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Marisa wird in einem kleinen italienischen Dorf in eine mittellose Familie hineingeboren. Sie ist ein Nachzügler. Ein unerwünschtes Kind, das ihr Vater schon kurz nach der Geburt an die Mafia verkauft. An ihrem zehnten Geburtstag wird das Mädchen aus ihrer Familie herausgerissen. Marisa kommt zu einem Ehepaar in Crotone, einem Ort an der italienischen Küste. Dort wird sie in die Prostitution gezwungen und für das kleine Kind beginnt eine Zeit des Grauens. Als ein anderes Mädchen stirbt, wird Marisa in ein Kloster gebracht, doch sie muss auch dort weiterhin für die Mafia den Männern zu Willen sein. Marisa verfällt den Drogen und als sie beim Stehlen erwischt wird, verkauft man sie an die Cosa Nostra. In Palermo landet das Mädchen in einem heruntergekommenen Bordell und kommt dort für eine kurze Zeit von den Drogen frei. Aber nur allzu bald greift sie wieder zu dem Pulver, das inzwischen ihr Leben bestimmt. Es ergibt sich eine Möglichkeit zur Flucht und Marisa erlebt ein paar Tage der Glückseligkeit, als sie durch einen Zufall den jungen Russen Maxim Bogdanow kennenlernt. Doch die Schergen der Mafia sind auf der Suche nach ihr, um an der Geflüchteten ein Exempel zu statuieren.
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Seitenzahl: 461
Veröffentlichungsjahr: 2023
Jürgen Ruhr
Kein Licht im Dunkel
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Inhaltsverzeichnis
Titel
-
Prolog
1. Ein kleines Dorf in Kalabrien
2. Crotone
3. Zita
4. Filippo
5. Zitas Flucht
6. Marisa
7. Kidnapping
8. Heimkehr
9. Zahltag
10. Catanzaro
11. Schwester Almira
12. Im Stadthaus
13. Zeit vergeht
14. Drogen
15. Palermo
16. Eine Idee
17. Die Tür
18. Der Dealer
19. Nächtliche Ausflüge
20. Rückfall
21. Bordkarten
22. Ende eines Traums
23. Entkommen
24. Marsala
25. Erwischt
26. Rettung
Epilog
Über den Autor
Impressum neobooks
Kein Licht im Dunkel
Roman
© by Jürgen H. Ruhr
Mönchengladbach
Die Frau richtete sich stöhnend auf und strich mit einer Hand über den schmerzenden Unterleib. Die Wehen kamen jetzt alle zwei bis drei Minuten und es würde mit der Geburt nicht mehr lange dauern. Sie hoffte nur, dass das Kind ihr noch die Zeit ließ, um die letzten Kartoffeln aus dem kleinen Beet hinter ihrem Haus aus der Erde zu holen. Eine Niederkunft zu diesem Zeitpunkt würde bedeuten, dass die meisten der Knollen nicht geerntet werden konnten und verrotteten. Für diese Jahreszeit war es zu kalt und zu feucht, so dass die Pflanzen keinen weiteren Tag in der Erde überleben würden.
Da, wieder eine Wehe. Die Frau zählte die Sekunden, die sich schon fast zu einer Minute addierten. Sobald die Schmerzen abgeklungen waren, machte sie sich wieder an die Arbeit.
Aus dem Innern des Hauses, das eigentlich mehr eine Hütte war, die aus insgesamt vier kleinen Zimmern bestand, klang laute Volksmusik. ‚Dieser Scheißkerl‘, dachte sie und verzog schmerzhaft das Gesicht. Wieder eine Wehe.
Sie nannte Ernesto, ihren Mann, schon seit Jahren in Gedanken nur noch ‚den Scheißkerl‘. Ernesto war ein Faulpelz und mit seinen sechsundvierzig Jahren nur noch dann bereit zu arbeiten, wenn ihm der Schnaps ausging. Vermutlich lag er auch jetzt wieder betrunken auf dem verschlissenen Sofa in der Küche vor dem Fernseher. Die Küche war das, was andere Leute ihr Wohnzimmer nannten. Für ein richtiges Wohnzimmer blieb ihnen aber kein Platz, denn zwei der Räume beherbergten die Kinder. Und der andere Raum war ihr Schlafzimmer, in dem Ernesto immer noch jeden zweiten Abend verlangte, dass sie ihre ehelichen Pflichten erfüllte. Auch wenn er während des Aktes so manches Mal grunzend von ihr gefallen und eingeschlafen war.
Immerhin hatte es gereicht, ihr vor neun Monaten noch dieses Kind zu machen und das, obwohl das letzte ihrer acht Kinder vor zehn Jahren zur Welt kam. Und der Älteste war jetzt achtzehn und genauso ein Taugenichts wie sein Vater. Wenigstens war er kaum noch zu Hause, denn die Enge in den zwei Kinderzimmern führte regelmäßig zu Streitigkeiten. Was der Junge den lieben langen Tag - und den größten Teil der Nacht - so trieb, wusste die Frau nicht und es interessierte sie auch nicht.
In diesem Teil Kalabriens stellte man lieber nicht allzu viele Fragen, wenn es um die Freunde des Sohnes ging, die oft mitten in der Nacht lautstark mit ihren PS-starken Wagen vor dem Haus hielten und den wieder einmal bis zur Besinnungslosigkeit betrunkenen Jungen aus dem Auto warfen.
Die Wehen wurden heftiger und die Frau wusste, dass sie jetzt eigentlich im Bett liegen sollte. Sie hatte alle ihre Kinder zu Hause zur Welt gebracht und es gab immer wieder Fehl- und Totgeburten, doch so handhabte die Natur das halt. Nur die Starken überlebten.
Und ausgerechnet dieses Balg, das sie absolut nicht gebrauchen konnten, schien einen starken Lebenswillen zu haben. Was hatte sie im Laufe der Schwangerschaft nicht alles probiert, um den Fötus aus ihrem Körper zu bekommen. Außer starken Schmerzen, einer schwerwiegenden Entzündung, die es ihr drei Wochen unmöglich machte, im Haus oder im Garten zu arbeiten und Ernestos Zorn, der sich in brutalen Schlägen Luft machte, bewirkten ihre Bemühungen aber nichts.
Fluchend nahm sie den Korb mit den schon geernteten Kartoffeln auf und wankte mühsam um die Hausecke zum Eingang. Sie bereute es einmal mehr auf Neue, dass sie sich mit Ernesto eingelassen hatte. Aber Ernesto war früher ein gutaussehender, junger Mann mit Träumen und Versprechungen gewesen, der sie aus diesem gottverlassenen Bergdorf in die große Stadt am Meer bringen wollte.
Dass er - genau wie ihr ältester Sohn - sich mit den falschen Leuten eingelassen hatte und schließlich dem Alkohol verfiel, konnte sie damals nicht einmal ansatzweise ahnen. Und dann musste es einen Vorfall gegeben haben, über den Ernesto nie sprach. Am Anfang drängte sie ihn noch, ihr davon zu erzählen, doch die Prügel, die sie jedes Mal kassierte, ließen sie bald schweigen. Jedenfalls hatten die Sauftouren mit seinen Freunden ein Ende, worüber sie nicht allzu unglücklich war. Ernesto hielt sich jetzt aber mehr oder weniger versteckt und wenn jemand nach ihm fragte, musste sie ihn verleugnen.
Die Frau betrat das Haus durch die Tür, die längst einmal wieder einen Anstrich benötigt hätte, stellte den Korb mit den Kartoffeln achtlos auf den Boden und wankte an dem Sofa vorbei, auf dem Ernesto laut schnarchend lag, ins Schlafzimmer. Dort fiel sie ächzend auf das Bett und versuchte ruhig zu atmen, als die nächste Wehe sie übermannte. Im Nebenzimmer stritten sich die Kinder, jeweils vier mussten sich einen Raum teilen. Zum Glück waren nur die Jüngsten daheim, die anderen trieben sich irgendwo im Dorf herum. Sie würden heute Abend hungrig und dreckig nach Hause kommen und mit ein wenig Glück brachte der ein oder andere etwas Gemüse von einem der Felder mit nach Hause.
Aber heute würde sie aus den dürftigen Zutaten kein Essen kochen, keinen Streit schlichten und keine Verletzungen versorgen. Sie hatte für die Geburt alles vorbereitet, jedenfalls soweit es ihr möglich gewesen war und ein paar halbwegs saubere Tücher, sowie eine Schüssel mit reinem Wasser standen bereit. Und auch das Messer, das sie sogar in kochendem Wasser gereinigt hatte, lag neben dem Bett.
Es war nicht die erste Geburt, die sie ohne fremde Hilfe durchstehen würde.
Im Nebenzimmer schwoll der Lärm an, es gab ein klatschendes Geräusch und eines der Kinder, vermutlich war es Fulvia, die sie wegen ihrer roten Haare so genannt hatten, begann haltlos zu weinen. Fulvia war eine schwere Geburt gewesen und die junge Frau, die ihr bei ihrer jüngsten Tochter als Hebamme zur Seite gestanden hatte, merkte zu spät, dass die Nabelschnur um den Hals des Babys gewickelt war.
Fulvia befand sich mit ihren zehn Jahren auf dem geistigen Stand einer Vierjährigen.
Die Frau schloss die Augen. Sie spürte, dass jetzt die Geburt begann und insgeheim hoffte sie darauf, dass das Baby starb. Eine Menge Sorgen würden sich dann in Luft auflösen. Für eine Sekunde dachte die Frau an das Messer, das dieses unerwünschte Leben beenden konnte, doch dann schüttelte sie den Kopf.
Sie war keine Mörderin! Wollte das Baby leben, so wäre sie die Letzte, die Hand anlegte.
Plötzlich verstummte der Fernseher in der Küche und die angelehnte Tür des Schlafzimmers öffnete sich knarrend. Ernesto stierte sie aus blutunterlaufenen Augen trunken an. „Was treibst du jetzt schon im Bett, Frau?“, fragte er mit schwerer Zunge. Die Frau konnte ihn kaum verstehen. „Kommt das Kind?“
Sie nickte und unterdrückte einen Schmerzensschrei.
„Ich bring das Balg weg“, gab er völlig emotionslos von sich und die Frau schüttelte den Kopf.
„Du rührst das Baby nicht an, sonst bringe ich dich um!“
Ernesto zuckte mit den Schultern und wankte zu der Truhe, die neben der Tür stand. Ächzend öffnete er den Deckel und nahm eine Flasche billigen Schnaps heraus. Dann verschwand er wieder, ohne einen weiteren Blick auf seine Frau zu werfen.
In der Küche wurde der Fernseher wieder angeschaltet und die Volksmusik drang mit dröhnenden Bässen zu ihr ins Schlafzimmer. Ernesto hätte wenigstens die Tür schließen können.
Die Frau unterdrückte erneut einen Schrei, als eine langanhaltende Wehe ihren Körper erschütterte. ‚Ich bin zu alt für ein Kind‘, dachte sie und sehnte sich plötzlich danach, all das hier hinter sich zu lassen. ‚Vielleicht sterbe ich.‘ Der Gedanke gab ihr ein wenig Trost, machte sie dann aber zornig. Ernesto würde sie mit dem gleichen Achselzucken beerdigen, wie er sich eben noch von ihr abgewandt hatte. Vielleicht suchte er sich dann einfach eine Jüngere aus einem der Nachbardörfer. Das würde dem alten Bock so gefallen!
Der Gedanke entfachte ihren Kampfgeist. „Der kann lange auf meinen Tod warten“, stöhnte sie und hielt sich die Hand auf den Mund, um nicht laut zu schreien. Auf dem kleinen, wurmstichigen Nachttisch lag ein Stück Holz, nach dem sie jetzt tastete. Dann steckte sie es sich in den Mund.
Die nächste Wehe riss sie fast auseinander und ihre Zähne gruben sich in das Holzstück. Sie spürte, wie ein Zahn abbrach, doch da waren ohnehin nicht mehr viele von in ihrem Mund. Als die Wehe nachließ, zog sie das Holz heraus und spuckte den abgebrochenen Zahn aus. Rasch steckte sie das Scheit wieder in den Mund.
Das Kind wurde am zweiundzwanzigsten September um siebzehn Uhr zweiunddreißig geboren und war ein Mädchen.
Marisa half ihrer Mutter - so wie jeden Tag - bei der Arbeit in Haus und Garten und heute war die Kartoffelernte an der Reihe. Die Kartoffeln waren ihr wichtigstes Nahrungsmittel und jetzt, da die meisten ihrer Geschwister nicht mehr hier im Haus bei den Eltern wohnten, kamen sie mit der Ernte manchmal sogar über den Winter. Wenn sie sparsam mit den Kartoffeln umgingen.
Nur noch drei ihrer Geschwister lebten mit ihnen zusammen: Fulvia, die mit ihren zwanzig Jahren vom Körper her eine erwachsene Frau, vom Geist aber jünger als sie selbst war. Mit Fulvia konnte man herrlich spielen und sie war nicht so gemein, wie die anderen. Dann lebte noch Alfonso bei der Familie, der nach einem Unfall gelähmt war und gepflegt werden musste. Er lag den ganzen Tag nur im Bett herum, war unheimlich dürr und haderte mit seinem Schicksal, was er jeden spüren ließ. Und Bianca, die einst - Marisa erinnerte sich dunkel daran - eine junge, hübsche Frau gewesen war, jetzt aber in punkto Körperfülle ihren Vater sogar überrundete. Bianca lebte mit ihren beiden Kindern in einem der Zimmer des Hauses. Das ältere Kind von ihr war ein Junge namens Fausto, der mit seinen vierzehn Jahren für Marisas Begriffe der Teufel selbst sein musste. Sie ging ihm möglichst aus dem Weg, denn immer, wenn sie sich begegneten, fiel ihm etwas Neues ein, wie er sie demütigen und quälen konnte. Das jüngere Kind von Bianca war fast in ihrem Alter und wurde Cara gerufen. Mit Cara ließ sich auch prima spielen.
Marisa wusste, dass Bianca auch nicht mehr Mancini hieß, so wie sie und ihre Eltern, sondern Fratelli und eigentlich verheiratet war. Aber ihr Mann hatte sie vor vielen Jahren fortgejagt und eine Hure genannt.
Was eine Hure war, wusste Marisa nicht.
Bianca durfte mit ihren beiden Kindern auch nur bei ihnen wohnen, weil sie regelmäßig Brot, Gemüse und manchmal sogar Fleisch mit nach Hause brachte. Hin und wieder trug sie sogar etwas Geld bei sich, dass der Vater ihr aber direkt abnahm. Dann verschwand er im Dorf, kaufte dort Schnaps und kam schon betrunken heim. Meistens musste ihre Mutter dann mit ihm in das Schlafzimmer gehen und Vater ächzte und stöhnte eine Zeit lang, bis er laut schnarchend schlief.
Sie hielt sich regelmäßig die Ohren zu, wenn Vater und Mutter im Schlafzimmer zu Gange waren.
Marisa pickte geschickt die Knollen aus der Erde, klopfte den Dreck herunter und legte sie in den Korb, der sich zusehends füllte. Dieses Jahr hatten sie Glück mit dem Wetter: Für September war es noch recht warm und auch nicht zu feucht. Die Knollen gediehen gut, es gab keine Kartoffelfäule und auch die Anzahl der Kartoffelkäfer hielt sich in Grenzen. Marisa und ihre Mutter sammelten regelmäßig die kleinen gelben Tierchen mit den schwarzen Streifen ein und verbrannten sie.
„Marisa, freust du dich schon?“, fragte ihre Mutter, erhob sich ächzend und hielt sich den Rücken.
„Ja, Madre.“ Sie freute sich wirklich. Wie jedes Jahr an ihrem Geburtstag. Und besonders, wenn der Vater - so wie heute - nicht daheim war. Denn dann feierte sie mit ihrer Mutter, Fulvia und Cara zusammen in der kleinen Küche, durfte die Kerzen auf dem Kartoffelkuchen, den ihre Mutter extra für sie buk, auspusten und bekam sogar ein Geschenk. Letztes Jahr schenkte ihre Mutter ihr eine wollene Strumpfhose, die sie selbst gestrickt hatte. Marisa trug sie den ganzen Winter über, wusch sie regelmäßig vorsichtig und sorgfältig aus und behandelte das Kleidungsstück wie einen kleinen Schatz. Sie hatte in diesen Winter kaum gefroren.
Leider überraschte Fausto sie einmal, als sie die Strumpfhose in der Küche über dem Waschbecken wusch und boshaft grinsend schnitt er die Füße ab. „Wenn du Mutter etwas erzählst, schneide ich dir deine Füße auch noch ab“, drohte er und ging laut lachend davon. Marisa nähte die abgeschnittenen Teile mühsam wieder an, doch es passte irgendwie nicht mehr richtig zueinander. Trotzdem liebte sie das Kleidungsstück über alles.
In der Hütte schrie Alfonso laut um Hilfe, was vermutlich bedeutete, dass er seine Notdurft wieder einmal ins Bett gemacht hatte. Die Mutter sah Marisa nur fragend an und die Kleine machte sich auf dem Weg zu ihrem Bruder. Sie hoffte, dass es diesmal nicht ganz so schlimm sein würde und Alfonso nicht wieder alle seine Exkremente im Bett verschmiert hatte. Es war jedes Mal eine furchtbare Arbeit, ihn zu reinigen und die Laken abzuwaschen. Marisa schnappte sich auf dem Weg in das Zimmer, in dem auch sie und Fulvia schliefen, einen Eimer und einen Lappen. In der Küche füllte sie warmes Wasser und einen Spritzer von dem Reiniger hinein. Als sie die Tür zu dem kleinen Raum öffnete, schlug ihr schon ein beißender Geruch entgegen.
„Ich rufe jetzt seit Stunden“, fuhr Alfonso sie grob an. „Wo bleibst du blöde Kuh denn?“ Er wischte mit den Händen, die voller Kot waren, über seinen Bauch und Unterleib. „Wärst du früher gekommen, dann müsstest du mich nicht saubermachen. Aber die bella signora vergnügt sich ja lieber in der Sonne, als dass sie ihrem armen Bruder hilft!“
Er zog die verdreckte Bettdecke zur Seite und präsentierte ihr seinen nackten, verschmutzten Körper, in deren unteren Bereich das ‚Männerteil‘ in die Höhe ragte. Marisa hatte inzwischen gelernt, dass Männer und Frauen dort unten unterschiedlich aussahen und einen Würgereiz unterdrückend, begann sie ihren gelähmten Bruder zu waschen.
„Du musst den Schwanz ganz sauber machen, das ist das wichtigste Teil bei Mann.“
Marisa gab sich unbeeindruckt, solche Sprüche war sie von Alfonso gewöhnt. Mit der Routine, die sie in den letzten Jahren erworben hatte, wusch sie schnell und effizient den Schmutz von Körper und Bett. Ihre Gedanken weilten dabei bei dem Kuchen, den Mutter jetzt vermutlich in der Küche vorbereitete und lächelnd dachte sie an das Geschenk. Womit würde ihre Mutter sie dieses Jahr überraschen?
„Das macht dir Spaß, was?“, grunzte Alfonso, der ihr Lächeln falsch deutete. „Wenn du heute Nacht zu mir kommst, zeige ich dir noch schönere Sachen.“
Auch solche Reden kannte sie schon und verbissen kniff sie nun die Lippen zusammen. Im Stillen dankte sie Dio - Gott - dafür, dass Alfonso sich nicht bewegen konnte. Sein Leiden verdankte er einem Autounfall, bei dem einer seiner Freunde völlig betrunken gegen einen Baum gefahren war. Der Freund war tot und Alfonso fortan gelähmt, was ihm - seiner Meinung nach - das Recht gab, ihre Mutter und sie zu terrorisieren.
Marisa beendete ihre Arbeit, atmete vorwiegend durch den Mund, um den Gestank überhaupt ertragen zu können und verschwand schließlich ohne ein Wort zu verlieren in der Küche. Sie sprach nie mit Alfonso. Die Tür schloss sie sorgfältig hinter sich.
In der Küche wehte ihr der verführerische Duft des Kartoffelkuchens entgegen und entschädigte sie für das gerade erlebte. Sie würde den Eimer draußen ausleeren, reinigen und Cara, sowie Fulvia suchen, die irgendwo zusammen in der Nähe des Hauses spielten. Vielleicht blieb ja noch etwas Zeit, sich den beiden bei ihrem Spiel anzuschließen, bevor die Mutter sie alle zu der kleinen Geburtstagsfeier in die Küche rief. Marisa war schon ziemlich aufgeregt.
Sie fand Cara und Fulvia, die abseits des Hauses unter einem Baum im Gras saßen und Morra spielten, wobei Cara natürlich gewann. Marisa hockte sich zu den beiden und half Fulvia, die einfach nicht verstand, warum sie auf ‚Schere‘ von Cara nicht ‚Papier‘ mit den Fingern darstellen durfte. „Stein, Fulvia, du musst den Stein bilden“, erklärte sie und ballte die Hand zu Faust.
„Du darfst ihr nicht helfen, das ist unfair“, nörgelte Cara, die sich um den Sieg gebracht sah. „Wenn Fulvia ‚Papier‘ nimmt, dann nimmt sie halt Papier!“
„Du bist unfair, Cara. Fulvia versteht das Spiel nicht, da kann sie nur verlieren.“
„Ich verstehe das Spiel wohl“, meckerte Fulvia. „Ich bin doch nicht dumm!“
Alles sah nach einem handfesten Streit aus und Marisa nickte resigniert. Fulvia mochte zwanzig Jahre alt sein, warum sie auf die Schere mit dem Stein antworten sollte, verstand sie nicht. Dafür war sie aber umso schneller eingeschnappt, wenn man es ihr erklären wollte. Zum Glück rief jetzt die Mutter nach ihnen.
„Es gibt Kuchen“, jubelte Marisa und hoffte, die beiden dadurch wieder gut zu stimmen.
„Meine Mutter backt mir nie einen Kuchen“, schmollte Cara, lächelte dann aber schelmisch. „Dafür hat sie mir bei meinem letzten Geburtstag ein Stück Torta Mimosa vom Bäcker mitgebracht. So etwas Leckeres habt ihr in eurem Leben noch nicht gegessen!“
Fulvia lachte dreckig. „Hab‘ ich schon. Mir hat der Bäcker auch so ein Stück geschenkt. Nachdem ich ganz lieb zu ihm war. Deine Mama ist bestimmt auch ganz lieb zu ihm, damit er ihr so etwas gibt.“
In der Küche wartete der Kuchen auf dem Tisch und es waren genau zehn Kerzen darauf, die lustig im Windzug flackerten, als sie den Raum betraten. „Wascht euch die Hände, bevor ihr euch an den Tisch setzt“, schimpfte die Mutter, lächelte aber und half Flavia dabei, ihre dreckverkrusteten Finger zu reinigen. „So, Marisa, jetzt puste die Kerzen aus. Es darf keine am Brennen bleiben. Und dann schließe die Augen und wünsch dir etwas. Aber du musst deinen Wunsch für dich behalten, also verrate ihn nicht!“
Marisa erhob sich von dem klapprigen Küchenstuhl, holte tief Luft und blies mit aller Kraft die Kerzen aus. Rauch kräuselte sich in die Höhe und das kleine Mädchen formulierte in Gedanken ihren Wunsch. Ein Wunsch, den sie nun schon seit drei oder vier Jahren wiederholte und der so schlicht wie selbstlos war: Sie wünschte, dass es Jahr für Jahr so sein möge wie heute, es ihrer Familie gut ginge und sie noch lange, lange zusammenbleiben würden.
Ein Wunsch, der allerdings ihren Vater, Alfonso und Fausto nicht einschloss.
Eine der Kerze flackerte kurz wieder auf, doch ihre Mutter blies sie schnell aus und klatschte freudig in die Hände. „Alles Gute zum Geburtstag, Marisa.“ Dann überreichte sie ihr ein kleines Päckchen, das in wunderschönes, buntes Geschenkpapier eingewickelt war. „Mach es auf, Marisa, das gehört jetzt dir.“
Mit flinken Fingern öffnete die Kleine das Päckchen, in dem ein goldenes Amulett mit einer Kette lag. Staunend zog sie es hervor und betrachtete das Bild auf dem kleinen Stück Metall. „Das ist eine Frau, Madre. Es ist wunderschön.“
Ihre Mutter nickte. „Das Bild stellt die Wundertätige Madonna, die Madonna Immaculata Milagrosa, dar. Sie wird dich auf all deinen Wegen im Leben begleiten und beschützen. Komm Kind, ich lege dir die Kette um den Hals.“
Kaum, dass das Schmuckstück um Marisas Hals hing, stürmte sie zum Waschbecken und betrachtete sich in dem Spiegel, der darüber an der Wand angebracht war und dem Vater zum Rasieren diente. Es war wunderschön und die goldene Farbe glitzerte in den Sonnenstrahlen, die durch das schmutzige Fenster neben der Eingangstür hereinfielen. Marisa verschlug es die Sprache, so wunderschön war das Geschenk. „Danke, Madre, danke“, stammelte sie und fiel ihrer Mutter um den Hals. Tränen standen ihr in den Augen, so etwas Schönes hatte sie noch nie gesehen. Und das gehörte jetzt ihr ganz allein?
Aber sofort raste ihr auch der Gedanke durch den Kopf, dass Fausto dieses Schmuckstück niemals zu sehen bekommen dürfe. Er würde es ihr nur fortnehmen, zerkratzen und die Kette zerreißen. Sie wusste, dass sie ihr neues Geschenk fortan beschützen musste.
Sie aßen den Kartoffelkuchen, der an der Unterseite ein wenig schwarz geworden war. Aber das schmälerte die Freude Marisas in keinem Maße. Sie schob sogar noch einen Teil ihres zweiten Stückes Flavia zu, die dankbar glucksend darüber herfiel.
Und immer wieder fanden Marisas Hände zu dem Amulett, das sich so kühl und wertvoll anfühlte.
Die Mutter stimmte ‚Tanti auguri a te‘ an und Cara fiel sofort ein. Fulvia hatte sich den Text des Geburtstagsliedes noch nie merken können und sang melodisch ‚La la la la lala‘, was Marisa dazu verleitete zu lächeln. Sie kannte sogar den englischen Text, den sie einmal im Fernsehen aufgeschnappt hatte, als ihr Vater wieder eine seiner Volksmusiksendungen schaute. Na ja - der Vater lag damals betrunken auf der Couch und schlief, was es ihr erst ermöglichte, dem Lied zu lauschen und sich den Text einzuprägen. Marisa sang in Gedanken mit: ‚Happy birthday to you, happy birthday to you, happy ...‘
Als die letzte Note verklungen war, klatschte die Mutter wieder begeistert in die Hände. Plötzlich drang aus dem Nebenraum das Rufen Alfonsos und Marisa wollte schon aufspringen, um ihren Bruder ein weiteres Mal zu reinigen. Doch die Mutter gebot ihr, sitzen zu bleiben und den Rest des Kuchens zu essen. Sie erhob sich ächzend und verschwand im Zimmer der Kinder.
Die Tür war angelehnt und aus dem Raum drangen die Stimmen von Mutter und Sohn. Zunächst konnten die Kinder in der Küche kaum etwas verstehen, dann wurde die Mutter lauter: „Nein, Marisa kommt jetzt nicht, um dich sauberzumachen. Und wenn du demnächst nicht eher Bescheid sagst, dann kannst du in deinem Dreck liegen bleiben, bis du verrottest! Und was soll das, du Schwein? Nicht einen Finger kannst du mehr rühren, aber das funktioniert noch?“ Es klatschte mehrere Male laut und Alfonso fing an zu plärren wie ein dreijähriges Kind. „Wir hätten dich damals auf der Straße liegen lassen sollen. Dann wärst du verreckt, genauso wie dein Freund, dieses versoffene Scheusal! Und du hast auch nur überlebt, weil die `Ndrangheta die Kosten für die komplizierte Operation übernommen hat. Meinst du, ich wüsste nicht, was du und dein Vater mit diesen Dreckskerlen zu schaffen hattet?“ Es ging noch eine Weile so weiter, doch die Kinder in der Küche hielten sich die Ohren zu und warteten darauf, dass die Mutter wieder zu ihnen kam.
Als die schließlich aus dem Zimmer trat, ging sie schnurstracks zur Haustür und verschwand nach draußen. Sie wandte sich von den Kindern ab, doch Marisa konnte die Tränen in ihren Augen sehen.
Marisa räumte den Tisch ab und stellte das Geschirr in die Spüle, während Clara und Fulvia sich wieder ihrem ‚Schere - Stein - Papier‘ Spiel widmeten. Dann wusch sie alles gründlich sauber, denn - wie jedes Jahr - sollte ihr Vater nicht mitbekommen, dass sie ihren Geburtstag mit Kuchen gefeiert hatten.
Kurze Zeit später drangen von draußen Motorengeräusche in die Küche und die Kinder liefen rasch ins Freie. Es war ein Ereignis, wenn zu ihrem etwas abgelegenen Haus ein Fahrzeug den Weg fand, aber leider bedeutete das meistens nichts Gutes. Ihre Mutter stand neben der Tür und sie alle sahen dem Wagen, der jetzt langsam heranrollte, gespannt entgegen.
Es handelte sich um ein großes, eckiges Auto, das vollkommen schwarz war und sogar die Scheiben an den Seiten und hinten waren dunkel, so dass man nicht hineinsehen konnte. Ein bulliger, furchteinflößender Mann stieg auf der Fahrerseite aus, würdigte sie keines Blickes und öffnete die hintere Tür. Eine gutgekleidete Frau mit einem großen Hut, unter dem weizenblonde Haare bis auf die Schultern fielen, stieg aus dem Wagen und zu ihrer aller Überraschung kletterte auf der Beifahrerseite ihr Vater heraus. Er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten und grinste dümmlich, als er auf sie zukam. Es war unschwer zu erkennen, dass er wieder einmal zu viel des billigen Fusels zu sich genommen hatte. Der bullige Kerl streckte einen Arm aus und stoppte den Vater, noch bevor der ganz um den Wagen herumgehen konnte.
Jetzt kam die Frau auf sie zu, fixierte Fulvia, Cara und Marisa und ging zielstrebig auf das Geburtstagskind zu. Sie roch frisch und gut nach Seife und Parfüm. „Bist du Marisa?“, fragte sie und griff dem Kind ohne eine Antwort abzuwarten mit einer Hand ins Gesicht, das sie hin und her drehte. „Ja, du musst Marisa sein.“
„Fassen sie mein Kind nicht an“, fauchte die Mutter, doch der bullige Kerl machte zwei Schritte auf sie zu, schlug ihr ins Gesicht und grollte: „Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst!“
„Was soll das?“, fragte die Mutter jetzt etwas kleinlauter und erhielt erneut einen Schlag mit dem Handrücken, der sie gegen die Hauswand warf. Cara und Fulvia kreischten laut auf und die Frau sah sie böse an.
„Verschwindet!“, fuhr sie die beiden Kinder an und als Marisa sich ebenfalls abwandte, um sich hinter dem Haus in Sicherheit zu bringen, hielt sie die Zehnjährige fest. „Du nicht, du bleibst hier.“
Cara und Fulvia liefen umgehend um die Hausecke herum. Sie wussten, dass es ihnen nur Ärger und Prügel einbringen würde, wenn sie nicht gehorchten.
Die Mutter hatte sich an der Hauswand emporgerappelt und blickte böse auf die Fremden. Aber sie sprach kein Wort mehr und ihr Gesicht war dick angeschwollen. Ernesto warf einen hündischen Blick auf den bulligen Typ und als der nickte, trat er zu seiner Frau. Leise, aber noch laut genug, dass Marisa ihn verstehen konnte, meinte er mit trunkener Stimme: „Es tut mir leid, Rosa, aber das war die Abmachung. Sie werden Marisa mitnehmen.“
Ihre Mutter schlug Ernesto ins Gesicht. „Du Dreckskerl hast sie verkauft!“
Jetzt mischte sich die Frau ein, die immer noch den Kopf von Marisa festhielt. Die wagte es nicht, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. „Es gab vor zehn Jahren eine Abmachung zwischen uns und ihrem Mann. Marisa wird es gut gehen. Sie bekommt Arbeit bei einer netten Familie und erhält eine Ausbildung. Ihr Mann hat von uns seinen Teil bekommen, jetzt ist es an der Zeit, die Vereinbarung einzuhalten.“
„Was hast du getan, Ernesto?“, stöhnte ihre Mutter. „Wie konntest du unser Kind verkaufen?“
Der Vater zuckte lediglich mit den Schultern und zog eine Flasche Schnaps aus seiner Tasche. „Ich bin der Mann im Haus und ich entscheide. Das Balg liegt uns nun seit zehn Jahren auf der Tasche, wir haben genug Sorgen.“ Dann nahm er einen kräftigen Schluck.
Rosa schlug ihm die Flasche aus der Hand, die klirrend an einem Stein zersprang. „Niemand nimmt mir mein Kind weg“, schrie sie, doch da schlug der bullige Kerl erneut zu. Diesmal traf er sie mit der Faust und die Mutter ging ohnmächtig zu Boden.
„Sorge dafür, dass sie Ruhe gibt“, grollte er und sah Ernesto drohend an. „Sonst kommen wir wieder!“
Die blonde Frau fasste Marisa fest am Arm und wollte sie zu dem Wagen zerren, doch das Kind riss sich los. Was war aus ihrem Wunsch geworden, den sie in Gedanken beim Ausblasen der Kerzen geäußert hatte? Marisa lief auf die paar Bäume, die neben dem Haus standen, zu und wollte gerade durch ein Gebüsch brechen, als sie einen Schlag in den Rücken erhielt. In hohem Bogen flog sie zu Boden und blieb keuchend liegen.
Der bullige Mann hob sie wie einen leeren Sack auf und trug sie zu dem Wagen. „Wenn du noch einmal versuchst, zu fliehen, breche ich dir alle Knochen“, drohte er und drehte Marisa den Arm auf den Rücken, dass sie vor Schmerzen laut aufschrie. Hilfesuchend blickte sie zu ihrem Vater, der aber in den Scherben seiner Schnapsflasche versuchte, noch einen Rest der Flüssigkeit zu retten. Der Kerl, der Marisa so festhielt, als wäre sie in einem Schraubstock gefangen, zog mit einer Hand einen Geldschein aus der Tasche, den er zu Boden warf. „Kauf dir eine neue Flasche“, rief er bösartig und lachte meckernd.
Als ein leichter Wind drohte, den Geldschein fortzutragen, warf sich ihr Vater darauf und hielt ihn verzweifelt fest.
Die Frau fasste Marisa erneut ins Gesicht und zwang sie, ihr in die Augen zu sehen. „Mach uns keinen Ärger, Kind! Wenn du versuchst zu fliehen, wirst du es bereuen. Wie ich deiner Mutter schon erklärte, kommst du in eine gute Familie, der du im Haushalt helfen wirst. Sie werden dich für die Hilfe mit einer Ausbildung belohnen. Und du bist dafür nett und dankbar, denn ansonsten wirst du bereuen, nicht auf mich gehört zu haben. Und jetzt steig in den Wagen!“
Marisa sah sich gehetzt um, doch es gab keine Möglichkeit zur Flucht. Der bullige Kerl war schneller als sie und stand ohnehin im Weg. Mit Tränen in den Augen kletterte sie in den schwarzen Wagen.
Dann hatte sie eine Idee und noch bevor die gutangezogene Frau mit dem Hut ebenfalls einsteigen konnte, kroch sie auf die andere Seite des Rücksitzes und öffnete dort die Autotür. Sie musste ein wenig fummeln, fand aber schließlich den Hebel und die Tür schwang auf. Das Mädchen sprang aus dem Fahrzeug und rannte erneut auf die Bäume und Büsche zu. Jetzt hatte sie etwas Vorsprung und vielleicht gelang es ihr ja, sich zu verstecken. Marisa kannte viele Verstecke in der Nähe des Hauses. Wie oft hatten Cara, Fulvia und sie hier Nascondino, Verstecken, gespielt. Sie musste nur dem brutalen Kerl entkommen, er würde sie niemals finden.
Aber schon wenige Sekunden später hörte sie dessen Schritte hinter sich. „Bleib stehen, du kleines Miststück, du entkommst mir sowieso nicht“, keuchte er und Marisa beschleunigte noch einmal ihre Schritte.
Dann wurde sie an den Haaren gepackt und plötzlich verloren ihre Füße den Kontakt zum Boden. Der Schmerz an ihrem Kopf war fürchterlich und sie erhielt einen Schlag ins Gesicht, der sie benommen zu Boden gehen ließ. Marisa bekam kaum noch mit, wie der bullige Kerl sie hochhob und zum Wagen trug, wo er sie brutal auf den Rücksitz warf, ihre Hände mit einem Plastikband fesselte und sie dann anschnallte.
„Du wirst deine Lektion noch lernen, Marisa“, säuselte die Frau, die jetzt neben ihr auf der Rückbank des Wagens Platz nahm. „Das verspreche ich dir!“
Von der Fahrt aus dem Dorf heraus bekam Marisa nicht viel mit, da sie benommen in ihrem Sicherheitsgurt hing. Ihr Gesicht schmerzte und schwoll an. Die Lippen und der ganze Mund schienen wie aufgeblasen zu sein. Das linke Auge war zugeschwollen und ihre Arme, die hinter dem Rücken gefesselt waren, schmerzten in dieser Lage fürchterlich.
Die Frau neben ihr sprach in ein kleines Gerät. Marisa vermutete, dass es ein Handy oder Smartphone war, von dem die Kinder im Dorf immer so ehrfürchtig sprachen. Sie kannte nur das klobige Telefon, das in dem kleinen Gebäude hing, über dessen Eingang in gelben Buchstaben ‚Posta‘ stand. Marisa hatte sich die Buchstaben von einem anderen Kind, das zur Schule ging, erklären lassen und sie sich gut gemerkt. Sie wusste sogar, was ein Alphabet war und konnte die ersten zehn Buchstaben benennen.
Was die blonde Frau redete, verstand sie nicht, dafür sprach sie zu leise. Vielmehr fesselte das Kind jetzt die Gegend, die an ihnen vorbeizog. Sie hatten die Berge verlassen und das Land wurde zusehends flacher. Überall standen Bäume in gleichmäßigen Reihen. Es mussten Millionen davon sein, wobei Marisa keinerlei Begriff davon hatte, wie viel eigentlich ‚Millionen‘ waren. Sie hatte den Begriff nur einmal bei einer dieser Volksmusiksendungen aufgeschnappt, als eine wunderhübsche Frau von ‚Millionen Zuschauern vor den Bildschirmen‘ sprach. Auf jeden Fall waren Millionen sehr viel.
So weit war Marisa ihr ganzes Leben noch nicht von zu Hause fort gewesen. Weiter als bis auf die andere Seite des kleinen Dorfes, an dessen Rand sie wohnten, hatten ihre Füße sie nie getragen. Sie staunte über die vielen Fahrzeuge, die ihnen entgegenkamen. In jedem saßen Menschen und es mussten unfassbar viele sein.
Vielleicht sogar Millionen.
Die Frau neben ihr hatte das Telefongespräch beendet und sagte etwas zu dem bulligen Kerl hinter dem Steuer, der ihr schließlich umständlich ein kleines Messer reichte. Marisa wich ängstlich zurück, als die Blonde sich ihr zuwandte, konnte aber nicht weit ausweichen, da der Gurt sie fest gefangen hielt. „Schscht“, machte die Frau. „Keine Angst, ich tu dir nichts. Ich will nur deine Fesseln durchschneiden.“ Sie löste das Plastikband um Marisas Hände und dankbar zog die ihre Arme nach vorne. Sie waren gefühllos und fingen an zu kribbeln. Ganz so, als hätte sie zu Hause im Bett zu lange darauf gelegen.
„Versprich mir, dass du jetzt keinen Ärger mehr machst“, mahnte sie die Frau und nahm ihr Gesicht wieder in die Hand, drehte es und zwang ihr in die Augen zu sehen. Die Augen erinnerten Marisa an die der kleinen Eidechsen, die sie in der Nähe ihres Hauses hin und wieder gefangen hatte. „Versprich es mir!“
Marisa nickte ängstlich. Die Augen, in die sie geblickt hatte, versprachen mehr, als lediglich Prügel.
Plötzlich roch die Luft merkwürdig. Marisa konnte einen Hauch von Salz auf den Lippen spüren. Sie fuhren durch eine große Stadt mit riesigen Häusern und so etwas hatte sie noch nie gesehen. Dann konnte sie durch die Lücke zwischen zwei Häusern das unendliche, blaue Meer erkennen. „Wo sind wir?“, flüsterte sie. Mehr zu sich selbst, als zu der Frau neben ihr.„Crotone“, gab die barsch, aber nicht unfreundlich, zurück. „Das Ehepaar, zu dem wir dich bringen, ist sehr nett. Also mach ihnen keinen Ärger. Wenn du Ärger machst und ich muss deinetwegen noch einmal zurückkommen, dann wirst du dir wünschen, nie geboren worden zu sein.“ Die kalten Reptilienaugen fixierten Marisa scharf, dann zog die Frau ihr Handy hervor. „Wir sind in fünf Minuten da ... Wie verabredet, ja wir sind schon in Crotone ... Marisa, der Name ist Marisa.“ Sie unterbrach das Gespräch und sah gelangweilt aus dem Fenster. Marisa hätte gerne so viel gefragt. Zu der Stadt, zu dem Meer, das sie gesehen hatte und aus diesen Volksmusiksendungen kannte, wo die Sänger vor dem blauen Hintergrund mit weißen Schiffen darauf, auftraten. Aber die kalten Augen der gutangezogenen Frau schreckten sie ab. Vielleicht war dieses Ehepaar wirklich so nett, wie sie gesagt hatte, dann könnte sie dort ihre Fragen stellen.
Marisa sehnte sich zu ihrer Mutter zurück, zu ihrem kleinen, übersichtlichen Dorf, wo es nicht so hektisch zuging, wie hier auf den Straßen. Ja, selbst zu ihrem Vater, der grob und ungeduldig war, sehnte sie sich zurück. Aber vor allem fehlten ihr Cara und Fulvia, die ihr ans Herz gewachsen waren. Tränen liefen ihr über die Wangen und sie fragte sich, ob sie ihre Familie jemals wiedersehen würde.
Plötzlich hielt ihr die Frau ein Papiertaschentuch hin. „Hör auf mit der Flennerei, Mädchen und wisch dir das Gesicht ab. Was sollen deine Gasteltern denken? Wenn du sie begrüßt, wirst du lächeln, verstanden?“ Wieder drehte sie ihr Gesicht mit diesem erbarmungslosen Griff, so dass sie ihr in die Augen sehen musste. „Hast du das verstanden?“
Marisa nickte beklommen und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie würde tapfer sein - so tapfer, wie sie immer gewesen war, als Fausto sie quälte und sie ihre Tränen zurückhielt, bis sie seinen hämischen Blicken entkommen war. Fausto hatte nie eine Träne von ihr zu sehen bekommen und sie schwor sich, dass sie es jetzt auch so halten würde.
Aber vielleicht waren diese ‚Gasteltern‘ ja ganz nett und sie könnte denen erzählen, dass sie lieber zu ihren Eltern zurückkehren würde, als hier in dieser großen Stadt zu leben. Marisa spürte, dass sie sich selbst etwas einredete, was nie eintreffen würde.
Der Wagen verließ die Stadt und fuhr durch eine kleine Ortschaft, bis auch dort die Häuser weniger und weniger wurden. Dann bogen sie zwischen einer Ansammlung von Bäumen von der Straße ab auf einen unbefestigten Weg und hielten schließlich vor einem kleinen Haus, das von der Straße her nicht eingesehen werden konnte.
Der bullige Kerl am Steuer hupte, ließ aber den Motor laufen. Die Frau stieg aus dem Wagen, kam um das Fahrzeug herum, öffnete die Tür und hieß Marisa auszusteigen. Aus dem Haus trat ein unheimlich dürrer, großer Mann, dem die ungepflegten Haare bis auf die Schultern fielen. Er schlurfte heran und der Gang erinnerte Marisa an den ihres Vaters, wenn er reichlich von dem billigen Schnaps getrunken hatte.
Die blonde Frau legte ihr eine Hand auf die Schulter und ihre Finger bohrten sich klauenartig in das Fleisch. Eine Warnung an Marisa, jetzt keine Fehler zu machen. Sie zwang sich dazu, zu lächeln.
„Ist das Marisa?“, fragte der Mann unnötigerweise. Seine Stimme klang hoch und schrill. Und ein wenig hektisch. Jetzt trat auch eine Frau aus dem Haus, die ebenso dürr war, wie der Mann. Sie war wesentlich kleiner, sah aber ebenso ungepflegt aus, wie ihr Mann. Mit verschränkten Armen blieb sie neben der Haustür stehen und beobachtete die Szene.
„Irgendwelche Papiere?“, fragte der Dürre.
Marisa lächelte weiter, auch wenn es ihr sehr schwerfiel. Der Mann und die Frau sahen wenig vertrauenswürdig aus und Marisa spürte, wie ihr die Tränen erneut in die Augen stiegen. Der Druck der Klauenhand verstärkte sich und verstohlen wischte sich das Mädchen mit dem Papiertaschentuch über die Augen.
Die Frau schüttelte den Kopf. „Keine Papiere.“
„Umso besser. Hier“, der Mann zog einen Umschlag hervor und reichte ihn der Frau. „Das ist alles von dieser Woche.“ Er zuckte mit den Schultern. „Mit den neuen Mädchen braucht es halt eine Weile.“ Dann sah er Marisa ins Gesicht. „Was ist denn mit der passiert? So kann man nichts mit ihr anfangen.“
„Sie wollte abhauen ...“, meinte die Frau mit dem Hut. „Aber keine Sorge, es wird keine Probleme mit ihr geben.“
„Das will ich hoffen.“ Der Mann stöhnte. „So ein Gesicht wird uns noch einmal eine Woche kosten. Ihr wisst doch, dass wir Termine einzuhalten haben!“
„Du wirst schon zurechtkommen. Oder etwa nicht?“ Die gutangezogene Frau sah den dürren Kerl scharf an. „Willst du dich beschweren?“
Der hob die Hände. „Nein, nein, wir schaffen das. Mit ein wenig Schminke ... Daria kann wahre Wunder bewirken.“
„Dann sind wir uns ja einig. Was ist mit der anderen?“
„Was soll mit der sein? Sie ist jetzt erst zwei Tage bei uns. Eine Woche, darunter geht es nicht.“ Er nickte zu dem Umschlag hin. „Deswegen ja auch so wenig diese Woche. Ihr dürft von den Neuen keine Wunder erwarten.“
„Tun wir auch nicht, Filippo. Vergiss nicht, dass wir nicht erst seit gestern im Geschäft sind. Wir kommen in zwei Wochen wieder, dann erwarten wir, dass alles reibungslos funktioniert.“
„Das wird es, versprochen!“
Jetzt meldete sich die Frau, die neben der Haustür stand und rief: „Denk an die Päckchen, Filippo. Die Päckchen!“
Der Dürre, Filippo, sah die gutangezogene Frau lächelnd an. „Ja, die Päckchen“, wiederholte er und seine Stimme bekam einen gierigen Klang.
Die Frau nickte dem bulligen Kerl kurz zu. Der holte etwas aus dem Handschuhfach des Wagens und reichte dem Dürren schließlich zwei kleine Päckchen. Der nahm sie grinsend entgegen und wandte sich an Marisa: „Komm.“
Aber die Frau war noch nicht fertig mit ihm: „Moment, Filippo. Eine Kleinigkeit noch: Keine Drogen an die Kinder. Wenn ihr eure Arbeit nicht ohne das Zeug hinbekommt, werden wir euch austauschen. Wir lassen nicht zu, dass unsere Investitionen schon nach wenigen Jahren wertlos sind. Hast du das verstanden?“ Sie trat einen Schritt vor und nahm das Gesicht des Dürren genauso in die Hand, wie zuvor Marisas Gesicht. Als Filippo es ihr entziehen wollte, legte der bullige Kerl eine Hand auf seine Schulter.
Die Frau zwang Filippo, ihr in die Augen zu sehen. „Keine Drogen an die Ware! Wir brauchen sie noch gut zehn, fünfzehn Jahre, da nützt es uns nichts, wenn sie schon nach drei oder fünf Jahren an einer Überdosis sterben. Hast du das kapiert, Filippo?“ Ihre Stimme klang eiskalt und die Drohung darin war unverkennbar.
Marisa wusste nicht, was dies alles bedeutete, aber sie sah, dass dieser Filippo und die dürre Frau ebenso Angst vor der Gutangezogenen und dem bulligen Kerl hatten, wie sie.
„Ich habe verstanden, ist ja gut. Keine Drogen. Aber das macht die Sache schwieriger. Außerdem ...“
„Was außerdem?“ Diesmal war es der Kerl, der die Worte grollend aussprach.
„Was kann ich dafür, wenn sie sich selbst welche besorgen oder von den Kunden auf den Geschmack gebracht werden? Wir tun immer unser Möglichtest.“
„Dann ist es deine Aufgabe, den Kunden das klarzumachen, Filippo.“ Jetzt sprach wieder die Frau. „Sollte so etwas noch einmal vorkommen, wird es für euch nicht so glimpflich ausgehen, wie beim letzten Mal!“
Der bullige Kerl gab Filippo einen Stoß in den Rücken, der ihn fast umwarf und die beiden stiegen in den Wagen. Als sie zwischen den Bäumen verschwanden, drehte sich der Dürre um und stapfte auf das Haus zu, ohne Marisa weiter zu beachten. Die wusste nicht, was sie tun sollte und folgte ihm.
„Diese Arschlöcher“, fluchte der Dürre laut, „überlassen uns die ganze Arbeit, die ohnehin schon schwer genug ist!“ Er schien sich an Marisa zu erinnern, kehrte kurz um und zog sie am Arm in die Diele des Hauses an der dürren Frau vorbei. Die folgte ihnen sofort und schloss sorgfältig die Haustür.
„Du wartest hier, bis wir dich rufen“, bestimmte er und verschwand mit seiner Frau durch die nächste Tür, die er bis auf einen Spalt zuzog.
Marisa blieb stehen, wie man es ihr gesagt hatte und sah sich um. Das gezwungene Lächeln auf ihrem Gesicht war längst schon verschwunden und sie dachte über die gehörten Worte nach, konnte sich aber keinen Reim darauf machen.
Was, um alles in der Welt, waren Drogen?
In der kleinen Diele des Hauses herrschte ein schummriges Halbdunkel, aber viel gab es ohnehin nicht zu sehen. Drei Türen gingen von hier zu verschiedenen Räumen ab und eine Treppe führte in das Obergeschoss. An der einen Seite der Wand war ein kleines Brett mit mehreren Schlüsseln befestigt. Gegenüber hingen einige fleckige Jacken an mehreren Haken. Es roch muffig und irgendwie süßlich. Der Boden bestand aus hellgrauen Fliesen, auf denen sich ein leichter Schmutzfilm befand. Sie schlich zwei Schritte vor, so dass sie durch den Türspalt, hinter dem die beiden verschwunden waren, blicken konnte. Ganz offensichtlich handelte es sich um die Küche, denn Marisa erkannte einen Herd und eine Spüle, in der sich jede Menge verdrecktes Geschirr befand. Das magere Ehepaar saß an dem Tisch, der in der Mitte des Raumes stand und darauf lag das Paket, das sie von der Frau aus dem Auto erhalten hatten. Es war geöffnet und ein kleines Häufchen weißen Pulvers lag daneben, das der Dürre jetzt mit flinken Fingern zu zwei dünnen Linien zerteilte.
Marisa dachte an ihre Mutter, die Mehl - das Bianca manchmal vom Bäcker mitgebracht hatte - auch als kleinen Haufen auf dem Tisch geschüttet hatte, um es dort mit etwas Wasser zu vermengen. Es wurde immer ein Festessen, wenn sie dann daraus kleine runde Klöße formte, die anschließend in Wasser gekocht wurden.
Aber der Dürre und seine Frau formten keine Klöße, sondern sogen das Pulver mittels eines Strohhalms in die Nase ein. Dann ließen die beiden sich auf einen Stuhl fallen, seufzten wohlig und stierten mit verklärtem Gesichtsausdruck zur Decke. Nach einer Weile hörte sie den Mann ihren Namen rufen und rasch trat sie in die Küche.
„Es gibt ein paar Regeln in diesem Haus“, erklärte ihr der Mann und rieb sich die Nase. „Regeln, die du unbedingt befolgen wirst. Zunächst: Du redest nur, wenn du gefragt wirst. Und du antwortest jedes Mal in ganzen Sätzen und sagst ‚Signor‘.“ Seine Frau sah ihn mit einem Blitzen in den Augen an und er fügte rasch hinzu: „Oder ‚Signora‘. Wir sind für dich der ‚Signor‘ und die ‚Signora‘. Wie heißt du?“
„Marisa“, antwortete Marisa und fragte sich, warum er das wissen wollte. Er kannte doch ihren Namen.
Der Dürre ließ seine Faust auf den Tisch donnern, so dass das kleine Päckchen ein wenig in die Höhe sprang. Marisa erschrak und fast wären ihr wieder die Tränen gekommen. „Signor“, brüllte er. „Es heißt ‚Signor‘. Wie heißt du also?“
„Marisa, Signor.“
„So ist es schon besser. Vergiss nie, uns den gebührenden Respekt entgegenzubringen. Die zweite Regel ist: Wenn wir dir etwas auftragen, dann hast du es unverzüglich auszuführen. Es gibt keine Fragen und keine Diskussionen. Kapiert?“
„Ja, Signor.“
Der Mann lehnte sich grinsend zurück und sah seine Frau triumphierend an, die jetzt mit einem Finger die Reste des Pulvers auf dem Tisch zusammenkratzte und sich dann den Finger ableckte. „Die Kleine lernt schnell“, grunzte er zufrieden und wandte sich wieder an Marisa: „Du wirst hier alle Annehmlichkeiten haben, die du dir wünscht, solange du uns keine Probleme machst. Fehlverhalten wird Restir... Restrier... also Ärger für dich bedeuten. Und drittens: Du redest nie über unsere Familie. Das geht niemanden etwas an. Wenn dich jemand fragt, antwortest du höflich, wirst aber niemals etwas von dieser Familie erzählen. Und du wirst niemandem Namen nennen. Wir sind der ‚Signor‘ und die ‚Signora‘. Kannst du mir folgen?“
Marisa war nicht ganz klar, was der Mann wirklich von ihr wollte, doch sie kannte inzwischen die gewünschte Antwort: „Ja, Signor.“
Der Dürre beugte sich zu ihr herunter und tätschelte ihren Kopf. Sein Atem stank nach Verwesung und Marisa hätte sich am liebsten abgedreht, doch die Angst schnürte ihr die Kehle zu. „Sehr gut, mein Schatz, sehr gut. Ich sehe, wir werden gut miteinander auskommen. Eine weitere Regel in diesem Haus lautet: Du verlässt nie dein Zimmer, es sei denn du musst den Abort benutzen. Oder wir befehlen es dir. Dies ist ein großes Haus, gut gepflegt und du wirst hier als Haushaltshilfe arbeiten. Bei solchen Gelegenheiten darfst du dich hier natürlich frei bewegen. Hast du auch das verstanden?“
Marisa wusste nicht, was ein ‚Abort‘ war und überlegte, was sie nun sagen sollte. Vorsichtig formulierte sie: „Was ist ein Abort, Signor?“
Wieder donnerte die Faust auf den Tisch und der Mann sah sie forschend an. „Bist du dumm? Hast du in der Schule nichts gelernt? Ein Abort ist ein Klo, eine Toilette, das Scheißhaus eben.“
Marisa sagte nichts. Insbesondere nicht, dass sie noch nie zur Schule gegangen war. Dazu gab es nie die Gelegenheit, weil im Haus und im Garten so viel zu tun war. Außerdem musste sie ja immer Alfonso pflegen. Für Schule blieb nie Zeit übrig. Fulvia war einige Zeit zur Schule gegangen, wie sie wusste, doch man hatte sie nach Hause geschickt, weil ihre Schwester nichts im Kopf behalten konnte. Wie das bei ihren Brüdern und Bianca gewesen war, wusste sie nicht, dafür war der Altersunterschied zu groß. Aber Cara war auch nie zur Schule gegangen.
„Die Signora wird dir jetzt dein Zimmer zeigen. Dort bleibst du, bis wir dich zum Abendessen rufen. Wenn du noch Fragen hast, dann kannst du sie jetzt stellen.“
„Ja, Signor.“
„Also hast du noch Fragen?“
„Nein, Signor.“ Marisa wollte tausend Fragen stellen, doch sie traute sich nicht. Wie würde der dürre ‚Signor‘ reagieren? Würde er wieder auf den Tisch schlagen oder würde seine Faust schließlich in ihrem Gesicht landen? Marisa blickte zu Boden, um ihn bloß nicht zu provozieren.
Die dürre Frau erhob sich ächzend, stand einen Augenblick leicht schwankend da und zog sie dann am Arm aus der Küche. „Dir wird es bei uns gefallen“, meinte sie in schleppendem Tonfall. „Morgen fangen wir mit der Arbeit an. Es wird Zeit, dass das Haus geputzt wird. Aber das wirst du ja sehen.“ Sie lachte meckernd. „Wir kaufen später sogar etwas anzuziehen für dich. Und deine Haare werden länger wachsen müssen. Dein Haarschnitt sieht ja fürchterlich aus. „Kannst du kochen?“
„Nein, Signora.“
„Auch egal. Aber putzen wirst du doch können?“
„Ja, Signora.“
Sie folgte der Frau die schmale Treppe hinauf ins Obergeschoss, wo sie in einen ebenso schmalen Gang gelangten. „Hier ist das Badezimmer, dort ist auch das Klo. Wenn du dich erleichtern musst, darfst du bis hierhin gehen, aber nicht weiter. Du wirst die Treppe niemals ohne unsere Erlaubnis herunterkommen, klar?“
„Ja, Signora.“
„Dieser Raum hier“, sie zeigte auf eine verschlossene Tür, „ist das Zimmer vom Signor und mir. Da hast du nichts drin zu suchen.“ Sie gingen bis ans Ende des kurzen Ganges und standen vor einer Tür, die die dürre Frau öffnete. „Und das hier ist dein Zimmer. Also euer Zimmer. Du wohnst natürlich nicht alleine bei uns.“ Sie betraten den Raum, der - wie alle Räume in diesem Haus - in einem ungemütlichen Halbdunkel lag. Ein schlankes Mädchen sprang von dem Bett links an der Wand auf und stellte sich kerzengrade davor. Sie sagte kein Wort, sondern betrachtete die Dürre nur ängstlich.
Der Raum war sehr karg ausgestattet, es befanden sich zwei Betten darin, ein kleiner Tisch mit einem Stuhl standen vor einem kleinen Fenster, sowie daneben ein Schrank und eine Truhe. Auf der Truhe stand ein kleiner Fernseher, den Marisa interessiert betrachtete. Sollten sie wirklich ihren eigenen Fernseher in diesem Zimmer haben und ihn auch noch benützen dürfen? Sie traute sich nicht zu fragen, hoffte aber, dass sie sich nicht irrte.
Die dürre Frau zeigte auf das Mädchen, das abwartend vor dem Bett stand: „Das ist Zita. Ihr werdet gut miteinander auskommen. Das werdet ihr doch, oder nicht, Zita?“
Das schlanke Mädchen nickte und deutete einen Knicks an: „Ja, Signora.“
Jetzt wies die Frau auf das zweite Bett, links von Zitas Bett, das ebenfalls an einer Wand stand. „Da schläfst du, Marisa. Zita wird dir alles erklären.“ Dann blickte sie an Marisa herunter: „Ich erwarte, dass du gewaschen und sauber zum Abendessen erscheinst!“
Die Dürre sah Marisa erwartungsvoll an und die wusste instinktiv, was von ihr erwartet wurde.
„Ja, Signora.“
Sie warteten, bis sich die Tür hinter der ‚Signora‘ schloss, dann fiel alle Spannung von den beiden Mädchen ab. Zita kam auf Marisa zu und hielt ihr die Hand hin. „Ich bin Felizitas, aber alle nennen mich Zita. Das ist die Kurzform“, erklärte sie.
Marisa nahm die Hand und schüttelte sie. „Marisa Mancini. Für meinen Namen gibt es keine Kurzform.“
Zita lächelte. „Marisa ist ein schöner Name. Nur benutze nie deinen Nachnamen. Hier bist du einfach nur Marisa.“ Sie blickte an Marisa herunter und schüttelte den Kopf. „Wo sind deine Sachen, deine Tasche? Und was haben sie mit deinem Gesicht gemacht?“
„Eine Tasche und Sachen habe ich keine. Es ging alles so schnell, als sie kamen ...“ Marisa konnte die Tränen nicht mehr unterdrücken und weinte haltlos. „Wir ... wir haben meinen Geburtstag gefeiert und dann kam plötzlich dieser Wagen mit dem scheußlichen Kerl und der blonden Frau darin. Und meinem Vater“, fügte sie bitter hinzu. „Ich habe versucht zu fliehen, als sie mich in den Wagen steckten, doch ...“
Zita strich ihr mitfühlend über die gesunde Wange. „Wir müssen dein Gesicht kühlen, warte ich hole etwas.“ Lautlos schlich das Mädchen auf den Flur und wenige Minuten später kam sie mit einem nassen Waschlappen zurück. „Leg das auf die Verletzung, es kühlt.“ Sie führte Marisa zu deren Bett. „Setz dich. Wir haben noch etwas Zeit bis zum Abendessen.“ Zita verzog angewidert das Gesicht. „Sofern man den Fraß überhaupt ‚Essen‘ nennen kann. Es wird wahrscheinlich wieder irgend so einen Brei geben.“ Sie seufzte und fügte hinzu: „Aber es macht wenigstens satt. Erzähl doch: Warum bist du hier? Wollte dein Vater auch nichts mit der `Ndrangheta zu schaffen haben?“
„Heißt die blonde Frau so?“, fragte Marisa und schüttelte den Kopf. „Soweit ich verstanden habe, hat mein Vater mich schon kurz nach meiner Geburt verkauft. Aber die `Ndrangheta kenne ich nicht. Die habe ich zum ersten Mal gesehen, als sie vor unserem Haus aus dem Auto stieg.“
Zita senkte die Stimme, schluckte schwer und auch ihr liefen plötzlich Tränen die Wangen herunter: „Wie die Frau heißt, weiß ich nicht. Sie und der Kerl sind auch zu uns gekommen. `Ndrangheta heißt die Mafia hier, das ist eine Verbrecherbande ... Aber erwähne niemals den Namen anderen gegenüber. Niemals, verstehst du?“
Marisa nickte. Sie wusste nicht, warum, doch die Eindringlichkeit von Zitas Worten machte ihr Angst. „Hat dein Vater dich auch verkauft?“
Zita wischte ihre Tränen fort und schüttelte den Kopf. Dann setzte sie sich neben Marisa auf das Bett und legte einen Arm um sie. Es schien, als wolle sie das Mädchen trösten, doch Marisa spürte, dass Zita selbst Trost brauchte. „Mein Vater wollte nie etwas mit den Verbrechern zu schaffen haben, doch eines Tages musste er sich Geld leihen. Wir haben in Cosenza gewohnt, in einem kleinen Haus. Mein Vater war bei der Stadt angestellt, ich weiß aber nicht genau, was er da gemacht hat. Jedenfalls hatte er irgendetwas mit dem Bau von Häusern zu tun. Vater hat oft darüber geflucht, dass man ihn unter Druck setzen würde, wegen irgendwelcher Baugenehmigungen, die er nicht erteilen durfte oder konnte. Interessiert hat mich das aber nicht wirklich und er hat auch nur mit Mutter darüber gesprochen, wenn die beiden meinten, ungestört zu sein. Er hat oft auf die `Ndrangheta geflucht, daher kenne ich auch den Namen der Verbrecherbande.“ Sie weinte still vor sich hin und Marisa wartete geduldig, bis Zita weitersprechen würde.
„Eines Tages kamen die blonde Frau und der Kerl zu uns und zwei weitere Männer waren dabei. Sie verlangten von Vater das geliehene Geld zurück oder er sollte machen, was sie wollten. Wegen der Baugenehmigungen. Ich war in meinem Zimmer und lauschte durch die Tür, die nur angelehnt war. Ich konnte sehen, wie sie am Tisch saßen und sich unterhielten. Dann sagten sie, dass - wenn er nicht zahlen könnte - sie mich mitnehmen würden, um die Schuld zu tilgen.“
Zita schluchzte jetzt haltlos und brauchte einige Minuten, um sich wieder zu fassen. „Vater und Mutter versprachen, das Geld zu besorgen, doch das reichte den Männern nicht. Sie wollten das Geld sofort haben. Dann verlangte die Blonde, dass sie mich holen sollten, damit ich mit ihnen käme.“
Zita stockte in ihrer Erzählung. Marisa legte zum Trost nun ihrerseits einen Arm um das Mädchen. „Vater und Mutter weigerten sich und versprachen noch einmal, das Geld am nächsten Tag zurückzuzahlen. Sie wollten sogar das Haus verkaufen, was aber natürlich nicht so schnell gehen würde, doch die Gangster lachten nur. Als die blonde Frau zu meinem Zimmer gehen wollte, um mich zu holen, stellte Vater sich ihr in den Weg und hielt sie fest. Einer der Männer schlug ihn dann so brutal, dass er gegen die Wand flog und blutend auf dem Boden liegen blieb. Mein Vater drohte ihnen mit der Polizei, doch die Männer lachten nur und haben gesagt, dass die Polizei sowieso mache, was sie wollten. Mein Vater ist wieder aufgestanden und hat gesagt, dass er einen Richter informieren wollte, der sich um so etwas schon kümmern würde. Da wurden die Männer richtig böse. Meine Eltern mussten sich auf den Boden knien und dann zog einer eine Pistole, die vorne ein ganz langes Rohr hatte und dann ... dann ...“
Wieder schüttelte ein Weinkrampf das Mädchen und wieder dauerte es eine Weile, bis die sich gefasst hatte. Sie fuhr schließlich fort: „Dann haben sie meinen Vater und meine Mutter in den Kopf geschossen. Ich weiß nicht mehr, was danach geschah, ich musste jedenfalls wie am Spieß geschrien haben. Ich erinnere mich nur noch, wie wir plötzlich vor dem Haus standen und der Signor und die Signora mich auf das Zimmer hier brachten.“
Marisa stockte der Atem. Hatten die Leute wirklich die Eltern von Zita erschossen? Oder bildete das Mädchen sich das nur ein? Es konnte doch eigentlich nicht sein, dass jemand einen Menschen einfach so erschoss? Dann sagte sie sich, dass es doch eigentlich keinen Grund gab, warum sich Zita so eine schreckliche Geschichte ausdenken sollte.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und hielten sich in den Armen.
„Das tut mir so leid, Zita“, murmelte Marisa schließlich. „Das ist ja schrecklich!“
