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Danke Doc! 10 humorvolle Kurzgeschichten für das Lesevergnügen zwischendurch: Pizzaservice - Erste Liebe - Der Sommerurlaub - Der Gewinn - Der Kaufhausdetektiv - Eine Nikolausgeschichte - Gelegenheitsjobs - Der Nachfolger - Die Dauercamper - Doc Ramdisc
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2025
Jürgen Ruhr
Danke Doc!
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
-
Pizzaservice
Erste Liebe
Der Sommerurlaub
Der Gewinn
Der Kaufhausdetektiv
Eine Nikolausgeschichte
Gelegenheitsjobs
Der Nachfolger
Die Dauercamper
Doc Ramdisc
Über den Autor
Impressum neobooks
Danke Doc!
10 humorvolle Kurzgeschichten
© by Jürgen H. Ruhr
Mönchengladbach
Die Personen dieser Geschichte
sind frei erfunden.
Irgendwelche Bezüge
zu
irgendeiner Realität
wären rein zufällig!
Mein Name ist Egon Baschke und ich schreibe diesen Bericht, da das Arbeitsamt von mir wissen möchte, warum ich nur einen einzigen Tag in meinem neuen Job zubrachte. Jedenfalls schreibe ich den Bericht, da die beim Amt meine Version hören möchten. Mein ehemaliger Arbeitgeber scheint ansonsten schon genügend Schlechtigkeiten über mich erzählt zu haben. Aber am besten, ich beginne von vorn:
Nach den Sommerferien erhielt ich wieder einmal einen Brief des Arbeitsamtes, in dem mir eine Arbeitsstelle vorgeschlagen wurde. Leider nicht in meinem erlernten Beruf, aber ich musste nehmen, was ich bekommen konnte. Diesmal stand unter Berufsbezeichnung 'Aushilfe in einer Pizzeria'.
Meine Lehre absolvierte ich als Fotograf. Und zwar sehr erfolgreich. Leider konnte ich nach der Ausbildung nicht in dem Betrieb bleiben. Und niemand suchte Fotografen. Ja, ich hätte mich selbständig machen können, aber mir fehlte einerseits das Geld und andererseits die Motivation. So landete ich schon kurze Zeit nach Ende meiner Ausbildung bei einem freundlichen Mitarbeiter im Jobcenter. „Nein, Arbeitsstellen als Fotografen haben wir auch nicht. Aber wir können ihnen eine Umschulung zum Taxifahrer anbieten. Das ist im Augenblick aktuell, da werden Leute gesucht.“ Ich winkte ab und machte dem Mann klar, dass ich doch lieber eine Anstellung und keine Umschulung suchte. Eigentlich sei mir alles recht.
Denn ich wohnte - und wohne immer noch - bei meinen lieben Eltern. Wir besitzen ein kleines Reihenhäuschen in einer kleinen Straße mit einem ebenfalls kleinen Garten hinter dem Haus. Bei uns ist alles klein: Das Wohnzimmer, die Küche, das Badezimmer und mein Kinderzimmer. Früher, als ich auch klein war, machte mir das wenig aus. Jetzt ist es aber doch recht klein. Nein, ich musste mein eigenes Geld verdienen und eine eigene Wohnung mieten. Nicht zu groß - aber auch nicht zu klein. Angemessen eben. Zumal mein Vater mir täglich Wohnungsanzeigen auf meinen kleinen Schreibtisch legte. Mutter, die etwas praktischer veranlagt war, meinte dazu: „Der Junge kann doch nicht ausziehen, bevor er sein eigenes Geld verdient. Wie soll er denn das alles bezahlen?“ Sie legte dann neben die Wohnungsanzeigen von Vater immer die neuesten Stellenanzeigen. So war ich mit Anzeigen aller Art bestens versorgt. Leider nützte mir das wenig, denn überall wurden nur ausgebildete Mitarbeiter gesucht. Und kein Fotograf. Obwohl ich ja in dieser Hinsicht ausgebildet war. Und für eine Wohnung hatte ich ja kein Geld.
Aber zurück zu dem Brief vom Arbeitsamt: 'Aushilfe in einer Pizzeria'. Das hörte sich gut an. Zumal ich Pizza auch sehr gerne esse. Am liebsten die mit den Krabben. Oder mit Schinken, Käse und Spinat. Die heißt, glaube ich, drei Jahreszeiten. Aber der Name ist mir eigentlich ziemlich egal. Hauptsache lecker. Und dazu ein ebenfalls leckeres Bier. Nur schade, dass meine Eltern sich nicht überzeugen lassen, ebenfalls Pizza zu essen und beim Pizzaservice zu bestellen. So könnte ich mir manche eigene Geldausgabe sparen. Somit kam 'Aushilfe in einer Pizzeria' den Vorstellungen eines Traumberufes schon sehr nahe. Was mochte man da so aushelfen? Pizzen belegen, liebe Gäste bedienen, Teig kneten? Konkrete Vorstellungen konnte ich mir anhand des Briefes nicht machen. Aber wer wusste das nicht: Natürlich würde ich so manche Pizza probieren dürfen. Ja, ich freute mich auf den Job. Und die Adresse stand auch dabei. Mit Telefonnummer. Also anrufen und einen Vorstellungstermin vereinbaren. So stand es jedenfalls in dem Brief vom Amt.
'Pizzeria Pomodore'. Der Name sagte mir nichts, obwohl ich die Straße kannte. Das war ja nicht weit von uns entfernt. Und eine Straße weiter, eine Parallelstraße zu der angegebenen Adresse, gab es ja auch eine Pizzeria. Und die kannte ich recht gut. Wie oft verspeisten damals einige Freunde und ich auf dem nahen Platz eine gut belegte Pizza. Auf dem kleinen Platz standen Tische und Bänke und es war recht gemütlich. Gerade in lauen Sommernächten vergnügten wir uns dort lautstark. Gut, zugegeben, so manches Mal wurden wir vom Ordnungsamt oder der Polizei gestört. Aber - mal ehrlich - wen juckt heute noch, was die Köppe vom Amt oder die Bullen so quatschen? Wir waren unserem Platz stets treu. Lediglich der Reinigungsdienst der Stadt arbeitete unzuverlässig, denn oft lagen noch die leeren Pizzakartons, Glasflaschen und Zigarettenreste an, um und auf den Tischen. Dass die aber auch nicht regelmäßig saubermachten! Meine Mutter reinigte ja mein Zimmer auch täglich, wieso schluderte die Stadt da so? Manchmal, wenn wir keine Lust hatten zur Schule zu gehen, saßen wir schon tagsüber dort. Kamen dann die Reinigungstölpel in ihren roten Westen, war der Spaß natürlich vorprogrammiert. Oder die Opas und Omas, die die leeren Bierflaschen einsammelten. Für fünfzehn Cent die Flasche wühlten die Leute im Müll! Mir schaudert noch heute, wenn ich daran denke. Aber so verschwanden wenigstens unsere leeren Flaschen. Warum nahmen die nicht auch gleich die Pizzakartons mit? Klaus, einer meiner besten Schulfreunde damals, kam sogar auf eine ganz besondere Idee: Er klebte eine durchsichtige Schnur - dünne Anglerschnüre eignen sich besonders gut (für alle die, die das einmal nachmachen wollen) - er klebte diese Schnur also an eine leere Bierflasche und legte die dann ein Stück weiter von uns fort. Natürlich behielt er das andere Ende der Schnur in der Hand. War das ein Spaß, als so ein Ömmerchen sich danach bückte und die Flasche ein Stück weiter hoppelte. Als Klaus die Flasche das dritte Mal fortzog, kippte die Frau voll in den Dreck. Schade, keiner von uns damals daran dachte, eine Handyaufnahme zu machen.
Gut, also diese Pizzeria befand sich offensichtlich auf der Parallelstraße. Musste wohl ziemlich neu sein; mir war bekannt, dass dort ein Haus gebaut worden war. Aber direkt wieder eine Pizzeria? Natürlich rief ich noch am selben Tag dort an. „Pizza Pomodore. Wollen bestelle?“ Das klang schon einmal schön italienisch. „Nein“, antwortete ich wahrheitsgemäß, kam aber nicht dazu, mich noch weiter zu äußern. „Warum dann rufe an?“ - „Ich soll mich als Aushilfe bei ihnen vorstellen.“ Außer einem leichten Rauschen hörte ich aber nichts mehr. Der Pizzamensch schien einfach aufgelegt zu haben. Vielleicht suchten die inzwischen niemanden mehr?“ Ich versuchte es erneut. „Pizza Pomodore. Wollen bestelle?“ Damit der Pizzaknilch nicht direkt wieder auflegen würde, erdachte ich mir eine List: „Ja, bitte. Also, ich möch...“ - „Was für Pizza?“ - „Keine Pizza, ich mö...“ Erneut wurde ich unterbrochen. „Nicht Pizza? Was dann? Wir nur haben Pizza. Wenn du Fritten, geh in Frittenbude!“ Schon legte er wieder auf. Was sollte ich machen? Ich beschloss, am nächsten Tag dieser ominösen Pizzeria einen persönlichen Besuch abzustatten.
Der Morgen begann sehr gut, denn die Sonne strahlte. Mutter wartete schon mit dem Frühstück auf mich - wie sie extra erwähnte immerhin seit über zwei Stunden - und ich beschloss das kurze Stück zu der Pizzeria mit dem Fahrrad zurückzulegen. Zunächst aber ließ ich mir die frischen Brötchen schmecken. „Und, Junge, was hast du heute vor?“ Mutters ewig gleicher Spruch. Aber heute könnte ich sie mit meiner Antwort einmal wirklich überraschen: „Ich gehe mich vorstellen.“ Mutter sah mich skeptisch an: „Du? Wo denn? Und als was?“ Kurzerhand erzählte ich ihr von dem Brief und der Pizzeria. „Na dann viel Glück, Junge. Und vergiss nicht, über das Gehalt zu reden. Das ist schließlich das Wichtigste beim Job!“ Ich versprach ihr an alles zu denken. Beschwingt und fröhlich machte ich mich auf den Weg.
Die Pizzeria befand sich unten in einem neu gebauten Wohnhaus. Allerdings machte der gesamte Komplex einen recht düsteren Eindruck auf mich, was aber vermutlich nur an den schwarzen Steinen lag, mit denen das Haus verklinkert war. 'Pizzeria Pomodore' prangte auf einem übergroßen Schild über der Ladentür. 'Inhaber Luigi Gianni' stand etwas kleiner darunter. Sorgfältig schloss ich mein Fahrrad ab. Um diese Stunde war es in dieser Gegend noch relativ ruhig. Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei. Kleine, schmucke Fachwerkhäuschen wechselten sich mit den neuen Betonbauten ab. Ich wusste, dass an der Stelle, an der sich jetzt die Pizzeria befand, früher auch so ein kleines Fachwerkhaus gestanden hatte. Wie dort, wo ein Stück weiter ebenfalls einfallslose Betonbauten hochgezogen worden waren. Aber andererseits - der Fortschritt war nicht aufzuhalten und schließlich wurde immer neuer Wohnraum für immer mehr Menschen geschaffen. Nur, dass die Bauten alle so hässlich sein mussten … Und die neue Pizzeria stand dem in nichts nach. Ich überlegte, wie ich solch einen Bau geplant hätte: Schwungvolle, verspielte Formen. Vielleicht mit einem Hauch von südlicher Eleganz. Rasch verwarf ich meine Träumereien; es wurde Zeit, sich meinem zukünftigen Chef vorzustellen.
Aber die Eingangstüre zu dem kleinen Verkaufsladen war fest geschlossen. So sehr ich auch daran rüttelte, sie öffnete sich nicht. Hilfesuchend schaute ich mich um und entdeckte das kleine, handgeschriebene Schild an der Türe: Öffnungszeiten 17:00 Uhr bis 22:00 Uhr. Aha, ich war zu früh. Während ich mein Fahrrad wieder aufschloss, gab mir das Gelesene zu denken: Wenn die
Pizzeria erst ab fünf Uhr nachmittags öffnete, bedeutete dies allerdings auch, dass mein Arbeitsbeginn wohl auch erst zu dieser Stunde stattfinden würde. Und damit natürlich auch das Ende meines Arbeitstages ebenfalls entsprechend spät ausfallen dürfte. Das wiederum brachte meinen Tagesablauf dann erheblich durcheinander, da ich ja abends regelmäßig mit Freunden im Internet spielte. Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft und ich konnte doch nicht so einfach aus der Gruppe … „Müssen sie mit ihrem Rad hier den ganzen Bürgersteig blockieren?“ Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Vor mir stand ein kleines, dickes Männchen, das mich jetzt böse ansah. Auf seinen spärlichen grauen Haaren thronte eine Mütze, die ich so oder ähnlich schon bei Reitern gesehen hatte. Der Dicke fuchtelte mit den Händen: „Der Gehweg ist zum Gehen da. Machen sie doch mal Platz!“ Dann zeigte er auf mein Rad: „Damit müssen sie auf der Straße oder dem Radweg fahren. Nicht aber hier auf dem Bürgersteig!“ - „Ich fahre ja auch nicht“, antwortete ich lasch und befestigte das Schloss am Gepäckträger. „Ich bin ja sofort weg. Aber sie können doch auch um mich herumgehen.“ Sicher, der Bürgersteig war ein wenig schmal, aber der Mann bräuchte nur drei Schritte über die Straße zu gehen und dann wäre er auch schon an mir vorbei. „Du unverschämter Lümmel“, schrie er nun und wurde knallrot im Gesicht, „soll ich etwa auf diese vielbefahrene Straße treten? Nur, weil du mit deinem dämlichen Rad den Gehweg blockierst?“ Erschrocken blickte ich erst den Dicken, dann die Straße an. Weit und breit kein Auto zu sehen. Jetzt zückte der Alte ein Handy. „Wenn du nicht schnellstens den Weg freigibst, rufe ich die Polizei!“ Umständlich klappte er das Uraltteil auf. Wieso duzte der Typ mich jetzt einfach? „Sparen sie sich die Mühe, Opa. Ich bin ja schon weg!“ Wenn alle Anwohner hier so waren, na dann gute Nacht! Rasch zog ich mein Rad auf die Straße. Triumphierend steckte der Alte sein Handy wieder ein, nuschelte ein 'na geht doch' und setzte seinen Weg fort. Nach ein paar Metern trat er auf die Straße und überquerte diese. Ohne zu schauen, ob sich ein Fahrzeug näherte.
Pünktlich zum Mittagessen befand ich mich wieder Zuhause. Mutter betrachtete mich von der Seite: „Und? Hast du den Job?“ Dann schob sie mir einen großen Teller hin. „Die haben noch zu. Ich muss heute Nachmittag noch einmal dahin. Mutter nickte. „Und wo ist das genau?“ Ich nannte ihr die Straße und ergänzte: „Neugebaut. Scheußliches Haus. Das steht da, wo früher so ein kleines Fachwerkhaus war.“ Jetzt nickte Mutter: „Ja die Gegend kenne ich. Stand nicht daneben auch so ein kleines Fachwerkhaus?“ Ich nickte mit vollem Mund und musste erst einmal schlucken. „Ja, aber nicht stand, sondern steht noch. Und daneben steht ebenfalls noch so ein kleines Haus.“ Mutter seufzte: „Ja, das war früher einmal eine recht nette Gegend. Vor vielen Jahren wohnte dort meine Freundin Elisabeth Wörrfers. Doch irgendwann wurden auf einer Wiese diese Mehrfamilienhäuser gebaut. Für sozial schwache Familien. Schade, denn das war wirklich einmal eine schöne Gegend. Aber es verändert sich ja alles und ni...“ Ich unterbrach meine Mutter, denn diese Litanei kannte ich zur Genüge. 'Alles verändert sich, alles wird schlechter' und so weiter, und so weiter. „Kann ich noch etwas Fleisch haben?“ Mutter nickte und füllte meinen Teller erneut. Gestärkt nutzte ich die freie Zeit am Nachmittag, um noch ein wenig am Computer zu spielen. So war die Wartezeit, bis ich zu dieser Pizzeria gehen konnte, wenigstens nicht verloren.
Siebzehn Uhr und fünf Minuten. Zum zweiten Mal an diesem Tag schob ich mein Fahrrad auf den Bürgersteig. Allerdings vergewisserte ich mich zuvor, dass dieser schreckliche Alte nicht in der Nähe war. Dann kettete ich es an einen Zaun. Sicher ist sicher. Das Schild mit dem Namen der Pizzeria blinkte nun in bunten Farben, obwohl es ja noch hell war. Der Besitzer schien es mit dem Energiesparen nicht so genau zu nehmen. Prima, wenn der Mann alles andere auch nicht so eng sah, dann würde ich mich in meinem neuen Beruf schon wohl fühlen! Die Tür des Ladens stand weit offen und ich trat hinein. Leer lag der Verkaufsraum vor mir. Ein Gemisch aus Gerüchen von Schweiß, angebranntem Teig und frischer Farbe wogte mir entgegen. „Hallo! Ist hier jemand?“ Ich wartete, nichts passierte. „Hallo!“ Wenn ich jetzt ein Kunde wäre, müsste ich mich selbst bedienen? „Hallo, Kundschaft!“ Endlich hörte ich von irgendwo weiter hinten eine Klospülung. Dann betrat ein kleiner, dicker Mann mittleren Alters den Raum. Dunkle Bartstoppeln im Gesicht und einige wenige Haare. Entweder waren die frisch gewaschen oder einfach nur fettig. Ich tippte auf das Zweite. Der Mann trug eine schmuddelige Schürze und putzte sich gerade an ihr die Hände ab. „Ah, gute Tag, gute Tag. Was wolle?“ - „Mein Name ist Egon Baschke und ich ...“ - „Ah, wunderbar, wunderbar. Ich Luigi Gianni“, unterbrach mich der Dicke und hielt mir über den Tresen seine Hand hin. Ich ergriff sie und wir schüttelten unsere Hände eine Weile. Dann nahm Luigi Gianni einen Klumpen Teig und begann ihn zu formen. „Also, was du wolle? Pizza Gianni ist beste Pizza. Spezialitat. Du wollen?“ - „Herr Gianni“, begann ich erneut und diesmal schien der Mann mich nicht zu unterbrechen, „das Arbeitsamt schickt mich. Mein Name ist Egon Baschke.“ Der Teigklumpen, mittlerweile zu einer flachen Scheibe geformt, fiel zu Boden. Gianni bückte sich, hob ihn auf und formte wieder einen Klumpen, den er auf einen Tisch hinter der Theke legte. Ich erkannte dort eine kleine Anzahl weiterer Klumpen, alles mit Mehl überzogen. „Ah, du Arbeitamt, nicht Pizza wollen?“ - „Ich soll mich bei ihnen vorstellen. Als Aushilfe.“ Gianni pulte irgendetwas aus dem Teigklumpen. „Das gut. Ja, brauche Hilfe. Für Pizza und für liefern. Du habe Liefervespa?“ Ich wusste nicht so recht, was der Mann meinte. „Lieferwespe?“ Gianni schüttelte den Kopf und grinste. „Vespa. Ist Motorroller. Für liefer.“ Jetzt schüttelte ich den Kopf: „Nein, ich besitze nur ein Fahrrad. Haben sie denn kein Fahrzeug?“ - „Bin ich Hof für Lieferantenfahrzeuge? Nein, Arbeitsamt sollte schicken Mann mit Fahrzeug.“ Gut, das war es dann. Herr Gianni suchte offensichtlich jemanden mit einem Motorroller. Da konnte ich ihm nicht helfen. Schon wollte ich mich verabschieden, als Gianni mich angrinste: „Du aber Fahrrad? Dann liefer mit Fahrrad.“ Ich sah den Mann skeptisch an. Natürlich konnte ich Pizzen mit dem Fahrrad ausliefern, aber in welchem Umkreis? „Wie weit muss ich denn fahren?“ - „Ah, nicht weit fahre, nicht weit. Nur paar Straßen in Umnähe. Ist ja auch noch nicht viel Kunde. Und sonst ja helfe in Laden. Also, sofort anfange, worauf warten?“ Gianni öffnete eine Klappe an der Seite des kleinen Tresens und winkte mich hinein. „Wo ist Arbeitskleidung?“ - „Ich habe keine Arbeitskleidung. Was muss ich denn haben?“ Gianni lachte: „Ah, nicht viel. Nur sauber Schürze. Und die gebe ich! Luigi Gianni immer sorge für seine Arbeiter!“ Hinter dem Verkaufsladen befand sich ein weiterer, kleiner Raum, in dem Gianni Vorräte und Ähnliches lagerte. Nach wenigen Minuten kam der Mann mit einer Schürze zurück, die ebenso verdreckt war, wie seine. „Anziehen, dann echte Pizzamann! Und nun lernen, wie Pizza machen. Und bei Anruf, wenn bestellt jemand, du sprechen. Du gut deutsch, ich nicht gut. Erst zwanzig Jahre in Land, da nicht gut deutsch spreche!“ Ich nickte: „Dafür sprechen sie aber schon ganz ordentlich unsere Sprache.“ Auch ich konnte freundlich sein. Immerhin handelte es sich hier um meinen zukünftigen Chef. Gianni grinste über das ganze Gesicht. „Du natürlich recht. Ich doch gut spreche, für nur zwanzig Jahr in Land.“ Dann zeigte er auf einige Zettel, die auf der Theke lagen. „Da Karte. Du lernen Gericht und Preis. Bei Fragen, fragen.“ Ich nickte und griff zu einem der DIN A 5 Blätter. 'Pizza Margherita' stand dort '13,50 Euro'. Gianni, der mich beobachtete, grinste immer noch: „Ah, gute Pizza, gute Preise. Beste Pizza ist Pizza Gianni.“ Ich suchte seine Lieblingspizza auf der Liste. 'Pizza Gianni - 24,90 Euro'. „Und was ist da alles drauf?“, fragte ich. Gianni sah mich groß an: „Wo da drauf?“ - „Na, auf ihrer Pizza Gianni.“ - „Ah, ist beste Pizza!“ Ich wedelte mit dem Zettel. „Drauf auf der Pizza, was für Zutaten?“ - „Ja, beste Pizza mit … äh … Käse. Und Tomate. Und Fisch aus Dose. Wie heißt noch?“ Ich überlegte. „Hering in Tomatensoße?“ Gianni nickte heftig: „Ja, auch Tomate. Und Schinken. Echte leckere Schinken. Oh Mamma mia, das sein eine Schinken. Aber beste Pizza. Ist immer alles drauf. Was übrig.“ Gianni lachte meckernd und griff sich die Teigkugel von vorhin. „Siehst du, so machen Pizza.“ Er drehte und wendete den Teig und formte nach und nach eine flache Scheibe daraus. „So, ganz einfach. Versuche selbst. Also, erst Hände bestauben mit Mehl. So!“ Er griff in einen Berg Mehl, der auf dem Tischchen stand und schüttete das weiße Pulver über meine Hände. „Jetzt Teich!“ Er warf mir eine der Teigkugeln zu. Leider ging das alles ein wenig zu schnell, so dass ich sie nicht fing. Mit einem Klatschen sauste der Teig gegen die Wand und plumpste zu Boden. Gianni kicherte: „Du ungeschickt. Nun nehmen Teich!“ Ich bückte mich und hob den Klumpen hoch. „Für jede Pizza Teich exakt hundertzwanzig Gramm. Nie mehr. Besser weniger. Jetzt formen flach und schön groß!“ Ich drückte den Teig platt, so wie ich es bei ihm zuvor gesehen hatte. Aber Gianni unterbrach mich: „Eine Moment.“ Dann zog er einige Haare aus dem Teig. „Du achten, immer ordentlich. Wir gute Pizza. Beste Pizza ist Pizza Gianni!“ Nach einiger Zeit lag eine große, flache Scheibe vor mir. Allerdings war sie sehr dünn „Gut, gut. Jetzt hier: Soße die Pomodore. Aber sparen! Und dann Zutat. Und Käse und - fertig.“ Gianni wandte sich um und zeigte auf den Pizzaofen in der Ecke: „Das Ofen für Pizza. Immer braten so zehn Minuten. Dann gut. Musst kucken, wie ist Kunde. Ist Kunde ungeduldig, dann auch fünf Minuten in Ofen. Ist noch halbroh, aber Kunde zufrieden.“ Gianni drehte sich jetzt zu einen uralten Telefonapparat in einem undefinierbaren Grün. Das Gerät verfügte nicht einmal über Tasten sondern lediglich über eine runde Scheibe mit Ziffern. „Und kommt Anruf, du an Apparat gehst. Müssen so machen“, er hob den Hörer vom Gerät und sprach hinein. Ich kannte das aus Uraltfilmen, die meine Eltern schon einmal sahen. Nicht einmal im Traum wäre ich darauf gekommen, eines Tages so ein Gerät noch in Händen halten zu müssen. „Hallo, hallo, hier Pizza Pomodore. Was wolle bestelle?“ Triumphierend hielt er den Hörer in die Höhe. „Und dann liefern Pizza. Und Kunde zufrieden. Wenn Kunde zufrieden und Pizza gut, dann alles gut! Gut verstanden alles?“ Ich nickte. Schwer zu verstehen war das nun wirklich nicht. Aber noch endete meine Lektion nicht. Gianni zog mich in den kleinen Raum hinten. „So, hier Vorbereitung für Pizza. Immer alle Zutat frisch. Du vorbereiten, wenn notwendig.“ Gianni zog einige Dosen aus einem Schrank. 'Thunfisch', 'Tomatensoße', 'Spinat'. „Hier alle Zutat. Wir alles frisch. Machen immer, wenn etwas leer, frisch Dose auf. So alles immer frisch. Und hier“, er öffnete eine weitere Schranktür, aus der mir ein undefinierbarer Geruch entgegenschlug, „hier immer frisch geöffnete Dosen. Auch immer frisch alles.“ Gianni zog eine mit Aluminiumfolie abgedeckte Dose heraus. „Das frischer Fisch. Dose erst gestern“, er überlegte einen Augenblick, „oder Tag davor, geöffnet.“ So, jetzt du bereit für Pizzamachen.“
Zurück im kleinen Laden, griff Gianni sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Glucksend trank er, dann blickte der Mann mich an: „Du auch Durst? Ist anstrengend Geschäft. Du nur musst machen Strich auf Liste, wenn trinken. Und nicht Bier. Nicht bei Arbeitzeit.“ Gianni setzte die Flasche erneut an den Hals, trank den Rest in einem Zug leer und rülpste anschließend laut und anhaltend. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Mund ab. „Jetzt geht Arbeit weiter“, meinte er dann zufrieden und trat vor den Pizzaofen. „Jetzt prüfen Temperament.“ - „Temperatur“, korrigierte ich ihn, was er aber mit einer Handbewegung abtat. „Spielt nicht Rolle. Müssen wissen, ob heiß. Das so machen.“ Gianni zog einen Handschuh über, so ein spezielles, wärmeunempfindliches Teil, nahm ein Stück Pizzateig und legte den Teig in den Ofen. Dann sah er seelenruhig zu, wie der Teig erst dampfte, dann Blasen schlug und schließlich zu einem schwarzen Häuflein verbrannte. Mittlerweile roch es in dem kleinen Laden wie nach einer Brandkatastrophe. Gut, dass die Tür offenstand. „Ah, Pizzatemperament gut. Ist auch nur Chefsache, prüfen Temperament. Und ich Chef, ich Luigi Gianni! Verstanden?“ Ich nickte heftig, während ich wegen des verbrannten Teiges einen Brechreiz unterdrückte. „Klar Chef. Sie sind der Chef. Luigi Gianni.“
Die Stunden vergingen und nichts geschah. Ich beobachtete die Leute, die draußen vorbeigingen. Einmal ging sogar der dicke Alte von heute Morgen vorüber. Er blickte aber nicht in die Pizzeria und sah mich nicht. Der Mann hielt in der Hand einen Brief. Nach kurzer Zeit kehrte er zurück. Aha, schlussfolgerte ich, es musste also einen Briefkasten in der Nähe geben. Die Zeit verging kaum. Von Zeit zu Zeit erklärte mir Gianni etwas, obwohl ich mehr den Eindruck hatte, dass er eher von seinem hinteren Raum hereinkam, um sich ein frisches Bier zu holen. Dann endlich - es war kurz nach halb acht Uhr - betrat der erste Kunde unseren Laden. Der Mann schien bestimmt zwei Meter groß zu sein und trug eine stark verschmutzte Arbeitshose und einen Bauarbeiterhelm. Wortlos griff er sich einen der auf der Theke liegenden Zettel mit den Pizzaangeboten. „Guten Tag“, beeilte ich mich zu sagen. Zumal ich ja wusste, dass Gianni in dem Raum hinter mir war und alles mitanhörte. „Womit kann ich ihnen dienen?“ Der Kunde blickte nicht von der Liste auf und murmelte: „Moment, ich suche noch.“ Jetzt konnte ich zeigen, was ich gelernt hatte: „Die beste Pizza ist die Pizza Gianni“, pries ich meines Chefs Lieblingspizza an. Doch der Bauarbeiter schüttelte den Kopf und sagte, ohne auch nur aufzublicken: „Ist aber auch die teuerste. Nee, nee. Ich nehme eine Tonno.“ Tonno? Ich griff mir ebenfalls einen Zettel. 'Pizza Tonno - 16,20 Euro' stand da. Mehr nicht. Konnte Gianni nicht wenigstens dazuschreiben, was sich auf so einer Pizza befinden musste? „Pizza Tonno, der Herr. Jawohl, sogleich.“ Ich sprach so laut, dass mein Chef mich unbedingt hören musste. Und wirklich, keine zehn Sekunden später stand er auch schon in dem Laden. „Ah, gute Abend, liebe Gast. Wollen Pizza Tonno? Gleich, gleich, sofort. Geht ganz rapido. Keine Problem.“ Der Kunde steckte den Zettel, den er bisher in Händen gehalten hatte, ein. „Liefern sie auch?“ - „Aber sicher, Kunde sein Konig. Wohin liefern?“ Der Bauarbeiter zeigte mit dem Arm in Richtung Eingangstür. Da drüben in das Hotel. Wie lange dauert das denn?“ - „Ah, dauert nicht lange. Kein Problem. Hier meine Gehilfe hat schnelle Fahrrad. Ist rapido mit beste Pizza von Stadt da.“ Gianni verteilte schon eine kleine Menge Tomatensoße auf dem vorhin von mir vorbereiteten Boden. Dann griff er eine großzügige Handvoll Thunfisch aus einer Schüssel und verteilte die auf der Soße. „Ganz frisch, hier immer alles ganz frisch!“ Der Kunde beobachtete wohlwollend den Berg Fisch auf dem Pizzaboden und wandte sich dann zur Tür. „Gut, aber beeilen sie sich. Ich habe Hunger.“ Schon war er verschwunden. Gianni nahm ordentlich Thunfisch von dem Boden und gab ihn in die Schüssel zurück. Nur wenige Brocken Belag blieben übrig. „Siehst du, so musst machen das. Nicht lange warten, schon Pizza fertig. Und immer sparsam mit Zutate!“ Gianni zog den Teig mit dem kargen Thunfisch und spärlichem Käse aus dem Ofen, als eine leichte Rauchsäule ankündigte, dass sein Werk kurz vor dem Verbrennen stand. „Und jetzt aufpassen! Musst immer schneiden schwarze Rand ab, schwarze Rand nie schmecke Kunden!“ Großzügig säbelte er die verbrannten Stellen ab. Danach stopfte er das fertige Produkt in eine Pappschachtel. „So, jetzt schnell liefern. Damit noch frisch, wenn Kunde bekommt Lieferung.“ Er drückte mir die Schachtel in die Hand. „Los, los. Kunde wartet.“ Ich stürmte durch die Tür. Wie weit würde es bis zu besagtem Hotel sein? Dann erblickte ich das Haus auf der anderen Seite der Straße. Jetzt wurde mir auch klar, warum Gianni diese Lage und keine andere für seine Pizzeria gewählt hatte: Ein Hotel mit Bauarbeitergästen in unmittelbarer Nähe. Unser Geschäft würde auf jeden Fall bombig laufen! Nach einigen Überlegungen, die Pizza klemmte schon auf meinem Gepäckträger, entschloss ich mich dann doch dazu, die Pizza zu Fuß auszuliefern. Rasch schloss ich mein Rad wieder ab.
Im Gegensatz zu unserer Pizzeria stand beim Hotel keine Türe offen. Ich klingelte und wartete. Dann klingelte ich noch einmal. Plötzlich erscholl eine Stimme über mir. Ich blickte hoch und erkannte eine Frau mittleren Alters, die mich fragend ansah: „Zu wem wollen sie denn?“ Jetzt fiel mir auf, dass ich ja noch nicht einmal den Namen des Bauarbeiters wusste. Nun, dass ich vergaß danach zu fragen, war ja verständlich. Luigi Gianni aber, der hätte doch daran denken müssen! So antwortete ich wahrheitsgemäß: „Ich möchte zu einem Kunden von ihnen.“ Die Frau schüttelte den Kopf: „Ein Kunde von mir? Wie kommen sie denn darauf?“ - „Nun, der Mann hat gesagt, dass er hier ist. Ich soll die Pizza liefern. Er ist ein Kunde von ihnen.“ Neben der Frau erschien ein kleiner Hund im Fenster. Wir nannten diese Art immer 'Fußhupe' und sagten regelmäßig etwas Hässliches über ihre durchweg weiblichen Besitzer. Das will ich aber auf gar keinen Fall hier wiedergeben. „Sie müssen sich irren.“ Jetzt wurde es mir langsam zu blöd. Ich musste mich doch beeilen, damit die Pizza nicht kalt wurde. „Ihr Kunde. Denken sie doch einmal nach. So viele Kunden können sie doch nicht haben!“ Die Frau kreischte auf und der Köter fing an zu kläffen: „Wofür halten sie mich, für eine Nutte?“ Jetzt war es an mir fragend zu blicken. Während der Hund sich die Seele aus dem Leib kläffte - ich hätte ihn ja längst mit einem Fußtritt kaltgestellt - erklärte ich: „Nein, im Hotel. Es ist doch ihr Hotelkunde!“ Die Frau beruhigte sich nicht und schrie weiter. Vielleicht wollte sie ja auch nur ihren Hund übertönen. „Die Hotelklingel ist dort links! Verdammt, wieder einer dieser Idioten.“ Dann fiel das Fenster mit einem lauten Klatschen zu. Augenblicklich trat Ruhe ein. Wohltuende Ruhe. Warum hielten sich die Leute eigentlich solche Viecher? Beim Chinesen war das doch maximal die Zweiundsiebzig süß - sauer. Endlich fand ich die Klingel des Hotels. Gut versteckt, vermutlich damit auch niemand störte. Nach einigem Klingeln öffnete endlich ein alter Chinese die Tür. Ich stutzte. Eben noch wegen des Hundes an Chinesen gedacht, schon stand einer vor mir. Ob es sich um Gedankenübertragung oder so etwas handelte? Besaß ich übernatürliche Kräfte? Das musste ich später unbedingt einmal ausprobieren. Vielleicht konnte ich allein mit meinen Gedanken Menschen beeinflussen. „Ah, gute Mann. Was kann tun ich für dich?“ Gab es in diesem Land eigentlich noch Menschen, die wirklich unsere Sprache beherrschten? Ich hielt die Pizza hoch und erklärte: „Pizzalieferung. Von Pizza Pomodore. Die beste Pizza der Stadt.“ - „Jaaa, jaaa. Für wen?“ - „Für einen ihrer Kunden. Einen Gast“, ergänzte ich dann, an das Missverständnis mit der erbosten Frau denkend. Der alte Chinese blickte abwechselnd auf die Pizza, dann auf mich. „Hier viele Gäste. Wie ist Name?“ - „Den weiß ich leider nicht, es ist aber ein Bauarbeiter. Arbeitshose und Bauarbeiterhelm. „Jaaa - dann. Sind drei Bauarbeiter in Hotel. Du musst fragen, selbst kucken.“ Wir traten in das Foyer des kleinen Hotels und der alte Chinese stellte sich hinter eine Theke, die die Rezeption darstellte. „Hier Zimmer zehn, Zimmer siebzehn und Zimmer vierundzwanzig. Da vorne Treppe.“
Ich keuchte mit der Pizza die Treppe hoch. Das Hotel verfügte über vier oder fünf Etagen und ich hoffte, nicht bis ganz nach oben zu müssen. Natürlich klopfte ich zunächst an die Türe von Zimmer zehn im ersten Stock. „Pizzaservice!“ Knarrend öffnete sich die Tür und ein bärtiges Männchen stand komplett nackt - nur ein Handtuch vor sein Geschlechtsteil haltend - vor mir. „Oh, Entschuldigung. Falsches Zimmer.
Weiter zu Zimmer siebzehn. Leider lag das Zimmer nicht im gleichen Stockwerk, sondern es ging noch zwei Treppen weiter herauf. Leicht keuchend klopfte ich erneut. „Pizzaservice!“ Jetzt öffnete ein komplett nackter Mann und im Hintergrund erkannte ich eine nackte Frau, die auf einem Bett lag. Ja gab es in diesem Hotel denn nur nackte Menschen; von dem alten Chinesen einmal abgesehen? Aber nein, der Mann war es auch nicht. Weder an die zwei Meter groß, noch schlank. „Entschuldigung“, stammelte ich, „falsches Zimmer.“ Zimmer vierundzwanzig lag tatsächlich im fünften Stock. Unter einer Dachschräge. Der mir bekannte Bauarbeiter machte ein grimmiges Gesicht. Alkoholatem schlug mir entgegen. „Mann, das hat aber gedauert. Wie lange brauchen sie eigentlich für die paar Meter? Na, hoffentlich ist die Pizza das Warten auch wert! Und Trinkgeld können se sowieso vergessen!“ Na, wenigstens war der Mann angezogen. Wenn auch nur mit einer Unterhose.
Gianni rieb sich die Hände. „Ah, gut, gut. Geschäft boomt. Jetzt ist aber auch richtige Zeit.“ Ich blickte auf die Uhr und stellte mit Bedauern fest, dass meine Gruppe schon seit bestimmt fünfzehn Minuten im Internetspiel tätig sein musste - ohne mich. Nun, vielleicht wäre es ja möglich meine Arbeitszeit ein wenig zu reduzieren. Wenigstens um acht Uhr abends sollte ich zum Spielen Zuhause sein. Gianni zählte derweil das Geld in die Kasse. „Ist Kunde zufrieden, ist auch Gianni zufrieden!“, brummte er vor sich hin und lachte. Dann stutzte er und blickte mich an: „Das ist nur funfzehn Euro. Wo ist Rest? Pizza Tonno ist sechzehn Euro und zwanzig Cent.“ Ich nickte: „Ja, der Kunde hatte kein Kleingeld und ich konnte nicht herausgeben. Und Trinkgeld wollte der Mann auch nicht geben.“ - „Das nicht gut. Wirklich nicht.“ Gianni hielt mir die offene Hand hin: „Dann du zahlen. Ein Euro zwanzig. Los, los.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe doch kein Kleingeld, sonst hätte ich dem Kunden doch schon herausgegeben! Ich habe leider auch nur fünf Euro.“ Gianni grinste: „Keine Probleme. Gianni kann geben aus. Also her die fünf Euro!“ Zögernd reichte ich ihm den Schein. Das fing ja gut an. „Du noch viel lernen, immer musst genug kleines Geld haben. Für Wechsel.“ Ja, ja - das hatte ich mittlerweile verstanden.
Plötzlich klingelte das Telefon. Ein schriller, nervender Ton, der mich aus meinen Gedanken riss. Die kreisten gerade um meine Freunde und das Internetspiel. Wir hatten eine Taktik entworfen, die uns andere Gruppen in die Falle zu locken ermöglichte. Wie würden die Kameraden jetzt ohne mich zurechtkommen? „Los, du nicht hörst klingeln?“ Gianni riss den Hörer vom Telefon und hielt ihn mir hin. „Ja, hallo?“ Ich war noch so in Gedanken, dass mir die von Gianni geforderte Litanei nicht direkt einfiel. Eine Frauenstimme am anderen Ende meldete sich: „Hallo? Bin ich in der Pizzeria?“ Ich sah mich um. Nein, niemand hier. Lediglich Gianni und ich. „Nein“, antwortete ich, „das sind sie nicht.“ - „Na, dann Entschuldigung, ich habe mich wohl verwählt.“ Ich legte den Hörer auf. „Wer war?“, fragte Gianni direkt und schaute mich neugierig an. „Falsch verbunden.“ Obwohl ich noch nicht so recht verstanden hatte, was die Frau zuvor meinte. „Du musst immer sagen: Pizza Pomodore, was du wollen? Nur so richtig und kein Problem!“ Ich nickte. Gut, nächstes Mal würde ich das schon hinkriegen. Keine fünf Minuten später klingelte das Telefon erneut. Ich musste Gianni recht geben: Jetzt boomte das Geschäft. „Pizza Pomodore, was du wollen?“ - „Guten Tag, ich möchte etwas bestellen.“ Wieder eine Frauenstimme. Klang genauso, wie die von vorhin. Naja, das war bestimmt Zufall. „Ich möchte zwei Pizzas bestellen, einm...“ - „Pizzen“, unterbrach ich sie. Schließlich wusste ich ja, wovon ich redete. „Ja, sage ich doch. Zwei Pizzas, einmal Pizza Tonno und einmal Pizza Funghi mit extra Pilzen.“ - „Extra kostet extra“, klärte ich die Kundin auf und das war wohl auch im Interesse von Gianni. „Ja, dann eben ohne extra Pilze. Aber beide extra ohne Knoblauch!“ - „Extra? Das kostet auch extra.“ - „Extra ohne kostet extra?“ Gianni, der meinen Part der Unterhaltung mitanhörte, fuchtelte wie wild mit den Armen. Dann versuchte er den Hörer zu fassen zu bekommen, da ich ihn aber zu hoch hielt, kam er nicht daran. Nachdem ich Gianni ein Stück zurückgeschoben hatte, nahm ich den Telefonhörer wieder ans Ohr. „Hallo, ist da noch jemand?“, klang es aus der Muschel. „Ja, hallo. Hier ist die Pizzeria! Sie haben zwei Pizzen bestellt. Aber - Extras kosten doch nicht extra. Also für sie dann extra ohne Knoblauch?“ Die Frau überlegte. „Ja, aber mit extra Pilzen.“ Jetzt war alles klar und ich konzentrierte mich auf das Wesentliche: „Dann bräuchte ich noch ihren Namen.“ Schließlich war mir die Sache mit dem Bauarbeiter eine Lektion gewesen. Die Frau antwortete prompt: „Brigitte Wertinski und mein Freund heißt Ronald Raftingser. Wie lange brauchen sie denn?“ Ich kritzelte noch die Namen auf einen der Zettel mit den verschiedenen Pizzen, als ich auch schon in gewohnter Gianni - Manier antwortete: „Dauert nicht lang. Beste Pizza von Stadt.“ Dann legte ich auf.
Gianni sah mich fragend an, während er schon einen Teigball ausrollte: „Nun, was für Pizza?“ Erneut bepuderte er seine Hände mit Mehl. Dann wischte er sich den Schweiß von Stirn und Wangen. Durch den Ofen war es aber auch sehr heiß in dem kleinen Laden! Als Gianni mich ansah, konnte ich mir ein Lachen kaum verkneifen: Stirn und Wangen waren über und über mit Mehl bedeckt. Nun, so sah halt ein guter Pizzakoch aus! „Einmal Torro und einmal Fuggi“, gab ich die Bestellung weiter. Gianni korrigierte mich: „Tonno und Funghi, das ist Fisch aus Dose und Pilz.“ Jetzt, da Gianni es erwähnte, fiel es mir zum Glück wieder ein: „Genau. Und mit extra Pilzen. Und extra Knoblauch.“ Oder war es ohne Knoblauch gewesen? Es ging alles so wahnsinnig schnell und … „Extra kostet extra“, unterbrach Gianni meine Gedanken und popelte aus einem der Böden etwas heraus, das er anschließend zu Boden warf.
„So, jetzt aber schnell zu guten Kunden.“ Gianni schob die Pizzen in die Pappschachteln, nachdem die verbrannten Ränder abgeschnitten waren. Ich schnappte mir den Zettel mit meinen Notizen. Diesmal musste ich mit dem Fahrrad fahren und sorgfältig klemmte ich beide Kartons auf den Gepäckträger. Dann radelte ich los. Zunächst einmal die Straße herunter. Am Ende der Straße hielt ich kurz und nahm mir den Zettel vor. 'Pizza Margherita - 13,50 Euro', stand dort. Schnell drehte ich den Zettel um. Ja, da stand der Name: Brigitte Wertinski und Ro... Den Rest konnte ich nicht lesen. Aber der Name der Frau würde ja auch genügen. In welche Richtung sollte ich mich wenden? Plötzlich fiel mir auf, dass ich ja die Anschrift gar nicht hatte. Was nun? Am besten, ich kehrte zu Gianni zurück. Nein, nicht am besten. Dann lieber die Pizzen selber essen und aus eigener Tasche bezahlen? Ging nicht, denn ich besaß jetzt nur noch drei Euro und achtzig Cent. Aber auch mit meinen vorherigen fünf Euro hätte das nicht funktioniert. So stand ich ein wenig unschlüssig am Straßenrand. Bis ein Passant mit einem großen Hund vorbeiging. Der Mann kam mir gerade recht und ich sprach ihn an: „Entschuldigen sie.“ Der Hund knurrte leise, kaum dass er mich sah. Jetzt blieben Mann und Hund stehen. „Ja, bitte?“ - „Kennen sie eine Brigitte Wertinski?“ Der Hund knurrte nicht mehr, sondern schnupperte jetzt. „Nein, wer soll das sein? Wo wohnt die denn?“ - „Das weiß ich auch nicht.“ Der Mann blickte mich jetzt merkwürdig an und ließ dem Hund etwas mehr Leine. Der knurrte wieder und kam etwas auf mich zu. „Sie wollen mich doch nicht verarschen?“ - „Nein, nein. Entschuldigen sie“, beeilte ich mich zu sagen und schob mein Fahrrad von Mann und Hund fort. Erneut radelte ich ein Stück die Straße entlang, dann erblickte ich in einem Vorgarten ein kleines Mädchen. „Hallo, ja du da.“ Das Kind sah mich neugierig an. „Kennst du eine Tante Wertinski?“ Plötzlich brüllte eine Frauenstimme aus einem Fenster: „Jessica, komm sofort her! Was will der böse Mann da von dir?“ Und zu mir rief sie herüber: „Mach, dass du fortkommst, sonst rufe ich die Polizei.“ Ich hörte noch ein 'Jessica, komm zu die Mama ins Haus', dann radelte ich schon auf einem Radweg an der Hauptstraße entlang. So würde das nichts werden. Wo mochte diese ominöse Brigitte wohnen? Mir kam eine Idee: Ein Telefonbuch musste her. Wer wüsste besser, wo diese Frau wohnen könnte, als das Telefonbuch? Aber wo in aller Welt gab es noch Telefonzellen? Und die dann auch noch mit vollständigen Telefonbüchern? Resigniert verwarf ich meinen Gedanken. An einer kleinen Einbuchtung neben dem Radweg hielt ich an. Hier standen zwei Bänke und ich dachte an eine kleine Pause. Nur einmal in Ruhe nachdenken.
Nach knapp fünfzehn Minuten fiel mir immer noch nichts ein und ich stärkte mich zunächst mit einem kleinen Stück Pizza. Das fehlende Eckchen würde nicht auffallen, ich zog den Boden an anderer Stelle zurecht. Die Pizza schmeckte nicht schlecht, war aber fast schon kalt. Auch musste Gianni im Überschwang zuviel Knoblauch darauf gestreut haben. Und die Mischung aus Thunfisch und Pilzen war nun auch nicht der Hit. Was die Leute alle so bestellten! Plötzlich blieb von der Pizza nur noch ein kleines Eckchen übrig. Ich hatte doch gar nicht so viel gegessen! Oder doch? Mit ein wenig Geschick fügte ich aus dem Rest und der anderen Pizza wieder zwei ganz passable zusammen. So würde die fehlende Hälfte kaum auffallen. Jetzt fiel mir auch das Überlegen leichter. Und da war sie auch schon: die Lösung. Das Internet musste helfen. Wofür besaß ich denn ein Smartphone mit Internetanschluss? Doch nicht nur, um diese interessanten Bilder von na...
Ich tippte zunächst 'Telefonbuch' ein und dort suchte ich nach 'Wertinski'. Drei Ergebnisse wurden für unseren Stadtteil angezeigt. Wunderbar! So wäre es doch möglich die Pizza noch auszuliefern. Ich schaute auf die Einträge: 'Wertinski, Robert - Hovener Straße'. Nach einiger Sucherei schied diese Straße aus, da sie am anderen Ende der Stadt lag. Weiter, zum nächsten Eintrag: 'Wertinski, Dr. dent. Zahnarztpraxis'. Diese Adresse schied ebenfalls aus. Die Frau würde ja kaum mit ihrem Freund in einer Zahnarztpraxis sitzen und Pizza bestellen. Also der letzte Eintrag: 'Wertinski, Hans und Gundula - Feldstraße'. Gut, das könnte hinhauen, die Straße lag irgendwo hinter dem Park, also durchaus noch im belieferbaren Rahmen. Allerdings 'Hans und Gundula'? Vielleicht war es die Tochter, die bei uns bestellte. Saß jetzt gemütlich mit ihrem Freund im Wohnzimmer, während Mama und Papa in Urlaub waren? Sturmfreie Bude, sozusagen? Die zwei eng aneinander gekuschelt, bereit für die Liebe unter jungen Menschen, aber mit knurrendem Magen? Er, eine Hand über ihre Schulter gelegt, die andere langsam herunterwand... Ich unterbrach meine Gedanken rigoros, nahm mein Fahrrad und machte mich auf den Weg zu 'Wertinski, Hans und Gundula'. Keine dreißig Minuten später stand ich keuchend vor einem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus. Klar und deutlich stand da der Name am Klingelschild 'Wertinski'. Ich grinste. Teufelskerl, der ich war! Da musste erst einmal jemand drauf kommen! Im Internet nachschauen und die richtige Adresse finden. Ich klingelte. Hier Kinder, hier kommt eure Pizza. Einmal Torro und einmal Fussi. Wie gewünscht und überbracht vom Pizzaboten persönlich! Ich klingelte erneut, diesmal anhaltender. Erst Pizza bestellen und dann nicht öffnen! Wo kamen wir denn da hin! Mein drittes Klingeln war eigentlich kein einzelnes Klingeln mehr, sondern die Aneinanderreihung mehrerer, kurzer Klingeltöne. Endlich betätigte jemand den Türöffner. Na also, waren die beiden wohl doch schon in den Nahkampf gegangen. Sorry, dass ich stören muss, aber hier kommt die Pizza!
