehr ernst nehmen! Ein falsches Wort von dir und Chantal Sorgmann kann eine Menge Ärger bekommen. Also reiß dich zusammen. Du bist ab sofort ein Mitarbeiter der Detektei ‚Friedrich Sorgmann Erben‘, vergiss das nicht. Und lass dieses ständige Verdrehen der Augen!“
„Niemals“, beschwichtigte ich Bernd. „Du kannst dich voll und ganz auf mich verlassen.“
Bernd nickte langsam: „Und ich bin lediglich der Berater der Detektei.“
„Ja, keine Sorge. Das wird schon schiefgehen!“
Der Verkehr auf der Autobahn hielt sich in Grenzen und Bernd lotste mich in ein Parkhaus. „Von hier ist es nicht weit“, erklärte er mir. „Nur wenige Minuten zu Fuß.“
Ich sah auf die Uhr und stellte fest, dass wir relativ früh dran waren. „Wie wäre es mit einem kurzen Mittagessen?“, fragte ich. „Zeit genug hätten wir.“
„Du denkst auch nur ans Essen, was?“ Bernd überlegte. „Auf unserem Weg liegt eine Metzgerei. Wie wäre es, wenn du dir dort ein belegtes Brötchen holst und es unterwegs isst, wenn es wirklich sein muss. Für einen Restaurantbesuch haben wir jetzt keine Zeit mehr.“
Ich nickte. Zwar hatte ich nicht an ein Restaurant gedacht, eher an eine Imbissbude, doch ein Brötchen auf der Hand musste zunächst genügen. Dafür wollte ich mir ein ausgiebiges Abendessen gönnen. Vielleicht war Bernd ja auch bereit, mich nach dem Treffen einzuladen. Vielleicht.
