Spür - Nase - Jürgen Ruhr - E-Book

Spür - Nase E-Book

Jürgen Ruhr

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Beschreibung

Jonathan Lärpers wird in den Fall eines korrupten Anwalts verwickelt. Zusätzlich muss er einen Malinois in Pflege nehmen, was dem Detektiv überhaupt nicht passt, zumal der zu Herrn Weser gehört. Doch als der Hund in dem Büro des Anwalts eine größere Menge an Drogen findet, entwickelt sich eine vorsichtige Freundschaft zwischen den beiden. Fortan begleitet der Malinois Jonathan bei seinen Ermittlungen, die sie in die Rockerszene rund um Mönchengladbach führen. Als Bernd Heisters Jonathan auch noch Birgit Zickler zur Seite stellt, bildet sich ein schlagkräftiges Team.

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Seitenzahl: 584

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Jürgen Ruhr

Spür - Nase

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

-

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

Epilog

Über den Autor

Impressum neobooks

-

Spür - Nase

Thriller

Buch 8 der JL Reihe

© by Jürgen H. Ruhr

Mönchengladbach

Bisher in der JL Reihe erschienene Titel (alle Bücher sind auch als Taschenbuch erhältlich):

(1) Kokain - Hotel

(2) Personen - Schutz

(3) Undercover - Auftrag

(4) Reise - Begleitung

(5) Gefahren - Abwehr

(6) Final - Tanz

(7) Austausch - Programm

(8) Spür - Nase

 Die Personen dieser Geschichte

     sind frei erfunden.

    Irgendwelche Bezüge

           zu

     irgendeiner Realität

     wären rein zufällig!

I.

Wie an den letzten Tagen auch schon, versprach es heute wieder herrlich warm zu werden. Trotz der frühen Morgenstunde schickte die gerade erst aufgegangene Sonne ihre warmen Strahlen zur Erde. Und das mitten im April: Hinter mir lagen ein paar ruhige und entspannte Ostertage.

Ich warf einen kurzen Blick auf meine Armbanduhr und stellte fest, dass ich sehr gut in der Zeit lag. Wie seit nunmehr über einem halben Jahr, drehte ich meine Runden um Schloss Wickrath herum. Anfänglich, als Bernd mich zu dem Training verdonnert hatte, fiel es mir noch schwer, mit meiner Kollegin Christine Weru Schritt zu halten. Doch allmählich machte sich das viele Laufen bemerkbar: Meine Atmung ging gleichmäßig und ruhig, meine Muskeln waren gestählt und ich fühlte mich topfit.

Allerdings fehlte mir meine Kollegin jetzt, denn an unsere gemeinsamen Waldläufe hatte ich mich doch schon sehr gewöhnt. Christine - oder in Kurzform auch Chrissi - befand sich seit einer Woche in Urlaub und so musste ich die Strecke durch den Park um das Schloss herum alleine laufen.

Vor vielen Jahren arbeitete Christine als meine Sekretärin. Ich unterhielt damals ein kleines Detektivbüro und sie wollte sich während ihres Studiums etwas dazuverdienen. Leider wurde meine Detektivkarriere schon nach kürzester Zeit von einer chinesischen Gangsterbande, einer sogenannten Triade, beendet, als die das Gebäude, in dem sich mein Büro befand, abfackelten.

Zu meinem Glück lernte ich damals auf meiner Geburtstagsfeier Bernd Heisters kennen, der mir das Leben rettete und ein sehr guter Freund wurde. Und später traten Christine und ich in seine Firma ein. Bernd hat sich auf Personenschutz und Kampfsportstudios spezialisiert und durch ihn wurde ich an Krav Maga und andere Kampfkünste herangeführt. Inzwischen gehört zu Bernds Imperium auch noch eine Detektei, die hauptsächlich dazu dient, für den Oberstaatsanwalt Herrmann Eberson Aufträge auszuführen, die hart am Rand der Legalität liegen. Aber leider müssen wir uns auch noch allzu oft mit profaner Detektivarbeit herumschlagen.

So wie mein augenblicklicher Fall, den ich am liebsten an eine Kollegin abgegeben hätte. Doch Chrissi ist ja in Urlaub und Birgit Zickler, die ich im Stillen immer noch ‚die Zicke‘ nenne, befindet sich im Ausland und schützt dort eine Musikerin bei ihren Konzerten. Birgit und ich waren anfänglich eher so eine Art Feinde - jedenfalls hat sie es glänzend verstanden, mich zu ärgern - doch mittlerweile kommen wir ganz gut miteinander aus. Ich werde allerdings nie verstehen, wieso ein erwachsener Mensch, ständig mit bunt gefärbten Haaren herumlaufen muss ...

Leider kam ansonsten kein Kollege in Frage, dem ich diesen unsäglichen Auftrag übertragen konnte. Da war einmal der Kampfsportausbilder Thomas Friedlich, den alle nur ‚Dozer‘ nannten und dessen einhundertfünfzig Kilo Lebendgewicht jeden Gegner niedermähen konnten. Dozer arbeitet drüben im Krav Maga Studio, während sich unser Büro der Detektei in dem Gebäude einer pleitegegangenen Firma befindet, die früher einmal irgendwelche Dokumente digitalisierte. Aber immerhin liegen die Büros hier im Mönchengladbach - Güdderather Industriegebiet nur zwei Straßen auseinander.

Tja und der kleine Asiate Samuel L. Terbarrus, kurz Sam, kam natürlich auch nicht in Frage, wenn es darum ging, meine Aufträge an andere weiterzugeben. Sam war mir in all den Jahren auch ein sehr guter Freund geworden und ist Bernds rechte Hand.

Seufzend dachte ich daran, dass der Auftrag auf jeden Fall an mir hängen bleiben würde. Als wenn es mein Schicksal wäre, nach verlorenen Hunden oder Ehegatten zu suchen. Doch Bernd war der festen Meinung, dass ich auch irgendwie die Brötchen mitverdienen müsste und nicht nur tatenlos im Büro sitzen könnte.

Kurz wanderten meine Gedanken zu der blonden Jennifer Enssel, die die gute Seele des Krav Maga Studios darstellte und die Arbeit im Empfangsbereich abdeckte. Doch Jennifer würde mit mir auf keinen Fall die Aufgaben tauschen. Und sie ist ja eigentlich auch keine Detektivin.

Das, was ich so salopp mit ‚Krav Maga Studio‘ bezeichne, ist weit mehr als eine Art Turnhalle für Kampfsüchtige. Das Gebäude beinhaltet natürlich ein Dojo - den Trainingsraum für Kampfsport - und einen Fitnessbereich, sowie ein kleines Schwimmbad; doch daneben befinden sich im Kellergeschoss ein Schießstand, ein Labor und Räume für ‚Gäste‘. Gäste, die weniger freiwillig bei uns übernachten dürfen ...

Und unter dem Kellergeschoss gibt es eine riesige Garage mit einer geheimen Zufahrt, in der sich Bernds Dienstfahrzeuge befinden. Vom Porsche bis zum Mercedes sind dort die edelsten und feinsten Wagen vertreten. Leider war es mir bisher nur selten vergönnt, eines der Fahrzeuge zu nutzen. Stattdessen durfte ich alle Wege mit meinem postgelben Kia Venga zurücklegen, den ich mir vor einigen Jahren aus einer Not heraus kaufen musste. Mein alter Ford Fiesta war damals nach einem Motorbrand nicht mehr instand zu setzen gewesen.

Ein weiterer Blick auf die Uhr sagte mir, dass es Zeit wurde, den Heimweg anzutreten. Meine Wohnung befand sich nur wenige Minuten zu Fuß vom Schloss Wickrath entfernt und lag direkt über der von Christine, die sie mir auch vermittelte hatte. Aber auch das lag jetzt schon einige Jahre zurück.

Frisch geduscht und überaus pünktlich schloss ich die Tür zu unserer Detektei auf und begab mich in mein Büro. Der Schreibtisch stand immer noch so da, wie ich ihn verlassen hatte und eine einzige kleine Akte meines aktuellen Falles wartete schon auf mich.

Ein Nachbarschaftsstreit. Wie langweilig.

Irgendein Hundebesitzer war an uns, also die Detektei Argus, herangetreten, da sein Nachbar ihn verklagen wollte. Die beiden stritten sich offensichtlich schon seit mehreren Jahren wegen aller möglichen Kleinigkeiten und jetzt sollte sein Hund den anderen Mann gebissen haben. Angeblich wäre der Köter aber niemals zu so etwas fähig und jetzt musste sich Jonathan Lärpers, Privatdetektiv und Personenschützer, damit herumquälen. Ich erwog kurz, den Hund zu erschießen und wenn dann noch keine Ruhe wäre, dies auch mit beiden Nachbarn zu tun, doch instinktiv wusste ich, dass Bernd mit dieser Lösung nicht einverstanden gewesen wäre ...

In dem Moment, als ich die Akte aufnehmen wollte, klingelte das Telefon.

„Lärpers, Dete...“, meldete ich mich, wurde aber sofort unterbrochen. Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang rau und ich erkannte sofort, dass sich jemand Mühe gab, sie zu verstellen.

„Hör mal zu du kleiner Scheißer“, vernahm ich. „Ich mach dich platt. Wenn du denkst, dass du damit durchkommst, dann hast du dich geschnitten. Hast du das verstanden? Geschnitten!“

Ich verstand die Worte sehr wohl, konnte mir aber keinen Reim auf deren Bedeutung machen. „Was so...“

„Stottere nicht dumm rum, Mann“, schrie die Stimme jetzt eine Oktave höher. „Du hast Zeit bis morgen Mittag. Zwölf Uhr. High Noon. Dann knallt‘s! Wir legen dich um, dich und deine Familie. Deine Frau gleich mit. Kapiert? Und damit du das verinnerlichst, kannste ja mal nach deinem schicken Wagen schauen. Die Luxuskarosse gibt ein herrliches Osterfeuer ab!“

Unabhängig davon, dass ich meinen Kia Venga nicht als Luxuskarosse bezeichnen würde - das Wort ‚Postkutsche‘ hatte ich wegen der gelben Farbe schon eher gehört - fragte ich mich, welche Frau er meinte. Immerhin war ich nicht verheiratet und befand mich momentan auch in keiner Beziehung.

„Entschuldigung, was meinen Sie damit?“, fragte ich noch, merkte aber, dass der Anrufer das Gespräch schon unterbrochen hatte. Achselzuckend legte ich den Hörer auf, nahm ihn aber sofort wieder hoch. Wenn jemand mein Auto angezündet hatte, dann war es doch sinnvoll die Feuerwehr zu rufen. Schnell tippte ich eins - eins - zwei ein, legte aber beim ersten Tuten schon wieder auf. Brannte der Wagen wirklich?

Rasch ging ich durch das kleine Foyer zur Eingangstüre. Von hier aus konnte ich meinen postgelben Kleinwagen gut sehen. Der Wagen stand unversehrt an seinem Platz und brannte kein bisschen. Doch um mich zu vergewissern, verließ ich die Detektei und sah mir den Kia genauer an. Nein, den hatte niemand versucht anzuzünden und eine Bombe konnte ich auch nirgends entdecken. Lediglich auf dem Beifahrersitz lag ein Brief, den jemand durch den Spalt am Fenster eingeworfen hatte. Wieder so ein Witzbold, der mir zeigen musste, was er von meinem Fahrzeug hielt!

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass es sich bei dem Umschlag nicht um eine Briefbombe handelte und das Seitenfenster sorgfältig geschlossen war, kehrte ich an meinen Schreibtisch zurück.

Was wollte der mysteriöse Anrufer von mir?

‚Du hast Zeit bis morgen Mittag. Zwölf Uhr. High Noon. Dann knallt’s.‘

Ich dachte angestrengt über die Worte nach. Wozu hatte ich bis morgen Mittag Zeit? War das einer der Nachbarn, deren Fall ich zurzeit bearbeitete? Wohl kaum, denn zu dem Mann mit dem Hund würde ich heute Nachmittag fahren. Der Termin stand ja schließlich fest. Wer aber sollte mich bedrohen? Ich nahm die dünne Akte meines Falls noch einmal zur Hand, um einen Blick auf die Notizen zu werfen, die Jennifer bei der Aufnahme der Angelegenheit angefertigt hatte. Doch die Informationen gaben nicht viel her. Ein Herr Edgar Bersmann hatte bei uns angerufen und um Hilfe gebeten. Sein Hund hätte angeblich den Nachbarn - einen Herrn Guido Ownatz - gebissen und der wolle ihn nun verklagen. Dann folgte die Adresse des Anrufers, die sich in einer kleinen Eigenheimsiedlung am anderen Ende der Stadt befand. Jennifer hatte dem Mann mein Kommen für heute fünfzehn Uhr zugesagt. Viel mehr stand nicht auf dem Blatt. Keine Information darüber, warum der Mann ausgerechnet unsere Detektei anrief oder was er von uns wollte. Ich sollte mich einfach einmal nur ‚kümmern‘. Jennifer stellte sich das so einfach vor. Was der Mann brauchte, das war ein Anwalt und kein Detektiv.

Ich würde ihn auf diese Tatsache hinweisen und dann wäre der Fall erledigt. Oder ich erschoss doch besser den Hund ...

In diesem Moment klingelte wieder das Telefon. War das wieder der Anrufer?

„Ja?“, meldete ich mich.

„Jonathan?“

Es war nicht der Anrufer, sondern Jennifer vom Krav Maga Studio.

„Ja, am Apparat.“

„Wieso meldest du dich nur mit ‚Ja‘? Außerdem versuche ich dich schon eine ganze Weile zu erreichen. Was ist los, warst du nicht im Büro?“ Ich hörte sie kurz lachen, dann fügte Jennifer hinzu: „Oder bist du wieder eingeschlafen?“

Ich knurrte. „Ich schlafe nicht, Jenny. Ich war nur kurz draußen bei meinem Wagen. Da ist so eine merkwürdige Sache, also eben ha...“

Jennifer unterbrach mich: „Das kannst du mir gleich alles persönlich erzählen, Jonathan. Bernd will dich sehen, also schwing deinen Arsch hier rüber ...“

„Wow“, grinste ich, „du hast aber auch schon einmal freundlicher geklungen. Kein gutes Osterwochenende gehabt?“

Doch Jennifer antwortete nicht, die Leitung war tot.

Ich warf die Akte auf den Schreibtisch. Vielleicht gab es ja einen wichtigeren Auftrag, den Bernd mir erteilen wollte und ich würde den Termin heute Nachmittag absagen können. Ob uns der Oberstaatsanwalt Eberson wieder beauftragt hatte? Vielleicht ein brisanter Einsatz gegen Terroristen, Mörder, Erpresser? Alles war besser, als dieser dämliche Hundestreit ...

Die Strecke zum Krav Maga Studio legte ich mit überhöhtem Tempo in meinem gelben Auto zurück. Obwohl es lediglich einige Meter an Weg waren, wollte ich keine Zeit verlieren und so schnell wie möglich zu meinem Chef ins Büro gelangen.

„Hallo Jonathan“, begrüßte mich Jennifer, als ich das Foyer betrat. Die Blonde blickte mir lächelnd entgegen, ordnete aber weiter einige Papiere auf der Theke, hinter der sie stand. „Das ging aber schnell.“

„Ist Bernd in seinem Büro?“

Sie nickte. „Er erwartet dich schon. Allerdings wirst du dich noch einen Moment gedulden müssen, er telefoniert gerade noch.“

Ich lächelte die Hübsche an. Leider war es mir bisher nicht gelungen, sie zum Essen einzuladen, doch das konnte ja noch werden. Gut Ding will eben Weile haben ... Immerhin blieb etwas Zeit, ihr noch von dem merkwürdigen Anruf zu berichten.

„Was ich dir vorhin erzählen wollte“, begann ich und Jennifer nickte. „Da war so ein merkwürdiger Anruf. Ein Mann drohte mir, mein Auto anzuzünden und mich ‚platt zu machen‘, wenn ich nicht irgendetwas bis morgen Mittag tun würde. Leider habe ich keine Ahnung, was der Kerl meinte. Und mein Wagen brannte auch nicht. Deswegen befand ich mich ja kurze Zeit nicht im Büro“, fügte ich entschuldigend hinzu.

Jennifer grinste. „Ja, das klingt sehr merkwürdig. Wer war denn der Anrufer, hast du nach seinem Namen gefragt?“

„Nein, dafür ging alles viel zu schnell. Er hat nach der Drohung sofort wieder aufgelegt.“

Jennifer hielt jetzt mit ihrer Sortierarbeit inne und sah mich intensiv an. „Bist du sicher, dass du das nicht geträumt hast? Wie lautet denn die Rufnummer deines Anrufers?“

Ich schüttelte den Kopf, während die blonde Maus auf ihrer Tastatur herumtippte. „Keine Ahnung“, gab ich freimütig zu.

„Das ist kein Problem, Jonathan. Ich schaue gerade im Telefoncomputer nach. Ah, da ist es ja. Zehn Uhr achtundvierzig. Allerdings wird keine Nummer angezeigt, der Anrufer hat wohl die Rufunterdrückung benutzt.“

Ich nickte wissend: „Ja, genau die Rufunterdrückung. Nur zu schade, dass ich nicht zurückrufen kann, um zu fragen, was er von mir wollte ...“

„Vielleicht warst du ja auch gar nicht gemeint.“

„Wie meinst du das? Er hat doch bei mir angerufen.“

Jennifer schüttelte den Kopf. „Vielleicht hat der Typ sich verwählt und wollte eigentlich ganz woanders anrufen.“ Sie machte sich einige Notizen. „Ich werde die Sache einmal im Auge behalten, vielleicht kann ich ja etwas in Erfahrung bringen. Übrigens kannst du jetzt zu Bernd, er hat sein Telefonat beendet.“

Ich lächelte Jennifer gewinnend an und machte das Daumen-hoch Zeichen. Dann wandte ich mich um.

„Und grins nicht so blöd, Jonathan. Du weißt, dass Bernd das nicht mag.“

„Guten Morgen, Jonathan“, begrüßte mich mein Freund, als ich in sein kleines, fensterloses Büro trat. Hier war kaum Platz für den Schreibtisch, einen kleinen Schrank und einen Besucherstuhl. Bernd nutzte den Raum selten, doch er war abhörsicher und für seine Zwecke ausreichend. Er kam um seinen Schreibtisch herum und nahm mich freundschaftlich in den Arm. „Ich hoffe, dir geht es gut.“

Vor vielen Jahren, zu der Zeit, als ich gerade meine eigene Detektei eröffnet hatte, lernten wir uns auf meiner Geburtstagsparty kennen. Leider war ich dermaßen voller Tequila, dass ich in der Nacht offensichtlich mit ihm im Bett gelandet bin. Bernd dachte in mir einen neuen Liebhaber gefunden zu haben, doch ich musste ihn enttäuschen. Ich war und bin nicht homosexuell und meine damaligen Handlungen beruhten allein auf dem übermäßigen Tequilakonsum. Bernd ist ein Hüne von Mann, gut einen Kopf größer als ich und der gepflegte Vollbart steht ihm ausgezeichnet. Ich bin froh, dass wir so gute Freunde geworden sind.

„Morgen Bernd. Danke, ausgezeichnet. Wie waren deine Ostertage?“

„Ruhig. Ich kann mich nicht beklagen. Was macht dieser Nachbarschaftsstreit?“ Mein Freund nahm wieder Platz und sah mich fragend an.

Hatte Bernd mich deswegen rufen lassen? Ihm musste doch bekannt sein, dass der Termin bei diesem Bersmann erst heute Nachmittag anstand.

„Da bin ich erst um fünfzehn Uhr. Bisher kann ich also noch nichts dazu sagen. Mich würde allerdings interessieren, warum der Mann ausgerechnet uns angerufen hat.“

„Nun, das kann ich dir erklären.“ Bernd lächelte und zeigte auf den Besucherstuhl. „Setz dich, Jonathan. Vor einigen Jahren, noch bevor du bei mir angefangen hast, haben wir dem Mann einmal zufällig aus der Patsche helfen können. Um genau zu sein: Jennifer war es, die ihm aus einer prekären Situation half. Daran wird Bersmann sich erinnert und sie deswegen angerufen haben.“

Ich nickte verstehend. „Na, wenn die Sache so liegt ... Hast du mich deshalb rufen lassen?“

Bernd schüttelte den Kopf und ich schöpfte Hoffnung, dass Eberson unsere Hilfe brauchte.

„Ein Auftrag vom Oberstaatsanwalt?“, fragte ich und sah meinen Freund freudestrahlend an.

Doch der schüttelte erneut den Kopf. „Nein, Jonathan. Und lass bitte dieses dämliche Grinsen. Es geht um eine andere Angelegenheit.“

Er druckste ein wenig herum, während ich mich fragte, was auf mich zukam. Wenn Bernd sich so verhielt wie jetzt, war es nichts Angenehmes, das wusste ich. Plötzlich wünschte ich mich zurück in mein Büro.

„Es ist ... nun also“, begann er zu erklären und ich merkte, dass ihm die Worte nicht leichtfielen. Obwohl ich meinem Freund aufmunternd zulächeln wollte, behielt ich ein ernstes Gesicht. Nicht, dass er wieder dachte, ich würde ‚dämlich‘ grinsen.

„Es ist mehr eine persönliche Sache. Ein Gefallen. Ein Freund braucht unsere Hilfe und hat eigentlich ausdrücklich nach Christine verlangt. Doch die ist ja in Urlaub, wie du weißt.“ Bernd machte eine kurze Pause und sah mich prüfend an. Als ich kurz nickte, fuhr er fort: „Nun, ich weiß auch nicht so genau, worum es geht. Doch da Chrissi nicht zur Verfügung steht und auch Birgit beschäftigt ist, dachte ich, Jennifer einzusetzen. Aber leider ist auch Jenny nicht abkömmlich, da sich der Oberstaatsanwalt Eberson überraschend ankündigte. Du weißt doch, dass er ein Programm initiiert hat, bei dem südafrikanische Polizisten hier in Deutschland im Austausch mit ihren Kollegen Erfahrungen sammeln sollen ...“

Erneut nickte ich. Wer wusste besser als ich über dieses Programm Bescheid, denn im vergangenen Jahr durfte Christine im Austausch nach Südafrika reisen. Leider wurde sie dort von Terroristen entführt und nur mit knapper Not gelang es uns, sie - und einige andere Geiseln - zu befreien.

„Eberson kommt also heute Mittag mit einer südafrikanischen Delegation zu uns und dazu brauche ich Jennifer. Es tut mir leid, Jonathan, doch du bist der einzige, der sich um unseren Freund kümmern kann.“

„Okay Bernd. Aber worum geht es eigentlich? Soll ich deinen Freund vom Flughafen abholen oder hinfahren? Oder was soll ich tun?“

Bernd machte ein ernstes Gesicht und spielte mit einem Kugelschreiber herum. „Unser Freund musste plötzlich ins Krankenhaus. Worum es genau geht, kann ich dir aber leider auch nicht sagen.“

Ich sah wie Bernd auf den Stift blickte und hatte das Gefühl, dass er doch mehr wusste und es mir nur nicht ins Gesicht sagen wollte. Aber warum? Was konnte so unangenehm sein, dass er damit hinter dem Berg hielt? Sollte ich vielleicht jemanden liquidieren? Jemanden für diesen ominösen Freund aus dem Weg räumen?

„Nur damit wir uns verstehen, Bernd“, versuchte ich ihn zu warnen. „Ich mache nichts Ungesetzliches oder Unmoralisches.“

Bernd lachte kurz auf und sah mich an. „Keine Sorge, Jonathan. Das wird auch niemand von dir verlangen. Geh einfach ins Krankenhaus und höre dir an, was der Mann von uns möchte. Du schaffst das schon.“

Irgendwie wusste ich, dass der eigentliche Hammer bei der Sache noch kommen würde. „Welches Krankenhaus, und wie heißt dieser ‚Freund‘?“, fragte ich leise. „Ein paar Details musst du mir schon mit auf den Weg geben. Und wann soll ich zu dem Mann gehen? Ich habe ja heute noch diesen Termin beim Hundebesitzer.“

Bernd atmete ein wenig auf. „Das Krankenhaus kennst du, es ist das Elisabeth Krankenhaus. Somit hast du nicht viel Fahrerei. Und unseren Freund kennst du auch. Er ist sogar ein alter Bekannter von dir.“ Bernd holte tief Luft. „Es ist Herr Weser. Aber ich weiß nicht, auf welchem Zimmer er liegt, das wirst du erfr..."

„Weser?“, rief ich entsetzt. Dieser dicke, alte Mann, der mich eines Tages noch zum Herzinfarkt treiben würde. „Du meinst doch nicht wirklich Herrn Weser? Bitte, Bernd, sag, dass ich mich verhört habe!“

Doch Bernd schüttelte den Kopf. Dann sah ich, dass sich ein leichtes Grinsen auf sein Gesicht stahl. „Tut mir leid, Jonathan. Es handelt sich wirklich um Herrn Weser.“ Er hob abwehrend beide Hände: „Aber warum er im Krankenhaus ist und was er von uns möchte, das weiß ich wirklich nicht. Am besten wird es sein, wenn du sofort zu ihm fährst.“

„Sofort?“ Ich warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Vor mir lag die Mittagspause und die würde ich bestimmt nicht für diese alte Nervensäge opfern. Doch das sagte ich Bernd nicht. Ich nickte lediglich ergeben. „Gut, dann fahre ich noch vor meinem Termin zu ihm und frage, was er will“, gab ich mich geschlagen. Vorher würde ich aber auf jeden Fall noch gut essen gehen. Die Henkersmahlzeit sozusagen. Dann kam mir eine Idee. „Sollte ich nicht den Porsche aus der Tiefgarage nehmen, wenn ich schon zu Weser fahren muss?“ Ich meinte natürlich den 911er oder den Cayman. An dem Porsche SUV, der dort unten stand, war mir nicht unbedingt gelegen.

„Ist dein Wagen kaputt, Jonathan?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Na siehst du. Dann nimmst du deinen Kia und rechnest später das Kilometergeld ab. So wie immer.“

Ich parkte meinen postgelben Wagen auf dem Seitenstreifen und legte den vorgeschriebenen Parkschein auf das Armaturenbrett. Bevor ich den Wagen verschloss, vergewisserte ich mich, dass alle Seitenscheiben auch geschlossen waren.

Wenn ich schon zu diesem unsäglichen Herrn Weser musste, dann wollte ich zuvor wenigstens noch gut essen. Und wo war das besser möglich, als in der kleinen gemütlichen Frittenbude meines Freundes Curry-Erwin mitten in Rheydt. Curry-Erwin war der unangefochtene Meister seines Fachs hier in der Gegend. Seine Kreationen waren ... ich überlegte, dann fiel mir der richtige Ausdruck ein: ungewöhnlich. Nicht nur der Lärpers Spezialteller mit einer gelungenen Mischung aus Mayonnaise, Soße und Senf, den er extra nach mir benannt hatte, sondern auch solche Spezialitäten wie das Schaschlik Eiffelturm, das er mir nach einem Auftrag in Frankreich kredenzte. Dummerweise war es ihm bis jetzt nicht gelungen, eine Lösung für das Problem des senkrecht in der Schale steckenden Spießes zu finden, so dass immer noch Soße durch das Loch im Boden austreten konnte. Aber Erwin arbeitete an einer Lösung, wie er mir glaubhaft versicherte.

Schwungvoll trat ich durch die gläserne Eingangstüre, die mich immer wieder an die guten alten Zeiten erinnerte. Naja, Zeiten vor meiner Geburt, doch so sahen in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts viele Türen aus. Der kleine Imbiss wurde - wie immer um diese Zeit - bestens besucht. Hier traf sich ein repräsentativer Querschnitt der Bewohner Mönchengladbachs. Bauarbeiter, Jugendliche und die Fachkräfte vom städtischen Reinigungsdienst verbrachten hier regelmäßig ihre wohlverdienten Mittagspausen. In dem kleinen Raum strotzte es nur so von Lokalkolorit.

Heute drängten sich an zweien der Stehtische mehrere Bauarbeiter dicht aneinander und prosteten sich lautstark mit ihren Bierflaschen zu. Hätte ich nicht gewusst, dass diese Männer eine Menge Alkohol vertrugen, so wäre ich vermutlich in den Gedanken verfallen, dass sie allesamt schon ziemlich angetrunken waren. Ein Teil der Männer wandte sich mir kurz zu, als ich den Laden betrat, die kleinen Glöckchen über der Tür melodisch anschlugen und mich als neuen Gast ankündigten. Curry-Erwin, der fleißig hinter seiner gläsernen Theke hantierte, blickte auf und ein breites Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Rasch wischte er sich die fettigen und mit Soße und Mayonnaise bekleckerten Hände an seiner Schürze ab. Dann stürzte er auf mich zu und nahm mich fest in den Arm.

„Jonathan. Wie schön dich wiederzusehen. Wie geht es dir, es ist doch jetzt schon eine ganze Weile her, dass du mich besucht hast ...“

Ich grinste. Wie schön war es doch, so freundlich begrüßt zu werden. Dann rechnete ich kurz nach. „Fünf Tage, Erwin. Am Donnerstag vergangener Woche war ich zuletzt hier. Und danach hast du ja den Imbiss dicht gemacht, um die Ostertage in Ruhe zu genießen.“

Erwin winkte ab. „In Ruhe ist gut, Jonathan.“ Er zwinkerte mir zu. „Ich musste die Feiertage für einen Kurzurlaub nutzen. Frau und Kinder, weißt du.“

Nein, wusste ich nicht. Aber er würde es mir bestimmt sofort erzählen.

„Weißt du mein Freund“, fing Erwin auch gleich an zu erklären, während er wieder hinter seiner Theke verschwand, „wir waren mal kurz in Thailand. Herrliche Gegend dort.“

Einer der Bauarbeiter drehte sich um und machte in Erwins Richtung das Daumen-hoch Zeichen. „Dat kannse wohl sagen. Ich war auch mal dort, wegen dat Bumsen.“ Seine Kollegen lachten und jeder wusste anzügliche Bemerkungen zu machen. Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Ja, so waren sie die Gladbacher!

„Jonathan, was kann ich dir zu essen anbieten? Ein Bier dazu?“

„Kein Bier, Erwin. Ich muss noch fahren und arbeiten. Eine Cola wäre ganz nett. Und zu essen käme mir eine ordent...“

„Sag nichts, Jonathan“, unterbrach mich mein Freund und ich wusste, was jetzt kam. Er schob mir eine Flasche Cola hin. „Lass dich einfach überraschen. Ich habe ein paar super Rezepte aus Thailand mitgebracht und möchte dir dieses kulinarische Highlight nicht vorenthalten. Du kannst dich mit deinem Kaltgetränk schon einmal an den Tisch dort stellen, in ein paar Minuten erhältst du deine Überraschung.“

Ein wenig wehmütig blickte ich auf die vor sich hin brutzelnden Bratwürste. Eigentlich hatte ich mich auf eine leckere Currywurst mit einer Riesenportion Pommes und Mayonnaise gefreut, doch wenn Curry-Erwin eine seiner neuen Kreationen vorführen wollte, hatte mein profaner Geschmack zu schweigen. Hauptsache, es waren genügend Pommes Frites mit ordentlich Mayonnaise dabei ...

Ich musste eine ganze Weile auf mein Essen warten, doch ich wusste, dass Erwin mich nicht vergessen hatte. Inzwischen gelangten die Bauarbeiter bei ihrer fünften Flasche Bier an und die Stimmung an den zwei Nebentischen stieg. Als einer der Männer sich an einem Stück Wurst verschluckte und es gerade so eben schaffte, sich nicht zu übergeben, wusste ich, dass diese Leute aus echtem Schrot und Korn waren.

Endlich schob Curry-Erwin eine Pappschale vor mich hin. Wie bei allen seinen Gerichten verdeckte eine dicke Schicht Mayonnaise das eigentliche Essen. Ich wusste, dass sich unter dieser Schicht die Pommes Frites verbargen, doch was würde darunter folgen? Fragend sah ich Erwin an.

„Wohl bekomm’s mein Freund. Das ist ein altes traditionelles Thaigericht. Thai Hack Spezial. Na gut“, gab Erwin gutgelaunt zu, „ich habe es ein wenig abgewandelt, denn in Thailand besteht es aus Hundefleisch.“

Am Nebentisch vernahm ich wieder das bekannte Würgen. Neugierig blickte ich auf. Würde der Mann sich jetzt übergeben?

„Doch hier gibt es nur Schwein und Rind“, fügte Erwin laut hinzu und das Würgen ließ etwas nach. Er deutete auf die Spitze der kleinen Pommesgabel, die aus der Mayonnaise ragte. „Lass es dir schmecken, Jonathan. Du weißt, dass ich deinem fachlichen Urteil sehr vertraue!“

Ich fummelte das Gäbelchen hervor, musste aber meine Finger tief in die Mayonnaise tauchen. Suchend sah ich mich nach einer Serviette um, die aber fehlte. Dann stieß ich die Gabel durch die gelblich-weiße Substanz und hoffte, ein paar Pommes aufzuspießen. Enttäuscht zog ich schließlich die leere Gabel zurück.

Erwin befand sich wieder hinter seiner Theke und nach einem verstohlenen Blick schob ich die Mayonnaise mit den ohnehin schon fettigen Fingern zur Seite. Was darunter zum Vorschein kam, ließ mich auch ein paarmal würgen und ich hörte, wie der Mann am Nebentisch nun auch wieder diese Laute von sich gab. Vor mir lagen, von der Mayonnaise verklebt und verschmiert, eine Vielzahl von kleinen weißen Würmern. Die Bauarbeiter beobachteten mein Handeln genau und einer von ihnen hielt dem würgenden Kollegen eine halbvolle Schale vor den Mund.

„Erwin, was ist das?“ Ich deutete auf die Schale. „Sind das etwa Maden?“

Beim Wort ‚Maden‘ brach es aus dem Bauarbeiter hervor und halbverdaute Wurst mit Pommes und Soße landeten unter dem Tisch.

Erwin schüttelte den Kopf. „Die Sauerei macht ihr aber selber weg!“, herrschte er die Männer an, dann rief er mir zu: „Reis, Jonathan. Thailandreis. Noch eine Cola?“

Ich schüttelte den Kopf und schob den Reis vorsichtig zur Seite. Leider ließ es sich nicht verhindern, dass ein Teil des Mayonnaise - Reismatsches auf den Tisch floss. Jetzt kam eine Frikadelle zum Vorschein, die in einer roten Soße schwamm. Kleine Käsestückchen waren mit Zahnstochern auf dem Fleisch befestigt und weiße Mayonnaiseschlieren durchzogen die Soße. Ich entfernte die Käsestücke sorgfältig, pikste die Frikadelle auf und biss vorsichtig hinein. Das Fleisch war eiskalt und schmeckte wie einer der Billigfrikadellen aus dem Discounter.

„Ah, du bist zum Hack durchgedrungen.“ Curry-Erwin stand neben mir. Er musste sich lautlos angeschlichen haben. „Schmeckt es dir? Ein gelungenes Gericht, nicht wahr mein Freund?“

Ich nickte, während ich auf der Frikadelle herumkaute. Die Bauarbeiter waren mittlerweile dabei, die Sauerei unter dem Tisch aufzuwischen, verteilten das Erbrochene aber lediglich großflächig. Endlich konnte ich das kalte Fleisch herunterschlucken.

„Hervorragend Erwin“, log ich, denn meinen guten Freund wollte ich nicht enttäuschen. „Aber die Frikadelle ist eiskalt!“

„Hack, Jonathan. Thai - Hack. Das muss so sein.“ Er blickte auf den Reis und die Mayonnaise auf dem Tisch. „Da hast du aber wieder eine ordentliche Sauerei angerichtet“, tadelte er mich dann. „Wenn es dir schwerfällt mit einer Gabel zu essen, dann nimm ruhig die Finger. In Thailand machen das alle so.“

Ich warf einen Blick auf meine Uhr und mimte den Erschrockenen. „Oh verdammt, ich muss los ...“

Curry-Erwin nickte wissend. „Deine Termine lassen dir aber auch nicht das kleinste bisschen Zeit, in Ruhe zu essen. Und wie deine Finger aussehen.“ Er hob seine Schürze an und hielt sie mir hin. „Hier, da kannst du deine Hände abputzen ...“

II.

Vorsichtig fuhr ich in das Parkhaus. Obwohl ich meine Hände mit mehreren Papiertaschentüchern abgewischt hatte, rutschte meine rechte Hand immer wieder über das Lenkrad. Von dem gegessenen Stück Frikadelle hatte ich ein unangenehmes Aufstoßen, fast so, als wäre das Fleisch nicht mehr gut gewesen. Aber das konnte eigentlich nicht sein, denn Curry-Erwin bot nur beste und frische Sachen an.

Das Thaigericht schlug mit satten dreißig Euro zu Buche, doch Erwin versicherte mir, dass dies ein Sonderpreis für mein Testessen sei. Und die Benutzung seiner Schürze zum Abwischen meiner Hände bekam ich gratis dazu.

Wie ich erfuhr, lag Herr Weser noch in der Notaufnahme. Man hatte für den alten Querulanten bisher kein geeignetes Zimmer gefunden. Als ich in den Raum trat, sah der Alte mir misstrauisch entgegen.

„Herr Lumpers, was machen sie denn hier?“, fragte er ohne eine Begrüßung. „Ich hatte die Frau Enssel erwartet. Haben sie Jennifer hierhergebracht? Und wo ist sie?“

„Einen schönen guten Tag, Herr Weser“, gab ich mich höflich. Wieso konnte der Mann sich eigentlich nie meinen Namen merken? „Lärpers heiße ich, Jonathan Lärpers.“

„Ja, ja“, murrte er, „wo also ist Jennifer? Herr Heisters hat mir zugesagt, dass sie sich um mich kümmern würde.“ Und wie ein beleidigtes Kind fügte er hinzu: „Wenn schon die Christine nicht kommen kann ...“

„Frau Enssel ist unabkömmlich“, erklärte ich. „Der Oberstaatsanwalt hat sich überraschend angekündigt und nun wird sie im Studio benötigt.“

„Und da schickt man ausgerechnet sie, Herr Lüllers? Ich will, dass Jennifer kommt. Sofort!“

Ich schüttelte den Kopf: „Ich kann ja gerne wieder gehen, doch momentan bin ich der Einzige, der zur Verfügung steht. Glauben sie mir, Herr Weser, mir passt das auch nicht.“

„So, so. Es passt ihnen also nicht, einem armen, kranken Mann helfen zu müssen! Was sind sie nur für ein Mensch, Herr Klüsters! Glauben sie etwa, dass es mir Spaß macht, hier vor mich hin zu siechen?“

„Was haben sie denn überhaupt, Herr Weser?“

„Das geht sie überhaupt nichts an, Löklers!“, fauchte der Alte. Eigentlich konnte er doch nicht allzu krank sein, wenn er mich dermaßen anschrie. Sekunden später trat eine Schwester in den Raum.

„Was ist denn hier los?“ Sie kam auf mich zu und hob drohend den Zeigefinger. „Sie sollten hier nicht so herumschreien, mein Herr. Was machen sie überhaupt hier? Das ist die Notaufnahme.“

Ich hob beschwichtigend meine Hände. „Herr Weser wollte mich sehen, er braucht unsere Hilfe. Und geschrien habe nicht ich, sondern er.“

Die Schwester sah Weser scharf an. Schließlich grunzte der dicke, alte Mann und schüttelte den Kopf: „Nein, ihn wollte ich nicht sehen. Frau Weru sollte hierherkommen und dann hat Herr Heisters mir zugesagt, dass Frau Enssel mir hilft. Aber niemals dieser ... dieser ... Tölpers.“

Die Schwester drehte sich zu mir und schob mich sanft in Richtung Tür. „Kommen sie, Herr Tölpers. Sie sollten den Patienten jetzt alleine lassen. Er braucht Ruhe!“

„Lärpers. Ich heiße Jonathan Lärpers und nicht Tölpers“, korrigierte ich aufgebracht. Dank der wenigen Minuten mit Weser war ich schon fast wieder am Ende mit meinen Nerven. Als wir fast an der Türe standen, hörten wir Herrn Wesers Stimme hinter uns.

„Schwester, Schwester! Lassen sie den Mann hier.“ Jetzt klang seine Stimme resigniert. „Wenn mir Heisters niemand anderen schicken will, dann muss ich wohl mit dem Mann da vorliebnehmen!“

Die Krankenschwester drehte sich um und stemmte resolut die Hände in die Hüften. „Sie wissen aber wohl, was sie wollen, Herr Weser? Klingeln sie, wenn etwas sein sollte und verschwenden sie nicht meine Zeit!“ Ohne ein weiteres Wort verschwand sie auf den Gang hinaus.

Ich trat erneut zu Herrn Weser ans Bett. „Also, was wollen sie? Warum müssen wir ihnen helfen?“

„Sie müssen mir überhaupt nicht helfen, Härpers! Christine sollte mir helfen.“

Ich stöhnte gequält auf. „Frau Weru befindet sich in ihrem wohlverdienten Urlaub und ansonsten steht niemand zur Verfügung“, erklärte ich gereizt. „Das habe ich ihnen doch schon gesagt!“

Weser grummelte etwas vor sich hin, dann bemerkte er: „Wenn sie nur wollen würden, dann könnte man Christine aus dem Urlaub holen! Aber sie wollen ja nicht!“

„Wollen würden und hätte können“, gab ich von mir und warf einen Blick auf meine Uhr. „Wenn sie mir nicht bald sagen, was sie von uns wünschen, dann hilft ihnen niemand. Ich habe gleich noch einen Termin und muss noch quer durch die Stadt fahren. Also, worum geht es, Herr Weser?“

„Quatsch. Das ist doch Quatsch“, krähte der Alte. „Meinen sie, sie könnten einen Herrn Weser mit diesem Terminquatsch unter Druck setzen? Was haben sie schon für wichtige Termine, Grütters?“

Ich sah Weser kurz an, dann drehte ich mich um und schritt auf die Tür zu. Dem Alten war nicht zu helfen und dieser Unsinn hier ging mir gewaltig auf die Nerven. Ich würde Bernd anrufen und ihm berichten, dass Weser meine Hilfe ablehnte.

„Püllers, bleiben sie gefälligst hier, verdammt!“, vernahm ich die Stimme des Alten hinter mir. „Sie kommen jetzt unverzüglich wieder zu mir oder ich klingle nach der Schwester.“

Ich blieb stehen und antwortete ohne mich umzudrehen: „Nur, wenn sie mir endlich sagen, worum es überhaupt geht. Ansonsten können sie sehen, wie sie alleine zurechtkommen.“

Der Alte seufzte vernehmlich. „Ja, meinetwegen. Sind sie sicher, dass Christine nicht aus dem Urlaub geholt werden kann? Für die Aufgabe braucht man Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen un...“

Ich stand mittlerweile wieder neben ihm. Mein gewollt böser Blick schien den alten Mann nicht zu stören. „Verdammt, Weser, sagen sie endlich, was sie von mir wollen. Wir werden Frau Weru garantiert nicht aus dem Urlaub zurückholen, also: worum geht es?“ Ich musste mich sehr zusammenreißen, um die letzten Worte nicht herauszuschreien.

„Wülkers, sie haben kein bisschen Feingefühl“, erneut seufzte der Dicke theatralisch. „Geben sie mir doch mal meine Hose. Die liegt dort über dem Stuhl.“

Wollte er sich jetzt anziehen und von mir nach Hause gefahren werden? Dazu hatte ich keine Zeit. Trotzdem reichte ich ihm die Hose, die zahlreiche Schmutzflecken aufwies.

Weser kramte in den Taschen herum und reichte mir schließlich einen Schlüssel an einem Ring mit Anhänger. Als ich die Aufschrift auf der Plakette las, konnte ich ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Dick eingraviert stand dort ‚Genie‘.

„Gärpers, das ist der Schlüssel zu meinem Haus. Wieso grinsen sie eigentlich so dämlich? Na egal. Es geht um Bingo.“

„Bingo?“, echote ich. Hatte der senile Alte mich wegen eines dämlichen Spiels zu sich kommen lassen? „Das ist jetzt nicht wahr, oder?“

Weser nickte ernsthaft. „Sie müssen sich um Bingo kümmern.“

Ich sah den Mann wütend an. „Sagen sie mal, Weser, haben sie keine anderen Probleme als ein dämliches Spiel? Soll ich etwa für sie Bingo spielen? Das können sie sich abschminken!“

„Ein Spiel?“ Weser richtete sich mühsam im Bett auf. Jetzt war ihm anzusehen, dass es ihm nicht gut ging. Fast tat der Kerl mir leid. Aber nur fast ...

„Bingo ist kein Spiel“, fuhr er fort. „Ja sicher, Bingo ist schon ein Spiel, aber dieser Bingo nicht.“

Der Alte verwirrte mich zusehends. Ich schaute ihn fragend an.

„Jetzt gucken sie nicht so blöd, Julpers. Bingo ist ein Hund. Um genauer zu sein: Bingo ist der Hund eines Bekannten, der im Krankenhaus liegt. Und ich betreue das Tier, bis er wieder zu Hause ist. Verstanden, Höppers? Das ist doch ganz einfach, das sollten selbst sie verstehen.“

„Lärpers“, korrigierte ich automatisch. Hier ging es um irgendeinen verdammten Köter und es musste ausgerechnet mich treffen! Stöhnend dachte ich an meinen Termin, der immer näher rückte. Jonathan Lärpers war wirklich auf den Hund gekommen.

„Gehen sie, Särpers und kümmern sie sich um den Hund. Das ist ein ganz liebes Tier und sobald ich aus dem Krankenhaus wieder heraus bin, können sie Bingo wieder zu mir bringen.“

„Was ist das denn für ein Hund?“, fragte ich noch, während ich schon in Richtung Tür ging.

„Ein Mallenar. Und Futter finden sie in der Küche und im Keller. Sie können aber auch selber Futter kaufen. Die Hundeleine hängt übrigens an der Garderobe.“

Ich drehte mich noch einmal um und sah, wie der Alte überlegte.

„Ach ja. Das Hundespielzeug liegt neben seinem Körbchen in dem hinteren Raum neben dem Wohnzimmer. Vergessen sie ja nichts mitzunehmen! Und fassen sie auf keinen Fall etwas in meinem Haus an!“ Weser seufzte wieder lautstark. „Ach, wäre doch Christine hier.“

Ich machte mir Gedanken um den Köter. Mit Hunden kannte ich mich nicht aus und was in aller Welt war ein ‚Mallenar‘? Ein Dackel, ein Mops oder was? „Was ist ein Mallenar?“, fragte ich, um in dieser Beziehung wenigstens vorbereitet zu sein.

Weser knurrte. „Das wissen sie nicht? Wie ungebildet sind sie eigentlich, Märpers? Ein Mallenar ist ein belgischer Schäferhund. Mann, das weiß doch jedes Kind.“

Während Weser weiter leise vor sich hin schimpfte, verließ ich das Zimmer. Im Gang kam mir die Schwester entgegen und ich wandte mich kurz an sie: „Entschuldigen sie. Können sie mir sagen, was Herr Weser für eine Krankheit hat? Wie lange wird er hierbleiben müssen?“ Je eher ich den Köter wieder loswurde, desto besser.

Die Schwester schüttelte den Kopf: „Das kann ich ihnen nicht sagen, da ich es nicht weiß. Herr Weser muss erst noch untersucht werden. Aber auch wenn ich es wüsste, dürfte ich es ihnen nicht sagen. Datenschutz, verstehen sie. Sie sind doch kein Angehöriger.“

Ich nickte und wollte gerade weitergehen, als sie hinzufügte: „Ich kann ihnen aber verraten, dass ein Nachbar Herrn Weser bewusstlos auf dem Gehweg vor seinem Haus gefunden und die Ambulanz verständigt hat.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Was dem Mann nun aber fehlt, werden wir erst noch feststellen müssen.“

Fluchend quälte ich mich durch den Verkehr. Hunde, Hunde und immer wieder Hunde. Ich stand diesen Tieren an sich neutral gegenüber, doch lieber waren sie mir, wenn sie sich weit genug entfernt befanden. Nicht, dass ich Angst vor Hunden hätte, doch im Grunde konnte ich mit ihnen nichts anfangen. Wozu war so ein Tier schon gut? Es kostete eine Menge Geld, fraß Unmengen an Futter und hinterließ überall Tretminen.

Ich hupte und quetschte mich in eine Lücke. Hinter mir erschall ein wütendes Hupkonzert und im Rückspiegel sah ich den ausgestreckten Mittelfinger des Fahrers. Was interessierte mich das schon! Jonathan Lärpers, Privatdetektiv und Personenschützer, hatte einen Termin und musste pünktlich erscheinen. Trotzdem ging es nur schleppend voran und ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich auf jeden Fall zu spät kommen würde.

Scheiß Herr Weser, scheiß Hunde und scheiß Nachbarschaftsstreit. Wieso hatte Bernd eigentlich nicht mich anstelle von Birgit zum Schutz dieser Musikerin abgestellt? Dass diese Künstlerin unbedingt nach einer Frau als Personenschutz verlangt hatte, war doch eigentlich kein Argument.

Die kleine Eigenheimsiedlung lag weit im Norden Mönchengladbachs. Akkurat geschnittene Rasenflächen, penibel saubere Vorgärten und Gehwege, sowie streng den Vorschriften entsprechend geparkte Fahrzeuge verrieten mir, dass es sich um eine äußerst gut bürgerliche Siedlung handelte. Ich parkte direkt vor der Garageneinfahrt des Herrn Bersmann, dem Mann mit dem Hund.

Keine zwei Minuten später klopfte es an meine Seitenscheibe. Ein dürrer Mann mit schulterlangen, fettigen Haaren bedeutete mir, das Fenster herunterzukurbeln. Ich lächelte ihn an und stieg aus meinem Wagen.

„Hier können sie nicht parken“, begrüßte mich der Dürre, der einen halben Kopf kleiner war als ich. Ich schätzte ihn auf einen Meter fünfundsiebzig. „Sie stehen genau vor der Garageneinfahrt, also steigen sie mal schnell wieder ein und fahren sie woanders hin!“

„Herr Bersmann? Edgar Bersmann?“

„Woher wissen sie meinen Namen?“

Ich lächelte und streckte dem Mann meine Hand entgegen. Bersmann war neunundsechzig Jahre alt und Rentner. Soviel wusste ich immerhin aus der Akte. „Jonathan Lärpers von der Detektei Argus. Sie haben uns angerufen wegen ihres Streits mit dem Nachbarn. Es wurde ein Termin mit ihnen gemacht.“

Bersmann blickte auf seine Uhr am Handgelenk. „Lärpens? Sie sind zehn Minuten zu spät. Unser Termin war um fünfzehn Uhr und jetzt ist es fünfzehn Uhr zehn.“ Er sah mich kopfschüttelnd an und blickte dann auf mein Auto. „Sind sie bei der Post beschäftigt?“

„Detektei Argus. Und es tut mir leid, wenn ich etwas später dran bin, doch der Verkehr hat mich aufgehalten. Und dann war da noch eine Baustelle in ...“

„Schon mal davon gehört, dass man auch früher losfahren kann? Heutzutage müssen sie mit viel Verkehr rechnen. Das ist keine Ausrede!“ Dann meinte er eine Spur freundlicher: „Na, dann kommen sie mal ins Haus, ich erkläre ihnen, worum es geht.“

Im Haus empfing uns ein fürchterlich kläffendes Wollknäuel von zirka zwanzig Zentimeter Länge. Der Hund - sofern man so etwas Hund nennen konnte - bellte mich an, wich aber ständig vor mir zurück.

„Niedlich“, bemerkte ich und verschluckte ein: ‚Eine Fußhupe.‘ „Was ist das für eine Rasse, ein Pudel?“

Bersmann lachte. „Ein Pudel? Hallo, sie kennen sich aber mit Hunden wohl überhaupt nicht aus. Das ist Mopsi, ein ...“

„Ein Mops?“, fiel ich ihm ins Wort. Der Name ‚Mopsi‘ ließ ja auf kaum etwas anderes schließen.

„Ein Lhasa Apso.“

Ich sah mir den Hund genauer an, was der mit einem fürchterlichen Knurren quittierte. „Aha“, meinte ich dann.

„Kommen sie ins Wohnzimmer, dort ist es gemütlicher.“

Wieder wich der Köter vor mir zurück, doch wenigstens knurrte und bellte er jetzt nicht mehr. Bersmann wies auf einen Sessel. „Setzen sie sich. Sehen sie, Mopsi hat sich schon an sie gewöhnt. Sie werden noch beste Freunde werden.“

Daran glaubte ich zwar nicht, nickte aber ergeben.

„Darf ich ihnen einen Kaffee anbieten? Ich habe extra welchen aufgesetzt.“

Bevor ich noch antworten konnte, war der Mann auch schon wieder verschwunden. Ich sah mich unter dem wachsamen Blick des Hundes im Wohnzimmer um. Alles war penibel sauber und ordentlich. Ein Musterhaushalt. Als ich mich ein wenig erhob, um einen Blick aus der Glasfront in den Garten zu werfen, knurrte ‚Mopsi‘ warnend. Rasch ließ ich mich in den Sessel zurückfallen.

Ein paar Minuten später kehrte Bersmann mit zwei Bechern zurück, in der sich eine ziemlich dunkle Brühe befand. „Steht schon einige Zeit auf der Platte“, meinte der Dürre entschuldigend und nahm einen Schluck. Dann setzte er sich auf die Couch und Mopsi ließ sich mit einem Grunzen neben ihm nieder. Ich nippte an dem Gebräu und schaffte es, mein Gesicht nicht zu verziehen. Der Kaffee war ungenießbar.

„Nun, Herr Bersmann“, wandte ich mich an den Hundehalter, der inzwischen mechanisch das Wollknäuel streichelte. „Wie sie uns mitteilten, geht es um ihren Nachbarn, der von dem Hund gebissen wurde und sie nun verklagen möchte. Was stellen sie sich vor, soll die Detektei Argus in diesem Fall für sie tun?“

„Mopsi hat Guido nicht gebissen. Der ist absolut friedfertig.“

Dass der Hund so friedfertig sein sollte, bezweifelte ich zwar, meinte aber fragend: „Guido?“

„Ja, Guido“, nickte Bersmann. „Mein Nachbar Guido Ownatz. Mopsi hat ihn nicht gebissen.“

Ich blickte genervt auf den Köter. „Wenn dem so ist, dann haben sie doch nichts zu befürchten. Sie brauchen höchstens einen Anwalt, was soll ich denn für sie tun?“

„Nun“, der Dürre druckste ein wenig herum. „ich dachte, vielleicht könnten sie mit Guido reden und ihm klarmachen, dass Mopsi nicht beißt. Wenn ein ... ein ... nun also, ein kräftiger, junger Mann mit der nötigen Präsenz ein paar entsprechende Worte an Guido richten könnte, dann würde der vielleicht ...“

„Sie meinen aber jetzt nicht, dass ich ihren Nachbarn einschüchtern soll?“

„So direkt würde ich es nicht ausdrücken. Nur ein wenig Überzeugungsarbeit leisten ...“

Ich sah den Hundebesitzer kopfschüttelnd an. „Wir sind doch keine Schläger, die anderen ihren Willen aufzwingen“, bemerkte ich dann. „Wie gesagt: Sie benötigen einen Anwalt und keinen Privatdetektiv.“

„Bitte“, meinte Bersmann und es klang jetzt ein wenig weinerlich. „Sprechen sie doch wenigstens einmal mit Guido.“

„Na gut“, nickte ich und für mich klang es nicht einmal ein wenig gönnerhaft. „Wir können mit ihrem Nachbarn reden. Das schadet ja nicht. Aber ich werde ihn auf keinen Fall bedrohen oder einschüchtern. Nur damit das klar ist. Dann geben sie mir mal seine Rufnummer, damit ich einen Termin vereinbaren kann.“

„Das ist nicht notwendig. Guido ist jetzt zu Hause, das weiß ich genau.“ Bersmann lächelte verschmitzt. „Ich habe ihn ja eben noch beobachtet.“

Mich wunderte nichts mehr und so nickte ich lediglich erneut. „Aber der Kö... Hund bleibt hier.“

„Äh, hmm, also“, machte der Dürre. „Können sie nicht alleine zu Guido gehen und die Sache mit ihm besprechen?“

„Auf keinen Fall! Entweder gehen wir zusammen zu ihrem Nachbarn oder keiner. Sie können die Angelegenheit ja auch alleine mit ihm regeln.“

„Nein, nein. Gehen wir zusammen. Und Mopsi darf nicht mit?“

Diesmal ließ mich ‚Mopsi‘ ohne Knurren und Kläffen die Diele passieren. Es schien mir sogar so, als würde sich grimmige Freude in dem kleinen Hundegesicht widerspiegeln. Freude darüber, dass ich endlich sein Refugium verließ.

Die Tür des Nachbarhauses öffnete sich, noch bevor ich klingeln konnte. Ein Männchen, das mich stark an Herrn Weser erinnerte, stand im Türrahmen und sah uns feindlich an. Er mochte vielleicht einen Meter achtundsechzig groß sein, war enorm dick und trug eine Glatze. Dafür prangte über seiner Oberlippe ein buschiger Bart, der inzwischen wohl seine Farbe verloren hatte. Jedenfalls waren die Barthaare schlohweiß.

„Was wollen sie?“, fragte er anstelle einer Begrüßung, dann sah er seinen Nachbarn an: „Was willst du, Edgar?“

„Guten Tag, Herr Ownatz“, zog ich die Gesprächsführung an mich, bevor sich die zwei in die Haare kriegen konnten. „Mein Name ist Jonathan Lärpers von der Detektei Argus. Wir wollen wegen der ... Vorfälle mit ihnen reden.“

„Da gibt es nichts zu reden. Edgar, wieso schleppst du mir hier einen Polizisten an?“

Ich schüttelte den Kopf. „Kein Polizist, Herr Ownatz. Ich bin Privatdetektiv. Sehen sie, unsere Detektei Arg...“

„Das ist mir piepegal“, unterbrach mich der Dicke. „Es gibt nichts zu reden. Und damit basta.“ Er wollte die Haustür zudrücken, doch inzwischen stand mein Fuß dazwischen.

„Doch Herr Ownatz. Wir müssen miteinander reden. Wenn sie ihren Nachbarn vor Gericht bringen wollen, dann sollten sie sich einiger Dinge bewusst sein.“ Ich improvisierte und wusste eigentlich nicht, wovon ich redete. Doch das schienen der Dicke - und sein Kontrahent - nicht zu merken. Jetzt gewann ich an Fahrt und fügte hinzu: „Es wird Untersuchungen geben, ob sie wirklich von dem Hund gebissen wurden und eine Reihe medizinischer Tests werden erforderlich sein. Das kann sie unter Umständen mehrere Wochen in ein Krankenhaus bringen.“ Ich hoffte, jetzt nicht zu dick aufgetragen zu haben.

Ownatz sah mich fragend an. Seine Stimme klang ein wenig ängstlich, als er fragte: „Kann man das denn feststellen, ob ich gebissen wurde?“

Ich nickte voller Überzeugung. „Selbstverständlich. In dem von einem Hund gebissenen Körper bilden sich Antikörper, die die DNA des Hundes in sich tragen. Das Verfahren ist zwar umständlich, doch diese Antikörper können nachgewiesen werden. Unsere Detektei Argus beschäftigt mehrere Anwälte, die sich mit der Thematik bestens auskennen.“ Ich lächelte den Mann an und schoss meine schärfste Waffe ab: „Sollte sich herausstellen, dass sie nicht von Mopsi gebissen wurden, dann werden wir sie auf Schadenersatz, Wiedergutmachung und Freiheitsentzug verklagen. Sie werden für eine lange Zeit ins Gefängnis müssen.“ Ich unterdrückte mühsam ein selbstgefälliges Grinsen. Hauptsache der Mann glaubte mir den Blödsinn. In einem Land, in dem ein Mörder und Totschläger nicht einmal ins Gefängnis musste, wie kürzlich passiert, würde unsere Kuscheljustiz wohl kaum ein Verfahren wegen einer Hundebisslüge eröffnen.

Jetzt blickten mich beide Männer entsetzt an. „Mein Gott, das will ich aber nicht“, stöhnte der Hundebesitzer Edgar Bauersmann und Guido Ownatz hob beide Hände.

„Ich auch nicht, Edgar. Das kannst du mir glauben.“ Er sah mich hilfesuchend an: „Bitte kommen sie herein, ich habe auch Kaffee und Kuchen. Wir können doch über alles reden!“

Kurze Zeit später saßen wir in dem Wohnzimmer, das dem des Hundebesitzers erschreckend ähnelte. Hier war alles ebenfalls äußerst sauber und ordentlich. Ich musste an meine Wohnung denken und daran, vielleicht doch einmal ordentlich aufzuräumen. Lediglich der Kaffee des Herrn Ownatz war um Längen besser, als der seines Nachbarn. Doch den hatte Guido, wie ich ihn nennen sollte, auch frisch aufgebrüht.

Nachdem wir alle mit Kaffee und Kuchen versorgt waren, verkündete ‚Guido‘: „Also, Edgar, das musst du mir glauben, aber ich hatte nie vor, dich zu verklagen.“ Dann wurde er noch eine Spur kleinlauter und fuhr fort: „Mopsi hat mich nicht gebissen. Das habe ich nur erfunden. Es tut mir so leid ...“

„Aber warum?“, wollte ich wissen. Für mich war die Angelegenheit im Prinzip erledigt. Aber ich würde noch einen Bericht schreiben müssen und es wäre doch ganz nett, die Hintergründe mit einfügen zu können. „Herr Ownatz, warum um alles in der Welt haben sie das gemacht?“

„Guido, sagen sie doch Guido zu mir.“ Ownatz knetete seine dicken Wurstfinger und es war ihm deutlich anzusehen, dass er sich schämte. „Also ... eigentlich, nun im Grunde genommen ...“ er gab sich einen Ruck und blickte entschuldigend auf. „Also Edgar und ich, wir kennen uns schon viele, viele Jahre. Und bevor Edgar in Rente ging, sind wir immer gemeinsam spazieren gegangen. So oft es unsere Zeit zuließ. Ich bin ja schon länger Frührentner und habe mich immer sehr auf unsere Spaziergänge gefreut. Doch dann wurde Edgar auch Rentner und hat sich plötzlich Mopsi angeschafft. Ja und dann“, Guido seufzte vernehmlich, „hat er mehr mit dem Hund, als mit mir gesprochen und ich wurde ihm ganz egal.“

Jetzt fiel Bersmann ein und erhob sich halb: „Das ist nicht wahr, Guido. Ich habe auch viel mit dir gesprochen. Du hast keinen Grund auf Mopsi eifersüchtig zu sein!“

„Doch, doch Edgar“, widersprach Ownatz. „Du hast das nur nicht gemerkt. Mopsi war dir wichtiger als ich.“

Ich kam mir vor, wie in einer schlechten Dokusoap. Hier saßen zwei alte Leute und benahmen sich wie kleine, eifersüchtige Kinder. Es wurde Zeit, mich zu verabschieden.

„Mopsi brauchte doch meine Aufmerksamkeit“, antwortete der Hundebesitzer weinerlich. „Er war doch gerade eben aus dem Tierheim zu mir gekommen und so klein und hilflos. Hast du denn kein Verständnis für so etwas?“

In diesem Moment ging mir ein Licht auf. Nur ein Licht, nein eine ganze Sonne: Dies war die Lösung meiner Probleme. Das Tierheim. Ich würde den Köter von Herrn Weser dort vorübergehend ‚parken‘. Wenn Weser dann aus dem Krankenhaus kam, könnte ich den Hund wieder aus dem Tierheim holen. Eine vortreffliche Idee!

„Also meine Herren“, versuchte ich, die Angelegenheit nun zu einem Ende zu führen. „Dann gehe ich einmal davon aus, dass wir uns einig sind? Ich schlage vor, sie reichen sich jetzt die Hände, vertragen sich und in den nächsten Tagen erhalten sie, Herr Bersmann unsere Rechnung.“

Die beiden erhoben sich und gaben sich feierlich die Hand. Dann zog Ownatz den Hundehalter in einer rührenden Geste an sich und umarmte ihn. Hätte das nicht so dämlich ausgesehen, wie der kleine dicke Mann, den großen Dürren umarmte und dabei nicht einmal bis an dessen Brust kam, wären selbst mir die Tränen der Rührung gekommen. Oder auch nicht. Also eher nicht.

„Du darfst Mopsi auch einmal an der Leine führen“, erklärte Bersmann seinem wiedergewonnenen Freund und sah dem strahlend ins Gesicht.

„Das wäre wirklich nett von dir“, entgegnete Guido und die beiden umarmten sich erneut.

Mir kam eine Idee. „Wie wäre es, wenn sie sich auch einen Hund anschaffen würden, Herr Ownatz?“, schlug ich vor und musste an Bingo den belgischen Schäferhund denken. Doch dann schüttelte ich den Kopf. Ownatz würde den Köter später vermutlich nicht wieder zurückgeben, also war dies keine Option. „Vielleicht ebenfalls ein Tier aus dem Tierheim. So einen kleinen Rasa Atto. Sind doch ganz süß die Tierchen.“

„Lhasa Apso“, riefen beide gleichzeitig wie aus einem Mund. „Aber danke Herr Lärpers, das ist eine hervorragende Idee. Nicht wahr Guido? Wir besorgen dir einen Hund aus dem Tierheim und ich berate dich dabei.“

„Das würdest du für mich tun? Ich könnte es nie wieder gut machen, Edgar.“ Erneut lagen die beiden sich in den Armen.

Ich fand alleine zur Tür.

III.

Während der gesamten Rückfahrt klopfte ich mir - zumindest symbolisch - auf die Schulter. Der Auftrag war zwar nicht so spannend gewesen und ich hatte den Hund nicht erschossen, doch dank meinem Fingerspitzengefühl war die Angelegenheit zu jedermanns Zufriedenheit von mir gelöst worden.

Vielleicht sollte ich in die Politik gehen. Bei meinem diplomatischen Geschick.

Dafür stand ich in Rheydt wieder im Stau und ärgerte mich darüber, dass ich nicht eine andere Route zu Wesers Haus gewählt hatte. Denn noch war mein Arbeitstag nicht zu Ende, jetzt musste ich mich auch noch um diesen unsäglichen Mallenar kümmern.

Ich tippte auf meinem Handy das Wort ein und suchte nach Informationen über diese Rasse. Doch solch einen Hund gab es anscheinend nicht, dafür schlug mir das Programm den Begriff ‚Malinois‘ vor, als ich nach ‚belgischem Schäferhund‘ suchte. Die verschiedenen Informationen erschienen auf dem kleinen Display und je mehr ich über die Rasse erfuhr, desto eher war mir klar, dass ich den Köter im Tierheim parken musste. Was sollte ich mit einem Tier anfangen, das gut sechzig Zentimeter an Risthöhe aufwies? In meiner Wohnung fand ich ja kaum alleine Platz.

Außerdem schien diese Rasse viel Bewegung und Beschäftigung zu benötigen. Die käme zu kurz, wenn ich die Abende auf meiner Couch vor dem Fernseher verbringen wollte. Mir war klar, dass es nur eine Lösung gab: Ich würde jetzt das Tier aus Wesers Haus abholen und es schnurstracks zum Tierheim bringen. Meinetwegen Vollpension oder was auch immer, aber Hauptsache weg. Danach wollte ich mir ein riesiges Steak in meinem Lieblingssteakhaus ‚Chez Duedo‘ in Rheydt gönnen. Dazu eine ordentliche Portion Pommes Frites und ein großes, eiskaltes Bier. Auf Salat würde ich verzichten, wer aß schon noch dieses welke Zeug?

An Wesers kleinem, alten Haus hatte sich nichts verändert. Immer noch wurde das Grundstück zur Straße hin von einer wild wuchernden Hecke umgeben, die auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Die Giebelseite des Hauses, an der ein kleiner Weg vorbeiführte, zeigte sich immer noch so heruntergekommen, wie ich sie kennengelernt hatte. Putz bröckelte von der Wand und die ehemals weiße Farbe war fleckig und starrte vor Schmutz. Dass der Alte sich hier überhaupt wohlfühlen konnte. Aber vielleicht besaß er ja nicht die nötigen finanziellen Mittel, um das Gebäude renovieren zu lassen.

Zum Weg hin schottete ein verrostetes Gartentor das Gelände ab. Es öffnete sich quietschend und ich hatte Sorge, dass es aus den Angeln fallen würde. Vor mir lag ein schmaler Plattenweg, zu dessen linker Seite ein ungepflegter Rasen vor sich hin wucherte. Bei dem herrlichen Wetter die letzten Tage hätte Weser den doch längst schon einmal mähen können.

Ich öffnete die Haustür und lauschte. Wo befand sich der Hund? Halb von der Türe verdeckt, warf ich vorsichtig einen Blick in die Diele. Der Malinois war nicht zu sehen. Leise trat ich in Haus.

In diesem Moment raste ein riesiges, hellbraunes Wesen durch die Wohnzimmertür auf mich zu. Instinktiv griff ich zu meiner Pistole, doch als das Tier schlitternd vor mir zum Stehen kam, hielt ich lediglich meine Hand auf der Waffe und zog sie nicht hervor. Über einer vollkommen schwarzen Nase blickten mir aus dem teilweise ebenfalls schwarzen Gesicht zwei hellwache und intelligente Augen entgegen.

„Herr Weser hat mich geschickt“, erklärte ich mit ruhiger Stimme und überlegte, wer von uns beiden wohl schneller sein würde. Er, wenn er mir an die Kehle springen wollte, oder ich mit meiner Pistole. Plötzlich sprang der Hund auf und fegte wie der Blitz an mir vorbei in den Garten. Meine Beretta 92 FS zeigte Sekunden später an die Stelle, an der der Hund zuvor gehockt hatte.

An Schnelligkeit war ich ihm eindeutig unterlegen.

Rasch steckte ich die Pistole wieder in das Holster und sah in den Garten hinaus. Der Hund erleichterte sich gerade auf dem ungepflegten Rasen. Dann schüttelte er sich wohlig und trabte gemütlich zum Haus zurück. Erneut nahm er den Platz vor mir ein und ich legte meine Hand wieder auf die Waffe.

„Herr Weser schickt mich“, wiederholte ich meine Worte von vorhin. Ich erinnerte mich an die Informationen, die ich im Auto gelesen hatte. Man sollte einen Hund erst einmal an einer Hand schnuppern lassen. Zögernd streckte ich dem Malinois meine Hand hin.

„Siehst du, Herr Weser liegt im Krankenhaus und ich soll mich um dich kümmern“, sprach ich beruhigend auf das Tier ein. Sollte es mir in die Hand beißen, würde ich es erschießen.

Aber ‚Bingo‘ schnupperte lediglich, sah mich noch einmal intensiv an und erhob sich dann. Langsam ging er in das Wohnzimmer, blieb aber stehen und sah sich nach mir um. So als wollte er sagen ‚nun komm schon‘. Ich folgte ihm bis in die Küche. Hier herrschte eine Unordnung, wie ich sie Weser mittlerweile zutraute. Dreckiges Geschirr stapelte sich in der Spüle und ein halbvoller Kaffeebecher stand auf dem Tisch.

Während ich mich umsah, trat der Hund an einen leeren Fressnapf heran und gab eine Art Fiepen von sich. „Du hast wohl Hunger“, sprach ich und meinte ein Nicken zu erkennen. Bingo ging an mir vorbei und stupste mit der Nase gegen die Schranktür unter der Spüle. Als ich sie öffnete, fand ich eine angefangene Dose Hundefutter.

Mit einer gebrauchten Gabel, die auf der Anrichte lag, leere ich den Rest der Dose in den Napf. Bingo machte sich sofort darüber her, ließ mich beim Fressen aber nicht aus den Augen.

„Herr Weser schickt mich“, wiederholte ich jetzt zum dritten Mal. Was sollte man auch sonst zu einem Hund sagen? Während das Tier fraß, ging ich durch das Wohnzimmer zu dem kleinen angrenzenden Raum, von dem Weser gesprochen hatte und fand den Hundekorb und einiges an Spielzeug. Aber die Sachen würde ich nicht benötigen, denn das Tierheim dürfte wohl selbst über solche Utensilien verfügen.

Ich wollte mich gerade umdrehen, als etwas Weiches meine Hand berührte. Erschrocken erstarrte ich und ließ langsam meinen Blick sinken. Bingo rieb seinen Kopf an meiner Hand und sah mich dabei an. Dann fiepte er wieder leise. Was wollte der Köter von mir? Sollte ich ihn jetzt etwa streicheln? Normalerweise mied ich den Kontakt zu Tieren. Es war ja bekannt, dass deren Fell vor Ungeziefer nur so strotzte. Auch wenn die Haare des Malinois‘ ziemlich kurz waren, so konnte doch niemand garantieren, dass dort keine Läuse, Flöhe oder Zecken hausten. Doch ein erneutes Fiepen veranlasste mich, über das weiche Fell zu streicheln. „Guter Bingo. Braver Bingo“, redete ich auf das Tier ein. „Herr Weser hat mich geschickt ...“

In der Diele fand ich die Hundeleine und als ich sie in die Hand nahm, gab der Hund einen freudigen Laut von sich. „Wir machen jetzt einen Ausflug“, erklärte ich dem Tier und es ließ sich bereitwillig die Leine anlegen. Ich grinste. Ja, Jonathan Lärpers konnte auch mit Hunden umgehen ...

Auf dem kurzen Weg zu meinem Auto hob der Köter drei Mal das Bein und bewässerte eine Mauerecke, eine Laterne und einen Autoreifen. Dummerweise den meines postgelben Kias und ich fragte mich, ob er mir damit zeigen wollte, was er von meinem Wagen hielt. Schließlich ließ er sich aber problemlos auf den Rücksitz verfrachten. Zum Tierheim musste ich wieder quer durch Mönchengladbach, doch es war noch früh genug, so dass ich zeitig ins Chez Duedo zu meinem Riesensteak kommen würde.

Als wir uns dem Tierheim näherten, vernahm ich schon von weitem das Kläffen der Hunde dort und im Rückspiegel sah ich, wie sich die Ohren des Malinois lauschend aufstellten. „Gleich bist du bei deinen Artgenossen, dort wird es dir gutgehen“, erklärte ich und grinste. Das hatte ja besser geklappt, als gedacht.

Ich parkte direkt vor der Eingangstüre. „Du wartest hier im Wagen“, sprach ich auf Bingo ein. „Ich hole jemanden, der sich um dich kümmern wird.“