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10 humorvolle Kurzgeschichten: - Im Dinopark - Das Minigolfturnier - Die Fabrikbesichtigung - Der Politiker - Der Spieleabend - Ferien bei Oma - Der Skiurlaub - Der Küchenkauf - Der Tanzkurs - Das Schulrpojekt Geschichten, die das Leben mit einem zwinkernden Auge schrieb: Der Besuch in einem Dinosaurierpark, der für den Sohn der Familie zu einer Entscheidung für das Leben wird; das Minigolfturnier, das zu einem Fiasko wird ...
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Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2025
Jürgen Ruhr
Danke Dino!
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
-
Im Dinopark
Das Minigolfturnier
Die Fabrikbesichtigung
Der Politiker
Der Spieleabend
Ferien bei Oma
Der Skiurlaub
Der Küchenkauf
Der Tanzkurs
Das Schulprojekt
Über den Autor
Impressum neobooks
Danke Dino!
10 humorvolle Kurzgeschichten
© by Jürgen H. Ruhr
Mönchengladbach
Bisher in dieser Reihe erschienene Titel:
Danke Doc!
Danke Duke!
Danke Delphi!
Die Personen dieser Geschichte
sind frei erfunden.
Irgendwelche Bezüge
zu
irgendeiner Realität
wären rein zufällig!
„Apollo sind sie bereit für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre?“, klang die Stimme des Kontrollzentrums aus dem Lautsprecher. „Es könnte ein wenig holprig werden.“
Ich lachte selbstsicher. „Holprig ist mein zweiter Vorname. Das kann mich nicht erschrecken.“
Auch der Mann im Kontrollzentrum lachte jetzt. „Runter kommen sie alle“, feixte er, dann wurde seine Stimme aber wieder ernst: „Und Apollo? Sind sie bereit?“
Ich kontrollierte noch einmal die Statusanzeigen der kleinen Raumkapsel. „Alles klar, alles Roger. Bin bereit, zu euch zurückzukehren.“ Rasch und systematisch drückte ich ein paar Knöpfe, justierte an einem Hebel und Sekunden später begann das Raumschiff wie verrückt hin und her zu wackeln. Zischgeräusche und ein dumpfes ‚Tuuuuuoooo‘ begleiteten meinen unruhigen Flug und immer wieder wanderte mein Blick auf die Anzeigen.
Alles in Ordnung, alle Systeme im grünen Bereich.
„Apollo sie sind zu schnell, starten sie die Bremsdüsen eins und zwei für exakt fünf Sekunden.“ Die Stimme aus dem Lautsprecher klang ein wenig panisch, doch ich lächelte nur.
„Keine Sorge Houston, ich habe alles im Griff“, erklärte ich selbstsicher und drückte die Knöpfe für die Bremsdüsen. In Gedanken zählte ich fünf Sekunden ab. ‚Einundzwanzig, Zweiundzwanzig, Dreiundzwanzig ...“
Und dann geschah das Unfassbare: Die obere Seite meiner Raumkapsel wurde abgerissen und das grinsende Gesicht meiner kleinen Schwester Alea sah mich spöttisch an. „Na, Houston, wieder einmal auf großem Raumflug?“, spottete sie und warf die Decke, die ich über den Pappkarton, der mein Raumschiff darstellte, zur Seite.
„Du und deine albernen Kinderspiele ...“ Alea konnte so phantasielos sein. „Mama und Papa sagen, du sollst endlich in die Küche zum Frühstücken kommen.“ Sie blickte auf das Armaturenbrett, das aus einer bunt bemalten Pappscheibe bestand. „Ach hier sind die Knöpfe, die Mama schon so lange sucht ...“
Mein Name ist Alan Jaklers und ich bin zwölf Jahre alt. Alea mit ihren zehn Jahren ist die kleine Schwester, auf die ich gut und gerne hätte verzichten können und ganz im Gegensatz zu Vater und mir ist sie absolut kein Fan der Raumfahrt. Geschweige denn von Science-Fiction.
Diese Leidenschaft habe ich von Vater geerbt, der sich damals sogar gegen Mutters Willen durchsetzen konnte und mich nach dem ersten Mann im Weltall, nach Alan Shepard, benannt hatte. Mein Namensvetter hatte sogar den Mond besucht. Ich wusste, dass er der fünfte Mensch dort gewesen war.
Vater und ich waren uns darüber einig, dass ich auch Raumfahrer werden und dann sogar zum Mars fliegen würde. Ein Traum, den Mutter - ja sogar außer uns beiden die ganze Familie - nicht teilte.
Alea dagegen liebte nichts auf der Welt mehr, als diese schrecklichen Dinosaurier, die schon vor vielen Millionen von Jahren ausgestorben sind. Wie konnte man für diese grässlichen Ungeheuer überhaupt solch eine Begeisterung aufbringen? Das würde ich nie verstehen. Aber Alea ist ein Mädchen und Mädchen sind wohl so.
„Also komm endlich aus deinem dämlichen Pappkarton“, ließ sie sich wieder vernehmen und benutzte den gleichen strengen Tonfall, den ich an Mutter so hasste. „Du weißt doch, dass gleich Opa und Oma Beuters zu Besuch kommen.“ Dann drehte sie sich um und verschwand aus meinem Zimmer.
„Blöde Kuh“, rief ich ihr hinterher, doch so leise, dass sie es nicht hören konnte. Ich wollte mir ja keinen Ärger mit Mutter einhandeln. Dann streckte ich ihr noch die Zunge heraus.
Seufzend kletterte ich aus dem Pappkarton, in dem vor einiger Zeit unsere neue Waschmaschine angeliefert worden war. Nach ein paar fachgerechten Um- und Anbauten wurde daraus die ideale Raumkapsel, um zum Mond und zurück zu fliegen.
Wenn die eigene Schwester einen nicht kurz vor der Landung dabei störte.
Ich schloss rasch die Tür zum Flur und entledigte mich meines Schlafanzuges. Dann zog ich meine Jeans und mein Lieblings T-Shirt mit dem Aufdruck „NASA“ an. Auf ein ausgiebiges Waschen würde ich heute verzichten müssen, wenn ich nicht direkt mit einer Standpauke beim Frühstück empfangen werden wollte.
„Guten Morgen“, begrüßte ich meine Eltern, die mit Alea am Tisch saßen und anscheinend schon mit dem Frühstück begonnen hatten.
„Ah, da ist ja der Herr Sohn endlich“, kommentierte Mutter mein Erscheinen und wies auf den leeren Stuhl. „Es wäre nett, wenn du dich hinsetzen würdest ...“
„Alan hat wieder in seinem dämlichen Raumschiff-Pappkarton gesessen“, trötete Alea und sah sich Beifall heischend um.
Mutter reagierte auch prompt: „Der Karton hätte schon längst entsorgt werden sollen“, stöhnte sie und beschmierte eine Brötchenhälfte dick mit Marmelade. „Der steht nur im Weg, man kann ja nicht einmal richtig Staubsaugen. Alan, du bist doch eigentlich schon längst aus dem Alter heraus, in dem man so kindische Spiele spielt.“
„Lass den Jungen doch“, mischte sich Vater jetzt vorsichtig ein. „Die Kindheit ist noch schnell genug vorbei.“
„Das war ja klar, dass du so redest“, empörte sich Mutter. „Du mit deinem Science-Fiction Wahn. Bei dir könnte auch ein wenig Aufräumen nicht schaden. Die ganzen Staubfänger nehmen doch nur Platz weg.“
Vater besaß inzwischen eine riesige Sammlung von allen wichtigen Raumschiffen. Angefangen bei den Raketen der NASA bis hin zu den Raumkreuzern von Star Wars und Raumschiff Enterprise. Regelmäßig durfte ich ihm beim Basteln in seinem Hobbykeller zusehen und einmal bekam ich sogar das Modell der USS Enterprise, der legendären NCC-1701, zu Weihnachten geschenkt. Der Zusammenbau hatte sich allerdings schwieriger als gedacht gestaltet und nachdem ich die langen, runden Triebwerke vorne auf die tellerförmige Plattform aufgeklebt hatte, sah das Modell nicht ganz so aus, wie auf den Bildern.
Mutter hatte den verhunzten ‚Staubfänger‘ dann einfach in der Mülltonne entsorgt, was mich damals zu nie gekannten Wutausbrüchen animiert hatte. Die Folge war eine Woche Stubenarrest und Computerverbot gewesen, und das traf mich wirklich hart.
Vater hatte sich damals nicht dazu geäußert, was mich ein wenig enttäuschte, aber Vater war immer schon darauf bedacht gewesen, sich Mutters Zorn nicht zuzuziehen.
Während ich mir nun selbst ein Brötchen schmierte und vorsichtig an dem heißen Kakao nippte, schien das Thema für meine Mutter aber noch nicht beendet zu sein. „Der Junge sollte lieber für die Schule lernen, als sich mit solch einem Scheiß zu beschäftigen“, stichelte sie und sah meinen Vater herausfordernd an. „Oder bist du etwa anderer Meinung?“
Der grummelte lediglich, sagte aber nichts mehr. Wenn Mutter auf Streit aus war, wurde er immer ganz still. Dann lächelte er: „Ich freue mich, dass deine Eltern heute zu Besuch kommen“, gab er versöhnlich von sich. Ich wusste, dass das gelogen war, denn Vater konnte seine Schwiegereltern nicht ausstehen. Was aber auf Gegenseitigkeit beruhte, denn es kam regelmäßig zwischen Opa und ihm zum Streit. Meistens ging es darum, dass Vater mit seiner Bildung angeblich nicht in ihre Familie passte.
Vater ist von Beruf Verkäufer in einem Supermarkt und soweit ich es verstanden hatte, heirateten Mutter und er damals, weil ich ‚unterwegs‘ war. Und Opa war früher Arzt, was er meinen Vater auch ständig spüren ließ.
„Willi hat eine Überraschung für uns“, erklärte Mutter jetzt und lächelte selig.
„Eine Überraschung?“, knurrte Vater. „Was für eine ‚Überraschung‘?“
Mutter zuckte mit den Schultern. „Das hat er nicht gesagt, dann wäre es ja keine Überraschung mehr.“
Vater stöhnte leidvoll, sagte aber nichts mehr. Eine Weile aßen wir schweigend und ich warf Alea hin und wieder drohende Blicke zu. Sie sollte es bloß nicht noch einmal wagen, über meine Raumkapsel zu reden.
„Mama?“
„Ja, Alea? Was ist?“
„Alan hat deine Knöpfe auf ein Stück Pappe geklebt. Die Knöpfe, die du schon so lange suchst.“
Ich hätte meine Schwester am liebsten hier und jetzt erwürgt.
Mutter sah mich prüfend an: „Stimmt das, Alan?“
„Ja“, gab ich kleinlaut zu. Ohne die Knöpfe, mit denen ich die Steuerdüsen und den Bordcomputer aktivieren konnte, würde ich niemals den Weg zum Mond und zurückschaffen. „Aber nur fünf Stück. Die lagen da einfach so rum und ich dachte ...“
„Du denkst?“, unterbrach mich Mutter. „Dein Denken solltest du dir lieber für die Schule aufsparen.“
„Nun lass den Jungen doch“, mischte sich mein Vater ein und ich verspürte eine Anwandlung von kindlicher Liebe. „Du hast doch weiß Gott genügend Knöpfe in deiner Sammlung.“ Er sah mich fragend an: „Alan, wofür brauchst du die Knöpfe denn?“
„Für die Steuerdüsen“, erklärte ich, obwohl ihm als Science-Fiction und Raumschiff-Fan doch eigentlich bewusst sein sollte, wofür man Knöpfe brauchte. „Und den Bordcomputer.“
Er sah meine Mutter triumphierend an: „Da siehst du es, Melanie, deine Knöpfe erfüllen jetzt wichtige Funktionen.“
„Dann möchte ich dich mal sehen, wenn sie an deiner Hose fehlen, Robert.“ Mutter sagte immer ‚Robert‘, wenn sie sauer war. Sonst nannte sie Vater ‚Rob‘, was in meinen Ohren viel sympathischer klang. Manchmal nannte sie ihn auch ‚meine kleine Robbe‘, doch das war vermutlich dann, wenn es Mutter nicht so gut ging, weil sie das nur im Schlafzimmer sagte und dabei so schmerzhaft stöhnte.
„Meine Hosen verfügen durchweg über Reißverschlüsse“, knurrte Vater. „Außerdem tut der Junge meines Erachtens genug für die Schule. Seine Noten sind ausnahmslos gut.“
„Man tut nie genug für die Schule“, wies ihn Mutter zurecht. „Alan soll ja schließlich einmal in die Fußstapfen seines Großvaters treten und Arzt werden. Dazu kann der Nucleus Klaustus nie gut genug sein.“
„Numerus Clausus“, korrigierte Vater. „Und ob Alan Arzt wird oder nicht, steht noch in den Sternen. Er soll seinen eigenen Weg gehen und nicht nach der Pfeife deines Vaters tanzen.“
„Ich werde Palän ... Pa ... also so was mit Dinosauriern“, erklärte Alea und diesmal konnte ich mit meinem Wissen protzen.
„Paläontologin“, grinste ich. „So heißt das.“
„Klugscheißer“, zischte Alea leise, so dass nur ich es hören konnte.
„Wann wollten deine Eltern heute eigentlich kommen?“ Vater wechselte das Thema und konzentrierte sich auf das Wesentliche. „Haben sie wenigstens das verraten oder soll es auch eine Überraschung werden?“
„Du brauchst gar nicht so sarkastisch zu sein, Robert. Willi meinte, dass sie so zwischen neun und zehn Uhr hier sein könnten. Damit wir noch genügend Zeit haben, um zu seiner Überraschung zu fahren.“ Mutter nannte Opa immer nur bei seinem Vornamen.
Vater sah erschrocken auf. „Was soll das heißen? Wir müssen auch noch irgendwohin fahren? Und das an einem Sonntag, an dem vermutlich die halbe Welt auf den Beinen ist? Das ist mein einziger freier Tag in der Woche und da habe ich wirklich keine Lust, den auf der Autobahn im Stau zu verbringen. Hat er denn gesagt, wohin es gehen soll?“
Mutter schüttelte den Kopf. „Nein, das ist doch eine Überraschung. Robert, hörst du mir denn gar nicht zu?“
Vater hob beide Hände und blickte demonstrativ auf die Küchenuhr, die über der Tür hing. „Dann bleibt uns ja nicht mehr viel Zeit. Natürlich hat er auch nicht erwähnt, was dann mit dem Mittagessen ist?“ Die zweite Leidenschaft, die ich mit meinem Vater neben der Raumfahrt teilte, war das Essen. Seiner Meinung nach - der ich mich gerne anschloss - gehörte am Sonntag ein festlicher Braten auf den Tisch. Leider geschah so etwas viel zu selten, denn Mutter und Alea waren das, was man ‚Vegetarier‘ nannte. Wenn sie sich schon einmal dazu herabließ, Fleisch oder Braten auf den Tisch zu bringen, dann waren die meistens angebrannt und ein Streit nahezu vorprogrammiert. Meistens gab es irgendwelche Tofu- oder Sojabratlinge, die Vater und mich dazu veranlassten, nach dem Essen einen ausgiebigen ‚Spaziergang‘ zu unternehmen, der uns zu seiner Lieblings-Frittenbude führte.
„Jedenfalls hat Willi gesagt, dass ich heute nicht kochen muss“, erklärte Mutter. „Ich darf mir schließlich auch mal einen freien Tag gönnen.“
„Hmm“, brummte mein Vater, „dann will er uns in ein Restaurant einladen?“
Mutter stöhnte: „Woher soll ich das wissen? Es ist doch eine ...“
„Überraschung“, fielen Vater und ich gleichzeitig ein, was uns beiden böse Blicke einbrachte.
Ich wollte gerade wieder in meine Raumkapsel steigen, um den Flug fortzusetzen, als es an der Haustür klingelte. Seufzend nahm ich mein Bein wieder aus dem Karton. Wie ich Mutter kannte, würde sie mich in Kürze herunterrufen, um Opa und Oma zu begrüßen. Alea war bestimmt schon die Treppe hinabgeeilt, um ihre Lieblingsgroßeltern zu begrüßen. Sie war Opas kleiner Engel und mit ihren zehn Jahren wusste sie schon, den alten Mann zu umgarnen.
„Alaaan“, hörte ich auch schon meine Mutter vom Fuß der Treppe rufen. „Opa und Oma sind da, komm herunter!“
„Opa Beuters, Oma Beuters“, begrüßte ich meine Großeltern in der Diele mit gespielter Freude und ließ das ekelhafte Abküssen meiner Oma stoisch über mich ergehen. „Wie freue ich mich, dass ihr da seid.“ Opa warf mir einen Seitenblick zu und ich hoffte, nicht zu dick aufgetragen zu haben. Die Begrüßung mit Alea schienen sie schon hinter sich zu haben, denn meine Schwester saß im Wohnzimmer und packte ein kleines, in Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen, aus.
Opa legte mir gönnerisch die Hand auf die Schulter und zog ein Geschenk für mich aus der Jackentasche. „Hier, so etwas habe ich als Kind auch gehabt“, erklärte er. „Darin kannst du alles festhalten, was du so erlebst.“ Er lachte meckernd und klopfte auf das kleine Päckchen. „Das ist ideal für Notizen aller Art.“
Ich bedankte mich mit großer Geste und begab mich ebenfalls ins Wohnzimmer, um mein Geschenk vom Papier zu befreien. Alea saß vor einem offenen Pappkarton, in dem ein paar Spritzen - allerdings ohne Nadeln - und ein Stethoskop lagen. Ich musste lächeln, denn Opa brachte ihr jedes Mal irgendwelchen alten Arztplunder mit, den sie angeblich später für ihr Medizinstudium gebrauchen könnte.
Mein Geschenk war da praktischer Natur, denn es handelte sich um ein kleines Notizbüchlein. Überraschenderweise würde ich es wirklich gebrauchen können, denn mir fiel sofort ein Verwendungszweck ein: Ich könnte meine Flugerlebnisse und Berechnungen zur Flugbahn darin niederschreiben. Eines Tages, wenn ich als gefeierter Astronaut von meiner Reise zum Mars zurückgekehrt war, würde man beim Anblick dieses Notizbuches bewundernd davon sprechen, dass sich schon als Zwölfjähriger meine genialen Raumfahrtkenntnisse herausgebildet hatten.
Eindeutig war ich heute der Gewinner beim Geschenkeverteilen.
Uns blieb allerdings nicht viel Zeit, alles zu bewundern, denn kurze Zeit später drängten Opa und Oma mit meinen Eltern ebenfalls ins Wohnzimmer. Opa tätschelte meinen Kopf und meinte: „In so ein Büchlein passen wunderbar mathematische Formeln, mein Sohn.“
Ich nickte. Abgesehen davon, dass ich nicht sein Sohn, sondern sein Enkel war, sprach Opa Beuters mir aus der Seele. Mathematische Flugbahnberechnungen zum Mond und zurück nämlich.
Opa verlor das Interesse an mir und wandte sich Alea zu, die er kurzerhand auf seinen Schoß hievte. Dann nahm er das Stethoskop aus dem Karton und hielt es hoch. „Weißt du, was das ist, Alea?“
Die schüttelte den Kopf und versuchte ein schiefes Lächeln.
„Das ist ein Stethoskop. Ein echtes, nicht irgend so ein Kinderspielzeug. Weißt du, was ein Stethoskop ist?“
Wieder schüttelte meine Schwester den Kopf. Diesmal war ihr Blick aber eher desinteressiert.
„Das Stethoskop ist ein auf Laennec zurückgehendes medizinisches Untersuchungsinstrument zum Abhören von Körpergeräuschen, der sogenannten Auskulation. Siehst du hier: Das klassische Stethoskop setzt sich aus Schalltrichter, Schlauch und Ohrbügel zusammen“, dozierte der ehemalige Arzt.
Alea nickte ernsthaft und machte ‚Aha‘. Dann fragte sie: „Und was ist ein Laennec?“
Opa lächelte über so viel Wissbegierde. Er war jetzt ganz in seinem Element und seine Erklärungen könnten sich unter Umständen über Stunden hinziehen. Doch der Blick von Vater sagte mir, dass das heute nicht geschehen würde. „Das war ein berühmter Arzt, der mit vollem Namen René Théophile ...“
„Melanie sagte mir, ihr hättet euch für uns eine Überraschung ausgedacht“, unterbrach Vater den Redefluss meines Opas und erntete dafür drei böse Blicke. Von Opa nämlich, Oma und Mutter. Ich unterdrückte mühsam ein Grinsen.
„Auch wenn dich so etwas nicht interessiert, Herr Verkäufer, solltest du einen Arzt bei seinen Ausführungen niemals unterbrechen. Alea soll doch für ihr Medizinstudium etwas lernen. Das interessiert dich doch, nicht wahr, Alea?“
„Oh ja, Opa. Das ist sehr interessant. So ein Streptroslob wollte ich immer schon haben.“
Opa Beuters sah meinen Vater triumphierend an: „Siehst du, Robert. Deine Tochter kommt halt ganz nach mir. Sie ist ja fast schon eine kleine Ärztin.“ Dann aber besann er sich auf den Einwurf meines Vaters und fuhr fort: „Ja, ich habe mir eine tolle Überraschung für euch und meinen kleinen Engel hier ausgedacht. Ihr werdet staunen.“
„Und was ist das nun für eine Überraschung?“ Vater ließ nicht locker und sein Ton klang ein wenig gereizt.
„Das wirst du schon sehen. Wir machen einen Ausflug.“ Er sah auf die Uhr und schob Alea von seinem Knie herunter. „Es wird langsam Zeit, dass wir uns auf den Weg machen. Ich hoffe, dein Wagen ist vollgetankt?“
Vater stöhnte. „Einen Ausflug? Und wohin? Warum fahren wir nicht mit deinem Wagen, der ist doch viel größer als unserer? Ich müsste nämlich wirklich noch tanken.“
Opa hob den rechten Zeigefinger in die Luft: „Ein Kraftfahrzeug sollte immer vollgetankt sein. Damit es für plötzliche Einsätze jederzeit bereitsteht. Außerdem kannst du auch einmal deinen Anteil zu einem schönen Tag beitragen. Ich werde dir während der Fahrt sagen, wo es langgeht ... Dann lasst uns aufbrechen.“
Vater wollte noch etwas bemerkten, doch der Blick, den meine Mutter ihm zuwarf, ließ ihn schon im Ansatz verstummen. Mit einem Achselzucken fügte er sich in sein Schicksal.
Eine halbe Stunde später saßen wir eng zusammengequetscht in Vaters kleinem, altersschwachen Peugeot. Opa vorne auf dem Beifahrersitz und Oma, Mutter, Alea und ich auf dem Rücksitz. Oma, die neben mir saß, drückte mich schmerzhaft gegen die Tür, wich aber keinen Millimeter, als ich versuchte, etwas mehr Platz zu bekommen.
„Die nächste rechts ab“, kommandierte Opa und fuchtelte mit einer Hand vor Vaters Kopf herum.
„Da geht es aber zu keiner Tankstelle“, murrte Vater und schob die Hand beiseite. „Und lass das Herumgewedel, du irritierst mich.“
„Dann bieg links ab.“
„Da gibt es auch keine Tankstelle.“
Opa seufzte. „Wie willst du also fahren?“
„Geradeaus?“ Vater konzentrierte sich voll auf den Verkehr.
„Gib Gas, dann kommst du noch über die Ampel.“ Wieder fuchtelte Opa mit der Hand herum. „Du musst zügiger fahren, Robert.“
„Das geht wohl schlecht, bei all dem Verkehr. Außerdem haben wir es nicht eilig. Oder doch?“
„Du bist der Chauffeur. Aber irgendwann sollten wir schon ankommen. Wo bleibt denn endlich deine Tankstelle?“
„Es ist nicht meine Tankstelle, sondern nur irgendeine Tankstelle“, gab Vater genervt von sich. Diesen Tonfall bekam er immer nach einiger Zeit, wenn wir mit Opa zusammenwaren. „Es wäre einfacher, wenn du mir sagst, wo wir hinfahren. Dann könnte ich die beste Strecke auswählen.“
Opa lachte. „Die beste Strecke auswählen? Du hast ja nicht einmal ein Navi in der Schrottkiste hier. Vertrau mir, ich kenne den Weg. Außerdem werde ich euch doch nicht die Überraschung verderben, indem ich euch jetzt schon das Ziel nenne. Ich sage nur eins: „Alea, du kannst dich freuen!“
Vater grunzte und warf einen Seitenblick auf Opa, wobei er bösartig grinste: „Also etwas, über das Alea sich deiner Meinung freuen wird? Fahren wir zu einem Krankenhaus, wo du ihr die Räumlichkeiten zeigen willst?“
Opa winkte ab. „Robert, das ist mir zu profan. Fahr einfach und spar dir deine dummen Kommentare. Und wo ist nun dein... die Tankstelle?“
„Wir sind gleich da. Nur Geduld, Willi. Ich kenne mich hier schließlich aus, da ich hier ja wohne. Schon vergessen?“
Opa lachte. „Hier wohnst du? Mitten auf der Straße?“
Vater schwieg.
„Opa, was ist profan?“, krähte Alea plötzlich in die Stille, die lediglich durch das Motorengeräusch und ein ständiges Quietschen untermalt wurde.
„Gewöhnlich, Engelchen. Das bedeutet gewöhnlich.“ Opa Beuters hatte sich im Sitz nach hinten gedreht und sah seine wissbegierige Enkelin wohlwollend an.
„Und was ist an einem Krankenhaus gewöhnlich?“, gab sich Alea hartnäckig. Ich blickte aus dem Fenster und verdrehte die Augen. Wenn Alea sich einmal auf ein Thema eingeschossen hatte, dann ließ sie so schnell nicht locker, was ziemlich nerven konnte.
„An einem Krankenhaus - nichts“, erklärte Opa. „Nur an dem Gerede deines Vaters. Das ist mir zu profan.“
Alea machte ‚Aha‘ und blickte aus dem Fenster. Das Thema schien für sie beendet zu sein.
Drei Minuten später bogen wir von der Hauptstraße auf eine Tankstelle ab. Hier waren wir schon des Öfteren gewesen, da der Sprit hier phänomenal günstig sei - wie Vater sich immer auszudrücken pflegte.
„Du willst doch nicht allen Ernstes hier tanken, Robert?“, ließ sich Opa Beuters vernehmen und fuchtelte wieder vor den Augen meines Vaters herum. „Die verkaufen doch hier nur billige Plörre. Kein Wunder, dass dein Wagen so merkwürdige Geräusche macht. Dreh sofort um, wir müssen zu einer Markentankstelle fahren.“
Vater ließ sich nicht beirren und hielt an einer der Zapfsäulen. „Das Benzin hier ist genauso gut, wie das einer Markentankstelle. Er hob den Zeigefinger in er gleichen Art und Weise, wie Opa vorhin und sah den besserwissend an. „Lieber Schwiegervater, es gibt für den Kraftstoff nämlich gesetzlich geregelte Normen. Damit muss der Sprit überall bestimmte Mindestanforderungen erfüllen. Ob nun Billigtankstelle oder eine deiner heißgeliebten Markentankstellen. Das solltest du aber wissen.“
„Willst du hier stundenlange Vorträge halten oder endlich voran machen? Irgendwann müssen wir bei diesem Di... bei der Überraschung ja mal ankommen.“
Mein Gehirn schaltete sofort auf den Arbeitsmodus. Fast hätte Opa sich verplappert und unser Ziel angegeben. Aber was steckte hinter ‚Di...‘? So sehr ich mich auch bemühte, eine Lösung fand ich nicht.
Derweil verließ Vater murrend den Wagen und nahm eine der Zapfpistolen. Dann sah ich, wie er nach einer Weile in das Verkaufshäuschen der Tankstelle ging.
„Dein Ehemann ist aber heute wieder einmal überaus impertinent“, meinte Opa und sah Mutter streng an. „Anstatt, dass er sich freut, mit uns und unseren Enkeln einen Sonntagsausflug machen zu dürfen. Hat Robert berufliche Probleme?“
„Nicht, dass ich wüsste“, gab Mutter achselzuckend zurück. „Vielleicht stört ihn ja lediglich, dass er nicht weiß, wohin er fahren soll.“
Opa lachte. „Tja, das ist das Wesen einer Überraschung.“ Dann sah er Alea an und fragte: „Du weißt aber bestimmt schon, wo es hingehen wird, oder mein Engel?“
Die nickte altklug. „Ins Krankenhaus.“
In diesem Moment stieg Vater wieder in den Wagen und plötzlich breitete sich ein unangenehmer Geruch nach Benzin aus. „Hast du in der Plörre gebadet?“, grinste Opa auch direkt und kurbelte sein Fenster herunter. Unser Wagen verfügte noch nicht über elektrische Fensterheber.
Vater ignorierte die Frage. „Und wie geht es jetzt weiter, Willi? Links oder rechts?“
Opa knurrte. „Links, wir müssen ja zurück bis zu der Stelle, wo du vorhin nicht abgebogen bist. Und dann zur Autobahn.“
„Zur Autobahn?“ Vater ließ den Wagen an und überlegte. „Dann können wir auch rechts herum fahren und wir sind viel schneller dort.“
„Bitte, dann fahr doch rechts herum ... Du bist der Chauffeur. Ich hoffe nur, du bringst uns auch zur richtigen Autobahn.“
„Es gibt hier nur eine Autobahn in der Nähe“, erklärte Vater und fuhr endlich los.
Wir befanden uns schon eine Weile auf der Autobahn, als Vater sich wieder Opa zuwandte: „Und wohin jetzt? Welche Abfahrt müssen wir nehmen?“
„Das sage ich dir schon. Wir sollten uns in nördlicher Richtung halten, alles Weitere erfährst du von mir, wenn es soweit ist.“ Opa hielt den Kopf in Richtung des geöffneten Fensters und atmete keuchend. Der Benzingeruch war überwältigend, doch schlimmer war der Fahrtwind, der uns hier hinten die Haare zerzauste.
„Willi kannst du nicht das Fenster zu machen? Es zieht“, bettelte Oma Beuters und hielt sich demonstrativ den Kopf. „Ich hole mir noch eine Hirnhautentzündung.“
„Höchstens eine Trichodynie. Aber dreh dich um, dann deut es.“
„Opa, was ist eine Tri... Tridochnysie?“, fragte Alea auch prompt und ich verdrehte erneut die Augen. Die allerdings tränten ziemlich von dem Fahrtwind.
Opa kurbelte jetzt das Fenster ein wenig hoch und wandte sich wieder im Sitz um. „Das ist eine Missempfindung der Kopfhaut. So etwas wie eine Kopfhautentzündung. Aber von ein wenig frischer Luft bekommt man das nicht, keine Sorge.“ Er wandte sich wieder dem Fensterspalt zu und atmete angestrengt. Dann grunzte er: „Jedenfalls besser, als in diesem Gestank den Verstand zu verlieren.“
Jetzt meldete sich Vater wieder zu Wort: „Wo ist eigentlich Norden? Ich kann doch nur dem Verlauf der Autobahn folgen.“
„Norden ist gegenüber von Süden“, erklärte Opa herablassend und deutete auf ein Schild über der Autobahn. „Dort musst du lang. Das ist die Strecke nach Norden.“
„Willi kannst du das Fenster ein wenig weiter aufmachen?“, ließ sich jetzt Oma Beuters vernehmen. „Mir ist von dem Gestank schon ganz übel.“
Da musste ich ihr zustimmen, denn mir ging es nicht anders. Opa drehte das Fenster wieder etwas herunter und Oma hielt ihre Hände schützend über den Kopf. Aber wenigstens ließ jetzt die Übelkeit von dem Benzingeruch ein wenig nach.
Eine halbe Stunde später zeigte Opa auf ein Schild und wies Vater an: „Dort musst du abfahren und dann einfach den Schildern folgen.“
„Welchen Schildern? Du meinst doch nicht ...“ Vaters Blick wurde starr.
„Doch, meine ich“, nickte Opa Beuters. „Genau das ist unser Ziel.“
„Du schleppst uns allen Ernstes an diesem herrlichen Sonntag in den Dinosaurierpark?“ Vater stöhnte vernehmlich. „Das ist unser Ziel?“
Opa nickte erneut. „Ich kenne doch die Leidenschaft meiner kleinen Enkelin - Dinosaurier. Und ich habe auch schon Karten für uns.“
„Sind das die Karten, die du beim Preisausschreiben gewonnen hast?“, meldete sich Oma Beuters. „Die für zwei Erwachsene und ein Kind?“
„Du hast es erfasst, meine Liebe. Wir können die Karten doch nicht verfallen lassen. Und Alea liebt Dinosaurier. Warum sollen wir unserer Enkelin nicht auch einmal eine Freude machen?“
„Na klasse“, murrte Vater. Dann stockte er und warf Opa einen Seitenblick zu. „Karten für zwei Erwachsene und ein Kind? Wir sind aber vier Erwachsene mit zwei Kindern.“
Opa zuckte mit den Achseln. „Du wirst für euch halt Karten kaufen müssen ...“
In dem Dinopark musste es rappelvoll sein, denn auf dem riesigen Parkplatz stand ein Auto neben dem anderen. Was meinen Vater dazu veranlasste, laut fluchend durch die Reihen zu fahren. Sein Geschimpfe wurde mit jedem Meter, die uns weiter von dem Eingang fortführte, lauter.
„Das ewige Gemeckere bringt dich auch nicht weiter, Robert“, stöhnte Opa und zeigte auf eine Lücke zwischen zwei Wagen. „Da vorne, da ist noch ein Parkplatz frei.“
„Das ist zu eng, wenn ich dort einparke, bekommen wir die Türen nicht mehr auf.“
Opa fuchtelte wieder mit einer Hand vor Vaters Gesicht herum. „So ein Quatsch, Robert. Du musst nur ganz nahe an den linken Wagen heranfahren, dann geht es schon. Soll ich mal das Steuer übernehmen?“
„Gott bewahre“, gab Vater von sich und bugsierte den Wagen vorsichtig in die wirklich enge Lücke.
Opa streckte den Kopf zum Seitenfenster heraus und begutachtete den Einparkversuch. „Du musst mehr nach links, Robert. Wie soll ich denn sonst aussteigen?“
„Weiter links geht nicht, ich muss ja auch noch aussteigen.“ Endlich stand der Wagen und Vater schaltete den Motor ab. Dann öffnete er die Tür, doch dies gelang ihm nur einen kleinen Spalt. Opa versuchte ebenfalls aus dem Wagen zu steigen, doch auch seine Tür ließ sich nicht genügend weit öffnen. „Siehste“, triumphierte Vater, „die Parklücke ist zu eng.“
Wir saßen eine Weile schweigend da, während Opa und Vater anscheinend überlegten, wie es weitergehen sollte, als Mutter bemerkte: „Robert, wie wäre es denn, wenn wir uns einen anderen Parkplatz suchen? Oder wollen wir den ganzen Tag hier im Fahrzeug verbringen?“
Schweigend ließ Vater den Wagen wieder an und rangierte vorsichtig rückwärts aus der Lücke.
Ganz am Ende des Parkplatzes fanden wir dann endlich doch noch ein paar freie Plätze. Allerdings lag jetzt ein Fußmarsch von bald zehn Minuten vor uns. „Du solltest zum Eingang fahren und uns dort aussteigen lassen“, schlug Opa vor, was ihm einen zornigen Blick meines Vaters einbrachte. „Dann kommst du später einfach nach ...“
Mein Vater entgegnete nichts, sondern schaltete den Motor ab und stieg aus dem Fahrzeug. Zwangsläufig folgten wir ihm, obwohl wir alle Opas Idee für nicht einmal so schlecht hielten.
Fünfzehn Minuten später bildeten wir das Ende einer schier endlosen Schlange vor dem Eingang zum Dinopark. „Eine Scheißidee“, fluchte Vater, der auch sofort einen Rüffel von meiner Mutter wegen seines ewigen Fluchens erhielt.
„Robert, du solltest dich gerade vor den Kindern mäßigen“, wies sie ihn zurecht. „Kein Wunder, wenn die beiden solche Schimpfwörter lernen. Du musst doch ein Vorbild sein!“
„Habt ihr eine Ahnung, wie lange wir jetzt noch warten können?“, fragte Vater ohne eine Antwort hören zu wollen. „Das kann ja noch Ewigkeiten dauern.“
„Dann machen wir ein Spiel“, schlug Opa vor. „Damit vergeht die Wartezeit schneller. Ich sehe was, was du nicht siehst ...“
„Ja“, knurrte Vater. „Ich sehe etwas, das ist verdammt lang, ähnelt einem Tier und hat viele Köpfe und Füße. Na, wer weiß, was das wohl sein könnte?“ Als niemand von uns antwortete, gab er die Lösung selbst bekannt: „Eine Warteschlange.“
„Haha“, machte Opa und wandte sich seiner Enkelin zu. Mit einer Hand wies er auf den übergroßen Dinosaurier aus irgendeinem Kunststein, der neben dem Eingang stand und von dem auf diese Entfernung lediglich der Kopf zu sehen war. Dann fragte er: „Na, Alea, was meinst du, sehe ich?“
„Einen Dinosaurier?“
„Richtig, mein Engelchen, das ist richtig. Dafür hast du dir später ein Eis verdient.“
„Ich sehe auch einen Dinosaurier“, beeilte ich mich zu sagen, denn auch ich wollte ein leckeres Eis, wenn wir erst einmal in den Park gelangt waren. Bei dem Tempo, wie es hier voranging, würde das aber vermutlich noch eine Weile dauern.
Knapp eine Stunde später hatten wir endlich unser Ziel erreicht und traten durch die Schranke auf das Gelände des Parks. Vater fluchte immer noch über den immens hohen Eintrittspreis, den er für Mutter und mich bezahlt hatte, doch Opa strebte schon mit Alea im Gefolge auf einen kleinen Verkaufsstand zu, an dem sie ihr Eis erhalten würde.
„Ich möchte auch ein Eis, Papa“, quengelte ich, doch Vater schüttelte den Kopf.
„Frag Opa.“
Ich eilte meiner Schwester hinterher. „Opa, bekomme ich auch ein Eis?“
„Natürlich, Alan. Du hast dir doch schließlich einen Trostpreis verdient.“
Mein Eis fiel wesentlich kleiner aus, als das von Alea, doch ich bedankte mich artig. Besser ein kleines Eis, als gar keins.
„Also ich habe Hunger“, ließ sich Mutter jetzt vernehmen und sie warf ostentativ einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Es ist ja schon fast Mittagszeit. Gibt es hier denn ein Restaurant oder so etwas?“
„Wir sind doch gerade erst angekommen“, knurrte Vater, der vermutlich wieder nur an den rasch schrumpfenden Inhalt seiner Geldbörse dachte. „Wir sollten uns erst einmal den ‚tollen‘ Park ansehen.“ Irgendwie betonte er das Wort ‚tollen‘ so merkwürdig, doch für Diskussionen blieb uns nicht viel Zeit, denn Opa und Alea eilten schon ein ganzes Stück vor uns zu mehreren Bäumen, zwischen denen Dinosaurierattrappen von dichten Menschentrauben bewundert wurden. Als Kinder war es unmöglich etwas zu sehen, da uns die Erwachsenen die Sicht versperrten.
„Das ist ein Brachiosaurus“, erklärte Opa und zeigte auf einen Dinosaurierkopf, der hoch oben zwischen den Ästen eines Baumes so gerade eben für uns zu erkennen war. Der Körper wurde durch die Menschen vor uns verdeckt.
Alea, die jetzt voll in ihrem Element war, nickte. „Der Brachiosaurus gehört zu den größten Landtieren der Dinosaurier“, glänzte sie mit ihrem Wissen. „Er ist ein Pflanzenfresser.“
Ich verdrehte die Augen und gab einen Schnarchlaut von mir. Die Frage ‚Wer?‘ lag mir auf der Zunge ‚Wer will das wissen?‘ Doch ich hielt mich zurück. Stattdessen rutschte mir die Bemerkung: „Genau wie die Veganer. Und die werden eines Tages auch ausgestorben sein. Wie die Brachiosaurus.“
Erschrocken hielt ich inne, als Mutter mir einen überaus bösen Blick zuwarf. Ich hatte doch für einen Moment vergessen, dass sie und Alea Vegetarier waren. „Ihr beiden natürlich nicht“, versuchte ich meinen Fehler hastig zu korrigieren.
Wir wanderten weiter, doch aufgrund der vielen Menschen konnten wir kaum etwas sehen. Meistens nur Dinosaurierköpfe oder irgendwelche Knochenplatten und Hörner. Aber das schien Aleas Begeisterung keinen Abbruch zu tun, denn zu jedem Geschöpf, von dem wir Teile sehen konnte, wusste sie etwas zu sagen.
„Also ich muss jetzt etwas zu essen bekommen“, meldete Mutter sich erneut nach einem Blick auf ihre Uhr. „Es ist schon fast halb Eins und es wird Zeit für das Mittagessen. Gibt es denn hier kein Restaurant?“
„Doch“, glänzte ich mit meiner Entdeckung eines Schildes auf dem ‚Dinopark-Restaurant‘ stand und zeigte auf die etwas abseitsstehende Holzplatte mit der Inschrift. Mutter nahm meine Information mit einem Lächeln auf und ich wusste, dass ich ein paar Pluspunkte bei ihr gesammelt hatte. Vielleicht würde das meinen Fehler von vorhin mit den aussterbenden Veganern wieder ein wenig wettmachen.
„Robert, wir gehen jetzt in das Restaurant dort“, bestimmte Mutter und zog ihren Mann in die Richtung, in die das Schild wies. Opa, Oma und Alea folgten uns widerwillig.
Je mehr wir uns dem ausgeschilderten Restaurant näherten, das anscheinend das Zentrum des Parks bildete, desto interessanter wurden die dargebotenen Attraktionen. Hier gab es eine Gokart-Bahn für Kinder, einen Zug, der Personen durch den Park fuhr, zahlreiche Animateure in Dinosaurierkostümen und sogar ein Kinderkarussell, bei dem man auf Dinosauriern reiten konnte. All das fand ich interessanter, als die Pappsaurier am Wegesrand.
Doch Mutter hatte keinen Blick für all diese schönen Dinge und eilte zielstrebig auf den Eingang des Lokals zu. Die Türen, die aus zwei großen Glasscheiben bestanden, standen weit offen und zahlreiche Menschen drängten zwischen den vollbesetzten Tischen zu einer Selbstbedienungstheke.
„Melanie, lass uns später wiederkommen“, stöhnte Vater. „Das ist ja brechend voll hier. Wir werden nie und nimmer einen Platz finden!“
Mutter sah sich suchend um. Überall standen Menschen, die darauf warteten, dass ein Platz frei wurde und irgendwie erinnerte mich das an unser Spiel ‚Reise nach Jerusalem‘. Plätze, von denen Menschen aufstanden, wurden sofort von anderen belegt.
„Ja, vielleicht ist das besser so“, resignierte Mutter schließlich, blickte sich aber erneut suchend um. In diesem Moment schoss Opa an uns vorbei, rempelte eine alte Frau zur Seite und ließ sich auf den Stuhl fallen, auf den die sich setzen wollte. Es war Glück, dass die Alte nicht zu Boden fiel.
„Hier“, winkte Opa, „ich habe einen freien Platz.“ Leider waren alle anderen Stühle an dem Tisch noch besetzt.
„Und jetzt?“, fragte Vater. „Sollen wir im Stehen essen?“
„Ach was, die Herrschaften gehen bestimmt gleich“, verkündete Opa und sah die Leute am Tisch an, die mit ihrem Essen beschäftigt waren. Für mich wirkte es nicht so, als würde jemand von denen in Kürze seinen Platz räumen. „Ihr könnt ja schon mal etwas zu essen besorgen und Alea kann bei mir auf dem Schoß sitzen. Bringt mir ein Schnitzel und Pommes mit. Und ein großes Bier.“
„Willi, wir sollten später noch einmal wiederkommen“, insistierte Vater. „Wenn der größte Andrang vorbei ist.“
Mutter nickte.
Aber Opa Beuters schüttelte den Kopf. „Jetzt, da wir einen Platz haben, werden wir den doch nicht aufgeben. Besorgt ihr das Essen, bis dahin ist hier einiges frei.“
Vater wandte sich achselzuckend ab und reihte sich in die Schlange der Kaufwilligen ein. Mutter und ich folgten ihm, während Alea auf Opas Schoß kroch. „Ich will auch ein Schnitzel und Pommes“, verkündete sie lautstark und trommelte mit den Beinen von unten gegen den Tisch, was ihr böse Blicke der anderen Leute einbrachte.
Mutter sah sie streng an: „Alea, Kind, so ein Schnitzel besteht aus Schweinefleisch und das essen wir doch nicht. Wir sind doch Vegetarier! Du bekommst einen Salat oder Nudeln.“ Sie bemerkte Opas blick und fügte trotzig hinzu: „Oder so etwas.“
„Das Kind kann in meinem Beisein Fleisch essen, wie es will“, polterte Opa und sah Vater herausfordernd an, obwohl der mit dem gesamten Disput doch nichts zu tun hatte. „Alea bekommt ein Schnitzel und damit basta.“
Mutter wurde hochrot im Gesicht, schwieg aber und Vater bedeutete mir, mit ihm zur Selbstbedienungstheke zu kommen.
Als wir mit unseren Bestellungen zum Tisch zurückkehrten, waren immer noch alle Stühle belegt. „Was ist das denn?“, murrte Opa, als Vater ein Tablett mit Speisen vor ihn auf den Tisch stellte.
„Ein Dino-Schnitzel, du wolltest doch Schnitzel.“ Vater deutete auf das dick panierte Stück Fleisch, das in Dinosaurierform auf dem Teller in Fett schwamm.
„Und das hier?“ Opa hob eine der matschigen Pommes Frites hoch und wackelte damit in der Luft herum, bis sie abbrach und die Hälfte auf den Teller zurückfiel.
„Pommes.“
Wir stellten unsere Tabletts jetzt ebenfalls auf den Tisch, was teilweise übereinander erfolgen musste, damit sie überhaupt Platz fanden. „Toll“, krähte Alea und spießte ihr Dinoschnitzel mit der Gabel auf. „Das sieht ja wie ein echter Dinosaurier aus.“ Sie betrachtete das Fleisch von allen Seiten, bis es ihr von der Gabel rutschte und zu Boden fiel. Entgeistert sah sie dem Fleisch hinterher, dass jetzt unter dem Tisch zwischen alten Pommes, Mayonnaise- und Ketchupresten, sowie gebrauchten Servietten, lag. „Oh“, machte sie und schielte nach meiner Currywurst, die ich aber schnell an mich heranzog. Opa schob ihr sein Schnitzel hin: „Alea Schatz, das teilen wir uns.“ Dann spießte er Vaters Dinoschnitzel auf seine Gabel und legte es auf Aleas Teller. „Aber du kannst auch das hier essen. Dein Vater hat ja ohnehin noch keinen Sitzplatz.“
Mutter mümmelte im Stehen an ihrem gemischten Salat herum und auch ich stopfte schnell die Wurststücke in meinen Mund. Bevor Opa mir die vielleicht auch noch wegnahm. Oma stand immer noch mit ihrem Tablet in der Hand herum und sah sich unschlüssig um. Für ihr Tablett war auf dem vollen Tisch kein Platz mehr gewesen.
Als draußen ein greller, anhaltender Hupton erschallte, leerte sich das Lokal plötzlich. „Was ist denn das?“, fragte Mutter und meine Eltern lugten angestrengt zu dem Vorplatz hinaus.
„Der Dinozug des Parks ist gerade eingelaufen“, erklärte Vater, der als erster bemerkte, wohin die Menschen strebten. „Wenn wir mitfahren wollen, sollten wir uns beeilen.“
„Wir bleiben hier und essen erst einmal“, bestimmte Opa und schob sich einen großen Bissen Dinoschnitzel in den Mund. „Der Zug wird sowieso überfüllt sein!“
Wenigstens wurden jetzt die anderen Plätze am Tisch frei und wir setzten uns rasch. Aber inzwischen gab es genügend freie Plätze an allen Tischen, allerdings hatten die zum Zug eilenden Besucher ihre Tabletts und Teller mit den angefangenen Speisen einfach auf den Tischen stehen lassen. Vater räumte unseren Tisch frei und eilte dann zur Verkaufstheke, um sich ein neues Essen zu holen.
„Bring mir noch so ein Schnitzel mit, Robert“, rief ihm Opa hinterher und stopfte eine Gabel fetttriefender Pommes in den Mund. „Und dazu Zigeunersoße, ordentlich Zigeunersoße!“
„Du sollst nicht so viel von dem fettigen Zeug essen“, ermahnte ihn Oma. „Du weißt, dass das deinem Herzen nicht guttut.“
Opa grunzte und nuschelte mit vollem Mund: „Ach, bist du nun Ärztin oder was? Immerhin bin ich hier der Arzt und ich muss doch wissen, was mir guttut. Und ein satter Magen hat noch niemandem geschadet.“
„Aber das ganze Fett ... Dein Cholesterin ... Denk an dein Herz!“
„Opa, was ist Cholesterin?“, fragte Alea, der einige der fettigen Pommes von der Gabel auf den Boden fielen. Ihr Schnitzel lag unberührt auf dem Teller, was Mutter zufrieden zur Kenntnis nahm. Ihre Tochter hatte sich also doch noch nicht ganz vom Veganen abgewandt.
Opa Beuters stopfte sich zunächst noch einmal den Mund voll, kaute genüsslich und antwortete schließlich: „Cholesterin ist wichtig für den Körper. Das ist ein ganz wichtiges Blutfett, das der Körper benötigt.“
Oma sah ihn strafend an: „Du solltest dem Kind aber nicht verschweigen, dass es auch zur Entstehung der Arteriosklerose beiträgt.“
„Opa, was ist Atärklärose?“
Opa Beuters winkte ab: „Nichts, was dich in deinen jungen Jahren beunruhigen sollte. Iss einfach, Kind.“
„Arterienverkalkung“, krähte Oma und stocherte in ihrem Reisgericht herum. „Und dein Opa sollte damit sehr vorsichtig umgehen, denn sonst kippt er eines Tages tot um.“
Opa sah seine Frau böse an und winkte ab: „Ihr mit eurem veganen Wahn. So ein bisschen Fett hat noch niemanden umgehauen. Dafür gibt es schließlich Pillen ...“ Er zog eine kleine Metalldose aus der Tasche, entnahm ihr ein paar Pillen und schluckte sie mit dem Essen herunter. „So, siehst du. Schon ist die Welt wieder in Ordnung.“
Diesmal dauerte es nicht so lange, bis Vater von seinem Einkauf zurückkehrte und er brachte - neben dem Zigeuner-Dinoschnitzel - sogar eine Flasche Bier für Opa mit. Der setzte sie seufzend an den Mund und trank sie in einem Zug leer. Dann machte er sich über das Dinosaurierschnitzel her, dass in einer fettig-roten Zigeunersoße schwamm.
Mutter und Oma verzogen angewidert das Gesicht.
„Und, gefällts euch hier?“, fragte Opa Beuters nach einer Weile mit vollem Mund und sah in die Runde. Während wir schwiegen, nickte Alea.
„Das ist so eine tolle Überraschung, Opa“, säuselte sie und spuckte dabei zerkaute Fritten auf den Tisch.
„Du sollst nicht mit vollem Mund sprechen“, wies sie Mutter auch direkt zurecht. „Das gehört sich nicht.“
„Aber Opa macht das doch auch. Und was Opa darf ...“
„Darfst du noch lange nicht“, unterbrach sie Vater mit vollem Mund.
„Du darfst mir noch ein Bier holen“, ließ sich Opa wieder vernehmen und sah meinen Vater dabei an. „Oder bring direkt zwei mit.“
„Kannst du nicht selber gehen?“, maulte Vater.
„Ich esse gerade, das siehst du doch. Zwei Bier, Robert!“
„Ich esse auch.“ Aber Vater stand gehorsam auf und trabte zur Theke.
Einige Zeit später kehrte er mit dem Bier und einem Teller voller Frikadellen zurück.
„Was soll das denn jetzt? Willst du die alle noch essen?“ Mutter schüttelte unwillig den Kopf. „Das sind doch viel zu viele.“
„Die sind für uns alle“, erklärte mein Vater. „Als Nachtisch sozusagen.“ Dann lächelte er selig: „Die Frikadellen waren im Angebot, ein Restposten.“
Opa nickte: „Davon verstehst du wenigstens etwas.“ Dann nahm er sich einen Fleischklops von dem Teller. Fett lief ihm die Hand hinunter und tropfte auf den Tisch und dann auf sein Hemd und die Hose.
„Ich will auch eine“, krähte Alea und versuchte an den Teller heranzukommen. Ihr Dinoschnitzel, das sie nicht einmal zur Hälfte aufgegessen hatte, schien uninteressant zu sein. Opa half ihr und grapschte nach einer Frikadelle, die er ihr lächelnd in die Hand drückte. „Hier mein Engelchen, damit du groß und stark wirst.
Mutter war wieder hochrot im Gesicht und warf ihrem Vater einen bösen Blick zu. Aber sie schwieg und widmete sich ihrem Salat.
Auf dem Teller lagen immer noch mehr als sechs Frikadellen und jetzt sah mein Vater mich an. „Alan, greif zu.“
Ich schüttelte den Kopf und deutete auf meine Currywurst, die ich nur mit Mühe und Not herunterbekam. Die Soße schmeckte irgendwie komisch und dicke Fettaugen schwammen darauf herum. Außerdem war alles inzwischen ziemlich kalt geworden. „Danke, ich habe noch.“
„Melanie, Anne, was ist mit euch?“
Oma Beuters und meine Mutter winkten ab. Mutter aß ja ohnehin kein Fleisch und schaute angeekelt auf das Fett, das sich auf dem Teller sammelte.
„Na dann nicht“, grunzte Vater und griff sich eine weitere Frikadelle, während Opa anhaltend rülpste und dann einen Hustenanfall bekam.
Als Vater das Geschirr abräumte und zu einem Wagen brachte, wo man es abstellen konnte, lagen auf dem Teller immer noch fünf ungegessene Frikadellen.
Wir traten aus dem Lokal, als gerade die Dinoparkbahn mit einem fürchterlichen Tuten an dem Haltepunkt hielt. Es entstand eine ziemliche Hektik, als die Menschen aussteigen und andere gleichzeitig einsteigen wollten.
„Da will ich auch mitfahren“, ließ sich Alea vernehmen und zupfte an Opas Jackenärmel. „Bitte, lieber Opa, bitte.“
Opa Beuters sah seine Frau und meine Eltern an: „Wie wäre es, seid ihr dabei? So eine Fahrt durch den Park wird bestimmt lustig und wir müssen nicht die ganze Strecke zu Fuß gehen.“
Mutter schüttelte den Kopf. „Ohne mich. Ich brauche jetzt erst einmal eine Tasse Kaffee.“ Sie deutete auf eine leere Sitzbank am Rande des Platzes. „Fahrt ihr ruhig, Robert und ich setzen uns so lange dort hin und machen erst einmal Pause.“
Mein Vater blickte unschlüssig zu Opa und uns Kindern. „Eigentlich ...“
„Nun komm schon, Robert.“ Mutter zog ihn zu der Bank. „Du kannst uns im Restaurant einen Kaffee holen. Kaffee zu Go.“
Zusammen mit Opa, Oma und Alea quetschte ich mich in einen der offenen Wagen. Die bunten Holzbänke waren unbequem und da ich neben Oma Beuters saß, blieb mir nicht viel Platz. Opa belegte die Bank uns gegenüber komplett mit Beschlag und nahm Alea auf den Schoß.
Wenige Minuten später trat ein Mann in einem Dinosaurierkostüm an unseren Wagen. „Willkommen zur Parkrundfahrt. Vier Personen?“
„Zwei Erwachsene und zwei Kinder“, nickte Opa und zückte seine Brieftasche. „Was macht das?“
„Sechzig Euro bitte.“ Der Dinosaurier hielt die Hand auf.
„Sechzig Euro?“, echote Opa. „Das ist aber verdammt teuer ...“
„Fünfzehn Euro pro Person und Fahrt.“ Der Dinosaurier zuckte mit den Schultern. „Ich mache die Preise nicht.“
„Aber wir sind nur zwei Erwachsene und zwei Kinder“, protestierte Opa und wieder zuckte der Dinosaurier mit den Schultern.
„Die Preise für Erwachsene und Kinder sind gleich. Sechzig Euro oder steigen sie bitte wieder aus.“
Unter dem lauten Tuten der Lok bezahlte Opa den gewünschten Betrag mit grimmigem Gesichtsausdruck. Schon ruckte die Bahn los und der Dinosaurier sprang in den Wagen hinter uns, der leergeblieben war.
Plötzlich drang aus einem unsichtbaren Lautsprecher eine Stimme, die uns zunächst begrüßte und dann Einzelheiten zu dem Park erzählte. Ich hörte nur mit einem Ohr zu, denn die ganzen Jahreszahlen, die heruntergeleiert wurden und das Gründungsjahr und verschiedene Restaurationen des Parks wiedergaben, waren ziemlich uninteressant. Aber diesmal konnten wir die Dinosaurier besser betrachten, denn die Bahn fuhr durch den Wald und hier standen keine Erwachsenen im Weg. Bei jedem der Dinosaurier verlangsamte die Bahn ihre Geschwindigkeit, damit Zeit für die Erklärungen blieb. Manchmal blieb sie auch stehen und wir konnten die Kolosse der Urzeit in Ruhe betrachten.
Das Ganze wurde für mich schon nach kurzer Zeit sehr langweilig.
„Sehr geehrte Damen und Herren“, ließ sich die Stimme aus dem Lautsprecher vernehmen. „In Kürze erreichen wir unseren Haltepunkt der Sightseeing Fahrt durch den Dinopark, an dem wir eine kurze Pause einlegen werden. Sie erhalten Gelegenheit, sich mit Erfrischungen und Andenken zu versorgen. Unser Aufenthalt beträgt zwanzig Minuten. Bitte steigen sie zur Weiterfahrt nach dem ersten Signalton wieder in die Wagen. Danke.“
Dann dudelte irgendeine Aufzugmusik auf uns herab, während wir auf einem Platz hielten, der von Verkaufsbuden umringt war.
Alea rutschte schon von Opas Schoß, bevor der Zug richtig stand. „Ich möchte einen Dino. Opa, kann ich einen Dino haben?“
„Natürlich Engelchen. Du darfst dir einen Dino kaufen. Aber lass uns erst einmal aussteigen.“
Oma tat sich ein wenig schwer, aus dem engen Wagen zu klettern und ich versuchte ihr zu helfen, indem ich sie ein wenig anschob.
„Lass das, Alan!“, fauchte sie mich an. „Geht es dir nicht schnell genug?“
Dann standen wir neben dem Zug und Opa drückte Alea einen Geldschein in die Hand. „Dort ist der Souvenirstand. Such dir einen schönen Dinosaurier aus.“ Er sah Oma an und fragte: „Möchtest du etwas trinken? Ich dachte, ich hole mal eine Limo für die Kinder.“
„Ein Kaffee wäre nicht schlecht.“ Oma sah sich um und zeigte auf eine der Sitzbänke. „Ich setze mich schonmal dorthin.“
Der als Dinosaurier verkleidete Mann machte faxen und ließ sich mit Kindern fotografieren, wofür die Eltern ihm regelmäßig Geldstücke zusteckten. Da mein Interesse an Dinosauriern eher geringer Natur war und ich auch keine Andenken kaufen wollte - nicht nur, weil ich kein Geld besaß - setzte ich mich zu Oma auf die Bank.
„Und Alan, wie gefällt es dir?“
„Sehr gut, Oma.“ Ich wusste, dass man nicht lügen sollte, doch ich wusste auch, was Oma hören wollte. Dann sah ich Alea hinterher, die in einer langen Schlange an dem Souvenirbüdchen stand und sehnte mich nach meiner Raumkapsel in meinem Zimmer zurück.
Opa kehrte mit mehreren Flaschen Limonade, einem Kaffee und einer kleinen grünen Flasche zurück.
„Schnaps?“, fragte Oma und deutete auf das Fläschchen. „Ist es nicht ein wenig zu früh dafür, Willi? Du musst uns heute Abend noch nach Hause fahren, denk daran.“
Opa winkte ab: „Das ist Medizin.“ Er fasste sich an die Brust. „Irgendwie ist mir nicht so gut. Vermutlich von dem fettigen Essen vorhin.“
„Du hättest ja nicht auch noch diese ekelhafte Frikadelle in dich hineinzustopfen brauchen. Das hast du nun davon“, murrte Oma Beuters und nippte an ihrem Kaffee.
Opa hielt mir eine Limo hin. „Hier Alan, du hast doch bestimmt auch Durst?“
Dankbar nahm ich die Flasche und trank einen Schluck, während Opa sein grünes Fläschchen in einem Zug leerte. „Das tut gut, gleich wird es mir besser gehen“, meinte er und lehnte sich zurück. Ich sah, dass Opa kalkweiß im Gesicht war und sich auf seiner Stirn feine Schweißtropfen bildeten.
„Ist alles in Ordnung, Opa?“, fragte ich besorgt. Opa Beuters sah wirklich nicht gut aus.
„Ja, alles in ...“ Opa fasste sich an die Brust und kippte zur Seite.
„Opa, Opa“, rief ich und sah Oma an, die sich auch sofort zu ihrem Mann beugte.
„Willi, Willi, was ist mit dir?“ Aber Opa Beuters antwortete nicht.
„Hilfe, Hilfe“, rief Oma und rüttelte an Opas Schulter. „Hilfe.“
Der Dinosauriermann wurde auf uns aufmerksam, schob ein paar Kinder zur Seite und eilte zu uns. „Stimmt irgendwas nicht?“, fragte er, zog den Dinosaurierkopf herunter und beugte sich zu Opa. „Hallo? Hallo?“
Aber Opa regte sich nicht. Der Mann, es war ein junger Kerl mit kurzen, blonden Haaren, legte eine Hand an Opas Handgelenk. Dann zog er Opa Beuters von der Bank herunter und legte ihn auf den Boden. Rasch sah er Oma an: „Gehen sie zu dem Verkaufsshop. Die sollen sofort einen Krankenwagen rufen, ich glaube ihr Mann hat einen Herzinfarkt. Schnell, schnell.“
Oma blieb stocksteif sitzen und jammerte vor sich hin: „Mein Gott, mein Gott. Willi ...“
Da Oma nicht reagierte, übernahm ich das Handeln und eilte zu dem Büdchen, während der Dinosauriermann Opas Brust bearbeitete und ihm dann Luft durch die Nase blies.
Ich drängelte mich an der Schlange vorbei und rief dem Verkäufer in dem Shop zu: „Bitte rufen sie einen Krankenwagen, meinem Opa geht es nicht gut.“ Ich zeigte auf Opa, der am Boden lag und den Mann, der ihn wiederbelebte. „Schnell bitte ...“
Der Verkäufer ließ sich nicht lange bitten und wählte sofort den Notruf. Inzwischen bildete sich um Opa, Oma und den Mann eine Menschentraube und einige der Leute filmten mit ihrem Handy, was dort geschah. Ich kehrte zu den anderen zurück und nahm Oma, die laut schluchzend neben Opa stand, an die Hand.
„Es wird bestimmt alles wieder gut“, meinte ich beruhigend zu ihr und sah dem Mann dabei zu, wie er geschickt um das Leben meines Opas kämpfte. Nach einer Weile sah er zu uns auf und nickte zufrieden. Dann sprach er die umstehenden Leute an: „Bitte machen sie Platz für den Rettungswagen. Bitte gehen sie zur Seite.“ Während er sprach, fuhr er mit seinen Bemühungen unentwegt fort.
In der Ferne ließ sich schon die Sirene des Krankenwagens vernehmen.
Inzwischen war auch Alea zurückgekehrt, die Oma Beuters an der anderen Hand nahm. „Ist Opa ... tot?“, fragte sie mich.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, der Dinosaurier ... also der Mann dort hat ihm das Leben gerettet.“
Der Krankenwagen hielt mit quietschenden Reifen und der Lärm der Sirene hörte auf. Zwei Sanitäter sprangen aus dem Fahrzeug. Einer von ihnen sprach den Mann im Dinosaurierkostüm an, während der andere eine Trage aus dem Wagen zog. „Was ist passiert?“, wollte der Sanitäter wissen.
„Myokardinfarkt“, erklärte der Dinosauriermann. „Ich habe eine Herzdruckmassage und Mund-zu-Nase Beatmung durchgeführt. Er dürfte es überleben, denke ich.“
Die Sanitäter kümmerten sich jetzt um Opa, legten ich meine Sauerstoffmaske an und verfrachteten ihn mit Hilfe des jungen Mannes auf die Trage. „Sind sie Arzt?“, fragte einer der Sanitäter.
