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Es sollte ein ruhiges und entspanntes Wochenende werden: Joanthan Lärpers und seine Freundin Akeno Duval sind auf dem Weg in die Eifel, als sie von Akenos Vater angerufen werden. Ihr Onkel und ihre Tante wurden bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. Akenos Eltern wollen nun zu den Verwandten nach Frankreich fahren. Akeno bietet ihnen sofort an, mitzureisen und auch Jonathan möchte dabei sein. Sie brechen ihre Fahrt in die Eifel ab und fahren statt dessen zu den Eltern nach Düsseldorf. Noch am selben Tag reisen sie nach Straßburg, wo Onkel und Tante im Krankenhaus liegen. Da das Leben der Verunglückten auf der Kippe steht, entschließen sich die Eltern in Frankreich zu bleiben. Jonathan und Akeno schließen sich ihnen an und sie fahren zusammen in das Haus der Verwandten in dem kleinen Örtchen Plobsheim. Bei ihren Recherchen zum Unfall stoßen Akeno und Jonathan auf Hinweise, dass der Autounfall absichtlich herbeigeführt wurde. Jonathan verfolgt die Spur schließlich weiter, was ihn zu einer Gruppe von Terroristen, die einen Anschlag auf das europäische Parlament in Straßburg geplant haben. Plötzlich befinden sich Jonathan, Akeno und ihre Eltern in großer Gefahr. Bernd Heisters - Jonathan und Akenos Freund und Chef - mit denen sie in ständigem Kontakt stehen, schickt ihnen ihre Kollegin Birgit Zickler zu Hilfe. Der Kampf gegen die Terroristen wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit.
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Seitenzahl: 546
Veröffentlichungsjahr: 2023
Jürgen Ruhr
Terror - Anschlag
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
-
-
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.
XVIII.
XIX.
XX.
XXI.
XXII.
XXIII.
XXIV.
XXV.
XXVI.
XXVII.
XXVIII.
XXIX.
Epilog
Über den Autor
Impressum neobooks
Terror-Anschlag
Thriller
Buch 12 der JL Reihe
© by Jürgen H. Ruhr
Mönchengladbach
Bisher in der JL Reihe erschienene Titel (alle Bücher sind auch als Taschenbuch erhältlich):
(01) Kokain - Hotel
(02) Personen - Schutz
(03) Undercover - Auftrag
(04) Reise - Begleitung
(05) Gefahren - Abwehr
(06) Final - Tanz
(07) Austausch - Programm
(08) Spür - Nase
(09) Kaffee - Fahrt
(10) Feuerwehr-Challenge
(11) Himmelfahrts-Kommando
Die Personen dieser Geschichte
sind frei erfunden.
Irgendwelche Bezüge
zu
irgendeiner Realität
wären rein zufällig!
Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee und aufgebackenen Brötchen riss mich aus meinem Traum und zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht. Ohne die Augen zu öffnen, spürte ich, dass die Sonne mit all ihrer Kraft durch die Gardinen in das Schlafzimmer schien. Es würde ein herrlicher Tag werden.
Allerdings war bisher jeder Tag ein herrlicher Tag, seitdem ich mit der wunderhübschen Akeno Duval zusammen sein durfte. Akeno und ich lernten uns bei einem Auslandseinsatz im Oman kennen und verliebten uns ineinander. Wir waren nur knapp dem Tod entkommen. Ich hatte noch nie gekannte Ängste ausgestanden, als wir quer durch den Oman und Indien flüchten mussten und meine gerade neu gewonnene Liebe dabei fast ums Leben kam.
Akeno war damals bei einer befreundeten Detektei angestellt gewesen und verfügte über keinerlei Erfahrung im Außendienst. Aber wir hatten es mit unserem ‚Schutzbefohlenen‘ - einem abgehalfterten Politiker - schließlich sicher zurück in die Heimat und nach Mönchengladbach geschafft.
Das hatten wir der Hilfe von Bernd Heisters, meinem langjährigen Freund und Chef, zu verdanken.
Bernd Heisters besitzt mehrere Krav-Maga Kampfstudios in ganz Deutschland und hier im Industriegebiet Mönchengladbach-Güdderath befindet sich die Zentrale seines Imperiums. Ebenso wie die Detektei ‚Argus‘, die uns hauptsächlich als Tarnung für nicht ganz legitime Aufträge des Oberstaatsanwaltes Herrmann Eberson dient. Aufträge, die diskret und oft verdammt nah am Rand der Legalität stattfinden.
Bernd fusionierte noch in dem gleichen Jahr mit der Detektei aus Düsseldorf und plötzlich waren Akeno und ich nicht nur ein Liebespaar, sondern auch Kollegen.
Ich dachte an all die anderen Kollegen und es machte mich ein wenig stolz, zu dieser ‚Truppe‘ zu gehören. Da ist zum einen Samuel L. Terbarrus - Dr. nat. med. der Molekularen Medizin -der als Bernds rechte Hand fungiert. Oder Frank Behrmann, Professor Dr. phil nat. habil. für Elektrische Netze.
Was immer das auch bedeuten mag.
Und Bernd ist Doktor der Medizin. Aber zum Glück bin ich nicht der einzige ohne Doktortitel, denn unser Trainer für Kampfsport, der einen Meter achtzig große und einhundertfünfzig Kilo wiegende Thomas Friedlich - den alle nur ‚Dozer‘ nennen - gehört ebenfalls nicht zu der Riege der Akademiker.
Und natürlich meine Kolleginnen Christine Weru, Birgit Zickler und die blonde Jennifer Enssel, die als Mädchen für alles die Verwaltungsarbeiten managt.
Wir sind wirklich ein bunter Haufen, doch eines haben wir alle gemeinsam: Die ‚Sucht‘ nach Adrenalin und Abenteuer.
Ich grunzte wohlig und sog den Duft des Kaffees und der Brötchen tief ein. Akeno, die von einem französischen Vater und einer japanischen Mutter abstammte, hatte eine Wende in meinem Leben bewirkt. Nicht nur, dass sie dafür sorgte, dass meine Englischkenntnisse endlich einigermaßen akzeptabel wurden, sondern mein gesamtes Wesen hat sich geändert. Aber jetzt habe ich ja auch jemanden, auf den ich Acht geben und den ich beschützen muss.
Dass ich die Liebe meines treuen Freundes Bingo, einem Belgischen Schäferhund, mit ihr teilen muss, nehme ich gerne hin.
Eigentlich bekommt Akeno den größten Teil der Aufmerksam des Malinois, aber das ist schon okay.
Ich hielt die Augen wohlig geschlossen und drehte mich im Bett um. Ein paar Minuten würde ich noch den Geruch und die Vorfreude auf das Frühstück genießen, doch dann müsste ich aufstehen und das warme, weiche Bett verlassen.
In diesem Moment wischte die feuchte Zunge meines geliebten Hundes durch mein Gesicht und ich wusste, dass es nun mit der Ruhe vorbei war.
„Na du Faulpelz“, hörte ich die süße Stimme Akenos. „Frühstück ist fertig. Willst du denn überhaupt nicht aufstehen?“
„Morgen Akeno“, brummte ich mit einem Lächeln und wollte gerade die Augen öffnen, als die warme, feuchte Zunge erneut durch mein Gesicht fuhr. „Ist ja schon gut, Bingo, ich bin wach.“
Bingo hatte ich vor einiger Zeit von dem unsäglichen Herrn Weser übernehmen müssen und nach anfänglicher Skepsis wurden wir die besten Freunde. Nicht Herr Weser und ich - Gott bewahre. Der alte Querulant würde mich noch ins Grab bringen.
„Jetzt steh‘ endlich auf, Jonathan. Der Kaffee wird kalt und du musst dich ja auch noch waschen. Wenn du nicht bald in die Küche kommst, fange ich ohne dich an.“
Ich streichelte Bingo über den Kopf und erhob mich. Akeno war schon wieder verschwunden und ich hörte sie in der Küche hantieren. „Dann wollen wir mal“, grinste ich den Malinois an und stand nun endgültig auf.
Zehn Minuten später setzte ich mich – frisch geduscht und rasiert - an den reich gedeckten Frühstückstisch. „Was machen wir heute?“, fragte ich meine Freundin. „Es scheint ein herrlicher Tag zu werden. Hast du schon irgendwelche Pläne?“
Akeno schüttelte den Kopf. „Faulenzen, Spazierengehen, was weiß ich. Irgendetwas, das keinen Stress verursacht.“ Sie hielt mir das Körbchen mit den frischen Brötchen hin und ich griff beherzt zu. „Vielleicht können wir ja einen Ausflug in die Eifel unternehmen.“
Ich nickte. „Eine prima Idee. Bingo wird sich freuen.“
Akeno sah mich schelmisch an: „Nur Bingo?“
„Nein, ich natürlich auch. Wir hatten die letzten Wochen auf der Arbeit genug Stress und wer weiß, was Bernd nächste Woche wieder für uns hat.“ Ich stöhnte leise und verdrehte die Augen. „Hauptsache, nicht wieder irgend so eine Detektivsache, bei der ich verschwundenen Hunden oder Ehemännern hinterherjagen muss.“
Akeno lachte. „Ja, sicher. Vielleicht so etwas in der Art, wie im Oman? Vielen Dank, aber mein Bedarf an Abenteuern ist ziemlich gedeckt.“
Ich biss in mein Brötchen, das ich reichlich mit gekochtem Schinken belegt hatte. „Du kannst ja an deinem Schreibtisch und Computer bleiben. Ein bisschen Action würde mir allerdings mal wieder guttun.“ Akeno ist ein Genie, wenn es um Computer und Software geht. Aber dank der Ausbildung in Kampfsport und an den verschiedensten Waffen würde sie inzwischen bei jedem Außeneinsatz auch ihren Mann stehen.
Oder ihre Frau ...
„Hat Bernd denn nichts darüber verlauten lassen, was für uns anliegt?“
Akeno schüttelte den hübschen Kopf. „Ich weiß auch nicht mehr als du. Oder denkst du, dass ich im Büro etwas mitbekomme, das dir verborgen bleiben könnte? Morgen früh erfahren wir beim Meeting bestimmt mehr.“
„Eberson hat sich wohl auch nicht gemeldet?“
„Bei mir jedenfalls nicht, Jonathan.“
„Hauptsache nicht wieder so eine langweilige Detektivsache ...“
„Das sagtest du schon. Jonathan, du fängst an, dich zu wiederholen.“
„Ja, weil es wichtig ist. Das kann man gar nicht oft genug betonen ... Die letzten Aufträge waren aber auch so was von öde.“
Akeno zuckte mit den Schultern. „Tagesgeschäft. Muss auch sein ...“
Ich wechselte das Thema: „Also, wo fahren wir hin? Wie wäre es mit dem Nürburgring?“ Ich grinste: „Wir könnten da eine Runde Rennen fahren.“
Die Asiatin riss entsetzt die Hände hoch. „Bloß nicht, Jonathan.“ Sie hob den Zeigefinger. „Keinen Stress! Außerdem ist dein komischer Kia nicht unbedingt das geeignete Fahrzeug für ein ‚Rennen‘. Also schlag dir deinen Nürburgring aus dem Kopf. Wir suchen uns ein romantisches Plätzchen, wo wir Spazierengehen können. Und heute Mittag möchte ich irgendwo lecker Essen gehen.“
Ich nickte. Mein ‚komischer Kia‘ war wirklich nicht das geeignete Fahrzeug für den Nürburgring. Der postgelbe Venga wurde leider häufig von irgendwelchen Spaßvögeln als Briefkasten missbraucht, wenn ich wieder einmal vergessen hatte, alle Fenster sorgfältig zu schließen. Eigentlich wollte ich mir ja schon längst einen neuen Wagen zugelegt haben, doch irgendwie bekam ich nie so richtig den Dreh dazu.
Ein Porsche wäre das richtige Fahrzeug für mich, doch darüber brauchte ich mit Akeno nicht einmal ansatzweise diskutieren.
„Wir fahren nach Maria Laach“, bestimmte die Schöne. „Dort kann man herrlich Spazierengehen.“
„Okay“, murmelte ich und hoffte darauf, morgen einen vernünftigen Auftrag von Bernd zu bekommen. Irgendwie war mir nach etwas Action.
„Okay? Was heißt das? Du beharrst jetzt doch nicht etwa auf deinem Nürburgring?“
Jetzt hoch ich abwehrend beide Hände. „Nein, nein. Das war nur so eine Idee ... Maria Laach ist schon okay. Nur ...“
„Was nur?“
„Naja, bei dem herrlichen Wetter werden wir wohl kaum die einzigen sein, die dort Spazierengehen.“
Akeno warf mir einen abschätzenden Blick zu. „Aber am Nürburgring sind wir die einzigen?“
„Nun reite doch nicht immer auf diesem blöden Nürburgring herum“, antwortete ich und versuchte, nicht gereizt zu klingen. „Das war eine dumme Idee.“
Wenn Bernd mir seinen Porsche Cayman oder wenigstens den 911er leihen würde, dann wäre eine Fahrt über den Nürburgring schon ein echtes Erlebnis. Aber leider vermied es mein Freund, mir einen dieser Wagen aus seiner Garage unter dem Krav Maga Studio anzuvertrauen ...
„Du denkst an Bernds Porsche, stimmt’s?“ Akeno lächelte mich zuckersüß an. „Dabei weißt du doch, dass er dich niemals einen der Porsche fahren lässt.“
Jetzt lächelte ich ebenfalls. Oder versuchte es zumindest. „Lieber Schatz“, entgegnete ich im feinsten Dozententon, „Bernd hat mich schon mit seinem Porsche fahren lassen!“
„Ja, mit dem SUV. Und das ist etwas ganz anderes, als so ein hochwertiger Sportwagen. Hast du nicht unlängst so einen Cayman geschrottet?“
Das war nun das Letzte, woran ich erinnert werden wollte.
„Ach halt, da war ja auch noch der von dem Autohaus.“ Akeno lachte ungeniert. „Den hast du rückwärts durch die Scheibe des Vorführraums gefahren ...“
„Das lag ... an der hakeligen Schaltung“, gab ich kleinlaut von mir. Meine Unglücksfahrten mit den zwei Porsche waren immer noch das Gesprächsthema unter den Kollegen und dienten regelmäßig ihrer Erheiterung. Themen, über die ich lieber nicht sprechen wollte.
„Ich freue mich schon auf Maria Laach“, versuchte ich abzulenken und zog mein Smartphone hervor. Angestrengt tippte und wischte ich darauf herum. „Mal sehen, ob es dort auch ein schickes Restaurant gibt.“
Akeno erhob sich und begann das Geschirr abzuräumen. „Wir finden bestimmt ein nettes Restaurant“, erklärte sie währenddessen. „Du brauchst dein Handy gar nicht zu bemühen. Hilf mir lieber, das Geschirr zu spülen, damit wir bald fahren können.“
Ich legte das Telefon zur Seite und half Akeno. Wenigstens waren wir von dem unsäglichen Thema mit den Porsche weg.
Eine halbe Stunde später befanden wir uns auf der Autobahn in Richtung Eifel. Für einen Sonntag herrschte reger Verkehr und es schien bald so, als wären alle auf dem Weg in den Nationalpark Eifel. Bingo schlief auf der Rückbank und grunzte hin und wieder zufrieden vor sich hin. Akeno hielt ihr Smartphone in der Hand und suchte nun selbst nach einem schicken Restaurant, in dem wir unser Mittagessen möglichst auf einer Terrasse draußen zu uns nehmen konnten.
Meine Gedanken kreisten um Bernds Porsche und den Nürburgring. Vielleicht sollte ich doch noch einmal mit meinem Freund sprechen. So von Mann zu Mann und Liebhaber von schnellen Wagen. Ich könnte ja mit Chrissi zum Nürburgring fahren. Auf keinen Fall würde ich Birgit mitnehmen, die nach einem Kursus beim Mossad, dem israelischen Geheimdienst, ziemlich schräg drauf war. Ohne mit der Wimper zu zucken hatte sie einigen bösen Jungs Dinge angetan, von denen ich nicht einmal zu träumen wagte. Seitdem nannte ich sie auch nicht mehr ‚die Zicke‘, aus Angst selbst einmal ihr Opfer zu werden.
Nicht einmal in meinen geheimen Gedanken traute ich mich, sie ‚die Zicke‘ zu nennen.
„Hier, das sieht doch ganz gut aus“, riss Akeno mich aus meinen Gedanken und hielt ihr Telefon hoch.
Ich warf einen flüchtigen Blick darauf, konnte aber nichts erkennen. Außerdem musste ich mich auf den Verkehr konzentrieren. „Und was hast du gefunden?“
„Heute Mittag essen wir in der Klostergaststätte Maria Laach. Die haben ein ausgezeichnetes Angebot an Speisen und auch einen Außenbereich. Was wollen wir mehr?“
Ich grinste. „Speisen? Ja sicher. Klostergaststätte. Vermutlich wird es dort nur Wasser und Brot geben.“
„Du bist aber heute wieder extrem witzig, Jonathan“, wies Akeno mich zurecht. „Hier, hör dir das mal an: Eifellamm-Brust. Oder vielleicht für dich Feinschmecker doch lieber Laacher Currywursttopf?“
„Haha“, machte ich. „Jetzt bist du witzig.“
„Du kannst auch Flammkuchen oder eine Suppe essen. Ich freue mich jedenfalls schon ...“
„Ich auch, ehrlich“, erklärte ich und überlegte, ob so ein Currywursttopf auch als Vorspeise geeignet wäre. Und danach dann die Sache mit dem Lamm. „Bieten die denn keinen Fisch an? Du isst doch so gerne Fisch.“
Akeno schüttelte den Kopf. „Nein, kein Fisch.“
Mein Schatz hatte es doch wirklich geschafft, mich - den eingeschworenen Fischhasser - zu einem begeisterten Freund lecker zubereiteter Meerestiere zu machen. Auch so eine Wandlung, die die asiatische Schönheit an mir vollbrachte. „Wir sollten mal ein Wochenende an die Küste fahren“, schlug ich vor. „Und dort so richtig frischen Fisch essen. Jetzt, da es etwas wärmer wird, Frühling und Sommer kommen, bieten sich Wochenendausflüge ja förmlich an. Holland, Belgien oder Frankreich. Was denkst du?“
„Gerne, Jonathan. Wenn das Wetter mitspielt. Der Winter war lang genug.“ Akeno zeigte sich begeistert. „Ich bin auf jeden Fall dabei. Und Bingo sowieso.“
Als der Malinois seinen Namen hörte, hob er leicht den Kopf, wie ich im Rückspiegel sehen konnte. Dann grunzte er leise und fiel wieder in seinen Schönheitsschlaf.
Ein paar Minuten später spürte ich, wie Akeno mich von der Seite ansah. „Ist irgendetwas?“, fragte ich und fuhr mir mit einer Hand durchs Gesicht. Allerdings schien alles in bester Ordnung zu sein.
„Wir sollten die Fahrtzeit nutzen, Jonathan“, erklärte meine Schönheit und lächelte hintergründig. Dann wechselte sie plötzlich ins Französische. „As-tu fait tes devoirs?“
Ich stöhnte. Nachdem Akeno es mit viel Mühe und Geduld geschafft hatte, mein Englisch auf einen ziemlich akzeptablen Stand zu bringen, kam ihr die fixe Idee, mit Französisch weiterzumachen. Und nun quälte ich mich mit dem Lernen von französischen Vokabeln herum.
Tag für Tag und selbst im Schlaf verfolgte mich diese Sprache.
„Ja, habe ich“, knurrte ich und blickte durch die Windschutzscheibe stur geradeaus.
„Parle francais!“
Ich wiederholte den Satz auf Französisch, was noch ziemlich hakelig klang. Aber es wurde besser. Akeno nickte zufrieden. Es fiel mir weitaus leichter, die Sprache zu verstehen, als sie zu sprechen.
Bis zum Autobahnkreuz Bliesheim unterhielten wir uns mehr oder weniger flüssig auf Französisch, dann endlich erlöste mich das melodische Klingeln ihres Smartphones. Akeno kramte das Telefon wieder hervor und meldete sich. Gespannt lauschte ich ihren Worten, um mitzubekommen, wer sie jetzt anrief.
Sie hörte eine Weile lächelnd zu, dann wurde ihr Gesichtsausdruck ernst. „Wir sind gerade auf dem Weg nach Maria Laach“, erklärte meine Schöne und ihre Stimme klang plötzlich sorgenvoll. „Ich schätze aber, dass wir in ein oder zwei Stunden bei euch sein können.“ Es entstand eine kurze Pause, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich komme auf jeden Fall mit. Ich muss lediglich ein paar Sachen einpacken. Wartet auf mich.“
Ich sah meine hübsche Freundin von der Seite an.
Akeno warf mir einen kurzen Blick zu, dann sprach sie weiter: „Ja, ich bin sicher, schließlich sind es ja auch meine Verwandten.“ Wieder eine Pause, in der sie mit ernstem Gesicht lauschte. „Ich muss das allerdings mit meinem Chef abklären, doch wie ich Bernd kenne, dürfte es keine Probleme geben. Ja, ich melde mich gleich noch einmal.“ Sie unterbrach das Gespräch und sah mich ernst an. „Wir müssen umdrehen, Jonathan und nach Hause zurückfahren. Da vorne bei Weilerswist kannst du von der Autobahn abfahren.“
„Was ist denn los? Wer war das?“, fragte ich und in meiner Stimme klang echtes Erschrecken mit. „Ist etwas passiert?“
Akeno nickte und ich bemerkte, dass eine Träne ihre Wange herunterlief. „Das war mein Vater. Ich habe dir doch von meinem Onkel Gabriel erzählt ...“
Ich nickte. „Und deiner Tante Chouchou.“
„Lilou. Die beiden hatten gestern Abend einen schweren Autounfall.“ Jetzt rannen Akeno ungehemmt die Tränen aus den Augen. Sie schlug beide Hände vors Gesicht. Ich konnte sie kaum noch verstehen. „Die beiden liegen in Straßburg in der Universitätsklinik. Es sieht nicht gut aus, man hat in der Nacht noch Notoperationen durchgeführt, doch die Überlebenschancen sind nur gering. Meine Eltern fahren zu ihnen und - sofern Bernd mich entbehren kann - will ich mich ihnen anschließen.“ Akeno wischte sich über das Gesicht und holte tief Luft. Dann tippte sie Bernds Kurzwahl ein und lauschte.
Ich fuhr derweil von der Autobahn ab und in Gegenrichtung direkt wieder auf. Bingo schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte, denn er saß mit aufgerichteten Ohren auf der Rückbank und beobachtete uns.
Bernd meldete sich schon nach den ersten Klingeltönen und wenige Sekunden später begrüßte ihn Akeno. Dann erzählte sie von dem Unfall. „Mein Onkel Gabriel Pichon und meine Tante Lilou. Sie ist die Schwester meines Vaters“, hörte ich sie leise und mit trauriger Stimme sagen. Dann nickte sie.
Ich hob meine Hand, um Akeno auf mich aufmerksam zu machen und raunte ihr zu: „Frag Bernd doch, ob ich mitfahren kann. Oder ob er mich kommende Woche unbedingt braucht.“
Akeno wiederholte meine Worte, dann lauschte sie kurz und beendete das Gespräch. Sie sah mich fragend an: „Willst du wirklich mitkommen? Du weißt doch ...“
„Ja, dein Vater.“ Jean Duval hatte sich früh aus dem Berufsleben als Arzt mit eigener Praxis zurückgezogen. Die Praxis sollte eigentlich Akeno übernehmen, doch als sie ihren eigenen Weg einschlug, suchte er einen anderen Nachfolger und half nun nur noch gelegentlich dort aus. Akenos Entscheidung für ein Studium der Biochemie und der Informatik mit ein paar Semestern Psychologie behagte ihm so gar nicht, doch noch weniger gefiel ihm, dass sie sich für mich entschieden hatte. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wusste er mir unter die Nase zu reiben, dass mein Philosophiestudium in Regensburg so viel Wert war, wie der Dreck unter seinen Fingernägeln.
Woraufhin ich mir seine Nägel näher betrachtete und nicht die Andeutung eines noch so kleinen Dreckkörnchens entdecken konnte.
„Ja, ich komme mit. Hat Bernd grünes Licht gegeben?“
Akeno nickte. „Wenn du möchtest, kannst du mitkommen. Sofern meine Eltern nichts dagegen haben ...“
Misaki Duval, ihre Mutter, würde bestimmt keine Einwände erheben. Die Japanerin war trotz ihrer zweiundfünfzig Jahre immer noch wunderhübsch und sehr sanftmütig. Akeno hatte mir verraten, dass Misaki ‚schöne Blüte‘ bedeutete und der Name passte auch wirklich zu ihrer Mutter. „Ich komme mit euch“, bestätigte ich noch einmal. „Ich lass dich doch nicht im Stich.“
Akeno hielt schon wieder das Telefon ans Ohr und wenig später sprach sie erneut mit ihrem Vater. Als sie erwähnte, dass auch ich mit ihnen nach Straßburg fahren würde, entspann sich eine kurze Diskussion, doch Akeno setzte sich durch.
Wir wurden in Düsseldorf erwartet.
Zurück in meiner Wohnung packten wir in aller Eile unsere Reisetaschen. Akeno rechnete damit, dass wir höchstens zwei bis drei Tage in Straßburg bleiben würden, doch vorsichtshalber nahmen wir Kleidung für mindestens eine Woche mit. Falls ihre Eltern doch länger in Frankreich bleiben mussten, wollten wir beide mit dem Zug nach Mönchengladbach zurückfahren.
Noch klammerten wir uns an die Hoffnung, dass ihre Verwandten den schrecklichen Unfall überleben würden.
Während Akeno noch ihre Sachen packte, klingelte ich eine Etage tiefer bei meiner Kollegin Christine Weru. Sie war es gewesen, die mir diese Wohnung hier vermittelte hatte und sie wohnte direkt unter mir. Christine öffnete nach einigen Minuten. Sie trug einen Bademantel und sah ziemlich verschlafen aus.
„Jonathan? Was machst du denn hier?“
„Guten Morgen, Langschläferin. Habe ich dich geweckt?“
Chrissi grinste schelmisch. „Nein, ich musste sowieso aufstehen, es hat nämlich an der Tür geklingelt.“
„Darf ich kurz reinkommen?“ In der Wohnung gegenüber lebte eine ältere Frau, die jetzt garantiert hinter ihrem Türspion stand und uns beobachtete. Ich wollte nicht, dass sie mitbekam, was ich mit meiner Kollegin zu besprechen hatte.
Christine trat zur Seite und ich schloss die Wohnungstür sorgfältig hinter mir. „Ist etwas passiert? Du siehst so ... ernst aus, Jonathan.“
Ich nickte. „Akenos Onkel hatte einen schweren Autounfall und wir müssen kurzfristig nach Straßburg. Ich habe keine Ahnung, wie lange das dauern wird. Vielleicht zwei bis drei Tage. Kannst du dich so lange um Bingo kümmern?“ Akenos Vater würde niemals erlauben, dass der Hund mit uns fuhr.
„Natürlich, das ist kein Problem. Ich freu‘ mich schon. Ist Akenos Onkel schwer verletzt?“
„Onkel und Tante. Ja, beide scheinen ziemlich schwer verletzt zu sein und es ist nicht sicher, ob sie überleben werden. Wir haben schon mit Bernd gesprochen, der gibt uns ein paar Tage frei.“ Ich drückte ihr den Zweitschlüssel meiner Wohnung in die Hand. „Nur für den Fall, dass etwas sein sollte ... Bingo bringe ich dir vorbei, wenn wir gleich fahren.“
Chrissi nahm mich kurz in den Arm. „Pass gut auf dich auf. Und auf Akeno auch. Ich hoffe, dass Akenos Tante und Onkel wieder gesund werden.“
„Hoffentlich“, stimmte ich ihr zu.
Akenos und meine Reisetaschen standen fertig gepackt im Hausflur. Ich hörte sie in der Küche eine japanische Melodie summen. Als ich eintrat, blickte Bingo, der sich in einer Ecke zusammengerollt hatte, kurz auf. „Hier steckt ihr. Chrissi hat sich bereiterklärt, Bingo zu nehmen. Wenn du fertig bist, können wir los. Was machst du da eigentlich?“
„Mittagessen. Ich weiß, es ist noch ein wenig zu früh, doch wie ich meinen Vater kenne, wird er nach unserer Ankunft direkt darauf drängen, zu fahren. Also sollten wir jetzt noch schnell eine Kleinigkeit essen.“
„Gute Idee, was gibt’s denn?“
„Ravioli. Die sind im Nu warm. Um ein umfangreicheres Essen zu kochen, fehlt uns die Zeit. Setz dich.“
Nach dem Essen beugte ich mich zu Bingo herab, streichelte über seinen Kopf, was er mit einem wohligen Grunzen quittierte und flüsterte ihm ins Ohr: „Du wirst ein paar Tage bei Chrissi bleiben müssen. Aber benimm dich, mach uns keine Schande.“ Bingo sah mich an, als wolle er sagen: ‚Ich habe dir noch nie Schande gemacht, fass mal lieber an deine eigene Nase ...‘
„Hast du alles, Jonathan?“, fragte meine Morgenröte und sah mich ernst an. „Ausweis, Führerschein?“
Ich holte meine Jacke von der Garderobe, zog sie an und nahm die Dokumente aus der Tasche. „Alles da. Fehlt nur noch meine Waffe.“
„Untersteh dich, Jonathan Lärpers“, fauchte die Asiatin. „Du brauchst dort keine Waffe. Onkel Gabriel hatte einen Autounfall, sonst nichts. Außerdem wäre es ja nicht gerade lustig, wenn du mit einer Pistole in Frankreich erwischt wirst, oder?“
Ich nickte. Trotzdem würde ich mich bewaffnet wohler fühlen.
„Und dann ist da ja noch das Krav Maga“, insistierte sie weiter. „Wozu brauchst du noch eine Waffe?“
Christine wartete schon an der Tür auf uns und sie und Bingo begrüßten sich herzlich. Wie immer nutzte der Malinois die Gelegenheit, ließ sich auf den Rücken fallen und von Chrissi ausgiebig den Bauch streicheln. Wir verabschiedeten uns hastig und eilten zum Wagen.
„Du musst nicht mit nach Frankreich kommen, Jonathan“, erklärte Akeno noch einmal, während sie den Sicherheitsgurt anlegte.
Ich nickte. „Ja, ich weiß. Ihr werdet bestimmt zurechtkommen, doch wenn du nichts dagegen hast, würde ich trotzdem gerne mitfahren.“ Ich seufzte resigniert. „Ich weiß, dass ich vermutlich eher hinderlich sein werde, zumal ich ja kaum einen Brocken Französisch sprechen kann. Und dein Vater würde es bestimmt auch lieber sehen, wenn ich zu Hause bliebe ...“
„Darüber mach dir mal keine Gedanken. Der alte Brummbär meint es nicht so. Im Grunde seines Herzens hat er dich doch ganz lieb.“
„So, so. Das hat er aber bisher hervorragend vor mir verborgen.“ Ich bog auf die Autobahn und reihte mich in den fließenden Verkehr ein. Zum Glück waren nicht so viele Autos unterwegs, so dass wir gut vorankamen.
Akenos Eltern wohnten in einer riesigen Villa auf einem wahnsinnig großen Grundstück direkt zwischen dem Rheinufer und dem Benrather Schlosspark. Ich hatte mir oft ausgemalt, wie ich mich in so einem Zuhause fühlen würde, doch irgendwie behagte mir der Gedanke nicht. Viel Eigentum bedeutet auch viel Verantwortung und allein der Gedanke, das Anwesen kontinuierlich in Schuss halten zu müssen, verursachte bei mir eine Gänsehaut.
Ich glaube, ich würde mich ein wenig von der wirklichen Welt abgeschnitten fühlen ...
Einmal, als ich Akeno meine diesbezüglichen Gedanken mitteilte, verriet sie mir, dass es ihr ebenso ging. Als kleines Kind war sie immer stolz darauf gewesen, dort zu wohnen, doch mit zunehmendem Alter fühlte sie sich eher wie das Vögelchen in einem goldenen Käfig. Ich konnte sie gut verstehen.
Wir hielten vor dem stählernen Tor, das das Grundstück von der Straße trennte. Eine Überwachungskamera mit entsprechenden Sensoren würde unsere Ankunft melden und Sekunden später öffnete sich das Tor lautlos. Ich gab Gas und fuhr die Einfahrt zum Wohnhaus hinauf.
Akenos Vater erwartete uns schon vor der zweiflügeligen Eingangstüre und er blickte missmutig auf meinen postgelben Kia. „Du hast ja immer noch deinen merkwürdigen Postwagen“, knurrte er mit seinem französischen Akzent, den er in all den Jahren, die er nun schon in Deutschland lebte, nie abgelegt hatte.
„Ihnen auch einen schönen guten Tag, Herr Duval“, erwiderte ich und bemühte mich, meine Worte freundlich klingen zu lassen. Insbesondere, da Akeno mir einen warnenden Blick zuwarf.
Die Situation wurde durch Akenos Mutter gerettet, die auf mich zustürmte und beide Arme um mich legte. „Jonathan, schön dass du da bist“, lächelte sie. In ihrer Stimme schwang nicht der geringste Hauch von einem Akzent mit und Misaki roch wie eine Wiese im Frühling.
„Wow, Misaki. Neues Parfum? Das passt wirklich zu dir.“Akenos Vater, der seine Tochter noch im Arm hielt, warf mir einen vernichtenden Blick zu. „Guerlain“, knurrte er, „Jasmin Bonheur. Schweineteuer.“
„Aber nicht vom Schwein“, lachte ich, merkte aber, dass ich gerade wieder in eines der zahlreich bereitstehenden Fettnäpfchen getreten war.
„Jonathan!“, maßregelte mich Akeno auch direkt, dann umarmte sie ihre Mutter. „Das Parfum steht dir wirklich ausgezeichnet“, schmeichelte sie mit einem Seitenblick auf mich.
Misaki Duval zog ihre Tochter in den Hausflur, wohin Jean und ich ihr folgten. „Ich habe für uns Tee gekocht. Kommt doch herein!“
Wir folgten ihr in das Wohnzimmer, das bestimmt größer war, als meine gesamte Wohnung und ließen uns auf einer bequemen Polstergruppe nieder. Misaki eilte in die Küche und ein junges Hausmädchen brachte das Teegeschirr und etwas Gebäck herein.
Jean Duval stopfte sich derweil eine Pfeife, wobei er mich unentwegt ansah. Ich erwiderte trotzig seinen Blick. „Du willst also mitfahren!“ Das klang nicht wie eine Frage, sondern eher wie eine Feststellung.
Ich nickte. Dann kam mir eine Idee: „Ich könnte ja fahren, dann können sie sich entspannen.“
Jean Duval lachte meckernd. „Entspannen, wenn du fährst? Jonathan, mir sind die Geschichten mit deinen Porsche - Fahrversuchen bekannt. Glaubst du, da überlasse ich dir meinen nagelneuen Mercedes CLS? Reicht es denn nicht, wenn zwei aus unserer Familie verunglückt sind?“
Akeno warf mir erneut einen warnenden Blick zu, was mich veranlasste, lediglich mit den Schultern zu zucken. Meine kleine Morgenröte sollte nicht behaupten können, ich wäre nicht diplomatisch ...
„Sie haben einen neuen Wagen?“, fragte ich höflichkeitshalber.
Jean nickte. „Der neueste CLS AMG in mysticblau metallic. Die vierhundertfünfunddreißig PS bringen den Wagen im Nu auf zweihundertfünfzig Sachen.“ Akenos Vater grunzte zufrieden. „Geht ab wie Schmidts Katze.“
In diesem Moment betrat Misaki Duval mit dem Tee das Zimmer. Tadelnd sah sie ihren Mann an: „Musst du schon wieder mit diesem unsäglichen Fahrzeug angeben? Mehr als eine Angeberkarre ist das wirklich nicht. Und so lange ich mit in dem Wagen sitze, wird nicht schneller als Hundertzwanzig gefahren!“
„Jonathan hat gefragt“, erwiderte Jean kleinlaut und widmete sich dem Gebäck. „Außerdem sollten wir bald losfahren, sonst kommen wir erst mitten in der Nacht in Straßburg an. Und dann hat das Krankenhaus geschlossen.“
Misaki schüttete uns Tee ein. Kopfschüttelnd meinte sie: „Bis Straßburg brauchen wir nur rund vier Stunden, für eine Tasse Tee ist da auf jeden Fall noch Zeit. Wir haben die Kinder jetzt so lange nicht gesehen, da kommt es auf ein paar Minuten auch nicht an.“
„Ja, vier Stunden, wenn wir in keinen Stau kommen“, knurrte Jean Duval und paffte dicke blaue Rauchwolken in die Luft.
Misaki warf einen missmutigen Blick auf den Rauch, erhob sich und zog die Schiebetür zur Terrasse weit auf. „Während der Fahrt wird im Wagen aber nicht geraucht“, wies sie ihren Mann an.
„Wie ist denn der Autounfall passiert?“, versuchte ich mich einzubringen und sah Jean Duval fragend an.
Der zog ein paar Mal genüsslich an seiner Pfeife und meinte dann lapidar: „Mit dem Auto.“
„Wie es genau passiert ist, wissen wir nicht“, erklärte Misaki und goss uns Tee nach. „Gabriel ist eigentlich ein sehr besonnener Fahrer ...“
„Man hat uns gesagt, dass er unter Alkohol stand ...“, knurrte jetzt Jean und seine Frau ergänzte: „Dabei trinkt Gabriel nie Alkohol, wenn er noch fahren muss.“
„Vielleicht hat er ja eine Ausnahme gemacht“, ließ sich Jean wieder vernehmen. „Jedenfalls hat uns die Polizei das so mitgeteilt.“
„Weil er eine Ausnahme gemacht hat?“, fragte ich und versuchte mir einen Reim auf die Sache zu machen.
„Nein, du Schlaumeier, dass er alkoholisiert war.“ Jean Duval legte die Pfeife zur Seite und trank seinen Tee aus. „Können wir jetzt fahren, ich würde gerne zum Abendessen in Straßburg sein.“
Das Hausmädchen erschien lautlos, sah Misaki Duval fragend an und räumte den Tisch ab, nachdem diese ihr kurz zugenickt hatte.
Jean erhob sich. „Ich gehe und hole den Wagen. Jonathan, unsere Koffer findest du in der Diele. Du kannst dann einladen.“
Normalerweise wäre ich jetzt aufgesprungen, hätte salutiert und ‚Yes Sir‘ gerufen, doch ich hielt mich zurück und nickte lediglich. Es würde eine lange Fahrt nach Straßburg werden und mit einem verärgertem Jean Duval wäre das sicherlich kein Vergnügen.
Und Akeno zeigte sich mit Sicherheit ebenfalls nicht begeistert, wenn ich mich ihrem Vater gegenüber so verhalten hätte.
Ich lud die Koffer in den Mercedes, während Jean Duval mich dabei im Rückspiegel beobachtete und mit den Fingern nervös auf dem Lenkrad herumtrommelte. Akeno trat mit ihrer Mutter aus dem Haus, die dem Hausmädchen noch einige Anweisungen erteilte. Dann stiegen beide in den Wagen. Als Jean den kräftigen Motor startete, beeilte ich mich, zu Akeno auf den Rücksitz zu gelangen.
Die Fahrt begann einsilbig, wobei Jean Duval uns ständig im Rückspiegel beobachtete. Jeder hing seinen Gedanken nach, die vermutlich ausschließlich um Gabriel und Lilou Pichon kreisten. Wie mir Akeno leise mitteilte, hatte ihre Mutter noch kurz vor der Abfahrt im Krankenhaus angerufen, es gab jedoch keine Neuigkeiten. Was aber auch positiv zu bewerten war, denn somit hatte sich der Zustand der Patienten wohl auch nicht verschlechtert.
„Wir checken zuerst im Hotel ein“, erklärte Jean, „dann fahren wir zum Krankenhaus. Ich möchte nicht, dass ihr im Hotel zu viel Zeit vertrödelt.“
Nach diesen Worten herrschte weiter Schweigen.
Wir waren gut zwei Stunden gefahren, als Jean Duval auf die Raststätte Hunsrück Ost abbog. „Wir machen eine kurze Pause“, bestimmte er. „Ich muss auch noch tanken. Da vorne könnt ihr aussteigen, wir treffen uns dann in der Raststätte.“
Die Pause kam mir sehr gelegen, denn mein Magen knurrte wie verrückt. Die paar Ravioli vorhin hatten mich kaum gesättigt. Und das Gebäck war ebenfalls nicht sonderlich zufriedenstellend gewesen, zumal ich mich unter den Blicken Jeans sehr zurückgehalten hatte. Auch würde es uns guttun, ein wenig die Füße zu vertreten.
Wir schlenderten ein wenig umher, lockerten unsere Glieder und betraten dann die Raststätte. Misaki wies auf einen freien Tisch, der ein wenig abseitsstand. Akeno und ich nickten. „Soll ich euch etwas mitbringen?“, bot ich an und wandte mich der Selbstbedienungstheke zu.
Sowohl Mutter, als auch Tochter schüttelten den Kopf. „Wir holen uns gleich selber etwas, sobald du zurück bist, Jonathan“, zwitscherte mein Liebling.
Ich nickte und stellte mich in der kurzen Schlange an der Theke an. Die Angebote sahen durchweg sehr verlockend aus, doch letztlich entschied ich mich für ein Zigeunerschnitzel mit Pommes und viel Mayonnaise. Bis zum Abendessen dürfte das reichen. Eine übergroße Coca-Cola rundete mein Mahl ab und zufrieden strebte ich unserem Tisch zu.
In diesem Moment betrat Jean Duval mit finsterer Miene das Lokal, sah sich um und kam mit raschen Schritten auf unseren Tisch zu. Kurz vor mir ließ er sich seufzend auf einen der Stühle fallen. „Halsabschneider“, stöhnte er. „Die haben die Kraftstoffpreise schon wieder erhöht und hier schlagen die Gauner gleich doppelt und dreifach zu. Wir hätten zum Tanken in irgendein Dorf fahren sollen, da sind die Preise sicherlich günstiger.“
Ich stellte mein Tablett vor den letzten freien Stuhl und setzte mich.
„Ist das Coca-Cola, Jonathan?“ Jean blickte mich lauernd an. „Oder so ein Billiggesöff?“
„Coca-Cola, warum?“
Jean Duval erhob sich etwas und zog mein Tablett zu sich herüber. „Genau das brauche ich jetzt“, bestimmte er und trank meine Cola mit einem einzigen Zug halb leer. Dann machte er sich über das Zigeunerschnitzel und die Pommes her. Akeno und Misaki bestellten derweil schon an der Theke und ich sah ein wenig hilflos auf Akenos Vater.
„Das ... das war mein Essen“, protestierte ich schwach.
Jean nickte: „Das ist korrekt. War. Das war dein Essen. Du kannst mich doch nicht die ganze Arbeit machen und es dir hier gutgehen lassen. Wer musste denn fahren? Wer musste denn den Wagen betanken? Da ist es doch nur rechtens, wenn ich mir mein Essen nicht auch noch selbst holen muss. Du kannst mir übrigens noch eine Cola mitbringen, wenn du sowieso schon gehst. Aber Coca-Cola, Jonathan, Coca-Cola und nicht diese Billigplörre.“
Ich nickte ergeben und erhob mich.
Während ich erneut in der Warteschlange stand, kam mir eine Idee. Zusätzlich zu Coca-Cola wurde hier auch Pepsi Cola angeboten und mit einem diabolischen Grinsen füllte ich zwei Cola Gläser damit voll. Dann entschied ich mich für ein Jägerschnitzel, nahm aber wegen des verlorenen Zigeunerschnitzels direkt noch ein Zigeunerwurst dazu. Ein Grinsen unterdrückend kehrte ich an unseren Tisch zurück.
Jean griff direkt eines der Gläser und setzte es an die Lippen. Dann nahm er einen großen Schluck. „Siehst du Jonathan“, grunzte er zufrieden. „Nur echte Coca-Cola schmeckt wie Coca-Cola. Man sollte sich nie mit dem Zweitbesten zufriedengeben, wenn man das Beste haben kann!
„Das ist doch reinster Zucker“, gab Akeno zu bedenken und ihre Mutter nickte. „In deiner null Komma drei Liter Cola sind mehr als zehn Stücke Würfelzucker. Gerade du als Arzt solltest das wissen und auf eine gesunde Ernährung achten.“
Jean sah seine Tochter abschätzend an: „Wärst du Ärztin geworden, könnte man ja darüber nachdenken, ob du mir gute Ratschläge erteilen darfst. Aber du bist ja nur Chemikerin.“
„Vater! Ich habe Biochemie und Informatik studiert. Das ist einfach viel interessanter, als Tag für Tag irgendwelche Patienten mit eingebildeten oder langweiligen Wehwehchen zu behandeln.“
„Papperlapapp! Du hättest eine gut gehende Praxis übernehmen und ein sorgenfreies Leben haben können. Und was machst du stattdessen ... Glaube ja nicht, da...“
Misaki Duval sah ihren Mann streng an: „Jean! Es reicht. Haben wir uns nicht darauf geeinigt, dieses Thema nicht mehr anzuschneiden? Unsere Tochter ist glücklich und darauf kommt es schließlich an! Und jetzt will ich keinen Ton mehr hören. Ist das klar?“
Jean Duval beugte sich über den Teller und widmete sich dem Schnitzel und den Fritten, während er es vermied, seine Frau anzuschauen.
Eine halbe Stunde später befanden wir uns wieder auf der Autobahn. Schweigend. Jean Duval hielt den Blick stur geradeaus gerichtet. Es war ihm anzusehen, dass er an der Zurechtweisung seiner Frau in meiner Gegenwart hart zu knabbern hatte.
Aber das war mir egal. Ich freute mich schon darauf, mit Akeno in unserem Hotelzimmer allein zu sein und malte mir aus, wie wir die Zeit bis zur Fahrt zum Krankenhaus möglichst sinnvoll verbringen würden. Da Jean uns jetzt nicht mehr im Rückspiegel beobachtete, wagte ich es sogar, Akenos Hand zu halten.
Das Hotel, das Akenos Vater für uns gebucht hatte, entpuppte sich als Fünf-Sterne Unterkunft mitten in der Innenstadt von Straßburg in einer Fußgängerzone. Es bot alle Annehmlichkeiten, die sich ein Gast wünschen konnte, vom Wellness-Center, über einen Whirlpool bis hin zu einem spitzenmäßigen Restaurant. Ich bedauerte, dass wir wohl kaum etwas davon in Anspruch nehmen würden. Allerdings mussten wir von einem zweihundert Meter entfernten öffentlichen Parkplatz zu Fuß zum Hotel gehen. Meine Frage, warum ihr Vater denn nicht ein Hotel in der Nähe des Krankenhauses gebucht hatte, beantwortete Akeno lediglich mit einem Achselzucken. Aber immerhin bestand das Hotel schon seit dem Vierzehnten Jahrhundert, wie ich einer Infobroschüre - die sogar in deutscher Sprache verfasst war - entnehmen konnte.
Jean Duval erledigte die Formalitäten, reichte Akeno unsere Schlüsselkarte für das Zimmer und wir begaben uns zu dem Aufzug. „Jonathan, du musst noch einchecken“, wandte sich Akenos Vater dort an mich und deutete in Richtung Rezeption.
„Haben sie das nicht gerade getan?“, entgegnete ich entgeistert und warf einen Blick auf Akeno, die die Schlüsselkarte in der Hand hielt. „Ich dachte ...“
„Nun, denken reicht eben nicht“, unterbrach mich Jean Duval. „Ich habe die Zimmer vorbestellt, einchecken musst du schon selbst.“
In diesem Moment gab der Aufzug ein leises Klingeln von sich und die Türen glitten auseinander. Die drei verschwanden in der Kabine und ließen mich alleine zurück. Ich sah noch, wie Akeno etwas zu ihrem Vater sagte, doch da schlossen sich die Türen schon wieder. Verwirrt trottete ich zurück zur Rezeption.
„Herr Duval hat hier Zimmer bestellt“, erklärte ich der jungen Frau hinter dem Schalter und fügte hinzu: „Verstehen sie meine Sprache?“
„Selbstverständlich. Wie kann ich ihnen helfen?“
„Herr Duval hat hier Zimmer bestellt.“
„Das ist korrekt. Aber wie kann ich ihnen helfen?“
„Er sagte, ich müsse noch einchecken. Aber meine Freundin hat schon die Zimmerkarte. Muss ich mich noch irgendwo eintragen oder brauchen sie meinen Ausweis?“
„Wie ist denn ihr Name?“
„Jonathan Lärpers.“
Sie tippte lächelnd auf einer Tastatur herum, dann nickte sie. „Herr Duval war so frei auch für sie ein Zimmer vorzubestellen. Im obersten Stockwerk. Darf ich um ihren Ausweis bitten, Herr Lärpers?“
Ich reichte ihr meine Papiere. „Akeno Duval und ich haben doch zusammen ein Zimmer. Welche Nummer hat das?“
Die Dame schüttelte den Kopf. „Herr Duval hat darauf bestanden, dass sie ein eigenes Zimmer im obersten Stockwerk bekommen. Zahlen sie bar oder mit Karte?“
„Bar oder mit Karte?“, stotterte ich. „Hat denn Herr Duval nicht schon alles geregelt?“
„Ich bedaure. Nicht in Bezug auf ihre Person. Wenn ich dann bitte ihre Kreditkarte haben könnte ...“
Perplex reichte ich ihr die Karte. Tausend Gedanken rasten mir durch den Kopf und alle drehten sich um den finanziellen Teil meines Aufenthaltes. Ein paar Mal verfluchte ich innerlich Akenos Vater.
„Hier ist ihre Schlüsselkarte und hier sind ihre Papiere. Ich wünsche ihnen einen angenehmen Aufenthalt in unserem Hotel.“ Als ich mich umwandte, hörte ich sie noch säuseln: „Benutzen sie unsere Wellness Angebote, wir haben diese Woche Sonderangebotstarife ...“
Kaum, dass ich mein Zimmer betreten hatte, klingelte mein Handy. „Oh Jonathan, es tut mir so leid“, meldete sich Akeno. „Ich habe nicht gewusst, dass mein Vater für uns getrennte Zimmer bestellt hat. Er ist halt ein wenig ... konservativ.“
„Darüber reden wir später.“ Ich verschwieg, dass ich auch noch alle Kosten selber tragen musste. „Wie ist denn deine Zimmernummer?“
„Fünfundvierzig. Ich soll dir aber sagen, dass wir uns in fünfzehn Minuten am Auto treffen wollen. Sei bitte pünktlich, sonst fährt mein Vater ohne dich ab.“
„Na toll“, knurrte ich. Fünfzehn Minuten reichten nicht einmal, um noch schnell zu duschen.
Ich brauchte dann doch nur zwölf Minuten, einschließlich dem Fußweg zum Auto. Das zu meinem Glück noch an seinem Platz stand. Suchend sah ich mich nach den anderen um, konnte aber niemanden entdecken. In der Hotellobby war ich auch weder auf Akeno, noch auf ihre Eltern getroffen, so dass ich schon befürchtet hatte, sie wären schon fort. Ich ging um den Wagen herum und blickte auf meine Uhr. Zehn Minuten zu spät!
Nach weiteren zehn Minuten kramte ich mein Handy hervor und drückte Akenos Kurzwahl. Sie meldete sich sofort. „Akeno, wo seid ihr?“
„Gleich bei dir, Jonathan. Wir haben uns gerade auf den Weg gemacht. Tut mir leid, wenn du warten musstest ...“ Ich hörte ihren Vater etwas sagen, dann brach die Verbindung ab. Es dauerte aber nicht mehr lange, dann kamen Akeno und ihre Eltern in Sicht.
„Was war denn los, Akeno?“, fragte ich meine Morgenröte und sah sie besorgt an.
„Ach nichts“, winkte sie ab. „Meinem Vater fiel in der Lobby ein, dass er doch lieber seinen grauen Anzug anziehen wollte und so mussten wir warten, bis er sich noch einmal umgezogen hatte.“ Akeno flüsterte, so dass ihre Eltern auf den Vordersitzen sie nicht verstehen konnten. „Im Augenblick ist er unausstehlich, was vermutlich an dem Unfall von Onkel und Tante liegt. Er wird sich Sorgen machen. So wie wir alle.“
Ich nickte, erwähnte aber nicht, dass Jean Duval ja eigentlich immer unausstehlich war. Zumindest mir gegenüber hatte er bisher immer den Kotzbrocken heraushängen lassen.
Wir fanden einen freien Parkplatz direkt am Universitätskrankenhaus, was aber um diese Zeit nicht besonders schwierig war. Ich hoffte nur, dass man uns überhaupt hereinlassen würde, doch Akeno beruhigte mich: „Die Ärzte wissen Bescheid. Man wird uns zu unseren Verwandten lassen.“ Sie drückte meinen Arm und eine Träne lief ihr die Wange herunter. Raschen Schrittes folgten wir Jean und Misaki.
Eine Empfangsdame ließ uns im Foyer eine Weile warten, dann nahm sich eine Ärztin unserer an. Akenos Eltern und die Frau unterhielten sich eine Weile auf Französisch, wovon ich aber kein einziges Wort verstand, da die drei viel zu schnell sprachen. Endlich bewegten wir uns zu einem der Aufzüge. Fragend sah ich Akeno an, doch die schüttelte lediglich den Kopf. „Es gibt keine Veränderungen, aber die beiden leben zum Glück noch“, flüsterte sie nur kurz.
Die Ärztin führte uns auf die Intensivstation, bestand aber davor darauf, dass wir Schutzkittel, Mundschutz und Schuhüberzieher anlegen mussten. Dann folgten wir ihr einen langen, düsteren Gang entlang, bis wir endlich vor einem Raum standen, der mittels einer großen Fensterwand vom Flur abgetrennt war. Gabriel und Lilou Pichon lagen stark bandagiert in ihren Betten und unzählige Schläuche führten zu den verschiedensten Maschinen. Aber sie lebten.
Akeno liefen jetzt wieder die Tränen aus den Augen, als sie ihren Onkel und ihre Tante so hilflos daliegen sah. Dann übersetzte sie für mich leise, was ihr Vater und die Ärztin miteinander besprachen: „Ihr Zustand ist momentan stabil, Onkel Gabriel hat sogar hin und wieder wache Momente, in dem er versucht zu sprechen. Jedoch ergibt das, was er murmelt keinen Sinn. Die Ärztin meint, dass sich in den nächsten vierundzwanzig Stunden entscheiden wird, ob die beiden überleben oder nicht. Sie ist aber zuversichtlich.“
Ich knurrte leise und flüsterte: „Das sagen sie immer. Damit man sich keine Sorgen macht.“
Dann wurde Jeans Stimme etwas lauter und ich sah verwundert auf. „Er möchte unbedingt mit Onkel Gabriel sprechen“, übersetzte Akeno. „Aber die Ärztin rät davon ab.“ Meine kleine Morgenröte seufzte leidvoll. „Vater besteht aber darauf, du kennst ihn ja ...“
Jean Duval schob die Ärztin beiseite, worauf die zischte: „Uniquement à vos risques et périls!“, was sogar ich verstand und so viel bedeutete wie ‚nur auf eigene Verantwortung‘.
Aber Jean war schon bei seinem Schwager und fasste den leicht an der Schulter. Gabriel schlug die Augen auf und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Dann schien er etwas sagen zu wollen und Jean beugte sich zu ihm herab. Er hielt sein Ohr dicht vor dessen Mund, nickte verstehend und erhob sich in dem Moment, als Gabriel erschöpft die Augen schloss und offensichtlich ohnmächtig wurde.
„Merde!“, fluchte die Ärztin und stürmte in den Raum. Energisch schob sie Jean auf den Flur, dann kümmerte sie sich um ihren Patienten.
„Hat er etwas gesagt?“, fragte Misaki ihren Mann und blickte sorgenvoll auf Gabriel und die Ärztin.
„Ja, hat er“, knurrte Akenos Vater und schaute grimmig drein. Ob er das jetzt tat, weil die Ärztin ihn aus dem Zimmer geworfen hatte oder wegen dem, was sein Schwager gesagt hatte, war nicht zu ergründen.
„Und was hat er gesagt?“, bohrte Misaki weiter.
„Nichts. Dummes Zeug ...“
Die Ärztin kam aus dem Zimmer und sah Jean böse an. Dann sagte sie etwas auf Französisch und Akeno übersetzte leise für mich: „Mein Vater soll so etwas ja nicht noch einmal machen. Er hätte Onkel Gabriel damit umbringen können.“ Eine kurze Pause entstand, dann flüsterte Akeno: „Vater will die Sachen von Onkel Gabriel sehen, aber die Ärztin verbietet ihm, erneut in das Zimmer zu gehen. Sie hat sogar angedroht den Sicherheitsdienst zu informieren und ihn aus dem Krankenhaus werfen zu lassen.“
Es entspann sich ein Disput, bei dem Jean immer lauter wurde. Misaki legte ihm besänftigend eine Hand auf die Schulter und flüsterte nun ihrerseits etwas in Jeans Ohr. Dann sagte sie etwas zu der Ärztin.
„Es geht wohl um den Schlüssel zu Onkel Gabriels Haus“, dolmetschte Akeno.
Es dauerte eine ganze Weile und einige leise geführte, hitzige Dialoge, bis die Ärztin resigniert nickte und wieder im Zimmer verschwand.
„Sie hat sich bereiterklärt, in Gabriels Sachen nach dem Hausschlüssel zu suchen. Vater musste ihr dafür aber versprechen, mit uns das Krankenhaus umgehend zu verlassen.“ Akeno sah mich ängstlich an: „Was geht hier vor, Jonathan?“
„Woher soll ich das wissen? Frag deinen Vater!“
„Später. Vater steht kurz davor, zu explodieren.“
Ich nickte. Jean Duval blickte der Ärztin mit hochrotem Kopf zornig hinterher und es war unschwer zu erkennen, dass es ihm Mühe bereitete, nicht hinterherzustürmen. Endlich kam die Frau mit einem Schlüsselbund aus dem Zimmer zurück und wies uns an, ihr zu folgen. Wir kehrten ins Foyer zurück, wobei ich wenigstens so viel verstand, dass sie darauf bestand, von Jean eine Quittung für die Übergabe der Schlüssel zu erhalten.
Immerhin zeigte Akenos Sprachkurs bei mir ja doch ein wenig Erfolg.
Nach der Schlüsselübergabe und nachdem Jean einige Dokumente unterzeichnet hatte, wurden wir von der Ärztin aus dem Krankenhaus herauskomplimentiert. Schweigend kehrten wir zum Auto zurück.
„Und was nun?“, fragte ich Akeno ein wenig ratlos.
Sie zuckte mit den Schultern. „Wir kehren zum Hotel zurück. Du hast ja gesehen, dass die Frau nicht sonderlich begeistert war ...“
„So wie dein Vater sich aber auch benommen hat. War der eigentlich schon immer so?“
Akeno lachte bitter. „Nein, früher war er ganz passabel. Aber seitdem Vater im Ruhestand ist, wirkt er immer leicht gereizt. Ich glaube, ihm fehlt die Arbeit.“
„Aber er kann doch jederzeit in der Praxis mithelfen, denke ich“, warf ich ein. Wir sprachen flüsternd auf dem Rücksitz miteinander und ich ignorierte die bohrenden Blicke Jeans im Rückspiegel.
„Das ist nicht dasselbe. Vater hat sogar einmal davon gesprochen, die Praxis wieder alleine zu übernehmen. Aber irgendwie ist er ...“
„Unzufrieden?“, vollendete ich ihren Satz.
„Das wird der richtige Begriff sein. Ach, Jonathan, vielleicht hätte ich die Praxis ja doch übernehmen sollen. Er ist so unglücklich.“
„Ja sicher. Dann wäre er glücklich und du unglücklich. Ist es das, was du willst? Außerdem ... du hast doch gar kein Medizinstudium.“
Akeno winkte ab. „Das könnte ich immer noch nachholen. In sechs Jahren wäre ich dann Ärztin und würde die Familientradition fortsetzen.“
„Ist es das, was du wirklich willst? Was sagt denn deine Mutter dazu?“
„Mutter? Du hast doch gehört, was sie in der Raststätte gesagt hat. Sie möchte, dass ich glücklich bin ...“
„Und? Bist du glücklich? Ich meine ...“
Akeno sah mich verliebt an: „Ja, ich bin glücklich. Auch dank dir, Jonathan. Eigentlich wünsche ich mir gar kein anderes Leben. Mir gefällt der Job bei Bernd. Diese Mischung aus Abenteuer und freiem Leben. Weißt du, was ich meine?“
Das wusste ich nur zu gut. Ich würde meinen Beruf auch niemals aufgeben, um in einem langweiligen Bürojob zu versauern. „Ja, ich weiß, was du meinst, Akeno. Das weiß ich nur zu gut.“
Als Jean den Wagen parkte, schien sich seine Laune ein wenig gebessert zu haben. Er sah uns an und meinte: „Wir machen uns gleich im Hotel ein wenig frisch, danach treffen wir uns zum Abendessen im Hotelrestaurant.“ Akenos Vater hob eine Hand, um jede Frage zu unterbinden. „Wir besprechen alles Weitere beim Abendessen. Was Gabriel da vorhin gesagt hat, ergibt für mich keinen Sinn. Wir treffen uns um einundzwanzig Uhr im Restaurant.“
Jetzt blieb mir wenigstens noch ein wenig Zeit, um mich frisch zu machen und zu duschen. Gerade als ich mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad trat, klopfte es an der Zimmertüre.
„Zimmerservice“, säuselte eine weibliche Stimme und es klopfte erneut.
„Ich habe nichts bestellt“, erklärte ich durch die geschlossene Tür.
„Oh, Jonathan, mach endlich auf!“ Jetzt erkannte ich Akenos Stimme. Rasch öffnete ich die Tür und wir fielen uns in die Arme. Akeno sah mich schelmisch an. „Meine Dusche ist defekt, kann ich bei dir duschen?“
„Ja natürlich. Meine funktioniert jedenfalls ganz ausgezeichnet.“
Akeno strich mir über die Schultern und die Brust, dann sah sie mit gespieltem Entsetzen auf ihre Finger. „Na, es scheint mir aber, als wärst du noch nicht ganz sauber, mein Lieber.“ Sie nahm mich an der Hand und zog mich ins Badezimmer. „Komm, ich glaube eine weitere Dusche würde dir nicht schaden ...“
Wir kamen fünfzehn Minuten zu spät ins Restaurant und mussten noch ziemlich erhitzt wirken, denn Misaki Duval warf uns lächelnd einen wissenden Blick zu.
„Da seid ihr ja endlich“, knurrte Jean. „Wir haben dich schon überall gesucht, Akeno. In deinem Zimmer warst du jedenfalls nicht ...“
Wir schwiegen.
Ein Ober brachte uns die Speisenkarte und fragte nach unseren Getränkewünschen. Er kam genau im richtigen Moment, denn so enthob uns das einer Antwort. Ich bestellte mir auf Französisch eine Limonade und war stolz darauf, meine geringen Sprachkenntnisse anbringen zu können.
„Das klingt ja grauenhaft, Jonathan“, ließ sich Jean vernehmen, fügte aber nach einem warnenden Blick seiner Frau nichts mehr hinzu.
Das Essen, das aus einer gemischten Meeresfrüchteplatte mit zahlreichen Beilagen bestand, bestellte dann Akeno für uns beide.
„Jetz spann uns nicht so auf die Folter, Jean“, ließ sich Misaki nach den ersten Bissen vernehmen. „Was hat Gabriel denn nun im Krankenhaus gesagt?“ Sie und Akeno prosteten sich mit einem dunkelroten Wein zu. „Du hast versprochen, beim Essen damit herauszurücken.“
„Gabriel hat nicht viel gesagt, Liebste. Eigentlich garnichts. Es klang ziemlich wirr, vielleicht wegen der vielen Medikamente.“ Jean schob sich einen großen Bissen Steak in den Mund und kaute genüsslich. Dann trank er einen Schluck Bier und fuhr fort: „Wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann sagte er so etwas wie: ‚Es war kein Unfall.‘ Aber das klang alles sehr verschwommen. Und er erwähnte das Restaurant.“
Ich blickte mich in dem Lokal fragend um. „Er sprach von dem Restaurant hier?“
Jean lachte meckernd. „Oh, Jonathan, du Schnelldenker. Nein, er sprach natürlich nicht von dem Restaurant hier, wie auch? Er sprach von seinem Restaurant. Dem in Plobsheim.“ Wieder nahm er ein Stück Steak zu sich.
Ich sah Akeno fragend an. „Ein Restaurant in Plobsheim?“
„Onkel und Tante Pichon wohnen in Plobsheim“, erklärte meine ‚Morgenröte‘ bereitwillig. „Und sie betreiben dort ein kleines Restaurant.“
„Ach so, das wusste ich natürlich nicht“, lächelte ich. Hauptsächlich an Jean Duval gerichtet. Wie hätte ich das auch wissen sollen?
„Wir fahren morgen früh nach Plobsheim“, bestimmte Jean. „Wenn du wieder an die Arbeit musst, Jonathan, dann kannst du ja von hier aus mit dem Zug nach Düsseldorf zurückfahren. Es gibt exzellente Zugverbindungen ...“
„Willst du Jonathan etwa loswerden?“, erkundigte sich Akeno. „Dann fahre ich auch zurück!“
Jean hob beide Hände. „Davon kann doch keine Rede sein. Braucht denn seine Firma ihn nicht am Montag?“
„Das haben wir schon geklärt. Bernd, unser Chef hat uns ein paar Tage frei gegeben.“
„Na wenn das so ist. Wir fahren morgen um neun Uhr, seid also pünktlich!“
„So pünktlich, wie vorhin?“, entschlüpfte es mir, was Jean veranlasste, mich böse anzublicken. Erschrocken hielt ich den Mund.
Akeno und ich verbrachten die Nacht in meinem Zimmer. Wäre Akenos Vater nicht so stur gewesen, dann hätte ich mir die horrenden Kosten für mein Zimmer sparen können. Meine ‚Morgenröte‘ sorgte aber ganz schnell dafür, dass ich den Ärger vergaß. Noch vor dem Morgengrauen schlich sie zurück auf ihr Zimmer.
Wir kamen uns vor wie zwei Teenager im Hause der Eltern des Mädchens.
Das Frühstück nahmen Akeno und ich alleine in dem Speisesaal des Hotels ein. „Vater frühstückt gerne auf dem Zimmer“, erklärte mein Schatz mir. „Er liebt es, im Bett zu frühstücken.“
„Das hätten wir auch machen sollen“, grinste ich anzüglich und beschmierte ein Brötchen mit reichlich Marmelade.
„Du kannst mal wieder einfach nicht genug kriegen“, kicherte Akeno. „Auf deine Art und Weise würden wir nie pünktlich irgendwohin kommen und am Ende die Abfahrt nach Plobsheim verpassen.“
„Auf dich wird dein Vater doch auf jeden Fall warten“, meinte ich im Brustton der Überzeugung und belegte eine weitere Brötchenhälfte mit köstlich duftenden Kochschinken.
Akeno schüttelte den Kopf. „Da wäre ich mir nicht so sicher. Manchmal kann Vater ganz schön merkwürdig sein. Und die Sache mit seiner Praxis hat er mir ja immer noch nicht verziehen.“
Wir genossen das Frühstück in aller Ruhe, dann wurde es auch schon Zeit, unsere Koffer zu holen und aus dem Hotel auszuchecken. Ich wartete in der Lobby auf Akeno, die kurz nach mir dort eintraf. Zusammen begaben wir uns zum Empfang.
„Ich hoffe, sie hatten einen angenehmen Aufenthalt“, lächelte die Hotelangestellte, als wir unsere Schlüsselkarten zurückgaben.
Ich nickte bestätigend und dachte an die letzte Nacht zurück. „Den hatten wir, danke. Muss ich noch irgendetwas bezahlen?“
Die junge Dame tippte kurz auf der Tastatur herum, schaute in dem Monitor und schüttelte den Kopf. „Ihre Kreditkarte wurde übrigens nicht belastet, Herr Duval hat uns mitgeteilt, dass er alle Kosten übernimmt. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Aufenthalt in Straßburg.“
Ich pfiff leise durch die Zähne und sah Akeno fragend an. Was war denn plötzlich in Jean gefahren?
„Da steckt garantiert Mutter dahinter“, vermutete die Schöne. „Du solltest Vater allerdings später unbedingt danken. Vergiss es nicht!“ Sie seufzte leise. „Vielleicht kommt euer Verhältnis ja doch noch einmal in Ordnung.“
Fünf Minuten vor neun Uhr standen wir neben dem Mercedes und warteten auf Akenos Eltern. „Fünfzig Euro, dass die beiden nicht pünktlich sind“, schlug ich eine Wette vor.
Akeno schüttelte den Kopf. „Die Wette würdest du gewinnen, Jonathan. Vater ist nie pünktlich. Er legt größten Wert darauf, dass die anderen nicht zu spät kommen, doch ich habe es noch nie erlebt, dass er selbst zur angegebenen Zeit erscheint. Wir können garantiert noch einen Spaziergang durch die Innenstadt machen.“
Ich sah Akeno entsetzt an. „Und wenn er dann ohne uns abfährt?“
Sie lachte. „Das war ein Witz, Jonathan. Natürlich sollten wir hier warten. Ich habe schließlich keine Lust, mit dem Zug nach Plobsheim zu fahren.“
Zwanzig Minuten später stießen Akenos Eltern endlich zu uns. Jean stellte die Koffer vor meine Füße und knurrte: „Einladen“, dann schloss er das Fahrzeug auf. Mir kam der Zeitpunkt günstig vor, mich für die Übernahme der Zimmerkosten zu bedanken und wollte ihm folgen. Dabei verhedderte ich mich allerdings in einer der Kofferschlaufen und fiel neben Akenos Vater auf die Knie. Fragend, mit Spott in den Augen sah er mich an. „Danke“, meinte ich und hielt ihm beide Hände hin, damit er mir aufhalf. „Danke für die Hotelkosten.“
Jean Duval stieg ohne ein weiteres Wort in den Wagen.
„Was sollte denn der Scheiß, Jonathan?“, flüsterte Akeno, als ich endlich neben ihr auf der Rückbank saß. „Musstest du das wirklich dermaßen dramatisieren?“
„Ich bin gestolpert“, gab ich kleinlaut zu. „Über den Scheißkoffer. Es tut mir leid.“
Akeno kicherte und drückte meine Hand. „Du bist immer noch der gleiche Trottel, wie ich dich kennengelernt habe.“ Sie machte eine kurze Pause und fügte hinzu: „Und lieben gelernt …“
Die Fahrt nach Plobsheim dauerte keine halbe Stunde, während der Akeno und ich uns leise unterhielten. Jean beobachtete uns hin und wieder im Rückspiegel, verlor aber kein Wort. Während der Fahrt durch das kleine französische Städtchen unterhielt mich Akeno mit zahlreichen Details zu Stadt und Land: „Plobsheim hat zirka viereinhalbtausend Einwohner und liegt im Département Bas-Rhin in der Region Grand Est. Das Dorf wurde vermutlich irgendwann im achten Jahrhundert gegründet, jedenfalls hat man es siebenhundertachtundsiebzig erstmals urkundlich erwähnt.“
Ich sah meine ‚Morgenröte‘ bewundernd an: „Was du alles weißt …“
Akeno lachte und hielt ihr Smartphone hoch. „Alles Wikipedia-Wissen, Jonathan. Man muss nur wissen, wo man suchen muss. Plobsheim hat einige Sehenswürdigkeiten und ist ein beliebtes Ausflugsziel. Zumindest im Frühjahr und Sommer. Deswegen läuft das Restaurant meines Onkels auch recht gut.“
Endlich bogen wir auf einen Parkplatz vor der Gaststätte mit seitlich angebautem Wohnhaus. Das Gebäude lag in einem kleinen Waldstück mit einem großartigen Blick auf den Rhein. „Neben dem Restaurant gibt es eine Terrasse mit herrlicher Aussicht“, schwärmte Akeno. „Früher, als ich klein war, habe ich oft die Ferien hier verbracht. Ganz in der Nähe befindet sich noch ein kleines Häuschen, das Onkel Gabriel als Gästehaus ausbauen wollte.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber bisher ist er noch nicht dazu gekommen, obwohl sich die Zimmer hier mit Sicherheit problemlos vermieten ließen.“
„Ja“, nickte ich, „hier könnte ich mich auch wohlfühlen. Es ist so ruhig und entspannend.“
Wenn da nicht Jean Duval gewesen wäre, der uns zur Eile antrieb und mich dazu verdonnerte, die Koffer ins Haus zu tragen.
Misaki riss überall die Fenster auf und ließ frische Luft in die Räume, während Jean sich in einem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer seine Pfeife ansteckte. Es machte nicht den Anschein, als würde er heute noch einen Finger rühren wollen. Akeno half ihrer Mutter und ich stand ein wenig hilflos herum. Schließlich gesellte ich mich zu Jean.
„Ich möchte mich für vorhin entschuldigen“, versuchte ich vorsichtig eine Erklärung für mein dummes Verhalten vor der Abfahrt zu finden. „Aber da war der Riemen von dem Koffer und ...“
„Und?“, knurrte Akenos Vater und paffte dicke Rauchwolken in die Luft. Zum Glück standen ja die Fenster weit offen, sonst wäre der ganze Raum voller Rauch gewesen.
„Und ... da bin ich gestolpert. Tut mir leid, Herr Duval.“
„Hmm“, brummte Jean Duval. „Schau mal in den Schrank da hinten, Jonathan. Da müsstest du eine Flasche Hennessy X.O. finden, wenn Gabriel seine Gewohnheiten nicht stark geändert hat. Nimm zwei Gläser und schenk uns reichlich ein!“
„Äh, Herr Duval, ich trinke so gut wie keinen Alkohol“, gab ich zu bedenken. „Zumindest keinen harten. Ich kann ihnen aber gerne einen Cognac bringen.“
„Habe ich mich irgendwie missverständlich ausgedrückt, Jonathan? Zwei Gläser. Nun mach schon! Und bring die Flasche mit.“
Ich zuckte mit den Schultern, füllte etwas Cognac in zwei dickbauchige Gläser und stellte beide - nebst der Flasche - auf den Couchtisch. Er konnte ja trinken, ich würde mich allerdings zurückhalten.
Jean Duval hob sein Glas, betrachtete genüsslich die bernsteinfarbene Flüssigkeit darin und meinte: „Eines muss man Gabriel lassen: Er hat einen ausgezeichneten Geschmack. Der Liter von dem edlen Gesöff liegt so bei zirka dreihundert Euro. Prost Jonathan!“ Er sah mich durchdringend und auffordernd an.
Was blieb mir schon übrig? Vorsichtig nahm ich das Glas in die Hand und prostete ihm zu.
„Auf ex.“
Die Flüssigkeit brannte fürchterlich im Hals und im ersten Moment wollte mein Magen rebellieren. Jean ließ mich nachfüllen, dann stieß er mit mir an. „Du kannst mich Jean nennen, Jonathan. Prost!“
Diesmal zwang er mich wenigstens nicht, alles direkt auszutrinken.
„Jonathan, ich heiße Jonathan“, gab ich recht dümmlich von mir und spürte den scharfen Alkohol schon im Kopf. Trotzdem nahm ich recht tapfer noch einen Schluck. Aber nur einen ganz winzigen.
„Ich weiß, Jonathan.“
Zum Glück betrat jetzt Akeno das Zimmer, blickte auf die Flasche und dann auf uns beide. „Wir haben Brüderschaft getrunken“, entschuldigte ich mich und sprach dabei extra langsam, da meine Zunge irgendwie nicht mehr so recht mitspielte.
„Keine Brüderschaft“, beharrte Jean. „Keine Brüderschaft!“
„Ja, stimmt.“ Ich kam mir mehr als dumm vor.
„Wir haben etwas zu Essen vorbereitet. Wenn ihr wollt, können wir auf der Terrasse essen. Was wollt ihr trinken - außer Onkel Gabriels teuren Cognac?“
Jean erhob sich. „Wenn Bier da ist, trinke ich ein Bier.“
„Für mich Cola oder Limo.“ Jetzt bloß keinen Alkohol mehr, dann läge ich gleich unter dem Tisch. Und das schon zur Mittagszeit. Leicht schwankend folgte ich Jean hinaus auf die Terrasse.
Die beiden Frauen hatten sich selbst übertroffen und ein schmackhaftes und reichliches Mittagessen serviert. Ich griff beherzt zu und fühlte mich bald ein wenig besser. Zum Glück musste ich nicht weiter mit Jean anstoßen. Wir sprachen über alle möglichen Dinge und als die Rede von Gabriel und Lilou war, fragte ich: „Was meinte Gabriel damit: ‚Es wäre kein Unfall gewesen‘?“
